Das Luftschloss (Hörgeschichte)

Das Luftschloss oder „Papa, woher kommt der Regen?“
gelesen von Alex Frost

(c) 2018, Marco Wittler und Alex Frost

Und hier die Geschichte zum Lesen.

483. Alte Bäume

Alte Bäume

Der Frühling war wieder da. Die Tage wurden länger, die Nächte kürzer und die Temperaturen wärmer. Die Menschen ließen ihre dicken Jacken im Keller verschwinden. Dafür tauchten überall die bunten Blumen wieder auf. Überall summten kleine Bienen, Hummeln und Fliegen. Der kalte, dunkle Winter musste sich in den verdienten Winter verziehen.
Mittlerweile wurden auch die Bäume in den Wäldern, Parks und an den Straßen wieder grün. Ihre Äste waren übersät mit grünen Blättern, die bald kühlen Schatten für die heißen Sommertage spenden würden.
Doch leider wurden nicht alle Bäume so grün. Denn bei alten Bäumen ist es, wie bei alten Männern. Den Männern gehen die Haare aus und sie bekommen eine Glatze. Alten Bäumen fehlen irgendwann die Blätter. Dann stehen sie nur noch mit nackten Ästen herum.
Die Menschen denken dann immer, die Bäume wären krank und sägen sie weg, damit Platz für einen neuen Baum ist.
In diesem Frühling war es aber anders. Die alten Bäume wollten sich das nicht mehr gefallen lassen. Deswegen liefen sie eines Nachts davon und versteckten sich gemeinsam vor den gefährlichen Sägen. Aber das war alles andere als einfach. Als großer, ausgewachsener Baum findet man nicht so einfach ein gutes Versteck. Egal, wo sie einen Unterschlupf fanden, die Menschen kamen ihnen sehr schnell auf die Spur.
Irgendwann standen die Bäume mit gepackten Koffern am Bahnhof. In der Stadt konnten sie nicht mehr bleiben, also wollten sie weit weg, wo sie niemand mehr finden konnte. Sie kauften sich Fahrkarten, setzten sich in den Zug und fuhren davon.
Sie fuhren von einem Ende der Welt zum anderen. Sie fuhren in den Norden, in den Süden, nach Ost und nach West. Aber nirgendwo fanden sie das perfekte Versteck vor den Menschen.
Irgendwann stiegen sie ganz verzweifelt auf einen einsamen Berg. »Dort oben werden wir Ruhe finden. Die Menschen werden uns bestimmt nicht so weit folgen. Auf den Bergen ist es kalt und windig.«
Die kletterten weit hinauf, bis sie an die Wolken stießen.
»Lasst euch davon nicht abhalten. Wir müssen weiter.«
Doch dann geschah etwas Seltsames. Die Wolken verfingen sich in den nackten Ästen. Teile von ihnen blieben an den Bäumen hängen.
»Schaut euch das an.« waren die Bäume begeistert. »Wir sehen wieder jung aus.«
Es hatten sich tatsächlich prächtige, weiße Kronen gebildet, die ihre nackten Äste bedeckten.
»Jetzt sehen wir wieder gut aus und müssen uns nie wieder verstecken.«
Also kehrten sie in die Stadt zurück und wurden nun von den Menschen als Wolkenbäume bewundert.

