1732. Die unglaubliche Sache mit den Gullydeckeln

Die unglaubliche Sache mit den Gullydeckeln

Dunkelheit hatte sich wie eine schwere Decke über die Stadt gelegt. Dicke Wolken hielten jedes noch so kleine Licht vom Himmel ab, bis zur Erde durchzudringen. Der Asphalt der Straßen war feucht. In der Luft hing dieser unwiderstehliche Duft von Petrichor. Bis auf ein leises Säuseln des Windes, war es mucksmäuschen still, denn die Menschen lagen bereits seit Stunden in ihren Betten und schliefen.
Niemand bekam mit, dass sich plötzlich etwas tat. Zuerst war es nur ein kratzendes Geräusch, als würde Metall über Metall kratzen. Es begann in der Hauptstraße, setzte sich aber nach und nach fort, bis es überall zu hören war. Wie von Geisterhand geführt, klappten die runden Deckel der Abwasserkanäle auf, bis sie sicher und fest auf ihren Seiten standen. Als hätte jemand ein stilles Kommando ausgesprochen, setzten sie sich zeitgleich in Bewegung, rollten wie Räder auf den Rand der Stadt zu, verließen sie zu Dutzenden und versammelten sich schließlich auf einer kleinen Anhöhe.
In diesem Moment riss die Wolkendecke auf. Zuerst zeigten sich einzelne Sterne. Erst nach ein paar Minuten war der Vollmond in seiner ganzen Pracht zu erkennen. Der perfekte Augenblick für das, was nun folgen sollte.
Die schweren Deckel nahmen Aufstellung. Sie positionierten sich nebeneinander vor einer unsichtbaren Linie. Manche von ihnen hielten inne, andere schienen zu zittern und zu beben.
Der Ruf eines einsamen Waldkauzes auf einem Baum zerschnitt die Stille und diente als Startsignal.
Augenblicklich setzten sich die Deckel in Bewegung. Zuerst nur langsam, doch mit jedem Meter legten sie an Geschwindigkeit zu. Sie rumpelten durch die Straßen, sprangen über Schlaglöcher Querrillen hinweg. In der Gemeinschaft erzeugten sie ein ohrenbetäubendes Donnergrollen, dass die Menschen in ihren Betten mit einem nahenden Gewitter verwechselten.
Schließlich knallte einer der Deckel ungebremst gegen einen Bordstein, hob ab, segelte lautlos durch die Lüfte und landete mit einem lauten Knall in der für ihn bestimmten Öffnung über dem Kanalschacht.
Lauter Jubel brandete plötzlich auf. Über der Stadt war die Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Eine größere Gruppe Hexen auf ihren Besen, beglückwünschten die Siegerin der diesjährigen Gullydeckel-Meisterschaften. Mit geübten Einsatz ihres Zauberstabes, hatte sie ihr ungewöhnliches Sportgerät als erstes ins Ziel gebracht.
»Die erste Runde Hexenbräu geht auf mich!«, rief sie in die Runde, was erneuten Jubel auslöste.

(c) 2026, Marco Wittler

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