635. Der Dieb im Supermarkt

Der Dieb im Supermarkt

Anna war die Letzte im Supermarkt. Sie hatte bis zum Schluss gearbeitet. Nun sah sie noch einmal nach dem Rechten und schaltete überall das Licht aus. Ihr letzter Blick, bevor sie die Tür abschloss, galt einer kleinen Schale voller Eicheln, Kastanien und Bucheckern, die sie zur Dekoration an ihre Kasse gestellt hatte. Dann drehte sie den Schlüssel der Eingangstür um und machte Feierabend.
Am nächsten Tag öffnete Anna wieder die Tür. Sie schaltete das Licht an, startete ihre Kasse und staunte nicht schlecht. Die Schale vor ihrer Nase war fast leer. Die Eicheln und Bucheckern waren verschwunden. Nur die Kastanien waren noch da.
»Das kann doch gar nicht sein. Zwischen gestern Abend und heute Morgen war niemand mehr hier drin. Wie kann denn da meine Deko verschwinden?«
Sie zuckte mit den Schultern und holte aus ihrem Schrank ein paar neue Eicheln und Bucheckern.
Doch einen Tag später waren auch diese nicht mehr da. Anna wurde unsicher. Es war ihr eigener, kleiner Supermarkt. Sie war die Einzige, die einen Schlüssel besaß. Es konnte niemand hier herein kommen.
»Und vor allem: warum klaut der Dieb immer nur Eicheln und Bucheckern und sonst nichts anderes?«
In den nächsten Tagen änderte sich nichts an ihrem Problem. Selbst die herbei gerufene Polizei konnte keine Einbruchsspuren entdecken. Also nahm sich Anna vor, den Dieb selbst zu fangen.
Erneut schloss sie am Abend die Tür ab, dieses Mal aber von Innen. Dann versteckte sie sich unter der Obsttheke, wartete ab und ließ ihre Kasse nicht mehr aus den Augen.
Die Zeit verging. Stunde um Stunde drehten sich die Zeiger auf der Uhr. Nichts geschah. Die Dekorationsschale war prall gefüllt. Der Dieb ließ sich allerdings nicht blicken. Irgendwann schlief Anna ein.
Tief in der Nacht schreckte sie plötzlich hoch. Ein Geräusch hatte sie geweckt. Was war es gewesen? Ein leises, kratzendes Geräusch? Tatsächlich. Da war es wieder zu hören. Es näherte sich unaufhörlich der Kasse. War das der Dieb?
Gespannt richtete sich Anna auf. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, schaltete die Kamera an und filmte alles, was sich da in der Dunkelheit tat.
Plötzlich sprang ein kleiner Schatten von einer der Deckenlampen zur Kasse herab. Anna suchte sofort nach ihrer Taschenlampe, schaltete sie ein und richtete sie auf den Dieb.
Vor ihr saß ein kleines, rotes Eichhörnchen, das gerade dabei war, eine Eichel fort zu tragen. Aufgeschreckt durch das grelle Licht, ließ es seine Beute fallen und flüchtete. Nach wenigen Metern verschwand es durch ein kleines Loch in der Wand.
»Halt! Warte doch! Ich tu dir nichts!«
Anna lief dem Tier nach und leuchtete in das Loch. Dort saß das Eichhörnchen zitternd zwischen den geklauten Waldfrüchten.
»Du hast bestimmt Hunger.«
Anna lief schnell zur Kasse. Sie holte alle Eicheln und Bucheckern, die sie noch besaß und legte sie vorsichtig in das Loch hinein.
»Ich bringe dir auch noch mehr mit. Dann schaffst du es ohne Hunger durch den Winter.«
Ein paar Tage später schraubte Anna ein neues Schild über den Eingang ihres kleinen Supermarkts. Von da an hieß er ‚Eichhörnchen-Laden‘.

