Tee-Zeit mit Frau Hummel
Eine gemütliche Ruhe lag über der kleinen Waldlichtung, auf der zwischen üppigem Gras kleine bunte Blumen wuchsen. Hier und da zirpte eine Grille aus ihrem Versteck heraus, während fleißige Bienchen Pollen und Nektar für ihr Volk sammelten. Über all dem hing die helle Sonnenscheibe, die so viel Wärme zur Erde herabschickte, das niemand mit einer Jacke vor die Tür gehen musste.
In weiter Ferne, so weit, dass man ihn nur von den höchsten Bäumen erahnen konnte, stand ein Kirchturm, dessen Glocke gerade fünf Mal hintereinander läutete. Dem letzten Schlag folgte ein unüberhörbares, lautes Brummen, dass jedes Geräusch deutlich übertönte und offenbar näher kam. Zwischen Büschen und Bäume kam ein kleines Wesen heran, das unmöglich so laut sein konnte, denn es wurde von ganz zarten, kaum erkennbaren Flügeln durch die Luft getragen. Es landete auf dem Hut eines Pilzes, wo es aus seinem Rucksack einen Campingstuhl auspackte und aufklappte.
»Wie immer pünktlich auf die Minute, Teuerste.« Eine Schnecke mit kugelrundem Haus auf dem Rücken war gerade am Pilz herausgekrochen und gesellte sich dazu. »Auf Frau Hummel ist eben Verlass.«
Frau Hummel, bei der es sich keinesfalls um eine Hummel handelte, sondern und eine waschechte Waldelfe, griff an ihren Gürtel und schaltete den Geräuscheverstärker ab, der sie davor bewahrte, von einem hungrigen Vogel im Vorbeiflug verspeist zu werden. Elfen konnte da jederzeit passieren. An einer kräftigen Hummel mit spitzem Stachel, wagte sich jedenfalls kaum jemand heran.
Frau Hummel zog sich die große Fliegerbrille vom Kopf und machte es sich auf ihrem Stuhl gemütlich und schlug die Beine übereinander. »Und ich bin ganz verzückt, dass mir Frau Schnecke wie immer Gesellschaft leistet.«
Frau Schnecke fühlte sich geschmeichelt, bekam leicht rosa Wangen im Gesicht, während sie zweite Tassen und eine große Kanne frisch gekochten Tee aus ihrem mobilen Häuschen holte.
Während feiner Dampf aus den beiden Tassen aufstieg, sich in unvorhersehbaren Bahnen kräuselte und sich schließlich in luftiger Höhe zu einem Wölkchen vereinigten, tauschten die ungleichen Freundinnen den neuesten Klatsch und Tratsch von hier und da aus, den sie seit dem letzten Aufeinandertreffen aufgeschnappt hatten. Dabei blieben sie allerdings immer etwas zurückhaltend und respektvoll. Sie hielten nämlich nichts von falschen Gerüchten und schlechtem Gerede.
»Als ich heute Morgen bei meiner Friseurin war, habe ich etwas sehr beunruhigendes beobachtet und gehört.« Frau Hummel beugte sich langsam vor und senkte ihre Stimme. »Der Wolf schlich durchs Dorf. Das wäre ja nicht weiter verwunderlich, er hält sich immer mal wieder dort auf und wird in zwielichten Ecken und Spelunken gesehen.«
Frau Schnecke bekam große Augen und streckte ihre Fühler noch ein Stück weiter aus. »Ist nicht wahr!«
»Oh doch! Er war wohl gerade beim Brillenmacher gewesen, denn er trug eine neue Sehhilfe auf der Nase. Auch Wölfe scheinen älter zu werden.« Frau Hummel seufzte. »Gedankenverloren hat er so laut vor sich hin gemurmelt, dass ich jedes einzelne Wort verstehen konnte.«
Nun hielt es Frau Schnecke vor Spannung nicht mehr aus. Nur zu gern wäre sie ihrer Freundin auf den Schoß gekrochen, um möglichst schnell alles zu erfahren. »Ich muss alles wissen.«
Frau Hummel nickte. »Er will sich noch heute das Rotkäppchen und dessen Großmutter vornehmen. Immer wieder gehen sie ihm durch die Lappen, nie hat er es geschafft, sie zu fressen. Das hat er auf seine schlechten Augen geschoben. Doch nun soll alles anders werden, schließlich trägt er eine Brille.«
»Das ist ja unglaublich!« Frau Schnecke war außer sich. »Da muss man doch was tun. Die Armen müssen gewarnt werden. Nicht auszudenken, was passiert, wenn der Wolf erfolgreich ist. Wer wird dann als Nächstes dran glauben müssen? Die drei kleinen Schweinchen? Das würde unser schönes Märchenland für immer verändern und ins Wanken bringen.«
Sie stellte ihre Teetasse ab, packte ihre sieben Sachen und verabschiedete sich. »Ich muss sofort allen anderen davon berichten, damit kein Unglück geschieht.« Und schon verließ sie den Pilz und kroch davon.
