489. Matschball

Matschball

Finn sah durch das Fenster nach draußen. Immer noch kein Schnee. Nur dicke graue Wolken, aus denen seit mehreren Wochen unaufhörlich dicke Regentropfen fielen. Das Thermometer zeigte dreizehn Grad.
»Was soll denn das für ein Winter sein?« beschwerte sich Finn. »Wo bleibt der Schnee? Das da draußen ist nur ganz blödes Herbstwetter. Das braucht kein Mensch. Ich will endlich mit meinen Freunden Schneemänner bauen, mit meinem Schlitten den Berg runter brausen und stundenlang Schneeballschlachten machen.«
Er seufzte laut, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich enttäuscht in das Sofapolster rutschen.
Papa setzte sich zu seinem Sohn und drückte ihn. »So schlimm ist das doch gar nicht. Ihr seid Kinder. Ihr habt ganz viel Fantasie. Euch wird doch bestimmt etwas einfallen, wie ihr euch bei dem Wetter beschäftigen könnt.«
»Und was soll das sein?« beschwerte sich Finn. »Sollen wir etwa im Matsch spielen?«
In diesem Moment erhellte sich Finns Blick. Grinsend sprang er auf und lief in den Flur.
»Wo willst du hin?« fragte Papa überrascht.
»Ich muss meine Freunde anrufen.«

Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür. Papa öffnete und sah sich fünf Jungs gegenüber, die in ihren ältesten Klamotten steckten. Hier und da waren Löcher in den Hosen und die Jacken hatten auch schon bessere Tage erlebt.
»Was habt ihr denn vor? Wollt ihr eine Bank ausrauben? Ihr seht aus wie Verbrecher, die etwas Geld nötig hätten.«
»Nein, vor uns liegt eine große Schlacht, in der es um alles geht.« antwortete Finn ernst, der gerade die Treppe herunter kam. Er steckte ebenfalls in seinen schlimmsten Sachen.
»Und jetzt tritt zur Seite. Das ist nichts für schwache Nerven.«
Papa grinste, als er das hörte und ließ die Jungs zum Bolzplatz hinter dem Haus ziehen. Vom Wohnzimmerfenster aus sah er zu, was nun geschah.
Die Jungs teilten sich in zwei Gruppen auf. Nun standen sie sich drei gegen drei gegenüber. Grimmig sahen sie sich an. Keiner von ihnen wagte zu blinzeln. Sie wollten ihren Gegnern keine Schwäche zeigen.
»Auf Drei geht es los.« erklärte Finn. Er machte eine kurze Pause, atmete ein paar Mal durch. »Eins!«
In diesem Moment stürmten er und seine Freunde auseinander und suchten sich die besten Schutzplätze aus.
»Das ist unfair.« beschwerten sich die anderen.
»So ist das bei einer Schlacht.«
Und schon griffen sie mit den Händen tief in den Matsch, formten sich daraus Kugeln und warfen sie hin und her. Immer wieder klatschten diese auf Beine, Hintern, Arme. In der ganzen Nachbarschaft war ein lautes Gejohle und Gequietsche zu hören. Den ganzen Nachmittag über dauerte die Schlacht an, bis es schließlich Abend und dunkel wurde.
Als Finns Vater die Haustür öffnete, standen vor ihm sechs glücklich grinsende Matschmänner, die nur noch entfernt wie Jungs aussahen.
»Das ist wohl ein Fall für die Dusche rief er ihnen grinsend entgegen.« Dann versuchte er herauszufinden, welcher Dreckspatz sein Sohn war und nahm ihn mit hinein.

(c) 2015, Marco Wittler

384. Peter erobert die Welt oder „Papa, warum heißt der Regenwurm eentlich Regenwurm?“ (Papa erklärt die Welt 36)

Peter erobert die Welt
oder ›Papa, warum heißt der Regenwurm eigentlich Regenwurm?‹

