1728. Kreuzt die Schwerter!

Kreuzt die Schwerter!

Die Sonne stand senkrecht am Himmel. Weit und breit war keine einzige Wolke zu finden, die sich vor die helle Scheibe hätte schieben können. Dafür flimmerte die Luft über dem heißen Boden. Eigentlich wäre es die perfekte Zeit für ein Duell zwischen zwei Revolverhelden im Wilden Westen gewesen, wenn sich dieser nicht an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit befunden hätte. Dieser noch leere Platz befand sich im Herzen Europas im Mittelalter.
Plötzlich klapperten Metallbleche. Von der einen Seite näherte sich ein stolzer Ritter in einer schwarz glänzenden Rüstung, die seinen Körper von oben bis unten bedeckte. Lediglich die Augen waren durch schwarze Schlitze im Helm zu erkennen.
Von der anderen Seite schritt ein Ritter in einer weißen Rüstung auf ihn zu. Beide hatten ihre Waffen zur Hand genommen und hielten sie dem Gegner drohend entgegen.
»So sehen wir uns also wieder.«, sagte der Weiße. Seiner Stimme war deutlich anzuhören, dass er schon lange auf dieses Treffen gewartet hatte. Er würde niemals von hier verschwinden, ohne den anderen besiegt zu haben.
»Es hätte nicht so weit kommen müssen.«, war eine weibliche Stimme aus der schwarzen Rüstung zu vernehmen. »Wir können diese Sache friedlich regeln. Es muss niemand zu Schaden kommen.«
»Moment mal!« Der weiße Ritter hielt inne. »Ich dachte immer, dass ein schwarzer Ritter für das Böse steht, der Weiße für das Gute.« Er brachte ein Lachen hervor, dass so klang, als würde es direkt aus der Hölle kommen. »Doch dieses Mal nicht. Heute ist es umgekehrt.«
Die Ritterin in Weiß zuckte kaum merklich mit den Schultern. »Meine Rüstung war vor kurzem noch weiß. Ich bin allerdings am Wochenende mit ihr in der Sonne eingeschlafen. Am Abend war sie schwarz gebrutzelt. Doch das soll jetzt nichts zur Sache tun.«
Sie schritten aufeinander zu, kreuzten ihre Waffen und warteten darauf, dass der jeweils andere den ersten Angriff machen würde.
Sie blieben beide unbewegt, fixierten sich mit den Augen. Sie warteten auf einen Fehler des Gegners, um diesen zum eigenen Vorteil ausnutzen zu können.
Dem weißen Ritter wurde langsam nervös unter seinem Helm. Die Erinnerungen an die vergangenen Duelle saßen tief. Keines hatte er gewinnen können. Eine kleine Schweißperle kullerte ihm über die Stirn und tropfte schließlich von den Wimpern ins Auge. Er blinzelte.
Auf diesen Moment hatte die schwarze Ritterin nur gewartet. Sie sprang nach vorn, riss sich noch in der Bewegung den Helm vom Kopf und biss die Spitze der gegnerischen Waffe ab. Genüsslich kaute sie darauf herum und schluckte schließlich ihre Trophäe grinsend herunter.
Der Weiße Ritter riss entsetzt die Augen auf. »Du … du hast meine Möhre zerstört.«
In diesem Moment erklang ein Signalton aus einem nahen Lautsprecher, dem die Stimme des Schiedsrichters folgte. »Das Finale der Kaninchen-Ritterspiele gewinnt die weiße Ritterin zum zehnten Mal in Folge. Herzlichen Glückwunsch.«
Das weiße Kaninchen nahm den Siegespokal entgegen, während das Schwarze gefrustet seine Silbermedaille schnell in seiner Tasche verschwinden ließ.

(c) 2026, Marco Wittler

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