311. Der rote Schuh

Der rote Schuh

Es war einmal ein kleines Bauernmädchen mit Namen Isabelle. Sie verbrachte viel Zeit damit, der Königsfamilie bei ihren Festen zuzuschauen.
An diesem Abend wurde das herrschaftliche Schloss vom Vollmond beschienen. Im großen Thronsaal wurde ein großes Fest gefeiert, denn der Prinz sollte am heutigen Abend aus den vielen hübschen Prinzessinnen eine Braut aussuchen.
»Sie sieht so unglaublich hübsch aus.«, schwärmte Isabelle.
»Warum hat der Prinz sie noch nicht gesehen?«
Doch dann trafen sich die Blicke der Beiden und es war um sie geschehen. Sie hatten sich ineinander verliebt.
Isabelle griff sich verträumt an ihr Herz.
»Juhuu, es hat gefunkt. Das wird bestimmt eine richtig traumhafte Hochzeit werden.«
Doch dann schlug die Uhr zwölf Schläge.
Die wunderhübsche Prinzessin erschrak und stürmte aus dem Saal. Sie verließ das Schloss durch eine Seitentür und lief direkt an Isabelle vorbei und verlor dabei einen ihrer gläsernen Schuhe.
Das Bauernmädchen war so überrascht, dass sie sich fast nicht mehr rechtzeitig verstecken konnte. Mit einem großen Sprung landete sie in einem großen Busch.
In diesem Moment kam der Prinz nach draußen gelaufen.
»Wo ist sie hin?«, fragte er seine Freunde.
Aber niemand konnte die wunderhübsche Prinzessin sehen. Sie war verschwunden.
»Seht doch, eure Hoheit. Sie hat einen Schuh verloren.«
Der Prinz sah zum Boden und entdeckte einen roten Schuh. Vorsichtig hob er ihn auf und besah ihn sich von allen Seiten.
»Seltsam. Ich hätte schwören konnen, dass er im Thronsaal anders ausgesehen hätte. Viel schöner.«
Er überlegte.
»Egal. Schickt Boten in alle umliegenden Städte. Die Prinzessin muss gefunden werden. Bringt mir alle Mädchen ins Schloss. Wem der Schuh passt, wird meine Braut werden.«
Isabelle sah verzweifelt an sich herab. Ein roter Schuh? Sie zog ihr Kleid hoch und betrachtete ihre Füße. Am einen saß ein roter Schuh, der andere steckte nur noch in einer Socke.
»Oh nein. Ich bin ein Tollpatsch. Wie soll denn nun der Prinz seine richtige Prinzessin finden.«
Isabelle kroch aus dem Busch heraus und fand den gläsernen Schuh abseits an einer Mauer liegen. Sie steckte ihn schnell ein und lief nach Hause.

Am nächsten Morgen wachte Isabelle schon mit starken Kopfschmerzen und einem schlechten Gewissen auf. In ihrem Magen rumorte es.
Plötzlich klopfte es an der Tür.
»Aufwachen. Hier sind die Gesandten des Prinzen. Alles Weibsvolk hat unverzüglich auf der Straße zu erscheinen. Ihr habt fünf Minuten.«
Isabelle bekam Angst. Würde nun das geschehen, was sie nie geplant hatte?
»Wir müssen raus gehen.«, sagte ihre Freundin Aschenputtel.
Sie nahmen sich gemeinsam an die Hand und traten vor die Tür.
Genau in diesem Moment kam der Prinz um die Ecke. Aschenputtels Augen begannen zu leuchten, während Isabelle rot im Gesicht wurde und am liebsten im Erdboden versunken wäre.
»Wem der Schuh passt, wird meine Braut und fortan mit mir am Hofe leben.«
Aschenputtel konnte ihr Lächeln nicht unterdrücken, als der Prinz in eine Tasche griff. Doch dann kam die bittere Überraschung. Er zog einen roten Schuh hervor.
»Ein roter Schuh?«
Aschenputtel sah Isabelle verzweifelt an.
»Ich wusste doch nicht, dass du die wunderhübsche Prinzessin gestern Abend warst. Ich bekomm das schon wieder hin. Versprochen.«
Der Prinz blieb vor Aschenputtel stehen.
»Deinen Fuß bitte. Strecke ihn vor.«
Isabelle hatte plötzlich einen Einfall und trat einen Schritt zurück.
»Beweg dich nicht und lass deine Füße am Boden.«, flüsterte sie.
Dann ließ sie sich auf den Boden fallen und streckte ihren Fuß zwischen Aschenputtels Beinen durch. Der Prinz griff nach dem Fuß und steckte den Schuh darüber.
»Sie ist es. Ich habe sie gefunden.«, rief er seinen Freunden zu.
»Wie ist dein Name?«
Aschenputtel errötete und nannte ihren Namen.
»Dann komm mit mir, schönes Aschenputtel.«
Aschenputtels Herz machte einen Hüpfer. Doch bevor sie in die königliche Kutsche stieg, warf sie Isabelle noch einen Blick zu und flüsterte ihr ein leises ›Danke‹ zu.

Am Abend des nächsten Tages wurde wieder ein großes Fest im Schloss gefeiert. Isabelle stand wieder am Fenster und sah hinein.
»Sie sieht schon wieder so verdammt hübsch aus. Der Prinz hat sich genau die richtige ausgesucht.«
Doch dann wurde sie von Aschenputtel entdeckt. Die junge Prinzenbraut flüsterte ihrem neuen Mann etwas zu. Nur Sekunden später setzten sich ein paar Wachen in Bewegung.
»He, Bauernmädchen.«, war plötzlich eine Stimme zu hören.
»Mitkommen.«
Isabelle bekam Angst. Nun war sie doch noch erwischt worden. Doch statt bestraft zu werden, führte man sie in ein Ankleidezimmer, in dem Aschenputtel schon wartete.
»Ich kann doch nicht zulassen, dass meine beste Freundin nur vom Fenster aus zuschauen kann. Du wirst mit uns feiern.«
Und schon kleidete man Isabelle in ein wunderschönes Kleid.

Und wenn sie nicht gestorben ist, hat sie ebenfalls einen Edelmann an diesem Abend kennengelernt und ihn geheiratet.

