354. Hunger

Hunger

Die Tage waren merklich kürzer geworden und die Temperaturen stark gefallen. Die Bäume kahl geworden und die Sonne hatte sich schon seit ein paar Wochen nicht mehr blicken lassen. Der Winter hielt langsam Einzug in das kleine Königreich am Rande des großen Gebirges.  Die Menschen holten ihre dicken Mäntel aus den Schränken und heizten den Öfen ordentlich ein.
»Wie geht es dieser Tage dem Volke?«, fragte der König neugierig.
»Hat es sich gut auf die kalte Jahreszeit vorbereitet?«
Die Berater nickten eifrig mit den Köpfen. Es war ihre Aufgabe, sich um das Wohl der Menschen im Königreich zu kümmern.
»Oh ja, Eure Majestät. Dem Volke geht es gut. Die Speisekammern sind gefüllt, Holzscheite aufgehäuft und die Bäche satt und rund. Es ging unseren Bewohnern niemals besser.«
Der König lächelte, denn er war mit sich selbst sehr zufrieden.
»Dann haben also unsere Maßnahmen etwas gebracht. Es war die richtige Entscheidung, unsere Kornkammern zu öffnen und Lebensmittel an die Ärmsten der Armen zu verteilen.«
Abermals nickten die Berater eifrig und strichen dem König Honig ums Maul.
»Wie weise ihr doch gehandelt habt. Ihr seid der beste König, den sich unser Volk wünschen konnte.«
Während sie sich aus dem Thronsaal zurück zogen, warfen sie einen verstohlenen Blick aus dem Fenster. Ein Schauer lief ihnen den Rücken herunter. Was sie dort draußen sahen, gefiel ihnen ganz und gar nicht.
»Damit kommen wir niemals durch.«, flüsterte einer von ihnen.
»Halt bloß den Mund. Solange der König nichts erfährt, können wir so weiter machen.«, antwortete ein anderer.

Der Winter hatte begonnen. Die letzten Blätter waren von den Bäumen gefallen und es würde nicht mehr lange dauern, bis die ersten Schneeflocken den Boden bedecken würden.
»Papa, mir ist so kalt.«, bibberte die kleine Elisabeth, die sich verzweifelt einen weiteren Pullover überzog und sich noch enger an den Ofen kuschelte.
»Ach, mein armes Kind.«, seufzte Papa.
»Der Ofen ist doch schon seit zwei Wochen nicht mehr beheizt. Wir haben kein Holz und kein Geld, um welches zu kaufen.«
Elisabeth verzog das Gesicht.
»Aber dafür haben wir noch uns.«
Papa stimmte ihr zu. Sie hatten immer noch sich. Doch davon wurde ihnen leider nicht wärmer und etwas Essbares hatten sie dadurch auch noch nicht.
»Wenn dieser fiese und gemeine König bloß mehr für sein Volk übrig hätte. Aber der interessiert sich doch gar nicht für uns.«, schimpfte er.
»Seine Kornkammern sind gut gefüllt. Ich habe es selbst gesehen, dass die Bauern ihr ganzes Getreide abgeben mussten. Und nun müssen wir alle hungern und leiden. Wenn ich den in die Finger kriege, dann …«
Er sprach den Satz nicht weiter, malte sich aber schlimme Dinge in seinem Kopf aus. Es gibt nur leider niemanden, der sich traut, ihm mal so richtig die Meinung zu sagen.«
Traurig zog er sich in sein Schlafzimmer zurück.
»Vielleicht finde ich im Schlaf meine Ruhe. Und du solltest auch langsam ins Bett gehen, Es ist schon spät.«
Elisabeth nickte. Bevor sie unter ihrer Decke verschwand, warf sie noch einen letzten Blick auf den Kalender.
›Heiligabend‹ stand dort. Die Nacht vor Weihnachten.
»Wenn nicht heute Zeit ist für ein Wunder, wann dann?«, murmelte sie.
Und plötzlich kam ihr eine Idee.

