649. Papa geht zur Schule

Papa geht zur Schule

Wie jeden Nachmittag kam um halb fünf von der Arbeit nach Hause. Er legte seinen Aktenkoffer auf einen Stuhl im Flur und hängte seine Jacke an die Garderobe. Dann stellte er die Schuhe in einen Schrank.Er zog seine rote Lieblingsstrickjacke an, schlüpfte in seine Pantoffeln und ging ins Wohnzimmer. Seufzend ließ er sich auf das weiche Sofa fallen und rieb sich mit den Händen über seine müden Augen.
Wie an jedem Tag kamen nun auch seine beiden Kinder in den Raum, um ihn zu begrüßen.
»Wie war dein Tag?«, fragte Max.
»Total anstrengend.«, antwortete Papa. »Ich kaputt und müde.«
»Gegen deine Müdigkeit habe ich dir einen frischen Kaffee aufgebrüht.«, sagte Mama, die gerade aus der Küche kam.
»Und ich habe irgendwo noch eine Tube Klebstoff.«, erklärte seine Tochter Emma lachend. »Damit kann ich alles reparieren, was an dir kaputt ist.«
»Macht euch nicht über mich lustig.«, beschwerte sich Papa, zog zum Scherz die Mundwinkel nach unten und zwinkerte mit einem Auge.
»Arbeiten ist sehr, sehr anstrengend. Das lässt sich mit der Schule gar nicht vergleichen.«
Er sah seine beiden Kinder an.
»Ihr sitzt euch doch nur den ganzen Tag in eurer Schulbank die Hintern platt. Dem Lehrer zuhören ist einfach.«
»Stimmt gar nicht.«, beschwerte sich Max. »Wir müssen uns Notizen machen, Aufgaben lösen, bekommen Hausaufgaben und müssen zu Hause auch noch lernen. Das ist mindestens genau so anstrengend.«
Nun lachte Papa. »Das könnt ihr mir nicht erzählen. Schule ist richtig einfach. Ich schließlich auch mal Schüler und kann mich noch ganz genau daran erinnern.«
»Das musst du uns erstmal beweisen.«, verlangte Emma.
»Kein Problem.«
Papa ging kurz in den Hausflur und kam mit einem Zettel zurück, den er seiner Familie unter die Nasen hielt.
»Nächste Woche gehe ich fünf Tage lang in eine Fortbildung. Ich werde also nach zwanzig Jahren Pause wieder in die Schule gehen.«

Am Montag Nachmittag saßen Mama, Max und Emma gemeinsam im Wohnzimmer und warteten auf Papa. Er war spät dran. Schon vor zehn Minuten hätte er zu Hause sein sollen.
»Da stimmt doch etwas nicht.«, machte sich Mama Sorgen und sah immer wieder von der Wanduhr zum Fenster und zurück. Max und Emma blickten sich grinsend an.
In diesem Moment öffnete sich die Haustür. Papa ließ Jacke und Koffer einfach in eine Ecke fallen, verzichtete auf Strickjacke und Pantoffeln und schlurfte mit hängenden Schultern ins Wohnzimmer. Wortlos ließ er sich in seinen großen Sessel fallen und seufzte laut.
»Na, wie war dein erster Schultag?«, fragte Max und konnte sich ein Lachen nur mit Mühe verkneifen.
»Boah, war das anstrengend.«, antwortete er leise. »Ich habe die Schulzeit irgendwie anders in Erinnerung. Die Lehrer haben uns so viel beigebracht. Das konnte ich gar nicht alles im Kopf behalten. Ich bin so müde, dass am liebsten sofort ins Bett gehen möchte. Aber jetzt sind auch noch meine Hausaufgaben dran.«
Er stöhnte laut.
»Wir haben es dir ja gleich gesagt.«, hörte er aus Emmas Mund. »Schule ist anstrengender als du dachtest.«
»Stimmt.«, entschuldigte sich Papa nun. »Ich werde auch nie wieder darüber meckern.«

(c) 2015, Marco Wittler

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