591. Papa und der Regenmacher

Papa und der Regenmacher

Der Sommer war heiß. Zu heiß. Seit Wochen zeigte das Thermometer täglich mehr als dreißig Grad. Schon morgens begann man zu schwitzen, ohne sich zu bewegen.
Hannah hatte darauf keine Lust mehr. Sie wollte endlich Regen. Jetzt sofort. Wenigstens heute. Einmal nur. Danach durfte wieder die Sonne scheinen. Nur so heiß brauchte es nicht mehr werden.
Sie sah zum Himmel hinauf. Alles blau da oben. Keine einzige Wolke war zu sehen. Nicht einmal ganz weit hinten war eine zu entdecken. Es würde also wieder nicht regnen. Enttäuscht verzog sie den Mund und schmollte.
»Was ist denn los?«, fragte Papa neugierig.
»Mir ist so heiß. Ich will endlich Regen.«, antwortete Hannah.
»Hm.«, machte Papa und dachte nach. Er grübelte hin und her, bis er schließlich zu grinsen begann.
»Ich habe da eine Idee.«
Er ging in das kleine Gartenhaus, in dem sich seine Werkstatt befand. Dort suchte er sich ein langes Papprohr, eine große Schachtel mit Nägeln und ein paar alte Putzlappen.
»Was hast du denn damit vor?«, wollte Hannah wissen. »Damit bekomme ich auch keinen Regen.«
»Worum wollen wir wetten?«
Papa begann zu basteln. Nach und nach drückte er mit seinem Daumen die Nägel in die Röhre. Am Ende waren es bestimmt tausend Stück. Eines der offenen Enden verschloss er nun mit einem Lappen. Auf der anderen füllte er Reis, den Hannahs Bruder Tim inzwischen geholt hatte. Dann wurde auch diese Seite dicht gemacht.
»Was soll das sein?«, fragte Hannah.
»Das ist ein Regenmacher.«, antwortete Papa stolz. »Damit machen wir jetzt Regen.«
»Regen? Mit einem Papprohr? Das glaube ich dir nicht. Das kann nicht funktionieren.«
»Wollen wir wetten?«
Papa schob Hannah unter den großen Kirschbaum und setzte sie auf die Holzbank.
»Damit du nicht so nass wirst.«
Papa drehte den Regenmacher um. Der Reis prasselte nach unten. Es hörte sich tatsächlich wie Regen an. Nur Sekunden später begann es tatsächlich zu regnen. Hannah wurde pitschnass auf ihrer Bank.
»Hey!«, rief sie entsetzt und entdeckte Tim über sich auf einem Ast sitzend. Er hatte eine komplette Gießkanne über ihr ausgeleert.
» Toller Regenmacher. Wenigstens ist mir jetzt nicht mehr so warm.«, lachte Hannah begeistert.

