Das Dinomädchen mit den Vulkanstäbchen

Das Dinomädchen mit den Vulkanstäbchen

Nachdem der große Feuerball vom Himmel auf die Erde gestürzt und sie in ewige Dunkelheit getaucht hatte, war es immer kälter geworden. Selbst die vielen Vulkane, die seither aller Orten ausgebrochen waren, hatten nicht mehr für ausreichend Wärme sorgen können.
An einem dieser Tage – oder war es gerade Nacht gewesen – hatte ein großer, kräftiger Dinosaurier, ein riesiger, grauer Langhals, seine kleine Tochter aus der Höhle geschickt, die deutlich kühler war, als vor dem Feuerball. Sie sollte kleine, Vulkanstäbchen in den Straßen der Stadt verkaufen. Sie waren gedacht für wenigen verbliebenen Bewohner, die wohlhabender waren, als die meisten Dinos dieser Zeit. Von dem verdienten Geld wollte der Vater etwas zu essen kaufen, denn auch die Pflanzen, die es früher im Überfluss gab, wuchsen schon lange keine mehr.
Das kleine Dinomädchen begann mit dem ersten Schritt zu frieren, den es nach draußen tat, denn es besaß weder Schuh noch Mantel. Auch einen Schal oder eine Mütze konnte es nicht ihr eigen nennen. So musste sie barfuß durch den Schnee stapfen und am ganzen Körper zittern.
»Kauft Vulkanstäbchen!«, rief es immer wieder, obwohl bei diesem Wetter niemand mehr unterwegs war. »Kauft Vulkanstäbchen! Das ist die beste Art, sich unterwegs warm zu halten.«
Wie schon ein paar Mal in den letzten Stunden, blickte es auf die prall gefüllte Tasche, die es umhängen hatte. »Ach, wie schön es doch wäre, nur eines der Stäbchen zu öffnen und sich daran zu erwärmen.« Doch war ihr bewusst, wie der Vater später schimpfen würde.
Sie ging weiter durch die Straßen. »Kauft Vulkanstäbchen!«
An jeder Höhle, die es passierte, erlaubte es sich einen kurzen Blick ins Innere. Immer wieder sah es glückliche Dinofamilien, die gemeinsam um ein Feuer saßen, sich gegenseitig warm hielten und ihren Hunger an reichlich gedeckten Tischen stillten. Von ihnen würde heute niemand mehr nach draußen kommen, um ein Vulkanstäbchen zu erwerben.
Ein weiteres Mal sah das Dinomädchen in die Tasche. »Vielleicht fällt es dem Vater gar nicht auf. Ich sollte ihm einfach erzählen, dass mich in einer dunklen Gasse einegefährliche Gruppe Raptoren überfallen hat.« Es seufzte leise und ließ den Kopf hängen. »Ich möchte doch nur ein einziges benutzen.«
Verstohlen blickte es sich um. Niemand war da, der es hätte beobachten können. Also nahm es schließlich eines der Vulkanstäbchen, öffnete es und genoss die Wärme der noch glühend heißen Lava im Inneren.
Nach ein paar Minuten erstarrte das flüssige Gestein und wurde kalt wie die eisige Luft, die nun von einem kräftigen Wind in die Stadt getragen wurde. Das Dinomädchen öffnete ein weiteres Stäbchen, dann ein drittes und ein viertes, während es zu schneien begann und die weiße Decke unaufhörlich höher wuchs. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis es nicht mehr vor und zurück ging.
Um Schutz zu suchen, kroch das Dinomädchen zwischen mehrere Felsen am Straßenrand. Von außen konnte man sie nicht mehr entdecken, von innen war nur noch der dunkle, sternenlose Himmel zu sehen.
Weitere Vulkanstäbchen verschwanden aus der Tasche und spendeten Wärme, bis sie alle aufgebraucht waren. Nun blieb nichts anderes mehr übrig, als wieder zu frieren.
In diesem Moment leuchtete ein kleines Licht am Firmament auf, das schnell von einer Seite zur anderen flog und wieder verschwand.
»Wenn ein Stern vom Himmel fällt, wird noch in derselben Nacht jemand sterben.«, hatte das Großmütterchen immer gesagt. Die Erinnerung ließ das Herz kurz hüpfen, bevor das Dinomädchen erschrak, als ihm bewusst wurde, was geschehen würde.
Plötzlich füllte sich der Himmel mit unzähligen weiteren Lichtern. Sie kamen von überall. Sie waren letzte Botschafter des großen Feuerballs, der die Welt für immer verändert hatte und noch immer in seinem eisigen Griff hielt.
Das Dinomädchen fror immer mehr. Das Zittern machte es müde und der Schlaf ließ sich nicht mehr aufhalten. »Vielleicht bin ich Morgen schon bei dir, liebes Großmütterchen, bei dir und allen anderen, die von dieser Welt gegangen sind und es heute Nacht noch werden.«
Es verlor sich in einem tiefen Traum, der nach und nach verblasste und im Nichts endete.

