621. Ein Weihnachtsbaum im Kinderzimmer

Ein Weihnachtsbaum im Kinderzimmer

Emma sah Papa begeistert dabei zu, wie er den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer aufstellte. Zur gleichen Zeit brachte Mama mehrere Kisten herein, die mit bunten Kugeln, Sternen, Figürchen und Lametta gefüllt waren.
„Kannst du mir auch einen Weihnachtsbaum aufstellen?“, fragte Emma irgendwann.
„Der Baum ist doch für uns alle da.“, erklärte Papa.
„Aber ich möchte einen eigenen Weihnachtsbaum in meinem Kinderzimmer haben.“, bat Emma weiter.
Papa setzte sich mit seiner Totchter auf das Sofa. Dann versuchte er es erneut.
„Weißt du, mein kleine Prinzessin, so ein Weihnachtsbaum ist ziemlich groß. Dafür ist in deinem Zimmer nicht genug Platz. Außerdem hat nicht jeder seinen eigenen Baum. Deswegen steht er hier im Wohnzimmer. Dann können wir uns gemeinsam an ihm erfreuen. Stell mir mal vor, ich würde noch einen im Schlafzimmer aufstellen. Wenn die Mama dann in der Nacht zur Toilette muss und in die herab gefallenen Nadeln tritt, bekomme ich ganz viel Ärger.“
Emma lachte, als sie sich das in ihrem Kopf vorstellte.
„Trotzdem wäre ein Weihnachtsbaum nur für mich super toll.“
Dann sprang sie auf und flitzte in ihr Kinderzimmer, aus dem sie eine ganze Weile nicht mehr heraus kam.

Etwa eine Stunde später, die Lichterkette hing mittlerweile im Weihnachtsbaum und Mama hatte gerade mit dem Verteilen des restlichen Baumschmucks begonnen, stand Emma wieder grinsend im Wohnzimmer.
„Wie? Ihr seid mit eurem Baum immer noch nicht fertig? Ich mit meinem schon.“
Mama und Papa sahen das Mädchen verwirrt an.
„Fertig? Mit deinem Baum? Aber woher…?“
Sie ließen sich von Emma ins Kinderzimmer führen, wo sie ganz stolz ihren ersten, eigenen Weihnachtsbaum präsentierte.
„Ich hab meine alten Fingerfarben aus dem Schrank geholt und so lange grün angemalte Hände auf das Fenster gepatscht, bis mein Baum fertig war.“
„Das hast du prima gemacht.“, lobte Mama. „So nimmt er auch keinen Platz weg.“
„Und wenn das Christkind kommt, kann es meine Geschenke direkt darunter auf meinen Schreibtisch legen. Dann kann ich sie noch in der Nacht auspacken.“, freute sich Emma wie ein Honigkuchenpferd.