(c) 2017, Marco Wittler

328. Über den Bach

Über den Bach

Durch die große Wiese und am Spielplatz vorbei führte ein kleiner Bach. Die vielen Kinder, die sich hier den schönen Tag vertrieben, sprangen immer wieder von einem Ufer zum anderen. Dazu mussten sie nicht einmal großen Anlauf nehmen. Ein kleiner Hopser genügte.
Dieses bunte Treiben wurde unbemerkt von zwei kleinen Ameisen beobachtet.
»Schau dir nur die Menschenkinder an.«, sagte Pips.
»Ich möchte auch einmal auf die andere Seite des Wassers. Vielleicht ist die Welt dort ganz anders. Wolltest du das nicht auch schon immer mal wissen?«
Fips, die zweite Ameise kratzte sich am Kopf.
»Um ehrlich zu sein, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich war eigentlich schon immer glücklich auf unserer Seite. Aber jetzt, wo du es erwähnst, wäre es doch mal einen Versuch wert, sich das andere Ufer anzuschauen.«
Gemeinsam liefen sich vorbei an hohen Grashalmen und Blumen, bis sie das Wasser erreicht hatten. Sie sahen nach links und rechts und überlegten, was nun zu tun sei.
»Eine Brücke gibt es nicht. Und schwimmen können wir auch nicht. Wenn wir einfach so in den Bach steigen, wird uns die Strömung fort reißen. Wir würden jämmerlich ertrinken.«
Fips wusste sich keinen Rat und wäre gern sofort umgekehrt.
»Das war eine ganz dumme Idee.«
Aber Pips hatte schon einem Plan gearbeitet, den er nun in die Tat umsetzen wollte. Er kletterte auf eine Blume, hangelte sich an einem Stiel entlang und biss ein großes Blatt ab. Dann kam er wieder zurück auf den Boden.
»Wir werden das Blatt als Boot benutzen. Es ist leicht genug, um auf dem Wasser zu schwimmen. Wir müssen uns nur noch darauf setzen und zur anderen Seite paddeln.«
Und so setzten sie das Blatt auf den Bach, kletterten darauf und stießen sich vom Ufer ab.
Langsam setzten sie sich in Bewegung und kamen tatsächlich vorwärts. Fips war zunächst nicht wohl bei der Sache. Doch dann machte es ihm langsam richtig Spaß.
»Mein Freund, das war die beste Idee deines Lebens. Du bist ein Genie.«
Doch in diesem Moment wurde das Blatt von der Strömung ergriffen und raste den Bachlauf entlang.
»Du meine Güte.«, rief Fips entsetzt.
»Wie sollen wir denn jetzt überhaupt nur eines der beiden Ufer erreichen, wenn wir den ganzen Bach entlang schippern? Das war doch keine gute Idee.«
Doch selbst an diesem Problem schien Pips schon zu arbeiten. Er lief im Kreis, sah sich das Blatt ganz genau an und zog hin und wieder an den Rändern.
Schließlich grinste er breit.
»Du musst mir helfen.«, rief er seinem Freund zu.
Gemeinsam stellten sie sich auf die vorderste Spitze des Blattes.
»Sobald ein neuer Windstoß kommt, ziehen wir den Rand hoch.«
Fips nickte unsicher, ergriff mit seinen Händen aber sofort das Blatt. Sekunden später pfiff ein Wind über den Bach. Die zwei Ameisen zogen den Rand hoch und staunten, denn von einer Sekunde zur anderen wurden sich hoch in die Luft gehoben und segelten über die Wiese hinweg. Es ging hin und her, rauf und runter, bis sie schließlich sicher auf dem Boden zwischen den Gräsern landeten.
»Siehst du.«, sagte Pips und grinste.
»Wir haben es geschafft und sind sicher angekommen.«
Fips grinste nun auch.
»Ja, es hat richtig Spaß gemacht. Aber geschafft haben wir es trotzdem nicht, denn wir sind auf unserer Seite des Baches gelandet.«
Pips sah sich um, blickte zur anderen Seite des Baches und seufzte.
»Wir sind immer noch da, wo wir immer waren. Aber zumindest haben wir ein spannendes Abenteuer erlebt.«
Dem konnte auch Fips nicht widersprechen.

(c) 2010, Marco Wittler

253. Ein kleines, dickes Kätzchen

Ein kleines, dickes Kätzchen

Lautes, vielstimmiges Miauen war weit über den großen Bauernhof zu hören. In der Katzenfamilie hatte es Nachwuchs gegeben. Sieben kleine Babys tummelten sich in einem warmen Körbchen und riefen immer wieder nach ihrer Mama.
»Das sind aber hungrige Mäuler.«, sagte der Katzenvater.
»Wie sollen wir die nur alle satte bekommen? So schnell kann ich die Milch doch gar nicht von den Kühen holen.«
Aber so sehr er sich auch beschwerte, er schaffte es doch irgendwie immer. Mit der großen Milchkanne lief er den ganzen Tag lang zum Stall und wieder zurück.
Die Kühe gaben nur zu gern etwas von ihrer Milch ab. Sie freuten sich immer wieder, wenn neue Tierbabys auf den Bauernhof kamen.
»Wenn die kleinen Mietzen größer geworden sind, dürfen sie auch mal auf unseren Kälbern reiten. Das wird ihnen bestimmt Freude machen.«
Und so verging die Zeit. Einige Wochen und Monate zogen ins Land, die Jahreszeiten wechselten und die Katzenbabys wurden immer größer. Man konnte ihnen fast beim Wachsen zuschauen.
Rosalie war jeden Tag besonders hungrig. Sie trank viel mehr Milch als ihre Geschwister und wuchs deswegen auch viel schneller. Mittlerweile war sie schon fast doppelt so groß, wie die anderen und hatte einen richtig dicken Bauch bekommen.
»Wir müssen dich bald auf Diät setzen, junge Dame.«, hatte Mama bereits angedroht.
»Mit so einem dicken Bauch kann man nur sehr schwer Mäuse fangen. Du wirst wohl Sport treiben müssen.«
Doch egal, was die Katzenmutter androhte, Rosalie wurde immer dicker.

