Ghostkatzers

Nur wenige Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, befand sich eine hohe Klippe, die die natürliche Grenze zwischen dem Land und dem Meer darstellte. Hier oben stand eine große, alte Villa, von der man nicht nur die endlose Weite bis zum Horizont bewundern konnte, auch ein Leuchtturm war in einiger Entfernung zu sehen.
Hier lebte Herr Fritte, ein nicht nur gut gesitteter, sondern auch groß gewachsener und sehr gut genährter Kater mit grauweißem Fell, der schon so einiges von der Welt gesehen hatte, zumindest so weit sein Auge von hier blicken konnte.
Gerade saß er, in einem flauschigen Abendmantel gekleidet, in seinem gemütlichen Ohrensessel, trank aus einer großen Tasse leckeren Baldriantee und blätterte in einem Buch.
Hin und wieder öffnete sich leise die Tür zur geräumigen Bibliothek und Antons Kopf lugte herein, um nach dem rechten zu sehen und ob der Tee nachgefüllt werden musste.
Der Anton war der treue Begleiter von Herrn Fritte, von ähnlicher Fellfarbe und einen ganzen Kopf kleiner. Dafür besaß er ordentliche Muckis, die auch aus der Ferne nicht übersehen konnte. Zwielichte Gestalten machten immer einen großen Bogen um ihn herum. Das mochte wohl auch daran liegen, weil Anton einen großen Anker auf seinen Oberarm hatte tätowieren lassen.
Er sah sich kurz um, nickte kurz, um sich selbst zu bestätigen, dass alles seine Ordnung hatte und verließ wieder den Raum.
Nun hätte man denken können, dass Herr Fritte allein den Tag hier verbrachte, aber dem war nicht so. Vor dem Kamin, in dem ein Feuerchen brannte, stand ein weiterer Sessel. Darin saß ein sehr viel kleinerer Kater von deutlich schmächtiger Figur mit schwarz-weißem Fell. Mr. Little, der persönliche Assistent von Herrn Fritte hatte bereits als kleines Kitten nicht sehr viel Glück im Leben gehabt. Durch einen unglücklichen Unfall war seine Wirbelsäule stark verkrümmt. Ohne Krücken oder seinen Rollstuhl, konnte er sich kaum von einer Stelle zur anderen bewegen. Schon allein deswegen verbrachte er die meiste Zeit des Tages am wärmsten Platz des Hauses und blätterte durch die Aufzeichnungen seines Herrn, um darin für die nötige Ordnung zu sorgen.
Herr Fritte legte sein Buch kurz zur Seite und griff nach seiner Tasse. Doch noch bevor er den ersten Schluck trinken konnte, erfüllte ein markerschütternder Schrei das Haus, der ihm bis unter das Fell kroch. Anschließend klirrte es. Etwas war zu Bruch gegangen.
Herr Fritte zuckte zusammen. Heißer Tee schwappte über den Rand der Tasse. Hätte er nicht seinen gemütlichen Abendmantel getragen, er hätte sich verbrüht. Vorsichtig stellte er die Tasse zurück auf das Tischchen neben sich und blickte fragend zu Mr. Little, der unwissend die Schultern hochzog.
»Was geht hier vor sich? Sind Einbrecher im Haus? Wir sollten der Sache auf den Grund gehen.«
Herr Fritte stand auf, doch noch bevor er den ersten Schritt in Richtung Tür machen konnte, wurde diese aufgerissen. Anton stürmte herein. Seine Augen, die eh schon aussahen, als wären sie überdurchschnittlich geweitet, waren noch ein ganzes Stück weiter aufgerissen. In ihnen war blankes Entsetzen zu erkennen. Das war etwas, dass man von diesem starken und unerschrockenen Kater gar nicht kannte.
Herr Fritte war sofort alarmiert. »Anton, was ist passiert? Geht es dir gut?«
Anton legte eine Pfote auf sein Herz, versuchte sich irgendwie zu beruhigen und atmete mehrmals tief ein, bevor er zu sprechen begann. »Geister … Küche … haben angegriffen … konnte gerade noch flüchten.«
Nun war es an Herrn Fritte, die Augen aufzureißen, nicht in Panik, sondern aus purer Begeisterung. Beim Gedanken an diese Begeisterung musste er leise kichern. Begeistert über Geister war ein tolles Wortspiel.
Langsam drehte er seinen Kopf, erhaschte den Blick von Mr. Little, der nicht weniger Freude zeigte. »Mein guter Freund, es ist so weit. Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass dieser Tag kommen würde, doch jetzt ist er da. Die Anschaffung unserer Ausrüstung wird sich endlich bezahlt machen. Es wird Zeit für unseren Einsatz!«
Normalerweise hätte Herr Fritte darauf gewartet, dass ihm Mr. Little mit Hilfe seiner Krücken begleiten würde, doch dafür war keine Zeit mehr. Also schnappte er sich seinen Assistenten, setzte ihn sich auf die Schultern – ein Ritual, dass sie immer und immer wieder für diesen Fall geübt hatten und lief in den Nebenraum, den schon ewig niemand mehr betreten hatte.
