570. Weihnachten im Leuchtturm

Weihnachten im Leuchtturm

Mitten im Meer stand ein uralter Leuchtturm. Seine Aufgabe war es, alle Schiffe in der Umgebung vor einem Felsen zu warnen, auf dem er einst zu diesem Zweck gebaut worden war.
Und nun, zur Weihnachtszeit, hatte man das Gefühl, dass sein weisendes Licht noch wärmer, noch festlicher leuchtete.
Trotzdem wollte im Innern des Leuchtturms keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Das lag zum Einen daran, dass auf dem Meerwasser keine einzige Schneeflocke liegen bleiben wollte. Sie schmolzen sofort und verschwanden in den Fluten. Zum Anderen lag es aber auch daran, dass der Leuchtturmwärter ganz allein in seiner kleinen Wohnküche saß. Niemand leistete ihm Gesellschaft, niemand kam mal kurz auf einen Kaffee vorbei und hielt ein Schwätzchen mit ihm.
Der Leuchtturmwärter war nicht etwa unbeliebt. Im Gegenteil. Er besaß sehr viele Freunde und Verwandte. Aber eine Fahrt vom Festland bis zum Leuchtturm dauerte einen halben Tag. Viel zu lang für einen kurzen Besuch. Deswegen kam auch nie jemand vorbei. Erst in einem Monat, lange nach Weihnachten, würde das nächste Schiff einen anderen Leuchtturmwärter zur Ablösung vorbei bringen und den Jetzigen nach Hause fahren. Bis dahin würde aber noch sehr viel Langeweile im Leuchtturm herrschen.
Am Weihnachtsabend jedoch, war die Einsamkeit am Größten, denn dann saßen die Familien mit Großeltern, Eltern, Onkeln, Tanten und vielen Kindern um den Weihnachtsbaum herum und sangen besinnliche Lieder. Später würden sie alle im Bett liegen und gespannt darauf warten, dass der Weihnachtsmann durch den Kamin klettern würde, um Geschenke unter den Baum zu legen. Das alles vermisste der einsame Leuchturmwärter und wünschte sich, am heutigen Abend irgendwo, in irgendeinem Wohnzimmer, bei irgendeiner freundlichen Familie sitzen und Weihnachten feiern zu können.
Stattdessen saß er allein an seinem Esstisch, hatte eine einzelne, brennende Kerze vor sich stehen und starrte hinaus in die dunkle Nacht, in der sich hohe Sturmwellen am Felsen brachen.
»Ist das trostlos.«, seufzte der Leuchtturmwärter. »Die ganze Welt feiert heute Abend Weihnachten. Nur ich sitze hier einsam und allein und muss darauf aufpassen, dass das Leuchtfeuer nicht erlischt. Wenn mir wenigstens jemand Gesellschaft leisten würde. Aber bei diesem Schietwetter wird sich niemand auf die lange Fahrt hierher machen. Wahrscheinlich denkt heute nicht einmal jemand an mich.«
Er seufzte noch einmal laut, nahm einen großen Schluck heißen Kakao aus seiner noch größeren Tasse und blickte wieder hinaus auf das Meer und die Wellen.
Sehr spät in der Nacht, die Kerze auf dem Tisch war mittlerweile abgebrannt, schreckte der Leuchtturmwärter aus einem unruhigen Schlaf hoch. Müde rieb er sich seine Augen und gähnte herzhaft. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass es bereits drei Uhr war.
«Oh je.«, stöhnte er auf. »Jetzt bin ich wieder einmal am Tisch eingeschlafen.«
Er rieb sich mit beiden Händen den Nacken und die Schultern, die ihm mittlerweile wegen des ungemütlichen Schlafplatzes schmerzten, als er ganz hinten am Horizont ein kleines Leuchten sah, das sich langsam auf seinen Leuchtturm zu bewegte.
»Nanu? Was ist denn das? Kommt mich doch noch jemand besuchen? Um diese Uhrzeit? Mitten in der Nacht? Das kann doch gar nicht sein.«