Es regnete. Es regnete sogar schon seit Tagen und es wollte einfach nicht aufhören. Bei diesem Wetter wollte man nicht mal einen Hund vor die Tür scheuchen. Nur Papa und Sofie waren auf dem Gehweg unterwegs. Sie waren auf dem Heimweg.
Sofie lachte die ganze Zeit über und ließ es sich nicht nehmen, mit ihren dicken Gummistiefeln in jede Pfütze zu hüpfen.
»Papa, das macht riesig Spaß. Probier das doch auch mal aus.«
Doch dann blieb sie plötzlich stehen. Sie hockte sich hin und bestaunte etwas Kleines vor ihren Füßen.
»Ui, was ist denn das?«, fragte sie neugierig.
Papa kam näher und sah ebenfalls auf das kleine Etwas.
»Das ist nur ein Regenwurm.«, erklärte er.
»Warum heißt der Regenwurm eigentlich Regenwurm?«, fragte Sofie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Regenwurm. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Peter. Peter war ein Wurm, dem es nicht reichte, seine Gänge in der Erde zu graben. Er wollte die große weite Welt bereisen, sich ferne Länder anschauen und und etwas anderes sehen, als jeden Tag die Dunkelheit im Untergrund.
»Ich werde eine Reise machen.«, sagte sich Peter.
Aus dem Schrank holte er seinen Rucksack hervor, den er bis zum heutigen Tag noch nie benutzt hatte. Dort hinein packte er alles, was er vielleicht brauchen konnte. Eine große Taschenlampe, ein Taschenmesser, ein Taschentuch, eine Taschenuhr und ein Taschenbuch gegen Langeweile. Gut gerüstet machte sich der Wurm auf den Weg nach oben.
Neugierig bohrte er sich vorsichtig durch den Boden und erblickte das erste Mal in seinem Leben die warme Sonne, eine grüne Wiese und viele bunte Blumen in allen Farben, die man sich nur vorstellen konnte.
»Oh, wie schön es doch hier oben ist. Das Paradies könnte nicht schöner sein.«
Doch dann bebte der Boden um ihn herum und vier Beine liefen nur knapp an Peters Kopf vorbei.
»Hilfe! Zu Hilfe!«, rief er panisch und hatte Angst um sein Leben.
Ein großes, behaartes Tier war es gewesen. Laute, bellende Geräusche gab es von sich und trottete weiter, als habe es den Wurm gar nicht gesehen.
»Pass doch besser auf, wo du hin gehst. Hier sind noch andere Leute auf der Wiese.«
Aber das Tier hörte gar nicht zu.
Peter kletterte langsam aus seinem Loch heraus. Dieses Mal sah er sich aber genau um. Seine Augen sahen nach links, nach rechts, nach vorn und auch nach hinten. Neue Gefahren waren nicht in Sicht.
»Schön, dann kann ich ja endlich die Welt bereisen und mir alles anschauen.«
Doch hatte er sich zu früh gefreut. Wie aus heiterem Himmel ertönte ein schriller Ton von oben. Ein schreckliches Wesen, das am ganzen Körper Federn hängen hatte, stürzte sich auf den Wurm herab. Ein spitzer Schnabel war bereit, ihn zu fressen.
»Hilfe!«
Peter kroch schnell zurück in seine unterirdischen Gänge. Hinter sich schloss er sofort das Loch nach oben. Dann atmete er erst einmal durch.
»Was ist das nur für eine gefährliche Welt? Das habe ich mir aber anders vorgestellt.«
Eigentlich wollte er seine Reisepläne fallen lassen, aber die Neugier war größer. Der Wurm öffnete ein weiteres Mal einen Durchgang zur Wiese und sah sich nun ganz vorsichtig um. Nun entdeckte er überall Gefahren. Riesige Zweibeiner liefen hin und her, setzten sich einfach auf den Rasen und zerdrückten mit ihren Hintern alles, was nicht schnell genug flüchten konnte.
»Was mache ich nur? So werde ich niemals etwas erleben.«
Peter war enttäuscht und verkroch sich erneut. Doch dann geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Aus allen Richtungen hörte er plötzlich klopfende Geräusche.
»Nanu? Was ist denn das?«
Ein letztes Mal streckte er seinen Kopf nach draußen. Es fielen unzählige Wassertropfen vom Himmel. Und wer hätte es gedacht, die schrecklichen Wesen und Tiere verschwanden. Sie liefen fort und versteckten sich. Es schien, als hätten sie Angst vor den Tropfen.
»Ihr seid mir aber feine Monster.«, lachte Peter.
Dann setzte er sich einen Hut auf den Kopf und kroch auf die Wiese. Bei diesem Wetter konnte er sich ganz in Ruhe umschauen und die Welt bereisen. Nun lauerte ihm niemand mehr auf. Alle Gefahren waren auf und davon.
»So werde ich es nun immer machen.«, sagte sich Peter.
»Wenn Wassertropfen vom Himmel fallen, werde ich durch die schöne Welt reisen. Wenn der Regen dann aufhört, verstecke ich wieder unter der Erde.«
Und so lebte der Wurm glücklich weiter und entdeckte immer wieder neue schöne Dinge.

Sofie sah Papa mit großen Augen an.
»Und so ist der erste Regenwurm entstanden?«
Papa nickte ernst und nahm seine kleine Tochter an die Hand.
»Und nun gehen wir weiter. Bei dem Regen gefällt es mir zu Hause doch viel besser.«
Sofie folgte ihm. Als ich mit ihren großen Gummistiefeln in eine Pfütze hüpfte, musste sie laut lachen.
»Die Geschichte war prima, aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Papa seufzte. Hatte sie ihn schon wieder beim Schwindeln erwischt.

(c) 2012, Marco Wittler

370. Wenn sich Engel langweilen

Wenn sich Engel langweilen

Fünf Engel saßen im Himmel und langweilten sich. Einer von ihnen spielte lustlos mit seinem Heiligenschein, ein anderer starrte Löcher in die vielen Wolken und verschaffte so der Sonne ein paar kleine Durchgänge zur Erde. Die anderen drei überlegten, ob sie heimlich in der Nase bohren sollten, hatten aber Angst, dabei erwischt zu werden. Also ließen sie es lieber bleiben.
»Was haltet ihr davon, wenn wir etwas gemeinsam unternehmen? Dann vergeht uns bestimmt die Langeweile?«
Diesem Vorschlag stimmten sie natürlich sofort zu. Doch dann mussten sie sich erstmal etwas einfallen lassen und saßen wieder gelangweilt herum.
Weil ihm nichts Besseres einfiel, spuckte einer der Engel im hohen Bogen durch den Himmel.
»Juhuu. Ich habe eine ganz kleine Wolke getroffen. Ich wette, dass schafft ihr nicht.«, rief er grinsend.
Das ließen sich seine vier Freunde natürlich nicht noch einmal sagen. Sie standen auf und spuckten, was das Zeug hielt. Dabei wurden sie immer mutiger, sprangen von Wolke zu Wolke und trafen immer schwierigere Ziele, bis sie plötzlich ein lautes Räuspern hinter sich hörten.
Erschrocken drehten sie sich um und sahen hinter sich Gabriel, einen der Erzengel, der ihnen nacheinander streng in die Augen blickte.
»So, so. Wettspucken. Ist das nicht bei uns im Himmel verboten?«
Zunächst blickten die fünf Engel verschämt auf ihre kleinen Füße, doch dann fand doch noch einer von ihnen seine Sprache wieder.
»Bis jetzt hat es uns noch niemand verboten.«
»Ehrlich nicht?«, fragte Gabriel und begann zu grinsen.
»Na dann schaut euch das mal an.«
Er holte tief Luft, spuckte und traf gleich vier Wolken gleichzeitig.
Zur gleichen Zeit öffneten die Menschen auf der Erde ihre Regenschirme oder setzen sich Mützen auf die Köpfe. Manche von ihnen wunderten sich, dass es gerade jetzt zu regnen begann, denn im Wetterbericht hatte man ihnen erzählt, dass es trocken bleiben sollte. Das war wirklich sehr verwunderlich.

