Ich lieg hier auf meinem Handtuch
Tony war ein roter getigerter Kater.
Die meisten Menschen denken dabei an wilde Rabauken und tollkühne Abenteurer, an Katzen, die jede Chance nutzen, um ein Glas vom Tisch zu werfen oder ihre Krallen in deinen Fußsohlen zu versenken. Das alles mit einem sehr selbstbewussten Blick in den Augen, der dir sagen soll: Ich bin dein schlimmster Alptraum.
Doch bei Tony war das anders. Er war die Gemütlichkeit in Person. Er war so gemütlich, dass ihn so mancher Mensch und auch die meisten Katzen als faul bezeichnet hätten. Seine Lieblingsbeschäftigungen bestanden aus rumliegen und schlafen. Selbst zu seinen Fütterungen kam er nur ganz langsam angeschlichen, wenn er sich seinen Napf nicht sogar dorthin bringen ließ, wo er es sich gerade gemütlich gemacht hatte.
Heute lag der Kater im Garten mitten auf der Wiese und genoss die Wärme der Sonne. Um nicht direkt im Gras liegen zu müssen, hatte er sich vom Wäscheständer ein Handtuch stibitzt, auf dem er es sich gemütlich gemacht hatte und die letzten Seiten eines spannenden Buches las.
»Wozu soll ich selbst auf Abenteuerreisen gehen, wenn das andere für mich erledigen können?«, dachte er sich immer wieder und musste über seine faulen, aber schlauen Einfälle schmunzeln.
Aladin reichte Prinzessin Yasmin die Hand, zog sich zu auf den Teppich, auf dem sie mit einem mulmigen Gefühl Platz nahm.
»Und wir sind darauf wirklich sicher?«
»So sicher wie an keinem anderen Ort der Welt. Vertraust du mir?«
Sie nickte und entspannte sich, während Aladin eine Zauberformel murmelte. Nur einen Wimpernschlag später erhob sich der Teppich in die Lüfte und sauste dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, fliegen sie noch heute von einem Abenteuer zum nächsten.
»Wow!« Tony war begeistert. Er hatte schon viele Geschichten über Abenteurer gelesen, aber Aladin war der Größte und Mutigste von allen. Das mochte wohl auch daran liegen, dass niemand anderes bisher auf einem Teppich geflogen war.
»Ach, wenn ich doch auch einen fliegenden Teppich besäße. Ich würde nur noch zum futtern landen und mich die restliche Zeit durch die watteweichen Wolken am Himmel tragen lassen.«
Der Kater überlegte, dachte nach. Ob es ein Möglichkeit gab, irgendwie diesen Traum wahr werden zu lassen? »Das könnte sehr schwierig werden.« Im Haus gab es nur Fließen und Laminat am Boden. Die Nachbarn besaßen zwar einen Teppich im Wohnzimmer, aber der war viel zu groß und am Boden festgeklebt. Den konnte er unmöglich in den Garten schleppen. Das wäre für den Kater eh viel zu angestrengten geworden.
»Vielleicht braucht es gar keinen Teppich. Vielleicht reicht einfach nur die passende Zauberformel.«
Nanu? Wer hatte denn das gesagt? Tony sah sich verwirrt um und entdeckte auf der Spitze eines Grashalms eine Ameise, die ihm freudig winkte.
»Anton!« Tony freute sich, seinen Freund zu sehen, dem er schon so manches Mal aus einem der Bücher vorgelesen hatte.
Anton grinste. »Wozu braucht es einen Teppich. Du sitzt eh schon auf einem schicken, bunten Handtuch. Du musst er nur ordentlich ausbreiten, dich darauf ausstrecken und die Augen schließen. Sprich die Zauberformel und hoffe, dass es funktioniert.«
Ach, so ein Blödsinn, dachte sich Tony. Wieso sollte ein Handtuch fliegen können. Das wäre Stoff für eine weitere Abenteuergeschichte, nicht aber für die echte Welt. Wobei … was ein Teppich kann, kann ein Handtuch schon lange. Also strich er das Handtuch glatt, legte sich bäuchlings darauf und schloss die Augen. Mit bebenden Lippen sprach er die Worte, die er in Aladins Geschichte gelesen hatte.
Kaum hatte er den Zauber ausgesprochen, spürte er ein Beben und ein Zittern unter sich. Das Handtuch begann sich zu bewegen. Schon wollte er die Augen aufreißen und sich ängstlich umschauen, als er Anton auf seiner Schulter spürte. »Lass sie geschlossen. Vertrau dem Zauber und deinem Handtuch. Es wird dich überall hintragen, solang deine Augenlider zu sind.«
Tony nickte und entspannte sich. Er übte mit der linken Vorderpfote leichten Druck auf das Handtuch aus und spürte, wie es eine leichte Kurve flog. »Ist das krass! Ich fliege tatsächlich.«
Es ging hin und her, von einem Ende des Gartens zum anderen. Mal flog er hinauf, dann wieder herunter, drehte sich im Kreis, und vollführte kunstvolle Spiralen.
»Ich halte das im Kopf nicht aus. Jetzt bin ich ein waschechter Abenteurer!«
Tony landete wieder auf der Wiese. Erst dort öffnete er seine Augen. Er stand auf und lief mit hochgehobenem Kopf zum Haus. Vor seinem Fressnapf blieb er stehen und miaute laut. »Los! Füttert mich. Der Abenteurer hat jetzt Hunger.«
Anton hingegen war im Garten geblieben und beobachtete seinen Freund. Er konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
»Er ist jetzt weg und achtet nicht mehr auf uns. Wir können jetzt nach Hause gehen.«
Unter dem Handtuch kamen nun unzählige Ameisen zum Vorschein, die mit ihrer großen Kraft, das Handtuch und den roten Kater durch den Garten getragen hatten. Als Gemeinschaft war eben möglich, Träume wahr werden zu lassen, wenn auch auf eine ungewöhnliche Art und Weise.
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