(c) 2010, Marco Wittler

240. Eine richtige Freundin

Eine richtige Freundin

Es war einmal eine junge Prinzessin in einem fernen Königreich, die jeden Tag gelangweilt an ihrem Fenster saß und den jungen Leuten des nahen Dorfes beim Spielen zusah. Sie seufzte von früh bis spät und lächelte nie.
»Was ist nur mit euch?« wurde sie immer wieder von ihrer Dienerin gefragt.
Die Antwort war stets die selbe. »Ich langweile mich hier im Schloss. Ich bin das einzige Kindes des Königs. Ich habe keine Geschwister und deswegen niemandem, mit dem ich mir die Zeit vertreiben kann. Wäre ich doch auch mal für einen Tag ein normales Mädchen dort unten im Dorf. Ich würde es genießen.«
Dann seufzte sie wieder und hing ihren Träumen nach.
»Was euch fehlt, ist eine richtig, echte Freundin.« erklärte die Zofe. »Eine, die mit euch durch dick und dünn geht, mit euch redet, wenn es etwas zu erzählen gibt oder einfach nur zuhört, wenn euch etwas auf dem Herzen liegt.«
»Aber wo soll ich denn so eine Freundin finden?« schluchzte die Prinzessin und war den Tränen nahe. »Da draußen gibt es viele Frauen, aber wie soll ich wissen, ob sie es ernst meinen oder mir einfach nur etwas vorspielen, um Zugang zum Schloss zu bekommen. Dann könnten sie schnell etwas aus der Schatzkammer stehlen.«
Aber auch hatte die Zofe bereits eine Idee. »Ladet Mädchen aus dem Dorf in den Schlossgarten ein. In einem fairen Wettbewerb sollen sie ihre Freundschaft unter Beweis stellen. Diejenige von ihnen, die gewinnt, soll eure Freundin werden.«
Das klang vernünftig.
»So soll es geschehen.« entschied die Prinzessin. »Ihr richtet den Wettbewerb aus und werdet dazu die Mädchen heimlich testen, ob sie wirklich treu sind. Ich werde die Spiele von meinem Balkon aus beobachten und mich auf meine zukünftige Freundin vorbereiten.«

Im Dorf wurde die Kunde verbreitet, dass die Tochter des Königs auf der Suche nach einer Freundin sei. Jede junge Frau wurde aufgerufen, an einem Freundschaftswettbewerb teilzunehmen.
Von diesem Tag an waren die jungen Frauen im Dorf völlig aus dem Häuschen. Sie putzten ihre Holzschuhe, wuschen und flickten ihre Kleider und machten sich gegenseitig die Haare. Jede von ihnen wollte gewinnen und an der Seite der Prinzessin im Schloss leben.

Der Tag des Wettstreits war gekommen. Sieben Bauerntöchter waren von der Zofe ausgewählt worden, sich gegenseitig in mehreren, schwierigen Aufgaben zu messen.
Einige Ritter standen etwas abseits, tranken Bier und machten sich über die vielen Frauenzimmer lustig, denn der Platz, auf dem die Spiele stattfinden sollten, wurde normalerweise nur für Ritterturniere genutzt.
»Sie müssen bestimmt um die Wette stricken.« lachten sie laut. »Es gewinnt garantiert die Magd, die am schnellsten Strümpfe stopfen kann.« Dabei zogen sie ihre Stiefel aus und zeigten begeistert die vielen Löcher in ihren Strümpfen vor.
Von diesem Gerede ließen sich die Frauen aber nicht einschüchtern.
Nun trat die Zofe auf ein Podest. Sie bat um Ruhe. Dann erklärte sie die Regeln.
»Geht in den nahen Wald, der sich hinter dem Schloss befindet. Sucht nach den schönsten Waldblumen und macht aus ihnen den schönsten Strauß, den ihr der Prinzessin zum Geschenk macht.«
Die Mädchen machten sich auf den Weg in den Wald und kamen nach und nach zurück. Die Blumensträuße waren prächtig und übertrafen sich gegenseitig in ihrer Schönheit. Es war wirklich schwer zu sagen, welcher von ihnen der Schönste sein sollte. Trotzdem sollte bei diesem Wettbewerb jemand ausscheiden.
Dafür hatte die fleißige Zofe bereits gesorgt, denn während der Schlosshof leer war, hatte sie absichtlich ein paar Silbertaler fallen lassen. Nach der Rückkehr der Mädchen fehlten zwei davon.
Die zwei Diebinnen waren schnell gefunden. Sie mussten das Geld zurück geben und das Schloss sofort verlassen.
Da waren es nur noch fünf.
»Die zweite Aufgabe steht euch nun bevor.« erklärte die Zofe mit lauter Stimme. »Einer Freundin flechtet man manchmal einen Zopf. Weil es viel zu lange dauert, der Prinzessin fünf Zöpfe zu flechten, werdet ihr dies an Puppenköpfen machen. Dazu sollt ihr eure eigenen Haare flechten. Kämme, Bürsten und mehr stehen für euch bereit.«
Die fünf Mädchen beeilten sich, einen gut gefüllten Korb zu holen, mit deren Inhalt sie die Puppenköpfe verschönerten. Sie frisierten, sie kämmten, sie bürsteten. Sie flochten kleine Blumen ins Haar und machten sich selbst so schick es nur ging. Es war eine helle Freude, ihnen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Eine Frisur war schöner als die andere. Da fiel die Wahl schwer, Mädchen auszuwählen, die nach Hause gehen sollten.
Für die richtige Auswahl hatte wieder die Zofe gesorgt. Die Ritter des Königs waren nicht nur zum Zuschauen auf dem Hof. Sie streiften zwischen den Mädchen her und hörten zu, wie sie sich unterhielten. Nicht jedes Mädchen wollte eine Freundin werden. Zwei von ihnen redeten schlecht über die Prinzessin und wollten nur ein schönes Leben im Schloss haben.
Das wurde natürlich der treuen Zofe zugetragen. Sie stellte die beiden Mädchen zur Rede und schickte sie dann zurück ins Dorf.
Da waren es nur noch drei.
Die Zofe stieg wieder auf ihr Podest und richtete ihre Worte an die verbliebenen Mädchen. »Die letzte Aufgabe wartet nun auf euch. Für seine Freundin schreibt man etwas. Ein Brief, ein Gedicht, ein Lied. Dieses sollt ihr nun für die Prinzessin machen. Ihr bekommt Feder, Tinte und Papier. Schreibt eure Gedanken nieder und erfreut eure zukünftige Freundin.«
Die verbliebenen drei Mädchen machten sich sofort an die Arbeit. Sie schrieben als ginge es um ihr Leben. Immer wieder waren sie mit ihren Briefen unzufrieden, zerknüllten die Blätter und warfen sie auf den Boden.
Die Zofe ging derweil zwischen den Mädchen hin und her, sammelte die die verworfenen Briefe und las darin. Die Worte und Sätze, die sie darin fand, gefielen ihr gar nicht. Keines der Mädchen hatte sich bisher Mühe gegeben. In ihren Worten steckte keine Liebe, keine Leidenschaft. Da war nichts, dass einer Freundin würdig war.
Sie wurde traurig. Eines dieser Mädchen durfte sie der Prinzessin auf keinen Fall anvertrauen. Sie ließ weiter an den Briefen schreiben und schlich sich mit hängendem Kopf zum Balkon der Prinzessin hinauf.
»Es ist schlimmer, als ich es je befürchtet hatte.« berichtete die treue Zofe unter Tränen. »Kein einziges dieser Mädchen würde sich für eure Freundschaft aufopfern. Keines von ihnen wäre eurer Freundschaft würdig. Sie träumen alle nur von einem schöneren Leben. An euch denken sie keine einzige Minute lang. Es ist so traurig, dass ich euch euren Wunsch nach einer Freundin nicht erfüllen kann.«
Die Prinzessin lächelte verständnisvoll und bat ihre Zofe näher zu sich.
»Du musst nicht traurig sein. Ich habe den ganzen Tag von hier oben zugesehen. Ich habe alle Mädchen beobachtet. Jedes einzelne von ihnen hat gezeigt, was es über mich denkt. Alle Acht Mädchen haben sich Mühe gegeben, aber nur eine von ihnen meinte es wirklich ernst mit mir. Und auf dieses ist meine Wahl gefallen.«
»Acht?« Die Zofe war verwirrt. »Wie kommt ihr auf acht Mädchen? Es waren doch nur sieben im Hof.«
Nun lachte die Prinzessin. »Du Dummerchen. Es waren acht Mädchen da. Und eines hat sich den ganzen Tag für mich aufgeopfert. Es hat alles dafür getan, dass ich eine Freundin finde. Und genau das hat sie geschafft.«
Die Zofe verstand noch immer nicht.
»Du bist es. Du bist die Freundin, die ich lange gesucht habe. Dabei warst du schon immer da. Du hast mich umsorgt, hast jeden Tag mit mir geredet, dir meine Sorgen angehört und mir die Zeit vertrieben wenn es mir langweilig war. Du warst schon immer meine Freundin. Ich habe es nur nicht bemerkt. Aber das soll sich ab jetzt ändern.«
Nun weinten sie beide vor Freude und fielen sich gemeinsam in die Arme.

