514. Die dicke Hummel

Die dicke Hummel

Hannah sah in den Spiegel und seufzte. Ihr Po gefiel ihr nicht. Der war in ihren Augen viel zu dick. Der Bauch und die Beine aber auch.
»Warum musste ich bloß als Hummel zur Welt kommen?«
Sie blickte durch das Fenster nach draußen und sah die anderen Insekten, die bereits auf dem Weg zum Badesee waren.
»Die werden mich bestimmt wieder nur ärgern. Am Liebsten würde ich zu Hause bleiben.«
Aber dann klingelte es schon an der Tür. Der kleine Frosch wartete schon auf seine Freundin. Gemeinsam wollten sie den schönen Sommertag im Wasser verbringen.
»Ich bin gleich so weit. Gib mir noch fünf Minuten.« rief Hannah und zog sich schnell ihren Badeanzug an.

Kurz darauf machten sich die Beiden auf den Weg.
»Was ist denn mit dir los?« fragte der kleine Frosch nach ein paar Metern. »Die Sonne scheint, es ist schön warm, das Wetter könnte nicht besser sein und du schaust aus, als wäre bereits der Herbst ausgebrochen.«
Hannah seufzte laut, während sie gemeinsam den Strand betraten.
»Ach, es ist doch immer das Gleiche, wenn wir zum Baden gehen.«
Sie zeigte mit dem Finger auf ein paar der anderen Insekten, die sich bereits überall mit ihren Handtüchern verteilt hatten.
»Ich fühle mich hier einfach nicht wohl. Die anderen Insekten sind alle rank und schlank und posieren in ihren kleinen Bikinis. Und wenn ich dann mit meinem dicken Po hier auftauche, lachen sie alle über mich.«
Der kleine Frosch schüttelte den Kopf. »Das stimmt doch gar nicht. Das musst du dir einbilden. Und so dick bist du auch wieder nicht. Du würdest wenigstens nicht sofort verhundern, wenn der Winter überraschend vorbei kommt.« versuchte er zu scherzen. »Außerdem muss man bei den Wespen Angst haben, dass man sich durchbricht, wenn man sie zu fest an sich drückt.«
In diesem Moment kam auch gerade eine Gruppe zierlicher Wespen vorbei, die ihre Hände an den schmalen Taillen abstützten.
»Schaut mal, Mädels. Da kommt wieder fette Hummel. Passt bloß auf, dass ihr nicht zu nah neben ihr sitzt. Die wirft so viel Schatten, dass ihr keine Sonne mehr zum Bräunen bekommt.«
Dann gingen sich lachend weiter zu ein paar kräftigen Grashüpferjungs und tranken mit ihnen ein paar Gläser süßen Nektar.
»Sieht du, was ich meine?« beschwerte sich Hannah und wusste nicht, ob sie wütend oder traurig sein sollte.
Nun musste der kleine Frosch auch seufzen. Dass es so schlimm war, hatte er sich nicht gedacht.
Sie legten sich etwas abseits der anderen Tiere unter einen Busch und unterhielten sich, als plötzlich lautes Geschrei über dem Badesee ertönte.
»Was ist denn jetzt los?« Hannah sprang auf und sah sofort den Grund für den Tumult. Auf einem selbst gebauten Floß näherte sich eine dicke, fette Katze den badenden Tieren.
Nur die Wenigsten konnten flüchten, denn die kleinen Flügel der Insekten waren nass oder in den Trägern der Bikinis gefangen.
»Wenn jetzt kein großes Wunder geschieht, werden sie alle zu Katzenfutter.« rief der kleine Frosch entsetzt und verkroch sich vor Angst immer tiefer im Busch.
»Wir brauchen kein großes Wunder, nur einen dicken Hummelhintern.« war Hannah entschlossen und schlug mit ihren kleinen Fügeln.
»Was soll das werden?« fragte der kleine Frosch verzweifelt. »Du kannst den anderen nicht helfen. Deine Flügel sind viel zu klein zum Fliegen. Du bist zu schwer. Das habe ich in der Schule gelernt.«
Hannah verdrehte die Augen. »Davon habe ich noch nichts gehört.« antwortete sie nur und flog zur Katze.
»Verschwinde hier oder es wird dir etwas Schreckliches geschehen.« rief die Hummel.
»Hau ab oder ich fress dich gleich mit.« antwortete die Katze nur und ruderte weiter Richtung Strand.
Hannah wurde nun richtig wütend. Sie hörte auf zu fliegen und ließ sich fallen. Mit ihrem Po voran raste sie auf den See zu.
»Arschbombeee!« war das Letzte, was sie von sich gab, bevor sie in das Wasser eintauchte und die Katze nass spritzte.
»Iiiih! Hilfe! Das ist sooo nass!«
Voller Panik verlor die Katze das Gleichgewicht, fiel vom Floß und verschwand für ein paar Sekunden unter der Wasseroberfläche. Als sie wieder auftauchte, schwamm sie verzweifelt schnell an Land und verschwand auf nimmer Wiedersehen im hohen Gras.
Hannah schwamm gemütlich an den Strand, wo sie von einer jubelnden Menge empfangen wurde. Selbst die dürren Wespen kamen mit roten Köpfen zu ihr.
»Tut uns Leid, dass wir dich beleidigt haben.« entschuldigten sie sich und bedankten sich dafür, dass ihnen von einer Hummel das Leben gerettet wurde.
Von diesem Tag an wurde Hannah nie mehr geärgert. Irgendwann traute sie sich sogar selbst in einem Bikini an den Strand.