»Es ist Weihnachten.«, rief der König erfreut durch seinen Thronsaal.
Seine Berater tippten mit ihren Fingern auf den Kalender.
»Erst Morgen, Eure Majestät. Ihr müsst noch eine Nacht schlafen, bevor ihr Eure Geschenke öffnen dürft.«
Enttäuscht ließ der König seine Schultern sinken.
»Zu dumm. Aber dann bekommt ihr auch noch nichts von mir.«, entschied er und packte ein paar kleine Pakete zur Seite.
»Mein Volk beschenkt sich bestimmt jetzt schon. Da bin ich mir sicher. Die einfachen Menschen warten bestimmt nicht bis zum Morgen.«
Die Berater nickten nur, während ihr schlechtes Gewissen von innen an ihren Kopf klopfte.
»Gewiss, Eure Majestät. Das einfache Volk kennt keine Regeln und keinen guten Umgangston. Es macht sicherlich was es will. Bestimmt haben manche von ihnen auch schon gestern und vorgestern gefeiert.«
Der König strich sich über seinen Bart und setzte eine nachdenkliche Miene auf.
»So wird es sein. Dennoch mache ich mir Gedanken darüber.«

Es war spät in der Nacht, als der König ein leises Klopfen vernahm. Er öffnete die Augen und schlug die Decke zur Seite.
»Wer ist da und stört meinen Schlaf. Er soll sprechen.«
Eine Antwort gab es nicht, stattdessen klopfte es wieder.
»Welcher Unhold wagt es, meinen Schlaf zu stören?«
Doch wieder meldete sich niemand. Dann erkannte der König, dass das Klopfen von der anderen Seite des Fensters kam. Er stand auf und ging langsam näher. Vorsichtig spähte er durch das Fenster, auf dem sich bereits einige Eisblumen gebildet hatten. Zu seiner Überraschung entdeckte er das Gesicht eines kleinen Mädchens. Sofort öffnete er das Fenster.
»Nanu. Wer bist denn du und was machst du zu so später Stunde vor meinen Gemächern?«
Das Mädchen setzte eine ernste Miene auf, wie es der König selbst schon ein paar Stunden zuvor getan hatte.
»Ich bin die Elisabeth und ich muss mal ein ernstes Wörtchen mit dir reden.«
Der König grinste. So etwas hatte er nun wirklich nicht erwartet.
»Du weißt wohl, dass du mit deinem König redest und ich dich für deine unverschämten Worte einsperren lassen könnte.«
Elisabeth nickte und begann dann sofort davon zu berichten, wie schlecht es dem Volk in diesem Winter erging.
Der König wurde mit jedem Satz, den er hörte, bleicher im Gesicht.
»Du meine Güte. Davon habe ich nichts gewusst. Wie konnte so etwas nur geschehen. Ich kann eigentlich nur hoffen, dass du mich belügst.«
Aber Elisabeth schüttelte nur mit dem Kopf. Sie nahm den König an die Hand und wollte ihn durch das Fenster ziehen.
»Los, komm mit, dann zeige ich es dir.«

Ein paar Minuten später waren sie gemeinsam unterwegs in den Straßen des nächsten Dorfes. Um nicht sofort aufzufallen, hatte sich der König verkleidet. Nun sah er aus, wie ein ganz normaler Mensch aus dem Volke. Er besah sich alles ganz genau und erschrak immer wieder aufs Neue.
Die Schornsteine der Häuser rauchten nicht, Nirgendwo war Holz aufgestapelt. Und wenn er Blicke in Küchen und Speisekammern werfen konnte, entdeckte er nur gähnende Leere.
»Aber wie konnte das nur geschehen?«, wunderte er sich.
»Ich habe meine Berater bereits im Herbst aufgefordert, sich um das gesamte Volk zu kümmern. Jeder Bedürftige sollte genug Getreide bekommen, um satt und zufrieden durch den Winter zu kommen.«
Elisabeth senkte ihren Blick.
»Davon ist nie etwas bei uns angekommen. Stattdessen frieren und hungern wir.«
Der König war erbost. Sein Kopf lief rot an.
»Ich weiß, wer daran Schuld ist und ich werde mich darum kümmern. Aber dafür brauche ich deine Hilfe.«
Er zog Elisabeth nahe an sich heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr, bevor er sich wieder auf den Weg ins Schloss machte.

