527. Der Weihnachtsdrache

Der Weihnachtsdrache

Heiligabend.
Familienvater Peter war noch auf den verschneiten Straßen einer kleinen Stadt unterwegs, um noch einige Besorgungen für das Weihnachtsfest zu erledigen. Mit Mühe und Not zog er einen Handkarren hinter sich durch den hohen Schnee, da er sich einen Schlitten nicht leisten konnte.
»Hoffentlich finde ich noch einen Weihnachtsbaum, der meinen Lieben gefallen wird.«
Nur zu gern hätte er alles schon viel früher erledigt, aber da Peter in den Diensten des Königs stand, hatte er in der ganzen Adventszeit nicht einen freien Tag gehabt. Er hatte sich die ganze Zeit um das Schmücken des Schlosses und das Verpacken der Geschenke für die Königsfamilie gekümmert.
Peter sah auf seinen Einkaufszettel, den er mit blau angelaufenen Fingern vor seine Nase hielt.
»Weihnachtsbaum, Kerzen, ein Braten, Pudding für die Nachspeise und Geschenke für meine liebe Frau und die Kinder. Wie soll ich das alles bei dieser Kälte schaffen?«
Alle paar Minuten klopfte er sich dicke Schneeflocken vom Mantel, denn es schneite ununterbrochen.
»Bei dem Wetter schickt man nicht mal einen Hund vor die Tür. Hoffentlich erfriere ich nicht unterwegs. Das wäre sonst ein sehr trauriges Weihnachtsfest.«
Peter beeilte sich. Er stapfte von einem Laden zum anderen. Er feilschte mit den Händlern um die Preise und hoffte, dass sein Geld für den gesamten Einkauf reichen würde.
Am Ende fehlte nur noch ein Baum. Der fiel Peter besonders schwer, denn die meisten Verkäufer hatten ihre Stände bereits abgebaut. Ein einziger war noch auf dem Marktplatz und wartete darauf seine letzten beiden Tannen zu verkaufen.
Es waren ein großer, schöner Baum mit vielen grünen Ästen. Er war einfach perfekt. Der andere sah sehr ärmlich aus. Er war geradezu mickrig. Seine Äste teilweise geknickt und einige Nadeln hatte er auch schon verloren.
»Wie viel willst du für den großen Baum haben?«, fragte Peter, der schon darüber nachdachte, wie er ihn auf dem Handkarren befestigen sollte.
»Für dieses Prachtstück mache ich dir einen Sonderpreis.«, verkündete der Händler. »Für läppische 3 Schillinge kannst du ihn gleich mitnehmen.«
Peter holte seinen alten, abgegriffenen Geldbeutel hervor und zählte die wenigen Münzen, die ihm noch geblieben waren. Dann bekam er einen roten Kopf.
»Ich habe nur noch zwanzig Groschen. Mehr ist mir nicht von meinem Geld geblieben.«
Der Händler lachte und musste sich den Bauch halten.
»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen. Für zwanzig Groschen bekommst diesen kleinen missratenen Baum. Und das auch nur, weil ich heute meinen freundlichen Tag habe.«
Peter seufzte, zahlte und packte den kleinen Baum auf seinen Karren. Dann stapfte er wieder los und machte sich auf den langen Heimweg.
Nach einer halben Stunde hatte er die Stadtmauer hinter sich gelassen und musste nun durch Wald und Felder gehen. Der Wind blies hier draußen besonders stark. Dazu kam auch noch, dass es mittlerweile dunkel geworden war.
Zur Kälte, die Peter bis in seine Knochen gekrochen war, kam nun auch die Angst dazu. Überall konnten Diebe und Wegelagerer in ihren Verstecken liegen. Aber sie waren noch nicht das Schlimmste, was einem Wanderer geschehen konnte. Denn eine Begegnung mit einem Drachen aus dem nahen Gebirge verlief immer tödlich für die Menschen.
Peter versuchte schneller zu laufen. Aber bis zu seinem Dorf musste er noch einige Kilometer zurücklegen.
Und dann sah er plötzlich ein Licht auf einem der Berggipfel aufleuchten.
»Nein!«, entfuhr es ihm.
»Da oben sitzt einer von ihnen. Wenn ich nicht sofort ein Versteck finde, bin ich in ein paar Minuten Drachenfutter.«
Er sah sich entsetzt um. Leider waren weder ein großer Felsen, noch ein dicker Baum in der Nähe.
Das Licht auf dem Berg wurde größer und kam schnell näher. Der Drache hatte sich von seinem Beobachtungsposten erhoben und flog nun ins Tal hinab.
Peter begann, um Hilfe zu schreien.
»Hey, sei doch nicht so laut. Du weckst noch alle Regenwürmer in der Erde auf.«, hörte er eine Stimme über sich.
Es war der Drache. Er war kleiner, als er gedacht hatte.
»Darf ich hier landen? Mir werden langsam die Flügel schwer. Fliegen ist ganz schön anstrengend.«
»Wenn du mich nicht auffrisst.«, brachte Peter zitternd hervor.
»Ach, keine Sorge. Erstens: Ich bin satt. Zweitens: Ich fresse keine Menschen.«
Peter atmete auf, hielt dann aber wieder inne. War es vielleicht nur ein fieser Trick?
»Ich … ich … ich schmecke gar nicht.«, stotterte er verzweifelt.
»Ich weiß.«, antwortete der Drache. »An dir ist eh nicht viel dran. Bist ja nur Haut und Knochen. Davon wird kein ordentlicher Drache satt. Also mach dir keine Sorgen. Ich werde dich nicht fressen.«
Der Drache grinste. Doch das machte Peter noch mehr Angst, denn nun konnte er unzählige messerscharfe Zähne sehen.
»Verschwinde! Lass mich in Ruhe!«, brüllte er in seiner Verzweiflung.«
»Oh. Schade. Ich hatte gehofft, dass ich dich begleiten darf, um mir mit einem Gespräch die Langeweile zu vertreiben. Aber du magst wohl keine Drachen.«
Der Drache ließ die Mundwinkel fallen und flog enttäuscht davon.
Peter atmete durch. Er hatte nicht damit gerechnet, diese Begegnung zu überleben.
»Nur schnell nach Hause.«
Er setzte seinen Weg fort, ging nun noch schneller. Trotzdem hatte er noch eine Stunde Fußmarsch vor sich. Irgendwann kam er in ein Waldstück. Hier fühlte er sich um einiges sicherer. Zwischen den dicht stehenden Bäumen konnten Drachen mit ihren großen Flügeln nicht fliegen oder landen. Doch dann hörte wieder diese Stimme.
»Was ist eigentlich dieses Weihnachtsdings?«
Der Drache war wieder da. Er kam hinter einem der Bäume hervor auf den Weg gelaufen?
»Mich das immer schon interessiert, aber die anderen Drachen haben davon noch nie gehört und ihr Menschen habt immer zu viel Angst, um mir davon zu erzählen.«
»Nein!«, schrie Peter. »Nicht schon wieder. Willst du mich jetzt doch noch fressen? Ich will aber noch nicht sterben.«
»Du bist echt ein Spielverderber.«
Der Drache verschwand wieder.
Peters Herz pochte wie wild in seiner Brust. Trotzdem begann er nun zu rennen. Er wollte nur noch nach Hause, hinter seine sichere Haustür. Dort konnte ihm der Drache nicht mehr nachstellen.
»Nun warte doch mal, Mensch. Ich will doch nur ein wenig mit dir reden und verstehen, was das mit Weihnachten auf sich hat.«, ertönte es nun von oben.
Peter achtete nicht mehr darauf. Er antwortete auch nicht mehr. Er rannte nur noch um sein Leben.
Dann erreichte er sein Dorf. Er lief kreuz und quer durch die Straßen, bis er sein Haus erreicht hatte.
»Lasst mich rein! Schnell! Rettet mich vor dem Drachen!«
Peters Frau öffnete sofort die Tür und sah entsetzt nach draußen.
»Keine Sorge, mein Liebster. Er ist nicht mehr da.«
Peter war gerettet. Endlich konnte er durchatmen, zur Ruhe konnen. Er ließ sich noch ein wenig Zeit, bis er begann, den Weihnachtsbaum aufzustellen und die Kerzen auf seinen spärlichen Ästen zu befestigen.
Währenddessen bereitete seine Frau das Festessen vor und packte die Geschenke für die Kinder in buntes Papier ein.
»Wenn du fertig bist, kannst du die Kerzen anzünden, mein Liebster. Ich bin nämlich auch bald fertig.«, rief sie irgendwann aus der Küche.
Peter, der nun auch schon wieder lächeln konnte, griff in seine Tasche, um die Streichhölzer heraus zu holen, die er in der Stadt gekauft hatte.
Streichhölzer? Moment?
»Verdammt!«
Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.
»Ich habe beim Einkauf die Streichhölzer vergessen. Ich kann die Kerze nicht anzünden.«, musste er nun seiner Familie beichten.
»Wir werden dieses Jahr wohl ein dunkles Weihnachtsfest feiern.«
Da klopfte es am Fenster. Der Drache war wieder da und sah durch das leicht vereiste Glas herein.
»Wenn ihr mich rein lasst, kann ich euch helfen. Ich hab auch mein eigenes Feuer dabei.«
Er versuchte es mit einem Lächeln. »Vielleicht könnt ihr mir dann auch erklären, was es nun mit Weihnachten auf sich hat.«
Peter lief es eiskalt den Rücken runter. Doch seine Frau nickte ihm ängstlich zu.
»Wenn er dich wirklich hätte fressen wollen, dann hätte er es schon unterwegs tun können.«
Das leuchtete ein. Also öffnete Peter die Tür und ließ den Drachen herein. Dieser freute sich so sehr, dass er gleich neben dem Weihnachtsbaum Platz nahm und sofort alle Kerzen anzündete. Damit war das Weihnachtsfest gerettet.
Von diesem Tag an feierte der Drache jedes Jahr mit Peter und seiner Familie Weihnachten. Und was es mit diesem Weihnachtsdings auf sich hatte, erfuhr er dann auch.