(c) 2015, Marco Wittler

344. Wo geht’s hier zum Mond? oder „Papa, wie hoch fliegen Fliegen?“ (Papa erklärt die Welt 34)

Wo geht’s hier zum Mond?
Oder ›Papa, wie hoch fliegen Fliegen?‹

Sofie saß auf dem Bett und sah ganz gebannt einer kleinen Fliege zu, die immer wieder gegen die Fensterscheibe flog.
»Nein, so wird das nichts, kleine Fliege. Man kann doch nicht durch das geschlossene Fenster fliegen.«, erklärte sie dem kleinen Insekt, das allerdings nicht zuhören wollte.
In diesem Moment kam Papa in das Kinderzimmer. Unter seinem Arm klemmte ein dickes Buch mit wunderschönen Märchen. Eines davon wollte er seiner Tochter vor dem Schlafen vorlesen.
»Was machst du denn da?«, fragte er neugierig.
»Da schau.«, sagte Sofie und zeigte mit dem Fenster zur Fliege.
»Sie versucht immer wieder durch die Scheibe zu fliegen.«
Papa seufzte, öffnete das Fenster und entließ die Fliege in die Freiheit.
»Wo fliegt sie jetzt hin?«, wollte Sofie wissen.
»Wahrscheinlich Richtung Mond, wie alle Fliegen, wenn es dunkel wird.«, antwortete Papa.
In diesem Moment fiel ihm die Neugier seiner kleinen Tochter ein. Er seufzte ein weiteres Mal und legte das dicke Buch in das Bücherregal, denn er wusste, was jetzt kam.
»Sie kann bis zum Mond fliegen?«, fragte sie neugierig.
Papa schüttelte den Kopf und verneinte.
»So weit kommen sie nicht.«
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, wie hoch fliegen eigentlich Fliegen? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar abenteuerlustigen Fliegen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Fliege, die den lieben langen Tag nichts anderen im Kopf hatte, als über die bunte Blumenwiese zu fliegen, von Blume zu Blume zu hopsen und hin und wieder ihre älteren Artgenossen zu ärgern.
Doch eines Tages, als wieder einmal die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand und es dunkel wurde, tauchte am Himmel ein neues Licht auf,
»Was ist denn das für ein großes Licht dort oben zwischen den vielen anderen?«, fragte die kleine Fliege neugierig ihre Mutter.
»Das ist der Mond.«, erklärte sie.
»Er taucht immer wieder mal auf und zieht seine Bahn über den Himmel. Mehr wissen wir Fliegen aber auch nicht über ihn. Er ist nie zu uns herunter gekommen und von uns wollte auch nie jemand hinauf fliegen.«
»Das ist ja unglaublich aufregend.«, sprach die kleine Fliege.
Es war ihr richtig anzumerken, wie sie sich im ihrem Köpfchen große Abenteuer ausmalte.
»Dann muss es halt mal jemand versuchen,«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer, sammelte ein paar Kleinigkeiten zusammen und stand ein paar Minuten später auf der Türschwelle, dazu bereit, den Mond zu besuchen,
»Ich kenne jedes fliegende Tier der Blumenwiese. Und weil der Mond dazu gehört, werde ich ihm einen Besuch abstatten.«