(c) 2014, Marco Wittler

199. Der Troll

Der Troll

»Um Himmels Willen. Was ist denn hier passiert?«
Die Küchengehilfin stand in der Vorratskammer und hatte die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Erst am Abend zuvor hatte sie die Regale und Schränke mit frischen Lebensmitteln aufgefüllt. Doch nun war nichts mehr da. Lediglich ein paar Krümel lagen auf dem Boden verteilt. Alles war fort.
»Wie soll ich das denn dem König erklären? Er verlangt doch in ein paar Minuten nach seinem Frühstück. Er wird mich garantiert bestrafen.«
Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief sie hin und her und wusste sich keinen Rat. Schließlich entschied sie sich, ihren Herrn aufzusuchen und ihm alles zu beichten.
Der König war ein gerechter Mann und hörte der Küchengehilfin aufmerksam zu.
»Wir sind bestohlen worden. Da muss sofort etwas unternommen werden. Ich werde das von meinen Wachleuten untersuchen lassen.«
Der König war der Meinung mit dieser Entscheidung dem Problem auf die Spur zu kommen.
Doch schon am nächsten Morgen war die Vorratskammer aufs Neue geplündert worden.
»Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.«, grummelte der König und setzte sich mit seinen Beratern zusammen.
»Wir müssen dringend etwas unternehmen.«, sagte er entschlossen.
»Wir können nicht jeden Morgen neue Lebensmittel kaufen.«
Nach einigen Stunden kamen sie auf eine Idee. Ein Soldat sollte die ganze Nacht Wache halten.

Die Nacht brach herein. In der Küche war alles ruhig. Doch dann verschwand der Mond hinter dem Horizont und es wurde richtig dunkel.
Plötzlich rumpelte es irgendwo. Der Wachmann bekam Angst, blieb aber auf seinem Posten. Als er aber eine riesige Gestalt vor sich sah, wurde er von der Panik übermannt und lief fort.

»Es war unglaublich. Er war riesig. Er konnte sich bestimmt nur gebückt vorwärts bewegen.«
Es war schon längst wieder hell draußen geworden, aber der Soldat war noch immer kreidebleich im Gesicht.
»Das muss ein Troll gewesen sein.«, erklärte einer der Berater.
Er schlug ein Buch auf, suchte nach einem bestimmten Kapitel und zeigte den anderen ein Bild.
Ein Troll war ein großes Wesen, einem Menschen nicht ganz unähnlich. Er besaß lange, zottelige Haare, einen ungepflegten Bart, rot glühende Augen und einen dicken Bauch. Dazu waren sie sehr gefräßig, häßlich, faul und ziemlich dumm. Zumindest wurde es vom Buch so behauptet.
»Wenn sie einen so großen Hunger haben,«, dachte der König laut, »dann müssen wir nur dafür sorgen, dass sie nichts mehr zu fressen finden. Und es darf niemand erfahren, dass sich diese Kreatur inunserem Heim aufhält. Es darf keine Panik entstehen.«
Er befahl, dass von nun an alle Lebensmittel in einem geheimen Versteck untergebracht werden sollten.

In der folgenden Nacht war die junge Prinzessin noch spät in den Gängen des Schlosses unterwegs. Sie konnte nicht schlafen und wollte sich ein Brot schmieren. Doch als sie die Küche betrat, hörte sie ein leises Schluchzen.
»Hallo? Wer ist denn da?«
Es kam allerdings keine Antwort.
Die Prinzessin setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und entdeckte ein großes menschenähnliches Wesen, das auf dem kalten Boden saß und weinte. Es war ein Troll.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte sie.
»Ich kann nichts zu Essen finden, habe aber einen riesigen Hunger. Was soll ich denn jetzt machen?«
Die Prinzessin geriet ins Stocken. War es das Wesen, von dem unter vorgehaltener Hand im Schloss geredet wurde?
»Bist du ein Troll?«
Das Wesen nickte.
»Du siehst ganz anders aus, als ich es erwartet hätte. Du bist gar nicht so hässlich, wie man immer sagt. Dumm scheinst du auch nicht zu sein.«
Sie dachte nach und suchte nach einer Lösung. Es tat ihr leid, den Troll so verzweifelt zu sehen.
»Weißt du was? Ich habe eine Idee.«

Am nächsten Morgen betrat der König die Küche. Er wollte persönlich zuschauen, wie seine Angestellten die Vorratskammer befüllten.
Zu seinem Erstaunen stand ein neuer Koch am Herd und rührte in einem großen Topf.
»Du meine Güte, was duftet denn da so?«
Der König trat hinzu, steckte einen Finger in die Suppe und probierte.
»So etwas Köstliches habe ich noch nie geschmeckt. Warum hast du nicht schon früher bei mir gearbeitet?«
Der Troll lachte leise, als er sich eine Antwort überlegte.
»Weil ihr Menschen ein völlig falsches Bild von uns Trollen habt. Wir sind die besten Köche der Welt.«
Nun wurde dem König bewusst, wen er vor sich hatte. Er atmete erleichtert auf, denn ihm wurde klar, dass von nun an nie wieder Lebensmittel ungefragt geplündert würden.

