293. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Die Temperaturen in der Stadt waren stark gefallen. Aus den ständigen Regentropfen waren mittlerweile dicke Schneeflocken geworden, die unaufhörlich zur Erde nieder schwebten. Die Menschen hatten sich in dicke Mäntel mit Mützen und Handschuhen gekleidet und liefen geschäftig hin und her. Nur auf dem kleinen Weihnachtsmarkt neben der Kirche blieben sie eine Weile stehen und wärmten sich mit Glühwein und Punsch.
Zu dieser Zeit sah eine kleine Maus aus ihrem Mauseloch heraus und zitterte am ganzen Leib.
»Wenn der Winter doch bloß schon wieder vorbei wäre. Das ist einfach viel zu kalt für eine Maus und ihre Familie.«
Sie sah sich um und blickte in die hungrigen Augen ihrer Kinder.
»Es tut mir Leid, meine Kleinen, aber bei dem Wetter finde ich nichts, was ich euch geben könnte. Es ist alles unter einer dicken Schneedecke verschwunden.«
Da knurrten die Mägen der Kleinen noch um einiges lauter. Also fasste sich die Maus ein Herz und lief hinaus in die Kälte.
Ihre Füßchen trugen sich durch den Schnee, vorbei an großen Bretterbuden. Sie musste gehörig aufpassen, dass sie noch von einem schweren Winterschuh der Menschen zertreten wurde.
»Sie werden doch bestimmt den einen oder anderen Krümel fallen lassen.«, hoffte sie.
Doch das war leider nicht der Fall. Wenn einmal ein Krümel herab fiel, verschwand er auch sofort im tiefen Schnee und war nicht mehr zu finden.
Traurig wollte die Maus kehrt machen und sich in der Höhle aufwärmen, als sie die Stimme eines Mädchens hinter sich hörte. Sofort bekam sie Angst. Entdeckt zu werden, war das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte.
»Hey, kleine Maus, warte mal. Du schaust so hungrig aus.«
Das Mädchen lächelte und bückte sich. Dann brach sie ein großes Stück von einer Brezel ab und hielt es der Maus hin. Diese nahm das Geschenk nur zu gern an und flitzte damit zurück in ihr Versteck.
Die kleinen Mäuschen bekamen große Augen. So viel Futter hatten sie in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen. Jetzt konnten sie sich endlich satt fressen.
Das kleine Mädchen ging mit ihrer Mutter lächelnd nach Hause.
»An Weihnachten soll doch jeder glücklich sein und etwas zu Essen haben.«, sagte sie fröhlich.

(c) 2009, Marco Wittler

080. Die Kirchenmaus

Die Kirchenmaus

Moritz lebte in einem Kirchturm. Das mag sich schon sehr ungewöhnlich anhören, denn normalerweise wohnt man doch in einem Haus. Aber ihm gefiel es dort oben sehr gut. Vor allem, da sich dort oben keine gefährlichen Katzen herum trieben. Denn Moritz war eine kleine Maus.
Tagein und tagaus saß er an einem der Fenster und sah nach draußen. Auf dem Marktplatz unter ihm gingen die Menschen ihren Geschäften nach, wuselten hin, wuselten her und gingen von einem Laden zum Nächsten.
Die kleine Maus konnte sich gar nicht vorstellen, wie es sein würde, ein Mensch zu sein.
»Das wäre mir viel zu stressig. Wenn ich mir das so ansehe, dann haben die Menschen doch gar kein ruhiges Leben. Daran hätte ich gar keinen Spaß.«
Hin und wieder kletterte Moritz vom Turm nach unten in die kleine Kirche. Dort krabbelte unter den Sitzbänken her und suchte nach etwas Essbarem. In einem kleinen Nebenraum fand er auch immer etwas Brot oder ein paar Scheiben Hostien, die der Pfarrer hatte liegen lassen. Dabei weiß doch jede Kirchenmaus, dass Hostien in den dafür vorgesehenen Tabernakel, einem kleinen Schrank im Altar, gehören. Aber für Moritz kam dieser Leckerbissen genau richtig.
Während er so da saß und vor sich hin knabberte, dachte er weiter über die Menschen nach.
»Die sind ein ganz schön komisches Völkchen. Aus denen werde ich nie schlau. Jeden Tag sind sie voller Hektik und Stress. Sie finden keine Ruhe. Nur einen einzigen Tag in der Woche können sie sich bremsen.«
Moritz dachte an den Sonntag. Denn an diesem Tag mussten die Menschen nicht arbeiten und versammelten sich stattdessen in der Kirche und lauschten dem Pfarrer, wenn er zu ihnen sprach oder sie sangen mit ihm langweilige Lieder.
Dieser Moment dauerte zwar immer nur eine Stunde, aber diese Zeit genoss Moritz sehr. Da war das ganze Gebäude mit einer sehr warmherzigen Stimmung gefüllt.