Ihr Entschluss stand fest. Sie winkte der Mutter noch ein Lebewohl zum Abschied und flog davon.
Mittlerweile war es richtig finster geworden. Die Blumenwiese sah nun nicht mehr so schön bunt aus, wie noch am Nachmittag. Alle Blüten waren fest verschlossen. Ihre schönen Farben würden sie erst am nächsten Morgen wieder zeigen. Doch darauf achtete die kleine Fliege nicht weiter. Sie düste über alles hinweg und machte erst am Rand der Wiese eine kleine Rast, wo sie sich umsah und ein Wiesel entdeckte.
»Hallo, Wiesel. Wo geht’s hier zum Mond?«, fragte sie freundlich.
Das Wiesel sah zum Himmel hinauf und grinste.
»Nach da oben, wohin sonst. Einen anderen Weg kenne ich nicht. Hab es selbst noch nie probiert.«
Also zog die kleine Fliege weiter ihres Weges. Unterwegs fragte sie sich bei allen Tieren durch, die sie traf. Darunter waren ein Uhu, eine Mücke, eine Maus und ein grimmiger Hund, der gerade einschlafen wollte.
Schließlich traf sie eine Motte, die ebenfalls auf dem Weg zum Mond war.
»Ja, ich kenne den Weg.«, sagte diese stolz.
»Schließ dich mir an, dann fliegen wir ihn zusammen besuchen.«
Also nahmen sie sich gegenseitig an der Hand und flogen hinauf zum Himmel, immer dem hellen Licht über ihnen entgegen. Doch sehr kamen sie nicht, denn je näher sie dem Mond kamen, desto heller, greller und wärmer wurde sein Licht.
Plötzlich knallten sie mit den Köpfen gegen eine harte Wand. Die Wucht ließ sie für einen Moment taumeln, bis sie begriffen, dass sie nun direkt vor dem Mond herum schwirrten.
»Seltsam.«, sagte die kleine Fliege.
»Den Mond habe ich mir aber viel größer vorgestellt. Immerhin kann man ihn von überall aus sehen.«
Dieser Meinung war die Motte auch. Aber sie hatten doch alles richtig gemacht. Sie waren dem hellen Licht bis ans Ziel gefolgt. Also musste es wohl der Mond sein.
Die kleine Fliege bedankte sich für den schönen, aber doch recht kurzen Flug und machte sich auf den Heimweg.
Von nun an erzählte sie überall herum, dass sie die erste und einzige Fliege der ganzen Welt sei, die bereits von der Erde bis zum Mond geflogen war. Das machte sie bei allen Fliegen unglaublich berühmt.
Sie sollte aber nie erfahren, dass es eigentlich nicht der Mond war, gegen den sie mitten im Flug gestoßen war, sondern nur eine einfache Straßenlaterne, deren Licht sie von ihrem wahren Ziel abgelenkt hatte.

»Und warum fliegen die Fliegen heute immer noch zum Mond?«, fragte Sofie.
Papa überlegte kurz, bevor er antwortete.
»Weil die anderen Fliegen diesen weiten und schweren Flug ebenfalls schaffen wollen.«
Sofie musste lachen.
»Papa, das ist eine tolle Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Papa grinste und zog seiner Tochter die Decke bis zur Nasenspitze, bevor er ihr eine gute Nacht wünschte und das Licht abschaltete.

