542. Paul und der Mond

Paul und der Mond

An einem frühen Herbstabend machten Papa und Paul noch einen Spaziergang an den abgemähten Feldern in der Nähe ihres Hauses vorbei. Die Sonne war bereits unter gegangen und erste Sterne tauchten wie Nadelstiche in einem Zelt am Himmel auf. Kurz darauf kroch das lächelnde Gesicht des Vollmonds hinter dem Horizont empor.
Paul blieb erstmal stehen und bat Papa schließlich auf einer nahen Bank sitzen und den Mond eine Weile beobachten zu dürfen.
Und da saßen sie nun gemeinsam und sahen in den Abendhimmel hinauf.
»Warum geht der Mond eigentlich jeden Abend auf und spät In der Nacht wieder unter?«, fragte Paul irgendwann in die Stille hinein. »Wird ihm das nicht langweilig, wenn er immer das Gleiche macht?«
Papa grinste. »Der Mond ist nicht lebendig. Deswegen hat er auch nie Langeweile.«
Er überlegte kurz, wie er seinem Sohn den Mond erklären konnte.
»Weißt du, der Mond ist ein riesig großer Felsbrocken, der sich einmal im Monat um die Erde dreht.«
»Immer im Kreis?«, wollte Paul ungläubig wissen.
»Ja, immer im Kreis.«, nickte Papa
»Und der Mond fliegt nicht einfach so weg?«
»Nein.«, lachte Papa.
»Stelle dir vor, du bindest einen Stein an ein Band und drehst dich damit immer wieder schnell im Kreis.«, erklärte er. »Dann wird sich auch der Stein um dich herum im Kreis bewegen, ohne wegzufliegen. Er bleibt immer bei dir.«
Paul dachte nach. »Die Erde hat aber keine Hände, um den Mond an einem Band festzuhalten. Wie soll das den gehen? Du erzählst mir bestimmt einen riesigen Blödsinn, weil du mich auf den Arm nehmen willst.«
Papa zuckte mit den Schultern. »Das ist wirklich so. In der Schule hab ich mal gelesen, dass die Erde den festhalten kann, weil sie so schwer ist. Wie das jetzt genau funktioniert, weiß ich aber auch nicht. Vielleicht gibt es doch irgendwo ein Seiler oder eine Leine, an der der Mond befestigt ist. Gesehen habe ich das aber auch nicht nicht.«
Jetzt war es Paul, der lachen musste. »Du meinst, da geht jemand mit dem Mond an einer Leine spazieren wie mit einem Hund? Das glaubt dir aber kein einziger Mensch.«
In diesem Moment hörten sie jemanden den Feldweg entlang laufen. Wegen der Dunkelheit war aber noch nichts zu sehen.
»Aus der Bahn!«, rief eine Männer Stimme. »Macht Platz! Ich muss da durch!«
Und dann sahen Papa und Paul einen großen Mann mit muskelbepackten Armen auf sich zu kommen. In seinen Händen hielt er ein dickes Seil, das kerzengerade nach oben in den Himmel verlief. An diesem Seil entlang, konnte man direkt zum Mond schauen.
»Passt auf, dass ich euch nicht umrempel!«, rief der Mann erneut. »Ich muss den Mond festhalten, damit er nicht davon fliegt.«
Paul fielen fast die Augen aus dem Kopf. Der Mond hing tatsächlich an einer langen Leine? Das war echt unglaublich.
Na hast wenigen Sekunden war der Mann an ihnen vorbei gelaufen. Der Mond folgte ihm auf seinem Weg durch die Dunkelheit.
»Ist ja irre.«, war das einzige, das Paul sagen konnte. Dann machte er sich mit Papa auf den Heimweg.

(c) 2016, Marco Wittler

539. Fabio kann nicht schlafen

Fabio kann nicht schlafen

Es war dunkel draußen. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und die Nacht hatte schon längst begonnen.
Fabio lag in seinem Bett und wälzte sich unruhig hin und her.
»Ich kann nicht schlafen.«, beschwerte er sich immer wieder. Doch auch das half ihm nicht ins Land der Träume.
Immer wieder sah er zum Nachtlicht, dass in der Steckdose neben der Tür leuchtete.
»Das reicht nicht. Es ist mir viel zu dunkel.«
Die kleinen Sterne am Himmel brachten auch nicht genug Licht, damit sich Fabio in seinem Bett sicher fühlen konnte.
»Wo ist denn bloß der Mond? Der leuchtet doch so schön.«
Wieder wälzte er sich hin und her. Aber der Schlaf wollte einfach nicht kommen.
»Ich muss jetzt was dagegen unternehmen.«, entschied er irgendwann und stand auf.
Auf leisen Sohlen schlich Fabio ins Wohnzimmer. Dort öffnete er einen Schrank und holte eine Taschenlampe hervor. Mit der verkroch er sich wieder ins Bett und leuchtete von einer Wand zur anderen.
»Das ist auch doof. Wenn ich die Taschenlampe halten muss, kann ich wieder nicht schlafen. So funktioniert das nicht.«
Er legte die Lampe also auf seinen Nachttisch, dann auf den Schreibtisch, irgendwann auf die Fensterbank. Aber das gefiel Fabio alles nicht.
»Ich will den Mond sehen können. Dann kann ich bestimmt schlafen.«
Der Mond wollte allerdings nicht kommen.
Fabio seufzte und stand ein zweites Mal auf. Er schlich sich hinunter in den Keller und suchte in Papas Schränken, bis er ein langes Seil fand. Das nahm er mit in sein Zimmer.
Das eine Ende des Seils band er zu einem Lasso, an das andere band er die Taschenlampe.
Dann öffnete er das Fenster. Mit beiden Armen holte Fabio weit aus und warf das Lasso zum Himmel hinauf, bis es an einem Stern hängen blieb.
»Los, zieh das Seil rauf.«, rief er dem Stern entgegen.
Der Stern lächelte und zog am Seil die Taschenlampe zum Himmel hinauf.
»So gefällt mir das schon viel besser.«, war Fabio zufrieden.
»Jetzt leuchtet da oben mein eigener Mond.«
Glücklich und ganz ohne Angst schlief er ein paar Minuten später ein und träumte einen tollen Traum.

(c) 2015, Marco Wittler

528. Der einsame Mond oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?‘ (Papa erklärt die Welt 39)

Der einsame Mond
oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?

Ein paar Tage vor Weihnachten stellte Papa den großen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer auf. Gemeinsam mit seiner Tochter Sofie schmückte er ihn von oben bis unten mit bunten Kugeln, glitzerndem Lametta, süßen Holzfiguren, vielen Lämpchen und kleinen Sternen.
»Wow.«, bewunderte Sofie den Baum. »Er sieht wundervoll aus. So schön hat unser Weihnachtsbaum noch nie ausgesehen.«
»War doch eine gute Idee von mir, dieses Jahr noch ein paar Sterne zu kaufen.«, war Papa mit sich selbst zufrieden.
»Da hast du Recht.«
Sofie bekam plötzlich einen nachdenklichen Gesichtsausdruck.
»Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?«, fragte Sie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von kleinen Weihnachtssternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal zum Weihnachtsfeste, dass der Mond im dunklen, schwarzen Himmel aufging und die Menschen auf der Erde beobachtete, wie sie sich um einen großen, bunt geschmückten Baum versammelten, sich gegenseitig Geschenke machten und den Abend mit ihren Liebsten verbrachten.
»Ach, ist das schön.«, war der Mond begeistert. »Wie gerne würde ich auch einmal Weihnachten feiern. Stattdessen hänge ich hier oben am Himmel und bin ganz allein und einsam.«
Er schniefte leise vor sich hin und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
»Zum Glück kann ich wenigstens den Menschen zuschauen und mir vorstellen, selbst dabei zu sein.«
Während der nächsten Stunden zog er über die Erde hinweg und sah in unzählige Häuser. Überall wurde gefeiert und niemand war allein. Kurz bevor der Mond am frühen Morgen unterging seufzte er noch ein letztes Mal und verschwand anschließend in seinem Bett.
In diesem Moment ging die Sonne hinter dem Horizont auf. Sie hatte gehört, dass der Mond traurig war und dass er sich einsam fühlte.
»Der arme Mond. Er tut mir so leid. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihm eine Freude machen könnte. Aber mir fällt nichts ein.«
Auch die Sonne zog nun über den Himmel hinweg. Ihr ging es dabei viel besser, denn die Erde war in ihr warmes Sonnenlicht getaucht. Ihre Sonnenstrahlen spiegelten sich im Schnee des Winters und ließen die ganze Welt glitzern.
»Wie schön es da unten ist. Die Menschen sind wirklich zu beneiden.«
Und da fiel der Sonne plötzlich etwas ein.
»So etwas Wundervolles würde dem Mond bestimmt auch gefallen. Wenn der Himmel um ihm herum so glitzern würde wie der Schnee, dann würde er sich bestimmt nicht mehr so einsam fühlen.«
Dann nahm sie ein paar ihrer Sonnenstrahlen und zerbrach sie vorsichtig in unzählige kleine Stücke, die sie über den ganzen Himmel verteilte.
»Und das ihr mir schön artig zum Mond seid.«, sagte sie zu den kleinen Lichtstücken. »Er ist ein sehr netter Kerl und verdient nur das Beste.«
Am Abend verschwand die Sonne wieder hinter dem Horizont. Aber sie legte sich nicht ins Bett, sondern beobachtete heimlich den Himmel.
Ein paar Minuten später ging der Mond auf und kletterte langsam am Himmel hinauf.
»Du meine Güte. Was ist denn hier passiert?«
Er sah sich begeistert um. Egal in welche Richtung er sah, überall waren kleine, helle Lichter, die wie winzige Diamanten glitzerten.
»Wer seid ihr denn? Wo kommt ihr her?«
Eines der kleinen Lichter kam näher und lächelte freundlich.
»Wir sind Sterne. Die Sonne hat uns gemacht, um dir zu Weihnachten ein Geschenk zu machen. Wir werden dir von nun an Gesellschaft leisten, damit du dich nie wieder einsam fühlen musst.«
Der Mond wurde rot im Gesicht, so dankbar war er. Nun wusste er, wie schön es war, wenn jemand an Weihnachten an jemand anderes dachte.
»Vielen Dank, liebe Sonne. Du bist wirklich eine sehr, sehr liebe und gute Freundin.«
Und dann zog der Mond die Nacht über durch den Himmel und begrüßte jeden Stern einzeln und gab jedem einen Namen.