War das kleine Dinomädchen im dichten Schneetreiben erfroren und gestorben? Nun, das hätte freilich jeder Dino sofort gedacht, wenn er es zwischen den Felsen gesehen hätte. Stattdessen waren es kleine Säugetiere mit dichtem Fell, die es gerade noch rechtzeitig fanden.
»Da ist noch ein Rest Leben in seinem schwachen, unterkühlten Körper. Noch klammert es sich an ein hier und jetzt. Wir müssen schnell handeln.«
Mit vereinten Kräften griffen sie dem Dinomädchen unter Bauch und Beine und brachten es fort von diesem Ort.

Das kleine Dinomädchen drehte sich unruhig hin und her. Wie böse Geister waberten die letzten Erinnerungen durch seinen Traum, der langsam verblasste.
»Was ist geschehen?«
Es schlug die Augen auf und schaute sich verwirrt um.
»Wo bin ich? Großmütterchen, bist du da? Bin ich gestorben? Bin ich nun bei dir? Bitte sag doch etwas. Ich habe so schrecklich große Angst.«
»Wenn du uns nicht frisst, dann fressen wir dich auch nicht.«
Zuerst war die Besitzerin der piepsigen Stimme nirgendwo zu sehen. Nur eines stand fest. Sie gehörte nicht dem Großmütterchen. Ihre war sehr tief und kratzig gewesen, weil sie am Fuße eines rauchenden Vulkans gelebt hatte.
Hinter einem Stein tauchte eine kleine rosa Nase und zwei schwarze Knopfaugen auf. Es war ein Säugetier, das einer kleinen Maus, die es zu dieser Zeit noch gar nicht auf der Erde gab, nicht ganz unähnlich war. Ihm folgten weitere kleine Tiere.
»Wir haben dich draußen im Schnee gefunden und in Sicherheit gebracht. In unserer unterirdischen Höhle ist es sicher und warm. Hier wird dir nichts geschehen. Du bist hier willkommen.«
Das Dinomädchen bekam rote Wangen. Es bedankte sich und war heilfroh, nicht im Schnee gestorben zu sein.
»Aber was soll der Vater denken, wenn ich irgendwann zurück bin und keine Vulkanstäbchen mehr bei mir trage? Er wird mich schimpfen und bestrafen.«
Die kleinen Tierchen ließen die Köpfe hängen. »Dort draußen ist niemand mehr, kein Vater und keine anderen Dinosaurier. Sie sind alle fort. Dem Winter haben sie nicht standhalten können.«
Das Dinomädchen erschrak. Sie waren alle verschwunden?
Es erinnerte sich wieder an den ersten und schließlich die unzähligen Sterne, die es am Firmament gesehen hatte. »Wenn ein Stern vom Himmel fällt, wird noch in dieser Nacht jemand sterben. Aber wenn alle Sterne fallen, wird niemand übrig bleiben.«

(c) 2026, Marco Wittler

Unser Score
Klicke, um diesen Beitrag zu bewerten!
[Gesamt: 0 Durchschnitt: 0]

Schreibe den ersten Kommentar

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*