(c) 2015, Marco Wittler

403. Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Papa saß zusammen mit seiner kleinen Tochter Lena am Strand. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Sonne am Abend immer tiefer sank.
»Weißt du eigentlich, woraus die Sonne gemacht ist?«, fragte Papa.
Lena nickte.
»Die Sonne ist ein riesiges Feuer. Das haben wir in der Schule gelernt.«
»Und wohin verschwindet die Sonne, wenn sie am Abend unter gegangen ist?«
Lena wollte bereits antworten, überlegte es sich dann aber doch noch einmal anders. Schließlich zuckte sie mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Geht sie vielleicht zum Schlafen ins Bett?«, lachte sie.
Papa schüttelte den Kopf.
»Die Sonne versinkt im Meer. Das passiert hier direkt vor unserer Nase.«
Lena bekam große Augen.
»Sie versinkt im Meer? Das glaub ich nicht. Das viele Wasser löscht ja dann das Feuer.«
»Aber genau so ist es. Wenn die Sonne das Meer berührt, das Feuer langsam gelöscht wird und dabei etwas Wasser verdampft, kann man es ganz leise zischen hören.«
So einen Blödsinn wollte Lena dann aber doch nicht glauben.
»Das hast du dir doch bestimmt nur ausgedacht.«
Sie stemmte die Hände in ihre Seiten und sah Papa ganz misstrauisch an.
»Oder?«
Papa drehte ihren Kopf zurück zum Meer.
»Dann pass mal ganz genau auf.«
Die Sonne hatte das Wasser fast erreicht. Es konnte sich nur noch um ein paar Sekunden handeln.
»Und nun hör genau hin.«
Lena strengte sich an. Am Liebsten hätte sie die Augen geschlossen, aber sie wollte auf keinen Fall etwas verpassen. Und plötzlich hörte sie es tatsächlich. Ein ganz leises Zischen hatte den Weg in ihr Ohr gefunden.
»Mensch, Papa, du hattest wirklich Recht. Das Wasser löscht die Sonne.«
In diesem Moment gesellte sich Lenas Bruder Paul zu den Beiden und war gleich etwas verwirrt.
»Mensch, Papa, warum zischst du denn die ganze Zeit in Lenas Ohr? Was wird das denn?«
Lena sah sofort zur Seite und erwischte Papa, wie er gerade mit seinem Kopf zurück wich.
»Hab ich dich doch erwischt.«, grinste sie von einem Ohr zum anderen.
»Du hast mir also doch nur Blödsinn erzählt.«
»Aber nur, weil der Wind heute so laut ist und man das Zischen deswegen nicht hören kann.«, entschuldigte er sich lachend.

(c) 2012, Marco Wittler

234. Feuer im Tierheim (Tierheimgeschichten 1)

Feuer im Tierheim

Feierabend.
In der letzten Stunde hatten sich die Menschen um das Abendessen der vielen Bewohner des Tierheims gekümmert. In unzähligen Näpfen lag nun das Futter, Trinkschalen waren ausgewaschen um mit frischem Wasser befüllt worden.
»Schlaft gut und träumt schön.« rief Klaus noch einmal in jedes Gehege. »Und bleibt nicht wieder so lange wach. Ich werde euch wie immer ganz früh aus den Federn werfen.«
Dann machte er sich auf den Weg nach Hause zu seiner Familie.
Nun war es still. Das heißt, es waren keine Menschenstimmen mehr zu hören. Aber das Bellen, das Miauen, Zwitschern, Brummen und Fiepen wurde nicht leiser. Im Gegenteil. Jetzt waren die Tiere endlich unter sich. Die Tierkinder tollten gemeinsam durch die Gehege, die Älteren unterhielten sich über die Ereignisse des Tages und die ganz Alten tauschten sich über ihre Wehwehchen aus.
Alles in dieser Nacht hätte so schön sein können, wenn es da nicht diesen lauten Knall kurz vor dem Aufstehen gegeben hätte.
»Was war das?« fuhren die Katzen vor Schreck in sich zusammen.
Irgendwo über ihren Köpfen war etwas geschehen, dass ihnen Angst machte. Sie sahen aus dem Fenster.
»Das war kein Donnerschlag. Es ist ein schöner Tag. Da sind nicht mal Wolken am Himmel. Es kann kein Gewitter gewesen sein.« murmelte die alte Katzendame Thelma vor sich hin.
Ein paar Augenblicke später begann es zu stinken. Dünne Rauchschwaden drückten sich unter den Türen hindurch. Mit jeder Minute wurde es schlimmer.
»Feuer! Es brennt!« rief Thelma aufgeregt.
Sofort entstand Panik im Katzenhaus. Alle schrien und liefen durcheinander, wussten nicht, was sie machen sollten.
»Beruhigt euch wieder.« versuchte Thelma Ordnung in ihr Katzenrudel zu bringen. »Ihr habt doch den Menschen bei der letzten Feuerschutzübung zugeschaut. Wir machen das alles, so wie wir es oft genug heimlich geübt haben.«
Aber das war leichter gesagt, als getan. Eine Übung war halt nur eine Übung. Keine der Katzen hätte jemals damit gerechnet, dass man in diesem dichten Qualm so schlecht sehen und atmen konnte.
Thelma dachte kurz und versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was nun wichtig war. Dann drehte sie sich zu drei älteren Katern um.
»Ihr kümmert euch um den Nachwuchs. Die Kleinen müssen als erstes gerettet werden. Die Katzendamen sollen eine Reihe bilden, sich an den Schwänzen halten und in einer langen Kette nach draußen gehen. Wenn alle vorbereitet sind, geht es los. Erst dann dürft ihr die Ausgangstür öffnen. Wenn jemand von euch die Nerven verliert und zu früh nach draußen stürmt, kommt zu viel Rauch rein und wir werden alle ersticken.«
Sie nickten und befolgten die Anweisung so schnell es ging. Thelma kletterte an eines der Fenster und rief nach den Grashüpfern auf der nahen Wiese. Die kleinen Insekten ließen nicht lange auf sich warten.
»Hier drin brennt es.« berichtete Thelma schnell. »Wenn wir Pech haben, breitet sich das Feuer auch noch auf die anderen Gebäude aus. Sagt den anderen Tieren Bescheid, dass sie sich in Sicherheit bringen. Die Hütehunde sollen für Ordnung sorgen, damit kein Durcheinander entsteht. Es soll niemand verletzt werden.«
Sofort machten sich die Grashüpfer auf den Weg, um die Nachricht an alle Gehege und Ställe zu verteilen. Nun war es auch an Thelma, sich zu retten, denn inzwischen war das Katzenhaus so stark verqualmt, dass man kaum noch die Pfoten vor den Augen sehen konnte. Die anderen Katzen hatten also die Tür geöffnet und sich in Sicherheit gebracht.
Der Weg nach draußen war kaum noch zu bewältigen. Der Rauch kratzte im Hals. Thelma konnte nicht mehr richtig atmen. Jeder einzelne Schritt wurde zur Qual. Die letzten Meter konnte sie nur noch kriechen. Auf der Türschwelle griffen ihr zwei Starke Kater unter die Beine und brachten sie auf die Wiese.
»Ist jemandem was passiert?« fragte Thelma besorgt, sah sich sofort unter den anderen Katzen und zählte sie durch.
»Sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, acht- … Moment. Da fehlt jemand.«
Noch einmal sah sie in die Gesichter des Rudels. »Wo ist Lilli? Lilli ist nicht da. Hat einer von euch Lilli gesehen?«
Sofort waren sie wieder alle aufgeregt. »Wir müssen sie übersehen haben. Sie ist bestimmt noch im Haus.«
Thelma sammelte noch einmal die letzten Reste ihrer Kräfte, richtete sich auf und schleppte sich zurück zum Katzenhaus. »Ich werde sie suchen und da raus holen.«
»Das kannst du nicht machen.« stellten sich ihr die Kater in den Weg. »Da kann keiner mehr rein. Das ist einfach zu gefährlich. Du wirst ersticken oder verbrennen.«
Thelma schüttelte den Kopf und stieß die Kater zur Seite. »Heute wird niemand verbrennen. Wir lassen niemanden im Feuer zurück.« Dann verschwand sie in den dichten Rauchschwaden.
Der Qualm war überall. Man konnte keinen Zentimeter weit sehen. Thelma versuchte, so wenig wie möglich zu atmen. Sie tastete sich an der Wand entlang, durchsuchte die einzelnen Schlafplätze, bis sie mit den Vorderpfoten gegen etwas Weiches stießen. Vorsichtig tastete sie danach. Es war ein Katzenkind. Das musste einfach Lilli sein.
Sie packte zu und schleppte das schlappe Fellbündel zum Ausgang. »Wir schaffen das. Wir beide kommen hier heile raus. Das verspreche ich dir.« keuchte sie leise.
Thelma kam bis zur Türschwelle. Dann brach sie zusammen. Ihr Kopf landete gerade eben in den weichen Grashalmen der Wiese.
»Hier sind noch zwei.« rief eine Menschenstimme.
Die beiden Katzen wurden sanft von zwei starken Händen ergriffen und aufgehoben.
»Die müssen sofort in die Tierklinik gebracht werden. Sie haben Rauchvergiftungen.«
Die Feuerwehr war inzwischen aufgetaucht. Aus langen Schläuchen spritzte Wasser auf das brennende Dach.
Mit ihrer letzten Kraft öffnete Thelma noch einmal ihre Augen. Zufrieden sah sie, dass Lilli sich bewegte. Sie hatte es also geschafft, das Katzenkind zu retten.
»Jetzt ist alles wieder gut.« murmelte sie glücklich, bevor sie langsam einschlief.