(c) 2017, Marco Wittler

619. Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Es waren die letzten Tage vor Weihnachten. Die Männer des Dorfes gingen, mit scharfen Äxten bewaffnet, in den nahen Wald und fällten einige Tannen, um sie mit sich nach Hause zu nehmen. Die Bäume, die stehen bleiben durften, wunderten sich sehr. Es war noch nie vorgekommen, dass die Menschen komplette Tannen fort schafften. Vorher hatten sie immer alle Äste abgeschnitten und im Wald gelassen.
»Da stimmt doch etwas nicht. Was geht da bloß vor sich?«, wunderte sich eine Tanne.
Sie wurde so neugierig, dass sie unter größten Mühen ihre Wurzeln aus dem Erdreich zog und sich auf den Weg ins Dorf machte. Leise schlich sie sich durch die Straßen und engen Gassen und warf da und dort einen Blick in die Häuser.
Überall entdeckte sie die gefällten Tannen, wie sie in den Wohnzimmern standen und von den Menschen rundherum mit bunten Kugeln und Kerzen geschmückt wurden.
»Das ist ja noch seltsamer, als ich es mir vorgestellt habe. Was hat das nur zu bedeuten? Normalerweise werden wir doch in Stücke zerhackt und verbrannt.«
Sie wanderte weiter, hielt immer wieder ein Ohr an die Fenster und lauschte den Gesprächen und Erzählungen. Die Menschen redeten die ganze Zeit von Christbäumen, von Weihnachten und von einer besinnlichen Zeit.
»Ob dieses Weihnachten wirklich so schön ist? Und wenn ja, warum feiern wir das in unserem Wald nicht auch?«
Die Tanne ging wieder zurück und dachte noch lange über all das nach, was sie gesehen und gehört hatte. Es ließ sie einfach nicht mehr los. Schließlich fasste sie einen Entschluss.
»Wir werden in diesem Jahr auch Weihnachten feiern.«
Als sie an einem Feld vorbei kam, entdeckte sie eine alte Vogelscheuche, die einem Menschen nicht ganz unähnlich war. Kurzerhand griff sie zu und nahm ihren Fund mit.
Als sie wieder bei den anderen Tannen im Wald stand und ihre Wurzeln in die Erde grub, erzählte sie vom Weihnachtsfest und den Christbäumen.
»Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schön sie alle aussahen.«
»Aber wer von uns soll sich denn so schick machen, dass sie die anderen daran erfreuen können?«
Die erste Tanne grinste.
»Niemand. Wenn die Menschen Bäume schmücken, machen wir es genau umgekehrt. Wir schmücken einen Menschen. Na gut, keinen Echten. Wir nehmen einfach diese Puppe.«
Dann stellten sie die Vogelscheuche zwischen sich auf und schmückten sie mit Eicheln, Zapfen, Moosen und Schneeflocken.
Wären die Menschen zu dieser Zeit nicht damit beschäftigt gewesen, ihr eigenes Weihnachtsfest zu feiern, hätten sie sich bestimmt gewundert, warum im Wald ein Weihnachtslied gesungen wurde, obwohl außer den vielen Bäumen niemand sonst zu sehen war.

