454. Das seltsame Pinguinbaby

Das seltsame Pinguinbaby

Die Pinguindame Paula saß in der Nähe des Strandes auf ihrem kleinen Nest und beschützte ihre beiden Eier vor der Kälte und vor jedem, der sie fressen wollte. Und hungrige Tiere gab es mehr als genug. In der Luft warteten unzählige Möwen auf einen Leckerbissen. Im Wasser schwammen Robben, Seehunde und Wale hin und her und hofften darauf, einen Pinguin zwischen die Zähne zu bekommen.
»Ich muss mir langsam etwas Futter besorgen. Aber wenn ich die Eier zu lange allein lasse, klaut sie mir bestimmt jemand.«
Es war jedes Mal eine richtige Überwindung, im Wasser nach kleinen Fischen zu jagen. Paula blieb aber nichts anderes übrig. Irgendwann machte sie sich doch auf den Weg ins Meer. In der Zwischenzeit übernahm ihre Freundin Pia die Aufsicht.
»Das ist unsere Chance.«, rief sofort eine Möwe zur nächsten.
»Da ist ein Nest nicht richtig bewacht. Los! Holen wir uns ein leckeres Ei!«
Die Möwen hatten sich schon lange abgesprochen. Eine von ihnen sollte den Nachbarpinguin ablenken, während sich die andere an einem der Nester zu schaffen machte. Sie warteten keinen weiteren Augenblick ab. Die erste von ihnen raste im Sturzflug auf Pia zu, kreiste immer wieder um ihren Kopf und kreischte so laut sie nur konnte. Die zweite Möwe landete währenddessen neben Paulas Nest, schnappte sich eines der beiden Eier und flog jubelnd davon.
In diesem Moment kam Paula schon wieder zurück. Sie hatte sich vier dicke Fische gefangen und war nun richtig satt. Da fiel ihr Blick auf das geplünderte Nest.
»Wo ist mein Ei?«, fragte sie entsetzt, während dich Pia bereits traurig entschuldigte.
»Wo ist mein Ei?«, fragte Paula wieder.
Verzweifelt sah sie sich um.
»Irgendwo muss es doch sein. Das wird bestimmt niemand gefressen haben.«
Paula watschelte mit ihren kurzen Beinen so schnell sie nur konnte hin und her. Sie sah unter jeden Stein. Aber zu finden war nichts.
»Vielleicht in dieser Felsspalte.«
Sie war den Tränen nahe. Aber die Hoffnung wollte sie trotzdem nicht aufgeben.
»Lass es sein. Die Möwen haben es sich geholt.«, sagte Pia leise.
»Nein, das kann nicht sein. Es ist hier. Ich habe es gefunden.«, rief Paula und strahlte über das ganze Gesicht.
Tatsächlich holte sie ein Ein hervor. Die Möwen hatten es wohl fallen gelassen.
»Jetzt habe ich wieder alle meine beiden Babys bei mir.«
Paula legte das Ei zurück ins Nest und wunderte sich, dass es größer als das andere war.
»Ist wohl vor Aufregung ein ganzes Stück gewachsen.«
Aber das war Paula egal. Wichtig war nur, dass die beiden Eier in Sicherheit waren. Also setzte sie sich schnell wieder darauf und brütete sie weiter aus.

Vier Wochen später war es dann so weit. Unter Paulas Popo klopfte etwas an die Eierschalen. Sofort stand sie auf und sah nach. Tatsächlich waren ihre Babys gerade dabei, die Schalen zu knacken. Das erste Ei brach und ein kleiner Kopf kam zu Vorschein. Ein neuer Pinguin war geboren.
»Hallo, Mama, da bin ich.«, sagte das kleine Mädchen und kuschelte sich sofort an Paula.
»Dann bist du wohl die kleine Lena. Herzlich Willkommen auf der Welt.«, freute sich Paula.
Und dann knackte auch die Schale des zweiten Eis auf. Doch da kam kein Pinguinkopf hervor. Was es war, konnte Paula auch nicht sagen, aber es hatte grüne Schuppen und ein paar scharfe Zähne im Maul.
»Hallo, Mama. Jetzt bin ich auch da.«, rief das seltsame Tier vor Freude.
Paula wusste gar nicht, was sie sagen oder denken sollte. Doch dann zuckte sie mit den Schultern und drückte das Wesen an sich. Es war aus einem ihrer Eier geschlüpft. Also musste es auch ihr Baby sein.
»Herzlich Willkommen, kleiner Max.«
Paula wusste nicht, dass das Ei aus der Felsspalte schon einige Millionen Jahre dort eingefroren war. Es war das Ei einer Dinosauriermama gewesen. Und Paula hatte es nun ausgebrütet.
Paula drückte die beiden fest an sich und war froh, dass sie die zwei Monate im Ei heil überstanden hatten.
»Liebe Freunde, kommt schnell her. Meine Babys sind endlich da.«, rief sie den anderen Pinguinmüttern zu.
Diese kamen dann auch schnell herbei und staunten nicht schlecht, als sie das grüne Etwas sahen.
»Das soll ein echter Pinguin sein? Sieht aus, als wäre eines deiner Eier in den letzten Wochen schlecht geworden.«, lachten sie und drehten sich amüsiert weg.

