Flaschenpostbote Knut reitet die Welle
Flaschenpostbote Knut, ein alter Meermann mit einem besonders markanten Bart, stand vor dem großen Wandspiegel und betrachtete sich von oben bis unten. Normalerweise würde sich nun seine Dienstmütze aufsetzen, seine Uniformjacke zurecht ziehen und sich einen kleinen Seestern auf die Brust setzen, doch heute tat er nichts von alledem. Heute war nämlich ein ganz besonderer Feiertag.
Knut warf zur Sicherheit noch einmal einen Blick auf den Kalender und nickte zur Bestätigung. Heute war Batmans Geburtstag, als etwas so Besonderes, dass es nur ein Mal im Jahr stattfand. Da konnte man unmöglich der Arbeit nachgehen.
Der alte Meermann griff nach einem kleinen Seestern, der unter dem Spiegel auf einem Brett lag und heftete ihn sich an sein blau und weiß gestreiftes Shirt. »Komm mit, Enno, wir machen heute einen Ausflug. Ich habe uns etwas Tolles überlegt.«
Der Seestern grinste über das ganze Gesicht und antwortete mit unerwartet tiefer Stimme und sagte: »Hallo!«, womit er seinen gesamten Wortschatz präsentierte.
Gemeinsam verließen sie das Flaschenpostamt, das sich im Herzen der Stadt unter dem Meer befand. Am Zaun wartete bereits der nächste Kollege. Fiete, ein großer, oranger Krake winkte mit seinen acht Armen zur Begrüßung. Dann griff er zu drei Taschen und drei Picknickkörben, die er mit Leichtigkeit vor sich her trug.
»Wir gehen heute in den Pott und machen uns einen schönen Tag. Ich hoffe, ihr habt eure Badehosen eingepackt.« Fiete nickte, während Enno ein zustimmendes Hallo rief.
Der Pott war ein beliebtes Ausflugsziel, eine kreisrunde Vertiefung, deren Ränder bei Ebbe aus dem Wasser auftauchten und so zu einem natürlichen Freibad wurde, in dem sich die Bewohner des Meeres austoben konnten. Glücklicherweise war der Weg nicht weit. Knut, Enno und Fiete erreichten ihr Ziel nach einer halben Schwimmstunde. Sie zahlten den Eintritt, jeder von ihnen drei Muschelschalen und zogen sich in der Umkleide um.
Während Fiete mit seinen acht Armen keine Probleme hatte, den Rand des Potts zu erklimmen, fiel es Knut mit seinem Fischschwanz deutlich schwerer.
Der alte Meermann blickte seine Freunde und Kollegen an. »Auf Drei?« Sie nickten wortlos, trotzdem stand ihnen die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. »Eins! Zwei! Drei! Los gehts!«Doch noch bevor sie springen konnten, spritzte das Wasser zu allen Seiten weg.
»Wie? Was? Wer?«
Knut brauchte ein paar Sekunden, bis er verstanden hatte, was geschehen war. Eine Gruppe Pottwale war aus dem Meer und direkt in den Pott gesprungen. Dabei hatten sie ihn bis zum Grund geleert. An Freibadspaß war nun nicht mehr zu denken.
»Na, ganz toll. Wie soll ich jetzt noch meine Freibadpommes zum Mittag genießen können?«
Die anderen Meeresbewohner packten bereits ihre nassen Sachen und gingen stinksauer zum Ausgang. Mit diesen Rüpeln würde man keinen angenehmen Tag verbringen können.
»Wir sollten ein anderes hierher kommen.«, sagte Knut. »Die nächste Ebbe kommt bestimmt.«
Sie versuchten es am nächsten, am dritten, vierten, fünften, sogar am sechsten und siebten Tag. Nachdem eine ganze Woche vergangen war, in der die Pottwale immer wieder den Pott geleert hatten, platzte Knut endgültig der Kragen. Statt den Felsenkreis zu erklettern, wartete er mit Enno und Fiete unter Wasser auf die riesigen Meerestiere und stellte sich ihnen schließlich in den Weg.
»Damit muss jetzt endlich Schluss sein!«, rief er ihnen entschlossen entgegen.
Enno sprach ein deutliches und mies gelauntes »Hallo« entgegen.
»Es geht nicht, dass ihr allen anderen den Spaß verderbt und ihr den Pott für euch allein nutzt.«
Einer der Wale kam näher und schwamm seitlich zum alten Meermann. Er kam so nah, dass sein riesiges Auge beinahe Knuts Nasenspitze berührte. »Und wer will uns aufhalten? Etwa du, kleiner Mann? Der Pott ist für uns gemacht. Schließlich sind wir Pottwale. Das ist unser neuer Clubtreffpunkt. Und jetzt Abmarsch. Wir haben uns auf einen Sprung vorzubereiten. Mach Platz!«
Die Flaschenpostboten fügten sich. Sie wussten, dass sie gegen diese großen Tiere keine Chance hatten.
Die Wale lachten und setzten sich in Bewegung. Sie wurden schneller und schneller, bis sie … Sie brachen den Sprung ab, hielten an. Ihr Anführer machte kehrt und steuerte erneut auf Knut zu.
»Es … es tut mir leid. Ich wollte dich nicht kränken, beleidigen oder ängstigen. Weißt du, wenn man so groß ist, hat man vor nichts mehr Angst. Ich hab mich davon in der letzten Zeit zu sehr hinreißen lassen und bin zu einem echt miesen Ekel geworden. Und nun hab ich eine wilde Gang um mich herum, die das auch noch so von mir erwarten. Ich würde das gern ändern, ein besserer Wal werden, ich weiß nur nicht, wie ich das anstellen soll.«
»Hm.« Knut strich sich nachdenklich über seinen großen Schnurrbart, der breiter als sein Gesicht war. »Ich glaube, ich habe da eine Idee.«
Ein paar Minuten später standen die Bewohner des Meeres auf dem felsigen Rand des Potts verteilt. Lediglich eine Seite hatten sie offen gelassen. Von dort näherten sich nun die Wale, sprangen im hohen Bogen die Luft und ließen sich krachend in den Pott fallen. Das Wasser spritzte zu allen Seiten ins Meer, spülte dabei die Badegäste fort und trieb sie auf einer kreisförmigen Welle zu allen Seiten hinweg.
Knut, Enno und Fiete standen dabei auf einem Brett und sausten dem Horizont mit hoher Geschwindigkeit entgegen.
»Das ist noch so viel besser, als baden gehen und Freibadpommes. Das ist die perfekte Welle für einen tollen Tag.«
(c) 2026, Marco Wittler
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