(c) 2010, Marco Wittler

228. Die Fliegenklatsche

Die Fliegenklatsche

Ein lautes Summen ertönte über der großen Wiese. Bernie Brummer, die dicke Fliege, brauste zwischen den Blumen durch.
»Ach, was ist das Leben schön. Es gibt doch nichts Schöneres, dass mit den Flügeln zu schlagen und durch die Luft zu sausen.«
Es ging hin und her, rauf und runter, an einer grünen und einer blauen Blume vorbei. Zwischendurch ließ er sich fallen und hüpfte von einem Blatt zum anderen.
»Huiuiui, jupiduu.«
Doch mit einem Mal machte er Halt und blieb in der Luft stehen.
»Was ist denn da los?«
Auf dem Boden, zwischen den Grashalmen war ein Weinen zu hören.
»Das muss ich mir unbedingt anschauen.«
Bernie sauste hin und landete neben einer kleinen Fliegengruppe. Sie alle saßen zusammen und weinten wie die Schlosshunde.
»Warum vergießt ihr denn so viele Tränen? Ist etwas passiert?«
Zuerst konnte der dicke Brummer nichts verstehen. Alle redeten durcheinander und weinten noch dazu. Es dauerte ein paar Minuten bis er eine richtige Antwort bekam.
»Mein Mann ist tot. Ein großer Mensch hat ihn mit der Fliegenklatsche erledigt. Dabei war er doch noch so jung.«
»Eine Fliegenklatsche?«, fragte Bernie ungläubig.
»So ein fieses Ding. Dagegen haben wir kleinen Insekten doch gar keine Chance.«
Die trauernde Witwe begann wieder zu weinen.
»Dieser Mensch kommt jeden Tag auf die Wiese gelaufen und verscheucht uns von den Blumen. Wir wissen gar nicht mehr, wo wir hin sollen. Wer erwischt wird, verschwindet für immer.«
Bernie überlegte hin und her. Schon sah er sich, wie er sich eine neue Heimat suchte.
»Wir können uns doch nicht einfach vertreiben lassen. Wir müssen etwas dagegen unternehmen.«
Schon schlug er wieder kräftig mit seinen Flügeln und hob vom Boden ab. Als er die Wiese unter sich gelassen hatte, sah er sich um. In weiter Ferne entdeckte er ein Haus.
»Da muss er leben. Das schaue ich mich aus der Nähe an.«
Der dicke Brummer sauste los.

Ein paar Stunden später war er an seinem Ziel angekommen. Er setzte sich vor ein Fenster und sah ins Haus. Da wurde er auch schon entdeckt.
»Verdammte Fliegen. Euch werde ich lehren, mich hier zu stören.«
Eine große Menschenhand schlug mit einer großen Fliegenklatsche gegen das Fenster. Zum Glück war noch eine Glasscheibe im Weg, sonst wäre es um Bernie geschehen gewesen.
»Ich werde euch alle verjagen oder zerdrücken.«, hörte er den Menschen rufen.
»Du meine Güte. Der ist ja wütend. Das muss doch einen Grund haben.«
Der Brummer sauste wieder los und umrundete ein paar Mal das Haus. Immer wieder warf er kurze Blicke durch die Fenster in das Innere. Es dauerte allerdings eine ganze Weile, bis er fand, wonach er suchte.
»Schau mal einer an. Da stehen ganz viele Honiggläser auf dem Regal. Und wo Honig ist, da müssen auch Bienen sein.«
Mit dieser Vermutung lag er genau richtig. Ein paar Meter weiter standen mehrere Bienenstöcke. Um sie herum herrschte reges Treiben. Alle paar Sekunden flogen Bienen heran, die mit Pollen bepackt waren. Sie wurden abgelöst von anderen Bienen, die sich nun auf den Weg zu den vielen Blumen machten.
»Deswegen will uns der Mensch vertreiben. Er denkt wohl, dass wir Fliegen seinen Bienen den Blütenpollen stehlen. Er will den leckeren Honig wohl für sich behalten.«
Bernie überlegte bereits an einer Lösung, während er wieder nach Hause flog.

»Ich weiß es.«, rief der Brummer.
»Mir ist eingefallen, wie wir uns vor dem fiesen Menschen schützen können.«
Die anderen Insekten wollten ihren Ohren nicht glauben. Wie sollte eine kleine dicke Fliege den Kampf gegen einen so großen Feind gewinnen?
Kurz bevor Bernie landete, ließ er sich im Sturzflug in eine Blüte fallen. Als er wieder zum Vorschein kam, klebten an seinem ganzen Körper Pollen. Ein paar davon wischte er wieder fort.
»Bernie, du siehst auf einmal wie eine Biene aus.«
Der Brummer strahlte über das ganze Gesicht.
»Wenn wir uns alle so verkleiden, wird uns der Mensch nicht mehr erkennen. Er wird denken, dass wir zu seinen Bienen gehören und uns dann in Ruhe lassen.«
Großer Jubel war nun zwischen den Gräsern der großen Blumenwiese zu hören. Von diesem Tag an wurde die gefährliche Fliegenklatsche nie wieder gesehen.

(c) 2009, Marco Wittler