Am nächsten Morgen wachten die Berater des Königs früher als gewöhnlich auf. Ein ungewohnter Lärm hatte sie geweckt.
»Was ist denn da draußen bloß los?«, fragten sie sich, während sie ihre prachtvollen Gewänder anzogen.
So schnell wir möglich machten sie sich auf den Weg in den Thronsaal, um nach dem Rechten zu schauen. Dort staunten sie nicht schlecht. Der Raum war voller Menschen und Möbel. Auf Tischen standen die leckersten Gerichte, während sich auf den Stühlen das einfache Volk tummelte. Es schien, als wären alle Menschen der umliegenden Dörfer hier herein gekommen.
»Zum Teufel, was ist denn hier los?«, riefen die Berater erbost.
»Wachen! Befreit uns von diesem Pöbel. Werft sie alle raus und sorgt für Ruhe.«
Doch dazu sollte es nicht kommen, denn in diesem Moment trat der König von hinten an seine Berater heran.
»Das ist eine gute Idee.«
Es wurde still im Saal. Die Menschen hörten auf zu essen und zu reden. Sie beobachteten den König und warteten darauf, was nun passieren würde.
»Wachen, verhaftet meine Berater. Sie haben meinem Volk viel Unrecht angetan. Sie haben es verdient, eingesperrt zu werden.«
Großer Jubel ging durch das Volk. Doch dann spürte der König, wie jemand an seinen Gewändern zupfte. Es war die kleine Elisabeth.
»Bitte nicht. Du bist so ein lieber König und hast uns alle zum Essen eingeladen. Es ist doch Weihnachten und da sollte niemand im Gefängnis landen. Sei gnädig mit ihnen.«
Der König dachte kurz nach, bevor er eine Entscheidung traf.
»Liebes Volk, ihr habt es gehört. Meine neue Freundin, die Elisabeth, hat mein Herz berührt und mich gebeten, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Ihr werde ihrer Bitte entsprechen. Heute wird niemand mehr eingesperrt. Wir wollen lieber gemeinsam Weihnachten feiern.«
Das Volk jubelte ein weiteres Mal, während die Berater aufatmeten.
»Allerdings habe ich von nun an eine neue Aufgabe für meine Berater.«, sprach der König weiter.
»Vom heutigen Tage an, sollen sie dem Volke dienen.«
Er drehte sich zu seinen Beratern um.
»Worauf wartet ihr noch? Schnappt euch die Weinkrüge und schenkt nach. Das Volk hat Durst.«
Nun war auch Elisabeth zufrieden. Schöner konnte Weihnachten nicht mehr werden.

(c) 2010, Marco Wittler

180. Lang lebe der König

Lang lebe der König

»Lang lebe der König.«, schallte es laut über den Spielplatz.
»Lang lebe der König.«, riefen alle Kinder zusammen im Chor.
König Nils saß hoch oben im Rutschenhäuschen und winkte den anderen zu. Schon seit zwei Tagen war er der Herrscher in dieser Gegend. Sein Vorgänger war fort gezogen und hatte sein Amt abgegeben.
Nick saß einsam und allein etwas abseits von dem ganzen Trubel. Er sah immer wieder hinauf zu Nils und beneidete ihn.
»Ich wäre auch so gern König geworden. Aber mich beachtet ja niemand. Für die meisten Kinder bin ich hier doch wie ein Unsichtbarer.«
Nick war vor einem Jahr mit seinen Eltern hier her gezogen. Aber es fiel ihm noch immer schwer, Freunde zu finden. Meist wurde er sogar gehänselt und geärgert, jedes Mal aus einem anderen Grund.
»Mit Brillenschlangen wollen wir nichts zu tun haben.«
»Du bist viel zu langsam für unser Fußballteam.«
»Streber sind richtige Langweiler.«
Und es gab sogar noch schlimmere Beleidigungen.
»Es wäre so schön, wenn sie mich nur ein einziges Mal beachten würden.«
In diesem Moment beendete König Nils seine erste Ansprache und sah sich um.
»Jetzt brauche ich noch einen Berater und Helfer, der mit jederzeit zur Seite steht und mich beim Herrschen unterstützt.«
Normalerweise hätte man nun erwartet, dass alle Hande nach oben in die Luft gehalten wurden. Doch das genaue Gegenteil war der Fall.
»Los, Leute, kommt schon. Irgendwer muss doch Lust auf diese ehrenvolle Aufgabe haben.«
Aber es meldete sich niemand, bis sich plötzlich doch eine Hand am anderen Ende des Spielplatzes zaghaft und schüchtern erhob.
»Und somit verkünde ich euch feierlich, dass Nick ab sofort mein Helfer, Berater und Stellvertreter sein wird.«
Niemand jubelte oder klatschte. Stattdessen waren alle froh, dass sie nicht erwählt worden waren.
Nick sah nun seine ganz große Chance vor sich. Er stand von seinem Platz auf und gesellte sich zu Nils. Von nun an würde ihn jeder kennen und beachten. Er war die rechte Hand Hand des Königs.