(c) 2017, Marco Wittler

618. Der erste Christbaum oder „Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?“ (Paapa erklärt die Welt 42)

Der erste Christbaum
Oder »Papa, schmücken wir eigentlich Christbäume?«

Papa hatte in der letzten Stunde in einer Ecke des Wohnzimmers den Christbaum aufgestellt und mit einer langen Lichterkette ausgestattet. Der Baum war viel größer, als die anderen in den Jahren zuvor. Er reichte mit seiner Spitze bis zur Decke.
»Den Christbaum habe ich gut ausgesucht. Er ist wunderschön.«, war seine kleine Tochter Sofie stolz auf ihre Wahl.
»Jetzt müssen wir ihn nur noch mit bunten Kugeln schmücken.«
Sie schob einen großen Pappkarton quer durch den Raum und holte die erste Kugel heraus. Vorsichtig reichte sie sie Papa nach oben, der bereits auf einer Trittleiter stand. Doch bevor sie die zerbrechliche Glaskugel abgab, zog Sofie ihre Stirn kraus.
»Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?«
»Wie meinst du das? Natürlich weil das schön aussieht. Warum auch sonst?«
Sofie verdrehte die Augen und legte die Kugel zurück in den Pappkarton. Dann stand sie auf, stellte sich vor Papa und stemmte die Hände in die Seiten.
»Du weißt ganz genau, was ich meine. Nimm mich bitte nicht auf den Arm. Du weißt doch sonst immer alles.«
Sie seufzte.
»Warum schmücken wir unseren Christbaum? Das muss sich doch jemand ausgedacht haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Christbäumen und dem Weihnachtsfest. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Stadt, die mitten in einem großen Wald lag. Die äußersten Häuser waren nur wenige Meter von den nächsten Bäumen entfernt.
Kurz vor dem Weihnachtsfest schneite es das erste Mal in diesem Jahr. Schon nach wenigen Stunden war die Erde weiß geworden und die Bäume sahen aus, als hätte sie jemand mit Puderzucker bestreut.
Während sich die Menschen der Stadt, wie in jedem Jahr überlegten, wie sie zum Fest ihre Häuser schmücken könnten, sah ein kleines Mädchen aus dem Fenster und war begeistert über den Schnee.
»Papa, schau mal da draußen.«
»Ja, ich weiß.«, antwortete ihr Vater. »Es schneit. Das ist nichts besonderes.«
»Aber schau doch mal, wie wunderhübsch alles aussieht.«
Der Vater seufzte leise und legte dann seine Arbeit zur Seite. Dann ging er hinüber zum Fenster und warf ebenfalls einen Blick nach draußen.
Dort war nichts, was er nicht schon oft genug in seinem Leben gesehen hatte. Die unzähligen Bäume des Waldes und der Schnee, der sie mittlerweile bedeckte.
»Ist das nicht schön?«, schwärmte das kleine Mädchen.
Der Vater setzte sich auf einen kleinen Schemel, legte seine Arme auf das Fensterbrett und dachte an die Zeit zurück, als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war. Er hatte unglaublich viele Stunden am Fenster gesessen und dem wilden Treiben der Schneeflocken zugesehen. Irgendwann war das vorbei gewesen. Irgendwann war seine Kindheit beendet. Als Erwachsener hatte ihm immer die Zeit für so etwas Schönes gefehlt.
»Ja, das ist wirklich unglaublich schön.«, schwärmte er leise.
Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er sprang auf und lief durch das kleine Haus, während er sprach.
»Weißt du was? Mir fällt da gerade etwas wirklich Unglaubliches ein. Jetzt weiß ich endlich, wie wir an Weihnachten unser Haus schmücken können. Wir brauchen etwas mehr Glanz unter unserem Dach. Und den habe ich gerade gesehen.«
Er lief in eine Kammer, kam mit einem Mantel bekleidet und mit einer Axt bewaffnet zurück. Damit ging er nach draußen zum Waldrand.
Kurz darauf kam er mit einer kleinen Tanne zurück und stellte sie in einer Ecke des Raums auf.
»Ist das nicht herrlich? Wie schön das Licht der Kerzen im Schnee glitzert.«
Der Vater und seine Tochter waren begeistert. Doch die Begeisterung verschwand bereits nach wenigen Minuten. Für den Schnee war das Haus zu warm. Er taute auf, verwandelte sich in Wasser und fiel in dicken Tropfen zu Boden. Dort sammelte er sich in mehreren Pfützen.
»So funktioniert das nicht.«, war der Vater enttäuscht. »Ich dachte, ich hätte mir etwas wirklich Großartiges einfallen lassen.«
»Ist nicht schlimm.«, sagte deine Tochter.
Dann lief sie zu ihrem Bett und holte unter dem Kopfkissen ein kleines Säckchen hervor.
»Kannst du vielleicht meine Murmeln an den Baum hängen?«, fragte sie. »Die können auch glitzern, weißt du?«
Dankbar nahm der Vater die Murmeln an. Um jede einzelne band er einen dünnen Faden und hängte sie dann an den Ästen des Baumes auf.
Nun glitzerte das Licht der Kerzen wieder im ganzen Raum.
»Der Baum ist wunder-, wunderschön.«, flüsterte das kleine Mädchen.
»Von deiner Idee sollten wir allen anderen Menschen in der Stadt erzählen. Sie sollten auch so etwas Schönes im Haus haben.«

»Und seitdem schmücken alle Menschen ihre Christbäume?«, fragte Sofie.
Papa nickte. »Ja, das stimmt. Mit ein paar einfachen Glasmurmeln hat das alles angefangen.«
»Eine wirklich tolle Idee, die dem Vater da eingefallen ist. Das war eine prima Geschichte, Papa.«
Dann hielt sich Sofie ihre Hand vor den Mund und kicherte leise.
»Und trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sie reichte Papa die erste Glaskugel, die er nun an den Christbaum hängte.