Eines Tages spazierte die Katzenfamilie durch den nahen Wald. Vorsichtig tippelten sie über eine wacklige Holzbrücke, die die beiden Ufer eines Teiches miteinander verband.
»Passt gut auf, wo ihr hintretet.«, mahnte der Katzenvater.
»Ein paar der Bretter unter euren Füßen könnten morsch sein und zerbrechen.«
Also sahen sich die kleinen Kätzchen gut um. Nur Rosalie kaute genüsslich auf einem Apfel herum.
Plötzlich wehte ein Windstoß heran. Die Brücke begann zu wackeln und die Bretter brachen entzwei. Alle Katzen fielen ins flache Wasser.
Ertrinken konnten sie darin nicht. Aber da Katzen kein Wasser mögen, fingen sie sofort an zu kreischen.
»Nun macht doch nicht so einen Aufstand.«, rief Rosalie.
»Seid ihr etwa aus Zucker gemacht?«
Sie stand auf, ließ sich rückwärts wieder in den Teich plumpsen und holte einen neuen Apfel hervor.
»Huch. Mein Apfel ist schmutzig.«
Sofort wusch und putzte sie ihre Zwischenmahlzeit von allen Seiten, als hätte sie ihr Leben lang nie etwas anderes getan.
Die Katzeneltern sahen sich verdutzt an, als sie mit dem Rest der Familie ans trockene Ufer geklettert waren. Sie waren sich nicht sicher, was mit Rosalie geschehen war. Katzen gehörten einfach nicht ins Wasser. Das war gegen die Natur.
In diesem Moment war ein lautes Flattern in der Luft zu hören. Vom Himmel kam ein großer Vogel herab geflogen und landete auf einem alten Baumstumpf. Es war ein Storch.
»Hallo Katzenfamilie.«, grüßte er.
»Es tut mir leid, dass ich euren Spaziergang stören muss, aber als ich euch das letzte Mal eure Babys gebracht habe, ist mir ein schrecklicher Fehler unterlaufen. In meinem Körbchen ist doch tatsächlich ein Waschbärbaby gelandet. Könnt ihr euch das vorstellen?«
Die Katzenmama konnte es sich sogar sehr gut vorstellen. Nun wusste sie endlich warum Rosalie so groß und dick geworden war und sich offensichtlich gern im Wasser aufhielt.
»Ich möchte nun den Waschbären zum Umtausch abholen.«
Da musste die Katzenfamilie gar nicht lange nachdenken. Sofort stellten sie die Katzenkinder vor Rosalie auf.
»Unsere Schwester bekommst du nicht. Auch wenn sie ein wenig anders aussieht, größer ist und sich nicht wie eine richtige Katze verhält, gehört sie trotzdem zu unserer Familie.«
Da lachte der Storch und erhob sich wieder in die Luft.
»Wie gut, dass Babys grundsätzlich vom Umtausch ausgeschlossen sind. Ich wollte nur schauen, ob das auch so seht.«
Dann flog er davon und ging wieder seinen Geschäften nach.
Rosalie, die nun endlich wusste, dass sie gar keine Katze war, bekam ein paar Tage später einen kleinen Badesee auf dem Bauernhof geschenkt. Von nun an konnte sie jederzeit ins Wasser hüpfen. Und so nach und nach gewöhnten sich sogar ihre scheuen Geschwister an das kühle Nass.