In den folgenden Wochen musste sich Paula immer wieder anhören, dass sie ein hässliches Baby ausgebrütet hatte. Lena und Max wurden sogar jeden Tag in der Pinguinschule von den anderen Kindern geärgert und gehänselt.
»Mach dir nichts daraus.«, sagte Lena dann.
»Du bist mein Bruder und mir ist egal, wie du aussiehst. Ich habe dich lieb und das bleibt auch so.«
Dann drückte sie Max immer an sich.

Die Zeit verging. Die Monate zogen ins Land. Die Pinguine und auch der kleine Dinosaurier wuchsen stetig heran. Der einzige Unterschied war, dass Max viel schneller wuchs als die Pinguine und bereits mehr als drei Mal so groß war, wie alle anderen. Das war auch der Grund, warum er noch mehr von den Pinguinkindern geärgert wurde. Mittlerweile durfte er kaum noch in die Pinguinkolonie kommen, da jeder Angst hatte, von seinen großen Füßen zertreten zu werden. Also saß Max meistens auf einem etwas abgelegenen Felsen und starrte auf das schöne blaue Meer hinaus.
Zu dieser Zeit lag bereits eine neue Generation Eier in den Nestern. Die Pinguinmütter saßen wieder fleißig darauf und brüteten fleißig ihre Babys aus. Aus diesem Grund hatte sich auch ein großer Möwenschwarm am Strand versammelt. In diesem Jahr wollten die Vögel etwas Neues ausprobieren. Es galt nur noch, sich abzusprechen.
»Es bringt nichts mehr, wenn wir versuchen, einzelne Eier zu stehlen.«, erklärte ihr Anführer.
»Das dauert zu lange und bringt nicht viel ein. Wir müssen alle gemeinsam zuschlagen.«
Sie waren sich einig und starteten ein paar Minuten später in die Lüfte. Von dort aus stürzten sie sich gemeinsam auf die Pinguinkolonie. Durch ihre Große Anzahl und ihr lautes Geschrei vertrieben sie schnell die verwirrten Mütter von ihren Nestern. Es war nun ein Leichtes, die verlassenen Eier zu stehlen.
»Das ist der beste Raubzug aller Zeiten.«, triumphierte der Anführer der Möwen und nahm sich gleich vier Eier in seine Krallen.
Doch dann hörten die Raubvögel ein lautes Rumpeln, ein erschreckendes Grollen und ein lautes Gebrüll, wie es nur von einem übernatürlichen Monster stammen konnte.
»Verschwindet von hier.«, brüllte eine tiefe Stimme.
»Und wenn auch nur ein einziges Ei fehlt, dann werde ich euch alle fressen.«
Max kam herbei gelaufen. Seine großen Zähne sahen zum Fürchten aus. Um seine Drohungen noch gefährlicher aussehen zu lassen, schnappte er sich eine Möwe aus der Luft und schleuderte sie so hoch er nur konnte.
»Und wenn ich euch noch ein einziges Mal hier sehe, dann werde ich meinen knurrenden Magen mit euch füllen.«
Das ließen sich die Möwen natürlich kein zweites Mal sagen. Sofort legten sie alle erbeuteten Eier zurück in ihre Nester und flogen davon. Max lachte erfreut, während er die erleichterten Pinguinmütter zurück auf ihre Nester schickte, damit es den Eiern nicht zu kalt wurde.
Von da an sprach nie wieder ein einziger Pinguin ein böses Wort gegen Paulas Kinder Lena und Max, die nun gemeinsam über die ganze Kolonie wachten.