(c) 2017, Marco Wittler

387. Den Einbrechern auf der Spur

Den Einbrechern auf der Spur

Tom steckte seinen Schlüssel in das Türschloss, drehte ihn einmal im Kreis und betrat anschließend die Wohnung. Mit dabei war sein Schulfreund Ben, der den Nachmittag bei ihm verbringen wollte.
»Mein Papa arbeitet bis zum Abend. Meine Mama ist bei Oma und bringt ihr das Mittagessen. Sie kommt aber in ein paar Minuten zurück.«, erklärte er.
»Wir können bis dahin in mein Zimmer gehen und etwas spielen.«
Die Jungs gingen zur letzten Tür des Flures. Schon beim Öffnen fiel Tom sofort auf, das Etwas nicht stimmte.
»Was ist denn hier passiert?«, rief er schockiert.
Die kleinen Legokisten  waren umgeworfen, die Bausteine über den ganzen Boden verteilt. In den Regalen stand nichts mehr an seinem Platz. Sogar ein paar Bilder waren von der Wand gefallen.
»Hast du gestern Abend eine Party gefeiert und mich nicht dazu eingeladen?«, witzelte Ben.
Tom war gar nicht zum Lachen.
»Hier ist jemand eingebrochen.«
Sofort sah er sich um. Er versuchte sich einen Überblick zu verschaffen, ob etwas fehlte. Auf dem Schreibtisch sollte eigentlich ein besonders wichtiges Kästchen liegen.
»Es ist weg.«
»Was ist weg?«, wollte Ben wissen.
»Meine Fußballsammelkarten. Ich hatte sie in einem kleinen Kasten. Das waren die ganz seltenen Glanzkarten. Weißt du eigentlich, wie teuer die sind?«
Ja, das wusste Ben, denn er hatte noch keine einzige davon und war immer wieder neidisch auf seine Freunde.
»Der Einbrecher muss durch das Fenster gekommen sein. Es ist angekippt.«
Tom bekam einen genervten Gesichtsausdruck.
»Und wie soll der Einbrecher da durch gekommen sein? Das ist doch viel zu schmal. Außerdem wohnen wir in der zweiten Etage.«
»Ist doch klar. Er ist am Baum hinauf geklettert, hat die Hand durch den Schlitz gesteckt und das Fenster komplett geöffnet. Hinter sich hat er es wieder geschlossen, damit man von der Straße aus nichts Verdächtiges entdecken kann. Nachdem er dann dein ganzes Zimmer durchwühlt und die Karten gefunden hat, ist er durch die Wohnungstür abgehauen.«
Das leuchtete ein. Ben sah sich mit seinem Vater regelmäßig Krimifilme im Fernsehen an und wusste dadurch ganz genau, wie gerissen Einbrecher waren.
»Ach, Mensch. Was soll ich denn jetzt nur machen? Ich war so stolz, dass mir nur noch eine Glanzkarte gefehlt hat. Und nun sind sie alle weg.«
Tom kullerte bereits eine erste Träne die Wange herunter, als er unter dem Schreibtisch ein Geräusch hörte.
»Was war das?«
Schon dachte er daran, dass der Einbrecher noch im Zimmer sein könnte, aber dafür war einfach nicht genug Platz unter dem Tisch.
Vorsichtig bückte er sich und sah in allen Ecken nach. Zu seiner Verblüffung fand er sofort etwas.
»Du meine Güte. Das ist aber eine Überraschung.«
Ben war neugierig geworden und begann zu drängeln.
»Wie? Was? Was ist denn da? Lass doch mal sehen.«
»Nun warte doch mal ab. Ich zeig es dir ja gleich.«
Tom zog sein T-Shirt aus, legte es sich über die Hand und griff dann vorsichtig nach Etwas, das ganz hinten an der Wand saß.
»Hier. Schau dir das mal an.«
Er hielt Ben ein kleines, ängstliches Eichhörnchen unter die Nase.
»Da haben wir ja den Einbrecher. Das Tierchen muss wohl das Chaos angerichtet haben.«
Die Jungs lachten erleichtert auf und setzten das Eichhörnchen durch das Fenster auf einem der Äste ab. Ganz schnell flitzte es darauf fort und versteckte sich in einer kleinen Baumhöhle.
»Und hier sind auch deine Karten.«
Ben holte sie unter dem Schreibtisch hervor.
»Ab jetzt bleibt das Fenster zu, wenn ich nicht zu Hause bin.«, beschloss Tom und legte seinen wertvollen Schatz auf ein Regal.