(c) 2014, Marco Wittler

396. Der Wolkenputzer oder „Papa, warum sind die Wolken so grau?“ (Papa erklärt die Welt 37)

Der Wolkenputzer
oder ›Papa, warum sind die Wolken so grau?‹

Sofie saß vor dem Fenster und sah gelangweilt nach draußen. Das Wetter war seit mehreren Wochen schlecht. Die Wolken hingen dunkelgrau am Himmel. Immer wieder fiel strömender Regen auf die Erde hinab. Papa gesellte sich dazu und hielt ihr ein Buch unter die Nase.
»Langeweile?«, fragte er.
Sofie nickte.
»Soll ich dir vielleicht eine Geschichte vorlesen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich wollte doch draußen im Garten spielen. Aber bei dem Wetter geht das einfach nicht.«
Sie schmollte.
»Gegen die dunklen Wolken kann ich leider nichts machen.«, versuchte sich Papa zu entschuldigen.
»Hm.«, machte Sofie.
Sie dachte über die letzten Worte nach, bis sie eine Frage auf den Lippen hatte.
»Papa, warum sind die Wolken eigentlich so grau? Bei gutem Wetter sind sie doch so weiß wie ein Wattebausch.«
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Farbe der Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein kleines Dorf in den weißen Wolken. In ihm lebten ein paar Menschen die den ganzen Tag über nicht viel zu tun hatten. Darum litten sie an großer Langeweile. Manche von ihnen kamen sogar auf ganz dumme Ideen. Da wurde in den Nasen gepopelt oder sich am Po gekratzt. Das war natürlich alles andere als schön und ein guter Grund, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Die Menschen vereinsamten.
Doch eines Tages hatte einer von ihnen, der Martin, eine großartige Idee. Schnell rannte er damit zum Bürgermeister und erklärte diesem, was ihm eingefallen war.
»Wir nehmen uns die ganz kleinen Wolken, bauen einen schnellen Motor in sie ein und veranstalten damit Wettrennen durch den ganzen Himmel.«
»Hm.«, machte der Bügermeister und dachte eine Weile darüber nach.
Er setzte sich in seinen gemütlichsten Sessel und grübelte hin und her, bis er schließlich eine Woche später eine Entscheidung getroffen hatte. Er ließ alle Menschen auf dem Dorfplatz rufen und verkündete ihnen seinen Entschluss.
»Liebe Leute. Von nun an wird sich einiges bei uns ändern. Wir wollen nicht mehr länger gelangweit auf unseren Wolken liegen und darüber nachdenken, was wir tun sollen. Ab sofort werden wir regelmäßig Himmelsrennen veranstalten. Jeder von euch darf daran teilnehmen.«
Der Jubel und die Freude waren natürlich groß und es dauerte nicht lange, bis die ersten Wolkenflitzer fertig waren und durch den Himmel flogen. Fast täglich fanden Rennen statt. Die Zeit der Langeweile war vorbei.
Den Menschen gefiel das sehr gut. Sie setzten sich auf ihre Wolken und gaben sich sehr viel Mühe, schneller als die anderen zu sein. Was sie aber nicht beachteten war ein Problem, mit dem niemand gerechnet hatte. Martin war der erste, der darauf aufmerksam wurde.
»Irgendwie riecht es hier komisch.«, stellte er eines Tages fest, als er sein Haus verließ.
Er atmete tief ein und verfolgte den seltsamen Geruch. Er schien aus keiner bestimmten Richtung zu kommen. Er war überall. Erst nach einer ganzen Weile fiel sein Blick zum Boden.
»Die Wolken schauen auch nicht mehr so schön aus, wie es früher einmal war.«
Tatsächlich war das Schneeweiß einem dunklen Grau gewichen. Die Wolken hatten sich verfärbt.
»Das hat es ja noch nie gegeben. Ich muss sofort etwas unternehmen.«
Martin lief zum Bürgermeister und erzählte, was ihm aufgefallen war.
»Ja, jetzt merke ich es plötzlich auch.«, sagte dieser.
»Was kann das denn nur sein? Wir müssen es unbedingt heraus finden.«
Sie machten sich auf die Suche, aber in keinem Gebäude war etwas zu finden. Erst nach einigen Tagen fiel es ihnen auf.
»Bürgermeister, schau dir das mal an.«
Martin deutete auf den Auspuff eines Wolkenflitzers.
»Da kommt dunkler Rauch heraus. Die Abgase machen unsere Wolken schmutzig.«
Sie hatten die Ursache der Verschmutzung gefunden.
»Aber was machen wir denn jetzt?«
Martin grübelte bereits. Ihm wollte aber keine Lösung einfallen. Die Wolkenrennen konnten sie unmöglich abschaffen. Alle Menschen hatten sich bereits daran gewöhnt und wollten nicht wieder mit der langweiligen Langeweile leben müssen.
»Ich hab da eine Idee.«, sagte der Bürgermeister grinsend.
»Komm doch mal mit mir mit.«
Gemeinsam gingen sie in das kleine Rathaus und suchten dort den Abstellraum des Hausmeisters auf.
»Du hast dir das mit den Wolkenflitzern ausgedacht, mein lieber Martin, also musst du jetzt auch dafür sorgen, dass unsere Wolken wieder schön sauber werden.«
Der Bürgermeister drückte Martin einen Eimer Wasser in die eine Hand und einen Schrubber in die andere.
»Nach jedem Rennen müssen die Wolken wieder schön sauber gemacht werden. Das wird in Zukunft deine Aufgabe sein.«
Martin sah sich seine neuen Arbeitswerkzeuge an.
»In Ordnung.«, sagte er laut seufzend.
»Beim Putzen wird es mir zumindest nicht langweilig.«
Er ging nach draußen und begann sofort mit den Reinigungsarbeiten. Die anderen Wolkenflitzerfahrer wurden darauf natürlich aufmerksam und gesellten sich sofort zu ihm.
»Wir machen die Wolken gemeinsam schmutzig, also werden wir sie auch gemeinsam wieder sauber machen.«
Und schon schwangen sie Schrubber und machten sich an die Arbeit. Ein paar Stunden später erstrahlten die Wolken wieder in ihrer schneeweißen Farbe.

»Wenn sie dann dort oben in den Wolken beim Putzen mal etwas Wasser daneben geht, fällt es als Regen zur Erde herunter.«, beendete Papa seine Geschichte.
»Moment mal.«, protestierte Sofie.
»Hast du mir nicht mal etwas ganz anderes über den Regen erzählt?«
Papa machte ein ganz unschuldiges Gesicht.
»Nein, das kann gar nicht sein.«, entgegnete er grinsend.
Sofie begann zu lachen.
»Das war eine sehr schöne Geschichte, aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Sie fiel Papa um den Hals und drückte ihn an sich.
»Weißt du was? Jetzt gehe ich nach draußen und werde das wunderschöne Wetter genießen. Immerhin kommen gerade die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken.«
Sofie stand auf und lief nach draußen in den Garten.