(c) 2013, Marco Wittler

076. Der letzte Dinosaurier

Der letzte Dinosaurier

Drakkon saß gemütlich in seinem Sessel und sah aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade unter und verwandelte den Himmel in ein rotes Flammenmeer welches sich im Meer darunter spiegelte.
»Ach, sieht das schön aus. Es gibt für mich nichts schöneres, als der Abendsonne zuzusehen, wie sie hinter dem Horizont verschwindet.«
Drakkon legte die Füße hoch und kramte in einem Stapel Zeitungen, die neben ihm lagen. Er nahm die aktuelle Ausgabe zur Hand und blätterte durch die Seiten.
Doch so ganz aktuell war das Blättchen nicht mehr. Es lag bereits seit ein paar Jahren hier herum. Doch danach waren keine weiteren Ausgaben mehr gedruckt worden. Die Zeitung gab es nicht mehr. Und ebenso gab es auch niemanden mehr, der sie hätte drucken können.
Der letzte Dinosaurier war Drakkon. Alle anderen waren ausgestorben. Er war der letzte dieser großen Tiere und lebte nun zurück gezogen auf einer kleinen Insel und genoss seinen Lebensabend.
»Wie viel Zeit mag wohl vergangen sein, seit ich das letzte Mal einen meiner Artgenossen gesehen habe?«, fragte er sich immer wieder.
In solchen Momenten verließ er sein kleines Haus und ging am Strand spazieren. Und so war es auch am heutigen Tag auch wieder.
Er warf ein paar Steinbrocken in das Wasser und sah dem Plätschern zu. Er saß am Ufer und lauschte den Wellen und den kreischenden Möwen.
»Das Leben ist wirklich wunderbar. Wenn ich doch bloß nicht allein wäre.«
Als wenn es jemand gehört hätte, tauchte in diesem Augenblick ein Schiff am Horizont auf. Zuerst sah man nur den Masten, dann die Segel und schließlich auch noch den Rumpf. Es kam von Minute zu Minute näher.
Drakkon war es nicht ganz geheuer, denn er hatte seit einer Ewigkeit keinen Besuch mehr empfangen und wusste nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Daher suchte er Schutz in einer kleinen Höhle und beobachtete, was nun geschah.
Das Schiff ging kurz vor der Küste vor Anker und lies ein kleines Boot zu Wasser, in dem merkwürdige kleine Wesen saßen.
»Sie sind so viel kleiner als ich. Ich will sie nicht erschrecken. Vielleicht kommen sie aus einem fremden Land und haben noch nie einen Dinosaurier wie mich gesehen.«
Die Wesen, es waren ganz normale Menschen, gingen kurz darauf an Land. Drakkon hatte noch nie Menschen gesehen, daher hielt er sie für eine Tierart.
Die Menschen machten das kleine Boot am Strand fest, damit es von der Strömung nicht fort gespült werden konnte.
Sie packten einige Kisten auf den Sand, aus denen sie seltsame Gegenstände nahmen.
Drakkon fand dies alles sehr seltsam. Daher blieb er in seiner dunklen Höhle und beobachtete alles ganz genau.
Die Menschen begannen nun sich überall umzusehen. Sie wühlten im Sand herum, sahen sich die Palmen an und sammelten einige Steine ein, bis einer von ihnen etwas entdeckte.
Drakkon wusste sofort, worum es sich handeln musste. Ohne zu zögern, kam er aus seinem Versteck heraus und fand sich bestätigt. Die Menschen hatten sein Haus gefunden.
Was konnte er jetzt unternehmen? Auf der einen Seite wollte er natürlich nicht gesehen werden. Auf der anderen musste er sein Haus beschützen.
Die Menschen standen vor dem Gebäude und sahen es sich mit großer Begeisterung an. Sie liefen im Kreis, klopften die Wände ab, drückten gegen die Tür. Aber sie kamen einfach nicht in das innere. Sie waren zu schwach. Enttäuscht gingen sie zu ihrem Boot zurück und machten eine Pause.
Einer von ihnen schien sich allerdings Gedanken zu machen, wie man in das Haus eindringen könnte. Er machte Pläne, schrieb viele Zettel voll und redete mit seinen Gefährten. Viel konnten sie aber nicht mehr ausrichten, denn der Abend kam und mit ihm die Dunkelheit.
Drakkon atmete auf, suchte seine Höhle auf und machte es sich dort gemütlich. Er wartete die Nacht ab, beobachtete die Menschen und wartete darauf, dass sie eingeschlafen waren. Dann schlich er sich zurück in sein Haus und plante, was nun zu tun sei.

