1578. Jetzt ist aber Sense

Jetzt ist aber Sense

»Nein, nein und nochmals nein.« Herr Schmidt stand auf seiner Terrasse und blickte über die große Wiese hinter seinem Haus hinweg. Mitten auf seinem sonst so gepflegten englischen Rasen hatte er zwei gelbe Blüten entdeckt, die ihm die Zornesröte ins Gesicht trieben.
»Wie soll ich es auf das Titelblatt des Gartenfreundmagazins schaffen, wenn sich ständig Unkraut breit macht.«
Seit er sein Haus gekauft und den Garten komplett umgestaltet hatte, hoffte er bereits auf die großartige Ehrung durch seine Lieblingszeitschrift. Jahr für Jahr hatte er sich vergeblich darum beworben. Nun hatten sich doch ein Redakteur und eine Fotografin angekündigt, um ein Foto zu schießen und einen Bericht zu schreiben. Vielleicht, aber nur ganz vielleicht, könnte sein Garten auf dem Titelblatt der nächsten Ausgabe erscheinen. Aber das konnte man ihm zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht versprechen. Schließlich gab es viel zu viele Konkurrenten.
Herr Schmidt sah auf seine Armbanduhr. Ihm lief die Zeit davon. In einer halben Stunde musste er am Bahnhof sein, um seinen Zug in den einwöchigen Urlaub zu erreichen. Direkt nach seiner Rückkehr war das Treffen vereinbart. Der Löwenzahn musste also jetzt noch beseitigt werden, bevor er sich in den nächsten sieben Tagen ungestört ausbreiten konnte.
Herr Schmidt holte die große Sense aus dem Gartenhaus und mähte die beiden Pflanzen nieder. »Jetzt kann ich beruhigt fahren.« Er packte das Werkzeug weg und machte sich auf den Weg in die Stadt.
Das kleine Gänseblümchen, dass sich mit geschlossener Knospe hinter einem der beiden Löwenzähne versteckt hatte, öffnete seine Blütenblätter und blickte sich erschrocken um. Beinahe wäre es auch ihm an den Kragen gegangen.
»Mir reicht das jetzt. Ich will nicht ständig Angst haben. Es muss dringend was geschehen. Jetzt ist aber Sense.«
Es holte tief Luft, blies die Backen auf und stieß mit aller Kraft seine Pollen und Samen weit von sich. »Fliegt meine kleinen Freunde, fliegt und verteilt euch im ganzen Garten.«
Sie landeten im weiten Umkreis, stießen dabei auch andere Blumen an, die sich bisher zwischen den Grashalmen versteckt gehalten hatten und ermunterten sie, es ihnen gleich zu tun. In den nächsten Stunden war es ein wildes Hin und Her, bis der Garten am Abend endlich zur Ruhe kam.
Eine Woche später kam Herr Schmidt aus dem Urlaub zurück. Noch während er den Schlüssel in die Haustür steckte, traf auch das Team des Gartenfreundmagazins ein.
»Wunderbar. Sie kommen genau richtig. Ich werde sie gleich in meinen wundervollen Garten führen, der sie zweifelsfrei bezaubern wird.«
Zu dritt gingen sie durch den Flur, durchs Wohnzimmer und traten durch eine große Glastür auf die Terrasse. Herr Schmidt wollte seinen Augen nicht trauen, darum rieb er sie , bevor er einen zweiten Blick riskierte.
»Das … das ist unmöglich. Das kann … das darf einfach nicht sein.«
Der Garten, die ganze Wiese blühte in allen Farben des Regenbogens. Gänseblümchen, Löwenzähne, Hahnenfuß und andere Blumen standen dicht an dicht und buhlten darum, wer die Schönste von ihnen war.
»Das kann ich erklären.« Herr Schmidt schluckte schwer. Ihm fiel nichts Passendes ein. »Am besten kommen sie in einer Woche wieder. Da muss mir jemand einen bösen Streich gespielt haben. Bestimmt der Nachbar.«
»Aber wieso?« Die Fotografin ging in die Hocke, packte ihre Kamera aus und machte erste Bilder. »Ihr Garten ist ein absoluter Traum. So viele Farben haben wir nirgendwo gesehen. Fast alle Bewerber, die wir besucht haben, wollten uns mit einem langweiligen, englischen Garten beeindrucken, dabei ist das schon lange nicht mehr zeitgemäß. Es braucht Blumen, die unsere Insekten ernähren, damit sie nicht irgendwann aussterben. Ihr Garten, Herr Schmidt, ist ein Paradebeispiel, wie man es richtig macht. Damit kommen sie ganz bestimmt auf unser Titelblatt.«
Herr Schmidt wusste nicht, wie ihm geschah. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. »Danke.«, entgegnete er kurz und wurde rot im Gesicht.«

(c) 2024, Marco Wittler

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