(c) 2014, Marco Wittler

216. Der letzte Drache

Der letzte Drache

Dimitri saß vor seiner kleinen Höhle und sah mit glasigem Blick traurig in die Ferne. Die Zeit der Drachen war lange vorbei. Seit einer Ewigkeit hatte er keinen seiner Artgenossen zu Gesicht bekommen.
»Ich muss der letzte Drache auf dieser Welt sein.«
Eine Träne drückte sich aus seinem Augenwinkel und kullerte die Wange herab.
Diese Trauer machte Dimitri wütend. Er stand auf und spuckte mit seinem Maul eine kleine Flamme in die Luft.
»Ich darf mich nicht mehr in dieser Höhle verstecken. Sonst wird meine Art irgendwann vergessen sein. Das darf nicht passieren. Ich werde in die Welt hinaus ziehen.«
Ein fest entschlossenes Feuer entrann seiner Kehle. Dann machte sich der Drache auf den Weg.

Schon ein paar Tage später kam er in einem Menschendorf an.
»Hier gefällt es mir.«, sagte er zu sich selbst.
»Hier werde ich mein Leben von nun an verbringen.«
Doch sollte er diesen Entschluss schnell bereuen. Er stellte fest, dass es alles andere als einfach war, unter Menschen zu sein, denn schon am nächsten Tag quälte ihn großer Hunger.
»Ich brauche etwas zu essen.«, bat er jeden, der ihm über den Weg lief.
Aber es wollte ihm niemand helfen. Er wurde sogar noch beschimpft.
»Geh arbeiten!«, riefen die einen.
»Für’s Faulsein gibt es auch kein Essen.« sagten die anderen.
Mit so viel Unfreundlichkeiten hatte er gar nicht gerechnet. Das machte ihn so traurig, dass sogar seine Flamme darunter litt und ganz klein wurde.
»Wenn du für mich arbeitest, bekommst du von mir ein Dach über den Kopf und genug zu Essen.«, flüsterte ein Mann aus einer schattigen Tür heraus.
Dimitri kam dieser Mann sehr seltsam vor, trotzdem wurde er neugierig und ging langsam in das Haus hinein.
Er stand im Innern einer großen Schmiede. Hier wurden Schilde, Schwerter und Hufeisen geschmiedet.
»Für meine Arbeit brauche ich ein richtig heißes Feuer. Allerdings sind gute Kohlen teuer geworden. Heize mit deiner Drachenflamme das Eisen an, dann werde ich dich gut entlohnen.«, versprach der Schmied.
Der kleine Drache freute sich sehr. Nun musste er doch nicht hungern. Spontan spie er eine Feuerkugel zur Decke.
»Vorsicht«, warnte der Schmied. »Brenn mir nicht das Haus ab.«

In den nächsten Wochen und Monaten arbeitete Dimitri so hart, wie es nur ging. Durch die Drachenflamme schuf der Schmied Waffen, die mit keinen anderen vergleichbar waren. Aus dem ganzen Land kamen Bestellungen und die Auftragsbücher füllten sich immer mehr.
Der Schmied wurde täglich reicher, doch für Dimitri gab es immer nur ein kleines Stückchen Brot.
»Das muss für dich reichen. Mehr hast du nicht verdient. Du arbeitest einfach nicht hart genug.«, bekam er immer wieder zu hören.
Der kleine Drache tat, was er nur konnte. Immer wieder spuckte er seine Flamme auf Schwerter und Schilde. Doch der Schmied war nie zufrieden.
»Ich brauche mehr Feuer. Los, noch eine Flamme. Mach schon.«
Und wieder kam eine brennende Wolke aus dem Drachenmaul.
»Wie soll ich denn gute Arbeit abliefern, wenn du nicht machst, was ich dir sage?«
Der Schmied schlug wütend mit seinem großen Hammer donnernd auf den Amboss.
»Ich brauche Feuer.«
Dimitri spuckte es auf das Eisen.«
»Mehr, ich brauche mehr.«
Immer und immer wieder ließ der Drache seine Flamme auf die Schwerter nieder gehen. Das war so anstrengend, dass ihm immer öfters der Bauch weh tat.
»Ach, wäre ich doch bloß in meiner Höhle geblieben. Dort würde ich mich wenigstens wohl fühlen.«
In diesem Moment öffnete sich die Tür und mehrere Personen kamen herein. Sie waren alle in dunkle Umhänge mit großen Kapuzen gekleidet.
»Lass den Drachen gehen. Er hat genug bei dir gelitten. Lass ihn ziehen, sonst wird es dir Leid tun.«, befahl die Stimme einer Frau.
Der Schmied lachte nur und hielt sich dabei den Bauch.
»Er ist mein Drache.«, sagte er schließlich.
»Er wird mir für immer helfen, meine Eisen zu schmieden. Ich werde ihn nie ziehen lassen.«
In diesem Moment zogen die Verkleideten ihre Kapuzen zurück. Darunter kamen die Köpfe von Drachen zum Vorschein.
»Du lässt ihn gehen.«, befahl die Drachenfrau ein weiteres Mal. »Wenn du nicht auf uns hörst, werden wir dein Haus niederbrennen.«
Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, spuckte sie eine kleine Flamme auf einen an der Wand hängenden Mantel, der innerhalb weniger Sekunden spurlos verbrannte.
Der Schmied bekam es mit der Angst zu tun. Er ließ seinen Hammer fallen und flüchtete, so schnell er konnte, durch den Hinterausgang und wurde von da an nie wieder gesehen.
Dimitri konnte sein Glück noch gar nicht glauben. Er war doch nicht der letzte Drache der Welt.
»Du kannst jetzt mit uns kommen.«
Die Drachenfrau reichte ihm die Hand und führte ihn nach draußen auf die Straße. Dort warteten bereits eine große Menge Drachen auf ihn.
»Wir sind auf dem Weg in ein neues Land, in dem wir unter uns sein werden. Nach und nach holen wir alle Drachen zusammen und befreien sie aus ihrer Gefangenschaft bei den Menschen.«
Dimitri war froh, dass sein Leben nun endlich erfüllt sein würde. Zur Feier des Tages spie er die größte Flamme seines Lebens gen Himmel und die anderen Drachen taten es ihm gleich.

(c) 2009, Marco Wittler

Die erste Geschichte von Dimitri befindet sich hier. Eine Weitere findest du auf dieser Seite.