(c) 2009, Marco Wittler

168. Eine ungewöhnlich große Liebe

Eine ungewöhnlich große Liebe

Es war einmal eine junge Prinzessin, die von ihrem Vater in die weite Welt hinaus geschickt wurde, um ihren Traumprinzen zu finden. Es sollte schon bald eine Hochzeit stattfinden, da der König schon sehr alt war und nicht mehr lange leben würde.
»Eines Tages«, so sagte er, »wirst du, meine geliebte Liana, über alles herrschen. Doch bis dahin wird noch geheiratet.
So zog sie von Land zu Land, traf sich mit wunderschönen Prinzen und feierte rauschende Feste. Doch nirgendwo fand sie ihre große Liebe.
Zwei Jahre gingen vorbei. Die Prinzessin hatte ihre Hoffnungen schon längst aufgegeben, als sie im entferntesten Königreich ankam.
»Wer hier wohl leben mag?«, fragte sie sich.
Doch schon an der Grenze hatte sie das komische Gefühl, dass hier nicht alles so war, wie in der restlichen Welt. Alles war ein gutes Stück größer. Die Bäume waren so hoch wie Berge und die Häuser in den Städten riesig. Doch das traf nicht nur auf Gebäude und die Natur zu. Denn auch die Menschen waren fast doppelt so groß, wie die Prinzessin. Sie war nun im Land der Riesen angekommen.
»Dann werde ich wohl auch hier meine große Liebe nicht finden können.«
Sie machte kehrt und wollte schon die Heimreise antreten, als ihr ein junger, gut gekleideter Prinz entgegen kam. Er hatte ein warmherziges Lächeln, redete mit den einfachen Menschen und schien das freundlichste Wesen der ganzen Welt zu sein. Bei seinem Anblick spürte die Liana zum ersten Mal in ihrem Leben ein seltsames Gefühl in ihrem Bauch. Es schien, als würden tausend Schmetterlinge einen Freudentanz aufführen und ihr Herz schlug doppelt schneller als je zuvor. Hatte sie nun doch ihre große Liebe gefunden?

Am Abend fand ein rauschendes Fest statt. Doch dafür hatte die Prinzessin keine Augen. Sie verschwand sehr schnell mit Prinz Bigone auf einen ruhigen Balkon und sah mit ihm in die Sterne. Dort gaben sie sich auch ihren ersten Kuss.
»Ich werde mit dir in das Land deines Vaters reisen und dich heiraten.«, versprach er ihr.
Und so sollte es auch geschehen. Schon am nächsten Tag fuhren sie mit einer großen Kutsche in Lianas Heimat.
Die Prinzessin war überglücklich. Doch dieses Gefühl verschwand sehr schnell, als der König ein paar Tage später entsetzt feststellte, wen seine Tochter heiraten wollte. Sofort beschloss er, dies zu verhindern.

Der König lachte in sich hinein, als er den Riesen in das Verließ sperrte. Den Schlüssel hängte er mit einer Lederschnur um seinen Hals und steckte alles unter sein Hemd.
»Dort wird ihn niemand vermuten.«
Dann drehte er sich zur Gefängniszelle um und rief Bigone ein paar letzte Worte zu.
»Du sollst darin verrotten. Niemals wirst du meine Tochter zur Frau erhalten. Menschen und Riesen passen einfach nicht zueinander.«
Gemütlich stapfte er die Stufen zu seinem Thronsaal hinauf und ließ den Riesen allein zurück.

Liana lag weinend in ihrer Kammer auf dem Bett. Sie schluchzte leise vor sich hin. Auch sie wusste nicht mehr weiter. Niemals würde sie ihr Leben mit ihrer großen Liebe teilen können. Doch da hörte sie eine wispernde Stimme vor dem Schloss.
Die Prinzessin wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand auf und ging zum Fenster. Als sie nach unten sah, entdeckte sie ein altes Mütterchen.
»Kommt herunter, schöne Königstochter. Ich möchte euch meine Hilfe anbieten.«
Liana konnte sich nicht vorstellen, wie diese alte Frau die Meinung des Königs verändern konnte. Trotzdem ging sie schnell in den Hof hinab.

Das Mütterchen steckte ihre Hand in einen kleinen Beutel und holte etwas daraus hervor.
»Gebt diese Brille dem König. Sie wird ihm das wahre Gesicht eurer großen Liebe zeigen.«
Die Prinzessin besah sich die Brille von allen Seiten, konnte aber nicht erkennen, was sie so besonders machte. Ein Versuch wollte sie dennoch wagen. Ein Wort des Dankes konnte sie der Frau nicht mehr sagen, denn diese war bereits verschwunden.