(c) 2009, Marco Wittler

206. Kinder im Bach

Kinder im Bach

Es klingelte laut. Also packte Herr Jansen seine Sachen zusammen, wünschte den Kindern einen schönen Nachmittag und verließ die Klasse. Eigentlich hätte er jetzt nach Hause fahren können, aber es wartete noch eine unangenehme Aufgabe auf ihn.
Er ging kurz im Lehrerzimmer vorbei, verabschiedete sich von seinen Kollegen und brachte seine Tasche in seinen Wagen.
Sein Weg führte ihn nun einen kleinen Waldweg entlang. Ein paar Minuten stand er vor einem Bach, dessen Ufer mit Betonwänden eingemauert waren.
Ein schneller Blick nach unten brachte ihm die traurige Gewissheit.
»Was machst du denn da unten?«
Ein kleiner Junge sah verzweifelt nach oben. Er saß in dem hüfthohen Wasser fest, denn an den steilen Wänden konnte er nicht hinauf klettern.
»Mich haben ein paar gemeine Jungs hier hinein geschubst. Ich wollte ihnen meinen Taschengeld nicht geben. Da haben sie es  sich einfach genommen und mich dann hier gelassen.«
Herr Jansen schüttelte verzweifelt den Kopf, kniete sich hin und zog den Jungen wieder hoch.
Schon zum fünften Mal in diesem Monat rettete er jemanden aus dieser Falle. Diese Überfälle kamen immer häufiger vor. Doch bisher waren die Übeltäter noch nicht dabei erwischt worden.
Er nahm den Jungen mit sich zurück zur Schule, gab ihm ein Handtuch aus seinem Kofferraum und benachrichtigte die Eltern per Handy, dass sie ihren nassen Sohn abholen konnten.

Ein paar Tage später war es wieder so weit. Ein weiteres Kind saß im Bach und wartete auf Rettung. Und wieder war von den Tätern keine Spur. Auch wagte es niemand, zu verraten, wer so gemein war. Alle Jungen und Mädchen hatten Angst vor Rache. Bis eines Tages Kira den gefährlichen Weg entlang ging.
Sie sah sich ständig um, ihr Blick ging nach links, nach rechts und immer wieder auch über die Schulter nach hinten. Doch alles blieb still. Nach ein paar Minuten kam sie am Bach an. Das Wasser plätscherte zwischen den Betonwänden dahin. Mehr war nicht zu hören.
Doch plötzlich knackte ein Ast und drei große Jungen kamen aus dem Wald gestürmt. Es waren Alexander und seine fiesen Freunde.
»Los, rück dein Taschengeld raus, sonst landest du im Bach.«
Kira wurde unsicher. Sie spürte ein paar wenige Münzen in ihrer Hosentasche, wollte diese aber nicht abgeben.
»Ich habe kein Geld. Ich kann euch nichts geben.«, sagte sie ängstlich.
Alexander lief rot an. Sein Gesicht sah fast wie eine Tomate aus.
»Dann werfen wir dich ebenfalls in den Bach.«
In diesem Moment kam Kira eine Idee.
»Ich habe doch etwas Geld dabei. Lasst ihr mich wirklich in Ruhe, wenn ich es euch gebe?«
Alexander nickte, während seine Freunde lachten. Kira griff langsam mit einer Hand in die andere Hosentasche. Dort befand sich ihr alter Geldbeutel. Darin befanden sich nur ein paar bunte Steine, die sie auf dem Spielplatz gesammelt hatte.
Sie zog den Beutel hervor und wedelte den Jungen damit vor der Nase herum.
»Los, gib her.«, befahl Alexander und machte einen Sprung nach vorn.
Allerdings bekam er den Geldbeutel nicht zu fassen, denn Kira warf ihn im hohen Bogen in den Bach und verschwand mit schnellen Schritten zwischen den Bäumen.
»Verdammt. Das Geld ist weg.«
Die drei Jungen rannten zum betonierten Ufer. Unter sich sahen sie den Beutel langsam versinken.
»So dick wie der ist, muss eine ganze Menge Geld  drin sein. Das können wir uns auf keinen Fall entgehen lassen.«
Alexander schubste seine Freunde ins Wasser und sprang anschließend selbst hinein.
»Los, sucht schon.«
Immer wieder zwang er seine Freunde, bis auf den Grund zu tauchen. Sie fanden allerdings nichts. Der Beutel blieb verschwunden. Nach einer ganzen Weile bemerkten sie, dass sie nun selbst in der Falle saßen. Die Mauern waren viel zu hoch, um zum Weg hinauf zu klettern.
»Müssen wir jetzt den ganzen Bach entlang laufen, bis wie hier wieder raus kommen?«, fragte einer der Jungs.
Doch genau in diesem Moment erblickten sie über sich ein Gesicht. Es war Kira, die nun über das ganze Gesicht grinste. Kurz darauf tauchte neben ihr Herr Jansen auf.
»Schau mal einer an. Da haben wir ja unsere Übeltäter. Das wurde auch Zeit, dass ich euch erwische. Dann werde ich mir schon mal Gedanken machen, welche Strafe ich euch auferlege.«
Er half den drei Jungen aus dem Bach und geleitete sie zur Schule. Von nun an überfielen sie nie wieder jemanden.