»Und so sind die Sterne entstanden?«, fragte Sofie.
Papa nickte grinsend, deckte seine kleine Tochter zu.
»Und deswegen hängen wir sie jedes Jahr an unseren Weihnachtsbaum?«
»Ganz genau. Weil die ersten Sterne zum Weihnachtsfest am Himmel erschienen sind. Und nun schlaf gut, meine kleine Prinzessin.«
Sofie grinste, als Papa das Licht ausschaltete.
»Das war eine tolle Weihnachtsgeschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«

(c) 2015, Marco Wittler

480. Eine Schnecke auf dem Mond (Ninos Schneckengeschichten 9)

Eine Schnecke auf dem Mond

Nino stand in seinem großen Haus vor dem Spiegel und putzte mit einem Staubtuch über sein kleines Haus, dass er auf dem Rücken hatte.
Moment mal. Ein Haus auf dem Rücken? Ein echtes Haus zum Tragen? Wer macht denn so etwas, wenn er in einem großen Haus lebt?
Nun ja. Nino machte das so. Und das war für ihn auch nichts Besonderes. Denn Nino war eine Schnecke. Und Schnecken haben nun mal ihr Haus immer mit dabei.
Nino stand also vor dem Spiegel und putzte Staub auf seinem kleinen Haus.
»Da kannst du mal sehen, wie lange wir schon nicht mehr vor der Tür waren, um etwas zu erleben.« sagte er zu seinem Hund Wuschel.
Wuschel, der ihn treu auf einem Skateboard durch die Stadt überall hin zog, bellte zustimmend und hüpfte im Kreis herum, weil auch ihm langweilig war.
»Ist dir etwa auch langweilig? Dann sollten wir etwas dagegen unternehmen. Wenn ich nur wüsste, was das sein soll.«
Ideenlos ließ sich Nino in seinen Sessel fallen und schaltete den Fernseher an.
»Also bleiben wir wohl doch hier und machen, was wir jeden Abend machen.«
Doch an diesem Abend kam kein spannender Krimi im Fernsehen oder eine lustige Spielshow. Dieses Mal wurde darüber berichtet, dass schon bald eine Rakete zum Mond fliegen würde.
»Schau mal Wuschel. Die Astronauten werden Morgen zu einem Flug ins Weltall aufbrechen. Das habe ich mir schon immer gewünscht. Einmal die Erde von Oben sehen, mit meinen eigenen Augen. Nicht auf einem langweiligen Foto. Und dann will ich meinen Fuß in den Staub setzen und dort die allererste Schleimspur der Geschichte hinterlassen. Was hältst du davon?«
Wuschel war begeistert. Er sprang, er hüpfte, er drehte sich im Kreis und bellte immer wieder.
»Dann ist es also abgemacht. Wir fliegen mit zum Mond.«
Noch am selben Abend bereiteten sie alles Vor. Nino packte seinen Rucksack mit Proviant und verstaute ihn in seinem kleinen Schneckenhaus.
Dann spannte er Wuschel vor das Skateboard und ließ sich durch die Straßen der Stadt ziehen.
»Lauf zum Raumflughafen, Wuschel. Wir haben es eilig. Wir dürfen unseren Flug nicht verpassen. Es ist nicht mehr viel Zeit.«
Wuschel gab ordentlich Gas. Er lief schneller als jemals zuvor, bis er nach einer halben Stunde völlig außer Atem neben einer großen Mondrakete anhielt.
»Wir haben es geschafft.« sagte Nino begeistert.
»Jetzt müssen wir nur noch einen sicheren Platz für uns finden.«
Er stopfte das Skateboard in sein Schneckenhaus und fand dort auch noch einen gemütlichen Platz für Wuschel. Dann setzte er seinen Schneckenfuß vorsichtig auf das kühle Metall der Rakete und schleimte sich an ihr hinauf.
»Verdammt. Nirgendwo gibt es ein Loch oder eine Lücke, in die ich kriechen könnte.«
Also kroch er bis nach ganz oben auf die Spitze und schleimte sich dort richtig fest.
»Es gibt keinen besseren Kleber als Schneckenschleim.« rief er triumphierend.
Kurz darauf begann die Rakete zu wackeln. Es vibrierte in ihr. Dann wurde es laut. Mit einem Ohren betäubenden Krachen, startete sie vom Boden und flog in den dunklen Nachthimmel.
»Wuhuu.«, rief Nino.
»Das ist das aufregenste Abenteuer, das ich je erlebt habe.«

Es dauerte drei Tage, bis die Rakete den Weg zum Mond geschafft hatte. Soeben legte sie die letzten Meter zur Oberfläche zurück und landete sanft.
»Wuschel, wir haben es geschafft. Wir sind auf dem Mond gelandet.«
Nino konnte seine Freude kaum aushalten. Er löste seinen Schneckenfuß von der Rakete und sprang in die Tiefe. Wie in Zeitlupe fiel er nach unten.
»Ein kleiner Schritt für einen Nino, aber ein großer Sprung für alle Schnecken der Erde.« und landete im grauen Mondstaub.
»Ist das nicht unglaublich? Ich bin die erste Schnecke auf dem Mond. Das muss gefeiert werden.«
Bis auf Wuschel war aber niemand da, der ihm zu dieser Leistung gratulieren konnte. Eigentlich war überhaupt niemand in der Nähe. Nur die Astronauten, die noch in der Rakete saßen und ihren blinden Passagier nicht entdecken durften. Ansonsten war der Mond leer. Er war so richtig öd und leer. Es gab nur Staub, Geröll und ein paar einsame Bergspitzen am Horizont. Nicht einmal die Erde konnte man von hier aus sehen. Die Aussicht wurde von einem Gebirge verdeckt.
»Und ich dachte immer, der Mond wäre aus Käse gemacht und wir könnten uns hier mal so richtig den Bauch voll schlagen.«
Nino war enttäuscht.
»Nicht mal den Mann im Mond gibt. Ach Wuschel, kannst du dir einen langweiligeren Ort als diesen vorstellen?«
Nein, auch Wuschel konnte das nicht.
»Ich will wieder nach Hause. Diese Reise hat sich überhaupt nicht gelohnt.«
Also legte Nino seinen Fuß auf das kühle Metall der Mondrakete, kroch an ihr nach ganz oben auf die Spitze und schleimte sich dort fest. Nun musste er nur noch warten, bis es wieder nach Hause ging.
Etwas später öffneten die Astronauten ihre Ausstiegsluke. Sie schwebten der Oberfläche entgegen und genossen erst einmal die Aussicht. Einer von ihnen sah an der Rakete entlang und glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Saß dort tatsächlich eine Schnecke auf der Spitze?
Verwirrt tippte er seinen Kollegen auf die Schultern . Aber als die drei gemeinsam nach der Schnecke sahen, war diese verschwunden.
»Du leidest wohl an der Weltraumkrankheit und bildest dir Sachen ein, die es gar nicht gibt.« lachten sie ihn aus.
»Du gehst wohl besser wieder rein und schläfst eine Runde, während wir Gesteinsproben einsammeln.«
Nino grinste zur gleichen Zeit über das ganze Gesicht. Er hatte sich gerade noch rechtzeitig an der Rückseite der Rakete verstecken können.