(c) 2011, Marco Wittler

338. Tropf, tropf, tropf

Tropf, tropf, tropf

Der Regen prasselte nun schon seit einigen Stunden gegen das Fenster. Dicke Tropfen fielen vom Himmel. Bei diesem Wetter wollte man keinen Hund vor die Tür scheuchen, geschweige denn selbst zum Spielplatz gehen.
»Wenn das Wetter bloß nicht so schlecht wäre. Dann könnten wir draußen spielen.«, beschwerten sich Niklas und Tabea.
»Und ist sooo langweilig. Außerdem nervt das ständige Tropfen.«
Papa hörte geduldig zu und grinste.
»Es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Wir könnten uns unsere Regenmäntel und Gummistiefel anziehen und nach draußen gehen.«
Doch darauf hatten die Kinder keine Lust.
»Dann machen wir halt hier drin etwas mit dem Regen.«, schlug Papa vor.
»Mit dem Regen hier drin?«, fragte Niklas verwirrt.
»Aber das geht doch gar nicht.«, beschwerte sich Tabea.
Aber Papa war da anderer Meinung und verließ bereits das Wohnzimmer.
»Ihr werdet es schon sehen. Wartet auf mich und hört bis dahin dem Regen zu.«
Also blieben die Kinder sitzen und lauschten dem ständigen Tröpfeln zu.
Tropf, tropf, tropf. Und immer wieder tropf, tropf, tropf. Das Geräusch wollte einfach nicht aufhören.
Und dann war Papa wieder zurück. Er hatte einige Gegenstände mitgebracht. An seinem Rücken hing seine Gitarre, unter dem Arm klemmte eine große Trommel und in den Händen hielt er eine Kiste, in der sich Flöten, Rasseln und andere kleine Instrumente befanden.
»Was hat das denn alles mit dem Regen zu tun?«, fragte Niklas verwirrt.
Aber Papa hielt sich den Finger vor die Lippen und bat die Kinder ein weiteres Mal dem Regen zu lauschen.
Nach einer stillen Minute setzte er sich hin und klemmte sich die Trommel zwischen die Beine. Im Takt der Regentropfen klopfte er darauf.
Die Kinder sahen ihm begeistert zu. Doch dann war ihnen nach mehr. Tabea schnappte sich eine Rassel, Niklas übernahm die Trommel. Papa holte die Gitarre hervor und begann, eine kleine Melodie darauf zu spielen. Nach den ersten Takten fiel ihm sogar ein Text ein, den er nun vor sich hin sang.

Wir sind die bekannten
Regenmusikanten.
Tropft der Regen runter,
werden wir erst munter.
Sonne ist uns einerlei,
nur Regen macht uns richtig frei.

Wir sind die bekannten
Regenmusikanten.
In der goldnen Herbsteszeit,
sind zu allem wir bereit.
Ziehn die grauen Wolken auf,
nimmt der Spaß schon seinen Lauf.

Wir sind die bekannten
Regenmusikanten.
Wenn dein Herzchen traurig ist,
du gar nicht mehr bei Laune bist.
Dann musizier doch mit uns mit,
denn Regenmusik ist der Hit.

(c) 2010, Marco Wittler

332. Die Sache mit der Dusche

Die Sache mit der Dusche

Paul saß in seinem Sandkasten und baute gerade  an einer großen Burg mit vielen kleinen Türmen, als Mama das Küchenfenster öffnete und ihn herein rief.
»Los, komm ins Haus. Es ist Zeit für eine Dusche. Das Abendessen ist gleich fertig.«
Aber Paul hörte einfach nicht hin. Er war viel zu beschäftigt mit seinem Bauwerk. Er schnappte sich einen Eimer, füllte Sand hinein, drückte diesen fest und formte damit den nächsten Turm. Das brachte unglaublich viel Spaß.
Ein paar Minuten später öffnete Mama ein weiteres Mal das Fenster.
»Paul, bitte beeil dich. Wir wollen doch gleich essen.«
Dieses Mal hörte Paul hin. Er drehte sich um, sah am Haus hinauf und antwortete.
»Ich habe keine Lust. Duschen ist langweilig. Ich spiele lieber im Sand.«
Doch das hatte Mama schon nicht mehr gehört. Sie ging nämlich davon aus, dass ihr Sohn auf sie hören würde und hatte das Fenster bereits wieder geschlossen.
Paul zuckte mit den Schultern und füllte den nächsten Eimer,
Nach ein paar Minuten war wieder Mama zu hören.
»Was ist denn los, Paul? Hörst du mich nicht? Du sollt rein kommen und Duschen.«
Paul drehte sich nun etwas schneller um und achtete darauf, dass er Mama noch sehen konnte.
»Keine Lust. Im Sandkasten macht es viel mehr Spaß. Ich bleibe hier.«
Und dann fing er an, laut zu singen, um Mama nicht mehr hören zu müssen.
Genau in diesem Moment passierte etwas, womit Paul nicht gerechnet hatte. Während der letzten halben Stunde hatten sich über ihm graue, dunkle Wolken zusammen gezogen. Immer dichter waren sie aneinander gerückt. Und nun war es so weit. Sie öffneten ihre Schleusen und ließen einen starken Platzregen auf die Erde hernieder prasseln.
Paul erschrak.
»Brrrrr.«, rief er.
Sofort stand er auf, warf seiner zerlaufenden Sandburg noch einen traurigen Blick zu und betrat dann pitschnass das Haus.
»Ich bin schon fertig mit duschen.«, rief er grinsend in die Küche.