Ein weiteres Mal rieb er sich die Augen und blickte dann wieder nach draußen. Das Licht war nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es war ein ganzes Stück näher gekommen.
»Es kann kein Schiff sein.«, murmelte der Leuchtturmwärter. »So schnell kann kein einziges Schiff fahren. Schon gar nicht bei diesem Sturm.«
Gespannt beobachtete er weiter und stellte bald fest, dass das Leuchten nicht über das Wasser zu ihm kam. Es flog in der Luft.
»Nein. Das kann nicht sein. Es ist zu windig. Da kann kein Flugzeug fliegen. Für einen Hubschrauber ist es auch zu gefährlich. Was kann das nur sein?«
Kurz bevor das Licht sein Ziel erreicht hatte, flog es eine Kurve und verschwand auf der anderen Seite des Leuchtturms. Der Leuchtturmwärter sah in alle Richtungen. Das Leuchten tauchte aber nicht wieder auf.
Ein paar Sekunden später klopfte es an der Tür. Verwirrt und überrascht stand der Wärter von seinem Tisch auf, lief die Treppe hinunter und öffnete seinem unbekannten Gast.
»Ho, ho, ho!«, schallte ihm eine tiefe Stimme entgegen. »Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir. Darf ich vielleicht herein kommen und mich ein wenig bei dir aufwärmen? Da draußen ist es kalt und ungemütlich.«
Dem Leuchtturmwärter fielen fast die Augen aus dem Kopf.
»Du … du … bist der Weihnachtsmann.« Hinter seinem Besucher sah er in der Dunkelheit den von acht Rentieren gezogenen Schlitten, der dicht über dem Meer schwebte.
»Äh, ja. Komm bitte herein.«
Sie betraten gemeinsam den Leuchtturm, gingen zurück in die kleine Küche und setzten sich an den Tisch.
Der Weihnachtsmann sah auf das verbliebene Stück Wachs, das sich über die Tischplatte verteilt und dort hart geworden war.
»Deine Kerze sieht aber mitgenommen aus. Wie wäre es mit einem neuen Adventskranz?«
Mit einem Grinsen griff er in die Tasche seines roten Mantels, holte einen Adventskranz hervor und zündete die vier Kerzen mit einem Streichholz an.
Der Leuchtturmwärter sah begeistert auf die kleinen Flammen und dann auf seinen Gast. Freudentränen standen ihm in den Augenwinkeln.
»Was machst du denn hier? Warum besuchst du mich in dieser stürmischen Nacht? Musst du nicht Geschenke an die vielen Kinder auf der ganzen Welt verteilen?«
»Ich bin schon fertig.«, kam die Antwort. »Alle Geschenke sind verteilt. Ich habe kein einziges Kind vergessen. Und weil ich heute Nacht nichts anderes zu tun habe und Weihnachten auch nicht gern allein bin, dachte ich mir, dass ich einfach bei dir vorbei schaue. Feiern wir doch gemeinsam Weihnachten.«
Ein weiteres Mal öffnete er seinen Mantel, holte zuerst einen leckeren Weihnachtsbraten hervor und dann ein kleines, verpacktes Geschenk, dass er dem Leuchtturmwärter entgegen hielt.
Und schon kullerten beim Wärter die Tränen. »Ich habe aber kein Geschenk für dich. Ich wusste gar nicht, dass du kommen wirst.«
Der Weihnachtsmann winkte ab. »Macht nichts. Du hast mir bereits ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Du hast mich in deinen Turm und an deinen Tisch eingeladen. Das ist mir schon Geschenk genug.«
Er stand auf, ging um den Tisch herum und drückte den Leuchtturmwärter fest an sich.
Gemeinsam verbrachten sie den Rest der Nacht und feierten bis zum Morgengrauen. Für beide war es das schönste Weihnachtsfest von allen. Von nun an besuchte der Weihnachtsmann den Leuchtturmwärter jedes Jahr, wenn er alle seine Geschenke ausgeliefert hatte.

