608. Einsame Weihnachten

Einsame Weihnachten

Felix konnte es kaum noch aushalten. Die Anspannung in ihm war riesig groß und würde bestimmt bald aus ihm raus platzen.
„Wann fahren wir denn endlich?“, drängelte er immer wieder.
„Gleich.“, beruhigte ihn Mama. „Papa packt nur noch die letzten Taschen ins Auto. Du kannst dir ja schon deine Jacke anziehen und die Mütze aufsetzen.“
„Juhuu!“, jubelte Felix. „Endlich geht es los. Endlich kann ich Oma wiedersehen.“
Und insgeheim dachte er auch schon an die Bescherung am Abend. Er freute sich riesig auf seine Weihnachtsgeschenke. Was er wohl dieses Jahr alles bekommen würde?
Zehn Minuten später saß die ganze Familie im Auto und fuhr los. Es ging durch die kleine Wohnsiedlung, bis sie an einem kleinen Café auf die Hauptstraße einbogen.
„Da ist ja noch Licht an. Ich dachte, an Weihnachten haben alle Geschäfte geschlossen und die Besitzer feiern auch mit ihren Familien.“
„Im Normalfall ist das auch so. Aber der alte Gerd sitzt jedes Jahr allein in seinem Café. Er deckt die Tische ein, kocht Kaffee, backt Kuchen und wartet auf Gäste. Das war schon immer so.“
Ganz alleine Weihnachten feiern? Das gefiel Felix überhaupt nicht.
„Kann man denn da gar nichts machen? Können wir den Gerd nicht mal zu Weihnachten einladen? Der ist immer so nett zu uns, wenn wir bei ihm Kuchen essen.“
Papa seufzte.
„Diese Idee hatte ich auch schon ein paar Mal. Ich habe den alten Gerd schön öfter eingeladen. Aber bis jetzt hat er immer abgelehnt. Er sagte, dass er nicht allein wäre und sich in seinem Café wohl fühlen würde.“
Sie fuhren weiter. Oma wartete bestimmt schon. Aber irgendwie war die Weihnachtsfreude nicht mehr ganz so groß, wie vorher.
„Können wir es nicht noch einmal versuchen? Vielleicht mag der Gerd dieses Jahr doch mal mit uns feiern.“
Papa nickte. „Na gut. Einmal versuchen wir es noch.“
Er drehte am nächsten Kreisverkehr und fuhr zurück zum Café. Dann parkte er sein Auto davor und alle stiegen aus. Gemeinsam betraten sie die warme Stube, in der es bereits lecker nach Kaffee und Kuchen duftete.
„Guten Abend, Gerd. Wir wünschen dir frohe Weihnachten.“, sagte Papa.
Der alte Gerd lächelte.
„Frohe Weihnachten. Was kann ich für euch tun?“
„Ähm … ja … also …“
Papa stotterte etwas herum, bevor er mit der Sprache raus kam.
„Du kennst das ja. Weihnachten ist das Fest der Liebe, Freundschaft, des Beisammenseins. Und an Tagen wie diesen sollte niemand allein sein. Deswegen wollte ich wieder mal fragen, ob du Weihnachten nicht mit uns zusammen verbringen möchtest.“
Gerd lächelte noch immer.
„Vielen Dank für euer Angebot. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber mir geht es eigentlich ganz gut. Und ich werde auch nicht so ganz allein sein. Ich bekomme bestimmt bald Gäste. Sie sind schon auf dem Weg zu mir. Ich Kuchen gebacken, Kaffee gekocht und die Tische sind auch fertig eingedeckt. Es wird bestimmt ein schöner, besinnlicher und fröhlicher Abend. Nehmt es mir also bitte nicht übel, wenn ich auch dieses Jahr euer Angebot ablehne.“
Papa wollte es noch ein zweites Mal versuchen, Gerd zu überreden, aber dieser winkte sofort ab.
„Ihr müsst euch wirklich keine Sorgen um mich machen. Es ist alles in bester Ordnung. Und nun macht euch wieder auf den Weg. Ihr wollt doch nicht zu spät kommen. Außerdem werden meine eigenen Gäste bald da sein.“
In diesem Moment waren bereits laute Geräusche von draußen zu hören. Was er genau hörte, konnte Felix gar nicht sagen. Es klang wie das Geklapper von Hufen auf Asphalt, wie das Klingen von kleinen Glöckchen, Gelächter und anderen Dingen.
Nun war es der alte Gerd, der seufzte. „Ach je. Sie sind zu früh dran. Der Chef ist wohl eher fertig geworden. Er wird bestimmt nicht begeistert sein, wenn hier noch andere Gäste im Café sind. Sobald er seine Arbeit erledigt hat, ist er froh, Ruhe zu haben.“
Die Tür öffnete sich und eine große Schar Leute stürmte herein. Es waren aber keine üblichen Gäste. Keiner von ihnen schien ein Mensch zu sein. Sie waren nicht größer als Felix, trugen Anzüge in rot und grün und hatten spitze Ohren.
„Weihnachtselfen!“, entfuhr es Felix überrascht. „Es gibt sie wirklich.“
Er dachte hitzig nach. „Aber das bedeutet dann auch, dass es auch ihn gibt, den …“
Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht. Denn dann stand er auch bereits in voller Größe und Breite in der Tür.
„… Weihnachtsmann.“, beendete der alte Gerd den Gedanken und begrüßte damit seinen berühmten Gast.
„Ich freue mich, dass du es geschafft hast. Setz dich doch. Dein Kaffee kommt gleich.“
Er versuchte, den Blick des Weihnachtsmanns auf die unerwarteten Gäste zu verdecken. Doch das gelang ihm nicht.
„Wen haben wir denn da?“, rief der Weihnachtsmann erfreut. Er baute sich vor Felix auf, hängte seine Daumen in seinem breiten Gürtel ein und betrachtete den Jungen von oben bis unten.
„Felix Schmidt. Kenn ich doch. Bist ein braver Junge dieses Jahr gewesen. Schön, dich und deine Familie mal persönlich zu treffen.“
Er schüttelte jedem die Hand.
„Hey Gerd. Warum hast du nicht gesagt, dass du noch mehr Gäste eingeladen hast? Dann hätte ich die Geschenke gleich mitgebracht. Und wo ist die Oma von Felix? Die fehlt doch noch in unserer Runde. Sie backt immer so leckere Kekse für mich. Holt sie her!“
Papa nickte sofort, holte seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und stürmte dann nach draußen zu seinem Wagen. Dann gab er Gas und fuhr schnell los, um Oma zu holen.
Den restlichen Abend verbrachten sie alle gemeinsam in Gerds Café und hatten so viel Spaß wie nie zuvor an Weihnachten.

(c) 2017, Marco Wittler

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