(c) 2010, Marco Wittler

326. Was für ein Sommer

Was für ein Sommer

»Was für ein Sommer.«, murmelte Opa vor sich hin.
»Es ist doch kein Wunder, dass es jeden Tag regnet, wenn so viele Wolken am Himmel hängen.«
Und so war es auch. Seit drei Wochen konnte man nun schon nicht mehr vor die Tür gehen. Die Regentropfen prasselten ohne Pause zu Boden. Mittlerweile waren sogar die Bäche und Flüsse in der Nähe bedrohlich angestiegen. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis große Überschwemmungen die umliegenden Wiesen bedrohen würden.
»Ich will endlich nach draußen gehen.«, beschwerte sich Daniel.
»Es ist doch viel zu langweilig, den ganzen Tag nur im Haus zu sitzen.«
Da musste ihm Opa zustimmen.
»Und genau deswegen machen wir uns jetzt wetterfest und gehen an die frische Luft.«
Daniel und Opa holten alles was sie brauchten aus dem großen Schrank im Flur. Regenmäntel, Gummistiefel, Schirme, große Mützen. Daniel holte sogar seine Taucherbrille.
»Wofür brauchst du die denn?«, lachte Opa.
Daniel stemmte die Fäuste in die Seiten und legte ein breites Grinsen auf.
»Wenn der Regen mir zu stark ins Gesicht prasselt und ich nichts mehr sehen kann, setze ich die Brille auf.«
Die Beiden machten sich gemeinsam auf den Weg. Schon die ersten Meter waren eine große Herausforderung. Pitsch patsch, ging es durch knöchelhohe Pfützen. In jeder noch so kleinen Vertiefung hatte sich das Wasser gesammelt. Daniel hatte sogar das Gefühl, hier und da ein paar Frösche durch den Augenwinkel zu sehen.
Opa entschied sich für einen Ausflug auf einen nahe gelegenen Hügel. Er zeigte mit dem Finger zur Spitze hinauf, die irgendwo in den Wolken verschwand.
»Schau dir das mal an. Wenn die Spitze so hoch liegt, dann haben wir vielleicht das Glück, dass wir es zu Fuß über die Wolken schaffen. Dann können wir heute vielleicht doch noch den blauen Himmel und die strahlende Sonne sehen. Dann setzen wir uns in das Bergrestaurant und essen uns etwas Leckeres.«
Das hörte sich nach einer sehr guten Idee an. Daniel lief bereits das Wasser im Munde zusammen, hatten sie doch das letzte Mal dort oben einen unglaublich leckeren Zwiebelkuchen gegessen.
Schritt für Schritt kamen sie ihrem Ziel näher. Der Fußpfad führte an einem reißenden Bach entlang, der normalerweise nur vor sich hin plätscherte oder sogar manchmal austrocknete. Und dann verschwanden die beiden Ausflügler in den Wolken.
Nun war fast nichts mehr zu sehen. Dicke Nebelschwaden umgaben die Beiden. Doch nach ein paar Minuten durchbrachen sie die Wolkendecke und der Himmel wurde sichtbar.
»Du hattest Recht, Opa.«, rief Daniel begeistert.
Er zog sich den Regenmantel aus und nahm seine Mütze ab. Doch dann blieb er verwirrt stehen.
»Das ist ja seltsam. Die Wolken kommen aus dem Restaurant.«
Tatsächlich war das Küchenfenster weit geöffnet. Aus dem Raum dahinter kamen kleine Wölkchen geflogen, die sich sehr schnell zu großen zusammen zogen und davon schwebten.
»Das müssen wir uns genauer anschauen.«, entschied Opa.
Und da sahen sie es auch schon. Neben dem großen Herd stand ein Küchenjunge, der unentwegt Zwiebeln schneiden musste. Als er die beiden Beobachter entdeckte, schniefte er laut und zuckte mit den Schultern.
»Seit drei Wochen stehe ich hier jeden Tag und muss die Zwiebeln für den leckeren Zwiebelkuchen schneiden. Aber der Zwiebelsaft lässt mich die ganze Zeit weinen.«
Die Tränen des Küchenjungen tropften herab und landeten auf dem heißen Herd. Dort verdampften sie, bildeten kleine Wölkchen und flogen durch das offene Fenster davon.
»Jetzt weiß ich auch, warum es die ganze Zeit regnet.«
Opa schmunzelte.
»Was machen wir denn jetzt?«
Eine Idee wollte ihm nicht einfallen, also sah er seinen Enkel an.
Daniel bekam plötzlich große Augen.
»Ja, genau. Das ist es.«
Er kramte in seiner Jackentasche und holte die Taucherbrille heraus.
»Wenn du die aufsetzt, wirst du nicht mehr weinen müssen.«
Die tat der Küchenjunge sofort. Von einem Augenblick zum anderen waren die Tränen gestoppt.
»Der Einfall ist genial. Jetzt kann ich ganz in Ruhe arbeiten.«
Zum Dank ließ er seine beiden Helfer köstlich bewirten mit leckerem Zwiebelkuchen und frischem Fruchtsaft.

Einen Tag später hörte der Regen auf, die Wolken verschwanden und der Himmel war wieder zu sehen. Opa lehnte sich in seinem gemütlichen Gartenstuhl zurück und genoss die Wärme der Sonne.
»Was für ein Sommer.«, murmelte Opa vor sich hin.

(c) 2010, Marco Wittler

284. Ideen gegen Miesepeterwetter

Ideen gegen Miesepeterwetter

Kennst du das auch? Es ist mitten im November und der Herbst zeigt sich von seiner schlechtesten Seite. Die Blätter fallen von den Bäumen, es wird immer früher dunkel und es regnet von früh bis spät. Nicht einmal in der Nacht bleibt es draußen trocken. Da vergeht einem doch jede gute Laune, wenn man an den Sommer zurück denkt und sich ärgern muss, dass man jetzt nicht mehr im Sandkasten spielen oder auf der Schaukel sitzen kann. Sogar das Fahrrad ist schon in der Garage verschwunden.
Am liebsten würde man von morgens bis abends im Bett liegen bleiben und gar nichts machen. Doch das ist viel zu langweilig.
Aber Max ließ sich davon nicht beeindrucken.
»Weißt du was?«, fragte er Mama.
»Nein. Du hast es mir ja auch noch nicht erzählt.«, lachte sie zurück.
Max stemmte seine Hände in die Seiten und machte ein ernstes Gesicht.
»Ich erkläre heute den Schmuddelherbst und das Miesepeterwetter für beendet. Hier und heute beginnt wieder der Sommer.«
Mama sah ihn verwundert an.
»Wie willst du das denn schaffen? Die Jahreszeiten werden bestimmt nicht auf die hören.«
Doch Max war da ganz anderer Meinung und zwinkerte verschwörerisch.
»Du wirst schon sehen. Ich habe mich gut vorbereitet.«
Dann schob er Mama aus dem Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich.
»Du darfst nicht rein kommen, bis ich fertig bin. Das wird eine Überraschung.«
Max holte eine große Tasche hinter dem Sofa hervor. Er öffnete sie und holte buntes Papier, eine Kinderbastelschere und ein paar Rollen Klebestreifen heraus. Das alles verteilte er auf dem Tisch und begann den Sommer zurück zu holen.
Mama stand noch immer hinter der Wohnzimmertür und lauschte.
»Was macht der denn da drin? Ich bin ja so neugierig. Am liebsten würde ich heimlich einmal rein schauen. Aber der Junge hat sogar das Schlüsselloch mit einem Tuch verhängt.«
Sie musste also warten.