Am Tage darauf  eilte Liana aufgeregt in den Thronsaal.
»Mein Vater, es ist etwas geschehen. Ihr müsst sofort mit mir in das Verlies kommen.«
Der König wurde sofort wütend, denn er ahnte schon, dass seine Tochter ihn dazu bringen wollte, den Riesen frei zu lassen. Das wollte er auf keinen Fall zulassen oder dulden. Er ging mit ihr gemeinsam zu den Gefängniszellen. Unterwegs drohte er ihr, sie ebenfalls einzusperren, was sie nicht zur Vernunft kommen würde.
Als die beiden im Verlies ankamen, war es so dunkel, dass der König kaum etwas sehen konnte.
»Setzt diese Brille auf, Vater, dann könnt ihr besser sehen.«
Während sich der König das Gestell auf die Nase setzte, zündete die Prinzessin die Fackeln wieder an, die sie Minuten zuvor gelöscht hatte. Es wurde heller und ihr Vater konnte in die Zelle sehen.
»Du meine Güte.«, rief er entsetzt.
»Wie kommt denn dieser junge Prinz in die Zelle und wo ist der Riese geblieben?«
Sofort holte er den Schlüssel hervor und öffnete die Tür.
»Kommt heraus, junger Prinz und entschuldigt bitte, dass ihr hier zu Unrecht festgehalten wurdet. Ich weiß gar nicht, wie ich mich entschuldigen kann.«
Liana war verwirrt und auch Bigone wusste nicht, was in den König gefahren war, denn beide konnten nicht durch die Brille schauen.
Ein weiteres Mal war ein leises Wispern zu hören. Die Prinzessin drehte sich herum und erkannte die alte Frau. Sie schlich sich zu ihr und zuckte verwirrt mit den Schultern.
»Weißt du, mein schönes Kind. Die Brille zeigt dem König, wie der Riese wirklich ist. Sie zeigt ihm nicht sein Äußeres, sondern sein Herz. Und das ist so liebenswert und schön, dass er nun einen jungen Prinzen in normaler Größe vor sich sieht.«
Begeistert schloss die Prinzessin ihre große Liebe in die Arme.
»Ich weiß, wie ihr euch bei mir entschuldigen könnt.«, meldete sich nun der Riese.
»Gebt mir eure Tochter zur Frau und alles soll vergessen sein.«
Der König willigte sofort ein und ließ die beiden noch am selben Tag heiraten.

(c) 2009, Marco Wittler

038. Das Luftschloss oder „Papa, woher kommt der Regen?“ (Papa erklärt die Welt 1)

Das Luftschloss
oder »Papa, woher kommt der Regen?«

 »Du, Papa, wo kommt eigentlich der ganze Regen her?«
Papa drehte sich um und sah aus dem Fenster.
»Hm, das ist eine sehr gute Frage.«
Draussen vielen dicken Regentropfen vom Himmel herab. Schon seit Stunden hatte sich das Wetter nicht verändert. Große Pfützen hatten sich auf der Straße gebildet. Einfach nur ungemütlich. Aber insgeheim wünschte sie Sofie, dass sie mit Regenmantel und Gummistiefel nach draussen gehen dürfte. Es war immer ein riesigen Spaß, wenn man in die Pfützen hüpfen konnte.
Aber Mama hatte es verboten. Wie schnell hätte sie sich doch erkälten können.
»Was ist denn nun mit dem Regen?«, fragte Sofie erneut, als Papa nichts weiter sagte.
»Mir fällt da eine Geschichte ein, die mir mein Großvater erzählt hat. Sie klingt vielleicht etwas verrückt, aber jedes Wort davon ist wahr. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Schloss, das schwebte hoch oben in Himmel auf einer Wolke. Deswegen nannte man es auch das Wolkenschloss.
Im Wolkenschloss lebte ein König mit seiner Königin und der jungen Prinzessin Hydrania.
Sie war eine sehr stolze Prinzessin, bekam nur die erlesensten Speisen und empfing nur Gäste höchsten Ranges. Alles, was sie aß, wurde von den schönsten Adlern von der Erde geholt und unter größten Mühen in das Schloss geflogen.
Bedankt hatte sich die Prinzessin noch nie. Denn sie war es gewohnt, verwöhnt zu werden. Wollte man ihr mal einen Wunsch nicht erfüllen, landete man im Kerker.
Hydrania erfreute sich ihres Lebens und sonnte sich jeden Tag auf ihrem Balkon in der Sonne. Bis eines Tages etwas völlig Unerwartetes geschah.
Während sie in der Sonne lag, betrachtete sie sich in ihrem kleinen Handspiegel und kontrollierte ihre Haut, ob diese auch schön gleichmäßig braun würde. Doch an diesem Tag war sie etwas unvorsichtig. Der Spiegel rutschte ihr aus der Hand und fiel vom Balkon herab.
Der Spiegel fiel tief, sehr tief sogar. Er landete unsanft, aber in einem Stück auf einem Acker, nahe eines kleinen Dorfes.
Genau zu dieser Zeit kam Andreas vorbei. Er war der Sohn des Dorfschmieds. Er war ein heller Bursche, hatte immer Augen und Ohren offen und nahm alles wahr, das sich in seinem Umfeld tat.
Und so wurde er auch sofort aufmerksam für das Blitzen und Blinken des Gegenstandes, der das Licht der Sonne spiegelte.
»Nanu, was ist denn das?«
Der junge Bursche ging darauf zu und hob den Spiegel auf.
»Das ist aber ein schöner Spiegel. Er sieht so wertvoll aus, dass er nur einer Prinzessin gehören kann.«
Er steckte das gute Stück ein und machte sich auf den Weg zum König seines Landes. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass der Gegenstand woanders hin gehören könnte, da die Menschen noch nie vom Luftschloss gehört hatten.
Doch nachdem er vor dem König gesprochen hatte, stellte er fest, dass keine einzige Prinzessin oder hohe Dame am Hofe einen Spiegel vermisste.
Jedenfalls dachte er sich das. Er hatte aus guten Gründen das gute Stück nicht vorgezeigt, sondern gut in seiner Tasche verstaut. Die begierigen Prinzessinnen hingegen, waren gierig und wollten sich alles, was sie bekommen konnten, unter den Nagel reissen. Aber nachdem Andreas um eine Beschreibung des Spiegel bat, wurden die jungen Frauen stumm. Sie konnten also nicht die wahren Besitzer sein.
Und so zog Andreas von Land zu Land, von Schloss zu Schloss, ohne den Spiegel jemals abgeben zu können.
Währenddessen saß die Prinzessin des Himmels an ihrem Balkon und beobachtete, was sich unter ihr auf der Erde tat.
Sie trauerte ihrem Spiegel so sehr hinterher, dass sie dicke Tränen weinte, welche hinab fielen. So entstand der erste Regen.
Andreas hingegen wunderte sich während seiner Reise, weil zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, Wasser vom Himmel fiel. Es war sogar so viel, dass seine Kleidung bis auf die Haut durchnässte und alle Wege sich zu Matschpfaden verwandelten. So etwas hatte er noch nie erlebt. Denn jeden Tag gab es sonst nur Sonnenschein.
Hydrania sah jeden Tag ihren Spiegel. Sie sah, wie er von einem unwürdigen Menschen, der es in ihren Augen nicht wert war, ihn zu berühren, von einem Schloss zu anderen getragen wurde. Und mit jedem Tag wurde ihre Angst größer, dass er doch noch in die Hände einer anderen Prinzessin gelangen könnte.
Dadurch wurde die Trauer immer größer und sie weinte immer dickere Tränen.
Sie entschloss sich, etwas zu unternehmen. Sie sandte ihre Adler zur Erde und verlangte von ihnen, dass sie den Menschen ins das Himmelsschloss holen sollten.
Und so geschah es auch.