(c) 2012, Marco Wittler

174. Der verlorene Heiligenschein

Der verlorene Heiligenschein

Raphael saß gemütlich auf seinem Platz und langweilte sich. Jeden Morgen, wenn er aufstand, flog er mit seinen Flügeln zu seinem Platz auf der großen Wolke und beobachtete den ganzen Tag über die Menschen auf der Erde. Aber das war nun einmal die Aufgabe eines Engels. Wenn sie dann sahen, dass jemand in große Not geriet, griffen sie ein und halfen, wo sie konnten. Doch mittlerweile passten die Menschen immer besser auf sich auf.
»Wenn mir doch bloß nicht so langweilig wäre. Und jeden Tag auf meiner Harfe spielen macht auch keinen Spaß.«
Er nahm seinen Heiligenschein vom Kopf und spielte damit herum. Er ließ ihn wie einen kleinen Hula-Hoop-Reifen um seinen Finger kreisen. So konnte er sich ein wenig von seinem Alltag ablenken.
»Hallo Raphael.«, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich und erschrak.
Es war Gabriel, der gerade vorbei flog und auf dem Weg zu seiner Wolke war.
»Hallo Gabriel. Ich wünsche dir einen schönen Tag.«
Raphael winkte ihm nach. Dabei fiel ihm auf, dass sein Heiligenschein nicht mehr an seinem Finger fing.
»Oh nein.«, schrie er laut.
»Wo ist er nur hin?«
Er blickte sich um, befühlte jede Falte seines Gewandes und sah auch unter seinem Hintern nach. Nicht einmal in der Wolke war er zu finden.
Raphael kroch zum Rand und sah zur Erde hinab. Da fiel ihm ein leuchtender Gegenstand auf, der nur Sekunden später in einem dichten Wald verschwand.
»Weg ist er .«, sagte er sich betrübt.
»Aber was soll ich denn jetzt machen?«
In seiner Verzweiflung flog er zur Erde hinab, um sich seinen Heiligenschein zurück zu holen.
»Wenn ich ihn nicht finde, bin ich kein richtiger Engel mehr. Wie soll ich denn dann überhaupt noch den Menschen helfen können?«
Er landete mitten im Wald und sah sich um. Doch bis auf Bäume, Sträucher und vielen Gewächsen, deren Namen er nicht kannte, war nichts zu sehen.
Raphael sah hinter jedem Blatt nach und tastete  mit seinen Fingern unter jeder Wurzel. Fündig wurde er aber nicht.
»Das wird richtig Ärger geben. Der Heiligenschein darf auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.«
Da zupfte auf einmal jemand an seinem Gewand.
Es war ein kleines Eichhörnchen. Es war gerade von seinem Baum geklettert, wedelte aufgeregt mit seinen Vorderpfoten in der Luft herum und zeigte mit einer Kralle immer wieder in eine bestimmte Richtung.
Der Engel verstand zuerst nicht, was ihm das kleine Tier sagen wollte. Doch schließlich folgte er der ungewöhnlichen Aufforderung und ging dem Eichhörnchen nach.
Es ging über Stock und Stein, hinter diesem und jenem Baum entlang, bis sie schließlich auf einer großen Lichtung standen. Vor sich sahen sie einen großen Hirsch. An seinem Geweih hing der Heiligenschein.
»Du meine Güte, da ist er. Ich bin gerettet.«
Raphael bedankte sich beim Eichhörnchen und beim Hirsch, bevor er sich seinen Heiligenschein wieder auf den Kopf setzte und zurück auf seine Wolke flog. So eine Dummheit wollte er nun nie wieder machen.