Die Zeit verging wie im Fluge. Schon zwei ganze Stunden hatte Max mit Basteln verbracht. Inzwischen war auch Papa mit Tochter Emely vom Sport zurück gekommen. Die beiden durften natürlich auch nicht ins Wohnzimmer.
Also setzte sich die Familie in die Küche und rätselte, was dort wohl vor sich gehen konnte. Aber so recht wollte ihnen nichts einfallen.
Erst eine weitere Stunde später öffnete die plötzlich die verschlossene Tür und Max kam nach draußen.
»Hallo Mama und Papa, hallo Emely.«, begrüßte er die anderen vornehm.
»Wie ihr wisst, ist das Wetter draußen ganz schön nass und kalt. Da macht es keinen Spaß irgendwas zu unternehmen. Also habe ich beschlossen, den Sommer zu uns nach Hause einzuladen, damit wir alle gemeinsam etwas gegen den Herbst unternehmen können.«
Er winkte die Familie hinter sich her.
»Folgt mir bitte ins Wohnzimmer und macht es euch dort gemütlich.«
Als Mama den Raum betrat wären ihr beinahe beide Augen aus dem Kopf gefallen, so überrascht war sie.
»Du meine Güte. Was ist denn hier passiert? Der Sommer ist ja tatsächlich bei uns gelandet.«
Überall an den Wänden klebten bunte Papierblumen, die in allen Farben des Regenbogens leuchteten. An der Decke hing eine große gelbe Sonne. Das alles wurde von mehreren Lampen beleuchtet, dass sofort jeder ein wohliges Sommergefühl bekam. Sogar im Wintergarten, zwischen den kleinen Bäumen und Palmen war das Planschbecken aufgebaut und mit warmem Wasser gefüllt.
»Wer eine Badehose dabei hat, darf es sich im Pool gemütlich machen.«, sagte Max stolz und drückte jedem einen leckeren Fruchtsaft in die Hand. In den Bechern steckten sogar kleine bunte Schirmchen.
»Und das hast du alles allein gemacht?«, wunderte sich Papa und überlegte, wie sein Sohn die Sonne an die Decke geklebt hatte.
»Nein.«, lachte Max.
»Tante Sandra hat mir geholfen. Aber die Ideen sind alle von mir.«
In diesem Moment kam die Tante hinter einem Sessel hervor. Sie hatte bereits einen Badeanzug an und machte es sich sofort im Planschbecken gemütlich.
»Also das muss man eurem Sohn aber lassen. Seine Ideen gegen schlechte Herbstlaune sind wirklich genial.«
Dann nahm sie einen großen Schluck Saft und schloss genüsslich die Augen.

(c) 2009, Marco Wittler

249. Papas Stimme

Papas Stimme

Lena saß auf dem Bett und wartete auf Papa.
»Wo bleibst du denn?« rief sie nach unten, während sie ungeduldig mit dem Fingern auf der Bettdecke trommelte.
Und schon waren Schritte auf der Treppe zu hören. Schnell näherten sie sich dem Kinderzimmer. Allerdings war es nicht Papa, der Sekunden später durch die Tür herein kam, sondern Mama.
»Es tut mir leid, mein Schatz, aber Papa ist noch nicht zu Hause.
Lena war enttäuscht.
»Aber er liest mir doch jeden Abend eine Geschichte vor. Er muss unbedingt nach Hause kommen.«
Beinahe hätte sie zu weinen begonnen, als plötzlich das Telefon klingelte.
Mama lief die Treppe hinunter und nahm das Gespräch an. Noch während sie sprach, kam sie wieder nach oben.
»Du wirst es nicht glauben, Lena, aber der Papa hat angerufen.«
Mit diesen Worten hielt sie ihrer Tochter den Hörer hin.
»Papa? Bist du das?«, fragte Lena vorsichtig.
Papa antwortete sofort und entschuldigte sich, nicht zu Hause sein zu können.
»Es hat hier stark geregnet. Dadurch ist so viel Wasser auf der Straße, dass es im Moment nicht weiter geht. Ich kann nur hier im Auto sitzen und warten.«
Nun war Lena nicht mehr so traurig, wie noch vor ein paar Minuten.
»Ach Papa, ist nicht schlimm. Dafür telefonieren wir ja jetzt und ich kann deine Stimme hören. Willst du mir nicht eine Geschichte vorlesen, wenn du nichts zu tun hast?«
Doch da war schon das nächste Problem, denn Papa hatte kein einziges Buch mit Kindergeschichten dabei.
Lena verdrehte die Augen und lachte. Sie hatte sich wohl schon etwas ausgedacht. Sie sprang auf, lief zum Schrank und holte ein Bilderbuch hervor.
Nach und nach blätterte sie durch die Seiten und erzählte Papa eine Geschichte zu den Bildern, die sie sah, bis sie zufrieden einschlief.