Schon nach zwei Tagen war Nick seine Aufgabe leid. Er musste die Schulsachen des Königs tragen, ihm in den Mittagspausen das Essen an den Tisch bringen und wirklich alles andere auch noch erledigen. Das konnte doch einfach nicht möglich sein. Statt von den anderen Kindern in der Grundschule beachtet zu werden, lachten sie ihn ständig aus. Er war kein Berater, sondern ein Diener geworden.
»Du kannst wirklich froh sein, dass du mein Berater geworden bist.«, sagte Nils beim Essen.
»Du wirst nicht glauben wie anstrengend es ist, König zu sein. Manchmal würde ich nur zu gerne mit dir tauschen.«
Nick wollte das einfach nicht glauben. Konnte es denn schlimmer sein, jeden Tag für diesen Jungen zu schuften?

Am Abend, Nick war kurz davor ins Bett zu gehen, klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Nils.
»Ich habe keine Lust mehr.«, sagte er.
»Ich bin gerade in meinem Fußballteam zum Mannschaftskapitän gewählt worden. Deswegen möchte ich kein König mehr sein.«
Nick wusste gar nicht, was er sagen sollte. Schon machte er sich Gedanken, wem er nun ein Diener sein würde.
»Wenn wir uns Morgen auf dem Spielplatz treffen, werde ich den anderen Kindern von meiner Entscheidung erzählen und dich dann zu meinem Nachfolger machen.«
In diesem Moment machte Nicks Herz einen großer Hüpfer. Er sollte der neue König werden? Das konnte doch nur ein wunderschöner Traum sein. Sofort kniff er sich in den Unterarm. Der Schmerz zeigte ihm, dass er eindeutig wach war.
»Ist gut. Ich werde Morgen da sein.«

Die Schulstunden am nächsten Tag wollten einfach nicht vorüber ziehen. Es schien, als würde die Uhr absichtlich langsamer laufen. Als die Schule schließlich endlich vorbei war, lief Nick sofort zum Spielplatz und wartete nervös auf das Erscheinen der anderen Kinder.
Schon morgens hatte er in seiner Aufgabe als Berater und Helfer alle Kinder informiert, dass der König eine Rede halten wollte. Also trudelten sie nach und nach ein und setzten sich um die Rutsche herum auf den Boden.
Als Letzter erschien Nils. Mit seiner großen Krone auf dem Kopf stieg er die Treppenstufen hinauf, sah in die Runde und las dann von seinem Zettel ab.
»Liebe Freunde, es ist gestern etwas Wundervolles geschehen. Ich bin Mannschaftskapitän geworden. Das kostet mich natürlich mehr Zeit, wodurch ich meine Aufgaben als König nicht mehr erledigen kann.«
Er machte eine lange und bedeutsame Pause.
»Ich habe mich dazu entschieden mein Amt nieder zu legen. Dafür bestimme ich Nick zum neuen König.«
Stille herrschte plötzlich auf dem ganzen Spielplatz. Doch dann brach der Jubel los. Während Nils die Krone auf Nicks Kopf setzte, waren die vielen Stimmen zu einem Chor geworden.
»Lang lebe der König.«
Nick konnte es nicht fassen. Zum ersten Mal, seit einem Jahr, fühlte er sich richtig glücklich. Alle beachteten und mochten ihn. Er nahm sich vor, viele Jahre im Amt zu bleiben.

