461. Omas großes Herz

Omas großes Herz

Marco stand im Kindergarten vor seinen Freunden und erzählte gerade von seiner Oma.
»Meine Oma ist die allerbeste Oma. Sie hat nämlich das größte Herz der ganzen Welt.«
Die anderen Kinder lachten zuerst. Doch dann wollten sie Marco überbieten.
»Das kann gar nicht sein, denn meine Oma hat sieben Kinder und sechzehn Enkel. Für so viele Verwandte braucht man ein ganz besonders großes Herz.«, erklärte Max mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
»Eure Omas haben vielleicht ein großes Herz, aber das größte von allen hat meine Oma.«, war sich Hannah sicher.
»Sie hilft armen Menschen und spendet jeden Sonntag Geld in der Kirche. Ein größeres Herz kann es gar nicht geben.«
So ging es eine ganze Weile weiter. Ein Kind nach dem anderen berichtete davon, wie groß die Herzen ihrer Omas waren.
Irgendwann war der Kindergarten vorbei. Die Jungen und Mädchen wurden von ihrem Müttern abgeholt. Gemeinsam gingen sie die Straße entlang.
»Gleich sind wir da.«, rief Marco den anderen Kindern zu.
»Hinter der nächsten Ecke ist das Haus von meiner Oma. Dann zeige ich euch, dass ich Recht hatte. Sie hat wirklich das größte Herz der Welt.«
Nun waren seine Freunde doch neugierig geworden. Sie kamen der Ecke immer näher. Es waren nur noch ein paar Meter. Sie bogen nach rechts ab und gingen noch ein paar Schritte bis zum Ende einer Hecke. Dort sahen sie es dann alle mit ihren eigenen Augen.
»Das ist ja der Oberhammer.«, staunte Max.
»Megacool.«, fand Hannah.
»Ich hab es euch doch die ganze Zeit gesagt.«, freute sich Marco nun und grinste von einem Ohr zum anderen.
»Meine Oma hat das größte Herz der ganzen Welt.«
Dann zeigte er immer wieder auf das große Herz, das vom Boden bis zum Dach auf die Hauswand gemalt worden war.

(c) 2013, Marco Wittler

259. Oma Rosi

Oma Rosi

Auf dem Spielplatz war richtig viel los, denn die Sonne brannte vom Himmel herunter und es war keine einzige Wolke zu sehen. Ein herrlicher Tag, obwohl der Herbst bereits begonnen hatte. ›Goldener Oktober‹ hatte Mama es genannt.
Lisa stand ganz oben auf der Rutsche.
»Platz da.«, rief sie laut und vertrieb die Kinder aus der Sandgrube. Dann setzte sie sich auf ihren Po und sauste dem Boden entgegen.
»Wurde auch Zeit.«, knurrte der Junge, der als nächstes an der Reihe war, denn mit ihm warteten noch jede Menge Kinder.
Jeder wollte die letzten schönen Tage des Jahres ausnutzen. Schon bald würde es für den Spielplatz zu kalt sein.
»Wenn der Winter kommt, bau ich statt der Sandburgen unendlich viele Schneemänner.«, prahlte Hendrik.
In diesem Moment kam eine ältere Dame den Weg entlang. Doch statt an den Kindern vorbei zu gehen, setzte sie sich eine Bank und sah beim Spielen zu.
»Oma Rosi ist wieder da.«, rief Lisa.
»Hallo ihr Lieben.«, sagte Rosi und lächelte.
Die Kinder stürmten heran und scharrten sich um die Oma. Eigentlich war sie keine wirkliche Oma. Sie hatte zwar eigene Kinder, aber keine Enkel. Dafür kam sie jeden Tag zum Spielplatz und vertrieb sich hier die Zeit.
»Mal sehen, was wir heute machen.«
Sie begann in ihrer übergroßen Handtasche zu suchen und zauberte Bonbons hervor.
»Wer möchte eins?«
Alle Hände sausten in die Höhe und anschließend nacheinander in die Tüte.
»Dann macht es euch mal gemütlich.«
Die Kinder setzten sich. Rosi nahm das kleinste Kind auf ihren Schoß und nahm ein Buch zur Hand.
»Heute werde ich euch eine spannende Geschichte vorlesen, die ich vor nicht all zu langer Zeit gefunden habe.«
Schon waren alle mucksmäuschenstill.
Die Geschichte handelte von edlen Männern, tapferen Matrosen, bösen Piraten, grauenhaften Seemonstern und atemberaubenden Schätzen aus Gold, Geschmeide und Edelsteinen. Sie war spannend, lustig, aufregend und mehr. Die Augen der Kinder hingen an Rosis Lippen. Sie wagten es nicht, etwas zu sagen oder auch nur zu flüstern.
»Und so lebten der Edelmann und seine Frau bis an ihr Lebensende.«, las Rosi schließlich vor und klappte das Buch zu.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Ruhe vertrieben wurde.
»Und was ist aus dem Schatz geworden?«, fragte Erik.
»Ist der immer noch verschwunden?«
Rosi sah sie geheimnisvoll um, bevor sie die Kinder verschwörerisch ansah.
»Der Schatz ist bis heute nie gefunden worden. Aber man sagt, er sei in der Nähe dieses Spielplatzes vergraben worden.«
Das ließen sich die Kinder natürlich nicht zweimal sagen. Sofort standen sie auf und stürmten durcheinander. Jeder war mit einer Schüppe bewaffnet. Sie alle gruben sich durch die Sandgruben, bis sie nach ein paar Minuten fanden, wonach sie suchten.
»Der Schatz, der Schatz.«
Lisa hatte ihn gefunden und brachte eine kleine Holzkiste zu Rosi. Gemeinsam öffneten sie den Deckel. Zum Vorschein kamen goldene Münzen, in denen sich die Strahlen der Sonne spiegelten.
»Juhu, Schokotaler.«
Die Kinder jubelten und teilten den Fund gerecht unter sich auf.
»Dann wird es auch Zeit für mich zu gehen.«, sagte Rosi, als sie sie erhob.
»Morgen werde ich euch bestimmt wieder Gesellschaft leisten.«
Sie winkte zum Abschied und ging wieder ihres Weges.

(c) 2009, Marco Wittler