Frau Hummel hingegen dachte gar nicht daran, ihren gemütlichen Platz und damit diesen unverschämt leckeren Tee zu verlassen. Sie blieb einfach sitzen und und genoss jeden einzelnen Schluck ihres Getränks.
Plötzlich war ein Knacken zwischen den Bäumen zu hören. Jemand trat mit großen Füßen auf alte, trockene Äste und Zweige und brach sie damit entzwei. Jemand schien sich zu nähern. Doch bevor die Lichtung betreten wurde, kehrte Stille ein.
»Komm ruhig näher, ich habe dich erwartet. Du musst dich nicht hinter den Büschen verstecken.«
Zuerst geschah nichts. Ein paar Sekunden später trat der Wolf ins Freie, sah sich unsicher um und kam schließlich auf Frau Hummel zu. »Woher wusstest du?«
Die Elfe kicherte. »Es gibt nicht sehr viel in diesem Wald, wovon ich nichts weiß, ich habe nämlich sehr aufmerksame Augen und Ohren.«
Sie zeigte auf den Platz auf der ihr gegenüberliegen Seite des Pilzes und bedeutete dem Wolf, sich zu setzen.
»Du hast dir eine Brille zugelegt, wie ich sehe. Die steht dir gut zu Gesicht.«
Der Wolf grinste, nahm seine Sehhilfe ab und legte sie auf dem Pilz ab. »War eine gute Idee, findest du nicht auch? Meine Augen werden mit zunehmendem Alter schlechter. Ich erkenne Dinge in der Ferne nicht mehr so gut. Aber wenn ich jemandem gegenüber sitze, ist sie nicht nötig.«
Frau Hummel überlegte kurz und zeigte auf eine Stelle, die sich hinter dem Wolf befand. »Du kannst mir also nicht genau sagen, wie viele Eichen dort drüben nebeneinander stehen?«
Der Wolf drehte sich um, machte die Augen zu Schlitzen und versuchte, sich zu konzentrieren. »Keine Chance, ich sehe nur eine grüne Wand. Mit der Brille würde ich bestimmt sogar einzelne Blätter erkennen. Aber so wird das nichts.«
»Dann wünsche ich dir damit viel Glück und dass du allzeit alles finden wirst, was du suchst.«
Sie verabschiedeten sich voneinander. Schon wollte der Wolf aufbrechen, als ihm die Brille einfiel. Er legte seine Hand auf den Pilz, dort war aber nichts.
»Ich meine, mich erinnern zu können, dass du sie dir auf die Stirn geschoben hast.«, sagte Frau Hummel.
Er griff sich an den Kopf, suchte verzweifelt. »Dort ist sie aber nicht. Verdammt. Verflixt und zugenäht. Warum passe ich nicht besser auf meine Sachen auf. Sie muss mir runtergefallen sein.«
Er blickte sich um, kniete sich hin und tastete den Boden ab. Die Brille blieb verschwunden.
»Ich habe schon den ganzen Tag eine diebische Elster beobachtet, die nach neue Beutestücken Ausschau hielt. Vielleicht war sie schneller und hat sich die Brille geschnappt.«
»Wenn ich die erwische, gibt es richtig Ärger.« Wütend stapfte der Wolf fort und stieß bei seinem Weg in den Wald immer wieder gegen Büsche und Bäume, weil er sie nicht rechtzeitig sah.
Frau Hummel schaute ihm noch eine Weile nach, bis er verschwunden war. Auf ihr Gesicht stahl sich ein spitzbübisches Lächeln. Sie trank ihren Tee aus und griff in die Tasse. Dort hatte sie die Brille versteckt, die sie nun in ihrer Umhängetasche verschwinden ließ. »Wäre doch gelacht, wenn das Rotkäppchen und seine Großmutter dem Wolf noch zum Opfer fallen würden.«
Einen Tag später hörte man schon aus großer Ferne die erboste Stimme des Wolfs. Immer wieder griff er einen alten Baumstumpf an und wunderte ich darüber, dass er sich die Zähne an ihm ausbiss. Ohne seine Brille hielt er ihn für das Rotkäppchen.
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