Am nächsten Morgen ging die Schule wieder los. Nick wurde von jedem Kind gegrüßt. Einige schüttelten ihm sogar die Hand. Keiner wagte es, ihn zu beleidigen. Es war ein herrliches Gefühl.
Doch schon in der ersten Pause gab es die ersten Probleme.
»König Nick, ich brauche deine Hilfe.«, kam es von der einen Seite.
»Mein Bruder gibt mir nicht mein Pausenbrot.«, maulte jemand anderes.
»Du musst mir unbedingt bei den Hausaufgaben helfen.«
Plötzlich kamen alle Kinder an und wollten etwas von Nick. Damit hatte er gar nicht gerechnet. So gut es ging, versuchte er ihre Wünsche zu erfüllen. Doch es waren einfach zu viele.
In den nächsten Tagen ging es nicht nur so weiter, er hörte immer mehr Anfragen. Jeder brauchte ihn. Nun konnte er nachfühlen, warum Nils so schnell aus dem Amt geschieden war.
»So kann das doch nicht weiter gehen.«, sagte er sich eines Abends in seinem Bett.
»Ich komme ja kaum noch dazu, mich um mich selbst zu kümmern. Ich hätte nie gedacht, dass es so viel Arbeit kostet, beliebt zu sein.«
Also schmiedete er einen Plan.

Am nächsten Nachmittag versammelten sich wieder die Kinder des Wohnviertels auf dem Spielplatz. König Nick stand im Rutschenhäuschen hielt eine Rede.
»Es gibt bei uns viel zu tun. Jeder hat Probleme und möchte sie gelöst bekommen. Aber für mich ist das einfach viel zu viel. Deswegen brauche ich euch als Helfer. Wer von euch ist mit dabei?«
Es wäre zu schön gewesen, nun ein paar Hände zu sehen. Doch alle Kinder sahen auf den Boden. Nick hatte zwar gehofft, ein paar Freiwillige zu dieser Aufgabe bewegen zu können, hatte aber noch einen Trumpf im Ärmel.
»Nur zu gern hätte ein paar von euch zu meinen Fürsten gemacht. Aber dann muss es halt anders gehen.«
Er hielt nun ein paar kleine Hefte in die Luft.
»Jeder von euch bekommt eines davon. Darin wird aufgeschrieben, wenn ihr von jemandem Hilfe bekommt. Dafür müsst ihr dann aber auch jemand anderem helfen. So kommt keiner zu kurz und jeder muss etwas tun.«
Zuerst maulten ein paar Kinder herum. Sie wollten Hilfe, aber eigentlich keine Gegenleistung erbringen. Doch schon nach ein paar Minuten änderten sich Meinungen. Sie stellten fest, dass Michi richtig gut in Mathe war und Nachhilfe geben konnte. Lena suchte noch einen Partner für die Tanzschule und bot dafür an, jemanden beizubringen, wie man Gitarre spielt. Ganz schnell wurde für jeden Hilfe gefunden und die Hefte des Königs wurden schneller als erwartet verteilt.

Am Abend saß Nick mit seinen Eltern in der Küche am Tisch und aß zufrieden sein Butterbrot.
»Bist du denn jetzt deine Aufgabe als König los und hast die Krone jemand anderem gegeben?«, fragte Mama.
Nick schüttelte den Kopf und berichtete von seiner Idee.
»Die anderen Kinder waren so erfreut von dem Hilfeheften, dass sie gesagt haben, es hätte noch nie zuvor einen so guten König gegeben. Da konnte ich doch unmöglich zurücktreten.«

(c) 2009, Marco Wittler

170. Der Hirte oder „Papa, warum sehen die Wolken wie Schäfchen aus?“ (Papa erklärt die Welt 24)

Der Hirte
oder ›Papa, warum sehen Wolken wie Schäfchen aus?‹

Sofie saß verträumt vor ihrem Fenster und sah in den blauen Himmel hinauf, der langsam dunkler wurde. Hin und wieder zog eine kleine weiße Wolke über ihn hinweg. In diesem Moment kam Papa in ihr Zimmer.
»Du liegst ja noch gar nicht im Bett. Dabei ist es doch allerhöchste Zeit zum Schlafen.«
Sofie stand langsam auf und legte sich in ihr  Bett. Papa zog ihr die Decke bis knapp unter die Nase und wollte gerade ein Buch mit Gute Nacht Geschichten aus dem Regal holen, als seiner Tochter etwas einfiel.
»Papa, warum sehen die Wolken eigentlich wie Schäfchen aus?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von den Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal in einer Zeit, in der man noch nicht so gut über das Wetter Bescheid wusste. Die Bauern mussten einfach darauf hoffen, dass es genug Regen gab, damit ihre Felder nicht vertrockneten. Aber die Sonne musste ebenfalls reichlich scheinen, sonst verkümmerten die Pflanzen. Würde der nächste Winter mild ausfallen oder mussten die Menschen mehr Brennholz für die kalten Monate sammeln? Selbst die Kriegsheere wussten nie, ob sie bei einer Schlacht nasse Füße bekamen. Einen Wetterbericht gab es noch nicht.