(c) 2016, Marco Wittler

415. Ein Geschenk für den Weihnachtsmann

Ein Geschenk für den Weihnachtsmann

Auf dem Dach war zuerst ein Rumpeln zu hören, danach die Schritte schwerer Stiefel. Irgendwer war dort oben und kam dem Kamin immer näher. Es dauerte nur Sekunden, bis er darin verschwunden war und eine Etage tiefer im Wohnzimmer auftauchte.
Lena hatte sich hinter Opas großem Sessel versteckt und traute sich fast nicht, alles zu beobachten. Sie wusste genau, dass sie das nicht durfte, dass es gefährlich war. Trotzdem hatte sie sich nicht davon abhalten lassen, in dieser Nacht Wache zu schieben.
Ein großer, dicker Mann, der in einem roten Mantel gekleidet war, richtete sich auf und ließ ein paar Mal seinen Rücken knacken.
„Puh, wenn bloß diese Schmerzen nicht wären. Ich muss mir nachher unbedingt ein warmes Körnerkissen drauflegen.“
Lena wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Es war tatsächlich der Weihnachtsmann. Dabei hatte ihre große Schwester Hannah am Nachmittag noch behauptet, es würde ihn gar nicht geben.
„Jetzt kann ich ihr das Gegenteil beweisen.“, flüsterte sie leise, holte ihren Fotoapparat hervor und machte ein paar Fotos.
Der Weihnachtsmann ließ sich davon nicht weiter stören, da er es auch gar nicht bemerkte. Er holte ein paar Geschenke aus seinem Sack und legte sie vorsichtig unter den geschmückten Baum.
Als er fertig war, sah er sich um und war überrascht.
„Nanu, was ist denn das?“
Er nahm ein kleines Päckchen in die Hand.
„Für den Weihnachtsmann. Von Lena.“, las er von einem kleinen Schildchen ab.
Vorsichtig öffnete er das Geschenkpapier und entdeckte darin ein paar gemalte Bilder, die ihn und seine Rentiere mit Schlitten zeigten. Der Weihnachtsmann war so gerührt, dass ihm sogar eine Träne die Wange herunter kullerte.
„Das ist toll. Ich bekomme mal ein richtiges Geschenk. Das ist viel schöner, als überall Kekse und Milch zu bekommen. Die mag ich gar nicht mehr und und machen so dick.“
Der Weihnachtsmann packte sein Geschenk vorsichtig in seine Manteltasche und wollte gerade wieder in den Kamin steigen, als er sich noch einmal umdrehte und ein weiteres Päckchen aus seinem Sack holte.
„Für so liebe Kinder gibt es eine extra Überraschung.“
Dann verschwand er hinauf aufs Dach und flog mit seinem Schlitten zum nächsten Haus.
Lena war überglücklich, dass sie den Weihnachtsmann zum Beweis fotografiert hatte, doch als sie sich die Bilder ansah, stand überall nur ‚Frohe Weihnachten‘. Der Mann im roten Mantel war nirgendwo zu entdecken.
„Egal.“, sagte sie sich.
„Dafür werde ich mich immer an diesen Abend erinnern.“

(c) 2012, Marco Wittler

340. Papa macht Überstunden

Papa macht Überstunden

Es war halb sechs am frühen Morgen, als der Wecker rappelte. Papa öffnete müde und verschlafen seine Augen.
»Oh, schon wieder so spät.«
Schnell krabbelte er aus dem Bett, machte sich im Bad fertig und fuhr direkt zur Arbeit. In der Eile vergaß er sogar seine Butterbrote, die Mama ihm am Abend vorher gemacht hatte.
Und nun saß Papa an seinem Arbeitsplatz. Vor ihm stapelten sich seine heutigen Aufgaben.
»Uff.«, stöhnte er.
»Das schaffe ich doch niemals. Ich könnte Hilfe gebrauchen.«
Hilfe gab es aber leider nicht. Also machte er sich ans Werk und arbeitete sich langsam vorwärts.
Irgendwann warf er seinen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war Mittagspause.
»Keine Zeit. Die muss ausfallen, sonst schaffe ich das niemals.«
Er machte weiter, arbeitete Stunde um Stunde, bis es draußen langsam dunkel wurde.
Als Papa endlich seine Arbeit geschafft hatte, konnte, lange nachdem seine Kollegen schon gegangen waren, Feierabend machen. Müde und geschafft fuhr er heim.
Zu Hause öffnete er die Tür, zog die Schuhe aus und stellte seine Tasche im Flur ab. Es war still. Zu still. Waren die Kinder schon im Bett?
Er betrat das Wohnzimmer und fand auf dem Tisch einen Zettel.
›Ich habe dir ein Bad eingelassen, mein Liebster. Dann kannst du dich nach dem langen Tag schön entspannen. Bin unterwegs und komme später zurück.‹, hatte Mama geschrieben.
Papa seufzte. Das war eine gute Idee. Er ging ins Bad und staunte. Überall standen Kerzen und es duftete erfrischend. Er zog sich aus und legte sich in das dampfende Wasser.
»Ah, das tut gut. Hier bleib ich erstmal.«
Er schloss die Augen und genoss die Wärme.
In diesem Moment öffnete sich leise die Tür. Mama kam mit den Kindern herein geschlichen. Papa hörte sie natürlich und öffnete langsam die Augen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, sangen sie und Mama stellte einen leckeren Kuchen auf ein kleines Tischchen.
»Die Kinder sind extra lange aufgeblieben, damit sie dir an deinem Ehrentag noch gratulieren können.«
Papa war gerührt. Er wischte sich ein paar kleine Tränchen aus den Augen.
»Wisst ihr was?«, fragte er seine Frau und die Kinder.
»Ich habe die beste Familie der Welt. Ich hab euch alle lieb.«