(c) 2017, Marco Wittler

615. Der kleine Christbaum

Der kleine Christbaum

In einer großen Baumschonung am Waldrand standen Tannenbäume dicht an dicht. Eine war schöner als die andere. Selbst in ihrer Größe vesuchten sie sich gegenseitig zu überbieten. Sie würden wahrlich prächtige Christbäume in der nahen Weihnachtszeit abgeben und in jedem Wohnzimmer zum Mittelpunkt werden. Nur mitten drin stand eine kleine Tanne, die über die Jahre hinweg einfach nicht gewachsen war. Während die anderen Meter um Meter gen Himmel gestrebt waren, hatte sie es gerade mal auf schlappe dreißig Zentimeter gebracht.
Anfang Dezember war es dann irgendwann so weit. Der Waldbauer kam in die Schonung und sah sich zufrieden um. In diesem Jahr würde er mit seinen Tannen ein gutes Geschäft machen können. Nach und nach markierte er jeden einzelnen Baum mit einem bunten Bändchen. Jeder von ihnen bekam eines ab. Nur die kleine Tanne ging leer aus. Das wunderte sie, denn es war ihr allergrößter Wunsch, eines Tages in einem warmen Wohnzimmer zu stehen, mit einer Fülle Geschenke unter ihren Ästen und geschmückt mit bunten Kugeln und Lametta. Das war das Ziel einer jeden Tanne in der Baumschonung.
„Vielleicht hat er mich vergessen oder einfach nur übersehen, weil ihm eine andere Tanne im Weg stand.“, machte sich die kleine Tanne Mut.
„Wenn die anderen erstmal weg sind, dann wird er mich entdecken und zum Christbaum machen.“

Einen Tag später stand der Waldbauer wieder zwischen den Bäumen. Dieses Mal war er allerdings nicht allein gekommen. Ihm folgten mehrere starke Männer, die Sägen und Äxte in Händen hielten. Jetzt war es also soweit. Nun würden die Tannen gefällt und in den nächsten Tagen als Christbäume verkauft werden. Die Aufregung unter dem Bäumen stieg spürbar an.
Eine tanne nach der anderen wurde umgelegt und zum Hof des Bauern abtransportiert. Die Schonung wurde immer leerer. Irgendwann fiel dann auch der vorletzte Baum. Einzig die kleine Tanne stand noch in der Mitte und wartete gespannt darauf, nun selbst an der Reihe zu sein.
„Das war es dann für dieses Jahr.“, rief der Waldbauer plötzlich. „Ihr könnt einpacken, Männer.“
Die Arbeiter schafften ihr Werkzeug in mehrere Wagen und fuhren davon. Die kleine Tanne blieb allein zurück.
„Und was ist mit mir? Warum nehmt ihr mich denn nicht mit? Ich will doch auch ein Christbaum werden.“
Traurig verdrückte sie sich ein paar Tränchen und schniefte laut.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte da plötzlich ein leises Stimmchen.
Die kleine Tanne sah sich verwirrt um. Schließlich stand sie nun ganz allein in der Baumschonung. Von den Anderen waren nur ein paar Baumstümpfe und Wurzeln übrig geblieben. Dann entdeckte sie eine kleine Raupe, die auf einem ihrer Äste saß. Das kleine Insekt hatte sich mit einem langen Schal ordentlich eingewickelt und eine warme Pudelmütze aufgesetzt, um in der Winterkälte nicht zu erfrieren.
„Meinst du mich?“, fragte die kleine Tanne verwirrt.
„Ja. Natürlich meine ich dich. Wen denn sonst? Es ist ja kein anderer Baum mehr hier. Also: was ist mir dir los? Warum bist du so traurig?“
Die kleine Tanne schniefte ein weiteres Mal.
„Ach, weißt du, ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal eine stattliche Tanne zu werden und eines Tages als geschmückter Christbaum im Mittelpunkt eines warmen Wohnzimmers zu stehen und die Menschen zu erfreuen. Aber nun stehe ich hier ganz allein am kalten Waldrand und wurde einfach übersehen und vergessen.“
„Sei doch froh, dass du hier noch stehen darfst. Denk mal darüber nach, was jetzt mit den anderen Tannen geschieht. Sie wurden gefällt, ihrer Wurzeln beraubt. Sie stehen für ein paar Tage in einem viel zu warmen Wohnzimmer, verlieren nach und nach ihre Nadeln und landen nach dem Weihnachtsfest auf dem Müll. Du hingegen darfst hier am Waldrand bleiben. Ist das nicht viel schöner?“
Die kleine Tanne hätte nur zu gern ihren Kopf geschüttelt. Aber für einen Baum war das einfach zu schwer.
„Nein. Du verstehst das nicht, kleine Raupe. Ich bin eine Tanne. Es ist meine Aufgabe, ein Christbaum zu werden. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Ich lande gerne irgendwann auf dem Müll, wenn ich dafür den Menschen für ein paar Tage Glanz und Freude in die Häuser bringen darf. Außerdem ist es kein wirklich schönes Leben, wenn man ganz allein in der Baumschonung lebt und einsam ist.“
Die kleine Raupe seufzte. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wünschte der kleinen Tanne alles Gute und krabbelte davon.