(c) 2009, Marco Wittler

103. Der Wald ist verschwunden

Der Wald ist verschwunden

Schlafen.
Schlafen ist eine tolle Sache, meinst du nicht auch? Ganz lange im Bett unter einer warmen weichen Decke liegen, die Augen geschlossen halten und lustige Sachen träumen. Kann es denn etwas Schöneres geben? Nein!
Jedenfalls war Tilo dieser Meinung. Schlafen war sein größtes Hobby. Tilo war ein dickes, rotpelziges Eichhörnchen. Mit seinem buschigen Schwanz sah er richtig lustig aus. Allerdings wusste das im Moment niemand, denn er lag gerade in seinem Nest auf einem hohen Ast und schlief schon seit einigen Wochen ohne Pause.
In seinen Träumen kletterte an Bäumen hoch und herunter, spielte mit seinen Freunden und stopfte sich den Bauch mit Nüssen voll.
Den ganzen letzten Herbst über war das Eichhörnchen unglaublich fleißig gewesen, hatte Haselnüsse und Bucheckern gesammelt und sie überall im Boden vergraben. Und weil es nun im Winter viel zu kalt zum Spielen war, hatte sich Tilo zurück gezogen, um bis zum Frühling zu schlafen. Nur wenn er vom Hunger wach wurde, kletterte er nach unten zum Boden, suchte sich eine Nuss und aß sie.
So war es auch an diesem Tag. Es lag kein Schnee und die Sonne brachte ein wenig Wärme zur Erde. Tilo wachte auf, denn sein Magen grummelte schon sehr laut. Also schlug er die Decke zur Seite, strubbelte sich einmal durch sein Fell und krabbelte gähnend aus seinem Nest. Er bekam nicht einmal die Augen richtig auf, kletterte stattdessen halb schlafend herab und wollte mit dem Graben beginnen.
Doch dann wurde er plötzlich schlagartig wach. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht. Mit viel Kraft schlug er seine Krallen in den Boden, oder vielmehr versuchte er es. Aber es gelang ihm nicht. Die Erde war hart wie Stein.
»Das ist ja komisch.«, murmelte Tilo.
»Habe ich mich geirrt und es ist noch immer kalt? Der Boden scheint gefroren zu sein.«
Er entschied sich für eine andere Stelle. Doch jedes Mal hatte er das gleiche Pech. Er kam nicht mehr an seine Vorräte heran.
Das Eichhörnchen wusste sich nicht mehr zu helfen und kletterte so schnell wie möglich auf den Baum zurück.
»Hier oben muss ich mir erst einmal einen Überblick verschaffen. Vielleicht finde ich ja noch einen Baum, an dem ein paar restliche Nüsse hängen.«
Tilo hielt sich die Pfoten wie eine Schirmmütze über die Augen, damit er besser und weiter sehen konnte. Was er dann aber erblickte versetzte ihm einen großen Schrecken.
»Unmöglich. Das kann doch nicht wahr sein.«
Sofort lief er zurück zu seinem Nest, kramte im Schrank herum, bis er seine Brille fand, setzte sie auf und flitzte wieder nach draußen. Aber er hatte noch immer den selben Ausblick.
»Wo ist denn mein Wald geblieben? Es kann doch nicht wahr sein, dass nur noch mein Baum hier alleine steht. Wo sind sie denn alle hin und wo sind die anderen Tiere? Bin ich denn jetzt ganz allein? Das kann doch nur ein ganz böser Traum sein. Ich muss sofort versuchen aufzuwachen.«
Aber es war leider kein Traum. Um den großen Baum herum war alles grau. Die Menschen waren gekommen, hatten den Wald abgeholzt und dafür Parkplätze und Häuser gebaut. Die Stadt war um ein großes Stück gewachsen. Nirgendwo gab es etwas Grünes oder Tiere, bis auf einen einzelnen Baum und ein Eichhörnchen.
»Aber was mache ich denn jetzt? Wo soll ich denn hin und wo bekomme ich etwas zu essen?«
Tilo war verzweifelt. Er kletterte wieder zum Boden, um sich umzusehen. Sein Hunger trieb ihn zwischen den Häusern durch. Zu Essen gab es sogar hier genug. Aber nichts davon war erreichbar. Jedes Mal, wenn er einen Apfel, ein paar Nüsse oder andere Dinge sah und zu ihnen lief, prallte er an einer unsichtbaren Wand ab.
»Das kann doch alles nicht war sein. Wie ist das denn möglich. Ich habe doch nur Hunger und brauchte etwas zu essen.«
Traurig zog er sich in sein Nest zurück und wartete darauf, dass auch sein Baum, und damit auch er selber, verschwinden würde.
Am nächsten Tag hörte Tilo ein Geräusch. Zuerst dachte er, es wäre wieder sein Magen, der fast rund um die Uhr ganz schrecklich knurrte. Aber als er nach draußen sah, entdeckte er ein Tier, das an der Leine eines Menschen hing. Es musste ein Hund sein.
»Hey, du!«, rief Tilo.
»Hey, du da unten. Schau doch mal hier rauf!«, rief er etwas lauter.
Der Hund sah sich erst verwirrt um. Doch dann sah er das Eichhörnchen.
»Huch. Was machst du denn da oben?«, fragte er.
»Bist du nicht ein Eichhörnchen? Was hast du denn hier verloren? Weißt du denn nicht, dass ihr in den Wald gehört und nicht in die Stadt?«
Da begann Tilo zu weinen.
»Das weiß ich. Ich bin doch gar nicht freiwillig hierher gekommen. Ich habe mich im Wald zum Winterschlaf hingelegt. Als ich dann wieder wach wurde, war die Stadt hier. Nur mein großer Baum ist verschont worden. Aber jetzt finde ich nichts mehr zu essen. Meine ganzen Vorräte sind eingemauert worden. Da komme ich mit meinen kleinen Krallen nicht durch. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Der Hund sah sich um. Sein Mensch war gerade beschäftigt. Der unterhielt sich mit einem Artgenossen.
»Schnell, komm runter. Ich habe da eine Idee.«
Das Eichhörnchen traute sich erst nicht. Vielleicht war das auch nur ein Trick und der Hund wollte sich selber etwas Eßbares anlocken. Aber der Hunger war dann doch größer als die Angst.
»Wie willst du mir denn helfen?«, fragte er neugierig.