(c) 2010, Marco Wittler

320. Ein ganz besonderer Tag

Ein ganz besonderer Tag

Der Wecker klingelte. Mama schaltete ihn ab und drehte sich noch einmal um.
»Ich will noch nicht aufstehen.«, nuschelte sie leise und schlief kurz darauf wieder ein.
Ein paar Minuten später klingelte es ein weiteres Mal. Und wieder drückte Mama auf den Schalter.
Sie rieb sich die Augen und setzte sich langsam auf.
»Wenn ich doch nur ein einziges Mal ausschlafen könnte. Aber ich habe ja nicht einmal am Wochenende frei.«
Sie seufzte laut und stand auf, während Papa noch laut unter seiner Decke schnarchte.
Während Mama unter der Dusche stand, ging sie im Kopf ihre Liste durch. Sie wollte gleich gut vorbereitet sein.
Die Kinder mussten geweckt werden, Frühstück gemacht, das Mittagessen vorbereitet und dann die Wohnung aufgeräumt.
»Oh je, wenn ich daran nur denke, möchte ich gleich wieder ins Bett gehen.«
Ein paar Minuten später hatte sie sich angezogen und öffnete die Tür zum ersten Kinderzimmer.
»Leon? Aufwachen. Wir frühstücken gleich.«
Aber das Bettchen war leer.
»Nanu. Wo ist denn der Kleine?«
Sie ging eine Tür weiter und wollte ihre Tochter wecken.
»Anna? Wo steckst du denn?«
Auch hier konnte sie niemanden mehr wecken.
Im dritten Zimmer fragte sie erst gar nicht nach. Die Decke lag bereits schön ordentlich gefaltet auf dem Bett.
»Was ist denn mit Daniel los? So kenn ich ihn gar nicht.«
In diesem Moment hörte sie ein klimperndes Geräusch aus der Küche. Sofort lief Mama die Treppe hinunter und warf einen vorsichtigen Blick durch die Tür.
»Was ist denn hier los?«
Frisch geföhnt und ordentlich bekleidet standen die drei Kinder nebeneinander. Jedes von ihnen hatte einen bunten Strauß Blumen in der Hand.
»Alles Gute zum Muttertag, liebe Mama.«, riefen sie ihr entgegen.
»Wir haben das Frühstück schon gemacht. Du kannst dich in Ruhe an den Tisch setzen und deinen Kaffee trinken.«
Und da kam Papa herein, der nur so getan hatte, als hätte er noch geschlafen.
»Ich habe auch noch etwas für dich, mein Schatz.«, sagte er und drückte Mama einen kleinen Umschlag in die Hand, den sie sofort öffnete.
»Du meine Güte, das ist ja ein Gutschein für ein Restaurant. Gehen wir heute Mittag vielleicht essen?«
Papa nickte, während ihm Mama glücklich um den Hals fiel.
»Und die Wohnung habe ich auch schon aufgeräumt. Du musst dich heute um nichts mehr kümmern.«
Mama freute sich. Der Muttertag war wirklich eine geniale Erfindung.

(c) 2009, Marco Wittler

308. Der Zopf

Der Zopf

Es war mitten in der Nacht. Trotzdem lag Anni nicht in ihrem Bett. Sie konnte einfach nicht einschlafen.
»Ich bin ja so unglaublich aufgeregt.«, murmelte sie immer wieder vor sich hin.
»Was ich wohl zum Geburtstag geschenkt bekomme?«
In Gedanken malte sie die unglaublichsten Dinge aus.
»Ich bekomme bestimmt ein Pferd. Vielleicht hat Papa auch nicht vergessen, dass ich mir riesiges Puppenhaus gewünscht habe.«
Sie hakte noch einmal ihre Liste ab, bevor sie ein weiteres Mal auf den Wecker sah.
»Es ist ja immer noch ein Uhr. Will es denn gar nicht Morgen werden? Das ist so unfair. Vielleicht sollte die andern Wecken und jetzt schon feiern.«
Doch das traute sich Anni dann doch nicht.
Irgendwann schlief sich dann doch erschöpft am Schreibtisch ein.