(c) 2012, Marco Wittler

370. Wenn sich Engel langweilen

Wenn sich Engel langweilen

Fünf Engel saßen im Himmel und langweilten sich. Einer von ihnen spielte lustlos mit seinem Heiligenschein, ein anderer starrte Löcher in die vielen Wolken und verschaffte so der Sonne ein paar kleine Durchgänge zur Erde. Die anderen drei überlegten, ob sie heimlich in der Nase bohren sollten, hatten aber Angst, dabei erwischt zu werden. Also ließen sie es lieber bleiben.
»Was haltet ihr davon, wenn wir etwas gemeinsam unternehmen? Dann vergeht uns bestimmt die Langeweile?«
Diesem Vorschlag stimmten sie natürlich sofort zu. Doch dann mussten sie sich erstmal etwas einfallen lassen und saßen wieder gelangweilt herum.
Weil ihm nichts Besseres einfiel, spuckte einer der Engel im hohen Bogen durch den Himmel.
»Juhuu. Ich habe eine ganz kleine Wolke getroffen. Ich wette, dass schafft ihr nicht.«, rief er grinsend.
Das ließen sich seine vier Freunde natürlich nicht noch einmal sagen. Sie standen auf und spuckten, was das Zeug hielt. Dabei wurden sie immer mutiger, sprangen von Wolke zu Wolke und trafen immer schwierigere Ziele, bis sie plötzlich ein lautes Räuspern hinter sich hörten.
Erschrocken drehten sie sich um und sahen hinter sich Gabriel, einen der Erzengel, der ihnen nacheinander streng in die Augen blickte.
»So, so. Wettspucken. Ist das nicht bei uns im Himmel verboten?«
Zunächst blickten die fünf Engel verschämt auf ihre kleinen Füße, doch dann fand doch noch einer von ihnen seine Sprache wieder.
»Bis jetzt hat es uns noch niemand verboten.«
»Ehrlich nicht?«, fragte Gabriel und begann zu grinsen.
»Na dann schaut euch das mal an.«
Er holte tief Luft, spuckte und traf gleich vier Wolken gleichzeitig.
Zur gleichen Zeit öffneten die Menschen auf der Erde ihre Regenschirme oder setzen sich Mützen auf die Köpfe. Manche von ihnen wunderten sich, dass es gerade jetzt zu regnen begann, denn im Wetterbericht hatte man ihnen erzählt, dass es trocken bleiben sollte. Das war wirklich sehr verwunderlich.

(c) 2011, Marco Wittler

353. Die Wolkenbahn

Die Wolkenbahn

»Gleich fahren wir den Berg hinauf.«, erklärte Papa, als er den Wagen auf den Parkplatz lenkte.
»Wie geht denn das?«, wollte Finn wissen.
»Wir fahren mit einer Gondelbahn.«
Finn konnte die Erklärung nicht richtig hören, denn genau in diesem Moment fuhr ein laut hupendes Auto an ihnen vorbei.
»Wir fahren mit einer Wolkenbahn?«, war Finn erstaunt.
Papa musste lachen.
»Nein, das ist eine Gondelbahn.«
»Aber vorher hast du Wolkenbahn gesagt.«, stellte Finn fest.
Sie stiegen aus und näherten sich der großen Seilbahn. Als sie an ihr hinauf schauen, begann Finn zu grinsen.
»Siehst du, ich hab es dir doch gesagt. Es ist eine Wolkenbahn.«, und deutete mit dem Finger hoch.
Tatsächlich war der Beggipfel hinter einer dicken Wolkcndecke verschwunden.
Papa musste grinsen.
»Aber wir fahren nur auf einen Berg und nicht bis in den Himmel hinauf.«
Doch Finn gab sich damit nicht zufrieden.
»Wir werden ja sehen, wer Recht hat.«
Sie stiegen in eine der Gondeln ein und und schwebten damit am Berg hinauf. Es ging immer höher und höher. Der Parkplatz und die Talstation entfernten sich immer weiter und wurden kleiner und kleiner.
Und plötzlich war Papa erstaunt, denn es geschah etwas, das er nicht erwartet hatte.
»Huch. Was ist denn das?«
Die Gondel machte nämlich nicht auf der Bergspitze halt, sondern schwebte einfach weiter.
»Hier geht aber etwas nicht mit rechten Dingen zu.«
Finn lachte.
»Siehst, du. Ich habe die ganze Zeit Recht gehabt. Wir sitzen doch in einer Wolkenbahn.«
Nach ein paar Minuten kamen sie über den Wolken an. Die Gondel bremste, öffnete die Türen und wartete darauf, dass ihre beiden Fahrgäste aussteigen würden. Doch Papa zögerte.
»Ich weiß nicht. Das ist mir zu gefährlich. Wir werden bestimmt zur Erde fallen.«
Aber da war Finn bereits an der Tür. Er schloss seine Augen, machte einen Schritt vor und sprang. Es ging tatsächlich ein paar Meter hinunter, doch dann landete er auf einer Wolke, die so weich wie Watte war.
»Das ist cool. Das musst du unbedingt ausprobieren, Papa.«
Also blieb Papa nichts anderes mehr übrig. Er sprang seinem Sohn nach und landete ebenfalls ganz sanft.
»Wer hätte das gedacht.«, sagte Papa erstaunt.
»Wir sind wirklich mit einer Wolkenbahn gefahren.«