Am nächsten Tag tat sich wieder etwas am Waldrand. Es war eine kleine Mäusefamilie, die von Baumstumpf zu Baumstumpf lief. Überall schnupperten sie und suchten nach etwas, das sie aber nicht finden konnten.
„Haben wir dieses Jahr wirklich Pech?“, war der Mäusevater enttäuscht. „Jedes Jahr hinterlassen die Menschen beim Fällen der Bäume ein paar grüne Tannenzweige, die wir als Christbaum benutzen können, aber dieses Mal gehen wir wohl leider leer aus. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest für unsere kleinen Mäusekinder. Wir werden die Geschenke in diesem Jahr wohl unter den Küchentisch legen müssen.“
Er wollte schon umkehren und seine Familie zurück in ihre Höhle scheuchen, als sein Blick auf die kleine Tanne fiel.
„Was ist denn das? Träume ich etwas oder wollen mir meine alten Augen einen Streich spielen? Das kann doch gar nicht wahr sein?“
Langsam näherte er sich der kleinen Tanne und schnupperte an ihr.
„Es ist ein Tannenbaum, ein richtig echter Tannenbaum, nicht nur ein paar gefallene Zweige. Das habe ich noch nie erlebt.“
Er wischte sich ein paar Freudentränen aus dem Gesicht. Dann machte er sich vorsichtig an die Arbeit und buddelte die kleine Tanne vorsichtig aus der Erde. Dann brachte die Mäusefamilie ihren Fund gemeinsam nach Hause und pflanzte ihn vor der Höhle wieder in den Waldboden.
Während der Mäusevater in Windeseile alle Verwandten aus der Umgebung zum bevor stehenden Weihnachtsfest einlud, schmückte die Mäusemutter die kleine Tanne und verwandelte sie in einen echten Christbaum. Ein paar Stunden später versammelten sich die Mäuse des Waldes um sie herum, sangen Weihnachtslieder und bedachten sich gegenseitig mit kleinen Geschenken.
Der kleinen Tanne war es warm ums Herz geworden. Ihr großer Traum war endlich wahr geworden. Sie war nun ein echter Christbaum. Sie stand zwar nicht in einem warmen Wohnzimmer, dafür war sie aber auch nicht gefällt worden.