211. Von Piraten entführt

Von Piraten entführt

Dimitri saß in seiner Kajüte und freute sich. Noch vor ein paar Stunden war er kein richtiger Drache mehr gewesen. Er hatte Wasser getrunken und sein Drachenfeuer gelöscht. Erst nach einer langen Fahrt nach Feuerland, hatte er es wieder entflammen können. Nun war er wieder auf dem Weg nach Hause.
»Meine Freunde werden mir das alles nicht glauben, wenn ich ihnen davon erzählte.«, redete er vor sich hin.
»Welcher kleine Drache fährt schon allein mit einem Schiff voller menschlicher Seemänner zur Insel, von der wir alle stammen?«
Sie würden große Augen machen, dachte er sich. Sein Erlebnis war ja auch sehr beeindruckend gewesen.
In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und der Kapitän kam herein.
»Es ist etwas Schreckliches geschehen. Piraten greifen uns an. Bleib hier und lass niemanden herein, bis sich die Lage wieder beruhigt hat.«
»Piraten?«, ging es Dimitri durch den Kopf.
»Aber was wollen die denn von uns?«

Inzwischen wurde es an Deck hektisch. Die Seeleute rissen die Segel hin und her, der Steuermann fuhr im Zickzack und versuchte, das Piratenschiff abzuschütteln. Es gelang ihm aber nicht. Mit jeder Minute kamen die Banditen des Meeres näher heran.
Aus einer weiteren Kajüte kam nun ein wütender Drache hervor gestürmt. Es war Dimitris Mutter. Sie wollte unbedingt ihren Sohn und das Menschenschiff beschützen.
Sofort begann der Pirat im Ausguck zu schreien.
»Ein Drache. Sie haben einen Drachen an Bord.«
Der Piratenkapitän holte sein Fernrohr aus der Tasche und sah sich.
»Tatsächlich. Schau an, was wir da gefunden haben. Dann waren die Gerüchte in den Spelunken doch nicht erfunden.«
Er drehte sich zu seiner Mannschaft um und bellte ein paar Befehle.
»Macht euch bereit zum Entern. Was mit der Mannschaft geschieht, ist mir egal. Aber krümmt dem Drachen keine Schuppe. Ich will ihn unversehrt. Wir haben das lange genug geübt.«
Schon rummste es. Die beiden Schiffe berührten sich. Die Piraten banden sie mit Seilen zusammen und sprangen mit ihren Säbeln, Schwertern und Pistolen an Bord.
Die Seeleute hatten keine Waffen, um sich zu verteidigen. Also gingen sie den Banditen aus dem Weg. Der Drache würde es schon richten. Und so geschah es auch.
Dimitris Mutter ging mit festem Schritt auf die Banditen los.
»Was wagt ihr euch? Glaubt ihr ernsthaft, dass ihr uns überfallen könnt und ungestraft davon kommt? Mit meinem Feuer werde ich euch wieder vertreiben.«
Sie riss ihr Maul auf und spuckte eine große Flamme aus. Dch die Piraten waren darauf vorbereitet. Hinter ihren Rücken holten sie metallene Schilde hervor, hinter denen sie sich versteckten. Schritt für Schritt kamen sie näher, bis einer von ihnen mit einem Schlauch eine große Menge Wasser auf den Drachen spritzte und das Feuer löschte.
Dimitris Mutter war wehrlos. Die Piraten stürzten sich auf sie und fesselten ihre Füße. Nur Minuten später hatten sie den Drachen auf ihr Schiff gebracht und im Laderaum verstaut.
»Und das ihr nicht auf die Idee kommt uns zu folgen. Es würde euch nicht gut ergehen.«, rief der Piratenkapitän, als er einen neuen Kurs einschlug. Mit lautem Lachen steuerte er sein Schiff in eine Nebelbank und verschwand.

Die Tür öffnete sich und der Kapitän kam herein.
»Dimitri, es ist etwas Schreckliches geschehen. Piraten haben deine Mutter entführt.«
Der kleine Drache war wie elektrisiert. Wie konnten es diese Übeltäter wagen? Einen Drachen durfte man nicht entführen. Das würde auf keinen Fall ungestraft bleiben.
Er stürmte sofort an Deck.
»Wir müssen ihnen folgen.«, bat er die Seeleute.
Doch diese hatten viel zu viel Angst.
»Wir dürfen den Piraten nicht folgen. Wenn sie uns sehen, werden sie mit ihren Kanonen auf uns schießen und unser Schiff versenken. Wir haben einfach keine Chance.«
Doch damit wollte sich Dimitri nicht zufrieden geben. Er sprang in eines der Rettungsboote, brannte mit seiner Flamme die Befestigungsseile durch und plumpste auf das Meer.
»Ich werde ihnen folgen.«
Nur wenige Augenblicke später verschwand auch er im dichten Nebel.
»Wenn das nur gut ausgeht.«, flüsterte der Kapitän ängstlich.

Wie orientiert man sich eigentlich im Nebel?
Die Piraten fuhren ihre Strecke aus reiner Gewohnheit. Sie kannten die Gewässer besser als ihre Westentasche. Niemand würde ihnen folgen können.
Bis auf einen kleinen Drachen. Dimitri ruderte ihnen nach. Seine feine Nase lenkte ihn auf den richtigen Weg. Er konnte genau riechen, in welcher Richtung seine Mutter sich befand. Mit jedem Ruderschlag kam er dem Piratenschiff näher.
Schon eine Stunde später sah er es vor sich.
»Ich bin mal gespannt, wie überrascht eure Gesichter aussehen werden, wenn ihr mich entdeckt.«
Der kleine Drache fuhr einmal um die Banditen herum, bis er eine Stelle im Schiffsrumpf entdeckte, hinter der es still war. Leise brannte er ein Loch in das Holz und schlüpfte anschließend in das Schiff.
Wie durch einen Zufall war er in einem Laderaum gelandet. Vor sich sah er den gefährlichen Wasserschlauch, der Drachenfeuer löschen konnte. Ohne lange darüber nachzudenken, warf er ihn über Bord und zerstörte jeden Eimer, den er finden konnte.
»Wenn ihr nichts zu löschen habt, werdet ihr mich auch nicht besiegen können.«
Er kam unbemerkt durch das Schiff. Niemand sah oder hörte ihn. Erst, als er an Deck kam und es für die Piraten zu spät war, entdeckten sie ihn.
»Kapitän, es ist noch ein Drache an Bord, und er läuft frei herum.«
Die Piraten bekamen Angst. Sie hatten ihre Feuerschilde im Innern des Schiffes verstaut und kamen nun nicht an sie heran. Dimitri kam das nur gelegen. Er spuckte wie wild sein Feuer in jede Richtung. Dabei lief er langsam auf den Piratenkapitän zu.
»Lass meine Mutter frei, dann wird euch nichts geschehen. Ansonsten versenke ich noch heute euer Schiff.«
Die Banditen wollten sich aber nicht darauf einlassen. Schließlich konnten sie mit einem Drachen an Bord jedes andere Schiff besiegen.
»Also gut.«, sagte der kleine Drache genervt.
»Ihr habt es ja nicht anders gewollt.«
Plötzlich stürmte er über das Deck, vertrieb einen Banditen nach dem anderen und packte den Piratenkapitän am Arm. Mit einem kleinen Hüsteln machte er diesem nun Feuer unter dem Hintern.
»Um Himmels Willen. Ich werde machen, was du mit befiehlst, aber bitte lass mich leben.«
Dimitri lachte leise in sich hinein. Er hätte niemals einem Menschen etwas antun können.
»Dann lass nun meine Mutter frei. Anschließend wirst du mit deinen Männern dieses Schiff verlassen.«, sagte er mit ernster Stimme.
Der Piratenkapitän nickte stumm. Zitternd ging er auf seine Männer zu und wies sie an, in die Rettungsboote zu steigen. Anschließend öffnete er den Laderaum, ließ die Gefangene frei und verschwand dann auch von Bord.
»Mein geliebter Dimitri.«, sprach die Drachenmutter.
»Du hast mich wirklich befreit. Du bist wirklich mutig gewesen, dich mit so vielen Piraten anzulegen.«
Dem kleinen Drachen wurde es warm ums Herz. War er etwa gerade zu einem Helden geworden?
Schnell stellte er sich hinter das Steuerrad des Schiffes, setzte sich den Hut des Kapitäns auf den Kopf und übernahm das Kommando.
»Wenn du nichts dagegen hast, werde ich uns nun nach Hause bringen.«
»Nichts lieber als das.«, freute sich seine Mutter. Ihre Freude war sogar so groß, dass sich augenblicklich ihr Feuer wieder entzündete.

(c) 2009, Marco Wittler

Der erste Teil dieser Geschichte befindet sich hier.