Es dauerte gar nicht lange, bis wieder einer dieser Tage kam. Die Straßen waren wie leer gefegt, die Geschäfte waren geschlossen und die Menschen würden schon bald nach und nach in kleinen Gruppen in die Kirche kommen.
Moritz machte es sich an seinem Lieblingsplatz bequem. Er hatte sich durch den Boden der Empore, das ist der Balkon in der Kirche, einen kleinen Tunnel geknabbert, an dessen Ende sich ein Loch befand. Von dort aus konnte er alles überblicken.
Mit einer kleinen Erdnuss machte er es sich bequem und beobachtete den Pfarrer dabei, wie er noch ein paar Blumen auf dem Altar zurecht machte.
»Da hat er aber die Kirche wieder schön heraus geputzt. Da werden sich die Leute richtig freuen.«
In diesem Augenblick rumpelte es über dem Kopf der kleinen Maus. Offenbar kam gerade der Organist. Es würde nun nicht mehr lange dauern, bis er sich an die Orgel setzen würde, um noch einmal die heutigen Lieder zu proben.
Ein ganz leises Geräusch verriet Moritz, dass gerade der Luftkompressor eingeschaltet wurde. Dieser befand sich in einem kleinen Raum hinter der Orgel und blies Luft in die einzelnen Pfeifen, damit sie Töne von sich gaben.
Doch diesmal hörte sich das Gerät seltsam an. Irgendetwas stimmte da nicht.
In diesem Moment drückte der Organist die ersten Tasten. Doch statt eines Liedes erklangen nur ganz leise schräge Töne. Er sah sich um, drückte ein paar Knöpfe, zog einige Hebel und begann erneut zu spielen. Aber es änderte sich nichts. Die Orgel schien kaputt zu sein.
Sofort lief er von der Empore hinab, um mit dem Pfarrer zu sprechen.
Moritz sah den beiden von oben aus zu.
»Ach du meine Güte, herrjemineh. Was sollen wir denn jetzt machen? Ein Gottesdienst ohne Orgelmusik ist doch kein richtiger Gottesdienst. Was sollen denn die Leute denken? Wir brauchen sofort Hilfe. Aber woher sollen wir die bloß bekommen? Am Sonntag arbeitet doch niemand.«
Moritz verstand von diesen Worten nichts. Er war ja schließlich eine Maus und kein Mensch. Aber trotzdem wusste er, dass es gerade große Probleme gab.
Während der Pfarrer in einen anderen Raum eilte, um über das Telefon Hilfe zu holen, dachte Moritz nach, ob er in der Zwischenzeit schon helfen könnte. Obwohl er nur eine kleine Maus war und von Orgeln keine Ahnung hatte, machte er sich auf den Weg. Er kletterte am Holzgehäuse nach oben und lies sich furchtlos in eine der Orgelpfeifen fallen. Ein leises Plumpsgeräusch war in der Kirche zu hören. Die beiden Männer waren aber viel zu beschäftigt, um es zu bemerken.
Moritz konnte nicht viel erkennen. Nur wenig Licht drang hier ein. Es war, als würde gerade die Sonne untergehen.
»Aber ich muss unbedingt heraus finden, was geschehen ist. Vor ein paar Tagen hat die Orgel doch noch funktioniert.«
Er setzte vorsichtig eine Pfote vor die andere und schnüffelte umher.
Plötzlich kam ihm etwas sehr seltsam vor. Da war ein Geruch, der ihm sehr bekannt vor kam. Dazu war das leise Getrippel von kleinen Füßen zu hören.
»Hallo? Ist da jemand?«
Das Geräusch erstarb so schnell, als hätte es nie existiert.
»Hallo? Ich weiß, dass dort jemand ist. Also komm heraus.«
Moritz hatte etwas Angst. Trotzdem ging er langsam weiter.
Das Licht war mittlerweile so dunkel geworden, dass er nichts mehr sehen konnte. Seine Nase roch dafür mit jedem Schritt umso besser.
»Das riecht doch nach Haselnüssen.«
Er tastete sich vorwärts. Und tatsächlich hatte seine Nase Recht behalten. Denn nur einen Moment stieß Moritz mit dem Kopf gegen eine Nuss. Sie lag direkt in dem Rohr, welches zum Kompressor führte. Und dann war da noch eine und noch eine. Es war ein kleiner Haufen, bestimmt zehn Stück an der Zahl.
»Habe ich es mir doch gleich gedacht. Daran kann doch nur einer Schuld sein.«
Moritz atmete tief ein, drückte seine Brust heraus und rief so laut er konnte.
»Emil, komm sofort heraus. Ich weiß ganz genau, dass du hier bist. So viel Ärger macht doch kein anderer.«
Einen Moment lang blieb es still. Doch dann raschelte es und ein kleines Fellbündel kam heran.
Die kleine Maus schnupperte und erkannte sofort den Duft vor sich. Es war ein kleines Eichhörnchen.
»Es tut mir Leid Moritz.«, sagte es.
Moritz schüttelte den Kopf.
»Weißt du eigentlich, was du angestellt hast? Die Menschen brauchen doch heute die Orgel. Wie sollen sie denn sonst ihre Lieder singen?«
Emil kam etwas näher und zog einige Nüsse mit sich.
»Aber es ist doch Herbst und der Winter wird bald kommen. Ich muss anfangen, genug Vorräte für die kalte Jahreszeit zu verstecken, sonst verhungere ich doch. Ich wusste leider nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Die Löcher in den Bäumen sind alle schon von den anderen Eichhörnchen besetzt.«
Moritz schüttelte wieder den Kopf und lachte.
»Es ist doch jedes Jahr das Gleiche mit dir. Du bist mal wieder viel zu spät dran. Aber weißt du was? Ich werde dir ausnahmsweise in diesem Jahr helfen.«
Hätte Moritz in dieser Dunkelheit etwas sehen können, wäre ihm sofort das Leuchten in Emils Augen aufgefallen.
»Aber zuerst müssen wir die Nüsse hier heraus schaffen.«
Gemeinsam sammelten sie alles ein und waren in wenigen Minuten fertig.
Die Nüsse verstauten sie in der kleinen Vorratskammer, die sich Moritz schon vor Wochen geschaffen hatte.
»Darin ist noch genug Platz. Du darfst alles da hinein bringen und dich dann jederzeit bedienen, wann du möchtest.«
Emil war so froh über dieses Angebot, dass er nur zu gern ›ja‹ sagte. Dass er in den dunklen Röhren der Orgel immer Angst gehabt hatte, verschwieg er allerdings.
»Jetzt bleibt nur noch eines zu tun.«
Moritz kletterte erneut am Gehäuse der Orgel nach oben, zögerte kurz und sprang dann in die Tiefe auf die Tasten.
Ein lautes Geräusch ertönte, welches in der ganzen Kirche zu hören war.
Die kleine Maus verschwand in einem kleinen Loch und beobachtete, was nun geschah.
Es dauerte nur einen kleinen Moment, bis der Pfarrer und der Organist auf die Empore gelaufen kamen, um noch einmal selber die Orgel auszuprobieren.
»Ich kann es gar nicht glauben. Sie funktioniert ja wieder. Da müssen wir ja einen freundlichen Schutzengel gehabt haben.«
Moritz lächelte und lief gemütlich in sein Beobachtungsloch.
»Dann steht dem Gottesdienst ja nichts mehr im Wege.