(c) 2014, Marco Wittler

344. Wo geht’s hier zum Mond? oder „Papa, wie hoch fliegen Fliegen?“ (Papa erklärt die Welt 34)

Wo geht’s hier zum Mond?
Oder ›Papa, wie hoch fliegen Fliegen?‹

Sofie saß auf dem Bett und sah ganz gebannt einer kleinen Fliege zu, die immer wieder gegen die Fensterscheibe flog.
»Nein, so wird das nichts, kleine Fliege. Man kann doch nicht durch das geschlossene Fenster fliegen.«, erklärte sie dem kleinen Insekt, das allerdings nicht zuhören wollte.
In diesem Moment kam Papa in das Kinderzimmer. Unter seinem Arm klemmte ein dickes Buch mit wunderschönen Märchen. Eines davon wollte er seiner Tochter vor dem Schlafen vorlesen.
»Was machst du denn da?«, fragte er neugierig.
»Da schau.«, sagte Sofie und zeigte mit dem Fenster zur Fliege.
»Sie versucht immer wieder durch die Scheibe zu fliegen.«
Papa seufzte, öffnete das Fenster und entließ die Fliege in die Freiheit.
»Wo fliegt sie jetzt hin?«, wollte Sofie wissen.
»Wahrscheinlich Richtung Mond, wie alle Fliegen, wenn es dunkel wird.«, antwortete Papa.
In diesem Moment fiel ihm die Neugier seiner kleinen Tochter ein. Er seufzte ein weiteres Mal und legte das dicke Buch in das Bücherregal, denn er wusste, was jetzt kam.
»Sie kann bis zum Mond fliegen?«, fragte sie neugierig.
Papa schüttelte den Kopf und verneinte.
»So weit kommen sie nicht.«
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, wie hoch fliegen eigentlich Fliegen? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar abenteuerlustigen Fliegen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Fliege, die den lieben langen Tag nichts anderen im Kopf hatte, als über die bunte Blumenwiese zu fliegen, von Blume zu Blume zu hopsen und hin und wieder ihre älteren Artgenossen zu ärgern.
Doch eines Tages, als wieder einmal die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand und es dunkel wurde, tauchte am Himmel ein neues Licht auf,
»Was ist denn das für ein großes Licht dort oben zwischen den vielen anderen?«, fragte die kleine Fliege neugierig ihre Mutter.
»Das ist der Mond.«, erklärte sie.
»Er taucht immer wieder mal auf und zieht seine Bahn über den Himmel. Mehr wissen wir Fliegen aber auch nicht über ihn. Er ist nie zu uns herunter gekommen und von uns wollte auch nie jemand hinauf fliegen.«
»Das ist ja unglaublich aufregend.«, sprach die kleine Fliege.
Es war ihr richtig anzumerken, wie sie sich im ihrem Köpfchen große Abenteuer ausmalte.
»Dann muss es halt mal jemand versuchen,«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer, sammelte ein paar Kleinigkeiten zusammen und stand ein paar Minuten später auf der Türschwelle, dazu bereit, den Mond zu besuchen,
»Ich kenne jedes fliegende Tier der Blumenwiese. Und weil der Mond dazu gehört, werde ich ihm einen Besuch abstatten.«
Ihr Entschluss stand fest. Sie winkte der Mutter noch ein Lebewohl zum Abschied und flog davon.
Mittlerweile war es richtig finster geworden. Die Blumenwiese sah nun nicht mehr so schön bunt aus, wie noch am Nachmittag. Alle Blüten waren fest verschlossen. Ihre schönen Farben würden sie erst am nächsten Morgen wieder zeigen. Doch darauf achtete die kleine Fliege nicht weiter. Sie düste über alles hinweg und machte erst am Rand der Wiese eine kleine Rast, wo sie sich umsah und ein Wiesel entdeckte.
»Hallo, Wiesel. Wo geht’s hier zum Mond?«, fragte sie freundlich.
Das Wiesel sah zum Himmel hinauf und grinste.
»Nach da oben, wohin sonst. Einen anderen Weg kenne ich nicht. Hab es selbst noch nie probiert.«
Also zog die kleine Fliege weiter ihres Weges. Unterwegs fragte sie sich bei allen Tieren durch, die sie traf. Darunter waren ein Uhu, eine Mücke, eine Maus und ein grimmiger Hund, der gerade einschlafen wollte.
Schließlich traf sie eine Motte, die ebenfalls auf dem Weg zum Mond war.
»Ja, ich kenne den Weg.«, sagte diese stolz.
»Schließ dich mir an, dann fliegen wir ihn zusammen besuchen.«
Also nahmen sie sich gegenseitig an der Hand und flogen hinauf zum Himmel, immer dem hellen Licht über ihnen entgegen. Doch sehr kamen sie nicht, denn je näher sie dem Mond kamen, desto heller, greller und wärmer wurde sein Licht.
Plötzlich knallten sie mit den Köpfen gegen eine harte Wand. Die Wucht ließ sie für einen Moment taumeln, bis sie begriffen, dass sie nun direkt vor dem Mond herum schwirrten.
»Seltsam.«, sagte die kleine Fliege.
»Den Mond habe ich mir aber viel größer vorgestellt. Immerhin kann man ihn von überall aus sehen.«
Dieser Meinung war die Motte auch. Aber sie hatten doch alles richtig gemacht. Sie waren dem hellen Licht bis ans Ziel gefolgt. Also musste es wohl der Mond sein.
Die kleine Fliege bedankte sich für den schönen, aber doch recht kurzen Flug und machte sich auf den Heimweg.
Von nun an erzählte sie überall herum, dass sie die erste und einzige Fliege der ganzen Welt sei, die bereits von der Erde bis zum Mond geflogen war. Das machte sie bei allen Fliegen unglaublich berühmt.
Sie sollte aber nie erfahren, dass es eigentlich nicht der Mond war, gegen den sie mitten im Flug gestoßen war, sondern nur eine einfache Straßenlaterne, deren Licht sie von ihrem wahren Ziel abgelenkt hatte.

»Und warum fliegen die Fliegen heute immer noch zum Mond?«, fragte Sofie.
Papa überlegte kurz, bevor er antwortete.
»Weil die anderen Fliegen diesen weiten und schweren Flug ebenfalls schaffen wollen.«
Sofie musste lachen.
»Papa, das ist eine tolle Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Papa grinste und zog seiner Tochter die Decke bis zur Nasenspitze, bevor er ihr eine gute Nacht wünschte und das Licht abschaltete.

(c) 2010, Marco Wittler

215. Das Licht des Mondes oder „Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?“ (Papa erklärt die Welt 29)

Das Licht des Mondes
oder ›Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?‹

Es war spät geworden. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden und der Mond zog einsam seine Bahn durch das unendliche Sternenmeer.
Sofie saß an ihrem Fenster und wartete bereits auf Papa, der ihr noch eine Geschichte erzählen wollte. Doch es dauerte noch ein paar Minuten, bis er das Zimmer betrat.
»Was schaust du dir denn da draußen an?«
Sofie drehte sich nicht um, winkte Papa aber herbei.
»Sieh dir das mal an. Da draußen fliegen ganz viele Motten immer wieder um die Laterne herum. Tanzen sie dort vielleicht? Und bei den anderen Laternen sieht es auch nicht anders aus.«
Papa sah aus dem Fenster und zuckte mit den Schultern. Doch mit solch einer Antwort wollte sich Sofie nicht zufrieden geben. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar Motten. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Motte mit dem Namen Fritz.
Fritz Motte stand vor dem Spiegel und betrachtete sich von allen Seiten. Er hatte sich richtig schick gemacht und war der Meinung, nun endlich perfekt auszusehen. Denn am heutigen Abend wollte er seiner großen Liebe einen Heiratsantrag machen.
Er hatte sich mit seiner Freundin Friederike am großen einzelnen Baum auf einer Lichtung im Park verabredet.
»Folge einfach dem schimmernden Licht des Mondes.«, hatte sie gesagt. »Dann wirst du mich finden, mein Liebster.«
Und so machte sich Fritz auf den Weg. Er verließ das Haus, spannte seine kleinen Flügel weit auseinander und flog los.
Zuerst musste er sich ein wenig orientieren. Er stieg weit hinauf zum Himmel, bis er den Mond leuchten sah.
»Da ist er ja.«
Nun wusste er, in welche Richtung er fliegen musste. Nach ein paar Minuten sollte er den Baum und damit seine Braut, erreicht haben. Doch schon nach kurzer Zeit, stieß er sich am Mond den Kopf.
»Autsch. Was ist denn das?«
Er flog ein weiteres Mal auf das Licht zu, schließlich hatte er gelernt, dass der Mond so weit entfernt war, dass keine Motte ihn jemals erreichen könnte. Doch auch diesmal stieß er sich ein weiteres Mal.
»Verdammt, das kann doch gar nicht wahr sein. Der Mond ist direkt vor mir. Wie kann er mir dann noch den Weg weisen? Ich bin doch noch gar nicht am Baum der Liebe angekommen.«
In seiner Verzweiflung flog er immer wieder auf das helle Licht zu. Irgendwann musste er einfach weiter voran kommen und den restlichen Weg finden.
Es wurde immer später. Die Minuten und Stunden rannen davon. Fritz bekam immer größere Angst, dass seine Freundin irgendwann die Geduld verlieren würde.
Nach einer ganzen Weile kam ein dicker Brummer vorbei geflogen.
»Hey, kleine Motte, was machst du denn da?«
»Ich fliege dem Mond entgegen, um meinen Weg zu finden, aber ich komme einfach nicht vorwärts. Ich bin schon völlig aus der Puste.«
Der Brummer musste laut lachen.
»Du bist mir ja ein komischer Geselle.«
Er nahm sich die Motte beiseite und setzte sich mit ihr auf einen Ast in der Nähe.
»Schau mal in diese Richtung dort. Das ist der Mond, dem du entgegen geflogen bist. Und wenn du jetzt mal in die andere Richtung siehst, entdeckst du dort den richtigen Mond. Du bist die ganze Zeit um eine Laterne geflogen. Die wurde von den Menschen aufgestellt, um die Straße zu beleuchten. Aber sie verwirren uns Insekten nur. Ich habe mehrere Tage zugebracht, bis ich hinter dieses Geheimnis gekommen bin.«
Fritz sah ein paar Mal nach Links und nach Rechts.  Zuerst wollte er nicht glauben, was er sah. Doch dann akzeptierte er seinen Fehler.
»Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich muss sofort los, damit ich meine Braut treffen kann.«
Fritz schlug mit seinen Flügel so kräftig, wie er konnte. Er sauste dem Mond entgegen und sah sich nach dem Baum um. Zum Glück erreichte er sein Ziel schon nach wenigen Minuten. Als er landete entdeckte er sofort Friederike. Noch bevor sie sich über seine Verspätung beschweren konnte, versuchte er ihr zu erklären, was geschehen war.
»Du glaubst ja nicht, was mir gerade passiert ist.«
Doch seine Freundin wollte davon nichts hören. Mit einer süßen Stimme stellte sie ihm eine Frage.
»Bist du denn nicht aus einem anderen Grund hierher gekommen?«
Da fiel es Fritz wieder ein.
»Willst du mich heiraten?«
Friederike fiel ihrem Fritz um den Hals, küsste ihn und antwortete mit einem Ja.