(c) 2009, Marco Wittler

057. Die Flut (Ninas Briefe 11)

Die Flut

Hallo Steffi.

Heute ist ein ganz blöder Tag. Draußen regnet es, ohne aufzuhören. Und das geht jetzt schon eine ganze Woche lang so. Ich sitze dann nur hier in meinem Zimmer herum, langweile mich und schaue mir durch das Fenster meine neue Schaukel an, die Papa einen Tag, bevor der Regen kam, aufgestellt hat. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, endlich wieder schaukeln zu können, aber das wird ja nun doch nicht mehr werden.
Ich glaube sogar, es wird nie wieder aufhören. Der ganze Himmel ist grau, die Wolkendecke ist so dick, wie noch nie zuvor.
Da fällt mir gerade etwas ein. Das hätte ich fast vergessen, dabei wollte ich dir schon vor ein paar Tagen davon berichten.
Vor vier Tagen hatten wir einen richtigen Wolkenbruch, wie Mama sagte. Ich hab dann ganz schnell nach draußen geschaut. Aber alle Wolken waren in Ordnung. Nicht eine von ihnen war kaputt gegangen. Da muss Mama wohl nicht richtig hingesehen haben.
Das einzige, was ich sehen konnte, war der Regen. Und es goss in solchen Strömen, dass man hätte meinen können, im Himmel hätte jemand einen Stausee geöffnet. Es wollte gar nicht mehr aufhören.
Mama war schon etwas sauer, denn wir wollten am Nachmittag unserer Tante einen Besuch abstatten. Dummerweise ist Papas Auto gerade in der Werkstatt. Es braucht neues Öl. Wir sollten also bei dem Wetter zu Fuß laufen.
Tommy brüllte vor Freude. Er konnte es kaum erwarten. Dabei wusste ich genau, was er vor hatte. Er wollte mit seinen Gummistiefeln in jede Pfütze springen. Und das immer genau dann, wenn ich daneben wäre.
Der ist immer so fies zu mir. Er muss mich immer ärgern. Und Mama sagt immer nur, dass er halt noch ein kleiner Junge ist und ich ihn machen lassen soll.
Später wurde der Regen schwächer. Wir zogen uns also an. – Gummistiefel an die Füße, Regenmantel über den Körper. Ich sah aus wie ein Bonbon, von oben bis unten in rosa. Tommy fand das eklig, ich aber nicht. Das sieht richtig süß aus.
Wir gingen los.
Weil es an der Straße zu gefährlich ist und alle Autos immer Wasser verspritzen, entschied Mama, dass wir den Fußweg am Fluss nehmen sollten.
Und du kannst dir nicht vorstellen, was wir da sahen. Bisher dachte ich immer, dass es nur ein kleiner Plätscherbach ist. Doch nach dem großen Regen war er nun bis zum Rand mit Wasser voll. Da wäre ich freiwillig nicht mehr zum spielen rein gegangen. Da wäre ich bestimmt sofort drin ertrunken. Also ging ich weit genug davon entfernt den Weg entlang.
Mein kleiner nerviger Bruder hat natürlich genau das getan, was ich vorher befürchtet hatte. Er sprang wirklich in jede Pfütze. Mama schimpfte jedes Mal, aber das nützte gar nichts. Innerhalb weniger Minuten sah er aus, als hätte er im Schlamm gewühlt und gespielt. Er war dreckig von oben bis unten.
Nach der Hälfte des Weges passierte es dann plötzlich. Der Regen wurde stärker, viel stärker sogar. Wir konnten kaum noch etwas sehen. Mama entschied, dass wir warten sollten, bis es vorbei wäre. Zum Glück waren wir gerade bei einer kleinen Holzhütte, in der wir uns unterstellen konnten. So waren wir wenigstens vor dem Regen geschützt.
Aber irgendwann wurde mir ganz komisch im Bauch. Ich sah immer wieder zum Fluss hinüber, der ständig höher stieg. Das Wasser kam uns immer näher. Das machte mir ganz schön Angst. Aber Mama sagte immer, dass das Wasser noch nie über das Ufer gegangen wäre, jedenfalls so lange sie denken konnte.
Tommy gluckste schon vor Lachen. Er freute sich geradezu darauf, dass der Fluss doch alles überfluten würde.
Alles bloß das nicht.
Es regnete weiter. Es wollte einfach nicht aufhören. Mama hatte mittlerweile schon mit dem Handy bei Papa angerufen, aber der war nicht zu erreichen. Er hätte uns ohne Auto auch nicht helfen mit, mit aber auch nicht, denn der Weg war viel zu schmal, um darauf fahren zu können.