(c) 2008, Marco Wittler

077. Der Falke und die kleine Maus

Der Falke und die kleine Maus

Fridolin saß auf seinem Ausguck und blickte sich um. Unter ihm befand sich auf der einen Seite die kleine Stadt, auf der anderen Seite ein kleiner Wald und Felder.
Als waschechter Falke hatte Fridolin es sich im Turm einer Kirche gemütlich gemacht. Dort hatte er sein Nest und sah sich täglich nach seiner Beute um. Und so war es auch an diesem Tag. Es war warm, die Sonne schien und die Sicht war prächtig. Jetzt fehlte nur noch eine kleine Maus oder ein Kaninchen für das Mittagessen.
Aber man kann doch von so weit oben gar keine kleinen Tiere sehen, magst du jetzt vielleicht denken. Doch die Augen eines Falken sind sehr viel besser als die von Menschen.
Nun sah sich Fridolin also um. Aber er konnte nichts entdecken.
»Verdammt. Wenn meine Augen doch nicht so schlecht wären. Es ist unfair, dass die anderen Falken so viel besser sehen können als ich.«
Fridolin hüpfte in den Kirchturm zurück zu seinem Nest, kramte darin herum und holte eine Brille hervor, die er sich dann aufsetzte.
»So geht es schon viel besser.«
Als er wieder nach draußen sah, dauerte es nicht mehr lange, bis er entdeckte, was er suchte. Im benachbarten Feld lief eine kleine Maus hin und her und knabberte an ein paar herab gefallenen Getreidekörnern.
»Das wurde ja auch langsam mal Zeit. Mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen.«
Fridolin sprang in die Tiefe, entfaltete seine Flügel und flatterte über das Feld. Dort hielt er inne, suchte noch einmal nach der Maus und stürzte sich zu Boden. Wie ein Pfeil schoss er durch die Luft. Er war für die Maus nicht zu hören und nicht zu sehen. Kurz bevor er auf dem Boden aufschlug, flog er einen Bogen und griff mit den Krallen seiner Füße nach der Maus.
Aber genau in diesem Moment passierte es. Fridolin rutschte die Brille von der Nase und er griff ins Leere.
Die kleine Maus war starr vor Schreck. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich ein großer Vogel auf sie stürzen würde. Um ein Haar wäre sie gefressen worden. Doch nun hatte sie noch eine Chance erhalten. Sie nahm ihre Beine unter den Arm und flüchtete in ein kleines Erdloch. Dort würde sie sicher sein.
Keuchend hielt sie sich die Brust und wartete nun darauf, dass der Falke wieder verschwinden würde.
Aber Fridolin dachte gar nicht daran, zu seinem Ausguck zurück zu kehren. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre es ihm gar nicht möglich gewesen, denn ohne Brille konnte er den Weg nicht finden und würde gleich gegen das nächste Haus fliegen.
Nun hüpfte er verzweifelt hin und her. Er kniff die Augen eng zusammen und hoffte, seine Brille auf diese Art und Weise finden zu können. Aber es war aussichtslos.
»Oh nein. Wie konnte mir das nur passieren. Ich komme doch nie wieder weg von diesem Feld. Was soll ich denn jetzt machen?«
Die kleine Maus verzweifelte nun auch.
»Der wird nie wieder verschwinden?« sagte sie zu sich.
»Aber dann muss ich ja ewig in diesem Loch bleiben und werde hier verhungern. Das ist ja fast noch schlimmer als gefressen zu werden.«
Die kleine Maus überlegte sich nun, ob sie nicht doch noch heraus kommen sollte, um ihrem Leben ein schnelles Ende zu bereiten. Doch dann hörte sie noch etwas.
»Wenn ich doch bloß als Maulwurf geboren worden wäre. Dann wäre meine Blindheit nicht so schlimm. Aber ein Falke muss doch gut sehen können. Wo ist bloß diese Brille geblieben?«
Die Maus traute ihren Ohren nicht.
»Der Falke trägt eine Brille und hat sie verloren? Dann kann mir ja gar nichts mehr geschehen.«
Vorsichtig sah sie aus ihrem Versteck hervor und erblickte den großen Vogel. Noch immer traute sie der Sache nicht. Vielleicht würde er ja auch nur lügen, um sie aus dem Loch zu locken.
Doch dann sah sie etwas zwischen den Getreidehalmen glitzern.
»Da ist ja die Brille.«, flüsterte sie.
Und nun kam auch Fridolin seiner Brille näher. Sehen konnte er sie trotzdem nicht.
Und plötzlich knackte und klirrte etwas.
»Oh nein.«
Fridolin sah nach unten und hob seine Füße an. Darunter lag seine Brille. Vorsichtig nahm er sie hoch, musste aber feststellen, dass er das Glas zertreten hatte. Sie war kaputt und nicht mehr zu gebrauchen.
»Ich bin doch wirklich ein großer Pechvogel. Das war meine einzige Brille und eine neue werde ich nicht bekommen. Ich bin verloren und werde den Rest meines Lebens auf dem Erdboden verbringen müssen. Ich werde nicht einmal etwas zu fressen finden und verhungern.«
Er weinte dicke Tränen, die nun mit den Glasscherben in der Sonne glitzerten.
Die Maus hatte plötzlich großes Mitleid mit dem großen Vogel. Sie kam aus ihrem Versteck heraus und näherte sich langsam.
»Hallo.«, sagte sie.
»Hallo? Wer ist denn da?«, fragte Fridolin ängstlich.
»Ich kann dich nicht sehen. Wer bist du? Willst du mir etwas antun oder mich fressen?«
Die kleine Maus lachte nun.
»Nein, ganz bestimmt nicht. Dazu bin ich auch viel zu klein. Aber bis vor ein paar Minuten wolltest du mich noch fressen. Ich bin nur eine kleine Maus.«
Fridolin wollte aufatmen. Eine kleine Maus konnte ihm nicht gefährlich werden. Aber trotzdem war es ihm sehr peinlich, so hilflos vor seiner Beute zu sitzen.
»Was soll ich denn jetzt machen? Ich sehe so schlecht, dass ich wohl nie wieder Mäuse fangen werde. Und irgendwann wird eine hungrige Katze hier vorbei kommen und mich in Stücke reissen.«
Die kleine Maus dachte nach. Obwohl sie als Mittagessen verplant war, wollte sie dem Falken nun aus seiner Situation heraus helfen.
»Ich habe da eine Idee.«
Sie lief über das Feld und sammelte einige Getreidekörner auf.
»Probier diese Körner. Sie sind wirklich lecker und machen ordentlich satt. Davon kannst du dich doch ernähren.«
Fridolin wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Nur sehr zögerlich pickte er die Körner auf.
In diesem Moment bekam der Falke ganz große Augen.
»Das ist ja kolossal. Ich habe gar nicht gewusst, dass die so lecker sind. Die schmecken ja noch viel besser als Fleisch. Wenn ich das vorher gewusst hätte. Ich werde nie wieder etwas anderes fressen.«
Die kleine Maus hatte aber noch eine zweite Idee im Kopf. Schließlich konnte der Falke ja nicht hier am Boden bleiben. Für ein Mauseloch im Boden war er auch zu groß. Er gehörte in die Luft und zurück auf seinen Kirchturm.
Daher kletterte sie flink auf den Rücken des Vogels.
»Ich kann für dich durch die Gegend schauen und dir sagen, was ich sehe. Ich kann dich durch die Luft begleiten, damit du wieder nach Hause kommst und nicht gegen ein Haus fliegst.«
Fridolin war begeistert von dieser Idee. Er begann sofort mit den Flügeln zu schlagen und hob ab.
Die kleine Maus achtete auf die Richtung und geleitete den großen Vogel sicher zurück auf den Kirchturm.
Fridolin war glücklich, wieder zu Hause zu sein. Er nahm die Maus vorsichtig von seinem Rücken und setzte sie in sein Nest.
»Von nun an wollen wir beide dicke Freunde sein. Du darfst bei mir wohnen und musst nie wieder Angst vor Katzen und anderen Raubtieren haben. Und gemeinsam werden wir jetzt jeden Tag leckere Körner fressen.«
Der Falke und die Maus freuten sich und drückten sich gegenseitig.