Der nächste Morgen kam. Die Sonne stieg langsam über den Horizont und es wurde heller. Die Menschen wachten auf, aßen etwas und machten sich wieder auf den Weg zum Haus.
Drakkon beobachtete sie dabei aus einem seiner Fenster und freute sich schon. Er hatte sich genau vorgenommen, was er nun machen wollte.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis die Menschen wieder vor der Tür standen. Sie redeten miteinander und hantierten mit Werkzeugen herum. Doch das war gar nicht nötig, wie sie wenig später feststellten. Die Tür stand einen Spalt breit offen.
Sie waren verwundert und ihre Gespräche verstummten sofort. Damit hatten sie niemals gerechnet. Vorsichtig drückte einer von ihnen die Tür weiter auf und schob seinen Kopf durch die Öffnung.
Er sah sich um, zog sich zurück und kam erneut zum Vorschein. Dieses Mal traute er sich, das Haus zu betreten. Die anderen Menschen folgten ihm in einem sicheren Abstand.
Und dann ging alles recht schnell. Sie hörten ein Geräusch aus einem Raum, der sich hinter einer weiteren Tür befand. Zuerst zögerten sie, doch dann hörten sie eine Stimme.
»Fürchtet euch nicht. Ihr seid hier als Gäste willkommen. Tretet, erschreckt euch aber nicht, denn ihr werdet vielleicht euren eigenen Augen nicht trauen.«
Die Stimme klang freundlich und verlockend. Die Menschen zögerten noch einen kurzen Augenblick, öffneten dann aber die nächst Tür und blieben wie angewurzelt stehen. Sie trauten ihren Augen tatsächlich nicht.
Es war still. Doch dann überschlugen sich die Stimmen. Jeder der Gäste meinte nun, etwas sagen zu müssen. Sie sprachen alle durcheinander. Schließlich wurden sie wieder still und ihr Anführer machte einen Schritt vor.
»Sind sie wirklich das, wofür wir sie halten?«
Drakkon konnte sich die Frage genau vorstellen.
»Ja, ich bin ein Dinosaurier.«
Die Menschen waren nun sehr aufgeregt.
»Das ist ja kolossal. Das ist die größte Entdeckung aller Zeiten. Sie sind der erste und einzige lebende Dinosaurier, den wir kennen, der jemals von einem Menschen gesehen wurde. Aber wie ist das nur möglich? Alle anderen sind doch schon längst…«
Der Mensch machte eine Pause und bekam ein rotes Gesicht.
Drakkon lächelte und erschrak über sich selbst. Er hoffte, dass die Menschen sein Lächeln auch als solches erkennen würden, denn nun waren seine großen Zähne alle zu sehen.
»Ich weiß, sie sind schon vor langer Zeit alle verschwunden. Ich bin als einziger übrig geblieben.«
Die Menschen setzten sich zusammen mit Drakkon auf ein großes Sofa und redeten miteinander. Sie erzählten davon, dass auf der ganzen Welt viele Knochen gefunden wurden und man noch immer rätseln würde, wie die Dinosaurier vor so langer Zeit gelebt hätten. Doch alles, was sich die Forscher ausgedacht hatten, schien nun nicht mehr zu gelten.
»Sie müssen uns unbedingt in unsere Welt begleiten.«, sagte einer der Menschen.
»Die anderen müssen sehen, dass es doch noch einen lebendigen Dinosaurier gibt und dass er ganz anders lebt, als wir es uns jemals vorgestellt hatten.«
Drakkon dachte nach. Er sah sich um, blickte durch das Fenster auf das Meer und die Sonne. Dies war seit ewigen Zeiten seine Heimat gewesen. Vielleicht war dies auch der Grund, warum er als einziger noch am leben war.
»Ich kann sie nicht begleiten. Ich bin hier zu Hause. Ich war noch nie fort und möchte es auch nicht. Aber ich lade gerne ihre Forscher zu mir ein. Sie dürfen mich jederzeit besuchen kommen.«
Die Menschen verstanden den Dinosaurier. Aber sie merkten auch, dass er sich etwas unwohl fühlte.