Am nächsten Morgen klopfte es laut an die Tür.
»Spätzchen, bist du wach? Es wird Zeit zum Aufstehen. Die Sonne ist schon aufgegangen und die Vögel zwitschern so laut sie können.«
Anni schlug die Augen auf und sah sich verwirrt um, bis ihr wieder einfiel, wo sie eingeschlafen war.
Sie reckte und streckte sich, gähnte laut und öffnete die Tür.
»Guten Morgen, Mama.«, sagte sie verschlafen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, wünschte Mama und nahm ihre Tochter gleich an die Hand.
»Wir gehen jetzt zusammen nach unten. Die anderen warten schon auf dich.«
In der Küche saßen schon Papa und Annis Brüder Michi und Patrick.
»Herzlichen Glückwunsch.«, riefen sie und begannen, ein Ständchen zu singen.
»Bist du denn schon neugierig, was du von uns geschenkt bekommst?«, fragte Patrick neugierig.
Anni nickte kräftig mit dem Kopf und grinste von einem Ohr zum anderen.
Mama ging zum Backofen, öffnete dessen Tür und holte ein Blech heraus. Darauf lag etwas.
»Das ist von uns allen.«, erklärte Mama.
Anni bekam zuerst große Augen. Dann ließ sie enttäuscht ihre Schultern hängen.
»Ein gebackener Hefezopf?«
Anni wurde traurig und sauer.
»Was soll ich denn damit machen? Der reicht doch nur zum Frühstücken.«
Mama grinste.
»Du trägst doch so gerne Zöpfe. Da dachten wir uns, dass wir dir auch einen backen sollten.«
Anni presste ein leises Danke durch ihre Lippen und biss enttäuscht in den Hefezopf.
»Huch, was ist denn das?«
Sie hatte plötzlich ein Band zwischen den Zähnen, das zu einem großen Teil noch im Gebäck steckte.
Neugierig betrachtete sie den Zopf von allen Seiten, bevor sie das Band vorsichtig weiter heraus zog. Am Ende hing ein Schlüssel.
»Wofür ist denn der?«
Anni Neugierde war nun geweckt.
»Schau doch mal nach, ob der Schlüssel in die Schuppentür passt.«, schlug Papa vor.
Anni stürmte sofort in den Garten. Der Schlüssel passte und ließ sich leicht drehen. Sie öffnete die Tür und sah hinein. Vor ihr stand ein Pony, das nun zur Begrüßung laut wieherte.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, rief der Rest der Familie.
Anni standen Tränen in den Augen. Es war zwar kein Pferd, wie sie es sich gewünscht hatte, aber ein Pony war noch viel süßer.
Das war der schönste Geburtstag ihres Lebens.

(c) 2010, Marco Wittler

094. Der Kindergeburtstag (Tommis Tagebuch 4)

Der Kindergeburtstag

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Heute war ein ganz toller Tag. Mama hatte für mich Kuchen gebacken, Papa schüttelte jede Menge Überraschungen aus dem Ärmel und Nina war auch nicht da. Das alles gibt es nur zu meinem Geburtstag.
Schon auf dem Frühstückstisch stand ein großes Paket. Auf einer langen Schleife stand mein Name.
»Ist das etwa für mich?«, fragte ich staunend.
Mama nickte, drückte mich einmal an sich und wünschte mir alles Gute zum Geburtstag. Meine Schwester Nina verdrehte die Augen und biss in ihr Brot.
»Jedes Jahr das gleiche Theater. Wenn es nach mir ginge, dann hätte ich deinen Geburtstag schon längst abgeschafft. Aber mich fragt ja leider keiner.«
Mama blickte sie böse an, dann durfte ich das Geschenk öffnen. Ich riss das Papier in Fetzen und warf es in jede Ecke der Küche.
»Juhu, ist das toll!«, rief ich.
In dem Paket war ein großes Piratenschiff. Das hatte ich mir schon immer gewünscht.
»Hoffentlich regnet es heute Mittag, dann kann ich es in der Pfütze vor dem Haus fahren lassen.«
Nina verdrehte schon wieder die Augen.
»Auf keinen Fall. Lenas Eltern nehmen mich heute mit ins Freibad. Also muss die Sonne scheinen. Ich will schließlich schön braun werden.«
Ich hörte gar nicht hin. Stattdessen bedankte ich mich bei Mama und Papa.