(c) 2010, Marco Wittler

170. Der Hirte oder „Papa, warum sehen die Wolken wie Schäfchen aus?“ (Papa erklärt die Welt 24)

Der Hirte
oder ›Papa, warum sehen Wolken wie Schäfchen aus?‹

Sofie saß verträumt vor ihrem Fenster und sah in den blauen Himmel hinauf, der langsam dunkler wurde. Hin und wieder zog eine kleine weiße Wolke über ihn hinweg. In diesem Moment kam Papa in ihr Zimmer.
»Du liegst ja noch gar nicht im Bett. Dabei ist es doch allerhöchste Zeit zum Schlafen.«
Sofie stand langsam auf und legte sich in ihr  Bett. Papa zog ihr die Decke bis knapp unter die Nase und wollte gerade ein Buch mit Gute Nacht Geschichten aus dem Regal holen, als seiner Tochter etwas einfiel.
»Papa, warum sehen die Wolken eigentlich wie Schäfchen aus?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von den Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal in einer Zeit, in der man noch nicht so gut über das Wetter Bescheid wusste. Die Bauern mussten einfach darauf hoffen, dass es genug Regen gab, damit ihre Felder nicht vertrockneten. Aber die Sonne musste ebenfalls reichlich scheinen, sonst verkümmerten die Pflanzen. Würde der nächste Winter mild ausfallen oder mussten die Menschen mehr Brennholz für die kalten Monate sammeln? Selbst die Kriegsheere wussten nie, ob sie bei einer Schlacht nasse Füße bekamen. Einen Wetterbericht gab es noch nicht.

Eines Tages saß König Theodor von Rotenfels in seinem Thronsaal und empfing seinen höchsten militärischen Berater.
»Es ist etwas Schreckliches geschehen, euer Majestät.«, begann dieser zu erklären.
»Mit hoch erhobenem Haupt zogen unsere Soldaten in die Schlacht gegen unser Nachbarland Schwarzenberg. Es sah danach aus, als würden wir den Krieg gewinnen. Doch dann zogen tiefgraue Wolken über den Himmel und es regnete wie aus großen Fässern. Das Schlachtfeld verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in Matsch und unsere Männer verloren darin ausnahmslos ihre Stiefel und Strümpfe. Es blieb uns nichts anderes übrig, als und zurück zu ziehen. So etwas ist uns noch nie zuvor geschehen. Die gegnerischen Truppen haben uns ausgelacht und verhöhnt.«
Als der König das hörte, wurde er wütend. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen. Er rief sofort nach seinen Beratern und dem Hofzauberer.
»Meine Herren, es muss unbedingt etwas gegen dieses verdammte Wetter unternommen werden. Es kann nicht sein, dass ich als König über alles und jeden bestimmen kann, nur die Wolken am Himmel widersetzen sich mir. Lasst euch also etwas einfallen.«
Die Berater zogen sich sogleich zurück, während der Zauberer sofort eine Idee im Kopf hatte.
»Wenn ihr erlaubt, euer Majestät, werde ich den Himmel verhexen. Er wird dann nur noch auf euer Wort hören.«
Er stellte sich an das Fenster, wirbelte wild mit seinem Zauberstab durch die Luft und murmelte Beschwörungen vor sich hin. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Sofort sah der König hinaus und rief dem Himmel entgegen.
»Lass die Wolken verschwinden und zeige mir die Sonne.«
Doch nichts geschah.
Wütend drehte er sich um, doch sein ängstlicher Zauberer war bereits aus dem Thronsaal verschwunden.

Ein paar Tage später traten die Berater wieder vor den König. Sie mussten ihm mitteilen, dass sie keine Lösung für das Problem gefunden hatten. Der Himmel entzog sich einfach ihrer Macht.
»Aber es muss doch etwas geben, wie wir das Wetter für unsere Zwecke manipulieren können.«, sprach der König verzweifelt vor sich hin, während er aus dem Fenster sah.
»Wenn man die Wolken so einfach zusammen und fort treiben könnte, wie der Hirte dort unten seine Schafe, dann wäre das eine feine Sache.«
Er kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eigentlich keine so schlechte Idee. Schnappt euch den Hirten da unten und bringt ihn in den Himmel zu den Wolken. Er soll von nun an dort oben seine Arbeit verrichten.«

