1726. Flaschenpostbote Knut greift nach den Sternen

Flaschenpostbote Knut greift nach den Sternen

Flaschenpostbote Knut, ein alter Meermann, wie er im Buche stand, kam gerade von der Arbeit nach Hause. Er stellte die nun deutlich leichtere Umhängetasche auf den Boden im Flaschenpostamt. Anschließend nahm er den kleinen Seestern von seiner Brust, legte ihn vorsichtig vor dem Spiegel ab und hängte er seine Uniformjacke an die Garderobe. Seine Mütze hatte nun ebenfalls Feierabend und durfte die kommende Nacht an einem Haken an der Wand verbringen.
Während Knut zur Küche schwamm, fiel sein Blick durch das Fenster. An der Wasseroberfläche war mittlerweile die Sonne untergegangen und die Dunkelheit hatte sich über dem Ozean ausgebreitet. Kleine funkelnde Lichter hingen nun dort oben und verkündeten den Beginn des Abends und der Nacht. Er hielt kurz inne. »Wie ich diesen Anblick liebe. Es ist, als würde für eine Weile die Zeit stehenbleiben und alles unwichtig werden.«
In dem Moment, als er abwenden wollte, blitzte eines dieser Lichter auf, stürzte auf die Erde herab und landete im Ozean.
Knut riss die Augen auf. »So etwas habe ich noch nie erlebt, nur darüber gelesen. Was war es doch gleich?«
Es musste etwas mit den an Land lebenden Menschen zu tun haben. Bei ihnen gab es besonders viele Geschichten. Einige von ihnen handelten von den Sternen. Es wollte dem alten Meermann aber nicht einfallen. Er schwamm in sein Wohnzimmer, suchte das große Regal ab und zog schließlich ein Buch daraus hervor. Vorsichtig blätterte er durch die alten, brüchigen Seetangseiten, bis er die passende Geschichte gefunden hatte. Beinahe hätte er begeistert auf die entsprechende Stelle getippt und ein Loch hindurch gestoßen.
»Das ist es! Ich habe es gefunden. Wenn ein Stern vom Himmel fällt, ist es eine Sternschnuppe und man darf sich etwas wünschen.« Er rieb sich die Hände und überlegte sich sofort mehrere Dinge, die er sich wünschen würde. »Dann muss ich den Stern nur vor allen anderen finden.«
Schnell zog er sich wieder die Uniformjacke an und setzte sich die Mütze auf den Kopf. Er wollte gerade das Flaschenpostamt verlassen, als er ein bittendes »Hallo!« vernahm.
Knut hielt kurz inne und dachte nach. Sollte er Enno wirklich mitnehmen? Der kleine Seestern könnte ihm mit einem eigenen Wunsch zuvorkommen. »Ach, nein. Er kann nur Hallo sagen. Das reicht niemals für einen Wunsch.« Also nahm er den Seestern, heftete ihn sich an die Brust und machte sich schnellstens auf den Weg.
Der Stadtrand war schnell erreicht. Schon nach wenigen Minuten ließen sie das große Ortseingangsschild hinter sich und überquerten die großen Seegraswiesen.
»Moment mal.« Knut kniff die Augen zusammen und hielt sich eine Hand über die Augen, als müsste er seine Augen vor der Sonne schützen, obwohl es Nacht war. »Ist das dort hinten etwa aufgewirbelte Sand? Das muss durch den Stern geschehen sein. Wir sind auf dem richtigen Weg.«
Knut wurde noch etwas schneller. Der Gedanke an einen erfüllten Wunsch trieb ihn an. Er erreichte den Rand der Sandwolke, die im Wasser der Ozeans nur langsam wieder zum Boden rieselte und sah ein deutliches Funkeln in ihrer Mitte. »Wir haben ihn gefunden!«, jubelte er laut, verstummte aber sofort wieder, um nicht andere Sternensucher auf sich aufmerksam zu machen.
Er schwamm weiter und fand den Stern in einem Krater, den dieser offenbar in den Boden geschlagen hatte.
»Hallo!«, rief Enno ihm entgegen.
»Hallo!«, rief dieser zurück und grinste. Doch dann verschwand es auch so schnell, wie es in seinem Gesicht entstanden war. »Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein. Ich wollte eigentlich nur einen Tag am Meer verbringen, aber dann konnte ich nicht rechtzeitig bremsen und bin hier gelandet.«
»Das tut mir sehr leid. Ich hoffe, du hast dich nicht verletzt. Aber wenn du schon mal hier bist, wirst du mir meinen Wunsch erfüllen?«, fragte Knut.
»Hä? Wie? Sehe ich etwa aus, wie der Geist aus der Flasche? Ich kann keine Wünsche erfüllen. Das musst du falsch verstanden haben. Eigentlich ist es so, dass uns abgestürzten Sternen ein Wunsch erfüllt wird.«
Nein, nein, nein. Das konnte, das durfte einfach nicht sein. War alles umsonst gewesen? Er seufzte enttäuscht. »Was hast du dir denn gewünscht?«
Der Stern grinste nun wieder. »Dass mich jemand sucht, findet und zur Meeresoberfläche trägt, damit ich wieder zum Himmel hinauffliegen kann. Ohne mich ist nämlich mein Sternbild unvollständig. Es besteht die Gefahr, dass Seeleute bei navigieren einen Fehler machen und in die falsche Richtung segeln. Das ist eine gefährliche Sache.«
Knut nickte. Das klang logisch. »Ich habe dich gesucht und gefunden. Nun ist es wohl auch an mir, dir den letzten Teil deines Wunsches zu erfüllen.« Vorsichtig hob er den Stern auf, steckte ihn sich in eine Tasche seiner Jacke und brachte ihn zur Oberfläche.
»Mach es gut, kleiner Stern. Ich wünsche dir mehr Glück für deinen Rückweg, als du auf deiner Reise zu uns hattest.«
Nun konnte der Stern doch wieder grinsen. »Du wolltest doch, dass ich dir einen Wunsch erfülle. Jetzt hast du einen ausgesprochen und ich werde mich sofort um die Erfüllung kümmern. Danke.«
Knut riss die Augen auf. Der Wunsch sollte doch für ihn selbst sein, nicht für jemand anderen. Wehmütig blickte er dem Stern nach. »Jetzt bin ich doch etwas traurig. Trotzdem kann er den erfüllten Wunsch besser gebrauchen.«

(c) 2026, Marco Wittler

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