Nach der Schule musste ich Hausaufgaben machen. Und um fünfzehn Uhr klingelte es dann auch schon an der Tür.
Da wurde meine Freude richtig groß. Das mussten meine Freunde sein, die mit mir zusammen meinen Geburtstag feiern wollten. Aber als ich die Tür öffnete stand da Tante Ina.
»Huch!«, sagte ich überrascht. »Mit dir habe ich gar nicht gerechnet.«
»Ich aber schon.«, hörte ich Ninas Stimme hinter mir.
Meine Schwester wollte uns kleinen Jungs nicht bei unseren albernen Spielen zuschauen. Pah! So viel größer war sie auch nicht. Und wenn sie mit ihren Freundinnen vor dem Spiegel sitzt und Schminken spielt, ist das viel alberner. Die sehen dann immer aus wie die Clowns im Zirkus.
Tante Ina nahm Nina mit. Sie wollten in den Zoo fahren, damit wir Jungs ungestört feiern konnten.
»Dann pass aber auf, sonst wird sie verwechselt und ins Affengehege gesperrt.«
Meiner Schwester war sofort anzusehen, dass sie mich am liebsten in den Schwitzkasten genommen hätte, aber zu meiner Rettung kamen dann endlich meine fünf Freunde Alexander, Tim, Tobias, Nico und Andrea.
Und nicht, dass du denkst, dass Andrea ein Mädchen ist. Mädchen würde ich niemals zu meinem Geburtstag einladen. Andrea ist Italiener. In seinem Land bekommen nur Jungs diesen Namen.
Gemeinsam setzten wir uns im Wohnzimmer an einen großen Tisch, aßen ganz viel Kuchen, tranken Kakao und Eistee und nacheinander öffnete ich alle Geschenke.
Ich habe ein neues Feuerwehrauto, eine Kiste mit Bausteinen, eine laute Hupe für meinen Roller, einen Fußball und ein Buch mit ganz vielen Gute Nacht Geschichten bekommen.
Am meisten freute ich mich aber über die Hupe. Jetzt kann ich immer hinter Nina her fahren und sie nerven. Das wird bestimmt lustig.
Nach dem Essen kam Papa mit einem großen Koffer ins Wohnzimmer.
»Hoffentlich müssen wir nicht schon wieder Topfschlagen spielen wie im letzten Jahr.«, sagte Tim. »Das ist immer so langweilig. Das mögen doch nur Kindergartenkinder.«
Aber Papa hatte etwas ganz anderes vorbereitet. Er öffnete den Koffer und holte einen alten Wischlappen heraus. Unter dem Sofa hatten wir im Voraus zwei Besenstiele versteckt, die ich hetzt hervor holen durfte.
»Jungs, wir spielen heute Putzfrauenhockey.«, freute sich Papa.
Das war vielleicht ein Ding. Ich wusste zwar von den Besenstielen, aber nicht wofür sie gut sein sollten. So etwas Tolles hatte ich von Papa gar nicht erwartet.
Wir setzten uns in zwei Gruppen gegenüber auf unsere Stühle. Jedes Mal, wenn Papa uns aufrief, spielten wir gegen einander und versuchten den Wischlappen mit den Besenstielen in das Tor zu schieben. Nach einer halben Stunde war es dann vorbei. Mein Team hatte hoch verloren. Aber trotzdem hatten wir alle jede Menge Spaß.
Ich wartete schon auf das nächste Spiel. Doch in dem Moment klingelte es an der Tür.
Ich fand das seltsam, denn ich hatte sonst niemanden mehr eingeladen.
»Dann schau doch mal, wer vor dem Haus wartet.«, sagte Papa.
Verwundert ging ich nachsehen. Vor der Tür stand ein Mann in einem langen Mantel. Auf seinem Kopf trug er einen Zylinderhut. In der einen Hand hielt er einen Zauberstab, in der anderen einen großen Koffer.
»Juhu, ein Zauberer.«
Das war ja eine unglaubliche Überraschung. Etwas Besseres konnte es gar nicht mehr geben.
Sofort setzte ich mich mit meinen Freunden auf das große Sofa. Wir warteten ganz gespannt, dass die Vorstellung los gehen würde.
Der Zauberer stellte sich vor und begann sofort mit seiner Show. In seinen leeren Händen erschienen Karten, Geldstücke, und vieles mehr. Sogar eine richtig lebendige Taube lies er erscheinen. Das war richtig toll. Das Beste war allerdings seine Tageszeitung. Der Zauberer nahm ein Glas und schüttete Wasser zwischen die Seiten, ohne nasse Füße zu bekommen. Ich weiß noch immer nicht, wie das funktioniert.
Nach der Vorstellung war es richtig spät geworden. Meine Freunde wurden nach und nach abgeholt. In dieser Zeit packte der Zauberer seine ganzen Sachen in seinen Koffer und machte sich ebenfalls bereit, wieder nach Hause zu verschwinden.
Alexander, Tim, Tobias, Nico und Andrea waren bereits weg, als ich meinen Überraschungsgast zur Tür brachte.
»Bist du ein echter Zauberer, oder waren das alles nur Tricks?«, fragte ich ihn.
»Na, was denkst du denn?«, fragte er zurück und zwinkerte mir zu, bevor er ging.
Seltsam.
Ich dachte nicht weiter darüber nach und brachte meine Geschenke nach oben in mein Zimmer. Als ich zufällig aus meinem Fenster sah, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu können, denn da draußen stieg der Zauberer gerade auf einen Besen und flog davon.