117. Ein Besuch bei der Feuerwehr (Tommis Tagebuch 6)

Ein Besuch bei der Feuerwehr

Hallo liebes Tagebuch. Ich bin es der Tommi.
Es war ein unglaublicher Tag. Wir sind heute Nachmittag mit der Kindergruppe weg gefahren. Es wollte uns aber niemand verraten, wo es hin gehen sollte. Erst am Ziel sahen wir die große Feuerwache unserer Stadt vor uns.
»Wir besichtigen heute die Feuerwehr.«, sagte unser Gruppenleiter.
Und schon waren wir alle mächtig aufgeregt. So etwas Tolles bekamen wir nicht jeden Tag geboten. Ich stellte mir schon vor, im Feuerwehrauto zu sitzen und mit Blaulicht und Sirene durch die Straßen zu fahren.
An der Eingangstür erwartete uns schon ein Feuerwehrmann. Jedenfalls behauptete er einer zu sein. Aber er trug gar keine Uniform, sondern nur eine dunkle Hose und ein T-Shirt, auf dem ›städtische Feuerwehr‹ stand.
Das fanden wir doch sehr seltsam und fragten gleich nach, wo denn seine richtigen Sachen seien. Da erfuhren wir, dass die großen und schweren Uniformen nur während eines Einsatzes getragen werden. Für den normalen Arbeitsalltag in der Feuerwache wäre sie viel zu warm und zu schwer.
Zuerst führte er uns durch unzählige Räume, die wie kleine Werkstätten aussahen. In jedem von ihnen standen Männer herum, die irgendwelche Sachen reparierten. Das war natürlich alles andere als spannend.
»Löscht ihr denn gar kein Feuer oder rettet Katzen, die auf Bäumen fest sitzen?«, fragte ich.
Der Feuerwehrmann musste lachen.
»Doch natürlich. Aber es gibt nicht immer rund um die Uhr etwas zu tun. In der Zwischenzeit reparieren und überprüfen wir unsere Ausrüstung, damit im Ernstfall alles richtig funktioniert und es für uns nicht zu gefährlich wird.«
Das leuchtete mir natürlich ein und ich gab mich zufrieden.
Zwischendurch musste ich immer wieder gähnen, weil es mir so gar keinen Spaß machte. Nach den Werkstätten kamen die Schlafräume dran. Dummerweise öffnete der Feuerwehrmann eine falsche Tür. Vor einem der Betten stand einer seiner Kollegen. Er war nur mit einer Unterhose bekleidet und wollte gerade unter die Dusche gehen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lustig das war. Später sahen wir dann noch die Küche und einen Freizeitraum mit Fernseher und Tischtennisplatte.
»Das gibt es doch auch alles in einer stinknormalen Jugendherberge.«, maulte Niklas.
»Wir wollen endlich etwas Spannendes sehen.«
Der Feuerwehrmann überlegte und bat uns, während wir weiter gingen, im nächsten Raum ganz still zu sein und nichts zu berühren. Als er dann schließlich eine Tür öffnete sahen wir die Zentrale vor uns. Leise gingen wir hinein und stellten uns in einem Halbkreis auf, damit jeder etwas sehen konnte.
Vor uns stand ein riesiger Tisch. Er war mehrere Meter lang und war voll gestopft mit Computern, Telefonen, Monitoren und, Knöpfen und Tasten. Es sah aus wie auf der Brücke eines Raumschiffs.
»Das hier ist die Feuerzentrale. Der Kollege hier nimmt alle Anrufe entgegen und leitet dann die entsprechenden Maßnahmen ein. Er informiert die zuständigen Feuerwehrleute und gibt ihnen den Einsatzbefehl.«
Man mag ja gar nicht glauben, was die Feuerwehr so alles zu erledigen hat. Sie löschen nicht nur Feuer. Sie pumpen Wasser aus Kellern, wenn es zu stark geregnet hat. Nach einem Sturm erledigen sie die Aufräumarbeiten auf den Straßen, wenn Bäume umgefallen sind. Naja, und Katzen holen sie auch noch aus den Bäumen, wenn genug Zeit bleibt. Ein paar der Männer haben aber eine ganz andere Aufgabe. Sie fahren mit dem Notarztwagen und dem Rettungswagen und retten kranke und verletzte Menschen. Das habe ich gar nicht gewusst.
Zu gern hätte ich ja mal den einen oder anderen Knopf auf dem Tisch gedrückt, aber das war leider verboten.
Zuletzt gingen wir eine Etage tiefer. Wir durften nun in die Garage und uns ein paar Wagen anschauen. Schon dachten wir, jetzt würde es richtig langweilig werden. Autos kennen wir doch eh alle von der Straße. Und etwas anderes fährt auch ein Feuerwehrmann nicht. Aber da lagen wir dann doch richtig falsch.
In der großen Garage standen die Rettungswagen, einer neben dem anderen. Der Feuerwehrmann öffnete einen und stieg hinein, während wir vor der Tür standen und hinein sahen. Er erklärte uns alle Geräte und probierte mit uns sogar ein paar aus. Er klemmte uns uns alle nacheinander an eine Maschine an, die den Puls und den Herzschlag misst. Das war richtig aufregend. Aber der ganz große Höhepunkt war das noch immer nicht.
Durch eine Tür kamen wir in eine zweite Garage. Dort standen nun endlich die Feuerwehrautos, vom ganz großen, mit der Leiter oben drauf, bis zum ganz kleinen. Der Kleine war ein Trabbi, der hin und wieder zu den Grundschulen fährt und allen Kindern zeigt, wie man Brände verhindert oder löscht. Aber wir hatten nur Augen für die wirklich großen Fahrzeuge.
Leider durften wir nicht auf die Leiter klettern. Das wäre zu gefährlich gewesen. Aber dafür durften wir mal hinter die eine und mal hinter die andere Tür schauen. Überall waren große schwere Geräte verstaut, mit denen man alles Mögliche machen konnte. Wofür sie aber nun gedacht waren, habe ich schon wieder vergessen, denn ich dachte nur noch daran, einmal in meinem Leben am Steuer eines Feuerwehrautos sitzen und es fahren zu dürfen.
Nach zwei Stunden war die Führung durch die Feuerwache vorbei und es wurde Zeit nach Hause zu fahren. Aber ich wollte unbedingt noch einmal einen Blick auf das ganz große Fahrzeug werfen. Ich schlich mich zurück in die Garage und bestaunte es ein zweites Mal.
In diesem Moment läutete eine Glocke und eine Sirene begann zu heulen. Ein Feueralarm war ausgelöst worden. Ich bekam Angst, dass mich nun jemand in der Garage erwischen würde. Da ich kein anderes Versteck fand, kletterte ich schnell in das Feuerwehrauto und versteckte mich hinter einem Berg Jacken, als auch schon die ersten Männer herein gestürmt kamen. Sie hatten ihre Uniformen an, bestiegen die Fahrzeuge und fuhren zu ihrem Einsatzort. Und ich war nun leider mit dabei.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis wir wieder anhielten. Die Feuerwehrmänner stiegen aus und bereiteten sich auf ihren Einsatz vor. Ich sah vorsichtig nach draußen und sah ein brennendes Haus. Aus allen Fenstern kamen große Flammen heraus.
Der Löschtrupp verteilte sich an der ganzen Straße entlang und begann mit großen Schläuchen Wasser und Schaum in das Haus zu spritzen.
Plötzlich sah ich an der Seite des Hauses zwei Kinder aus einem der Fenster heraus schauen. Sie winkten und schrien vor Angst, aber niemand sah oder hörte sie. Ich war der Einzige, der wusste, dass sie dort oben waren.
Ich kletterte sofort nach vorn auf den Fahrersitz, schnappte mir das Funkgerät und sprach hinein, in der Hoffnung, dass mir jemand zuhören würde.
Sofort sah ich, dass sich die Feuerwehrmänner zu mir umdrehten. Sie hatten mich entdeckt. Einer von ihnen kam herüber, öffnete die Tür und wollte mich heraus holen.
»Du bist doch von der Kinderführung heute Nachmittag. Wie kommst du denn in unser Feuerwehrauto?«
Mir blieb gar nicht die Zeit, alles zu erklären, während er mich griff und heraus zog. Ich wehrte mich, zeigte immer wieder mit den Händen auf die beiden Kinder. Aber es dauerte, bis er begriff, was ich ihm zeigen wollte.
Vor Schreck hätte er mich beinahe fallen lassen. Er setzte mich zurück und rief sofort seinen Kollegen etwas zu. Gemeinsam holten sie ein großes Bettlaken hervor, spannten es zwischen sich auf und ließen die Kinder dort hinein springen. Sie waren gerettet und ich durfte den Rest der Löscharbeiten vom Feuerwehrauto aus anschauen.
Nachdem kein Feuer mehr brannte, brachten mich die Männer zurück zur Feuerwache. Ich hatte wohl eine Standpauke verdient. Die bekam ich auch. Aber danach dankten sie mir, dass ich so aufmerksam gewesen war, denn sonst hätten die beiden anderen Kinder nicht mehr rechtzeitig gerettet werden können. Sie ernannten mich zum Ehrenfeuerwehrmann auf Lebenszeit.
Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie stolz ich darauf bin. So eine Auszeichnung hat niemand anderes, den ich kenne.

Bis bald.
Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

062. Drachen

Drachen

Vor langer Zeit gab es ein kleines Dorf in einem kleinen, unentdeckten Tal. Es war umgeben von vielen Bergen, die so hoch waren, dass kein Wanderer sie zu überqueren vermochte.
Das Leben im Dorf war nicht sehr luxuriös, aber die Menschen fühlten sich wohl.
Doch eines Tages wurden diese kleine paradiesische Welt von einem schrecklichen Ereignis erschüttert.
Es war ein an einem Sommerabend, wie es viele in den Bergen gab. Die Sonne verschwand langsam hinter einer Bergkette und färbte den Himmel rot.
Doch statt des glitzernden Sternenmeeres tauchte ein Schatten am Himmel auf, welcher stundenlang seine Kreise über das Dorf zog.
Nur wenige Menschen hatten es gesehen, konnten sich allerdings nicht vorstellen, was dort über ihren Köpfen vor sich ging. Bis tief in der Nacht ein Haus lichterloh brannte.
Die Bewohner des Dorfes wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Sie wurden aus dem Schlaf gerissen, die Feuerwehr musste ausrücken, um das Feuer zu löschen, doch blieb nicht mehr viel übrig, was man retten konnte.
In der zweiten Nacht geschah es wieder. Ein dunkler Schatten kreiste durch den Himmel, bis spät in der Nacht ein Haus bis auf das Fundament nieder brannte.
Im kleinen Bergdorf machte sich die Angst breit. Man fürchtete sich vor dem flammenden Schatten. Würde er das ganze Dorf nach und nach zerstören?

