1734. Ritter Fridolin scheut keinen Kampf

Ritter Fridolin von Kieselstein scheut keinen Kampf

Ritter Fridolin von Kieselstein warf einen Blick auf die aktuelle Tabelle der alljährlichen Ritterspiele. Entgegen seiner bisherigen Erfahrungen und seiner sehr niedrigen Erwartungen, hatte er sich überraschend gut geschlagen. Statt wie üblich den letzten Platz zu verteidigen, lag er nun mit Isolde vom Löwenstein, der einzig bekannten Rittersfrau dies- und jenseits des großen Grenzflusses, punktgleich auf Platz 1.
»Isolde vom Löwenstein.«, sprach Ritter Fridolin ehrfurchtsvoll und ein wenig ängstlich immer wieder leise vor sich hin. Die Rittersfrau, die als einzige Turnierteilnehmerin eine makellos glänzende Rüstung trug, war in allen Landen berühmt und berüchtigt. Sie galt in allem als ungeschlagen und hatte noch nie eine Niederlage einstecken müssen.
»Isolde vom Löwenstein.« Nur bei diesem Gedanken begann Fridolin schon zu frösteln. Wie sollte er ihr nur gegenübertreten? Wie sollte er gegen sie bestehen und sie besiegen? Und vor allem, wie sollte er sie nach dem Turnier um ein Autogramm bitten, ohne sich komplett lächerlich zu machen? »Als ihr größter Fan habe ich es nicht gerade leicht.«
Er marschierte in seinem Wartebereich auf- und ab. Das sonst beruhigende Scheppern seiner Rüstung brachte ihm auch nichts mehr. Wenn er doch nur wüsste, welcher letzten Herausforderung sie sich stellen mussten.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zu seinem Verschlag. Ein Knappe winkte ihn heraus. »Es ist so weit. Der König, das Publikum und eure Gegnerin warten schon auf euch.«
Ritter Fridolin spürte plötzlich ein Zittern in seinen Beinen. Die Knie wurden ihm weich. Nur zu gern hätte er sich in die dunkelste Ecke des Schlosskellers, wenn nicht sogar in die des gesamten Königreichs, verkrochen. Doch nun führte kein Weg mehr zurück. Isolde vom Löwenstein wartete dort draußen und würde ihn in jeder möglichen Disziplin in den Boden stampfen.
Ritter Fridolin sah ein letztes Mal an sich herab. Mit Erschrecken fielen ihm wieder die vielen Rostflecken auf, die er eigentlich noch entfernt haben wollte. Er schluckte schwer, ließ den Kopf hängen und schlüpfte nach draußen.
Hatte er vor wenigen Augenblicken noch tosenden Applaus für seine Gegnerin hören können, ebbte dieser nun abrupt ab, als das Publikum ihn erblickte.
»Im nun letzten Duell stehen sich Lady Isolde vom Löwenstein und Ritter Fridolin von Kieselstein gegenüber. Wer dieses gewinnt, gewinnt auch das Turnier und damit einen Platz an der Tafelrunde des Königs für die kommenden zwölf Monate.«, rief der Herold des Königs so laut, dass man es auch in der hinterletzten Ecke des Stadions deutlich vernehmen konnte.»
Mögen die Kontrahenten auf den markierten Punkten Aufstellung nehmen.«
Isolde marschierte mit festem Schritt auf ein Kreuz zu, das auf den Boden gemalt worden war. Fridolin schlich zu seinem, das nur eine halbe Armlänge von ihr entfernt war.
»Was soll das werden?«, wunderte sich Fridolin. Er hatte von keiner einzigen Kampfart gehört, die auf so geringe Distanz ausgeübt werden konnte. Außerdem fehlten jegliche Waffen.
Isolde und Fridolin nickten sich ein letztes Mal zu, dann schlossen sie die Visiere ihrer Helme.
»Das letzte Duell wird ein ungewöhnliches, aber dennoch sehr herausforderndes sein. Es entsprang einer spontanen Idee der jungen Prinzessin Philomena.
«Kurz wanderten alle Blicke zu dem kleinen sechsjährigen Mädchen, das neben dem König saß und sich ein Kichern nicht verkneifen konnte.
»Die beiden Kontrahenten werden sich auf das Kommando des Schiedsrichters die Zungen herausstrecken und wilde Grimassen schneiden. Wer zuerst lachen muss, hat verloren.«
Stille machte sich im Stadion breit. Mit allem hatte man gerechnet, nicht aber mit einem Kinderspiel. Der Schiedsrichter hob eine kleine, rote Flagge. Das Duell hatte begonnen.
Isolde vom Löwenstein riss ihr Visier nach oben. Die Empörung stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Ist das wirklich euer Ernst? Was ist, wenn ich mit meiner Zungenspitze meine schöne Rüstung berühre. Sie könnte Speichelflecken davontragen, schlimmer noch, vielleicht an dieser Stelle zu rosten beginnen. Mit Verlaub, ich kann so nicht an diesem Duell teilnehmen. Das ist mehr als absurd.«
Nun riss auch Fridolin siegessicher sein Visier auf. Er hob den Arm, zeigte auf Isolde und begann zu lachen. »Da siehst du Mal, dass Glanz und Gloria nicht alles sind. Hättest du so eine alte, schmuddelige Rüstung wie die meine, könntest du dich mir stellen, stattdessen kneifst du und gibst auf.« Er lachte wieder, dieses Mal noch ein wenig lauter.
Doch dann erschrak der Ritter. Seine Gesicht fror ein. Er musste schlucken. Panisch blickte er zum Schiedsrichter, der die Flagge sinken ließ.
»Gewinnerin des diesjährigen Ritterturniers ist Lady Isolde vom Löwenstein.«
Sie grinste nun ihrerseits ihren besiegten Gegner an und zwinkerte. »Schmutzige Tricks sind manchmal gefährlicher als jedes Schwert. Aber das lernt ihr auch noch. Ich bin mir sicher, dass ich euch im nächsten Jahr nicht wieder so einfach schlagen werde.« Sie klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, worunter Fridolin beinahe zusammengebrochen wäre. »Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß und eine so große Herausforderung, wie in diesem Jahr. Deswegen freue ich mich jetzt schon auf das nächste Turnier, Fridolin von Kieselstein.«
Sie griff nach seiner Hand und riss sie nach oben. Gemeinsam jubeln und feiern fühlte sich einfach gut und richtig an. Immerhin hatten sie sich bis vor ein paar Minuten den ersten Platz geteilt.

(c) 2026, Marco Wittler

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