Und nun liege ich in meinem Bett. Mein Geburtstag ist vorbei. Mama hat mir gerade gesagt, dass es Zeit zum Schlafen wäre. Deswegen muss ich jetzt mit dem Schreiben fertig werden.
Bis zum nächsten Mal liebes Tagebuch.

P.S.: Wenn ich groß bin, werde ich auch Zauberer.

(c) 2008, Marco Wittler

079. Die neuen Schuhe (Ninas Briefe 13)

Die neuen Schuhe

Hallo Steffi.

Es tut mir leid, dass sich deine Schwester beim Tanzen das Bein gebrochen hat. Ich hoffe, dass sie bald aus dem Krankenhaus entlassen wird und nach Hause kommen darf. Aber du kannst ihr schon mal erzählen, dass ich auf ihrem Gips unterschreiben werde, sobald ich in den Ferien bei euch bin.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir passiert ist, ich werde dir davon aber trotzdem berichten.
Vor einer Woche waren Mama und ich in der Stadt. Mama wollte sich für ihren Geburtstag ein neuen Kleid kaufen. Also sind wir durch ganz viele Läden gelaufen, von einem Ende der Stadt zum anderen. Es hat Stunden gedauert. Und überall hat sie Kleider anprobiert, mir vorgeführt und sie dann anschließend weg gehängt. Sie hat einfach nichts gefunden, was ihr wirklich gefiel. Und um ehrlich zu sein, die sahen alle wirklich grässlich aus.
Mama war richtig enttäuscht. Immerhin hatte sie von Papa Geld bekommen. Das wollte sie auf keinen Fall wieder mit nach Hause nehmen.
Und jetzt rate mal, was wir dann gemacht haben. Ganz genau. Wir haben wieder von vorne angefangen und sind noch einmal durch alle Geschäfte gegangen. Diesmal wollte Mama allerdings etwas für mich kaufen.
Und nun war ich diejenige, die ständig Kleider anziehen musste. Und das war wirklich schlimm. Ich kann Kleider ja überhaupt nicht leiden. Ich bin doch kein kleines Püppchen. Zum Schluss konnte ich mich doch noch durchsetzen und habe Mama eine neue rote Latzhose und einen Ringelpulli für mich kaufen lassen. Darin fühle ich mich einfach am Besten.
Als wir das Geschäft wieder verließen, hatte es gerade angefangen zu regnen. Wir hatten zwar Regenschirme dabei, aber große Pfützen gab es trotzdem in der ganzen Fußgängerzone. Und schon nach ein paar Metern hatte ich ganz nasse Füße.
Als Mama nach sah, stellte sie fest, dass ich Risse in der Schuhsohle hatte. Es wurde also dringend Zeit für ein neues Paar Schuhe.
Wir sahen uns schnell um und fanden auch bald ein Schuhgeschäft. Wir eilten schnell hin und konnten dann unsere Regenschirme einklappen.
Mama steuerte mich gleich auf einen Stuhl zu, setzte mich darauf und sagte, dass ich mir gleich die nassen Schuhe und Socken ausziehen sollte, um mir keine Erkältung zu holen.
Die Verkäuferinnen schauten vielleicht komisch, als ich mit nackigen Füßen dort saß. Mama erklärten ihnen dann aber unser Problem. Sie hatten Verständnis für meine nassen Füße und holten aus einem der Regale ein schickes Paar rosa Socken für mich. Darauf waren ein paar ganz süße Kaninchen abgebildet. Richtig schick sahen sie aus. Also habe ich sie gleich angezogen.
Wir haben bestimmt einhundert Paar Schuhe anprobiert. Aber nichts hat mir gefallen. Aber dazu muss ich auch sagen, dass Mama ziemlich hässliche Schuhe ausgesucht hat. Sie hat wirklich einen komischen Geschmack. Schließlich bin ich dann selber auf die Suche gegangen und habe sofort etwas gefunden, was mir gefiel.
Die Schuhe waren weiß und hatten rosa Pferdchen oben drauf. Richtig süß. Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich habe sie gleich anprobiert und sie passten, als wären sie wie für mich gemacht.
Mama guckte mich ganz komisch an. Ihr gefielen die Schuhe gar nicht. Aber ich lies mir gar nichts anderen mehr sagen. Ich wollte sie haben und am Ende habe ich sie auch bekommen. Mama kann mir halt einfach nichts abschlagen. Überglücklich lies ich die Schuhe gleich an, während Mama an der Kasse alles bezahlte.
Als wir das Geschäft verließen, regnete es in Strömen. Es hatte nicht aufgehört. Sogar das Gegenteil war der Fall, die Wolken waren noch dichter und dunkler geworden. Es würde also noch eine ganze Weile nass bleiben.
Wir mussten also da durch, denn Mama musste sich bald um das Abendessen kümmern.
Wir öffneten unsere Regenschirme und liefen so schnell es ging durch die Stadt bis zum Parkplatz, wo unser Auto stand.
Wir sprangen fast in die Sitze, um nicht noch nasser zu werden. Mama lies den Motor an und fuhr nach Hause.