Der Hund zeigte mit einer Pfote auf den Menschen.
»Der da geht jeden Tag mit mir spazieren. Gut erzogen habe ich ihn. Zuerst kommen wir zu diesem Baum, um mein Geschäft zu verrichten. Danach gehen wir in einen großen Park. Da stehen viele Bäume und Büsche. Da wird es dir bestimmt besser gehen, als hier.«
Tilo wusste gar nicht, was er sagen sollte. Mit so einer großen Hilfe hatte er nicht gerechnet.
»Lauf uns einfach heimlich hinterher. Dann findest du den Weg besser.«
Der Mensch hatte gerade sein Gespräch beendet und zog den Hund an der Leine.
»Los, weiter geht’s, du alter Flohfänger. Wir wollen doch noch in den Park.«, rief er.
Tilo war überglücklich und schlich den beiden nach. Um nicht entdeckt zu werden, lief er die ganze Zeit über direkt an den Hauswänden entlang und versteckte sich in schattigen Ecken, wenn jemand in seine Richtung sah.
Nach einer Weile kamen sie am Ziel an. Das Eichhörnchen konnte es schon von weitem riechen. Es roch nach Wald, nach Tieren und nach Nahrung. Es hüpfte vor Freude und machte Luftsprünge, als es den ersten Baum entdeckte.
»Hab vielen Dank, Hund. Du warst eine wirklich gute Hilfe. Ohne dich wäre ich bestimmt verhungert. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«
»Nicht der Rede wert. Ich helfe immer gerne.«, antwortete der Hund. »Jetzt weißt du auch, dass wir Stadtleute gar nicht so schlimm sind. Nicht jeder von uns lässt den Wald verschwinden. Und bei diesem Park kannst du dir auch sicher sein, dass er noch lange hier stehen wird. Denn die Menschen kommen jeden Tag hierher, um sich von der Stadt zu erholen.«
Tilo bedankte sich noch einmal, drückte den Hund an sich und verabschiedete sich.
»Das ist ja eine seltsame Sache.«, murmelte er später vor sich hin, während er sich ein neues Nest baute.
»Die Menschen werde ich wohl nie verstehen. Zuerst lassen sie den Wald verschwinden, um eine Stadt zu bauen, und dann pflanzen sie einen Park, um etwas anderes sehen zu können. Das ist doch sehr komisch.«
Nach und nach wurde sein neues Nest fertig. Als er sich zum Schlafen legte und einschlief, schlich sich eine letzte Frage in seinen Traum.
»Was für Geschäften müssen Hunde eigentlich nachgehen?«

