565. Die Geschenke sind weg

Die Geschenke sind weg

Es war mitten in der Nacht, als das Handy klingelte. Es dauerte ein wenig, bis der Weihnachtsmann aus seinem tiefen Schlaf erwachte, auf das Display sah und den Anruf entgegen nahm.
»Hier Weihnachtsmann. Wer spricht?«, fragte er müde.
Er hörte ein paar Sekunden lang zu, nickte immer wieder und bekam dann große Augen.
»Das ist ja eine Katastrophe! Ich komme sofort!«
Er kletterte aus dem Bett, zog seine rote Hose, den Mantel und die schweren Stiefel an und verließ sein Haus. Sein Ziel war seine Spielzeugwerkstatt. Dort warteten bereits seine Wichtel und Weihnachtselfen.
»Ihr erlaubt euch auch keinen dummen Scherz mit mir?«, fragte der Weihnachtsmann, während er durch die große Eingangstür stürmte.
Aber die Frage konnte er sich selbst beantworten, als sein Blick auf den großen Geschenkesack fiel. Er war leer. Völlig leer. Kein einziges Geschenk steckte in ihm.
»Wir wissen auch nicht, wie das passieren konnte.«, entschuldigte sich der Oberwichtel. »Am Abend waren die Geschenke noch an Ort und Stelle. Dann fiel eine der Maschinen aus. Wir haben sie repariert. In dieser Zeit muss jemand alle Geschenke geklaut haben.«
Der Weihnachtsmann nahm seine Mütze vom Kopf und fuhr sich nervös mit einer Hand durch das weiße Haar.
»Aber Morgen ist Weihnachten. Dann warten die Kinder überall auf der Welt auf die Geschenke. Wir müssen schnell etwas unternehmen, sonst fällt das Fest ins Wasser. Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können.«
Er teilte seine Wichtel und Elfen in kleine Gruppen auf. Jeder sollte beim Suchen helfen. Der Weihnachtsmann aber blieb in der Werkstatt zurück und wartete auf gute Nachrichten.
Und während er immer wieder im Kreis lief, nervös auf die Wanduhr sah, hörte er plötzlich ein leises Kichern.
»Hm? Wer ist da? Wer lacht da über mich? Sofort raus kommen!«
Er sah sich um, blickte in jede Ecke und unter jede Maschine.
»Ha! Erwischt!«
Mit seinen großen Händen griff er zu und ließ nicht mehr los. Aus einem sonst leeren Holzfass der Weihnachtsmann zwei Engel heraus, denen es jetzt gar nicht mehr zum Kichern zu Mute war. Stattdessen bekamen sie knallrote Gesichter.
»Was macht ihr hier? Was habt ihr hier zu suchen?«
Die Engel sahen verschüchtert zu Boden und brachten kein einziges Wort heraus.
»Entweder ich bekomme sofort eine Antwort oder ich trage euch in mein goldenes Buch ein. Dann bekommt ihr dieses Jahr nämlich kein einziges Geschenk.«
Erschrocken sahen sie den Weihnachtsmann an. »Das kannst du doch nicht machen.«, beschwerten sie sich.
»Kann ich nicht?«
Der Weihnachtsmann ging zum Schreibtisch, schlug das Buch auf und griff zu seinem Füller.
»Halt! Moment!«
Sie flitzten zu ihm. »Ist ja schon gut. Wir haben die Geschenke versteckt. Es sollte nur ein dummer Streich sein. Wir geben sie dir ja zurück.«
Der Weihnachtsmann legte seinen Stift zurück.
»Wo sind sie?«
Die Engel liefen zu einem der großen Fenster und deuteten mit ihren Zeigefingern nach draußen.
»Wir haben sie dort in dem Schneehaufen versteckt.«
Und dann bekamen sie wieder rote Gesichter. »Vorhin war er jedenfalls noch da.«
Dort, wo der Haufen ein paar Stunden zuvor gestanden hatte, lag nun eine hohe, geschlossene Schneedecke. Es hatte kräftig geschneit.
Der Weihnachtsmann bekam einen wütenden Gesichtsausdruck.
»Wisst ihr eigentlich, was ihr da angestellt habt? In wenigen Stunden muss ich mich auf den Weg machen. Wenn wir die Geschenke bis dahin nicht gefunden haben, werden Millionen Kinder auf der ganzen Welt enttäuscht sein und fürchterlich weinen.«
Er überlegte, lief ein paar Mal im Kreis und überlegte weiter. Schließlich holte er sein Handy aus der Tasche.
»Jetzt kann uns nur noch ein absoluter Experte helfen, jemand der sich besser mit Verstecken auskennt, als irgendwer anderes. Ich hoffe für euch zwei, dass er gerade Zeit hat und nicht Urlaub macht.«
Er wählte eine Nummer und wartete.
»Ja, hier Weihnachtsmann. … Ja, ich weiß, dass es gerade eine ungünstige Zeit ist, um mit dir zu Telefonieren. … Ja, ich muss auch noch den Baum aufstellen und schmücken … Ich will mich auch gar nicht unterhalten, denn ich brauche ganz dringend deine Hilfe.«
Er erklärte möglichst schnell, was geschehen war. Dann beendete er das Gespräch und setzte sich auf einen Stuhl.
»Jetzt können wir nur noch warten. Ich hoffe, dass unser Helfer nicht zu lange braucht, um hierher zu kommen.«
Kaum hatte er das gesagt, öffnete sich die Tür und ein langohriges Tier kam herein gehoppelt.
»Osterhase. Gott sei Dank, bist du endlich da. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darüber freue.«
Der Osterhase grinste.
»Keine Ursache, mein Freund. Ich werde mich auch sofort an die Arbeit machen.«
Gemeinsam verließen sie die Werkstatt.
»Der Osterhase hat die beste Nase für schwer zu findende Verstecke.«, erklärte der Weihnachtsmann den Engeln. »Er wird nicht lange brauchen, dann sind die Geschenke wieder da. Er wird das Versteck riechen.«
Und genau so geschah es dann auch. Der Osterhase hob seine Nase in die Luft, schupperte und hoppelte kreuz und quer über den frischen Schnee. Irgendwann blieb er stehen.
»Hier ist es. Hier muss das Versteck sein. Ich kann es riechen.«
Der Weihnachtsmann schnappte sich eine Schaufel und machte sich an die Arbeit. Schon nach wenigen Minuten tauchten tatsächlich die Geschenke auf. Sie waren vollzählig.
Inzwischen waren auch die Elfen und Wichtel wieder aufgetaucht. Sie halfen, die Geschenke wieder ins Trockene zu bringen.
Die zwei Engel entschuldigten sich für ihren Streich und versprachen, nie wieder das Weihnachtsfest in Gefahr zu bringen.
Den Osterhasen packte der Weihnachtsmann ein paar Stunden später mit auf den großen Schlitten und brachte ihn persönlich nach Hause und übergab ihm die Geschenke für seine große Familie.

(c) 2016, Marco Wittler

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