Jahr für Jahr trafen sich nicht nur die Mäuse, sondern immer mehr Tiere des Waldes am kleinen Christbaum und feierten gemeinsam Weihnachten. Jahr für Jahr wurde sie größer und größer und entwickelte sich zu einer stattlichen Tanne, deren Glanz den ganzen Wald erleuchtete.
„Ich bin nicht nur ein Christbaum geworden.“, dachte sich die Tanne an jedem Weihnachtsfest. „Ich bin auch ein großer Baum geworden und darf Jahr für Jahr Christbaum sein. Das haben die anderen Tannen aus der alten Baumschonung nicht geschafft.“

(c) 2017, Marco Wittler

411. Die dicke Schneeflocke

Die dicke Schneeflocke

In den Wolken herrschte reges Treiben. Unzählige kleine Schneeflocken machten sich bereit auf ihren ganz großen Auftritt. In ein paar Minuten würden sie zur Erde fallen und sie weiß färben.
»Leute, ihr wisst, was zu tun ist.«, sagte der Schneegeneral.
»Aber zur Sicherheit gehen wir den Plan noch einmal durch.«
Die Schneeflocken nickten eifrig und hörten ihm zu.
»Um Punkt achtzehn Uhr öffnen wir die Wolkentore. Ihr werdet euch in Zweierreihen aufstellen und dann todesmutig in die Tiefe stürzen. Ich erwarte von euch einen erstklassigen Sprung zur Erde. Keiner von euch wird aus der Reihe tanzen. Also dreht euch schön hin und her, damit sich die Menschen da unten über euch richtig freuen können.«
Die Schneeflocken hoben die rechte Hand an die Stirn und salutierten.
Nur noch fünf Minuten. Die Aufregung steigerte sich immer mehr. Nur eine dicke Flocke war etwas unsicher. Das lag aber auch daran, dass sie von den anderen immer gehänselt wurde.
»Du fällst bestimmt wie ein schwerer Stein zum Boden.«, flüsterten sie ihr immer wieder zu.
»Du bist eine Schande für das ganze Schneeflockenvolk. Dich hätte man gar nicht erst ausbilden sollen.«
Und dann war es so weit. Die Tore der Wolken wurden geöffnet. Der General stand ganz vorn und gab das Kommando zum Sprung.
»Auf geht’s, Männer. Ich will keine Angst in euren Augen sehen. Los, raus mit euch.«
Die Flocken reihten sich ein und sprangen in die Tiefe. Sie tanzten in der Luft hin und her, wirbelten wie wild herum und färbten die Erde schließlich weiß ein, als hätte jemand ein großes Laken ausgebreitet. Doch dann kamen die Flocken ins Stocken. Es ging nicht mehr weiter.
»Los, dicker. Mach schon. Entweder du springst oder machst uns Platz.«, rief jemand von hinten.
»Du bist eh viel zu dick für den Job.«
Alle lachten. Das machte es der dicken Schneeflocke noch viel schwerer zu springen.
»Hör nicht auf sie.«, flüsterte der General.
»Ich war in meiner Jugend auch dick und nun schau, was aus mir geworden ist. Wenn du nur ganz fest an dich glaubst, dann kannst du alles erreichen.«
Er zwinkerte freundlich.
»Und nun spring. Ich bin davon überzeugt, dass du für etwas ganz Besonderes bestimmt bist.«
Die dicke Schneeflocke schöpfte Hoffnung. Sie sah sich noch einmal um, dann sprang sie nach draußen.
»Hui, ist das ein Wind.«, jubelte sie laut.
»Das macht riesig viel Spaß.«
Die anderen Schneeflocken sahen ihr nur verwirrt nach. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sie wirklich springen würde.
»Aber wo lande ich denn jetzt?«, fragte sich schließlich die dicke Flocke, als der Boden unter ihr schon bedrohlich nahe gekommen war.
Doch dann war es bereits zu spät, sich darüber Gedanken zu machen. Sie blieb an der Spitze einer großen Tanne hängen.
»Schaut mal.«, rief ein Kind aus einem nahen Haus.
»Da draußen glitzert etwas auf unserem Weihnachtsbaum.«
Sofort liefen die Menschen nach draußen und besahen sich die dicke Schneeflocke.
»Das ist noch viel schöner, als der Weihnachtsstern, den wir jedes Jahr auf die Spitze setzen.«
Also blieb in diesem Jahr der Weihnachtsstern im Keller und die Menschen feierten gemeinsam mit der dicken Schneeflocke, die nun richtig stolz war, dass sie sich getraut hatte, aus der Wolke zu springen.

