774. So viele Weihnachtsgeschichten (Papa erklärt die Welt 45)

So viele Weihnachtsgeschichten

Es war Heiligabend.
Nach einem langen, aber schönen Tag, mit tollem Essen, wunderbaren Geschenken und sehr viel Spaß, war es nun Zeit schlafen zu gehen.
Sophie lag bereits in ihrem Bett und hatte die Decke bis zur Nasenspitze hinauf gezogen. Neben ihr saß Papa auf seinem üblichen Stuhl und hatte ein dickes Buch auf dem Schoß, aus dem er gerade eine Gute Nacht Geschichte vorlas.

Es war einmal ein großer König, der über ein noch größeres Königreich herrschte. Tag ein und Tag aus saß er in seinem Thronsaal, empfing wichtige Leute und traf noch wichtigere Entscheidungen, denn das Regieren war alles andere als einfach.
Nun begab es sich zur Weihnachtszeit, dass ein alter, rundlicher, tief gebuckelter Mann mit weißem Vollbart zu ihm vorgelassen wurde. Er war in alten Lumpen gekleidet, war dreckig von oben bis unten und besaß nicht einmal geeignetes Schuhwerk für das kalte Winterwetter, dass vor den Toren des Palastes herrschte.
»Wer hat denn diesen Unrat hier herein gelassen?«, wurde der König sauer, als er den armen Mann sah. »Wer will meine Augen mit diesem Anblick beleidigen?«
Er drehte sich zu seinen Dienern um. »Wisst ihr denn nicht, dass ich Bedeutenderes zu tun habe, als mich mit diesem Gesindel herum zu ärgern?«
Der alte Mann kam gar nicht erst zu Wort. Der König ließ sich in seinem Ärger nicht unterbrechen.
Während der König weiter zeterte, ließ er sich eine Liste mit den noch anstehenden Audienzen zeigen.
»Werft dieses haarige Ungeheuer zurück auf die Straße. Gleich kommen die Kinder der Stadtschule. Denen muss ich noch ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Und danach gibt es Geschenke für alle.«
Der König grinste breit. »Und für mich gibt es natürlich das größte Geschenk.«, murmelte er leise zu sich selbst. »Der Weihnachtsmann denkt eben an die braven und fleißigen Menschen.«
In diesem Moment richtete sich der alte Mann zu voller Größe auf. Sein Buckel schien plötzlich verschwunden zu sein. Sein weißer Bart erstrahlte plötzlich in einem seltsamen und wunderbaren Glanz, als käme er nicht von dieser Welt.
»Ich fürchte, es wird dieses Jahr nichts mit deinem Geschenk.«, sagte er mit tiefer, fester Stimme, die den ganzen Thronsaal zum erbeben zu bringen schien.
»Wie kannst du es wagen, so mit deinem Herrn zu sprechen?«, erwiderte der König mit einer Spur Ehrfurcht, Angst und Ungewissheit in seiner eigenen Stimme.«
Der Alte zog sich die Bettlersachen vom Leib. Darunter kam ein prächtiger Mantel in rot und weiß zum Vorschein.
»Weil ich der Weihnachtsmann bin und gerade entschieden habe, dass es für dich in diesem Jahr kein Geschenk geben wird. Ein König sollte sich nicht selbst erhöhen und arme Menschen nicht verspotten, beleidigen und verhöhnen. Seine Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, damit sie genug zu essen haben und ungefährdet durch den Winter kommen.«
Der König wurde vor Scham rot im Gesicht.
»Aber … aber …«
Er zitterte am ganzen Körper, wusste nicht, was er antworten sollte.
Der Weihnachtsmann hingegen verbeugte sich und verließ den Thronsaal. Dann ließ er die Armen zu sich kommen, um ihnen Pakete mir warmer Kleidung zu schenken.
Der König wurde sich bewusst, dass er noch nie in seinem Leben ein guter Mensch gewesen war. Als er am Fenster sah, wie sehr sich die Armen über die wenigen Geschenke freuten, wurde es ihm warm ums Herz. Genau das, was der Weihnachtsmann dort tat, wollte er auch machen. Freude bringen.
Von diesem Tag an änderte er sein Leben komplett und wurde ein barmherziger und gerechter König in dessen Königreich es niemandem schlecht erging.

»Endlich.«, sagte Papa mit einem Seufzen.
»Endlich?«, fragte Sophie zurück.
»Ich lese dir wirklich sehr gern jeden Abend eine Gute Nacht Geschichte vor. Aber nach 24 Weihnachtsgeschichten darf es auch gern mal wieder ein anderes Thema sein.«
Sophie nickte.
»Dann lies mir doch einfach in den nächsten Tagen Silvestergeschichten vor.«
Ja, das war nach Papas Geschmack. Der Vorschlag gefiel ihm gut.
»Und für nächstes Jahr habe ich auch schon was.«, strahlte ihn Sophie an.
Sie holte unter der Bettdecke ein dickes Buch hervor und drückte es Papa in die Hand. Er sah auf den Titel und verzog das Gesicht.
»360 tolle Weihnachtsgeschichten – Dein Weihnachts-Countdown für das ganze Jahr.«, las er zähneknirschend vor.

(c) 2018, Marco Wittler

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*