(c) 2008, Marco Wittler

071. Wo sind alle Katzen hin?

Wo sind alle Katzen hin?

Stille lag über dem Bauernhof. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und der Hahn hatte noch nicht gekräht. Und doch war schon jemand wach.
Nico war vor ein paar Minuten gähnend aus seinem Bett gekrochen und machte sich an die Arbeit. Seine Aufgabe war es, jeden Tag ein paar der vielen Mäuse zu fangen, die sich auf dem Bauernhof herum trieben, damit sie nicht so viel vom Tierfutter anknabbern konnten.
Besonders die Kühe waren ihm und den anderen Katzen dafür sehr dankbar, denn sie hatten immer Angst mit ihrem eine Maus zu zerquetschen, wenn sie sich hinlegten.
Nico machte seinen üblichen Rundgang. Er lief einmal um die Scheune herum, anschließend um das Haus des Bauern und zum Schluss warf er einen prüfenden Blick auf den Misthaufen.
Und, trotz dass es noch so früh am Morgen war, fing er gleich fünf Mäuse. Die letzte von ihnen kam gerade völlig verschlafen aus dem Misthaufen gekrochen, da war es auch schon um sie geschehen. Nico packte zu und sperrte sie in einen kleinen Käfig.
Die kleine Maus quiekte vor Empörung und verlangte auf der Stelle eine richtige Verfolgungsjagd, wie sie üblich sein sollte, doch lies sich der Kater nicht darauf ein.
Von diesem Krach wurde allerdings Henning, der Hahn, wach. Er hatte seinen Kopf zwischen den Federn versteckt gehabt und schnarchte munter vor sich hin, bis die Maus ihn weckte.
»Huch? Wie denn? Was denn? Ist es denn schon so weit?«
Er schreckte hoch und krähte aus Leibeskräften, bis alle Tiere des Hofes und die Bauernfamilie wach waren.
»Oh nein.«, fluchte Nico.
»Du bist doch viel zu früh dran. Du hättest noch eine halbe Stunde warten sollen. Jetzt kommt doch der ganze Zeitplan durcheinander. Jedes Mal das Gleiche. Warum erschreckst du dich auch jedes Mal, wenn eine Maus anfängt zu quieken?«
Henning entschuldigte sich und überlegte bereits an einer Ausrede, die er den anderen Tieren erzählen konnte. Ein Hahn der sich von einer kleinen Maus erschrecken lies, durfte es doch nicht geben.
Nico packte sich derweil seine Beute und brachte sie in das Hauptquartier der Mäusejäger. Wie an jedem Morgen trafen sich alle sieben Katzen des Bauernhofes in einem alten Hühnerstall und präsentierten dort ihren Fang. Doch diesmal stimmte etwas nicht.
Nico sah sich um und fühlte sich plötzlich mutterseelenallein. Er sah sich ein zweites Mal um und fing schließlich an, laut zu miauen. Eine Antwort bekam er allerdings nicht. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Er war allein.
Er überlegte schnell, was geschehen sein konnte. Hatten die anderen vielleicht verschlafen, oder hielten sie sich an den eigentlichen Zeitplan und jagten noch weitere Mäuse?
Also packte er erst einmal seine Beute in einen größeren Käfig und wartete die Zeit ab. Aber trotzdem blieb er allein. Es kam niemand mehr.
»Da ist doch irgendwas faul. Da stimmt etwas nicht.«
Hinter ihm kicherten die fünf Mäuse vor sich hin. Schließlich lachten sie ganz laut und hielten sich die Bäuche.
»Sechs böse Katzen sind verschwunden und du wirst die nächste sein.«
Nico erschrak. Konnte es wirklich so sein? Waren seine Freunde verschwunden?
Er kontrollierte noch einmal den Käfig, dann machte er sich auf den Weg, die anderen Katzen zu suchen.
Er lief über den ganzen Hof, durch alle Gebäude. Sogar auf den Feldern suchte er, aber er fand nichts. Keine einzige Spur war zu finden. Er war tatsächlich der letzte Mausefänger.
»Was kann das bloß passiert sein? Das verstehe ich nicht.«
Auch in den nächsten Tagen änderte sich an der Situation nichts. Nico musste also die Arbeit ganz allein erledigen, was er natürlich nicht schaffte.
Die Anzahl der Mäuse stieg von Tag zu Tag. Und sie wurden immer frecher und mutiger, denn sie wussten, dass eine einzelne Katze nicht gegen sie ankam.