(c) 2009, Marco Wittler

119. Plitsch Platsch, ein Regentropfen oder „Papa, warum fallen die Regentropfen?“ (Papa erklärt die Welt 17)

Plitsch Platsch, ein Regentropfen
oder ›Papa, warum fallen die Regentropfen?‹

Sofie spielte im Garten in ihrem Sandkasten und baute eine riesige Burg. Sie bemerkte gar nicht, dass nach und nach die Sonne verschwand und dunkle Wolken über den Himmel zogen. Weit in der Ferne grollte es leise und hin und wieder war ein kurzer, aber sehr heller Lichterschein zu sehen. Erst als die ersten Regentropfen zum Boden fielen und kleine Löcher in die Sandburg gruben, bemerkte Sofie, dass es langsam Zeit wurde, um ins Haus zu gehen. Doch noch ehe sie durch die Tür verschwunden war, gab es einen Wolkenbruch. Wie aus großen Kübeln und Eimern goss es plötzlich vom Himmel herab.
Während Sofie im Flur die nassen Schuhe und Söckchen auszog, kam Papa mit einem großen Handtuch herbei geeilt, schlang seine kleine Tochter darin ein und rubbelte sie trocken.
»Da hat es dich ja voll erwischt. Du hättest öfter nach dem Wetter schauen müssen.«, sagte er vorwurfsvoll.
Sofie sah ihn nur unverständlich an und antwortete ihm in ihrer typischen Art.
»Aber Papa. Du bist doch der Erwachsene von uns beiden. Du hättest öfters mal nach draußen nach mir schauen müssen, anstatt dich hinter deiner Zeitung und deiner Tasse Kaffee zu verstecken. Dann wäre das alles nicht passiert.«
Papa wusste nicht, was dazu sagen sollte, so überrascht war er.
»Vielleicht hast du ja Recht. Aber nun ab mit dir in die Badewanne, damit du dich nicht erkältest.«

Eine halbe Stunde später stand Sofie frisch gebadet und in trockenen Sachen im Wohnzimmer. Es regnete noch immer und der Sandkasten wurde matschiger und matschiger.
»Also heute kann ich da drin nicht mehr spielen.«
Papa sah von seiner Zeitung auf und hielt seiner Tochter den Wetterbericht vor die Nase.
»Draußen spielen kannst du eh für heute vergessen. Es soll den Rest des Tages nicht mehr aufhören.«
Sofie war sauer. Sie wollte sich vom Wetter nicht sagen lassen, wo sie spielen konnte und wo nicht.
»Das ist gemein und unfair. Mich hat mal wieder keiner gefragt. Papa, warum fallen eigentlich die Regentropfen?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Regentropfen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine weiße Schäfchenwolke. Sie flog hin und her und durchkreuzte für ihr Leben gern den Himmel. An manchen Tagen war sie allein unterwegs und dann wieder mit ihren Freunden zusammen. Wer aber nun denkt, dass eine Wolke einfach nur eine Wolke ist, dann hat er sich getäuscht. Man muss nur genau hinschauen, dann sieht man ganz genau, woraus eine Wolke besteht. Mit einer Lupe kann man unzählige kleine Wassertröpfchen erkennen.
Die kleinen Tropfen halten sich an den Händen und tanzen wild im Kreis umher. Sie feiern ständig ein großes Fest und könnten sich nichts anderes vorstellen, als in ihrer großen Gemeinschaft zu leben. Und so treibt es sich vom einen Ende des Himmels zum anderen. Sie fliegen von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Wenn sie überall einmal gewesen sind, beginnen sie mit ihrer Reise wieder von vorn und tanzen munter weiter.
Einer dieser Tropfen war PlitschPlatsch. Man konnte ihn von seinen Freunden nicht unterscheiden, denn sie sahen alle gleich aus und tanzten im Kreis umher. Er freute sich, dass das Leben so schön war und es sich niemals ändern würde. So dachte er jedenfalls. Aber da hatte er auch noch nichts von der großen schwarzen Gewitterwolke gehört.
Die Gewitterwolke flog ebenfalls über den Himmel. Auch in ihr lebten viele Wassertropfen. Allerdings lebte in ihrer Mitte noch jemand anderes. Ein heller Blitz wartete nur darauf, im Himmel für ein großes Durcheinander zu sorgen. Sobald er auf eine weiße Wolke traf, fuhr er aus seinem Versteck heraus und erschreckte alle kleinen Tropfen, die er fand.
PlitschPlatsch ahnte nichts davon. Als er sich eines Tages umsah und eine schwarze Wolke entdeckte, freute er sich darüber, neue Freunde kennenlernen zu können.
»Vielleicht leben dort drüben ganz viele fröhliche Regentropfen von denen wir neue Spiele, Tänze und Lieder lernen können.«, sagte er den anderen.
Immer näher kam das dunkle Ungetüm. Als es nur nur einen Tropfensprung weit entfernt war, sauste plötzlich etwas Helles daraus hervor. Es war der Blitz. Wie ein wildes Tier jagte er um die kleine weiße Wolke herum. Lauten Donnerknall lies er ertönen.
Die vielen kleinen Regentropfen erschraken und fürchteten um ihr Leben. In ihrer Angst lösten sie sich aus ihren Kreisen, um vor dem unerwarteten Licht zu flüchten. Doch da bemerkten sie ihren Fehler. Als sie ihre Hände voneinander lösten, fielen sie zu Boden.
PlitschPlatsch war einer von ihnen. Sein ganzes Leben hatte er in der kleinen Wolke verbracht. Er war dort geboren worden und hatte immer nur getanzt, gesungen und gelacht. Immer hatte er die Hände der anderen gehalten. Doch nun war er allein und sauste auf die Erde unter seinen Füßen zu.
Seine Angst wurde noch größer. Er wusste nicht, wie ihm geschah und was nun passieren würde. Der Gedanke an den Aufschlag war erschreckend, aber von nun an allein zu sein, war noch schlimmer. PlitschPlatsch schrie. Um ihn herum zuckte noch immer der Blitz und donnerte wie wild.
Plötzlich prallte er auf etwas weichem auf. Es war grün und gab nach. Es war das Blatt eines Baumes. PlitschPlatsch versuchte, sich fest zu halten, aber seine kleinen Händchen waren nicht stark genug. Er rutschte ab und fiel weiter, bis er schließlich am Boden ankam.
Dort saß er nun einsam und allein. Der Himmel und seine Freunde waren unendlich weit fort. Selbst der Blitz war von unten nicht mehr zu sehen.
»Ich werde für immer allein sein.«, rief er in die Stille des Tages hinein.
Da hatte er sich allerdings getäuscht. Mit einem Mal ertönte ein lautes, prasselndes Geräusch. Nur Sekunden später fielen weitere Wassertropfen auf den Boden und bildeten sehr schnell eine große Pfütze.
PlitschPlatsch war überglücklich. Seine Freunde waren auch herab gefallen und gesellten sich nun zu ihm. Von nun an würden sie gemeinsam ihr Leben am Boden verbringen, denn auch dort konnte man lachen, tanzen und singen. Und ein Blitz würde sich ganz bestimmt nicht hier herab wagen.