(c) 2012, Marco Wittler

362. Der Baum muss weg

Weg mit dem Baum

»Heilige Drei Könige.«, las Alexander vom Kalenderblatt und sah im Augenwinkel, dass Mama und Papa die Kugeln und das Lametta vom Weihnachtsbaum nahmen.
»Was macht ihr denn mit dem Baum?«, fragte er entsetzt und drehte sich schnell um.
»Der ist doch so schön. Den könnt ihr doch nicht einfach so ohne irgendwas hier stehen lassen.«
Papa setzte sich auf das nahe Sofa und nahm seinen Sohn auf den Schoß.
»Der Weihnachtsbaum soll ja nicht stehen bleiben. Es wird Zeit, dass er aus der Wohnung raus kommt. Weihnachten ist ja schließlich schon zwei Wochen vorbei. Irgendwann wird eine Tanne nun mal trocken und stirbt ab. Dann fallen ihre Nadeln ab und sie sieht gar nicht mehr schön aus.«
Aber das wollte Alexander gar nicht hören. Stattdessen protestierte er lautstark.
»Wir können doch nicht einfach einen Baum wegwerfen. So was macht man nicht. Den kann man doch bestimmt noch irgendwie gebrauchen.«
Er lief schnell zum Fenster und sah hinaus in den Garten.
»Können wir den Baum denn nicht dort draußen eingraben bis zum nächsten Weihnachten?«
Papa musste grinsen.
»Nein, das geht leider nicht. Der Baum ist doch abgesägt. Er hat keine Wurzeln mehr.«
Alexander war beleidigt.
»Die Nachbarn werden bestimmt mit euch schimpfen, wenn ihr den Baum weg werft.«
»Dann schau doch mal durch das Fenster auf die Straße.«, schlug Papa vor.
Der Junge lief sofort in die Küche. Nur Sekunden später staunte er nicht schlecht. Vor jedem Haus lag mindestens eine Tanne, meistens sogar zwei oder drei.
»Das gibt’s ja gar nicht. Jeder wirft einfach seinen Baum weg. Das ist so gemein. Vielleicht braucht sie noch irgendwer.«
Papa seufzte.
»Ich hab da eine Idee. Wir fahren in den Zoo. Dort werde ich dir etwas zeigen.«
Er half Alexander in die dicke Winterjacke und setzte ihn ins Auto. Gemeinsam fuhren sie in den nahen Zoo, wo direkt zum Kamelhaus gingen.
»Was machen wir denn hier?«, wollte Alexander wissen.
»Das wirst du gleich sehen.«, antwortete Papa.
Sie öffneten die Tür und traten ein. Zu beiden Seiten waren Gitter angebracht, hinter denen die Kamele standen. Und nun musste Alexander grinsen.
»Die fressen ja Weihnachtsbaume.«, sagte er erstaunt.
»Du siehst also, dass unsere Bäume nicht einfach nur in den Müll kommen.«, erklärte Papa.
»Das hättest du doch gleich sagen können. Dann darfst du unseren Baum an die Straße legen.«