Sie stahlen sehr viel Futter und nahmen es mit in ihre Verstecke. Sie knabberten Vorratssäcke an und ärgerten die Kühe. Nicht einmal Henning blieb von ihnen verschont. Der arme Hahn konnte nachts kein Auge mehr zu machen. Ständig lief eine Maus an ihm vorbei und zwickte ihn in die dünnen Beinchen. Dafür war er dann morgens so müde, dass er ständig verschlief und den Sonnenaufgang verpasste. Dadurch kam der Bauer nicht mehr pünktlich aus dem Bett und es entstand ein riesiges Chaos.
Nach einer Woche sagte Henning zu Nico: »Ich halte das einfach nicht mehr aus. Es muss endlich was geschehen. Die Mäuse übernehmen langsam das Kommando über den Bauernhof. Ich kann nicht mehr richtig schlafen und deswegen ist der Bauer ziemlich sauer. Ich glaube, dass er gestern zu seiner Frau sagte, dass er mich bald in den Kochtopf wirft, wenn ich nicht bald wieder pünktlich krähe.«
Nico wusste sich auch keinen Rat mehr. Er war den vielen Mäusen einfach nicht mehr gewachsen.
Er streifte eine Zeit lang durch die Felder, bis er schließlich zum benachbarten Bauernhof kam. Er war so in Gedanken, dass er es erst bemerkte, als er vor einem knurrenden Hofhund stand. Zum Glück war dieser angekettet.
Normalerweise hielt sich Nico von diesem Hof fern, da dieser Hund Katzen nicht leiden konnte.
»Was willst du hier? Das ist nicht dein Hof. Also verschwinde, sonst fresse ich dich auf.«
Nico bekam zwar Angst, wusste aber auch, dass der Hund seine Kette nicht zerreissen konnte. Also bestand keine Gefahr, so lange er ihm nicht zu nahe kam.
Plötzlich kam Nico eine Idee. Er flitzte weg und lief ein paar Mal um die Scheune des fremden Hofes. Und er musste feststellen, dass hier nicht eine einzige Maus zu finden war. Es schien, als würde hier keine einzige von ihnen leben.
»Das ist doch mehr als seltsam. Sonst findet man doch auf jedem Bauernhof Mäuse.«
Und dann kam er auf die Lösung dieses Rätsels. Offenbar waren alle Mäuse umgezogen. Sie mussten gehört haben, dass Nico allein kaum noch einen Nager fangen konnte. Doch woran lag das?
Er legte sich auf die Lauer und beobachtete den Hofhund. Dieser stand in der Mitte des Hofes und fraß gemütlich aus seinem großen Napf. Nur selten sah er sich um. Er musste sich ziemlich sicher sein, dass keine ungebetenen Gäste kommen würden. Schließlich lies er sich nieder und machte ein Nickerchen.
»Das ist meine Chance. Jetzt werde ich das Rätsel lösen.«
Nico schlich über den Hof, vorbei am Hund und ging vorsichtig auf dessen Hütte zu. Als er hinein sah, erschrak er und hätte fast geschrien.
Im Inneren fand er, wonach er schon lange gesucht hatte. Dort waren sechs Katzen. Sie waren gefangen und gefesselt worden. Sie alle zitterten vor Angst. Doch als sie Nico erblickten freuten sie sich.
»Seit leise, damit der Hund nichts hört. Ich werde euch befreien.«
Er zerbiss die Seile und geleitete seine Freunde hinaus bis auf die Straße.
Der Hund bekam davon nichts mit. Er lag weiterhin vor seinem Fressnapf und schnarchte.
Als die sieben Katzen auf ihrem Hof ankamen hing sofort ein lautes Geschrei in der Luft. Die Mäuse waren erschreckt, da sie nicht damit gerechnet hatten. Sofort ergriffen sie die Flucht und liefen zum Hof des Hundes, der ihnen geholfen hatte.
Nico hingegen suchte das Hauptquartier auf und packte sich die fünf Nager, die er eine Woche zuvor eingesperrt hatte.
Sie erzählten ihm, dass der Hund des Nachbarhofes alle Katzen einfangen wollte. Als Belohnung verließen alle Mäuse seinen Hof, damit er und seine Tiere ihre Ruhe haben konnten.
»Da hat er aber nicht mit mir gerechnet.«, antwortete Nico.
Er lies die fünf Mäuse frei. Dafür befahl er ihnen, dass sie sofort den Hof verlassen mussten, was sie nur zu gern taten.
Seit diesen Tagen haben die sieben Katzen fast keinen einzigen Nager mehr gesehen. Doch vom Hof des Hundes hörte man ständiges Gebell. Offenbar sah es dort drüben ganz anders aus.