(c) 2008, Marco Wittler

080. Die Kirchenmaus

Die Kirchenmaus

Moritz lebte in einem Kirchturm. Das mag sich schon sehr ungewöhnlich anhören, denn normalerweise wohnt man doch in einem Haus. Aber ihm gefiel es dort oben sehr gut. Vor allem, da sich dort oben keine gefährlichen Katzen herum trieben. Denn Moritz war eine kleine Maus.
Tagein und tagaus saß er an einem der Fenster und sah nach draußen. Auf dem Marktplatz unter ihm gingen die Menschen ihren Geschäften nach, wuselten hin, wuselten her und gingen von einem Laden zum Nächsten.
Die kleine Maus konnte sich gar nicht vorstellen, wie es sein würde, ein Mensch zu sein.
»Das wäre mir viel zu stressig. Wenn ich mir das so ansehe, dann haben die Menschen doch gar kein ruhiges Leben. Daran hätte ich gar keinen Spaß.«
Hin und wieder kletterte Moritz vom Turm nach unten in die kleine Kirche. Dort krabbelte unter den Sitzbänken her und suchte nach etwas Essbarem. In einem kleinen Nebenraum fand er auch immer etwas Brot oder ein paar Scheiben Hostien, die der Pfarrer hatte liegen lassen. Dabei weiß doch jede Kirchenmaus, dass Hostien in den dafür vorgesehenen Tabernakel, einem kleinen Schrank im Altar, gehören. Aber für Moritz kam dieser Leckerbissen genau richtig.
Während er so da saß und vor sich hin knabberte, dachte er weiter über die Menschen nach.
»Die sind ein ganz schön komisches Völkchen. Aus denen werde ich nie schlau. Jeden Tag sind sie voller Hektik und Stress. Sie finden keine Ruhe. Nur einen einzigen Tag in der Woche können sie sich bremsen.«
Moritz dachte an den Sonntag. Denn an diesem Tag mussten die Menschen nicht arbeiten und versammelten sich stattdessen in der Kirche und lauschten dem Pfarrer, wenn er zu ihnen sprach oder sie sangen mit ihm langweilige Lieder.
Dieser Moment dauerte zwar immer nur eine Stunde, aber diese Zeit genoss Moritz sehr. Da war das ganze Gebäude mit einer sehr warmherzigen Stimmung gefüllt.