Und so geschah es auch schon am nächsten Tag. Mit einer riesigen Schleuder schickte man den Schäfer in den Himmel. Von diesem Moment an, hütete er die vielen Wolken. Regelmäßig schien nun die Sonne und es regnete nur, wenn es vom König erlaubt wurde.
Ein paar Wochen später standen sich wieder die Kriegsheere von Rotenfels und Schwarzenberg gegenüber. Schon bald sollten sie in die Schlacht ziehen. Doch in dem Moment, als die ersten Soldaten aufeinander zu stürmten, begann es wie aus Eimern zu regnen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der Boden wieder in Matsch.
König Theodor beobachtete das alles  von seinem Fenster aus und wurde wütend, als der die dunklen Wolken erblickte. Nun würden seine Männer wieder Stiefel und Strümpfe verlieren. So konnte man einfach keinen Krieg gewinnen.
Sofort rief er zum Wolkenschäfer hinauf und befahl ihm, die Wolken fort zu treiben. Doch dieser hatte etwas ganz anderes im Sinn.
»Mein König, ich kann die Wolken nicht vertreiben, denn Krieg ist eine schlimme Sache. Die Soldaten kämpfen und werden sich gegenseitig töten. Das Land des Verlierers fällt in Armut und den Bewohnern wird es sehr schlecht gehen. Sie werden nicht genug zu Essen haben und werden daher viel öfter krank sein. Das kann ich einfach nicht zulassen. Gerne werde ich weiterhin das Wetter nach euren Wünschen gestalten. Aber einen Krieg wird es nicht mehr geben, solang ich die Wolken hüte.«
Irgendwie hatte der Hirte Recht, sagte sich der König. Jeder Krieg sorgte für große Probleme. Aber trotzdem mussten Schlachten ausgetragen werden. Sonst konnte man sich seine Gegner nicht vom Hals schaffen.
»Ich hätte da eine Idee.«, schlug der Wolkenschäfer vor.
»Einigt euch mit den Schwarzenbergern auf Frieden. Ich kann auch für zwei Länder die Wolken kontrollieren. Und wenn unsere beiden Länder miteinander Handel treiben, profitieren wir alle davon.«

Ein paar Minuten später sah man einen prunkvoll gekleideten Mann auf das Schlachtfeld gehen. Es war König Theodor. In seiner Hand hielt er einen Friedensvertrag, den er den gegnerischen Truppen übergab.
Schon kurz darauf dachte niemand mehr an einen schrecklichen Krieg.

»Und deswegen sehen die Wolken aus wie Schäfchen?«, fragte Sofie.
Papa nickte und zwinkerte mit dem rechten Auge.
»Der Hirte brauchte doch etwas, das er gewohnt war. Vorher sahen die Wolken noch ganz anders aus.«
Nun musste Sofie lachen.
»Deine Geschichten sind wirklich klasse. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Sie wünschte Papa eine gute Nacht, drehte sich um und schlief fast sofort ein.

(c) 2009, Marco Wittler

133. Liebe über den Wolken

Liebe über den Wolken

Prinzessin Cirrovelum lebte gemeinsam mit ihren Eltern in einem wunderschönen Schloss. Die Mauern waren schneeweiß und kuschelig weich, wie alles in dieser Gegend, denn die Königsfamilie lebte in einem Wolkenschloss.
Tag für Tag stand die Prinzessin auf ihrem Balkon und begrüßte am frühen Morgen die aufgehende Sonne, sobald die ersten Lichtstrahlen zu sehen waren. Kurz nach dem Frühstück erschien dann ein Lehrer und brachte ihr die wichtigsten Dinge bei, damit sie später einmal die Regierungsgeschäfte ihres Vater übernehmen könnte. Ab dem Nachmittag wurde es Cirrovelum dann sehr langweilig.
»Es gibt hier überhaupt nichts zu tun. Wenn das Schloss geputzt werden muss, beginnt es zu regnen und schon sind alle Wolken sauber. Ich kann nicht einmal mit einem Ball spielen, da er sehr schnell auf die Erde herunter fallen kann. Es ist einfach viel zu langweilig hier.«
Die Prinzessin wünschte sich jemanden herbei, denn Freunde hatte sich ihr ganzes Leben lang nicht gehabt. Das Königreich der Wolken war über die ganze Erde verteilt. Auf jeder einzelnen Wolke lebten nur eine Handvoll Menschen. Man traf sich daher nur sehr selten. Also stand Cirrovelum bis zur Schlafenszeit auf ihrem Balkon und beobachtete die Menschen auf der Erde unter sich.
Nur zu gerne wäre sie auf die Oberfläche herab gestiegen, um Freunde zu finden und sich mit ihnen die Zeit zu vertreiben, Späße zu machen und um einmal nicht einsam zu sein. Doch leider führten keine Treppen oder Leitern nach unten.

Auf der Erde lebte Julian. Er war ein junger und neugieriger Bursche, der vor nichts Angst zu haben schien. Tag für Tag streunte er durch die Gegend und besah sich neue Dinge, die er noch nicht kannte. Er hatte dunkle Wälder und tiefe Höhlen erforscht. Doch eines seiner Ziele hatte er bisher nicht erreicht.
»Eines Tages will ich über die Wolken spazieren gehen und mir die Welt von oben beschauen. Dann kann ich allen Menschen davon berichten.«
Er malte sich in seinen Gedanken aus, wie er barfuß über die Wolken lief und seine Zehen feucht wurden. Das musste ein noch viel schöneres Gefühl sein, als über taufrische Wiesen zu gehen.
»Aber wie komme ich bloß da oben hin? Es gibt ja keinen Weg, keine Treppe oder Leiter.«
Jeden Abend saß er auf einer alten Bank vor seinem Haus und überlegte, wie er zum Himmel hinauf kommen konnte.