Aaron saß am Rand einer Weide und lies sein Auge über die kleine Schafherde gleiten. Schon seit Tagen fürchete er um sein Leben. Aber er verrichtete trotzdem seine Arbeit. Die Bauern erwarteten dies von ihm und er hatte seine Aufgabe in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal vernachlässigt.
Immer wieder sah er zum Himmel hinauf. Waren die Schatten wieder da? Würde es bald wieder im Dorf brennen?
Doch der Himmel blieb klar und blau.
»Vielleicht ist es vorbei und die Schatten sind verschwunden.«
Jeder Mensch im Dorf hatte diese Hoffnung. Aber würde sie sich auch erfüllen?
Während Aaron nachdachte, bemerkte er nicht, dass sich ihm etwas näherte. Es warf einen großen und langen Schatten. Es bedeckte einen Teil des Himmels.
Plötzlich wurde es still. Der Wind blies nicht mehr, die Grillen verstummten. Es war nichts mehr zu hören.
Aaron schreckte aus seinen Tagträumen hoch und sah sich um. Der Schatten kam direkt auf ihn zu und landete vor ihm auf dem Boden.
Dem Hirten verschlug es die Sprache. Er wollte weg laufen, sich irgendwo versteckten, aber seine Beine versagten ihren Dienst. Sie bewegten sich nicht einen Zentimeter.
Aaron schloss seine Augen und erwartete das Schlimmste. Aber es geschah nichts.
Langsam öffnete der Hirte seine Augen und sah hinauf. Vor ihm saßen drei große Drachen, die gerade ihre Flügel auf ihrem Rücken zusammen falteten.
»Was wollt ihr von mir? Ihr versetzt unser Dorf in Angst und Schrecken, ihr verbrennt unsere Häuser und ihr wollt uns umbringen. Also warum wartet ihr noch und quält mich so? Bringt es endlich hinter euch.«
Die Drachen knickten in ihren Beinen ein und ließen sich auf ihre Bäuche nieder.
»Fürchte dich bitte nicht vor uns. Wir sind zu dir gekommen, um dich um Vergebung zu bitten.«
Aaron traute seinen Ohren nicht. Diese monströsen und gefährlichen Wesen schienen sich entschuldigen zu wollen.
»Wir sind auf der Flucht vor einer Welt, in der es für uns Drachen keinen Platz mehr gibt. Die Zukunft lässt sich nicht aufhalten. Es gibt nur noch wenige Prinzessinnen, die wir entführen könnten und fast keine tapferen Ritter, die gegen uns kämpfen wollen. Und das allerschlimmste ist, dass niemand mehr daran glaubt, dass es uns gibt. Man hält uns für ein Märchen.«
Die Drachen sahen traurig aus.
»Aber warum seid ihr dann zu uns gekommen?«
Aaron konnte noch immer nicht glauben, was er da gerade erlebte.
Schließlich erzählten ihm die Drachen, was sie in das Tal getrieben hatte.
»Wir sind auf der Suche nach einem Platz, wo wir in Ruhe leben können, wo wir niemandem zur Last fallen und uns niemand entdecken kann. Wir haben aus der Luft heraus euer kleines Dorf entdeckt und gesehen, dass von außen niemand hierher gelangen kann. Euer Tal ist genau der Ort, den wir gesucht haben. Allerdings war unsere Freude so enorm groß, dass wir unser Feuer nicht unter Kontrolle hatten. Es tut uns wirklich leid, dass wir zwei eurer Häuser verbrannt haben.«
Aaron hörte sich geduldig alles an, bis ihm schließlich eine Idee kam.

Einige Tage später gab es im Rathaus des Dorfes eine Versammlung. Der Bürgermeister stand ganz oben auf einer Treppe und sprach zu den Menschen, die gekommen waren.
»Meine lieben Freunde. Es ist an der Zeit, dass wir handeln müssen. Die fliegenden Schatten am Himmel werden wohl nie wieder verschwinden. Jeden Abend sehen wir sie und jeden Abend haben wir große Angst, dass weitere Häuser brennen.
Wir ihr mittlerweile schon erfahren habt, ist Aaron, der Hirte, seit einigen Tagen verschwunden. Seine Herde kam allein zurück ins Dorf. Doch von ihm fehlt jede Spur. Die Schatten werden ihn getötet haben.
Uns bleibt jetzt nur noch eine Möglichkeit. Wir müssen das Dorf verlassen und uns einen neuen Platz zum leben suchen.«
Es wurde still im Rathaus. Das die Lage schlimm war, wusste jeder. Doch nun würden die Menschen alles verlieren, was sie besaßen. Sie würden das gewohnte Leben, wie sie es kannten, beenden müssen.
Plötzlich wurden die großen Eingangstüren aufgestoßen und ein Mann, gekleidet in einem langen Mantel und einem tiefen Hut, kam herein. Er schritt mit langen Schritten durch die Menge und hinauf zum Bürgermeister, neben dem er Halt machte.
Er drehte sich zu den Leuten um, nahm den Hut ab und begann zu sprechen.
»Liebe Leute, die Zeit der Angst ist vorbei.«
Es war Aaron. Er war noch am Leben.
»Die Schatten, die euch seit Tagen ängstigen, sind große, feuerspuckende Drachen.«
Ein Raunen ging durch das Gebäude. Man hörte so manche leise Stimmen wimmern und weinen.
»Hört mich bitte an. Ihr kennt diese Wesen aus Legenden, Märchen und Geschichten. Ihr habt oft genug gehört, wie gefährlich sie sind und musstet am eigenen Leib erleben, was sie mit ihrem Feuer anrichten können. Doch damit ist nun Schluss.«
Ein Mann in der Menge begann zu jubeln, während einige Leute um ihn herum mit einstimmten.
»Aaron, der große Drachentöter, er hat uns von den Biestern befreit.«
Aaron musste lachen.
»Ganz so ist es nicht. Die Drachen leben. Aber sie sind weder Biester noch Monster. In Wahrheit sind sie sogar sehr nett und haben sich bei mir für ihre Taten entschuldigt.«
Der Hirte erklärte nun ganz genau, was ihm vor einigen Tagen auf der Weide widerfahren war.
»Sie werden von nun an bei uns leben. Sie werden unser kleines Tal mit uns teilen und darauf achten, dass uns niemand hier oben stört. Unsere Berge sind zwar sehr schwer zu erklimmen, aber es ist nicht unmöglich. Eines Tages würden andere Menschen hierher finden und alles verändern, was wir hier erschaffen haben. Doch davor müssen wir uns nie wieder fürchten. Wir haben nun ein paar mächtige Freunde, die über uns wachen.«
Die Menschen im Rathaus wussten nicht, was sie von dieser Nachricht halten sollten. Es klang ihnen nach einer Falle, nach einem großen Schwindel. Aber hatten sie denn eine andere Wahl?
Sie warteten einfach die Zeit ab.

Jahre später saßen der Bürgermeister und der Hirte Aaron gemeinsam in ihrem Liegestühlen vor dem Rathaus. In der Ferne ging die Sonne unter und die drei Drachen zogen ihre Kreise über die Berge.
»Weißt du was, Aaron? Damals hätte ich nie gedacht, dass wir mit Drachen so friedlich zusammen leben könnten. Aber nun ist es Wirklichkeit geworden. Und ich muss ehrlich sagen, dass es eine Wohltat ist, dass sie uns viel Arbeit abgenommen haben. Sie befreien im Winter unsere Straßen vom Schnee und wir müssen, dank ihres Feuers nicht mehr so viel Holz zum Heizen heran schaffen. Und unsere einzige Gegenleistung ist es, dass sie bei uns leben dürfen. Das war wahrlich die beste Entscheidung für unser Dorf, die wir je getroffen haben. Wir alle haben dir viel zu verdanken.«
Er stand auf, klopfte dem Hirten auf die Schulter und machte noch einen kleinen Spaziergang, um den Sonnenuntergang bis zum Ende genießen zu können.