(c) 2011, Marco Wittler

159. Glühwürmchen

Glühwürmchen

Die Tage waren kürzer geworden. Die Anzeige auf dem Thermometer  fiel und eine unüberschaubare Menge Schnee hatte sich auf die Erde gelegt. Überall auf dem Boden glitzerte das Licht von Mond und Sternen.
Weihnachten stand vor der Tür und alle Menschen bereiteten sich fieberhaft darauf vor. Die letzten Geschenke wurden verpackt und Häuser festlich geschmückt. Auch ein großer Weihnachtsbaum durfte in keiner einzigen Stube fehlen.
Das war im nahen Dorf so und in der Schule für Hexen und Zauberer nicht anders. Doch hier war alles etwas anders.
Der Schuldirektor, ein alter Zauberer mit langem Bart stand in der großen Eingangshalle und überwachte die Arbeiten des Hausmeisters. Dieser hatte nämlich gerade ein paar grüne Zweige unter der Decke angebracht und stemmte nun eine ziemlich große Tanne in einen Baumständer.
»Noch ein kleines Stück zurück. Nein, jetzt wieder etwas nach links. Ja, genau. Das ist perfekt.«
Der Baum stand und wurde festgeschraubt. Nun würde er während der Feiertage alle Schüler erfreuen.
»Aber was lasse ich mir denn in diesem Jahr einfallen, um ihn richtig zur Geltung zu bringen?«, fragte sich der Direktor.
Er braucht schon einen ganz besonderen Schmuck, damit er sich von den Bäumen der Dorfbewohner abhebt. Schließlich sind wir doch eine Zauberschule.«
Er zog sich seinen dicken Mantel an und begab sich in den Wald. Dort sah er sich überall um. Doch die letzten Pilze des Herbstes und ein paar alte Moose waren alles, was er fand.
»Also damit kann ich nun wirklich nichts anfangen.«
Doch in diesem Moment wurde er auf ein kleines Loch in einem Baum aufmerksam, in dem es seltsam leuchtete. Er ging vorsichtig näher und sah hinein.
»Du meine Güte, das ist ja ein ganzer Schwarm Glühwürmchen. Das ist genau das, wonach ich gesucht habe.«
Er holt mit der Hand ein Glühwürmchen nach dem anderen aus dem Loch und verstaute sie in einer kleinen Holzkiste, die er zuvor aus seiner großen Tasche genommen hatte.
»Wenn ich die kleinen Tierchen in gläserne Kugeln steckte, werden sie den Baum in ein herrliches Licht eintauchen. Die Schüler werden begeistert sein.«
Mit seinem Fund machte er sich schon nach ein paar Minuten auf den Heimweg.

Zurück in seinem Büro zauberte sich der Direktor eine große Kiste mit gläsernen Kugeln. In jede dieser Kugeln sperrte er nun jeweils einen der kleinen Leuchtkäfer.
Am Abend rief er alle Schüler in die Eingangshalle. Jeder sollte sich beteiligen und den Baum schmücken.
»Zuerst kommt das Lametta an die Äste, danach die Strohsterne und Engelsfiguren. Ganz zum Schluss hängt ihr die leuchtenden Kugeln an den Baum.«
Die Schüler sahen in die Kiste und bekamen große Augen. Sie konnten es nicht glauben, aber in jeder einzelnen Kugel war ein kleines Glühwürmchen gefangen.
Der Schulsprecher nahm eine von ihnen und trat vor den Direktor.
»Es tut mir leid, aber wir können diese Tiere unmöglich so an unseren Baum hängen. Es sind lebende Wesen und sie sind bestimmt nicht glücklich darüber, dass sie nun eine lange Zeit in einer Glaskugel verbringen müssen.«
Darüber hatte der Direktor gar nicht nachgedacht.
»Du hast natürlich Recht, mein Junge. Jetzt habe ich ein richtig schlechtes Gewissen. Was machen wir denn nun? Wir brauchen doch eine festliche Beleuchtung für unseren Baum.«
Doch die Schüler hatten bereits eine Idee. Sie schraubten die vielen Kugeln auf und ließen die Glühwürmchen frei. Zum Dank flogen die kleinen Käfer nun in den Baum hinein, verteilten sich auf den Ästen und leuchteten um die Wette.
»Sie wollen den ganzen Winter über hier in der warmen Schule verbringen. Es gefällt den Glühwürmchen hier viel besser als im kalten Wald. Sie möchten allerdings nie wieder eingesperrt werden.«, sagte der Schulsprecher.
»Dafür werde ich höchstpersönlich sorgen.«, versprach der Direktor.
Nun leuchtete der Weihnachtsbaum so schön und hell, wie er es in keinem anderen Jahr zuvor getan hatte. Und alle paar Minuten flogen die kleinen Tierchen um die Baum herum und ließen sich an einem neuen Platz nieder.

(c) 2008, Marco Wittler