(c) 2008, Marco Wittler

015. Kleine Maus auf großer Reise

Kleine Maus auf großer Reise

Es knarrte und knackte. Das Wasser plätscherte gemächlich vor sich hin. Die Sonne stand senkrecht am Himmel und wärmte die Erde mit ihren Strahlen. Es war ein schöner Herbsttag und Frederick, die kleine Maus hatte sich von der Scheune des Bauernhofes aufgemacht, um sich ein wenig am Hafen umzusehen. Dort gab es eine schöne Aussicht. Viele Schiffe, große und kleine, waren am Kai vertäut und schaukelten sanft auf den seichten Wellen dahin. Die Seeleute standen überall auf den Decks, sangen ihre Lieder und legten die Segel ordentlich zusammen.
„Auf so einem Schiff möchte ich auch gern mitfahren. Das muss bestimmt richtig schön sein auf dem großen Meer.“
Der Mäuserich biss genüsslich von einem Stück Käse ab, lehnte sich zurück und träumte von der Ferne.
Nach einer Weile hörte er Schritte hinter sich. Er öffnete schnell die Augen, um sehen zu können, wer sich da heran schlich und entdeckte eine große braune Ratte.
„Na, Kleiner!“, sagte die Ratte. „Du träumst wohl davon eine Seemaus zu werden, was? Aber wenn du nur hier am Hafen herum sitzt wird da nie was draus. Ich sag dir, geh mal an Bord eines Schiffes und fahr mit.“ Dann verschwand sie wieder zwischen ein paar Holzkisten, die überall herum standen.
Das wäre schon eine wirklich gute Idee, dachte sich Frederick. Einfach an Bord schleichen und mitfahren. So wird man zu einer echten Seemaus. Das wäre einmal etwas ganz anderes als jeden Tag in der Scheune nach Futtern zu suchen und vor der Katze fort zu laufen.
Am nächsten Tag stand die kleine Maus wieder am Kai und überlegte, welches Schiff wohl das Beste für die erste Fahrt wäre. Über der kleinen Schulter lag ein Stock an dessen Ende ein kleiner Beutel gebunden war. Darin war ein wenig Verpflegung für die Reise.
Am anderen Ende des Hafens war ein kleines Holzschiffchen angebunden. Hier und da hatte es ein paar Macken, und neue Farbe hätte es auch gebrauchen können. Es war bestimmt nicht das schönste hier, das genaue Gegenteil war eher der Fall. Aber es sah richtig nach Seefahrt und Abenteuer aus. Genau das Richtige für eine kleine tapfere Seemaus.
Frederick überlegte nicht lange und schlich sich über eines der Taue an Deck. Oben angekommen stellte er sich an die Reling, legte sein Hab und Gut beiseite und schaute aufs weite Meer hinaus bis zum Horizont, wo das Meer den Himmel berührte. Er atmete die neue Luft ganz tief ein, denn jetzt war er eine waschechte Seemaus.
Doch wie sollte es jetzt weiter gehen?
Er schulterte wieder sein kleines Bündel und begann sein neues Zuhause zu erkunden, denn irgendwo musste er doch einen Unterschlupf für die Nacht finden. Ein kleines Loch in einer Wand würde ihm schon reichen. Und tatsächlich wurde er in der Nähe des Steuerrades fündig. Dort gab es eine kleine Öffnung, die vor längerer Zeit eine andere Maus geschaffen hatte. Dahinter gab es ein gemütliches Plätzchen zu Schlafen und zum Glück unbewohnt.
Der Mäuserich öffnete seinen kleinen Beutel und legte den Inhalt sorgfältig in die Ecke. Wie man nun sehen konnte, war dieser nicht nur ein Beutel, sondern sogar eine Schlafdecke. Die restlichen Dinge waren ein kleines Buch in das Frederick seine erlebten Abenteuer eintragen konnte, ein Stift und ein Rest von seinem Käse.
An diesem Tag ging er früh schlafen, denn am nächsten Morgen sollte es auf die Reise gehen.