Eines Tages saß König Theodor von Rotenfels in seinem Thronsaal und empfing seinen höchsten militärischen Berater.
»Es ist etwas Schreckliches geschehen, euer Majestät.«, begann dieser zu erklären.
»Mit hoch erhobenem Haupt zogen unsere Soldaten in die Schlacht gegen unser Nachbarland Schwarzenberg. Es sah danach aus, als würden wir den Krieg gewinnen. Doch dann zogen tiefgraue Wolken über den Himmel und es regnete wie aus großen Fässern. Das Schlachtfeld verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in Matsch und unsere Männer verloren darin ausnahmslos ihre Stiefel und Strümpfe. Es blieb uns nichts anderes übrig, als und zurück zu ziehen. So etwas ist uns noch nie zuvor geschehen. Die gegnerischen Truppen haben uns ausgelacht und verhöhnt.«
Als der König das hörte, wurde er wütend. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen. Er rief sofort nach seinen Beratern und dem Hofzauberer.
»Meine Herren, es muss unbedingt etwas gegen dieses verdammte Wetter unternommen werden. Es kann nicht sein, dass ich als König über alles und jeden bestimmen kann, nur die Wolken am Himmel widersetzen sich mir. Lasst euch also etwas einfallen.«
Die Berater zogen sich sogleich zurück, während der Zauberer sofort eine Idee im Kopf hatte.
»Wenn ihr erlaubt, euer Majestät, werde ich den Himmel verhexen. Er wird dann nur noch auf euer Wort hören.«
Er stellte sich an das Fenster, wirbelte wild mit seinem Zauberstab durch die Luft und murmelte Beschwörungen vor sich hin. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Sofort sah der König hinaus und rief dem Himmel entgegen.
»Lass die Wolken verschwinden und zeige mir die Sonne.«
Doch nichts geschah.
Wütend drehte er sich um, doch sein ängstlicher Zauberer war bereits aus dem Thronsaal verschwunden.

Ein paar Tage später traten die Berater wieder vor den König. Sie mussten ihm mitteilen, dass sie keine Lösung für das Problem gefunden hatten. Der Himmel entzog sich einfach ihrer Macht.
»Aber es muss doch etwas geben, wie wir das Wetter für unsere Zwecke manipulieren können.«, sprach der König verzweifelt vor sich hin, während er aus dem Fenster sah.
»Wenn man die Wolken so einfach zusammen und fort treiben könnte, wie der Hirte dort unten seine Schafe, dann wäre das eine feine Sache.«
Er kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eigentlich keine so schlechte Idee. Schnappt euch den Hirten da unten und bringt ihn in den Himmel zu den Wolken. Er soll von nun an dort oben seine Arbeit verrichten.«

Und so geschah es auch schon am nächsten Tag. Mit einer riesigen Schleuder schickte man den Schäfer in den Himmel. Von diesem Moment an, hütete er die vielen Wolken. Regelmäßig schien nun die Sonne und es regnete nur, wenn es vom König erlaubt wurde.
Ein paar Wochen später standen sich wieder die Kriegsheere von Rotenfels und Schwarzenberg gegenüber. Schon bald sollten sie in die Schlacht ziehen. Doch in dem Moment, als die ersten Soldaten aufeinander zu stürmten, begann es wie aus Eimern zu regnen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der Boden wieder in Matsch.
König Theodor beobachtete das alles  von seinem Fenster aus und wurde wütend, als der die dunklen Wolken erblickte. Nun würden seine Männer wieder Stiefel und Strümpfe verlieren. So konnte man einfach keinen Krieg gewinnen.
Sofort rief er zum Wolkenschäfer hinauf und befahl ihm, die Wolken fort zu treiben. Doch dieser hatte etwas ganz anderes im Sinn.
»Mein König, ich kann die Wolken nicht vertreiben, denn Krieg ist eine schlimme Sache. Die Soldaten kämpfen und werden sich gegenseitig töten. Das Land des Verlierers fällt in Armut und den Bewohnern wird es sehr schlecht gehen. Sie werden nicht genug zu Essen haben und werden daher viel öfter krank sein. Das kann ich einfach nicht zulassen. Gerne werde ich weiterhin das Wetter nach euren Wünschen gestalten. Aber einen Krieg wird es nicht mehr geben, solang ich die Wolken hüte.«
Irgendwie hatte der Hirte Recht, sagte sich der König. Jeder Krieg sorgte für große Probleme. Aber trotzdem mussten Schlachten ausgetragen werden. Sonst konnte man sich seine Gegner nicht vom Hals schaffen.
»Ich hätte da eine Idee.«, schlug der Wolkenschäfer vor.
»Einigt euch mit den Schwarzenbergern auf Frieden. Ich kann auch für zwei Länder die Wolken kontrollieren. Und wenn unsere beiden Länder miteinander Handel treiben, profitieren wir alle davon.«

