1541. Der Wald feiert Weihnachten

Der Wald feiert Weihnachten

Der lange und schöne Sommer mit lauen Nächten war zu Ende gegangen. Selbst der Herbst hatte sich bereits verabschiedet und hatte für den kalten Winter mit seinen viel zu kurzen Tagen Platz gemacht.
Zu dieser Zeit, das wussten sogar die Tiere des Waldes, feierten die Stadtbewohner ein großes Fest, das niemand von ihnen wirklich verstand. In großer Zahl kamen dann die Menschen in das Reich der Tiere, schlugen Bäume mit ihren Äxten um und stellten sie für wenige Tage in die guten Stuben. So manches Eichhörnchen hatte es so als blinder Passagier geschafft, einen warmen Platz zum überwintern zu bekommen.
Und nun wehte ein verlockender Duft nicht nur durch die Straßen, sondern auch bis weit in die Natur hinaus.
»Boah, ist das fies.«, regte sich der dicke Dachs auf, der keiner süßen Leckerei widerstehen konnte. »Hier im Wald gibt es gerade weder leckere Beeren, noch Honig von den Bienen. Ich will jetzt ganz unbedingt etwas Naschwerk haben, sonst drehe ich noch durch. Irgendwer muss zu den Menschen gehen und uns etwa besorgen.«
Nun wurde viel geredet und diskutiert. Niemand wollte sich auf den Weg machen und beim Diebstahl der Leckereien erwischt werden. Außerdem waren manche Tiere zu klein und zu schwach, um genug vom Zuckerwerk in den Wald zu bringen. »Wenn ihr euch nicht einig werdet, dann muss ich mich eben zu den Menschen begeben. Sie werden mich eh nicht erkennen.«
Die unerwartete Stimme stammte von einem großen, majestätischen Einhorn. »Ich kümmere mich schon darum, dass wir gemeinsam Weihnachten feiern können.«
Es galoppierte los. Schon am Stadtrand liefen ihm die ersten Passanten über den Weg. Sie blickten dem Tier zwar hinterher, wunderten sich aber nicht sehr, denn sie sahen in ihm nur eine weiße Stute. Das war nicht weiter verwunderlich, denn Pferde gab es hier einige und manchmal büxte eines von ihnen aus.
Das Einhorn hatte schon ein genaues Ziel im Kopf und hielt darauf zu. Es wusste, dass die Menschen in der Mitte des Marktplatzes einen großen Baum aufgestellt und diesen mit Gebäck verziert hatten.
»Da ist er!« Das Einhorn war begeistert. An jedem Ast hingen kleine und große Gebäckringe. Die spießte es mit seinem langen Horn auf, bis darauf kein Platz mehr war, machte kehrt und lief auf direktem Weg zurück in den Wald.
Kaum war das Einhorn zwischen den dichten Bäumen verschwunden, machte es Halt und wurde von den anderen Tieren umringt.
»Was hast du erbeutet?«, war der Dachs neugierig. »Was hast du uns mitgebracht? Ich bin so neugierig und aufgeregt, dass ich die Spannung kaum noch aushalte. Wenn mir weiter das Wasser im Maul zusammenläuft, stehe ich gleich in einer tiefen Pfütze.«
Das Einhorn lachte und ließ seine Beute auf den Boden fallen. Lasst es euch schmecken. Es ist genug für alle da.«
Das ließen sich die Tiere nicht zweimal sagen. Jedes nahm sich ein Plätzchen und stopfte sich dieses ins Maul. Das Einhorn rechnete nun mit genüsslichem Schmatzen, das die Stille des Waldes unterbrach. Stattdessen klangen die Tiere nach großem Ekel. »Ih, Bäh. Was ist denn das?« Der Dachs spuckte das Gebäck wieder aus, wischte sich mit den Pfoten über die Zunge. Die anderen Tiere taten es ihm gleich. »Die Dinger schmecken gar nicht süß. Die sind ganz schrecklich versalzen.«
Das Einhorn nahm seine Beute genauer unter die Lupe, schnupperte und leckte vorsichtig daran. »Oh, nein. Da ist mir ein Fehler passiert. Das ist Salzgebäck. Das backen die Menschen nur zur Dekoration. Jetzt müssen wir doch auf süße Weihnachtsleckereien verzichten.«

(c) 2023, Marco Wittler

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