 Der nächste Morgen kam schneller als erwartet. Es war noch nicht einmal hell, da drang schon ein Gewirr aus lauten Stimmen in das kleine Mauseloch und Frederick wurde wach.
Verschlafen kroch er unter seiner Decke hervor und schaute nach draußen. Überall wurde schon eifrig gearbeitet. Die Matrosen entfernten die Hüllen in denen die Segel über Nacht verstaut waren und bereiteten das Schiff für die Fahrt vor. Die kleine Maus gähnte ganz laut und krabbelte wieder unter die Decke zurück. So stellte sich doch niemand eine richtige Schiffsreise vor.
Aber der Lärm war zu laut. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Also raus aus den Federn. Auch Seemäuse müssen früh aufstehen.
Inzwischen war das Schiff fertig. Der Kapitän stand neben dem Steuermann und gab unverständliche Kommandos von sich. Aber jeder schien zu wissen was getan werden musste.
Die Leinen wurden gelöst und ein Seemann, kräftig wie ein Bär, stieß das Schiff mit einer langen Stange vom Ufer weg. Jetzt war es soweit. Sie waren nun endlich auf See.
Das kleine Schiff verließ schnell den Hafen. Ein kühner Wind blies kräftig in die Segel und lies das Ufer schnell kleiner werden, bis es ganz und gar verschwunden war.
Nun war auch Frederick voller Tatendrang. Er nahm sich ein großes Taschentuch und band es sich um den Kopf. Nun sah er fast aus wie ein Pirat. Er zog sich einen kleinen Matrosenanzug an und ging an Deck. Doch was sollte er nun machen zwischen den vielen Seebären? Jedes der Taue war dicker als er selbst und nirgendwo konnte er etwas helfen. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Dafür setzte er sich nach ganz vorne auf die Reling und schaute auf das unendliche Meer.
Da hörte er plötzlich ein leises Kratzen hinter sich auf dem Holz. Fast unbemerkt hatte sich ein dicker großer Kater heran geschlichen und leckte sich nun über die Lippen. Eine Maus zum Frühstück kam ihr gerade recht.
Frederick erschrak. Er hatte es zwar schon einmal mit einer Katze aufgenommen, aber diesmal konnte er sich nirgendwo verstecken oder sich noch etwas ausdenken.

 Der Mäuserich schreckte hoch und sah sich um. Er war nicht mehr an Bord des Schiffes. Er saß am Hafen auf einer großen Holzkiste. Anstatt einem Kater als Vorspeise zu dienen hatte er das alles nur geträumt. Erleichtert atmete er auf.
„Hast du es dir doch anders überlegt? Ich dachte, du wolltest eine richtige Seemaus werden, Kleiner.“
Die dicke Ratte war wieder da.
„Nein, ganz gewiss nicht. Das ist mir viel zu gefährlich. Auf Schiffen sind mir viel zu gefährliche Tiere. Und früh aufstehen muss man auch. Das ist nichts für mich.“, antwortete Frederick.
Die Ratte zuckte nur kurz mit den Schultern und kletterte an einem Tau auf das nächste Schiff hinauf.
Der kleine Mäuserich aber lehnte sich gemütlich zurück, genoss den Sonnenuntergang und lies seinen Blick über das weite Meer schweifen. Alles war ruhig und das war auch gut so.
Aber irgendwann, das wusste Frederick genau, würde er doch einmal mit einem Schiff das Meer bereisen. Denn nun träumte er von einem ruhigen Leben in einem Leuchtturm am Meer. Dort war es sicher, es gab nicht so viel Arbeit, und man konnte bis zum Mittag ausschlafen.