Ein paar Minuten später sah man einen prunkvoll gekleideten Mann auf das Schlachtfeld gehen. Es war König Theodor. In seiner Hand hielt er einen Friedensvertrag, den er den gegnerischen Truppen übergab.
Schon kurz darauf dachte niemand mehr an einen schrecklichen Krieg.

»Und deswegen sehen die Wolken aus wie Schäfchen?«, fragte Sofie.
Papa nickte und zwinkerte mit dem rechten Auge.
»Der Hirte brauchte doch etwas, das er gewohnt war. Vorher sahen die Wolken noch ganz anders aus.«
Nun musste Sofie lachen.
»Deine Geschichten sind wirklich klasse. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Sie wünschte Papa eine gute Nacht, drehte sich um und schlief fast sofort ein.

(c) 2009, Marco Wittler

168. Eine ungewöhnlich große Liebe

Eine ungewöhnlich große Liebe

Es war einmal eine junge Prinzessin, die von ihrem Vater in die weite Welt hinaus geschickt wurde, um ihren Traumprinzen zu finden. Es sollte schon bald eine Hochzeit stattfinden, da der König schon sehr alt war und nicht mehr lange leben würde.
»Eines Tages«, so sagte er, »wirst du, meine geliebte Liana, über alles herrschen. Doch bis dahin wird noch geheiratet.
So zog sie von Land zu Land, traf sich mit wunderschönen Prinzen und feierte rauschende Feste. Doch nirgendwo fand sie ihre große Liebe.
Zwei Jahre gingen vorbei. Die Prinzessin hatte ihre Hoffnungen schon längst aufgegeben, als sie im entferntesten Königreich ankam.
»Wer hier wohl leben mag?«, fragte sie sich.
Doch schon an der Grenze hatte sie das komische Gefühl, dass hier nicht alles so war, wie in der restlichen Welt. Alles war ein gutes Stück größer. Die Bäume waren so hoch wie Berge und die Häuser in den Städten riesig. Doch das traf nicht nur auf Gebäude und die Natur zu. Denn auch die Menschen waren fast doppelt so groß, wie die Prinzessin. Sie war nun im Land der Riesen angekommen.
»Dann werde ich wohl auch hier meine große Liebe nicht finden können.«
Sie machte kehrt und wollte schon die Heimreise antreten, als ihr ein junger, gut gekleideter Prinz entgegen kam. Er hatte ein warmherziges Lächeln, redete mit den einfachen Menschen und schien das freundlichste Wesen der ganzen Welt zu sein. Bei seinem Anblick spürte die Liana zum ersten Mal in ihrem Leben ein seltsames Gefühl in ihrem Bauch. Es schien, als würden tausend Schmetterlinge einen Freudentanz aufführen und ihr Herz schlug doppelt schneller als je zuvor. Hatte sie nun doch ihre große Liebe gefunden?

Am Abend fand ein rauschendes Fest statt. Doch dafür hatte die Prinzessin keine Augen. Sie verschwand sehr schnell mit Prinz Bigone auf einen ruhigen Balkon und sah mit ihm in die Sterne. Dort gaben sie sich auch ihren ersten Kuss.
»Ich werde mit dir in das Land deines Vaters reisen und dich heiraten.«, versprach er ihr.
Und so sollte es auch geschehen. Schon am nächsten Tag fuhren sie mit einer großen Kutsche in Lianas Heimat.
Die Prinzessin war überglücklich. Doch dieses Gefühl verschwand sehr schnell, als der König ein paar Tage später entsetzt feststellte, wen seine Tochter heiraten wollte. Sofort beschloss er, dies zu verhindern.