Nach einem langen Tag mit vielen Gesprächen fuhren die Menschen wieder nach Hause. Sie setzten sich in ihr Boot, paddelten zurück zu ihrem Schiff, mit dem sie einen Kurz zurück in ihre Heimat setzten.
Sie hatten Drakkon versprochen, niemandem von diesem Treffen zu erzählen. Denn sonst würde große Menschenmassen auf die kleine Insel kommen, nur um ihn anzusehen. Oder, was noch schlimmer wäre, sie würden ihn einfangen und in einen Zoo einsperren. Das wollten sie ihm nicht antun.
Dafür versprachen sie, eines Tages erneut zu Besuch zu kommen. Damit war der alte Dinosaurier zufrieden.
Zum Abschied winkte er den Menschen ein letztes Mal zu und ging zurück in sein Haus.

(c) 2008, Marco Wittler

029. Bronti und der Drache

Bronti und der Drache

Vor langer Zeit, als die Menschen die Erde noch nicht für sich erobert hatten, lebten auf ihr die Dinosaurier. Ihr Leben war gar nicht so anders, als später das unsrige. Aber dafür sahen sie ganz anders aus. Vom Äußeren glichen sie den heutigen Eidechsen und Krokodilen, denn auch sie waren Reptilien. Es gab sie sogar in vielen verschiedenen Größen und Formen. Manche waren so klein, dass du sie ganz locker in einer Handtasche verstecken könntest, andere wiederum so riesig, dass sie so gerade eben in einer Turnhalle Platz fänden. Und weil die Haut von jedem eine ganz andere Farbe, als die seiner Artgenossen hatte, gab es keine zwei Dinos, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen.
Auch, wenn es sich nun so anhört, als wäre ein Zusammenleben zwischen so verschiedenen Sauriern sehr schwierig und voller Probleme, funktionierte der Alltag viel besser als heute bei uns. Busse, Straßenbahnen und Züge gab es in unterschiedlichen Größen und neben riesigen Gebäuden, in denen zwei Dinos lebten, standen kleine Häuser, in denen gleich hundert andere Platz fanden. Nur auf den Straßen musste man aufpassen, dass man als Kleinsaurier nicht von einem Riesen versehentlich zertreten wurde.
Einer von diesen sehr großen Exemplaren war Bronti. Er hatte große Säulenfüße wie ein Elefant, einen sehr langen Hals wie eine Giraffe, einen dickeren Bauch als ihn jeder Eisbär jemals haben konnte und einen Schwanz der länger war als jede Schlange, die in dieser Stadt lebte. Na ja, jedenfalls würde er irgendwann einmal einer von den ganz großen werden, denn im Moment war er noch ein Kind, aber trotzdem schon viel größer als die anderen aus seiner Schulklasse.
Das war auch der Grund, warum Bronti keine Freunde hatte. Alle anderen gingen ihm aus dem Weg. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Die fiesesten unter ihnen beschimpften ihn sogar als dicken fetten Tollpatsch. Beim Sport war es immer am Schlimmsten. Niemand wollte ihn in seine Mannschaft wählen. Selbst für die Position des Torwartes nahm ihn niemand, weil alle dachten, dass er alle Bälle beim Fangen sofort zum Platzen bringen würde. Und so verbrachte er jeden Tag ganz traurig und alleine.
Eines Tages war die ganze Stadt in heller Aufregung. Im nahen Wald hatte jemand einen Drachen gesehen. Nun muss man aber wissen, dass jeder Drachen kannte. Sie sahen riesig aus, hatten lange scharfe Zähne, zwei große Flügel auf dem Rücken. Aber kein einziger Saurier hatte jemals einen zu Gesicht bekommen. Man kannte sie nur aus Legenden und Geschichten, aber selbst die schlauesten Wissenschaftler und Forscher trauten sich nicht zu sagen, dass es keine Drachen gab. Es hätte ja doch einmal einer vorbei kommen und das Gegenteil beweisen können. Und nun schien es tatsächlich so weit zu sein. Es konnte nur noch wenige Tage dauern, bis das Ungetüm durch die Strassen wüten würde.
König Raptor lies sofort alle Wachtposten an der Mauer verdoppeln und versetzte seine Soldaten in Alarmbereitschaft. Der Drache sollte es erst gar nicht bis hinter die Stadtmauer schaffen. Doch das war leichter gesagt, als getan, denn schon am nächsten Morgen war es so weit.