Es dauerte gar nicht lange, bis wieder einer dieser Tage kam. Die Straßen waren wie leer gefegt, die Geschäfte waren geschlossen und die Menschen würden schon bald nach und nach in kleinen Gruppen in die Kirche kommen.
Moritz machte es sich an seinem Lieblingsplatz bequem. Er hatte sich durch den Boden der Empore, das ist der Balkon in der Kirche, einen kleinen Tunnel geknabbert, an dessen Ende sich ein Loch befand. Von dort aus konnte er alles überblicken.
Mit einer kleinen Erdnuss machte er es sich bequem und beobachtete den Pfarrer dabei, wie er noch ein paar Blumen auf dem Altar zurecht machte.
»Da hat er aber die Kirche wieder schön heraus geputzt. Da werden sich die Leute richtig freuen.«
In diesem Augenblick rumpelte es über dem Kopf der kleinen Maus. Offenbar kam gerade der Organist. Es würde nun nicht mehr lange dauern, bis er sich an die Orgel setzen würde, um noch einmal die heutigen Lieder zu proben.
Ein ganz leises Geräusch verriet Moritz, dass gerade der Luftkompressor eingeschaltet wurde. Dieser befand sich in einem kleinen Raum hinter der Orgel und blies Luft in die einzelnen Pfeifen, damit sie Töne von sich gaben.
Doch diesmal hörte sich das Gerät seltsam an. Irgendetwas stimmte da nicht.
In diesem Moment drückte der Organist die ersten Tasten. Doch statt eines Liedes erklangen nur ganz leise schräge Töne. Er sah sich um, drückte ein paar Knöpfe, zog einige Hebel und begann erneut zu spielen. Aber es änderte sich nichts. Die Orgel schien kaputt zu sein.
Sofort lief er von der Empore hinab, um mit dem Pfarrer zu sprechen.
Moritz sah den beiden von oben aus zu.
»Ach du meine Güte, herrjemineh. Was sollen wir denn jetzt machen? Ein Gottesdienst ohne Orgelmusik ist doch kein richtiger Gottesdienst. Was sollen denn die Leute denken? Wir brauchen sofort Hilfe. Aber woher sollen wir die bloß bekommen? Am Sonntag arbeitet doch niemand.«
Moritz verstand von diesen Worten nichts. Er war ja schließlich eine Maus und kein Mensch. Aber trotzdem wusste er, dass es gerade große Probleme gab.
Während der Pfarrer in einen anderen Raum eilte, um über das Telefon Hilfe zu holen, dachte Moritz nach, ob er in der Zwischenzeit schon helfen könnte. Obwohl er nur eine kleine Maus war und von Orgeln keine Ahnung hatte, machte er sich auf den Weg. Er kletterte am Holzgehäuse nach oben und lies sich furchtlos in eine der Orgelpfeifen fallen. Ein leises Plumpsgeräusch war in der Kirche zu hören. Die beiden Männer waren aber viel zu beschäftigt, um es zu bemerken.
Moritz konnte nicht viel erkennen. Nur wenig Licht drang hier ein. Es war, als würde gerade die Sonne untergehen.
»Aber ich muss unbedingt heraus finden, was geschehen ist. Vor ein paar Tagen hat die Orgel doch noch funktioniert.«
Er setzte vorsichtig eine Pfote vor die andere und schnüffelte umher.
Plötzlich kam ihm etwas sehr seltsam vor. Da war ein Geruch, der ihm sehr bekannt vor kam. Dazu war das leise Getrippel von kleinen Füßen zu hören.
»Hallo? Ist da jemand?«
Das Geräusch erstarb so schnell, als hätte es nie existiert.
»Hallo? Ich weiß, dass dort jemand ist. Also komm heraus.«
Moritz hatte etwas Angst. Trotzdem ging er langsam weiter.
Das Licht war mittlerweile so dunkel geworden, dass er nichts mehr sehen konnte. Seine Nase roch dafür mit jedem Schritt umso besser.
»Das riecht doch nach Haselnüssen.«
Er tastete sich vorwärts. Und tatsächlich hatte seine Nase Recht behalten. Denn nur einen Moment stieß Moritz mit dem Kopf gegen eine Nuss. Sie lag direkt in dem Rohr, welches zum Kompressor führte. Und dann war da noch eine und noch eine. Es war ein kleiner Haufen, bestimmt zehn Stück an der Zahl.
»Habe ich es mir doch gleich gedacht. Daran kann doch nur einer Schuld sein.«
Moritz atmete tief ein, drückte seine Brust heraus und rief so laut er konnte.
»Emil, komm sofort heraus. Ich weiß ganz genau, dass du hier bist. So viel Ärger macht doch kein anderer.«
Einen Moment lang blieb es still. Doch dann raschelte es und ein kleines Fellbündel kam heran.
Die kleine Maus schnupperte und erkannte sofort den Duft vor sich. Es war ein kleines Eichhörnchen.
»Es tut mir Leid Moritz.«, sagte es.
Moritz schüttelte den Kopf.
»Weißt du eigentlich, was du angestellt hast? Die Menschen brauchen doch heute die Orgel. Wie sollen sie denn sonst ihre Lieder singen?«
Emil kam etwas näher und zog einige Nüsse mit sich.
»Aber es ist doch Herbst und der Winter wird bald kommen. Ich muss anfangen, genug Vorräte für die kalte Jahreszeit zu verstecken, sonst verhungere ich doch. Ich wusste leider nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Die Löcher in den Bäumen sind alle schon von den anderen Eichhörnchen besetzt.«
Moritz schüttelte wieder den Kopf und lachte.
»Es ist doch jedes Jahr das Gleiche mit dir. Du bist mal wieder viel zu spät dran. Aber weißt du was? Ich werde dir ausnahmsweise in diesem Jahr helfen.«
Hätte Moritz in dieser Dunkelheit etwas sehen können, wäre ihm sofort das Leuchten in Emils Augen aufgefallen.
»Aber zuerst müssen wir die Nüsse hier heraus schaffen.«
Gemeinsam sammelten sie alles ein und waren in wenigen Minuten fertig.
Die Nüsse verstauten sie in der kleinen Vorratskammer, die sich Moritz schon vor Wochen geschaffen hatte.
»Darin ist noch genug Platz. Du darfst alles da hinein bringen und dich dann jederzeit bedienen, wann du möchtest.«
Emil war so froh über dieses Angebot, dass er nur zu gern ›ja‹ sagte. Dass er in den dunklen Röhren der Orgel immer Angst gehabt hatte, verschwieg er allerdings.
»Jetzt bleibt nur noch eines zu tun.«
Moritz kletterte erneut am Gehäuse der Orgel nach oben, zögerte kurz und sprang dann in die Tiefe auf die Tasten.
Ein lautes Geräusch ertönte, welches in der ganzen Kirche zu hören war.
Die kleine Maus verschwand in einem kleinen Loch und beobachtete, was nun geschah.
Es dauerte nur einen kleinen Moment, bis der Pfarrer und der Organist auf die Empore gelaufen kamen, um noch einmal selber die Orgel auszuprobieren.
»Ich kann es gar nicht glauben. Sie funktioniert ja wieder. Da müssen wir ja einen freundlichen Schutzengel gehabt haben.«
Moritz lächelte und lief gemütlich in sein Beobachtungsloch.
»Dann steht dem Gottesdienst ja nichts mehr im Wege.

(c) 2008, Marco Wittler