Andreas war erschrocken und erstaunt, als plötzlich große Vögel hinter ihm her jagten. Immer wieder attackierten sie ihn, bis schließlich einer von ihnen seine Krallen in das Hemd des Menschen schlug und ihn davon trug.
Hinauf ging es und immer höher. Andreas bekam es mit der Angst zu tun. Er war bisher nur auf niedrige Hügel geklettert. Und nun sah er seine Welt zum ersten Mal von oben. Und dann stießen sie durch die Wolken.
Vor ihnen lag das Luftschloss. Es schwebte auf der größten Wolke weit und breit. Dies musste das Ziel der Reise sein.
Andreas spürte, wie der Spiegel in seiner Tasche immer schwerer wurde. Er hatte das Gefühl, nun vielleicht am Ende seiner Suche angekommen zu sein. Doch dies würde sich noch heraus stellen.
Hydrania konnte es gar nicht mehr erwarten, ihren geliebten Spiegel wieder ihr Eigen nennen zu können. Sie trocknete sich die Tränen und lies den Menschen zu sich führen.
Ohne lange drum herum zu reden verlangte sie sofort, dass ihr der Spiegel ausgehändigt werden müsse. Doch Andreas lies sich nicht beirren. Er wollte das Kleinod niemand Falschem geben und verlangte eine Beschreibung.
Da wurde die Prinzessin zornig und wütend. Sie schrie so laut, dass man sie im ganzen Schloss hören konnte.
»So eine unglaubliche Unverschämtheit. So hat mich niemand zu behandeln. Wer glaubst du, dass du bist, dass du Forderungen an mich stellst. Ich bin die Himmelsprinzessin und verlange von dir, dass du mir sofort mein Eigentum zurück gibst. Sonst lasse ich dich einsperren und nehme mir den Spiegel einfach.«
Andreas war sprachlos. Er hatte nun mittlerweile viele Prinzessinnen gesehen. Doch diese war mit Abstand die Schlimmste von allen. Er entschloss sich, ihr einen Denkzettel zu verpassen, falls sie nicht gewillt war, den Spiegel doch noch zu beschreiben.
Er trat hinaus auf den Balkon und hielt die Tasche mit dem Spiegel über die Brüstung.
»Wenn es wirklich dein Spiegel ist und du ihn zurück willst, dann beschreib ihn mir. Ansonsten lasse ich ihn fallen und er wird für immer verschwinden.«
Blanker Hass spiegelte sich im Blick der Prinzessin wieder. Sie stürzte sich auf Andreas und wollte ihm die Augen auskratzen.
Dieser jedoch lies, wie angekündigt, die Tasche zur Erde fallen und sprang hinterher.
Durch den vielen Regen war der Boden völlig durchnässt und aufgeweicht. Die Tasche fiel in einer Pfütze auf dem Acker, auf dem der Spiegel bereits schon einmal gelegen hatte. Sie versank im Schlamm und verschwand.
Andreas landete etwas unsanft, aber mit heiler Haut, knapp daneben. So eine unverschämte Prinzessin hatte er noch nie erlebt. Es geschah ihr Recht, dass sie nun ohne ihren geliebten Spiegel würde leben müssen.
Er machte sich auf, zurück in das Dorf und suchte sich eine Arbeit.
Hydrania hingegen konnte noch immer nicht glauben, was geschehen war. Bisher hatte jeder getan, was sie verlangte. Jeder andere hätte ihr den Spiegel sofort gegeben. Nur dieser unverschämte Bursche nicht.
Nun weinte sie wieder bittere Tränen.

Papa räkelte sich in seinem Sessel und trank einen Schluck aus seiner Kaffeetasse.
»So ist der Regen entstanden.«
Sofie überlegte.
»Aber wie kommt es, dass es dann nicht jeden Tag rund um die Uhr regnet? Schließlich hat die Prinzessin ja immer noch nicht ihren Spiegel zurück.«
Papa schmunzelte, dachte kurz nach und antwortete schließlich nach einem weiteren Schluck aus der Tasse.
»Nun, die ganze Sache ist natürlich schon lange her. Und die Prinzessin hat sich daran gewöhnt, ohne ihren Spiegel leben zu müssen. Nur manchmal erinnert sie sich noch an das Geschehene und dann fängt sie wieder an zu weinen.«
Sofie lachte. »Papa, ich glaube dir kein Wort.«