Sofie sah wieder aus dem Fenster und beobachtete die verwirrten Motten unter den Laternen.
»Und das ist der Grund, warum sie zu jedem Licht fliegen, dass sie sehen?«
Papa nickte.
»Und nun ab ins Bett mit dir.«
Er deckte seine kleine Tochter zu, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und wünschte ihr schöne Träume. Während er das Licht abschaltete und das Zimmer verließ, hörte er noch einmal Sofies kichernde Stimme.
»Ich glaube dir kein Wort davon.«

(c) 2009, Marco Wittler

122. Alles Käse oder „Papa, warum verschwindet der Mond?“ (Papa erklärt die Welt 18)

Alles Käse
oder »Papa, warum verschwindet der Mond?«

Sofie saß in ihrem Zimmer auf dem Bett und blätterte in einem Buch mit Kindergeschichten. Mit den vielen Buchstaben konnte sie zwar noch nichts anfangen, weil sie erst im nächsten Jahr zur Schule gehen würde, aber dafür waren die bunten Bilder umso schöner anzusehen.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Was machst du denn da? Ich dachte, du hättest dich schon längst in deine Decke eingerollt. Nun aber los.«
Er grinste und nahm sich das Buch.
»Soll ich dir noch eine Geschichte vorlesen?«, fragte er.
Sofie schüttelte den Kopf, stand auf und setzte sich auf ihr kleines Sofa unter dem Fenster.
»Da steht nicht drin, was ich mich gerade frage.«
Papa runzelte die Stirn,setzte sich ebenfalls auf das Sofa und zog seine Tochter auf den Schoß.
»Was beschäftigt dich denn? Verrätst du es mir?«
Sofie zog die Gardine zur Seite und zeigte mit dem Finger nach draußen.
»Schau doch mal. Da hängt der Mond am Himmel. Aber irgendwie sieht er kleiner aus als gestern und die die Tage davor. Papa, warum verschwindet eigentlich der Mond? Macht er Diät?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Mond und einer großen Menge Tiere. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein alter Bauer. Schon am frühen Morgen stand er auf und brachte seine Kühe auf die Weide, damit sie frisches Gras fressen konnten. War das Wetter einmal nicht so gut, blieben seine Tiere im Stall und wurden gefüttert. Doch damit war die Arbeit noch lange nicht getan. Denn ab der Mittagszeit mussten die Kühe gemolken werden.
Der Bauer bekam von seiner Herde viel mehr Milch als er trinken konnte. Daher nahm er einen großen Teil davon und machte ihn zu einem Käse, der so lecker war, dass sich die Menschen der ganzen Stadt danach die Finger leckten.
Eines Tages holte der Bauer seinen Sohn zu sich, um mit ihm zu reden.
»Mein Sohn, es ist an der Zeit, dass ich mich zur Ruhe setze. Ich werde mit jedem Tag älter und gebrechlicher. Die Arbeit fällt mir immer schwerer. Von nun an sollst du diesen Hof bewirtschaften. Du bist alt genug und hast viel von mir gelernt. Ich glaube, dass es dir wohl gelingen wird.«
Der Sohn war überrascht. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es ohne seinen Vater sein würde. Von nun an war er kein einfacher Knecht mehr.
Der alte Bauer und seine Frau packten ihre Sachen und zogen in eine kleine Wohnung in der Stadt. Dort mussten sie nicht mehr so lange Wege gehen und das Leben war etwas gemütlicher.
Der Sohn gab sich von nun an besonders große Mühe. Er stellte einen neuen Knecht ein und machte sich als neuer Bauer an die Arbeit. Am frühen Morgen trieb er die Kühe auf die Weide, am Mittag melkte er sich und am Nachmittag machte er aus der Milch Käse für die Menschen in der Stadt. Schon als kleiner Junge hatte er dabei immer zugesehen und nun machte er alles auf die gleiche Weise nach.
Am Abend saß er schließlich gemütlich in einem großen Sessel vor dem Kamin und las in der Zeitung.
»Ein guter und angesehener Bauer werde ich eines Tages sein, wie mein Herr Vater. Er war mir ein guter Lehrer und ich ihm hoffentlich ein noch besserer Schüler.«
Nach ein paar wenigen Wochen passierte allerdings etwas. Der neue Bauer ging in den Keller hinab, um den fertigen Käse für den Verkauf hervor zu holen. Doch da traf ihn der Schrecken. Nicht einen einzigen Käse würden ihm die Menschen aus der Stadt abkaufen, denn sie waren alle angebissen. Kleine Mäusezähne hatten sich in die gelben Laiber gegraben.
»Na wartet, ihr kleinen bösen Nager. Wenn ich euch erwische, geht es euch an den Kragen.«
Wütend fuhr er in die Stadt und kaufte so viele Mausefallen, wie er nur bekommen konnte. Diese stellte er im Keller auf, so dicht aneinander, wie es eben ging.
»Ihr kommt mir nicht mehr an meinen Käse.«
Der Bauer ging zu Bett und schlief bis zum nächsten Morgen.

Als der Hahn krähte war die Sonne gerade dabei über den Horizont zu klettern. Sie gähnte leise und schickte dann ihre Sonnenstrahlen über das Land.
Der Bauer kam aus dem Bett, zog sich seine Sachen über und ging erwartungsvoll in den Keller. Doch was der dort sah, war nicht das, was er sich erhofft hatte. Alle Mausefallen waren zu gefallen. Aber nicht eine einzige Maus saß darin fest. Dafür waren die neuen Käselaiber angefressen.
»Das kann doch gar nicht wahr sein? Wie ist denn das möglich?«
Der Bauer war verwirrt. So etwas hatte er noch nie erlebt. Waren die Mäuse etwa so schlau, dass sie die Fallen umgingen? Ein Antwort hatte er freilich nicht zur Hand. Daher versuchte er es in der nächsten Nacht mit einem großen Kater, den er sich beim Nachbarn ausgeborgt hatte.

Am nächsten Tag wollte er seinen Augen nicht trauen. Lautes Gejaule war aus dem Keller zu hören. Als der Bauer die Treppe herab gestiegen war sah er einen verängstigten Kater, der in einer der Mausefallen saß und mit seinen Barthaaren am Gitter festgebunden war. Sofort befreite er das Tier und brachte es zum Nachbarn zurück.
»Dieser verdammten Brut werde ich es zeigen. Heute Nacht lege ich mich selber auf die Lauer.«, sprach er.
Glück hatte er allerdings immer noch keins. Denn noch bevor die erste Maus aus ihrem Versteck kam, war der Bauer bereits eingeschlafen.

Es half alles nichts. Kein Einfall und keine Idee war gut genug, um die kleinen Plagegeister loszuwerden.
Doch plötzlich erinnerte sich der Bauer an seinen Vater. Er war nie so schlimm von den Mäusen geärgert worden. Aber woran lag das bloß?
Der Bauer machte sich auf den Weg in die Stadt und suchte die Wohnung seiner Eltern auf. Dort kam er auch sofort auf sein Problem zu sprechen.
»Vater, ich leide an einer großen Mäuseplage. Kaum hattet ihr den Hof verlassen, kamen diese Biester aus ihren Verstecken und übernahmen den Käsekeller. Jeden Morgen, wenn ich hinein schaue, sind die Laiber angefressen. Die kauft mir doch niemand mehr ab. Was soll ich denn nur machen?«
Der Vater lachte, nahm dann aber seinen Sohn bei der Hand.
»Ich werde mit dir zurück zum Hof kommen. Dort zeige ich dir, wie ich über die vielen Jahre mit den Mäusen fertig geworden bin.«

Einige Stunden später standen sie zu zweit im Käsekeller. Der Vater sah mit einem Blick, wie schlimm der Schaden mittlerweile geworden war.
»Es ist allerhöchste Zeit, dass ich gekommen bin. Wenn wir jetzt nicht bald handeln, werden hier so viele Mäuse leben, dass auch ich nicht mehr helfen kann.«
Aus einem Schrank holte er eine besonders große Käseform hervor und befüllte sie.
»Dieser ganz besondere Käse ist die Leibspeise deiner ungebetenen Gäste. Es ist der Mäusekäse. Es dauert nur wenige Tage bis er reif ist.«
So geschah es dann auch. Nur drei Tage später war der Laib fest geworden. Der alte Bauer holte ihn hervor und beschriftete ihn mit großen Buchstaben:

Der beste Mäusekäse der Welt.

Am Abend band er ihn an ein Seil und wartete auf die Dunkelheit. Als die ersten Sterne zum Himmel hinauf zogen, band er das Seil zu einem Lasso, schwang es hoch in die Lüfte und band es so an einen der Sterne. Mit einem kräftigen Ruck wurde nun der Käse in den Himmel gezogen. Dort oben leuchtete er nun über das Land und sein verführerischer Duft war über weite Strecken zu riechen.
Kurz darauf hörte man das leise Getrappel vieler kleiner Pfötchen. Die Mäuse aus dem Keller kamen die Treppe herauf gelaufen. Sie wurden vom Mäusekäse angelockt und liefen ihm hinterher.
Der junge Bauer konnte noch immer nicht glauben, was er dort sah.
»Was geschieht dort?«
»Es ist ganz einfach mein Sohn. Die Mäuse lassen sie nicht ganz vertreiben. Aber wenn man ihnen einen kleinen teil abgibt, verschwinden sie für einen Monat. Sie laufen dem Käse nach, bis er schließlich an den Bergen hängen bleibt. Dort fressen sie sich an ihm satt, bis er verschwunden ist. Danach kommen sie wieder. So hat es schon mein Vater gemacht, dessen Vater und alle unsere Vorfahren vor ihnen auch.«
Zufrieden setzten sich die beiden Männer auf eine Bank vor dem Haus und sahen zu, wie die Mäuse verschwanden.