Der König lachte in sich hinein, als er den Riesen in das Verließ sperrte. Den Schlüssel hängte er mit einer Lederschnur um seinen Hals und steckte alles unter sein Hemd.
»Dort wird ihn niemand vermuten.«
Dann drehte er sich zur Gefängniszelle um und rief Bigone ein paar letzte Worte zu.
»Du sollst darin verrotten. Niemals wirst du meine Tochter zur Frau erhalten. Menschen und Riesen passen einfach nicht zueinander.«
Gemütlich stapfte er die Stufen zu seinem Thronsaal hinauf und ließ den Riesen allein zurück.

Liana lag weinend in ihrer Kammer auf dem Bett. Sie schluchzte leise vor sich hin. Auch sie wusste nicht mehr weiter. Niemals würde sie ihr Leben mit ihrer großen Liebe teilen können. Doch da hörte sie eine wispernde Stimme vor dem Schloss.
Die Prinzessin wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand auf und ging zum Fenster. Als sie nach unten sah, entdeckte sie ein altes Mütterchen.
»Kommt herunter, schöne Königstochter. Ich möchte euch meine Hilfe anbieten.«
Liana konnte sich nicht vorstellen, wie diese alte Frau die Meinung des Königs verändern konnte. Trotzdem ging sie schnell in den Hof hinab.

Das Mütterchen steckte ihre Hand in einen kleinen Beutel und holte etwas daraus hervor.
»Gebt diese Brille dem König. Sie wird ihm das wahre Gesicht eurer großen Liebe zeigen.«
Die Prinzessin besah sich die Brille von allen Seiten, konnte aber nicht erkennen, was sie so besonders machte. Ein Versuch wollte sie dennoch wagen. Ein Wort des Dankes konnte sie der Frau nicht mehr sagen, denn diese war bereits verschwunden.

Am Tage darauf  eilte Liana aufgeregt in den Thronsaal.
»Mein Vater, es ist etwas geschehen. Ihr müsst sofort mit mir in das Verlies kommen.«
Der König wurde sofort wütend, denn er ahnte schon, dass seine Tochter ihn dazu bringen wollte, den Riesen frei zu lassen. Das wollte er auf keinen Fall zulassen oder dulden. Er ging mit ihr gemeinsam zu den Gefängniszellen. Unterwegs drohte er ihr, sie ebenfalls einzusperren, was sie nicht zur Vernunft kommen würde.
Als die beiden im Verlies ankamen, war es so dunkel, dass der König kaum etwas sehen konnte.
»Setzt diese Brille auf, Vater, dann könnt ihr besser sehen.«
Während sich der König das Gestell auf die Nase setzte, zündete die Prinzessin die Fackeln wieder an, die sie Minuten zuvor gelöscht hatte. Es wurde heller und ihr Vater konnte in die Zelle sehen.
»Du meine Güte.«, rief er entsetzt.
»Wie kommt denn dieser junge Prinz in die Zelle und wo ist der Riese geblieben?«
Sofort holte er den Schlüssel hervor und öffnete die Tür.
»Kommt heraus, junger Prinz und entschuldigt bitte, dass ihr hier zu Unrecht festgehalten wurdet. Ich weiß gar nicht, wie ich mich entschuldigen kann.«
Liana war verwirrt und auch Bigone wusste nicht, was in den König gefahren war, denn beide konnten nicht durch die Brille schauen.
Ein weiteres Mal war ein leises Wispern zu hören. Die Prinzessin drehte sich herum und erkannte die alte Frau. Sie schlich sich zu ihr und zuckte verwirrt mit den Schultern.
»Weißt du, mein schönes Kind. Die Brille zeigt dem König, wie der Riese wirklich ist. Sie zeigt ihm nicht sein Äußeres, sondern sein Herz. Und das ist so liebenswert und schön, dass er nun einen jungen Prinzen in normaler Größe vor sich sieht.«
Begeistert schloss die Prinzessin ihre große Liebe in die Arme.
»Ich weiß, wie ihr euch bei mir entschuldigen könnt.«, meldete sich nun der Riese.
»Gebt mir eure Tochter zur Frau und alles soll vergessen sein.«
Der König willigte sofort ein und ließ die beiden noch am selben Tag heiraten.

(c) 2009, Marco Wittler