Noch immer stieg das Wasser. Es fehlte nicht mehr viel, bis es alles überschwemmen würde. Aber Mama machte uns trotzdem weiter Mut.
Aber schließlich passierte es dann doch. Mit einem Mal hörten wir ein ganz komisches Geräusch. Durch den Flussdamm kamen die ersten Tropfen, dann floss Wasser aus ein paar Rissen, bis er schließlich und ganz viel Wasser auf uns zu strömte.
Ich begann zu schreiben, Tommy jubelte. Mama sprang aus der Hütte, schnappte sich meinen Bruder und half ihm, auf das Hüttendach zu klettern. Anschließend sollte ich hinterher. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Welle war ganz schnell heran und riss mich mit.
Mama konnte sich gerade noch fest halten, hatte mich aber nicht mehr erwischt.
Jetzt bekam ich Panik. Ich hatte große Angst zu ertrinken. Ich konnte nicht sehen, wo es mich hin trieb, bis ich plötzlich merkte, dass ich in den nahen Fischteich gespült wurde und unterging.
Ich kniff ganz fest die Augen zu und versuchte irgendwie wieder an die Oberfläche zu kommen, aber ich wusste nicht mehr wo oben und unten waren. Und langsam ging mir die Luft aus.
Und dann wurde ich plötzlich von zwei kräftigen Händen gepackt. Zuerst dachte ich, dass ich doch schon fast oben war und mich jemand retten würde, aber dann sah ich etwas, dass ich vorher noch gesehen hatte.
Vor mir war ein Mann im Wasser. Aber er sah ganz anders aus. Irgendwie war er ein Mensch, aber auch irgendwie nicht. Er hatte keine Beine, stattdessen eine lange Fischflosse. Bisher kannte ich Meermenschen nur aus dem Fernsehen und ich wusste, dass sie auch nur im Meer und im Ozean lebten, wenn es sie denn überhaupt gab. Und nun hatte ich einen vor mir, einen richtig echten.
Er nahm mich mit sich und gab mir zu verstehen, dass mir nichts passieren würde.
Wir schwammen etwas tiefer und verschwanden unter einer gläsernen Kuppel. Darunter war genug Luft, um atmen zu können.
Er setzte mich auf einen Stein und sah mich neugierig an.
»Was bist du?«, fragte er mich.
Ich sagte, ich wäre ein Mensch und käme vom Land. Er sah mich allerdings ganz ungläubig an.
»Ich muss dir wohl glauben, kleines Mädchen, schließlich hast du keine Floss wie ich.«
Er stellte sich mir vor. Sein Name war Arton. Er war ein Seemensch, verwandt mit den Meermenschen. Allerdings lebten er und seine Leute in unserem Fischteich. Es hatte sie nur noch nie jemand gesehen, weil sie zu viel Angst hatten zur Oberfläche zu schwimmen.
Ich erzählte ihm, dass wir Menschen nur an der Luft leben können und wir im Wasser ertrinken müssen.
Da bekam er plötzlich ein trauriges Gesicht. Er hatte sich gefreut, neue Freunde zu finden. Denn im See war es immer so langweilig. Es gab keine Geschichten zu erzählen, die nicht jeder von ihnen schon längst gehört hatte und keine neuen Spiele.
»Ich hab da eine Idee.«, sagte ich ihm.
»Wenn das Wetter wieder besser ist und mir meine Eltern erlauben, im See schwimmen zu gehen, dann komme ich zurück und wir werden ein paar Spiele spielen.«
Das freute den Seemenschen sehr. Da nahm er mich in den Arm, drückte mich an sich und brachte mich sofort zurück ans Ufer.
Ich krabbelte aus dem Wasser und setzte mich unter einen Baum. Von der Anstrengung musste ich mich erstmal erholen.
In dem Moment kamen auch schon Mama und Tommy angelaufen. Die Welle war vorüber gerollt und man konnte wieder über die Wiese laufen.
Sie nahm mich sofort in die Arme und war so froh, dass es mir gut ging. Sie hatte unheimlich viel Angst um mich gehabt.
Wir gingen schnell nach Hause, um die nassen gegen trockene Sachen zu tauschen.
Von meinem neuen Freund erzählte ich natürlich nichts. Tommy wäre dann viel zu eifersüchtig und Mama würde mir kein einziges Wort glauben.
Und sobald das Wetter wieder schön ist, gehe ich zum See baden. Mal schauen, was ich dann für tolle Spiele mit Arton machen werde.

