1723. Oskar muss zur Arbeit

Oskar muss zur Arbeit

Die Nacht lag wie eine dunkle, schwere Decke über dem Wald. Nur hier und da funkelten ein paar Sterne, als hätte jemand Löcher mit einer Nadel in die Decke gestochen. Alles lag friedlich in seinen Betten, nur ein paar Grillen zirpten um die Wette, während sie ein einsamer, alter Kauz auf seinem Ast in der Höhe musikalisch begleitete.
Die Nacht hätte perfekt sein können, sei es für einen langen Schönheitsschlaf oder für besonders angenehme Träume, wenn nicht plötzlich ein unnatürliches Geräusch aus einem alten Dachsbau zu hören gewesen wäre.
Das laute Schrillen eines alten Weckers erklang und riss nicht nur seinen Besitzer aus dem Schlaf, auch die Nachbarn in einem weiten Umkreis wurden unsanft geweckt.
Ein kleine, fällige Hand Mit langen, schlanken Fingern tauchte unter einer Bettdecke auf, streckte sich zum Nachttisch aus und beförderte den nervigen Wecker nach unten, wo er in einem Eimer voll Wasser versank. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er kläglich leiser wurde und schließlich verstummte. Eigentlich hätte der Schlaf im Wald nun weitergehen können, doch stattdessen erklang nun ein lautes Gähnen, während die Decke zurückgeschlagen wurde.
Ein Opossum, einer Ratte im Aussehen nicht ganz unähnlich, dafür aber so groß wie eine Katze, setzte sich auf, gähnte ein zweites Mal und stand endgültig auf. Langsam schlurfte es ins Bad und blieb vor dem Waschbecken stehen. Es rieb sich die müden Augen, bevor es in seinen Beutel griff, der sich am Bauch befand und holte eine Brille heraus. Nun konnte es sich im Spiegel betrachten.
»Mein lieber Oskar, du schaust so müde aus, wie ich mich gerade fühle.«
Oskar griff zur Zahnbürste und schrubbte sich seine kleinen, scharfen Zähne, bis sie im Licht der Deckenlampe aufblitzten und ein frischer Minzduft den Raum erfüllte.
»Auf geht es.«, versuchte sich Oskar zu motivieren. »Die Arbeit ruft. Jemand anderes macht sich nun mal nicht.« Er griff zur Mütze, die in allen Farben des Regenbogen gestrickt worden war, setze sie sich auf den Kopf und verließ seine Wohnhöhle. Vorsichtig blickte er sich um. Zu dieser frühen Stunde war niemand zu sehen. Die perfekte Zeit, um unbehelligt durch den Wald zu laufen. Oskar schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief durch und sprintete los.
Noch immer war er allein auf dem Waldweg. Würde er es dieses Mal bis zur Arbeit schaffen, ohne dass es einen Zwischenfall geben würde?
»Hey Oskar!«
Wie aus dem Nichts sprang eine riesige Raubkatze hinter einem Busch hervor. Ein Puma.
Oskar erschrak. Er spürte, wie sich sein Herz nicht entscheiden konnte, ob es panisch einen Salto machen oder einfach stehenbleiben sollte. Stattdessen übernahm der Körper des Opossums Letzteres. Als wäre er spontan gestorben, stürzte Oskar der Länge nach auf den Boden und blieb reglos liegen.
Der Puma kam langsam näher, beäugte das Opossum, schnupperte vorsichtig an ihm. »Wie oft willst du das eigentlich noch machen? Du weißt doch, dass ich nicht gefährlich bin.«
Es dauerte noch einen Augenblick, bis sich Oskar wieder bewegte und die Augen öffnete. »Ich kann nichts dafür, Marvin. Das liegt einfach in meiner Natur. Wenn ich Angst bekomme, muss ich mich tot stellen. Du weißt doch, dass die meisten Räuber nichts Totes fressen wollen.«
Marvin entschuldigte sich, wie er es jeden Morgen tat, bevor sie gemeinsam zur Arbeit gingen.

Am nächsten Morgen begann alles von vorn. Doch dieses Mal wollte Oskar den Weg zur Arbeit ihnen einen Zwischenfall überwinden. Dafür hatte er sich nämlich etwas Besonderes einfallen lassen. Wie schon an den vorherigen Tagen verließ er mit äußerster Vorsicht seinen Bau und blickte sich um. Niemand war zu sehen.
»Jetzt wird es sich zeigen, ob mein Plan gut genug ist und ich meiner Natur ein Schnippchen schlagen kann.«
Oskar setzte sich einen Helm auf den Kopf, stellte sich ein Skateboard auf den Boden und stieg vorsichtig darauf. Mit einem seiner vier Füße stieß er sich ab und gab Gas. Mit jedem Meter wurde er schneller, bis er schließlich durch den Wald brauste, als hätte er einen Elektromotor verbaut. Es ging in engen Kurven um Bäume und Büsche herum, bis er schließlich einen großen, dunklen Schatten erblickte, der trotz Nacht im Wald zu erkennen war und von einem Baum auf den Weg sprang.
»Ein Raubtier!«
In seiner Panik versteifte sich Oskars Körper, fiel vom Skateboard und überschlug sich mehrmals, bevor er auf dem Boden reglos liegenblieb.
»Guten Morgen Oskar!«, rief ein quietschvergnügter Puma in die Dunkelheit.
Nur langsam kam das Opossum wieder auf die Beine und rieb sich die wunden Stellen an seinen vier Knien. »Manchmal habe ich das Gefühl, dass du das absichtlich machst, Marvin. Gib zu, du liebst es, mich zu erschrecken.«
»Nein, auf gar keinen Fall.«, antwortete Marvin mit einem breiten Grinsen, während er den Kopf schüttelte. »Aber wenn du mich schon fragst, was wäre das Leben ohne ein wenig Nervenkitzel?«
Oskar seufzte. Es war anstrengend mit so einem Kollegen den selben Arbeitsweg zu teilen, aber irgendwie spürte er täglich mehr und mehr die Herausforderung, es dem Puma zu zeigen. Er wollte beweisen, dass er seinen Weg schaffen konnte, ohne sich tot stellen zu müssen. Ihm kam auch schon eine neue Idee.