Eines schönen Tages flog ein großer Adler zwischen der Erde und den Wolken hindurch. Er hatte Hunger und suchte nun nach einem Beutetier, welches er verschlingen konnte. Da seine Augen aber nicht mehr die Besten waren, suchte er sich einen Menschen als Opfer aus.
Schnell wie ein Pfeil stürzte er sich zu Boden und griff mit seinen Klauen zu. Er bekam den Menschen an seinen Schultern zu packen und zog ihn hoch hinaus in die Lüfte.
Der Adler sah sich um, konnte sein Nest aber nicht entdecken. Dazu fehlte ihm eindeutig etwas.
»Ach, wenn ich doch nur als Mensch geboren wäre, dann hätte ich mir schon längst eine Brille zugelegt. So werde ich nie zu meinem Nest zurück finden.«
Julian war überrascht und erschrocken, als er plötzlich auf seinem Weg in die Stadt angegriffen und hoch hinaus gerissen wurde. Scharfe Krallen hatten sich in seine Kleidung gebohrt und kratzten nun schmerzhaft über die Haut seiner Schultern. Als er nach oben sah, entdeckte er den großen Adler und hörte, was dieser für ein Problem hatte.
»Du brauchst tatsächlich eine Brille. Dann verwechselst du uns Menschen auch nicht mehr mit kleinen Hasen. Wenn du mich nicht auffrisst, werde ich dir helfen.«
Der Adler war natürlich sehr erstaunt. So ein Fehler war ihm noch nie passiert. Schnell landete er auf einer Wolke und setzte den Menschen neben sich ab.
»Es tut mir wirklich sehr leid. Da meine Augen aber schon so alt sind, erkenne ich nicht mehr alles.«
Er entschuldigte noch weitere zwanzig Mal und beteuerte immer wieder, nicht einen einzigen Menschen in seinem ganzen Leben gefressen zu haben. Julian war sehr froh, das zu hören und hatte schon eine Idee, wie er dem Vogel helfen konnte.
»Ich war erst gestern bei meinem Vater.«, erzählte er.
»Ich habe ihm eine neue Brille gekauft und wollte seine alte zurück zum Optiker bringen. Aber ich denke, dass du sie viel besser gebrauchen kannst.«
Er griff in seine Tasche, zog das Gestell heraus und setzte es dem Adler auf den Schnabel.
»Du meine Güte. Ich kann wieder alles sehen. Sogar mein Nest in den Bergen erkenne ich nun wieder. Das ist wirklich unglaublich. Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei dir bedanken soll.«
Julian lächelte. Er freute sich, jemandem geholfen zu haben.
»Vielleicht bringst du mich einfach wieder zur Erde zurück, denn ich weiß nicht, wie ich von hier wieder herunter kommen soll.«
Doch in diesem Moment wurde ihm erst klar, wo er sich nun befand. Er saß auf einer watteweichen Wolke und schwebte mit ihr über die Erde. Vorsichtig stand er auf und wollte ein paar Schritte gehen, als ihn der Adler zurückhielt.
»Bleib wo du bist. Über Wolken können nur die Wolkenmenschen gehen. Alle anderen können nur in der Mitte sitzen. Du würdest bei deinem ersten Schritt nach unten stürzen.«
Julian war enttäuscht. Nun war er schon so weit gekommen und konnte es nicht einmal genießen.
»Die Wolkenmenschen haben es wirklich gut. Ich beneide sie.«
Er dachte etwas nach. Wolkenmenschen? Davon hatte er noch nie etwas gehört.
»Wer sind denn diese Leute, die hier oben leben?«
Der Adler breitete einen Flügel aus und zeigte mit seinen Federn auf ein großes flauschiges Schloss.
»Dort wohnt der Wolkenkönig mit seiner Familie. Er herrscht über alle großen und kleinen Wolken.«
Julian besah sich das weiße Gebäude und sah eine junge Frau von einem Balkon nach unten schauen.
»Wer ist diese Schönheit? Ist sie eine Wolkenfrau?«
»Das ist die Prinzessin. Sie steht jeden Tag dort und langweilt sich, weil sie niemanden hat, der ihr die Zeit vertreibt.«
Julians Herz machte einen kleinen Hüpfer.
»Ich möchte zu ihr gehen. Vielleicht bin ich ja derjenige auf den sie schon so lange wartet.«
Der Adler schüttelte den Kopf und seufzte. Schließlich hatte er dem Menschen doch schon erklärt, dass sie beide nur in der Mitte der Wolke stehen oder sitzen konnten.

Cirrovelum stand auf ihrem Balkon und langweilte sich. Nicht einmal die alte Krähe, die im Gemach der Prinzessin jeden Tag auf einer Vogelstange saß, vermochte dies zu ändern. Dafür fühlte sie sich auch schon viel zu alt.
»Was ist denn das? Kann ich meinen Augen trauen oder spielen sie mir einen Streich?«
Die Krähe kam hervor geflogen und blickte eine Weile in die Ferne.
»Ihr seht recht Prinzessin. In der Mitte der Wolke sind ein Adler und ein Mensch gelandet. Das kommt wirklich sehr selten vor.«
Cirrovelum sah ganz angestrengt zu den beiden unerwarteten Besuchern und spürte ein wohliges Gefühl in ihrem Herzen.
»Vielleicht möchte der hübsche Bursche eine Zeit lang mein Gast sein. Wir könnten uns gemeinsam die Zeit vertreiben.«
Die Krähe schüttelte den Kopf.
»Aber eure Majestät. Ihr wisst doch, dass Erdenmenschen und andere Kreaturen nur in der Mitte unserer Wolken sitzen können. An anderen Stellen würden sie sofort zur Erde stürzen. Nur eures und mein Volk ist in der Lage hier oben zu leben.«
Cirrovelums Stimmung wurde wieder schlechter. Sie hatte sich schon darauf gefreut nicht mehr allein zu sein. Die Krähe bemerkte dies und kam ins Grübeln.