(c) 2007, Marco Wittler

029. Bronti und der Drache

Bronti und der Drache

Vor langer Zeit, als die Menschen die Erde noch nicht für sich erobert hatten, lebten auf ihr die Dinosaurier. Ihr Leben war gar nicht so anders, als später das unsrige. Aber dafür sahen sie ganz anders aus. Vom Äußeren glichen sie den heutigen Eidechsen und Krokodilen, denn auch sie waren Reptilien. Es gab sie sogar in vielen verschiedenen Größen und Formen. Manche waren so klein, dass du sie ganz locker in einer Handtasche verstecken könntest, andere wiederum so riesig, dass sie so gerade eben in einer Turnhalle Platz fänden. Und weil die Haut von jedem eine ganz andere Farbe, als die seiner Artgenossen hatte, gab es keine zwei Dinos, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen.
Auch, wenn es sich nun so anhört, als wäre ein Zusammenleben zwischen so verschiedenen Sauriern sehr schwierig und voller Probleme, funktionierte der Alltag viel besser als heute bei uns. Busse, Straßenbahnen und Züge gab es in unterschiedlichen Größen und neben riesigen Gebäuden, in denen zwei Dinos lebten, standen kleine Häuser, in denen gleich hundert andere Platz fanden. Nur auf den Straßen musste man aufpassen, dass man als Kleinsaurier nicht von einem Riesen versehentlich zertreten wurde.
Einer von diesen sehr großen Exemplaren war Bronti. Er hatte große Säulenfüße wie ein Elefant, einen sehr langen Hals wie eine Giraffe, einen dickeren Bauch als ihn jeder Eisbär jemals haben konnte und einen Schwanz der länger war als jede Schlange, die in dieser Stadt lebte. Na ja, jedenfalls würde er irgendwann einmal einer von den ganz großen werden, denn im Moment war er noch ein Kind, aber trotzdem schon viel größer als die anderen aus seiner Schulklasse.
Das war auch der Grund, warum Bronti keine Freunde hatte. Alle anderen gingen ihm aus dem Weg. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Die fiesesten unter ihnen beschimpften ihn sogar als dicken fetten Tollpatsch. Beim Sport war es immer am Schlimmsten. Niemand wollte ihn in seine Mannschaft wählen. Selbst für die Position des Torwartes nahm ihn niemand, weil alle dachten, dass er alle Bälle beim Fangen sofort zum Platzen bringen würde. Und so verbrachte er jeden Tag ganz traurig und alleine.
Eines Tages war die ganze Stadt in heller Aufregung. Im nahen Wald hatte jemand einen Drachen gesehen. Nun muss man aber wissen, dass jeder Drachen kannte. Sie sahen riesig aus, hatten lange scharfe Zähne, zwei große Flügel auf dem Rücken. Aber kein einziger Saurier hatte jemals einen zu Gesicht bekommen. Man kannte sie nur aus Legenden und Geschichten, aber selbst die schlauesten Wissenschaftler und Forscher trauten sich nicht zu sagen, dass es keine Drachen gab. Es hätte ja doch einmal einer vorbei kommen und das Gegenteil beweisen können. Und nun schien es tatsächlich so weit zu sein. Es konnte nur noch wenige Tage dauern, bis das Ungetüm durch die Strassen wüten würde.
König Raptor lies sofort alle Wachtposten an der Mauer verdoppeln und versetzte seine Soldaten in Alarmbereitschaft. Der Drache sollte es erst gar nicht bis hinter die Stadtmauer schaffen. Doch das war leichter gesagt, als getan, denn schon am nächsten Morgen war es so weit.
Unter lautem Gebrüll und in einem heißen Flammenmeer gebadet, kam das Monstrum aus dem Wald. Die Wachtposten und Soldaten packte die Angst und sie alle Liefen nach Hause und versteckten sich unter ihren Betten. Nun war die Stadt schutzlos.
Der Drache ging Schritt für Schritt durch die langen Straßen. Immer wieder brüllte er umher um den Dinos Angst zu machen. Seine langen, scharfen Zähne glänzten bedrohlich. In der aufgehenden Sonne und mit seinem Feuer brannte er ein paar leer stehende Holzhütten nieder. Niemand traute sich, sich ihm in den Weg zu stellen. Jeder hatte Angst um sein Leben. Und so passierte es, dass das Ungetüm ungehindert bis in die Saurierschule kommen konnte.
Die Kinder und Lehrer hatten noch gar nichts von der drohenden Gefahr mitbekommen und waren sehr überrascht und erschreckt, als die brennende Eingangstür mit einem lauten Krachen aufflog und der Drache hinein stürmte.
Alle hatten große Angst, denn keiner wusste, was nun passieren würde.
Der Eindringling jedoch wusste genau, was er tat. Er schnappte sich eine ganze Schulklasse samt Lehrer und trieb sie vor sich her, direkt in die große Schwimmhalle hinein. Dort nahm er sie als Geiseln und verlangte die Tochter des Königs zur Frau, sonst würde er alle gefangenen Kinder auffressen.
Die kleine Prinzessin Stego erschrak, als sie davon erfuhr. Sie wollte auf keinen Fall einen so feurigen Ehemann haben. Genauso dachte auch der König. Doch blieb ihm keine andere Wahl, als sein geliebtes Töchterchen gegen das Leben der vielen Kinder einzutauschen.
Während die jedoch auf dem Weg zur Schule waren, passierte etwas völlig Unvorhergesehenes und der Schwimmhalle.
Einer von den Gefangenen war Bronti. Er hatte nicht ganz so viel Angst vor dem Drachen, denn er wurde auch hier die ganze Zeit von seinen Mitschülern geärgert und beschimpft. Sie sagten, dass er bestimmt der erste wäre, der gefressen würde, weil er so dich und fett wäre, genau das Richtige für einen hungrigen Drachen. Aber Bronti wollte nicht als Frühstück enden. Deswegen versteckte er sich ganz oben auf dem Sprungturm, als das Monstrum gerade aus dem Fenster sah, um nach der Prinzessin Ausschau zu halten.
Als er sich dann wieder umdrehte, brüllte er ganz laut, weil seine zukünftige Braut noch immer nicht da war und er nun stattdessen das erste Kind fressen wollte. Er lies seine riesigen Zähne aufblitzen und packte sich einen kleinen Saurier, der vor ihm am Boden saß und weinte.
Doch kurz bevor dieser gefressen wurde, packte Bronti all seinen Mut zusammen und machte einen Hüpfer nach unten. Mit einem kräftigen Bauchklatscher landete er im Schwimmbecken. Dabei spritzte so viel Wasser hoch, dass alle Dinos und auch der Drache nass wurden.
Die Saurier mussten sich nur das Wasser abschütteln, doch das Ungetüm hatte es viel schlimmer getroffen. Denn auf einmal ging sein Feuer nicht mehr an. Es war durch Brontis Idee gelöscht worden. Als Nächstes fielen ihm seine vielen Zähne heraus, welche gar nicht wirklich echt gewesen waren. Dahinter kamen zwei ganz kleine Saurier zum Vorschein, die ein nassen Päckchen Streichhölzer in den Händen hielten. Es war alles nur ein ganz gemeiner Trick gewesen. Zum Schluss fielen noch die durchweichten Flügel vom Rücken, die nur aus Pappe bestanden.
Nun konnte jeder sehen, wer sich da verkleidet hatte. Es war ein uralter Tyrannosaurus Rex, ein alter Mann, den sie alle kannten und der immer nur schlimme Sachen im Kopf hatte. Doch diesmal war es wirklich sehr böse gewesen.
Der König, der mittlerweile auch eingetroffen war, lies den Übeltäter sofort festnehmen und einsperren. Die Prinzessin war so glücklich, dass sie nun nicht mehr heiraten brauchte, dass sie Bronti als Helden des Landes bezeichnete und ihm einen dicken Kuss auf die Wange gab.
Und Bronti selber brauchte sich nun nicht mehr darum kümmern, von allen beschimpft oder ausgelacht zu werden. Von nun an war er ein Held und alle anderen in der Schule wollten seine Freunde sein.