Ein neuer Tag, ein neuer Morgen und damit eine neue Herausforderung.
Oskar stand mit breitem Grinsen vor seinem Bau. »Heute ist mein Tag. Dieses Mal wirst du mich nicht erwischen. Ich komme unbehelligt zur Arbeit.«
Er lachte leise, breitete zwei Flügel aus, die er wie einen Rucksack an den Schultern befestigt hatte und erhob sich in die Lüfte. Mit jedem Flügelschlag erhob er sich weiter in die Lüfte und befand sich schon bald dicht über den Baumkronen. Es war ein unglaublich befreiendes Gefühl der Sicherheit. Hier konnte ihm niemand etwas zu Leide tun.
Irgendwann nahm Oskar eine Bewegung unter sich wahr. Ein großer Schatten sprang auf den Waldweg. Er war eindeutig Marvin, der sich verdutzt umsah. Eigentlich hatte er das Opossum um diese Zeit erwartet. Doch nun stand er ganz allein zwischen den Bäumen.
»Haha!«, rief Oskar triumphierend. »Damit hast du wohl nicht gerechnet. Ab heute bin ich eine Opossumse und fliege mit den Bienen und Hummeln um die Wette. Du wirst mich nicht mehr erschrecken, mein alter Freund.«
Marvin blickte auf und nickte anerkennend. Doch dann riss er erschrocken seine Augen auf. »Oskar, pass auf!«
Aus der Höhe schoss ein Adler auf Oskar hinab. Die langen Krallen hatte er sich zur Jagd frisch angespitzt. »Was soll das? Es ist Nacht. Vögel gehen nachts nicht jagen.«
Der Adler lachte laut. »Nachts gibt es weniger Konkurrenz unter den Jägern.«
Oskar sah sich bereits vor seinem inneren Auge als Vogelfutter enden. Schlagartig versteifte sich sein Körper. Die Arme erschlafften, die Zunge hing ihm aus dem Maul. Er stürzte ab.
Angewidert drehte der Adler ab. »Igitt. Da hatte ich schon frischere Mahlzeiten.« Mit einem würzenden Gefühl im Hals drehte er ab.
Unterdessen krachte Oskar durch die Baumkronen. Sein Sturz wurde von Ästen und Blättern gebremst, sodass er nur mit ein paar blauen Flecken vor Marvins Füßen liegenblieb.
»Opossumse?«, fragte der Puma mit kritischem Blick und zog eine Augenbraue hoch.
Oskar ächzte. »Ich arbeite noch an den Details. Aber du musst zugeben, der Plan war schon gar nicht mal so schlecht.«
Ja doch, das musste Marvin zugeben. Ein Opossum, dass durch die Luft flog, das hatte er auch noch nicht erlebt.
»Ich hätte da auch noch eine Idee, mein geschätzter Freund.« Der Puma legte einen Arm um das Opossum. »Ich habe im Wetterbericht gelesen, dass die ganze kommende Nacht in Strömen regnen soll. Ich hab es satt, auf einem Ast in den Bäumen zu schlafen und morgens mit nassem Fell aufzuwachen. Was hältst du davon, wenn wir von nun an gemeinsam in deinem Bau als Wohngemeinschaft leben? Ich habe ein trockenes Dach über dem Kopf und dadurch reitest du auf meinem Rücken ganz sicher vor anderen Raubtieren durch den Wald.«
Da musste Oskar nicht lange überlegen. Das war die beste Idee von allen. Sie gaben sich die Pfoten. Das Opossum kletterte auf den Rücken des Pumas und ritt den restlichen Weg auf dessen Rücken. Nach einer halben Stunde erreichten sie eine Lichtung auf der sich ein großer Rummelplatz befand. Sie blieben vor einem der Kassenhäuschen stehen. Oskar blickte auf und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
»Dass ich so schreckhaft bin, wird mir auch niemand glauben.« Er blickte auf zum Schild, das sich über ihm befand. OSKARS UND MARVINS GEISTERBAHN. HORROR UND SCHRECKEN BIS DER ARZT KOMMT.

 

(c) 2026, Marco Wittler

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