Unter lautem Gebrüll und in einem heißen Flammenmeer gebadet, kam das Monstrum aus dem Wald. Die Wachtposten und Soldaten packte die Angst und sie alle Liefen nach Hause und versteckten sich unter ihren Betten. Nun war die Stadt schutzlos.
Der Drache ging Schritt für Schritt durch die langen Straßen. Immer wieder brüllte er umher um den Dinos Angst zu machen. Seine langen, scharfen Zähne glänzten bedrohlich. In der aufgehenden Sonne und mit seinem Feuer brannte er ein paar leer stehende Holzhütten nieder. Niemand traute sich, sich ihm in den Weg zu stellen. Jeder hatte Angst um sein Leben. Und so passierte es, dass das Ungetüm ungehindert bis in die Saurierschule kommen konnte.
Die Kinder und Lehrer hatten noch gar nichts von der drohenden Gefahr mitbekommen und waren sehr überrascht und erschreckt, als die brennende Eingangstür mit einem lauten Krachen aufflog und der Drache hinein stürmte.
Alle hatten große Angst, denn keiner wusste, was nun passieren würde.
Der Eindringling jedoch wusste genau, was er tat. Er schnappte sich eine ganze Schulklasse samt Lehrer und trieb sie vor sich her, direkt in die große Schwimmhalle hinein. Dort nahm er sie als Geiseln und verlangte die Tochter des Königs zur Frau, sonst würde er alle gefangenen Kinder auffressen.
Die kleine Prinzessin Stego erschrak, als sie davon erfuhr. Sie wollte auf keinen Fall einen so feurigen Ehemann haben. Genauso dachte auch der König. Doch blieb ihm keine andere Wahl, als sein geliebtes Töchterchen gegen das Leben der vielen Kinder einzutauschen.
Während die jedoch auf dem Weg zur Schule waren, passierte etwas völlig Unvorhergesehenes und der Schwimmhalle.
Einer von den Gefangenen war Bronti. Er hatte nicht ganz so viel Angst vor dem Drachen, denn er wurde auch hier die ganze Zeit von seinen Mitschülern geärgert und beschimpft. Sie sagten, dass er bestimmt der erste wäre, der gefressen würde, weil er so dich und fett wäre, genau das Richtige für einen hungrigen Drachen. Aber Bronti wollte nicht als Frühstück enden. Deswegen versteckte er sich ganz oben auf dem Sprungturm, als das Monstrum gerade aus dem Fenster sah, um nach der Prinzessin Ausschau zu halten.
Als er sich dann wieder umdrehte, brüllte er ganz laut, weil seine zukünftige Braut noch immer nicht da war und er nun stattdessen das erste Kind fressen wollte. Er lies seine riesigen Zähne aufblitzen und packte sich einen kleinen Saurier, der vor ihm am Boden saß und weinte.
Doch kurz bevor dieser gefressen wurde, packte Bronti all seinen Mut zusammen und machte einen Hüpfer nach unten. Mit einem kräftigen Bauchklatscher landete er im Schwimmbecken. Dabei spritzte so viel Wasser hoch, dass alle Dinos und auch der Drache nass wurden.
Die Saurier mussten sich nur das Wasser abschütteln, doch das Ungetüm hatte es viel schlimmer getroffen. Denn auf einmal ging sein Feuer nicht mehr an. Es war durch Brontis Idee gelöscht worden. Als Nächstes fielen ihm seine vielen Zähne heraus, welche gar nicht wirklich echt gewesen waren. Dahinter kamen zwei ganz kleine Saurier zum Vorschein, die ein nassen Päckchen Streichhölzer in den Händen hielten. Es war alles nur ein ganz gemeiner Trick gewesen. Zum Schluss fielen noch die durchweichten Flügel vom Rücken, die nur aus Pappe bestanden.
Nun konnte jeder sehen, wer sich da verkleidet hatte. Es war ein uralter Tyrannosaurus Rex, ein alter Mann, den sie alle kannten und der immer nur schlimme Sachen im Kopf hatte. Doch diesmal war es wirklich sehr böse gewesen.
Der König, der mittlerweile auch eingetroffen war, lies den Übeltäter sofort festnehmen und einsperren. Die Prinzessin war so glücklich, dass sie nun nicht mehr heiraten brauchte, dass sie Bronti als Helden des Landes bezeichnete und ihm einen dicken Kuss auf die Wange gab.
Und Bronti selber brauchte sich nun nicht mehr darum kümmern, von allen beschimpft oder ausgelacht zu werden. Von nun an war er ein Held und alle anderen in der Schule wollten seine Freunde sein.

 (c) 2005, Marco Wittler