Sofie sah noch immer nach draußen und beobachtete den Mond, wie er am Himmel entlang zog.
»Und er ist jetzt auf dem Weg zu den Bergen und die Mäuse laufen ihm alle nach?«
Papa nickte und packte das Buch mit den Kindergeschichten in ein Regal.
Sofie schien nachzudenken, während sie aufstand und langsam in ihr Bett ging. Als Papa sie schließlich zudeckte begann sie zu lachen.
»Der alte Bauer war ja ein richtig schlauer Kerl.«
Sie zog die Decke bis kurz unter die Nase. Kurz bevor Papa die Tür hinter sich schloss, war sie sich aber endlich sicher, was sie von dieser Geschichte zu halten hatte.
»Das hast du wirklich schön erzählt, Papa. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort.«
Sie kicherte noch ein Weilchen, während Papa grinsend das Zimmer verlies.

(c) 2008, Marco Wittler

095. Die hübsche Bauerntochter oder „Papa, warum ist der Mond so rot?“ (Papa erklärt die Welt 9)

Die hübsche Bauerntochter
oder »Papa, warum ist der Mond so rot?«

Es war spät geworden. Sofie lag im Garten in einem gemütlichen Liegestuhl und hielt sich den Bauch.
»Puh, jetzt bin ich aber richtig satt. Das Grillen war eine richtig klasse Idee.«
Papa grinste.
»Glaub aber nicht, dass wir das jetzt jeden Tag machen werden. Immerhin hab ich ja heute Geburtstag.«
Die letzten Gäste waren mittlerweile nach Hause gefahren und im Grill glühten nur noch vereinzelte Kohlen. Der Tag ging auf sein Ende zu und die kommende Nacht würde bald beginnen.
»Wir sollten langsam aufräumen. In einer halben Stunde wird es so dunkel sein, dass man seine Hand nicht mehr vor Augen sehen kann.«
»Mensch, Papa.«, mahnte Sofie. »So dunkel kann es doch gar nicht werden. Schließlich haben wir noch den Mond. Auf ihm brennt doch ein helles Feuer. Jedenfalls hast du mir das mal erzählt. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern.«
Papa kratzte sich am Kopf und dachte angestrengt nach.
»Nun, wenn du das sagst, dann muss es wohl stimmen.«
Gemeinsam brachten sie das Geschirr vom Garten direkt zur Spülmaschine und verstauten die Reste des Essens im Kühlschrank.
»Gehen wir noch einmal nach draußen? Ich will den Mond aufgehen sehen. Bitte, bitte.«
Papa seufzte und gab nach.
»Aber danach gehst du gleich ins Bett. Versprochen?«
»Versprochen!«, antwortete Sofie und flitzte jubelnd zurück in den Garten. Sie setzten sich zusammen auf eine Bank und warteten auf den Mond, der auch schon bald hinter dem Horizont zum Vorschein kam.
»Huch, was ist denn das? Da stimmt doch etwas nicht.«
Sofie staunte nicht schlecht, denn der Mond hatte sich verändert. Er sah viel größer aus als sonst, und seine Farbe war nicht mehr weiß sondern rot.
»Was ist denn da geschehen? Papa, warum ist denn der Mond so rot?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom rot gefärbten Mond. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine junge hübsche Frau. Ihre Schönheit war im ganzen Land und sogar über alle Grenzen hinaus bekannt. Alle Männer dieser Welt hatten nur einen Wunsch. Sie wollten diese Frau heiraten. Ihr Name war Marie.
Marie lebte auf einem Bauernhof und half ihren Eltern dort bei der Arbeit. Jeden Tag fütterte sie die Schweine, schaufelte den Mist aus dem Kuhstall und sammelte die frisch gelegten Hühnereier ein. Sie schuftete von früh bis spät, war aber trotzdem mit ihrem Leben zufrieden. Nur eines fehlte ihr, eine eigene Familie, ein Mann und Kinder.
An jedem Abend bekam Marie Besuch. Es waren Heiratswütige, junge Burschen und gestandene Männer, einfache Bauern, Ritter und waschechte Prinzen. Die Schönheit der Bauerntochter lockte sie alle an.
Reiche Geschäftsleute versprachen ihr Wohlstand und zeigten ihr Beutel voller Gold. Die Prinzen wetteiferten untereinander mit der Größe ihrer Ländereien und die stolzesten und mutigsten Ritter traten im Kampf gegeneinander an. Aber nicht einer von ihnen konnte Maries Herz erreichen.
Der alte Bauer wusste sich keinen Rat mehr. Er hatte bereits alle Hoffnungen aufgegeben. In seinen Augen würde seine Tochter ohne Mann und Kinder zu Grabe getragen werden.
»Ach, wie herrlich es doch wäre, am Hofe eines Königs zu leben oder am Tisch einer reichen Familie zu speisen.«, beklagte er sich beinahe täglich. Doch das half auch nicht. Marie blieb allein und wartete auf den Mann, den sie nur aus ihren Träumen kannte.
»Ich will gar keine Königin werden oder die Frau eines reichen Mannes. Denn dann bin ich trotzdem allein. Mein Gatte hätte viel zu viel mit seinen Verpflichtungen und Geschäften zu tun.«, sagte sich Marie jeden Tag sehr selbstbewusst.
»Er darf ruhig ein ganz einfacher Mann sein. Er muss kein Geld besitzen. Dafür soll er reinen Herzens sein und reich an Gefühl, Witz und Charme sein. Denn dann will ich die seine sein.«
Der Bauer hörte dies nicht gern.
»Solche Männer gibt es nicht. Ein jeder ist ein Halunke und Ganove. Sie stehlen dir dein Herz. Das ist ihre Natur. Finde dich damit ab und heirate endlich. Einen besseren wirst du nicht finden.«
So ging die Zeit ins Land. Unzählige Männer umwarben die schönste Frau der Welt. Sie machten ihr Geschenke und waren großzügig mit Komplimenten. Aber nicht einer von ihnen vermochte es, das Herz der Bauerntochter zu gewinnen.

Eines Tages kam ein Jüngling in die Stadt. Sein Name war Andreas. Er stammte aus einem fernen Land und war auf Wanderschaft, um die Welt kennenzulernen. Am Abend nahm er sich für die Nacht ein Zimmer in einem Gasthof.
»Schon wieder so ein heiratswütiger Kerl. Aber auch dich wird die Bauerntochter nach Hause zurück schicken.«, grummelte der Wirt vor sich hin.
»Welche Bauerntochter meint ihr? So redet doch, guter Mann. Ich komme von weit her, habe eine lange Reise hinter mir und habe noch nicht viel von eurer Stadt gehört.«
Und so begann der Wirt die Geschichte von Marie zu erzählen. Andreas hörte gebannt zu und fasste schließlich einen Entschluss.
»Ich werde um die Gunst der Bauerntochter werben und ihr Herz im Sturm erobern. Sie wird gar nicht anders können, als sich in mich zu verlieben, denn ich bin der einzig Richtige für sie.«
Der Wirt rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf.
»Das haben alle anderen vor dir auch schon behauptet. Es wäre einfacher, wenn du sofort umdrehst und dir den Weg zum Bauernhof ersparst.«

Schon am nächsten Tag machte sich Andreas auf den Weg zum Bauernhof. Bis zum Mittag war er angekommen und hatte Marie sehr schnell gefunden. Sie stand im Stall und kümmerte sich um den Mist.
»Hallo, schöne Frau.«, grüßte er sie. »Ich will euch nur ungern von eurer Arbeit abhalten, aber vielleicht habt ihr ja einen kleinen Moment Zeit, um mich anzuhören.«
Andreas holte eine Blume hinter seinem Rücken hervor und hielt sie Marie hin.
Die Bauerntochter reagierte nicht auf das Geschenk.
»Wer seid ihr, dass ihr hier einfach vorbei kommt und mich von meinen Aufgaben abhalten wollt? Wenn ich jedem Verehrer auch nur wenige Minuten schenken würde, wäre ich meinen Eltern keine große Hilfe.«
Andreas war erstaunt. Er hatte es sich schwer vorgestellt. Aber dies hier schien nahezu aussichtslos zu sein.
»Oh, hat es euch die Sprache verschlagen? Für jemanden, der mich heiraten möchte, solltet ihr besser mit Worten umgehen können.«
Die Bauerntochter dachte kurz nach und sprach dann weiter.
»Oder seit ihr etwa ein Mann der Tat? Wollt ihr um mich kämpfen oder vielleicht einen Drachen für mich töten?«
Sie winkte ab.
»Ach nein, vergesst das ganz schnell. Es gibt schon viel zu viele große Helden, die mich nicht beeindrucken können. Oder schreibt ihr lieber Gedichte? Doch auch damit könnte ich bereits eine ganze Bibliothek füllen.«
Marie setzte sich auf einen Strohballen.
»Ich möchte doch einfach nur einen Mann, der mein Herz mit etwas ganz Besonderem berührt.«
Andreas setzte sich zu ihr, hielt aber gebührlichen Abstand. Er dachte eine Weile nach, bis er schließlich eine Idee hatte.
»Diesen Wunsch werde ich euch erfüllen. Erwartet mich am Abend wieder hier. Trefft euch mit mir, kurz nachdem der Mond aufgegangen ist.«

Andreas hatte sich viel vorgenommen. Von dem wenigen Geld, dass sich noch in seinem Beutel befand kaufte er sich einen großen Eimer roter Farbe, einen Pinsel, ein Seil und eine Leiter. Dann begab er sich zum nahen Horizont.
Auf dem Gipfel eines Berges stellte er seine Leiter auf und wartete auf den Mond. Als dieser schließlich zu Beginn der nahenden Nacht aufging, legte Andreas ihm das Seil um, zog ihn etwas näher zum Boden und band ihn an einem Baum fest.
Mit dem Pinsel und Farbe malte er ein großes rotes Herz auf den Mond. Erst als er fertig war, band er seinen unfreiwilligen Helfer los. Der Mond konnte weiter in den Himmel aufsteigen.
Nun musste sich Andreas beeilen, denn seine Überraschung würde schon bald vom Bauernhof aus zu sehen sein. Er nahm seine Beine unter die Arme und lief so schnell er konnte zur schönen Bauerntochter.