 (c) 2005, Marco Wittler

003. Der kleine Drache Dimitri

Der kleine Drache Dimitri

Es war einmal vor langer Zeit im Land der Vulkane. Dort lebte der kleine Drache Dimitri.
Eines Tages ging Dimitri durch ein kleines Vulkanfeld. Er war vorher noch nie dort gewesen, denn es befand sich an der Grenze zum Land der Menschen. Er freute sich, weil es warm war und überall nach Schwefel roch, so wie er es liebte. Als er an einem kleinen See ankam wunderte er sich sehr, denn er hatte noch nie zuvor Wasser gesehen, denn normalerweise ist es im Land der Vulkane so heiß, dass alles Wasser sofort verdunstet. Er kam dem See vorsichtig näher und blickte hinein. Auf der Wasseroberfläche konnte er sich selbst sehen und dachte erst, dort würde ein großer Spiegel auf dem Boden liegen, aber das konnte nicht sein, denn die Oberfläche bewegte sich.
Plötzlich hörte er ein Geräusch. Jemand kam näher. Da Dimitri nicht wusste was er jetzt machen sollte, versteckte er sich hinter einem Felsen. Es waren Schritte zu hören, und sie kamen eindeutig auf ihn zu.
Aber was war das? Da kam ein sehr ungewöhnlicher Drache auf ihn zu. Er sah noch nicht mal wie ein richtiger Drache aus. Er hatte zwar auch vier Beine wie Dimitri, aber er lief aufrecht. Seine Haut war rosa, und auf dem Kopf wuchsen jede Menge schwarze Pflanzen. Nein, das konnte kein Drache sein – aber was war es dann? Der kleine Drache wurde neugierig und beobachtete weiter.
Das Wesen machte am See Halt. Es setzte sich direkt ans Ufer und ließ seine Hand in das Wasser gleiten. Bis zum Rand gefüllt nahm es sie wieder hoch und trank daraus.
»Oh, das kann man trinken. Ob das durchsichtige Lava ist?«, murmelte Dimitri.
Das Wesen hatte nun genug getrunken, denn es stand auf und setzte seinen Weg fort. Nun ging Dimitri langsam und vorsichtig auf den See zu. Seine Neugierde wurde mit jedem Schritt größer. Er bückte sich. Vorsichtig berührte er das Wasser.
»Brrr. Das ist kalt. Wie kann man das nur trinken. Unsere Lava ist viel heißer.«
Es fuhr ihm kalt den Rücken herunter. Das war ein seltsames Gefühl, welches er noch nie erlebt hatte. Dimitri beugte sich weit hinunter und trank einen Schluck. Dieses Mal spürte er nichts, aber dafür kam ein weißes Rauchwölkchen aus seinem Mund.
»Oh, das ist aber lustig. Das ist mir noch nie passiert.«
Es machte ihm Spaß dem Wölkchen hinterher zu sehen. Aber weil es so klein war, verschwand es sehr schnell. Deswegen nahm er einen weiteren Schluck, diesmal einen viel größeren. Er konnte es beim Trinken zischen hören. Schon kam auch eine neue, größere Wolke hervor. Ihr konnte man lange hinterher sehen.
Doch dann wurde es Zeit für den Heimweg.
Am nächsten Morgen wollte Dimitri das Licht anmachen. Er holte tief Luft und spukte sein Drachenfeuer auf eine Kerze. Aber, oh Schreck, wo war sein Feuer geblieben? Es kam nur ein kleines weißes Wölkchen aus seinem Mund.
Was war denn nur passiert? Ohne Drachenfeuer war er doch kein richtiger Drache mehr. Alle Kinder im Kindergarten würden ihn bestimmt auslachen. Dimitri rannte sofort durch das dunkle Zimmer, lief dabei gegen einen Stuhl und einen Tisch. Schließlich fand er endlich die Tür. Er öffnete sie und lief in die Küche.
Tränen rannen aus seinen Augen. Es dauerte ein paar Minuten, bis das Schluchzen verschwand und er wieder reden konnte. Seine Mutter ihn in den Arm, streichelte über seine Wange und tröstete ihn. Da sie aber auch keinen Rat wusste, brachte sie ihn zum Drachendoktor.
Der Doktor sah seinem kleinen Patienten tief in den Mund und suchte nach dem Problem, doch konnte er dort nichts finden. Genau das war das Problem. Denn ganz tief im Bauch eines Drachen brennt sein Feuer. Es leuchtet so hell, dass man es immer sehen kann, wenn man tief in den Rachen schaut. Doch bei Dimitri brannte nichts.
»Dein Drachenfeuer ist erloschen.«, sagte der Doktor.
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das passieren konnte. Das Feuer erlischt nur, wenn ein Drache eine sehr seltene und schwere Krankheit hat, aber du bist kerngesund. Weil das so selten passiert, haben wir hier auch keine Möglichkeit es zu heilen. Ich kenne nur ein Mittel um es wieder zu entzünden. Besorgen lässt es sich nicht. Du musst eine weite Reise nach Feuerland antreten.«
Dimitri war noch nie verreist, schon gar nicht weg vom Land der Vulkane. Er bekam große Augen und noch größere Ohren, als er den Doktor von der Reise erzählen hörte.
Zu Hause packte er dann mit seiner Mutter die Reisetasche.
Am nächsten Morgen war es dann soweit. Dimitri stand vor der Haustür und verabschiedete sich von seiner Mutter. Nach Feuerland musste er ohne sie reisen.
Auch wenn der kleine Drache noch zum Kindergarten ging, durfte er allein reisen, denn Kindergartendrachen sind schon viel älter als Kindergartenkinder.
Dimitri sagte seiner Mutter Lebewohl und machte sich auf den Weg. Er wusste, dass er bald das Land der Menschen erreichen würde. Das machte ihn neugierig, denn er hatte nie zuvor einen Menschen gesehen.
Doch dann sah er sie viel schneller als er es sich gedacht hatte, denn die nächste Stadt war nicht weit entfernt. Als er die Straßen betrat begegneten ihm sehr viele Menschen. Er hatte nicht gewusst, dass es überhaupt so viele von ihnen gab. Dimitri war sehr erstaunt, denn nun wusste er, dass er am See einen von ihnen beobachtet hatte.
Der kleine Drache ging auf eine kleine Gruppe zu und fragte nach dem Weg zum Hafen.
Dort musste der kleine Drache staunen, denn am Meer war so viel Wasser wie er sich nicht hätte vorstellen können.
Er ging direkt zum ersten Schiff und fragte den Kapitän, ob er ihn nach Feuerland mitnehmen könne. Doch dieser sah Dimitri nur sehr misstrauisch an.
»Einen Drachen lasse ich nicht an Bord. Sonst brennt mir nachher die ganze Ladung ab und dazu mein schönes Schiff. Da wirst du dir einen anderen Dummen suchen müssen.«
Der kleine Drache konnte ihm nicht einmal erklären, dass sein Feuer nicht mehr brannte. Der Kapitän verschwand einfach im Innern seines Schiffes.
Die gleichen Antworten bekam er bei jedem weiteren Schiff. Dimitri setzte sich auf eine kleine Bank und blickte hinaus auf das weite Meer. Er dachte an seine Mutter und wünschte sich, nicht allein gegangen zu sein.
Der kleine Drache ahnte nicht, dass ihm seine Mutter den ganzen Weg gefolgt war. Denn eine Drachenmutter half ihrem Kind, wo sie nur konnte.
Sie ging ebenfalls am Hafen entlang und suchte für den kleinen Drachen das richtige Schiff aus. Und es dauerte nicht lange, da fand sie eins. Es war kleiner als alle anderen, auch war es nicht aus schönem Holz. Es war ein kleines Schiff aus rostigem Eisen und hieß „
Bunte Kuh‹. Der Kapitän empfing die Drachenmutter sehr freundlich und schon bald wurden sie sich einig. Er nahm sie an Bord. Die Drachenmutter versteckte sich im Laderaum, während der Seemann zu Dimitri hinüber ging. Er fragte den kleinen Drachen, warum er so traurig war. Also erzählte der kleine Drache von seinem Problem.
»Weißt du was? Mein Kahn ist zwar einer der Schäbigsten hier, denn er hat nicht mal halb soviel Glanz wie die anderen hier. Auch ist er nicht so groß und schnell, aber ich nehme dich gerne mit, denn so wie es der Zufall will, habe ich in meinem Laderaum eine ganz wichtige Fracht für Feuerland. Du musst mir nur verspreche, nie dort hinein zu gehen, weil sie sonst beschädigt werden könnte.«
Dimitri versprach es und ging an Bord.
Es war ein lange Fahrt nach Feuerland, und so manchen Sturm musste der kleine Drache über sich ergehen lassen. Er lernte während der langen Fahrt, wie man segelt, Knoten knotet und sich vorsichtig an Deck bewegt, ohne ins Wasser zu fallen.
Dann kam endlich der lang ersehnte Tag und Feuerland war am Horizont zu sehen. Jetzt wurde der kleine Drache ganz aufgeregt und konnte es kaum noch erwarten, ans Ufer zu kommen.
Der Kapitän legte am Hafen an und Dimitri sprang sofort an Land. Er machte sich auf die Suche nach seinem Feuer.
Seine Mutter schlich ihm nach und half, wo sie konnte.
Dimitri fragte jeden Drachen, dem er begegnete, wo er sein Feuer wieder anzünden könnte, aber alle lachten ihn aus. Ein Drache, der sein Feuer gelöscht hatte, das gäbe es doch gar nicht.
Traurig ging er zum Strand zurück, setzte sich auf einen großen Stein und weinte. Da trat jemand hinter ihn. »Hallo, kleiner Drachenjunge, warum weinst du?«
Die Stimme kam ihm sehr bekannt. Und sie gehörte der Person, die er so sehr vermisste. Dimitri drehte sich sofort um und sah in die großen Augen seiner Mutter. Sofort rannen ganz viele Freudentränen über die Wangen des kleinen Drachen. Er wollte ihr sagen, wie lieb er sie hatte, aber statt seiner Worte kam eine große Flamme aus seinem Mund. Das Drachenfeuer war wieder da.
Seine Mutter erklärte ihm, warum sein Feuer wieder brannte.
»Ich bin die ganze Zeit bei dir geblieben, mein geliebter Dimitri. Ich habe aufgepasst, dass dir nichts passiert. Ich wusste, wenn du vor Freude weinst, entflammt dein Feuer wieder. Das hat mir der Doktor gesagt, bevor wir nach Haue gingen. Dein Feuer hätte auch zu Hause wieder brennen können. Aber dort hättest du mich nicht so sehr vermisst wie hier. Deswegen hat er dich auf diese lange Reise geschickt.«
Überglücklich umarmte Dimitri seine Mutter und drückte sie fest an sich.
Dann gingen sie zusammen zurück zum Hafen und an Bord des kleinen Schiffes. Sie fuhren wieder nach Hause ins Land der Vulkane und waren glücklich, dass alles ein gutes Ende gefunden hatte.

(c) 2000, Marco Wittler

03a Der kleine Drache Dimitri 03b Der kleine Drache Dimitri 03c Der kleine Drache Dimitri