»Was… was …« Anton fehlten die Worte. Zitternd ging er zu Boden und kroch wie in Zeitlupe hinter den Ohrensessel, um sich dort zu verstecken. »Und was ist mit mir?«, flüsterte er so leise, dass er sich kaum selbst hören konnte. »Ihr könnt mich doch nicht allein lassen.«
Es vergingen bange Sekunden, in denen sich Anton wünschte, auf der anderen Seite der Klippe im Leuchtturm zu sitzen. Dort wäre er weit genug von den Geistern entfernt. Oder sogar in einer tiefen, dunklen Höhle, wenn es es dort keine Geister geben würde.
Da sprang die Tür zum Nebenraum wieder auf. Anton zuckte zusammen, schrie auf. Herr Fritte kam wieder herein, Mr. Little noch immer auf den Schultern tragend. Beide waren nun in hellbraune Overalls gekleidet. Auf der linken Brust prangte ein Aufnäher, der aus einem roten Verbotszeichen über einem grün schimmernden Geist bestand. In ihren Händen hielten sie beide einen tragbaren, kleinen Staubsauger.
»Wir sind die Ghostkatzers! Wir haben vor nichts und niemandem Angst!«
Anton wollte sich ihnen in den Weg stellen und aufhalten. »Das ist viel zu gefährlich. Sie könnten euch etwas antun. Wir sollten lieber das Haus für immer verlassen, abbrennen und uns eine neue Heimat in einem weit entfernten Land suchen, in dem es keine Geister gibt.«
Herr Fritte schob ihn sanft zur Seite. »Hier wird niemand weggehen. Wir werden unser Haus verteidigen.«
Anton sah ihnen wehmütig hinterher, während die anderen die Bibliothek verließen.
Langsam, Schritt für Schritt, schlichen sie durch die breiten Gänge und schmalen Flure. Sie warfen hinter jede Tür einen kurzen Blick und inspizierten die Räume, bis sie schließlich vor der Küche standen. Die Ghostkatzers schauten sich an, verständigten sich ohne Worte und nickten sich zu. Der Plan stand fest.
Herr Fritte trat mit voller Kraft gegen die Tür, die aufschwang und mit einem lauten Knall an die Wand krachte. Er packte Mr. Little an den Beinen, damit dieser nicht fallen konnte und sprang in die Küche. Sie hielten ihre Handsauger hoch und waren bereit, sie jederzeit einzusetzen.
»Als ordnungsgemäß ernannte Ghostkatzers des Dorfes, des Kreises und unseres Landes ordne ich hiermit die Einstellung aller übernatürlichen Aktivitäten und das sofortige Zurückkehren an deinen Ursprungsort oder der nächstgelegenen erreichbaren Paralleldimension an.«
Sie blickten sich um, erwarteten eine übernatürliche Reaktion. Aber es geschah nichts. Alles blieb ruhig. Sie inspizierten jeden einzelnen Schrank. Nichts. Keine Geister.
»Sie hängen oben in den Ecken!«, rief Anton aus seinem Versteck heraus.
Mr. Little streckte eine Pfote aus, zeigte auf etwas und begann zu kichern. Dort hingen Staubfäden, also alte, verdreckte Spinnweben. Jeder noch so kleine Windhauch brachte sie in Bewegung und warf unheimliche Schatten auf die Wände.
»Das wird nicht einfach.«, war sich der kleine Kater sicher. »Wir haben es mit einem übermächtigen Gegner zu tun.« Er blickte auf seinen Sauger hinab und seufzte theatralisch. »Auch wenn ich immer wieder betont habe, dass wir die Saugstrahlen nicht kreuzen dürfen, weil wir damit die Erde und das ganze Universum auslöschen könnten, wird uns nichts anderen übrig bleiben, als genau dies nun zu tun. Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um die geisterhaften Erscheinungen einzufangen.«
Herr Fritte riss die Augen auf. Er bekam Angst. Er hatte sich so sehr gefreut, ein Ghostkatzer zu werden, doch nun fühlte er sich der Sache nicht mehr gewachsen.
»Vertrau mir.«, flüsterte Mr. Little mit sanfter Stimme. »Wenn wir zusammenhalten, können wir das schaffen.«
Herr Fritte nickte. Er zitterte zwar am ganzen Körper, dennoch nickte er.
Sie hoben die Handsauger an, hielten sie auf die Ecke und drückten den Einschaltknopf. Die Saugstrahlen vereinten sich zu einem kräftigen Sog. Die Staubfäden leisteten nur kurz Widerstand, dann verschwanden sie in den Beuteln der Sauger, aus denen es keine Fluchtmöglichkeit mehr gab. Nach und nach reinigten die Beiden die Ecken unter der Decke, bis es keine beweglichen Schatten mehr an den Wänden gab. Sie schalteten ab.
Herr Fritte und Mr. Little grinsten sich begeistert an. Wie auf ein stummes Kommando öffneten sie ihre Münder und riefen laut: »GHOSTKATZERS!« und gaben sich ein High Five. Sie hatten ihre eigenen Leben riskiert, um das alte Haus und damit auch Antons Leben gerettet. Zumindest würden sie ihm das in der nächsten Zeit immer wieder so erzählen.
(c) 2026, Marco Wittler

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