Julian war wieder zurück auf der Erde. Er saß auf seiner Bank und starrte traurig auf die Wolken.
»Ach, wie schön es doch gewesen wäre, wenn ich die Prinzessin getroffen hätte.«
Sein Herz war mittlerweile in Liebe entbrannt. Julian konnte nur noch an Cirrovelum denken.
Während er vor sich hin träumte, landete ein alter Vogel vor seinen Füßen. Es war die Krähe der Prinzessin.
»He, junger Bursche. Willst du wirklich zu den Wolken hinauf, um die hübsche Königstochter zu besuchen?«
Julian war überrascht. Noch nie hatte eine Krähe zu ihm gesprochen.
»Ja, das würde ich sehr gerne. Aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll.«
Der Vogel lachte leise.
»Ich wüsste da eine Möglichkeit. Nimm dir meine Flügel. Du kannst sie dir an deinen Rücken heften. Mit ihnen wirst du im Wolkenschloss leben können, ohne zum Boden zu stürzen.«
Julian wusste gar nicht was er sagen sollte. Mit einem solch edlen Angebot hätte er nie gerechnet.
»Das kann ich nicht annehmen. Du brauchst deine Flügel doch selber.«
Der Vogel winkte ab.
»Ich bin schon sehr alt. Meine Zeit ist gekommen. Da werde ich meine Flügel also nicht mehr brauchen. Die letzten paar Tage, die mir in meinem Leben noch bleiben, werde ich glücklich auf der Erde verbringen, denn ich weiß, dass ich zwei Menschen mit meinem Geschenk glücklich machen werde.«

Und so geschah es. Julian heftete sich die Flügel an den Rücken und flog hoch hinaus in die Lüfte. Im Wolkenschloss traf er dann zum ersten Mal auf die Prinzessin, die sofort ihren Traumprinzen in ihre Arme schloss.

(c) 2008, Marco Wittler

119. Plitsch Platsch, ein Regentropfen oder „Papa, warum fallen die Regentropfen?“ (Papa erklärt die Welt 17)

Plitsch Platsch, ein Regentropfen
oder ›Papa, warum fallen die Regentropfen?‹

Sofie spielte im Garten in ihrem Sandkasten und baute eine riesige Burg. Sie bemerkte gar nicht, dass nach und nach die Sonne verschwand und dunkle Wolken über den Himmel zogen. Weit in der Ferne grollte es leise und hin und wieder war ein kurzer, aber sehr heller Lichterschein zu sehen. Erst als die ersten Regentropfen zum Boden fielen und kleine Löcher in die Sandburg gruben, bemerkte Sofie, dass es langsam Zeit wurde, um ins Haus zu gehen. Doch noch ehe sie durch die Tür verschwunden war, gab es einen Wolkenbruch. Wie aus großen Kübeln und Eimern goss es plötzlich vom Himmel herab.
Während Sofie im Flur die nassen Schuhe und Söckchen auszog, kam Papa mit einem großen Handtuch herbei geeilt, schlang seine kleine Tochter darin ein und rubbelte sie trocken.
»Da hat es dich ja voll erwischt. Du hättest öfter nach dem Wetter schauen müssen.«, sagte er vorwurfsvoll.
Sofie sah ihn nur unverständlich an und antwortete ihm in ihrer typischen Art.
»Aber Papa. Du bist doch der Erwachsene von uns beiden. Du hättest öfters mal nach draußen nach mir schauen müssen, anstatt dich hinter deiner Zeitung und deiner Tasse Kaffee zu verstecken. Dann wäre das alles nicht passiert.«
Papa wusste nicht, was dazu sagen sollte, so überrascht war er.
»Vielleicht hast du ja Recht. Aber nun ab mit dir in die Badewanne, damit du dich nicht erkältest.«