Als wir zu Hause ankamen, freute ich mich so sehr darauf, meinen kleinen Bruder Tommi mit den neuen Schuhen neidisch zu machen. Ich ging in den Flur und rief ihn gleich zu mir.
Als er vor mir stand sagte ich nicht ein Wort, sondern zeigte nur mit einem Finger auf meine Füße.
Nun geschah, womit ich nicht gerechnet hatte. Er lachte mich nämlich aus. Ich war unheimlich sauer. Jungs haben einfach keine Ahnung, was schön ist.
Doch dann sah auch ich an mir runter. Zuerst sah ich meine nassen Hosenbeine. Das Wasser aus den Pfützen war an mir hoch gespritzt. Der Stoff war bis fast an die Knie durchnässt. Und dann erblickte ich meine Schuhe. Der Atem stockte mir sofort im Hals. Ich musste schlucken. Denn da waren keine schönen Schuhe mehr. Sie waren nass, dreckig und hässlich. Sie waren völlig aufgeweicht und die Pferdchen hatten sich abgelöst. Sie hingen nun ganz traurig auf der Seite herab.
Ich brach in Tränen aus, während Tommi nicht mehr aufhörte zu lachen. Ich lief sofort in die Küche und zeigte Mama die Katastrophe.
Sie sah sofort, was geschehen war, nahm mich in ihre Arme und tröstete mich.
»Da haben wir aber einen schlechten Kaufe gemacht«, sagte sie.
Nachdem die Tränen weg waren, zog ich die Schuhe aus und warf sie wütend in eine Ecke im Flur und lief in mein Zimmer. Ich kam auch den Rest des Tages nicht mehr raus und verzichtete auf das Abendessen.
Ich wollte niemanden mehr sehen. Besonders Tommi wollte ich aus dem Weg gehen. Ich wollte nicht noch einmal ausgelacht werden.

Am nächsten Morgen konnte ich ausschlafen. Es war Samstag und ich musste nicht in die Schule. Also blieb ich so lange wie es ging im Bett liegen und trauerte noch über die kaputten Schuhe.
Doch dann wurde es immer später und ich bekam Angst, Ärger zu bekommen, wenn ich nicht pünktlich zum Mittagessen in der Küche wäre.
Als ich dort an kam, erwartete mich bereits eine Überraschung. Papa und Tommi saßen am Tisch und schienen nur auf mich zu warten. Ich war etwas verwirrt, weil ich nicht wusste, was die Beiden von mir wollten. Bis Tommi dann ein Paket hinter seinem Rücken her holte.
»Papa und ich, wir dachten uns, dass es nicht in Ordnung war, dass ich dich gestern wegen deinen Schuhen ausgelacht haben. Und deswegen möchte ich mich mit diesem Geschenk entschuldigen.«
Ich konnte gar nicht glauben, was er da sagte. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Sonst versucht er mich doch jederzeit so viel wie es geht zu ärgern. Und nun das. Ich war völlig überrascht.
Ich setzte mich an den Tisch und öffnete das Paket. Und ich konnte es gar nicht glauben. Darin war ein Schuhkarton.
»Wir haben ein neues Paar Schuhe besorgt. Und wir haben auch extra darauf geachtet, dass es besser verarbeitet ist. Die gehen bestimmt nicht im Regen kaputt.«
Ich öffnete die Schachtel und sah sie vor mir: die weißen Schuhe mit den rosa Pferdchen.
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich fiel Tommi und Papa um den Hals und bedankte mich. So einen Bruder wünsche ich mir öfters.

So, und nun ist der Brief zu Ende. Draußen scheint jetzt die Sonne. Deswegen gehe ich jetzt meine neuen Schuhe einlaufen.

Bis bald,
deine Nina.

P.S.: Irgenwie mag ich Tommi doch ganz gern, aber bitte verrate es ihm nicht.

(c) 2008, Marco Wittler