(c) 2001, Marco Wittler

15 Kleine Maus auf großer Reise

014. Frederick, die kleine Maus

Frederick, die kleine Maus

 In einer großen Scheune auf einem Bauernhof lebte eine große Mäusefamilie. Dort gab es eine Mama Maus und jede Menge Mäusekinder. Eine von ihnen, die älteste der Kinder, hieß Frederick. Schon ganz früh war Frederick ein Abenteurer gewesen und ärgerte nur zu gern die Katze durch ein Fenster hindurch. Das machte immer sehr viel Spaß und die Katze sehr wütend. Am Abend gab es dann von seiner Mutter immer Ärger, weil eine Katze sehr gefährlich für eine kleine Maus werden kann.
Wie in jedem Leben eines Mäuserichs kommt irgendwann einmal die Zeit, sich ein eigenes Mauseloch zu suchen oder zu bauen. Und auch für Frederick war es dann soweit. Er packte seine Sachen zusammen und stopfte sie in einen Beutel. Den band er an einen langen Stock, den er über der Schulter tragen konnte. Und schon konnte es los gehen.
Seine Mutter stand am Eingang und hatte eine kleine Träne im Auge, die jeden Moment ihre Wange herunter kullern konnte. Sie hatte es nicht so schnell erwartet, dass ihr kleiner Frederick ausziehen würde. Sie drückte ihn noch einmal fest an sich und gab ihm ein dickes Stück Käse, damit er bei seiner Suche auch genug zu Essen dabei hatte.
Doch seine Reise dauerte nicht sehr lange. Schon ein paar Meter entfernt fand er einen großen Stützbalken in dem es sich bestimmt gemütlich leben lies. Er konnte es sich schon richtig gut vorstellen. Unten kam der Eingang hin und weiter oben ein Zimmer mit großem Fenster, damit er alles in der Scheune sehen und beobachten konnte. Dazwischen eine schicke Treppe, um hinauf und wieder herunter zu kommen.
Frederick holte sein Werkzeug aus seinem Beutel und begann zu arbeiten. Bis zum Abend hatte er den ersten Raum und die Eingangstür fertig. So konnte er schon in der ersten Nacht sicher schlafen, ohne Angst zu haben von der Katze gefunden und gefressen zu werden. Die Holzspäne, die er aus dem Balken geschlagen hatte versteckte er sorgfältig unter einem Heuhaufen, damit die Katze keinen Verdacht schöpfen konnte, dass hier eine neue Maus eingezogen war.
Auch in den nächsten Tagen war die kleine Maus sehr fleißig. In den ersten dreien entstand die Treppe. Weitere fünf Tage brauchte sie für die beiden Zimmer darüber. Das eine wurde das Wohnzimmer mit einem großen Fenster. Das zweite wurde ein Bad.
In der Zeit danach flogen immer noch viele Holzspäne aus dem Mauseloch. Denn Frederick baute eine zweite Treppe, die noch höher führte. Dort musste unbedingt ein Schlafzimmer entstehen mit einem herrlichen Ausblick auf die ganze Scheune. Und in der anderen Richtung entstand ein großer Vorratskeller.
Nach so viel Arbeit wollte er sich erst einmal entspannen. Doch vorher verbrachte er den ganzen Vormittag damit zwischen seinem neuen Heim, dem Kornspeicher und der Küche des Bauern hin und her zu laufen. Denn er musste noch den Keller mit Essen anfüllen. Nach und nach stapelten sich riesige Mengen Getreide, duftender Limburger Käse, geräucherter Speck und Schinken und einige Kannen Kuhmilch. So konnte er es einige Zeit hier aushalten und es sich gut gehen lassen. Zum Schluss überprüfte er noch einmal die Eingangstür und die Fensterläden. Denn er wollte unbedingt vermeiden, dass die Katze etwas von ihm sehen oder ihn hier drinnen angreifen konnte.
Dann verkroch er sich in sein Wohnzimmer, legte sich auf sein Sofa und lies sich die Sonne auf den Bauch scheinen, die gerade durch einen Spalt im Scheunendach schien.
Doch die Ruhe währte nicht sehr lange, denn von draußen hörte er seine kleinen Geschwister in der Scheune lauthals spielen. Von irgendwo her hatten sie sich eine Erbse besorgt und spielten damit Fußball. Da an Ausruhen nun nicht mehr zu denken war setzte sich Frederick an das Fenster und sah ihnen zu. Zwischendurch feuerte er sie sogar kräftig an.
Doch ein weiteres Geräusch unterbrach den Spaß. Das große Scheunentor knarrte kurz. Irgendwer musste herein gekommen sein. Es war nicht der Bauer, denn ihn hätte man wegen seiner Größe sofort gesehen. Alle starrten nun wie gebannt in die gleiche Richtung. Dann konnte Frederick von seinem hohen Platz als erster sehen, was sich dort durch das Heu anschlich. Es war die Katze.
Sofort warnte der Mäuserich seine Geschwister. Dann rannte er nach unten und verschloss schnell seine Tür. Hier drinnen war er sicher. Außerdem konnte er mit all dem Essen im Keller länger aushalten als die Katze.
Aber den anderen Mäusen erging es nicht so gut. In ihrer Angst liefen sie direkt nach Hause statt sich zu verstecken. Die Katze sah dies sofort und lief hinterher. Nun hatte sie endlich entdeckt, wo die Mäuse wohnten. Jetzt würde sie das Mauseloch nicht eher wieder aus den Augen lassen, bis sie alle Bewohner daraus eingefangen hatte. Irgendwann mussten sie ja heraus kommen. Der Hunger würde sie schon heraus treiben. Wie auf Patrouille ging sie nun auf und ab.
Frederick sah mit Entsetzen zu was dort passierte. Er wollte etwas unternehmen, doch wusste er nicht was er ausrichten konnte. Das erste was er ausprobierte war einfach und nicht sehr wirkungsvoll. Durch ein kleines Guckloch beschoss er die Katze mit einer kleinen Steinschleuder. Sie sah sich zwar kurz nach dem Schützen um, lies sich aber nicht weiter ablenken.
Die kleine Maus lief durch ihr ganzes Haus auf der Suche nach einer Idee. Und die fand sie schließlich im Keller.
Die Scheune stand etwas erhöht auf einem Bretterboden. Darunter waren noch einige Zentimeter Luft. Und Der Fußboden von Fredericks Keller war ein teil dieser Bretter.
Schnell holte er sein Werkzeug wieder hervor und sägte ein Loch in den Boden. Er hatte es genau richtig vermutet. Dort war jede Menge Platz, um unter der ganzen Scheune herum zu laufen.
Er ging noch einmal zu seiner Eingangstür und schätze Richtung und Entfernung zum Mauseloch seiner Familie ab und verschwand dann durch das neue Loch. Es war Zeit, sich auf den Weg zu machen.
Es dauerte nicht lange bis er unter der Katze her ging. Er konnte sie leise über sich schnurren hören.
Am Ziel angekommen begann er ein Loch ins Brett zu sägen über dem sich die anderen Mäuse befinden mussten. Von der anderen Seite waren bereits verwunderte Stimmen zu hören, die sich in erstaunte Augen verwandelten, als er fertig war und zu seiner Familie hinauf kletterte. Schnell gab er allen die Anweisung in seinen Keller zu laufen, weil sie dort viel sicherer waren. Dann überlegte er sich, wie er die Katze verscheuchen konnte.
Ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht. In einem der Zimmer bewahrte seine Mutter alle möglichen Dinge auf, die sie an so manches Ereignis erinnerten. Darunter gab es auch ein Mausefalle, in die sie beinahe getappt wäre.
Der Mäuserich holte sie hervor und schob sie langsam vor den Eingang. Er musste den Schnappbügel nicht einmal spannen, weil er das über all die Jahre noch war. Jetzt musste er nur noch die Verriegelung der Tür öffnen und ganz schnell durch sein Fluchtloch verschwinden.
Die Katze konnte hören, dass etwas im Innern des Mauselochs vor sich ging und stieß sofort die Tür auf und tastete mit ihrer Pfote hastig darin herum. Die kleine Maus war gerade rechtzeitig verschwunden und konnte von unten ein kurzes ‚Klack’ hören und dann ein schmerzverzerrtes Miauen.
Die Katze war in die Falle getappt. Erschrocken zog sie ihre Pfote zurück und humpelte unbeholfen aus der Scheune hinaus. Beim Nächsten Mal würde sie es sich zweimal überlegen, ob sie sich mit einer schlauen Maus anlegen würde.
Am Abend gab es dann ein großes Fest. Alle feierten ihren neuen Helden, Frederick, den Katzenschreck.

(c) 2004, Marco Wittler14 Frederick die kleine Maus