Eine halbe Stunde später stand Sofie frisch gebadet und in trockenen Sachen im Wohnzimmer. Es regnete noch immer und der Sandkasten wurde matschiger und matschiger.
»Also heute kann ich da drin nicht mehr spielen.«
Papa sah von seiner Zeitung auf und hielt seiner Tochter den Wetterbericht vor die Nase.
»Draußen spielen kannst du eh für heute vergessen. Es soll den Rest des Tages nicht mehr aufhören.«
Sofie war sauer. Sie wollte sich vom Wetter nicht sagen lassen, wo sie spielen konnte und wo nicht.
»Das ist gemein und unfair. Mich hat mal wieder keiner gefragt. Papa, warum fallen eigentlich die Regentropfen?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Regentropfen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine weiße Schäfchenwolke. Sie flog hin und her und durchkreuzte für ihr Leben gern den Himmel. An manchen Tagen war sie allein unterwegs und dann wieder mit ihren Freunden zusammen. Wer aber nun denkt, dass eine Wolke einfach nur eine Wolke ist, dann hat er sich getäuscht. Man muss nur genau hinschauen, dann sieht man ganz genau, woraus eine Wolke besteht. Mit einer Lupe kann man unzählige kleine Wassertröpfchen erkennen.
Die kleinen Tropfen halten sich an den Händen und tanzen wild im Kreis umher. Sie feiern ständig ein großes Fest und könnten sich nichts anderes vorstellen, als in ihrer großen Gemeinschaft zu leben. Und so treibt es sich vom einen Ende des Himmels zum anderen. Sie fliegen von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Wenn sie überall einmal gewesen sind, beginnen sie mit ihrer Reise wieder von vorn und tanzen munter weiter.
Einer dieser Tropfen war PlitschPlatsch. Man konnte ihn von seinen Freunden nicht unterscheiden, denn sie sahen alle gleich aus und tanzten im Kreis umher. Er freute sich, dass das Leben so schön war und es sich niemals ändern würde. So dachte er jedenfalls. Aber da hatte er auch noch nichts von der großen schwarzen Gewitterwolke gehört.
Die Gewitterwolke flog ebenfalls über den Himmel. Auch in ihr lebten viele Wassertropfen. Allerdings lebte in ihrer Mitte noch jemand anderes. Ein heller Blitz wartete nur darauf, im Himmel für ein großes Durcheinander zu sorgen. Sobald er auf eine weiße Wolke traf, fuhr er aus seinem Versteck heraus und erschreckte alle kleinen Tropfen, die er fand.
PlitschPlatsch ahnte nichts davon. Als er sich eines Tages umsah und eine schwarze Wolke entdeckte, freute er sich darüber, neue Freunde kennenlernen zu können.
»Vielleicht leben dort drüben ganz viele fröhliche Regentropfen von denen wir neue Spiele, Tänze und Lieder lernen können.«, sagte er den anderen.
Immer näher kam das dunkle Ungetüm. Als es nur nur einen Tropfensprung weit entfernt war, sauste plötzlich etwas Helles daraus hervor. Es war der Blitz. Wie ein wildes Tier jagte er um die kleine weiße Wolke herum. Lauten Donnerknall lies er ertönen.
Die vielen kleinen Regentropfen erschraken und fürchteten um ihr Leben. In ihrer Angst lösten sie sich aus ihren Kreisen, um vor dem unerwarteten Licht zu flüchten. Doch da bemerkten sie ihren Fehler. Als sie ihre Hände voneinander lösten, fielen sie zu Boden.
PlitschPlatsch war einer von ihnen. Sein ganzes Leben hatte er in der kleinen Wolke verbracht. Er war dort geboren worden und hatte immer nur getanzt, gesungen und gelacht. Immer hatte er die Hände der anderen gehalten. Doch nun war er allein und sauste auf die Erde unter seinen Füßen zu.
Seine Angst wurde noch größer. Er wusste nicht, wie ihm geschah und was nun passieren würde. Der Gedanke an den Aufschlag war erschreckend, aber von nun an allein zu sein, war noch schlimmer. PlitschPlatsch schrie. Um ihn herum zuckte noch immer der Blitz und donnerte wie wild.
Plötzlich prallte er auf etwas weichem auf. Es war grün und gab nach. Es war das Blatt eines Baumes. PlitschPlatsch versuchte, sich fest zu halten, aber seine kleinen Händchen waren nicht stark genug. Er rutschte ab und fiel weiter, bis er schließlich am Boden ankam.
Dort saß er nun einsam und allein. Der Himmel und seine Freunde waren unendlich weit fort. Selbst der Blitz war von unten nicht mehr zu sehen.
»Ich werde für immer allein sein.«, rief er in die Stille des Tages hinein.
Da hatte er sich allerdings getäuscht. Mit einem Mal ertönte ein lautes, prasselndes Geräusch. Nur Sekunden später fielen weitere Wassertropfen auf den Boden und bildeten sehr schnell eine große Pfütze.
PlitschPlatsch war überglücklich. Seine Freunde waren auch herab gefallen und gesellten sich nun zu ihm. Von nun an würden sie gemeinsam ihr Leben am Boden verbringen, denn auch dort konnte man lachen, tanzen und singen. Und ein Blitz würde sich ganz bestimmt nicht hier herab wagen.

Sofie sah wieder nach draußen und betrachtete die Pfützen, die sich in der Wiese des Gartens gesammelt hatten.
»Und das sind jetzt die vielen Regentropfen, die aus den Wolken gefallen sind?«
Papa nickte.
Sofie verzog das Gesicht zu einem Grinsen.
»Ich glaube dir kein einziges Wort. Das hast du dir doch bloß ausgedacht.«
Papa schüttelte mit dem Kopf und beschwor seine Ehrlichkeit. Aber Sofie wusste es diesmal besser.
»Und was ist mit der weinenden Prinzessin aus dem Wolkenschloss? Ich dachte wegen ihr regnet es immer wieder.«
Da hatte Papa wohl eine seiner Geschichten wieder vergessen.

 (c) 2008, Marco Wittler