Deine Nina.

P.S.: Wenn du bald zu mir kommst, dann nehme ich dich mit zum Baden. Du wirst Arton bestimmt mögen.

(c) 2007, Marco Wittler

012. Das Wasserloch

Das Wasserloch

 Irgendwo in Afrika, mitten in der trockenen Steppe, brannte die Sonne heiß auf den Boden. Da es schon seit Monaten nicht mehr geregnet hatte war der Boden trocken und rissig, und die wenigen Büsche, die noch zu sehen waren, waren schon vor langer Zeit braun geworden.
Kaum ein Tier ließ sich um diese Tageszeit sehen, weil es einfach zu heiß war. Nur ein paar wenige Eidechsen saßen auf einem Stein und sammelten Sonnenwärme für die kommende kalte Nacht. Alle anderen lagen in Erdhöhlen, unter einsamen Bäumen oder hatten sich selber eingebuddelt. Dort warteten sie alle auf die kühlen Abendstunden.
Und wie Tiere nun mal so sind, hatten sie nur einen Gedanken. Wann und wo würden sie das nächste Mal etwas zu fressen bekommen.
Ein Rudel Löwen lag auf einem großen Felsen und beobachtete alles ganz genau. Denn die letzte Mahlzeit lag schon etwas zurück. Vor drei Tagen hatten sie das letzte Mal etwas zu fressen. Doch so weit sie auch in die Ferne starrten, nirgendwo war eine Tierherde oder auch nur ein einzelnes Beutetier zu sehen. Nur ein paar hungrige Giraffen fraßen die letzten trockenen Blätter von einem Baum.
Doch an diese großen Tiere traute sich kein Löwe heran, denn mit ihren langen Beinen konnten sie einen Angreifer kräftig treten und schwere Verletzungen zufügen.
Doch mehr als die Frage nach Futter hatten alle im Kopf, ob es bald regnen würde. Das letzte Wasserloch war jetzt nur noch so groß wie eine Pfütze. Und in ein oder zwei Tagen würde es auch vertrocknet sein.
Aber die Regenzeit lies noch auf sich warten. Es waren keine Wolken am Himmel zu sehen.
Überall war es still. Nur ein paar Grillen saßen zirpend in den trockenen Grasbüscheln.
Doch plötzlich erklang ein fernes Donnergrollen vom Horizont. Einige Tiere hofften schon auf ein Regen spendendes Gewitter. Aber dann sahen sie eine große Staubwolke, die sich langsam näherte. Die Geräusche wurden immer lauter. Kurz bevor die Wolke am Wasserloch ankam konnte man endlich die Ursache erkennen. Es handelte sich um eine große Elefantenherde.
Sie waren auf der Suche nach Wasser. Und Elefanten brauchen sehr viel Wasser. Weil sie so groß sind müssen sie viel mehr trinken als andere Tiere. Und wenn es ihnen zu heiß wird können sie sich nicht unter einem Strauch verkriechen oder sich selbst im Sand vergraben bis es kühler wird. Normalerweise stellen sie sich in ein Wasserloch und bespritzen ihren ganzen Körper mit schlammigem Wasser. Das kühlt ab und schützt gleichzeitig gegen Fliegen und Parasiten, damit die Elefanten nicht krank werden. Doch ohne Wasser wird der Schlamm zu Staub. Deswegen war die Herde nun auf der Suche nach einer Stelle, die noch nicht ganz ausgetrocknet war. Und jetzt hatten sie es fast geschafft.
Die Herde bestand nur aus Elefantenkühen und Kälbern, Mütter mit ihren Kindern. Die männlichen Elefanten liefen lieber allein durch die Steppe.
Noch bevor sie auch nur einen Tropfen Wasser sehen konnten wurden einige andere Tiere unruhig. Ein paar besonders große Löwen stiegen von ihrem Felsen herab und postierten sich zwischen der Elefantenherde und dem Wasserloch.
Die großen Dickhäuter blieben stehen und schauten die Löwen misstrauisch an.
„Bitte lasst uns an das Wasser gehen. Wir sind seit Tagen unterwegs und unsere Kinder können sich vor lauter Durst kaum noch auf den Beinen halten.“
Der Löwe mit der dicksten Mähne zeigte seine Zähne und versuchte so gefährlich wie möglich auszusehen.
„An uns kommt ihr nicht vorbei. Das Wasser ist fast verdunstet. Es reicht bald nicht einmal mehr für uns. Wenn wir euch jetzt trinken lassen ist bis heute abend nichts mehr da. Sucht euch euer eigenes Wasser.“
Die Elefanten überlegten, was sie nun tun könnten. Aber sie hatten keine andere Wahl als weiter zu ziehen. Für einen Kampf gegen ein Rudel Löwen waren ihre Kinder noch zu klein und die Mütter mittlerweile viel zu schwach. Also suchten sie sich eine neue Richtung aus und zogen davon. Es dauerte nicht lange bis ihre Staubwolke am Horizont verschwunden war.