(c) 2007, Marco Wittler07

018. Es war einmal …

Es war einmal…

Es war einmal, vor langer Zeit, ein Königreich. Dort lebten viele glückliche Menschen, denn niemand war arm und musste hungern. Das lag daran, dass der König seinem Volk befohlen hatte, dass jeder sich einen Bienenstock anschaffen sollte. Die darin lebenden Bienen sammelten nun Jahr für Jahr köstlichen Blütennektar und machten diesen zu Honig.
Es sollte auch nicht lange dauern, bis man, in jedem Lande der bekannten Welt, davon gehört hatte. Jeder wollte sich einen Topf dieses leckeren Honigs gönnen und kam in das Königreich gefahren. So kam viel Geld ins Land und allen Bewohnern ging es gut, denn sie wurden von Tag zu Tag wohlhabender. Ein schöneres Leben konnte man sich gar nicht vorstellen.
Doch leider gab es auch andere Leute, die sehr neidisch auf das Glück sind und denen es nur dann gut geht, wenn großes Unglück über das Land kommt. Dazu gehörten auch die Hexen, denen es erst dann gut ging, wenn sie jemandem das Leben so richtig vermiesen konnten.
Eine von ihnen war Morala. Sie hatte schon oft von den Reichtümern im Königreich gehört und ärgerte sich jedes Mal darüber. Deswegen hatte sie sich auf den Weg gemacht, um dort für Unfrieden, Streit und Unglück zu sorgen. Sie hatte sich auch schon sehr genau überlegt, wie sie das anstellen konnte.
Etwa zur gleichen Zeit gab es im Schloss eine große Besprechung zwischen dem König und den Imkern des Landes. Denn in diesem Jahr würde die Honigernte sehr schlecht ausfallen. Die Blüten auf den Wiesen wurden von Wespen, Hummeln und anderen Insekten so schnell geplündert, dass für die Bienenvölker nicht mehr viel übrig blieb.
Nun suchte man nach Lösungen, doch niemand wusste Rat. Aber es musste trotzdem schnell gehen, denn sonst wäre nicht genug Honig zum Verkaufen da, und es käme kein Geld mehr ins Land.
In diesem Moment klopfte es an den Schlosstoren und eine alte Frau bat darum, vor den König treten zu dürfen. Da es noch immer keine Aussicht auf Ideen gab, willigte der König ein.
Er setzte sich in den Thronsaal und empfing die Unbekannte. Er war es satt, ständig nur über Wespen und Hummeln zu hören. Daher erhoffte er sich nun etwas Ablenkung.
Die alte Frau wurde ihm als Morala, die weise Zauberin, vorgestellt, die alle Länder bereiste und jedem Herrscher ihre Dienste anbot.
Dem König leuchteten die Augen, als er das hörte und erklärte ihr sofort das Problem, womit sein Land gerade zu kämpfen hatte. Und er versprach ihr, alles zu tun, was sie verlangte, um diese Plage loszuwerden.
„Dann nennt mir euren Wunsch, Majestät, und ich werde ihn euch erfüllen.“, sagte Morala.
Der König überlegte nicht lange.
„Ich wünsche mir, dass endlich alle Insekten hier verschwinden und wir wieder unsere Ruhe haben.“
„Ich gewähre euch diesen Wunsch. Doch als Bezahlung verlange ich eure Tochter. Ich werde sie mit mir in mein Reich nehmen und nach meiner Lebensart erziehen und lehren.“
Dem König wurde heiß unter seiner Krone. Aber er hatte keine andere Wahl. Denn sonst würde man in seinem Land nie wieder Honig ernten können. Er schickte also seinen Diener los, der die kleine Prinzessin holte und übergab sie voller Trauer der Zauberin.
Morala drehte sich um und verlies den Thronsaal.
„Wenn ihr Morgen aufwacht wird es kein einziges Insekt mehr in eurem Königreich geben. Nie wieder. Seit euch dessen gewiss.“
So schnell, wie die alte Frau gekommen war, verschwand sie auch wieder. Und niemand wusste wohin sie ging und mit ihr die Tochter des Königs.

 In der folgenden Nacht wuchsen überall im Land riesige Wassermelonen aus dem Boden. Die Insekten wurden von ihrem süßen Duft angelockt und dann in das Innere der Früchte gesaugt. Kurz nach Sonnenaufgang summte kein Tier mehr durch die Luft. Mit einem lauten Knall verschwanden kurz darauf alle Melonen und das Königreich war die Plage los.
Die Imker freuten sich sehr. Überall wurde gefeiert. Auf dem Marktplatz der Hauptstadt, vor den Toren des Schlosses, spielte eine Musikkapelle Lieder über Bienen und leckeren Honig. Es wurden Spanferkel gegrillt und große Fässer Wein leer getrunken.
Doch schon einen weiteren Tag später war die gute Laune verflogen. Denn die Bienen waren nicht mehr da. Alle Bienenkörbe waren leer, nirgendwo flog eine von ihnen durch die Luft.
Zuerst wusste niemand was passiert war. Doch dann fiel es dem König wieder ein. Leichtsinnig und gutgläubig hatte er sich gewünscht, dass alle Insekten des Landes verschwinden sollten. Doch zu seinem Pech gehörten auch die Bienen dazu.
Nun hatte er alles verloren, seine kleine Tochter, die Bienen seiner Imker und das viele Geld, das aus anderen Ländern für den Honig bezahlt wurde. Denn ohne Honig konnte auch nichts mehr gekauft werden.
Da sich sein ganzes Volk auf diesen Handel spezialisiert hatte konnte niemand im ganzen Land einen anderen Beruf ausüben. Und so verarmte das Königreich sehr schnell über die nächsten Jahre und keiner war mehr glücklich.

 So verging eine lange Zeit, in der sich nichts an dieser Situation änderte. Jeder Versuch, neue Bienen anzusiedeln schlug fehl, denn sie wurden immer von einer über Nacht wachsenden Melone verschluckt und verschwanden dann mit ihr im Nichts.
Im ganzen Märchenland machte man sich mittlerweile Sorgen, denn es gab sonst nirgendwo so guten Honig. Dafür fanden sich aber immer mehr mutige Helden, die dem Spuk ein Ende bereiten wollten. Die einen versuchten in der Nacht die Melonen zu zerstören. Doch dann wuchs umso schneller eine neue an einer anderen Stelle.
Andere begaben sich auf die Suche nach der Hexe und des Königs Tochter. Der letzte, der es wagte, war ein kleiner Kater in tapferen Lederstiefeln, die ihn überall hin brachten. Doch auch er hatte keine Spur von den beiden entdecken können.
Der König hatte sogar eine Belohnung versprochen. Wer die Prinzessin und die Bienen befreien und die Hexe gefangen nehmen würde, bekäme seine Tochter zur Frau, das halbe Königreich in Besitz und eine große Schatztruhe, angefüllt mit dem letzten Gold des Landes.

 Eines Tages kam ein junger Mann in die Hauptstadt. Er sah sofort das Elend der Menschen und war sehr traurig darüber. Er hatte bereits von dem großen Unglück gehört, es sich aber nicht so schlimm vorgestellt. Daher lies er sich zum König führen, um ihm seine Dienste anzubieten.
Er stellte sich als Prinz Marco, aus edlem Hause, vor. Er hatte den königlichen Hof seines eigenen Landes verlassen, auf der Suche nach Abenteuern und einer hübschen Prinzessin, die ihn eines Tages heiraten würde.
Der König selber war es leid, immer wieder einem neuen Helden die gleichen Dinge zu erzählen und dann loszuschicken, nur um anschließend wieder enttäuscht zu werden. Daher kam er nicht selber, sondern lies sich durch einen Minister vertreten.
Dieser stattete den jungen Mann kurz darauf mit allem aus, was er für seine Suche brauchte. Nur ein Pferd konnten sie ihm nicht mehr bieten. Das letzte hatte der gestiefelte Kater bekommen und war nie damit zurück gekehrt.. Alles was sie ihm bieten konnten war ein Esel, den der Prinz aber nur zu gern annahm. Und so machten sich die beiden auf den langen Weg zu ihrem unbekannten Ziel.

