294. Weihnachtsbummel

Weihnachtsbummel

Es klingelte. Gleichzeitig begann Mamas Handtasche zu vibrieren.
»Da ruft dich jemand an.«, rief Melanie vom Rücksitz.
»Geh doch mal dran. Ist bestimmt wichtig.«
Mama fluchte vor sich hin.
»Geht jetzt nicht, ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren.«
Aber dann fuhr Mama doch noch an den Straßenrand und suchte nach ihrem Handy. Als sie es endlich gefunden hatte, legte der Anrufer auf.
»Hallo? Hallo? Dann eben nicht.«
Mama warf das Handy zurück und fuhr weiter.
Ein paar Minuten später klingelte es ein weiteres Mal. Doch nun wollte Mama sich nicht mehr stören lassen.
»Wir fahren jetzt einfach weiter.«

Ein paar Minuten später kamen sie in der Tiefgarage des Kaufhauses an. Mama zog ein Parkticket und suchte sich einen Stellplatz. Da klingelte schon wieder das Handy.
»Wer ist denn das ständig? Ich kann doch nicht dran gehen.«
Mama fühlte sich genervt. Schnell stellte sie das Auto ab und kramte ein weiteres Mal in der Handtasche. Und wieder war sie zu langsam.
»Verdammt. Wenn ich bloß wüsste, wer das ist. Da wird keine Nummer angezeigt. Ich kann nicht mal zurück rufen.«
Melanie kicherte, als sie aus ihrem Kindersitz kletterte.
Gemeinsam fuhren sie mit dem Aufzug zwei Etagen höher und kämpften sich anschließend durch die unzähligen Regale.
»Wie soll man denn hier schöne Weihnachtsgeschenke finden? Es ist hier alles so unübersichtlich. Da finde ich bestimmt nicht viel.«
Mama grummelte. So hatte sie sich ihren Samstag nicht vorgestellt. Überall waren Menschen, die nach Geschenken suchten. An den Kassen waren lange Schlangen und jeder Verkäufer musste mit fünf Kunden gleichzeitig reden.
»Kann mir mal jemand helfen?«, rief Mama verzweifelt.
Aber alle Angestellten, die sie hörten zuckten nur entschuldigend mit den Schultern.
Mama knurrte etwas Unverständliches vor sich hin.
Nur Sekunden später klingelte wieder das Telefon. Ein weiteres Mal ging die Sucherei los. Dieses Mal holte sie es rechtzeitig hervor, ließ aber in ihrer Hast die Handtasche fallen.
Nun lag der ganze Inhalt auf dem Boden verteilt. Da rollte die Schminke fort, eine Dose Deospray in die andere Richtung. Die Geldbörse hatte sich geöffnet und das gesamte Kleingeld war nun zwischen Mamas Füßen verteilt.
»Das kann doch jetzt nicht wahr sein.«
Sie steckte das Handy wieder ein und begann mit Melanies Hilfe ihre Handtasche einzuräumen.
»So, jetzt habe ich aber die Nase voll. Wir kaufen jetzt ganz schnell ein und verschwinden wieder von hier.«
Also stürmten sie durch das Kaufhaus, nahmen mit, was ihnen ins Auge fiel und waren recht schnell an der Kasse. Dort mussten sie dann eine halbe Stunde anstehen, bis sie an der Reihe waren.
Das Handy klingelte in dieser Zeit noch sieben Mal. Doch Mama wagte es nicht, danach in ihrer Handtasche zu suchen. Sie ließ es einfach bimmeln.
Erst im Auto kam sie dann zur Ruhe. Sie ließ sich in den Sitz fallen und beobachtete durch den Rückspiegel, wie sich ihre Tochter anschnallte, als sich das Handy ein letztes Mal meldete.
»Jetzt reicht’s mir.«
Kurzerhand schüttete sie den Inhalt der Handtasche auf dem Beifahrersitz aus und griff sich zielsicher ihr Telefon. Sie nahm das Gespräch an und brüllte hinein.
»Was ist?«
Melanie bekam große, überraschte Augen. So hatte sie Mama ja noch nie erlebt.
Am anderen Ende des Telefons meldete sich eine ältere Dame.
»Hallo? Ist da die Praxis von Doktor Müller?«
Mama sah sich verdutzt um. Dann erklärte sie der Anruferin, dass sie wohl eine falsche Nummer gewählt hatte.
»Oh, sind sie sich sicher?«, fragte die alte Dame noch einmal nach.
»Dann habe ich mich wohl verwählt.«
Dann entschuldigte sie sich und legte auf.
Mama atmete tief durch, drehte sich zu ihrer Tochter um und begann laut zu lachen.
»Der ganze Stress nur wegen einer falschen Telefonnummer.«
Dann startete sie den Wagen und fuhr nach Hause. Noch auf dem Weg dort hin schwor sie sich, nie wieder eine Handy mitzunehmen, wenn sie Weihnachtsgeschenke einkaufen musste.

(c) 2009, Marco Wittler

249. Papas Stimme

Papas Stimme

Lena saß auf dem Bett und wartete auf Papa.
»Wo bleibst du denn?« rief sie nach unten, während sie ungeduldig mit dem Fingern auf der Bettdecke trommelte.
Und schon waren Schritte auf der Treppe zu hören. Schnell näherten sie sich dem Kinderzimmer. Allerdings war es nicht Papa, der Sekunden später durch die Tür herein kam, sondern Mama.
»Es tut mir leid, mein Schatz, aber Papa ist noch nicht zu Hause.
Lena war enttäuscht.
»Aber er liest mir doch jeden Abend eine Geschichte vor. Er muss unbedingt nach Hause kommen.«
Beinahe hätte sie zu weinen begonnen, als plötzlich das Telefon klingelte.
Mama lief die Treppe hinunter und nahm das Gespräch an. Noch während sie sprach, kam sie wieder nach oben.
»Du wirst es nicht glauben, Lena, aber der Papa hat angerufen.«
Mit diesen Worten hielt sie ihrer Tochter den Hörer hin.
»Papa? Bist du das?«, fragte Lena vorsichtig.
Papa antwortete sofort und entschuldigte sich, nicht zu Hause sein zu können.
»Es hat hier stark geregnet. Dadurch ist so viel Wasser auf der Straße, dass es im Moment nicht weiter geht. Ich kann nur hier im Auto sitzen und warten.«
Nun war Lena nicht mehr so traurig, wie noch vor ein paar Minuten.
»Ach Papa, ist nicht schlimm. Dafür telefonieren wir ja jetzt und ich kann deine Stimme hören. Willst du mir nicht eine Geschichte vorlesen, wenn du nichts zu tun hast?«
Doch da war schon das nächste Problem, denn Papa hatte kein einziges Buch mit Kindergeschichten dabei.
Lena verdrehte die Augen und lachte. Sie hatte sich wohl schon etwas ausgedacht. Sie sprang auf, lief zum Schrank und holte ein Bilderbuch hervor.
Nach und nach blätterte sie durch die Seiten und erzählte Papa eine Geschichte zu den Bildern, die sie sah, bis sie zufrieden einschlief.

(c) 2009, Marco Wittler