Sofie sah wieder nach draußen und betrachtete die Pfützen, die sich in der Wiese des Gartens gesammelt hatten.
»Und das sind jetzt die vielen Regentropfen, die aus den Wolken gefallen sind?«
Papa nickte.
Sofie verzog das Gesicht zu einem Grinsen.
»Ich glaube dir kein einziges Wort. Das hast du dir doch bloß ausgedacht.«
Papa schüttelte mit dem Kopf und beschwor seine Ehrlichkeit. Aber Sofie wusste es diesmal besser.
»Und was ist mit der weinenden Prinzessin aus dem Wolkenschloss? Ich dachte wegen ihr regnet es immer wieder.«
Da hatte Papa wohl eine seiner Geschichten wieder vergessen.

 (c) 2008, Marco Wittler

047b. Am Ende des Regenbogens oder: Die Regenbogenbiber (Teil 2)

Am Ende des Regenbogens
oder: die Regenbogenbiber
(Teil 2)

Teil befindet sich hier.

Nach einer langen Wanderung kamen sie in der Hauptstadt des Landes an. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, die Wolken lockerten auf und der Regenbogen war längst verschwunden. Dafür ragte nun vor ihnen ein großes Schloss in die Höhe, dessen Türme bis in die Wolken zu wachsen schienen. Dahinter ragte ein riesiges Gebirge auf, dessen Gipfel zu hoch waren, um sie zu sehen.
Und in dem Schloss lebte der Regenbogenkönig mit seiner Familie.
Marvin war trauriger als jemals zuvor in seinem Leben.
»Wir werden nie den Topf voll Gold finden. Selbst wenn der Regenbogen wieder auftauchen sollte. Niemand kann uns sagen, wie wir hin kommen. Er ist einfach viel zu schnell für uns.«
Während sie durch die Straßen zogen, bemerkten sie, dass viele Leute stehen blieben, leise tuschelten und flüsterten. Und immer wieder zeigte jemand vorsichtig mit dem Finger auf die beiden Biber.
»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Fridolin.
Aber sein Freund hatte darauf auch keine Antwort.
»Ich finde das auch sehr seltsam.«

 Nach einem langen Tag suchten sie sich ein kleines Gasthaus in der Nähe der Stadtmauer aus. Noch immer hatte ihnen niemand den richtigen Weg weisen können. Nun dachte auch Marvin das erste Mal darüber nach, ob es nicht klüger wäre, sich auf den Rückweg nach Hause zu machen.
»Schon so lange sind wir jetzt unterwegs. Durch viele Länder sind wir gereist und noch mehr Städte haben wir gesehen. Und trotzdem hat uns nicht ein einziger helfen können. Nun sind wir in der Hauptstadt des Regenbogenlandes angekommen und selbst hier weiß niemand mehr als wir zwei.
Ich glaube, wenn man uns hier nicht helfen kann, dann kann es niemand auf der ganzen weiten Welt. Wir sollten nach Hause gehen.«
Er lies sich auf sein Bett fallen und vergrub seinen Kopf unter einem großen Federkissen.
Fridolin sah von seinem Bett aus hinüber und nickte traurig.
»Du hast Recht. Wir können den Regenbogen nicht erreichen, weil wir nicht wissen, wie das geht. Wir sollten aufgeben und gehen.«

 Am nächsten Morgen wurden die beiden von einem lauten Klopfen geweckt. Es stand jemand auf der anderen Seite der Tür und wollte offensichtlich mit den Bibern reden.
Marvin stand auf und öffnete. Da sah er einen Trupp der königlichen Soldaten vor sich. Sofort bekam er Angst, dass sie gegen ein Gesetz verstoßen hatten und nun im Gefängnis landen würden.
Doch dann schob sich ein kleiner, aber fein gekleideter Mann nach vorn.
»Seit ihr die zwei komischen Biber, die auf den Regenbogen klettern wollen, um einen Topf voll Gold zu finden? Seit ihr diejenigen, über die man sich in der ganzen Stadt und dem ganzen Land bereits Geschichten erzählt?«
Marvin begann zu zittern und bekam kein Wort heraus. Dafür zitterte er nun am ganzen Körper.
»Endlich haben wir euch gefunden.«, rief der Mann.
»Wir suchen schon die ganze Nacht nach euch und waren bereits in allen anderen Gasthäusern der Stadt. Ich freue mich so sehr, euch endlich persönlich zu treffen.«
Fridolin war inzwischen zur Tür gekommen, hatte dem Fremden zugehört und verstand nichts von allem, was gesagt wurde. Marvin erging es da nicht anders.
Doch dann erklärte der Mann in den schicken Kleidern, warum er gekommen war.
»Der König unseres Landes hat mich zu euch gesandt. Er möchte euch in sein Schloss einladen, um mit euch zu sprechen.«
Nun waren die beiden Biber überrascht. Mit allem hatten sie gerechnet, nur nicht damit.
Sie packten sofort ihr weniges Hab und Gut zusammen und ließen sich von einer großen Kutsche in das Schloss fahren.