 Sehr weit kamen sie herum, viele Länder durchreisten sie, und überall befragten sie die Menschen, die sie trafen, nach der Hexe und erhielten mal mehr und mal weniger hilfreiche Antworten.
Viele von ihnen kannten Morala, aber die meisten hatten zu viel Angst etwas zu sagen. Sie fürchteten sich vor einer grausamen Strafe.
Doch nach und nach hatte Marco eine Vorstellung davon, wo sich die Hexe aufhalten musste. Er ritt auf seinem Esel Richtung Norden in das Land des ewigen Schnees, wo es immer kalt war und schneite.
Es dauerte auch nicht lange, bis sie die ersten Schneeflocken sahen. Von nun an mussten sie sehr vorsichtig sein, um nicht sofort von Morala entdeckt zu werden. Der Prinz nutzte eine Herde Rentiere als Versteck, die zufällig in die gleiche Richtung wanderte. Dadurch kamen sie zwar langsamer, dafür aber sicherer, an ihr Ziel.

 Ein paar Tage später standen sie vor einem großen Schloss. Im Gegensatz zur eisigen Landschaft, die sie durchquert hatten, war es von grünen Wiesen und Wäldern umgeben. Es war sogar so warm wie an einem schönen Frühlingstag. Jetzt waren sie endlich angekommen. Marco band den Esel an einem Baum fest und schlich leise über die Zugbrücke in das große Gebäude.
Er war noch nicht sehr weit gekommen, als ihn jemand ansprach und er selber vor Schreck zusammen zuckte.
Auf einer kleinen Bank im Schatten saß eine hübsche junge Frau. Sie hatte lange schwarze Haare, rehbraune Augen und trug ein Kleid aus den edelsten und teuersten Stoffen. Wenn sich der Prinz nicht sicher gewesen wäre, dass hier eine Hexe hausen würde, hätte er sie fast für eine Prinzessin gehalten.
„Nun?“, sagte sie. „Willst du nicht antworten, weißt du nicht wer du bist oder bist du etwa stumm?“
„Ich … ich …“
Der Prinz bekam kein Wort heraus. Jetzt war er so lange und weit gereist, nur um sofort entdeckt zu werden. Er hielt sich für unendlich dumm. Er dachte sich, dass er nur mit einer wirklich guten Idee noch eine Chance haben würde zu überleben. Da ihm aber keine einfiel musste er Zeit schinden.
„Sagt mir erst einmal, wer ihr seid.“
Die Frau lächelte ihn an. Es war ein Lächeln, welches das Herz eines jeden Menschen erwärmt hätte.
„Ihr seid zwar sehr unhöflich, da ihr der Gast seid und nicht ich, aber ich werde eurem Wunsch trotzdem entsprechen. Ich bin die Herrin dieses Schlosses, Königin des Eisigen Landes, Zauberin des Nordens und Hüterin der Bienen.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Und ich bin ganz alleine.“
Nun sah sie sehr traurig aus.
Marco wusste nicht sofort, was er sagen sollte. „Aber du bist doch die Hexe Morala. Du hast so viele Länder und Menschen unglücklich gemacht. Wunderst du dich da über deine Einsamkeit?“
„Wenn ich Morala wäre, dann hätte ich dich nicht unbescholten über die Zugbrücke kommen lassen, sondern hätte dich von einem Windstoß in den Wassergraben wehen lassen, wie sie es mit vielen anderen vor dir getan hat. Niemand war schnell genug wieder dort heraus. Sie wurden alle von den Krokodilen gefressen.
Aber nun ist meine Stiefmutter tot. Ich bin hier alleine und kann nicht fort, weil ich die vielen Bienenvölker behüten muss. Das ist die Aufgabe, die sie mir gegeben hat. Ständig werden es mehr. Ich weiß nicht woher und weswegen sie kommen. Aber ich bin trotzdem für sie verantwortlich. Außerdem wüsste ich nicht, wo ich hingehen könnte. Dies ist mein Heim, und ich habe sonst niemanden mehr.“
Langsam begriff der Prinz, wen er vor sich hatte. Es war die entführte Prinzessin, die er gesucht hatte. Nun hatte er sie endlich gefunden.
Er nahm sie an die Hand, setzte sich mit ihr zusammen auf eine Bank unter einem großen Baum und erzählte ihr, woher sie selber kam und weswegen er gekommen war. Er berichtete ihr von den Bienen, dem guten Honig und wie schlecht es den Menschen ihres Volkes ging.
Das alles machte die Prinzessin sehr traurig. Sie hatte nie gewusst wie viel Unheil ihre Stiefmutter über die Menschen gebracht hatte. In ihrer Gegenwart war sie immer sehr nett und zuvorkommend gewesen und hatte alles nur erdenkliche gemacht, um sie glücklich zu machen.
Aber nun hatte die Prinzessin eine Idee. Sie entschloss sich mit dem Prinzen zurück zu reisen in das Land ihres Vaters. In den vielen Jahren im Land des Ewigen Schnees hatte sie von Morala alles gelernt, was eine richtige Zauberin wissen musste. Doch war sie stets ein guter Mensch geblieben und hatte nie etwas von der Verbittertheit der alten Hexe mitbekommen.
Nun hatte sie die Möglichkeit, die bösen Taten rückgängig zu machen.
Die beiden sattelten den Esel und machten sich auf den Weg zurück in die Heimat.

Als sie ankamen, ging die Prinzessin sofort an die Arbeit. Sie vertrieb die Samen der räuberischen Wassermelonen aus dem Boden des Landes und zauberte alle Bienenvölker hierher zurück. Nun konnten die Imker sie wieder ansiedeln. Die Bienen produzierten sogar noch besseren Honig als jemals zuvor, da sie in den vielen Jahren sehr gut gepflegt und behütet wurden.
Das Königreich erstrahlte sehr schnell wieder im alten Reichtum und Glanz und das Glück kehrte wieder zurück.
Der König hingegen hielt sein Versprechen. Nachdem er die freudige Nachricht erhalten hatte, dass der Prinz mit seiner befreiten Tochter zurück gekehrt war, lies er beide empfangen. Er richtete ein großes Bankett aus und veranstaltete ein Festmahl, an das man sich noch in vielen Jahren zufrieden erinnern würde.
Marco bekam, was man ihm versprochen hatte. Die Hälfte des Königreiches wurde ihm geschenkt. Er erhielt die große Schatztruhe, mit deren Inhalt er sich ein eigenes prunkvolles Schloss bauen konnte.
Einige Tage später heiratete er auch die Prinzessin, die überglücklich war, einen so tapferen Mann bekommen zu haben.
Sie selber sorgte mit ihrer Zauberkraft von da an, dass es ihrem Volk gut ging und keinen weiteren Schaden von bösen Hexen zu befürchten hatte.

 Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sich noch immer glücklich zusammen und umsorgen ihre zahlreichen Bienenvölker.

(c) 2004, Marco Wittler

18 Es war einmal