 Am späten Abend, die Sonne war bereits verschwunden, kam die Herde an einem verlassenen Wasserloch an. Hier waren keine anderen Tiere mehr, denn nicht einmal eine kleine Pfütze war mehr zu sehen.
Die Elefantenkinder waren ganz traurig, aber ihre Mütter versprachen ihnen bereits für das Frühstück jede Menge Wasser ohne laufen zu müssen. Mit diesem Gedanken schliefen sie alle zufrieden ein.

 Am nächsten Morgen setzten sich die kleinen Elefanten an den Rand des Wasserloches und schauten ihren beschäftigten Müttern bei der Arbeit zu. Sie standen in der Mitte der trockenen Wasserstelle und gruben kräftig mit Beinen und Rüsseln im Boden. Die Erde flog im hohen Bogen durch die Luft und bildete einen kleinen Haufen der rasch größer wurde.
Da passierte es. Der erste Elefant stand mit den Füßen in einer kleinen Pfütze. Und während der Hügel an der Seite wuchs wurde auch das Wasser mehr. Bis zum Mittag war ein richtiges Wasserloch entstanden. Es war sogar größer als das der Löwen am Tag zuvor.
Nun war endlich genug zu trinken da. Und für ein richtiges Schlammbad würde es auch ausreichen.
Nach einiger Zeit hörten sie Geräusche. Ein paar neugierige Elefanten kletterten hoch, um zu sehen, woher sie stammten.
Nur ein paar Meter entfernt kamen die Löwen heran gekrochen. Sie sahen schwach und durstig aus. Und genauso war es auch. Ihr eigenes Wasser war verdunstet und nun hatten sie nichts mehr zu trinken. Sie konnten genau sehen, dass die Elefanten viel mehr Wasser hatten als sie brauchten, aber trotzdem trauten sich die Löwen nicht zu fragen, ob sie etwas abbekommen könnten. Lieber schauten sie sich um, wo das nächste Wasser sein könnte.
Die Elefanten hatten nicht vergessen, was die Löwen mit ihnen gemacht hatten, denn Elefanten vergaßen nie etwas. Aber trotzdem waren sie viel freundlicher zu den Löwen. Sie luden die Durstigen ein, soviel zu trinken wie sie wollten.
Und so entstand eine neue Freundschaft zwischen Löwen und Elefanten, die gemeinsam an einer Wasserstelle lebten und das wenige, was sie besaßen, zufrieden miteinander teilten. Denn auch wenn man wenig hat, ist es immer eine Freude jemandem davon zu geben, der noch weniger hat.

(c) 2004, Marco Wittler

12 Das Wasserloch