Der König wartete schon im Hof seinen Schlosses auf den bevor stehenden Besuch. Schließlich traf die Kutsche ein und er führte seine Gäste in den riesigen Thronsaal.
»Nehmt Platz, meine Freunde und erzählt mir von eurer langen und beschwerlichen Reise in mein Königreich.«
Die Biber machten es sich gemütlich und Fridolin begann zu berichten, warum sie sich auf die lange Wanderung gemacht hatten. Als er vom Topf voll Gold erzählte, fing der König an zu lachen.
»Immer wieder höre ich Berichte von jungen Burschen, die den Topf voll Gold am Ende des Regenbogens suchen. Aber noch kein einziger hat ihn je gefunden, weil es ihn einfach nicht gibt. Er ist nur ein Märchen.«
Marvin war enttäuscht. Er hatte es bereits befürchtet. Aber nun musste er vom König die volle Wahrheit erfahren.
»Ihr zwei Biber sei aber die ehrgeizigsten Sucher, von denen ich je gehört habe. Ich hätte nie gedacht, dass es jemanden geben würde, der einfach nicht aufgibt. Ihr seid schon zwei komische Kerle. Aber ich mag euch.«
Fridolin zog seinen Rucksack zu sich und holte sein Buch daraus hervor.
»Das einzige, was wir auf unserer Wanderung finden konnten, waren viele Geschichten über den Regenbogen. Es waren sogar so viele, dass ich sie mir unmöglich hätte im Kopf behalten können. Deswegen habe ich sie in dieses dicke Buch geschrieben. Mehr haben wir leider nicht.«
Der König nahm das Buch in seine Hände und blätterte vorsichtig durch die Seiten.
»Das ist genau der Grund, warum ich euch hierher eingeladen habe.«
Er zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und zündete eine Kerze an. Dann nahm er ein glatt poliertes Stück Glas in Tropfenform zur Hand und hielt es davor.
»Wenn es regnet, dann fallen viele Tropfen Wasser vom Himmel. Scheint dazu dann auch noch die Sonne, dann strahlt sie ihr Licht durch die Tropfen hindurch. Dabei zerfällt das Licht in seine farbigen Bestandteile.«
Er nahm das Buch hoch und hielt es neben den Glastropfen.
»Und wenn dann die farbigen Teile auf ein Hindernis stoßen, erscheint ein Regenbogen. Ihr seit also die ganze Zeit nur einem Bild am bewölkten Himmel gefolgt.«
Fasziniert sahen die Biber auf das Buch. Auf ihm war nun der Regenbogen mit all seinen Farben zu sehen: da waren rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett.
»Auch wenn ihr vergeblich nach dem Topf voll Gold gesucht habt, findet ihr nun am Ende dieses kleinen Regenbogens einen Schatz, der euch unvorstellbar reich machen wird.«
Marvin und Fridolin verstanden nicht, wovon der König sprach. Sie sahen keinen Schatz, sondern nur ein Buch mit einem Regenbogen darauf.
»Ihr seht richtig, meine Freunde. Dieses Buch ist euer Schatz. Die Geschichten darin werden bald viele Zuhörer finden. Reist damit nach Hause und erzählt den Leuten vom Regenbogen. Das wird euch reicher machen, als alles Gold dieser Welt. Und ich möchte der erste Sein, der euren Erzählungen lauscht. Das ist mein einziger Wunsch an euch zwei.
Also setzt euch mit an meine Tafel, esst und speist mit mir und erzählt mir Geschichten aus eurem Buch.«

Marvin und Fridolin blieben noch ein paar Monate am Hof des Königs. Jeden Tag lasen sie ihm ihre Geschichten vor.
Doch eines Tages war die Zeit gekommen, dass sie Abschied nehmen mussten. Es zog sie wieder zurück in ihre Heimat.
Vor dem Schloss gab ihnen der König ein Geschenk.
»Dies ist der Regenbogentropfen, den ich euch damals gezeigt hatte. Tragt ihn immer als Erinnerung bei euch.«
Auch Fridolin hatte ein Geschenk für den König.
»Ich hatte viel Zeit in eurem Schloss und habe als Dank für eure Gastfreundschaft alle Geschichten noch einmal in einem neuen Buch aufgeschrieben, damit ihr euch auch in Zukunft daran erfreuen könnt.«
Ein letztes Mal gaben sie sich die Hand. Dann machten sich die Biber auf den langen Weg nach Hause.

Einige Monate später kamen Marvin und Fridolin zurück an ihren See. Schon vor Wochen hörten ihre Freunde und Nachbarn von der Rückkehr der beiden Biber. Denn es war ihnen die Kunde voraus geeilt von den beiden Regenbogenbibern, die im ganzen Land Geschichten über den Regenbogen erzählten und damit Jung und Alt unterhielten.
Doch nun war die lange Wanderung zu Ende. Marvin und Fridolin saßen auf der Terrasse, gekleidet in bunt schillernden Hosen und Jacken. Jeder von ihnen hatte ein dickes Buch im Schoß liegen, aus denen sie ihren gespannten Zuhörern Geschichten vorlasen.

 Aber irgendwann geht jede Geschichte einmal zu Ende.
Die beiden Biber wünschten allen eine gute Nacht und zogen sich müde in ihre Betten zurück. Noch einmal redeten sie über ihre Erlebnisse.
»Die ganze Zeit sind wir einem großen Trugbild hinterher gelaufen, in der Hoffnung reich zu werden. Wir haben geträumt von einem großen Baumhaus, einer Weltreise, Reichtum und einem riesigen Festessen.«
»Oh ja.«, sagte Fridolin dazu.
»Und wir haben das auch alles bekommen. Denn das Haus hatten wir schon immer, die Weltreise haben wir gerade erst beendet und das Festessen gab es jeden Tag am Hof des Regenbogenkönigs.«

Aber über den Reichtum freuten sich die beiden ganz besonders. Sie hatten zwar kein Gold gefunden, dafür aber überall auf ihrer Reise viele neue Freunde und Zuhörer gewonnen. Mit ihren Geschichten hatten sie viele Tiere glücklich gemacht. Und das ist, wie es der König damals sagte, viel wertvoller, als alles Gold dieser Welt.

(c) 2007, Marco Wittler

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