Marie wartete schon. Sie hatte sich auf einer Wiese vor dem Haus einen Strohballen zurecht gelegt und wartete gespannt. Schließlich kam Andreas die Straße entlang. Er war völlig außer Atem. Langsam lies er sich neben seiner Angebeteten nieder und versprach ihr, sein Herz zu schenken, wenn sie es annehmen wolle. Es wäre das größte Herz, dass sie jemals zu Gesicht bekommen würde.
Marie schmunzelte nur.
»Ihr versprecht sehr viel. Ich hoffe, ihr könnt es halten, denn sonst seit ihr nicht viel besser als alle anderen.«
In diesem Moment kroch der Mond langsam über die Bergkuppe und gab das rote Herz frei. Es leuchtete über das ganze Land hinweg und war für jeden Menschen zu sehen.
»Liebste Marie, ich schenke euch mein großes Herz. In ihm ist nur Platz für euch und ich werde euch immer jeden Wunsch von den Augen ablesen. Wollt ihr meine Frau werden?«
Marie wurde ganz rot im Gesicht. Sie blickte kurz verlegen zu Boden, bevor sie Andreas in die Augen sah.
»Ja, ich will deine Frau werden.«
Sie gaben sich einen langen Kuss.

»Und das soll wirklich die Wahrheit sein?«, fragte Sofie.
Papa nickte schnell.
»Aber warum ist der Mond denn mal rot und mal weiß?«
Papa dachte nach. Schließlich hatte er eine passende Antwort gefunden.
»Noch heute gibt es immer wieder junge Männer, die den Mond für ihre Angebetete bemalen. Und wenn es dann regnet, wird er wieder weiß.
»Ach, Papa. Ich glaube dir kein einziges Wort. Aber das macht nichts. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen.«
Sie kuschelte sich an Papa und sah dem Mond zu, wie er höher in den Himmel stieg.

(c) 2008, Marco Wittler

082. Der Mond wurde finster

Der Mond wurde finster

Der Abend brach an und die Sonne verschwand hinter dem Horizont. Sie machte Platz für den Mond und seine unzähligen Begleiter, die Sterne.
Armin saß auf einer kleinen Waldlichtung an seinem Lagerfeuer und wärmte sie sein Essen auf. In der kleinen Pfanne lag ein kleines Stück Pökelfleisch und auf einem der Steine am Rand ein Stück Brot.
Es war nicht gerade ein Essen für einen König, aber Armin war damit zufrieden.
»So lange ich überhaupt etwas zu Essen habe und jeden Tag satt werde, bin ich zufrieden.«
Gemütlich lehnte er sich an einen großen Baumstumpf und warf einen Blick in das unendliche Sternenmeer über sich. Dann nahm er das Brot, brach ein Stück davon ab und warf es in hohem Bogen über seinen Kopf hinweg.
»Ihr Götter im Himmel, ich möchte euch ein wenig meiner kargen Mahlzeit opfern, damit ihr freundlich gestimmt seit und auf mich acht gebt, wenn ich diese Nacht im Freien verbringe. Bitte haltet alle Gefahren von mir fern.«
Armin nahm das Fleisch aus der Pfanne, schnitt mit seinem Messer ein kleinen Teil ab und opferte auch diesen.
»Bitte sendet mir ein Zeichen, welches meine weitere Reise beeinflussen soll.«
Erst dann begann er zu essen.
Das Fleisch war zäh und das Brot trocken. Aber zumindest wurde der Magen voll. Vielleicht würde es ja doch bald wieder ordentliche Mahlzeiten geben.
»Wenn das Leben doch nicht so ungerecht wäre, dann hätte ich weiterhin in meiner Heimat bleiben und dort arbeiten können.«

Armin war auf der Flucht. In seinem Heimatdorf war ein Verbrechen geschehen. Jemand hatte vor einigen Monaten den Stern von Haladan gestohlen. Der Stern war eigentlich ein Stein, welcher vor ewigen Zeiten vom Himmel gefallen war. Er war ein Geschenk der Götter und schützte das Dorf vor allem Übel. Doch nun war er verschwunden.
Der Stern war in einer sonderbaren Nacht gestohlen worden. Die Sterne funkelten am Himmel und auch der Mond spendete sehr viel Licht. Armin war als Wachposten eingeteilt. Seine Aufgabe war es, den Tempel des Sterns von seinem Wachturm aus im Auge zu behalten, denn in der Nacht durfte ihn niemand betreten. Alles war ruhig und niemand war auf den Straßen zu sehen.
Doch dann geschah es. Wolken zogen auf und überdeckten die Sterne. Das war war nicht Ungewöhnliches. Aber als schließlich der Mond vom Himmel verschwand und dichte Nebelschwaden aufzogen, herrschte plötzlich absolute Finsternis.
»Was ist das? Wie kann das sein?«
Armin bekam es mit der Angst zu tun. Sofort holte er eine kleine Lampe hervor und entzündete ihr Feuer. Er blickte auf den Kalender, doch der Monat war noch nicht vorbei. Der Mond verschwand in regelmäßigen Abständen, kam dann aber auch zurück. Doch in dieser Nacht sollte er in voller Pracht am Himmel stehen.
»Oh, ihr Götter, welches Verbrechens klagt ihr uns Menschen an, dass ihr uns das Licht der Nacht nehmt?«
Eine Antwort bekam er nicht. Stattdessen hörte er nur das ferne Heulen der Wölfe im Wald.
Armin nahm seinen ganzen Mut zusammen und verließ seinen Posten. Mit der Lampe in der Hand ging er zum Tempel. Schließlich hatte er noch immer eine Aufgabe zu erfüllen.
Vorsichtig ging er die ersten Stufen hinauf. Er wagte es allerdings nicht, den Innenraum zu betreten. Zu sehen war allerdings nichts. Es war einfach viel zu finster.
Es verging einige Zeit. Bis auf einige Tiere im Wald war kein Geräusch zu hören.
Und dann wurde es schnell wieder heller. Die Wolken zogen weiter, der Nebel löste sich auf und der Mond kam wieder zum Vorschein.
»Seltsam, wirklich sehr seltsam.«
Armin sah sich um. Die Straßen waren wieder gut zu sehen und der Blick auf den Stern von Haladan wurde wieder frei.
Doch halt, was war das? Der Stern war verschwunden. Der große gläserne Schrein, in dem er während der Nacht aufbewahrt wurde, war leer.
In diesem Augenblick kam der Bürgermeister. Ab und zu war er in den Nächten unterwegs und spazierte durch die Straßen. Er genoss jedes Mal die Ruhe der Nacht.
»Was bist du bloß für ein Taugenichts. Der Stern ist verschwunden. Nun ist unser Dorf allen Gefahren schutzlos ausgeliefert. Ich werde dir zeigen, was dir für eine Strafe blüht.«
Doch dann hielt er inne und dachte kurz nach. Schließlich verfinsterten sich seine Augen.
»Hast du etwa selber unsere Gesetze gebrochen und den Tempel betreten, um den Stern zu stehlen?«
Der Bürgermeister nahm seinen Spazierstock fest in beide Hände und machte eine bedrohliche Geste.
Armin wusste, dass es nicht nützen würde, den Diebstahl abzustreiten. Niemand würde ihm glauben. Er versuchte es trotzdem.
»Aber der Mond verschwand vom Himmel. Es war absolut dunkel und ich konnte nichts sehen. Nur deswegen bin ich hierher gekommen, um den Stern im Auge zu behalten.«
Der Bürgermeister war außer sich vor Wut und holte mit dem Stock aus. Er schlug allerdings ins Leere, da Armin entsetzt zur Seite sprang und darauf hin schnell in die Nacht hinaus flüchtete.

