Unter Schellas wundersamem Blütenbaum
Schella hatte es sich nicht nur vor ihrem kugelrunden Schneckenhaus, sondern auch im Schatten eines großen Baumes gemütlich gemacht. Sie ließ sich eine große Tasse leckeren Kakao schmecken, während sie Seite um Seite in einem dicken Märchenbuch verschlang.
»Hallo Schella!«
Schella stutzte. Woher kannte der Hase in der Geschichte ihren Namen und warum grüßte er sie? Hatte sich da etwa jemand einen Scherz erlaubt?
»Schella! Hallo! Sitzt du auf deinen Ohren?«
Schella schüttelte den Kopf, riss sich von ihrem Buch los und sah sich verwirrt um, bis ihr Blick auf ihre Freundin Mimi viel. Sie winkte der kleinen Ameise mit ihren Fühlern zu. »Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich bin eine Schnecke. Ich habe gar keine Ohren, auf denen ich sitzen könnte. Ich habe nicht einmal einen Po dafür.« Sie lachte.
»Liest du wieder ein Buch?«, fragte Mimi, während sie durch ein kleines Tor den Garten betrat und zu Schella krabbelte. »Du liest immer, wenn du mit deinem Kopf so weit weg bist.«
Die Schnecke nickte und hob das Buch an. »Es ist eine Sammlung mit ganz vielen Geschichten über Hasen. Gerade bin ich mit dem Märchen von Hase und Igel fertig geworden. Das war richtig lustig.«
Mimi gesellte sich zu Schella. »Magst du mir daraus etwas vorlesen? Ich habe gerade Lust auf Geschichten.«
Die Schnecke nickte, wollte gerade eine zweite Tasse Kakao holen, als sich jemand mit hoher Geschwindigkeit von den nahen Feldern näherte und mit mit lauten Getöse an den beiden. Freundinnen vorbei stürmte.
»Was war denn das?« Mimi blickte dem geölten Blitz ungläubig nach.
»Das war der Hase.«, antwortete eine Stimme, die völlig außer Atem war. Frau Igel kam auf ihren kleinen Beinen heran und musste eine kurze Pause am Zaun einlegen. »Er hat herausgefunden, dass mein Mann und ich ihn beim letzten Rennen hereingelegt haben und eine Revanche gefordert. Mein Mann musste neben uns am Start warten, damit wir uns nicht wieder etwas gegen ihn einfallen lassen. Wir haben also überhaupt keine Siegeschancen.« Sie hob die Hand, um zum Abschied zu winken, als sich ein Lächeln auf Schellas Gesicht schlich.
»Lauf noch nicht weiter. Ich habe nämlich eine Idee.« Sie hob die Hand, klopfte gegen den dicken Stamm ihres Baums und sah gespannt zu, wie ein gelbes Blütenblatt zum Boden herabsegelte.
»Bist du bereit, Mimi?«
Die Ameise nickte. »Ich bin bereit, Schella.«
Die Schnecke biss in das Blatt. Augenblickliche begann ihr Haus zu zittern. Ein Beben ging durch ihren Körper, das Frau Igel noch auf der anderen Seite des Zauns in ihren Füßen spüren konnte.
Mimi kletterte auf das Schneckenhaus, setzte sich einen Helm auf den Kopf und befestigte ein Seil an Schellas Fühlern. Wie von Zauberhand geführt, öffnete sich das Gartentor und die Schnecke raste hindurch. Im letzten Augenblick streckte die Ameise einen Arm aus, griff nach der Hand von Frau Igel und zog sie zu sich nach oben.
Schneller als die Polizei erlaubte, ging es hin und her, um Bäume und Büsche herum, mal links um eine Kurven und mal nach rechts. Am Horizont wurde bald eine Staubwolke sichtbar, die nur vom Hasen stammen konnte.
»Das schaffen wir niemals.«, war sich Frau Igel sicher. »Er ist einfach zu schnell für uns.«
Schella lachte laut auf, während Mimi die Zügel etwas lockerer ließ. Die Schnecke legte noch einen Zahn zu und hätte bestimmt einen Blitz überholen können, wenn gerade ein Gewitter in der Nähe gewesen wäre.
Wenige Sekunden später erreichten sie nicht nur den Hasen, sondern ließen ihn auch noch weit hinter sich.
Schella, Mimi und Frau Igel erreichten mit großem Vorsprung das Ziel in der Nachbarstadt.
Frau Igel sprang vom Schneckenhaus und stellte sich hinter der Ziellinie auf. Schnecke und Ameise gingen gemütlich zur Seite, verstecken Helm und Zügel, um als begeisterte und jubelnde Zuschauer durchzugehen.
»Er kommt!«
Der Hase kam in Windeseile um die letzte Kurve gelaufen, doch wenige Schritte vor dem Ziel entgleisten ihm sämtliche Gesichtszüge.
»Wie? Was? Das kann, das darf doch gar nicht sein. Es ist unmöglich, dass du vor mir ins Ziel gekommen bist. Das schreit nach Betrug.«
Er blickte Frau Igel intensiv prüfend in die Augen, musste aber leider feststellen, dass es nicht ihr Mann war, der nun vor ihm stand.
»Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Warte nur ab. Wenn ich dahinterkomme, wie du das angestellt hast, werde ich eine neue Revanche verlangen. Darauf kannst du dich verlassen.«
Mit vor Wut rot gewordenem Kopf drehte er sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort von der Rennstrecke.
Schella grinste. »Auf unseren Trick kommt der nie. Von meinem wundersamen Blütenbaum wissen nur Mimi, ich und jetzt noch du. Dabei wird es auch bleiben.«
(c) 2026, Marco Wittler, nach einer Inspiration von Schnecktarine
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