Fleisch und Brot waren verspeist. Armin machte es sich an seinem Baumstumpf gemütlich, zog eine Decke über seinen Körper und sah wieder zu den Sternen hinauf, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Im nahen Wald knackten ein paar Äste.
Armin stand entsetzt auf.
»Wer ist da?«, rief er.
Es kam zwar keine Antwort, dafür sprangen zehn Soldaten aus dem Dickicht, gefolgt vom Bürgermeister.
»Haben wir dich endlich erwischt. Ich wusste doch, dass du Dieb uns nicht entwischen wirst.«
Er wandte sich an seine Leute und brüllte weitere Befehle.
»Fesselt ihn gut, damit er uns nicht ein weiteres Mal entwischt. Ich will den Burschen in einer Stunde im Kerker sitzen sehen. Und nun durchsucht seine Sachen. Irgendwo muss der Stern sein.«
Aber die Suche war vergeblich, der Stern blieb verschwunden.
»Das kann doch nicht möglich sein. Wo hast du den Stein versteckt.«
Doch Armin konnte nicht antworten. Er lag gefesselt und geknebelt am Boden.
Plötzlich zogen Wolken auf und verdeckten die Sterne. Nebelschwaden erfüllten die kleine Lichtung und der Mond verlöschte. Es war so finster, dass niemand mehr etwas sehen konnte.
Der Bürgermeister wurde nervös.
»Was ist das? Was hat das zu bedeuten?«
Er stieß einen seiner Soldaten um. Dieser stürzte auf Armin.
»Glaube bloß nicht, dass du die Dunkelheit zur Flucht nutzen kannst. Das werde ich nicht zulassen.«
Der Soldat verstand sofort und hielt seinen Gefangenen fest umklammert.
Der Bürgermeister schimpfte. Er war es nicht gewohnt, unter freiem Himmel nichts sehen zu können. Doch dann verstummte seine Stimme.
Wer ihn nun hätte sehen können, hätte sofort bemerkt, dass er am ganzen Körper zu zittern begann.
»Das kann doch gar nicht möglich sein. Was geschieht hier?«
Mit seinen Worten zogen der Nebel und die Wolken weg und der Mond kam wieder zum Vorschein. Die Menschen bekamen ihr Licht zurück und konnten wieder etwas sehen.
Noch immer lag Armin gefesselt am Boden und ein Soldat lag auf ihm drauf.
Der zitternde Bürgermeister war in sich zusammen gebrochen und saß nun wimmernd auf seinem Hintern. In seinen Händen hielt er einen kleinen schwarzen Stein, der nun hell zu leuchten begann.
»Die Götter hatten den Stern zu sich in den Himmel geholt und ihn nun zu uns zurück geschickt. Sie haben den Bund mit uns erneuert.«
Langsam stand er auf und hielt den Stein in die Höhe.
»Habt Dank.«
Doch dann lies er die Arme wieder sinken und sah beschämt auf den Boden.
»Armin, es tut mir leid, dass ich an deiner Ehrlichkeit gezweifelt habe. Ich möchte mich bei dir entschuldigen.«
Die Soldaten halfen Armin sofort auf und befreiten ihn von den Fesseln.
Der Bürgermeister ging auf seinen ehemaligen Wachmann zu und drückte ihm den Stern in die Hand.
»Ich möchte, dass du ihn zurück in den Tempel bringst. Das bin ich dir schuldig. Und es wird auch der Wunsch der Götter sein, denn auf deinen Wunsch nach einem Zeichen, haben sie ihn zurück geschickt.«
Armin strahlte nun über das ganze Gesicht und war sehr stolz mit dieser wichtigen Aufgabe betraut worden zu sein.
Von nun an arbeitete er jede Nacht im Tempel. Er war der einzige, der die Erlaubnis dazu bekam. Von nun an sollte er den Stern von Haladan ganz persönlich und aus nächster Nähe bewachen. Und vielleicht würden die Götter ihm hin und wieder ein weiteres Zeichen senden, welches er den Menschen weiter geben sollte.

(c) 2008, Marco Wittler

043. Ein Flug zum Mond (Ninas Briefe 8)

Ein Flug zum Mond

 Hallo Steffi.

Du wirst mir nicht glauben, was mir gestern Nacht passiert ist. Aber ich schwöre dir, dass jedes Wort wahr ist. Du weisst ja, dass ich nicht lüge, auch wenn es sich so anhört. Aber ich will dich nicht weiter auf die Folter spannen.

 Vorletzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Der Rolladen vor meinem Fenster ist kaputt gegangen und nun muss ich schlafen, obwohl das blöde Ding nicht unten ist. Und im Moment scheint der Mond so hell wie eine Straßenlaterne in mein Zimmer. Das nervt ganz schön. Am liebsten hätte ich Tommy aus seinem Zimmer geworfen. Dann hätte er sich den Mond anschauen können und ich hätte meinen Schönheitsschlaf bekommen. Aber Mama hat es mir dann doch verboten. Sie sagte nur, dass es schon nicht so schlimm sein und Papa den Rolladen spätestens am Wochenende reparieren würde.
Und dann lag ich da nun und starrte die ganze Zeit diese helle Scheibe am Himmel an. Ich weiss nicht, ob du das schon einmal gemacht hast. Für mich sieht der Mond jedenfalls so aus, als hätte er ein Gesicht, mit Mund, Nase, Augen, und als würde er mich die ganze Zeit von da oben beobachten. Das ist ein ganz schön komisches Gefühl. Ich habe mich überhaupt nicht wohl gefühlt. Nicht einmal die Gardine hat etwas geholfen. Ich konnte den Mond noch richtig gut dadurch sehen und er mich bestimmt auch.
Am nächsten Morgen war ich richtig kaputt und bin immer wieder in der Schule eingeschlafen. Jetzt weiss ich endlich, warum es gut wahr, mir einen Platz ganz hinten im Klassenraum zu suchen. Da sieht es wenigstens keiner, wenn mein Kopf auf dem Tisch liegt. Tommy hätte das nicht gekonnt. Der fängt ja immer sofort an zu schnarchen, sobald er die Augen zu hat.
Im Sachkundeunterricht, die einzige Schulstunde, die ich so gerade eben wach geschafft habe, ging es heute um Sonne, Mond und Sterne. Herr Schumann, unser Lehrer hat uns alles erklärt. Wie weit die alle voneinander entfernt sind, woraus sie bestehen und wie alt sie sind. Da musste ich ja dann doch etwas kichern. So alt wie unser Mond ist, müsste sein Gesicht doch schon längst ganz viele Falten haben. Aber er sieht noch lange nicht so zerknittert aus wie Tante Eva. Die ist zwar auch schon alt, aber noch lange nicht so wie der Mond.
Und als Herr Schumann sagte, dass die Oberfläche des Mondes aus Stein besteht, habe ich ganz laut protestiert, denn Anna-Lenas Papa sagt immer, dass der ganze Mond aus Käse besteht und man sich sogar von einer zur anderen Seite durch essen könnte, wenn man einen viel größeren Bauch und ganz viel Hunger hätte. Allerdings würde dafür auch nicht der Vorrat an Brot und Crackern ausreichen, denn Käse allein schmeckt ja nicht so gut.
Und dann haben alle über mich gelacht, alle Kinder in meiner Klasse und auch Herr Schumann. Der hat mich sogar noch gefragt, wo ich denn dieses Märchen gehört hätte. Dann bin ich ganz rot geworden, hab mich schnell wieder hingesetzt und den Rest der Stunde kein einziges Wort mehr gesagt. Das war das Peinlichste, was mir je passiert ist. Und etwas Schlimmeres wird es auf der Welt ganz bestimmt nicht geben. Damit werden mich die anderen bestimmt den Rest meines ganzen Lebens aufziehen. Am Liebsten wäre ich gleich auf eine andere Schule gewechselt.
Als ich nach Hause kam, hab ich ganz still am Mittagstisch gesessen und bin dann für den Rest des Tages in mein Zimmer verschwunden.
Irgendwann wurde es dunkel und es wurde Zeit, in mein Bett zu gehen. Doch als ich gerade lag, kroch schon wieder dieser gemeine Mond über den Horizont und leuchtete mir genau ins Gesicht. Ich war richtig sauer.
Doch auch Umdrehen und hin und her wälzen brachte nichts. Es war einfach viel zu hell zum Schlafen. Ich schnappte mir Decke und Kopfkissen und wollte mich gerade in meinen Kleiderschrank verkriechen, als ich plötzlich ein Geräusch hörte.
Vor Schreck lies ich alles fallen. Und dann hörte ich es wieder. Da stand jemand vor dem Haus und warf Steinchen gegen mein Fenster. Zuerst traute ich mich nicht, nachzusehen. Aber es wollte einfach nicht aufhören. Immer wieder knallte ein neuer Kiesel gegen das Glas, bis ich schließlich nachgab und zum Fenster ging. Als ich es öffnete, kam erneut ein Steinchen geflogen und traf mich auf die Nase. Das tat ziemlich weh, aber es blutete zum Glück nicht.
Ich sah nach unten und sah dort Tim stehen. Er ist ein Junge aus meiner Klasse.
»Was machst du denn da? Musst du nicht schon längst im Bett liegen und schlafen?«
Er schüttelte nur kräftig mit dem Kopf.
»Los komm raus. Wir wollen dir etwas zeigen.«
Ich sah mich draussen um, konnte aber außer Tim niemand anderes sehen.
»Wieso wir? Du bist doch alleine. Und ich bin bestimmt nicht so verrückt und komme so spät noch zum Spielen raus. Da bekomme ich jede Menge Ärger, wenn das meine Eltern erfahren.«
Tim winkte ganz aufgeregt jemanden herbei. Er schien wohl nicht mehr zu wissen, wie er mich aus dem Haus holen sollte.
Und plötzlich kamen sie von allen Seiten. Da waren alle Kinder aus meiner Klasse und dazu noch mein Sachkundelehrer.
Herr Schumann gab den anderen zu verstehen, dass sie leise sein sollten.
»Nina, komm raus. Wir machen einen kleinen Schulausflug. Wir wollen etwas mehr über den Mond lernen und heraus bekommen, ob er nicht vielleicht doch aus Käse gemacht ist.«
Ich wurde sofort wieder ganz rot im Gesicht.
»Jaja, lacht ruhig alle über mich. Ihr habt ja auch nichts Dummes in der Schule gesagt.«
Doch dann fiel mir auf, dass niemand lachte. Alle waren still und schienen nur darauf zu warten, dass ich endlich raus kommen würde.
Sie winkten mir sogar zu, herunter zu kommen.
»Ich kann doch nicht. Meine Eltern sind noch wach und schauen fern. Die werden mich sofort bemerken, wenn ich mich raus schleiche.«
»Nichts einfacher als das.«, flüsterte Herr Schumann zu mir rauf.
»Zieh dich schnell an, setz dich auf dein Bett und warte ab, was geschieht.«
Ich tat also, was er sagte und wartete.
Plötzlich sah ich mehrere Schatten vor meinem Fenster hin und her sausen. Und dann waren sie auch auf der anderen Seite, hinter meiner Balkontür zu sehen. Und einer von ihnen kam ganz nah an unser Haus heran.
Ich verkroch mich sofort unter meiner Decke und zitterte am ganzen Körper, bis ich es wieder klopfen hörte und eine Stimme zu mir sprach.
»Nina? Bist du fertig? Du brauchst keine Angst haben. Wir wollen dich nur zu unserem Schulausflug abholen. Mach die Balkontür auf und setz dich wieder auf dein Bett.«
Es war mein Lehrer. Aber wie war er auf meinen Balkon gekommen?
Ich kroch also unter der Decke hervor, öffnete die Türen und setzte mich schnell wieder auf mein Bett, als es auch schon begann, sich zu bewegen.
Er bekam Angst. Und die Angst wurde noch größer, als mein Bett plötzlich abhob und knapp unter der Zimmerdecke schwebte. Dann bewegte es sich auf den Balkon zu und flog hinaus in die Nacht.
Ich fand mich plötzlich über unserem Garten wieder und ar umringt von den Kindern meiner Klasse. Jeder von ihnen lag oder saß im eigenen Bett und schwebte im Kreis um mich herum. Sogar Herr Schumann saß in seinem Bett. Es war ein unheimlich schönes Himmelbett.
»Nina, wir fliegen jetzt alle zusammen zum Mond und schauen nach, woraus er wirklich gemacht ist.«
Sein Bett setzte sich in Bewegung und wir anderen flogen ihm in einer langen Kette hinterher.
Ich glaube, wenn uns jemand am Boden gesehen hätte, hätte der nicht geglaubt, was er sieht. Aber in diesem Moment dachte ich gar nicht an so etwas. Ich hatte nur Angst herunter zu fallen. Aber es wehte kein Wind und mein Bett wackelte kein bisschen. Trotzdem nahm ich meinen Kuschelbären fest in den Arm und lies ihn nicht mehr los. So fühlte ich mich wenigstens etwas besser.
Wir flogen eine ganze Weile immer höher, immer weiter in den Himmel und kamen den Sternen immer näher. Wir flogen vorbei an Kometen, passierten die Milchstraße und ließen uns von einigen schnellen Raumschiffen überholen, bis vor zur Landung auf dem Mond ansetzten.
Unsere Betten wurden immer langsamer und setzten nacheinander auf der Oberfläche auf.
Ich stieg vorsichtig aus, setzte einen Fuß vor den anderen und begann mich umzusehen.
Ich warf einen Blick in den Himmel und wunderte mich über den komischen blauen Mond, der mich nun anlachte.
»Das ist kein Mond, falls du das jetzt denkst.«, sagte Herr Schumann zu mir.
»Das ist unsere Erde, nur von der anderen Seite aus gesehen.«
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich war so fasziniert, dass mir einfach die Worte fehlten. Dieser Anblick war so wunderschön.
»So, Kinder. Dann schaut euch mal um. Vielleicht entdeckt ihr ja ein paar interessante Dinge. Und wer ein Stück Käse findet, bringt es bitte zu mir, ich habe nämlich noch nicht zu Abend gegessen.«
Alle mussten lachen. Sogar ich konnte mir diesmal kein Grinsen verkneifen.
Natürlich war der Mond nicht aus Käse. Das sah ich jetzt auch. Die ganze Oberfläche war voll mit Steinen und Sternenstaub. Hier sollte mal jemand ordentlich putzen. Aber wo niemand wohnt, kann auch niemand sauber machen.
Ich sah mich genauer um und lief von einem Krater zum anderen, schaute hinter kleine Hügelchen und entdeckte dann plötzlich doch etwas.
Hinter einem kleinen Berg stand ein kleines Häuschen. Es war kleiner als das von Mama und Papa, war aber groß genug, um darin stehen zu können.
Jetzt wunderte ich mich aber doch. Schließlich hatten wir in der Schule gelernt, dass der Mond unbewohnt sei und die ersten, die hier oben waren, Astronauten genannt wurden und mit einer Rakete her kamen. Wer konnte also hier wohnen?
Ich ging langsam näher und schaute durch ein Fenster in das Innere des Häuschens. Aber es war viel zu dunkel. Deswegen suchte ich die Tür und klopfte vorsichtig an.
»Zu wem möchtest du denn, junge Dame?«
Ich drehte mich erschrocken um. Hinter mir stand ein alter Mann und sah mich freundlich an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also blieb ich still und bewegte mich auch nicht mehr.
»Vor mir brauchst du keine Angst haben.«, sagte er.
»Ich bin der Mann im Mond. Du wirst doch sicher schon von mir gehört haben.«
Der Mann im Mond? Klar hatte ich von dem schon gehört. Wer denn nicht? Aber bisher dachte ich immer, dass er nur ein Märchen wäre. Und nun stand er leibhaftig vor mir. Das war vielleicht aufregend.
»Weisst du was? Ich werde dir meine Welt zeigen, wenn du schon einmal hier bist. Ich bekomme so selten Besuch, dass ich mich über dich sehr freue.«
Er schloss die Tür des kleinen Häuschens auf und nahm mich mit hinein.
Ich war richtig erstaunt. Denn von innen sah es riesig groß aus. Das konnte doch unmöglich alles in dieses kleine Häuschen passen. An den Wänden hingen überall Uhren und sie tickten leise vor sich hin.
»Hier wird die Zeit gemacht.«, sagte er.
»Ich bin dafür zuständig, dass sie Uhren regelmäßig aufgezogen und, wenn es nötig ist, repariert werden. Jede von ihnen gehört zu einem Land auf deiner Erde. Und wenn eine von ihnen stehen bleibt, dann bleiben die Zeit und auch alle Menschen und Tiere in diesem Land stehen. Darum ist meine Aufgabe hier sehr wichtig.«
Ich staunte. Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Aber glauben konnte ich es auch nicht so richtig.
»Kennst du das Gefühl, wenn ein Tag besonders schnell vorbei geht oder manch anderer gar nicht enden will?«
Ich nickte.
»Das ist dann auch tatsächlich so. Denn in diesen Momenten stimmt etwas mit den Uhren nicht und ich muss sie reparieren, weil sie zu schnell oder zu langsam laufen.«
Er führte mich herum, bat mich aber, keine der Uhren zu berühren. Und das tat ich auch nicht. Ich wollte schließlich nichts kaputt machen.
Schließlich brachte er mich wieder zum Ausgang und verabschiedete mich. Er drückte mir noch einmal die Hand und entschuldigte sich, da er jetzt wieder arbeiten müsste.
Ich ging also zurück zu meinen Klassenkameraden, die bereits wieder in ihre Betten stiegen.
»Nina, es wird Zeit. Wir wollen zurück nach Hause, sonst bekommt ihr nicht mehr genug Schlaf heute Nacht.«
Herr Schumann winkte mich heran und achtete darauf, dass jeder sicher in seinem Bett saß oder lag. Dann hoben wir alle wieder ab und flogen der Erde entgegen.
Kurz vor der Landung verteilten sich die Betten über den ganzen Stadt und jeder von uns schwebte in sein eigenes Zimmer zurück.
Das war schon verrückt, was wir in dieser Nacht erlebt haben. Und ich glaube, Mama, Papa und Tommy würden mir das nie glauben. Deswegen werde ich es ihnen auch nicht erzählen.
Heute morgen in der Schule haben wir über unser Erlebnis geredet. Einige Schüler hatten Staub und Steine mitgebracht. Wir stellten dann sehr schnell fest, dass der Mond tatsächlich nicht aus Käse bestand. Aber das machte mir nun nicht mehr so viel aus, denn ich hatte ja ein neues Geheimnis gefunden.
Als Herr Schumann fragte, ob jemand von uns den Mann im Mond gesehen hätte, lachten alle. Tim sagte sogar, dass das doch nur ein Märchen sei und es keinen Mann im Mond gäbe.
Ich wusste es aber besser, sagte jedoch nichts. Es würde mir eh keiner glauben. Aber Herr Schumann zwinkerte mir nur lächelnd zu. Ob er weiß, was ich gestern erlebt und gesehen habe?

 Ich hätte ja nicht gedacht, dass mein Brief so lang werden würde, aber ich hatte ja auch sehr viel zu berichten. Ich hoffe, du glaubst mir das. Du bist nämlich die einzige, bei der ich mich traue, davon zu berichten.

 Deine Nina.

 P.S.: Ich weiss, dass es schwer ist, mir das alles zu glauben. Damit es dir aber leichter fällt, habe ich ein wenig Sternenstaub vom Mond in den Briefumschlag gepackt.

(c) 2007, Marco Wittler

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