511. Endlich Freitag

Endlich Freitag

Nils ging nicht mehr in den Kindergarten. Seit vier Tagen war er ein Grundschulkind, worauf er sehr stolz war. Jeden Morgen hörte er Mamas Wecker leise durch die Wand klingeln. Ein paar Minuten später kam sie herein, um ihn aus den Federn zu scheuchen. Sie frühstückten gemeinsam mit Papa und fuhren dann zur Schule.
Und nun war es Freitag. Nils schlief ganz tief und fest. In seinen Träumen saß er hinter dem Steuer eines schnelles Autos und winkte an den Kreuzungen hübschen Mädchen zu. Doch dann öffnete sich die Tür.
»Aufstehen!« rief Mama, schaltete das Licht ein und zog ihrem Sohn die Bettdecke weg.
»Bist du verrückt geworden?« beschwerte sich Nils und versteckte seinen Kopf unter dem Kopfkissen.
»Du musst jetzt aber wirklich aufstehen. Ich kann dich nicht mehr schlafen lassen. Es ist schon halb sieben. Papa wartet mit dem Frühstück in der Küche.«
Nils seufzte und kam unter dem Kissen hervor. Dann stand er auf und schlich zum Kalender.
»Schau doch mal hier.« erklärte er. Da auf dem Kalender steht ein ‚F‘. Das heißt Freitag. Ich muss gar nicht zur Schule.«
Mama lachte. »Wie kommst du denn darauf, dass heute keine Schule ist?«
»Ist doch klar.« grinste Nils. »Heute ist Freitag, und am Freitag hat man frei. Sagt doch schon der Name.«
Dann nahm er Mama die Decke ab, schaltete das Licht aus und legte sich wieder ins Bett.

(c) 2015, Marco Wittler

481. Der Aprilscherzmeister

Der Aprilscherzmeister

Nils konnte kaum noch erwarten. Nur noch einmal schlafen, dann war der wichtigste Tag des Jahres. Nein, es war nicht sein Geburtstag. Bis Weihnachten dauerte es auch noch ein paar Monate. Für Morgen stand der 1. April auf dem Kalender.
»Ich werde sie wieder alle reinlegen und auf den Arm nehmen. Denn ich bin der Beste, der Größte. Ich bin der ungeschlagene Aprilscherzmeister.«
Dann lachte er leise vor sich hin und legte sich ins Bett, um von den tollsten Aprilscherzen träumen zu können.

Am nächsten Morgen stand er schon sehr früh auf und dachte noch einmal über alle seine Ideen nach, die er heute ausprobieren wollte.
»Furzkissen? Alter Hut. Zahnpasta unter Türklinken? Nee, das hat jeder schon gemacht. Dieses Jahr wird es ein ganz besonderer Scherz, der alles andere in den Schatten stellen wird.«
Nils zog sich an und ging in die Küche. Am Tisch saßen bereits seine Eltern und seine Schwester. Sie alle schienen sehr schlechte Laune zu haben. Niemand sprach ein Wort, niemand lächelte. Sie sahen alle aus, als wären ihnen eine dicke fette Laus über die Leber gelaufen. Als sie Nils entdeckten, schien die Laune noch schlechter zu werden.
»Keine Aprilscherze heute. Ich habe da einfach keine Lust mehr drauf.« beschwerte sich Papa.
»Versuch es erst gar nicht oder du bekommst zwei Wochen Stubenarrest.« warnte Mama.
»An mich brauchst du gar nicht erst zu denken.« funkelte ihn seine Schwester Anna an. »Meine Freunde lachen mich jetzt noch aus, wenn sie an letztes Jahr denken.«
Nils ließ die Schultern hängen.
»Keine Aprilscherze mehr? Wollt ihr, dass ich sterbe? Ihr wisst, dass das der wichtigste Tag des ganzen Jahres für mich ist. Das könnt ihr mir doch nicht antun.
»Keine Scherze.« brummten ihm die anderen gleichzeitig entgegen.
»Das ist so gemein.«
Betrübt setzte er sich an den Küchentisch und nagte lustlos an seinem Frühstücksbrot.
»Auch nicht ein ganz, ganz kleiner?«
»Keine Scherze!«

Es klingelte zur ersten Schulstunde. Nils ließ bereits seine Schultern hängen. Alle Klassenkameraden hatten ihm bereits sehr deutlich erklärt, dass sie keine Lust auf seine Aprilscherze hatten. Niemand wollte geärgert und auf den Arm genommen werden.
»Veräppeln können wir uns alleine. Dafür brauchen wir dich nicht.«
»Darf ich wenigstens ein Furzkissen verstecken?« Doch auch das wurde ihm verboten.
In diesem Moment kam die Klassenlehrerin herein. Sie warf Nils einen bösen Blick zu. »Vergiss es gleich wieder. Ich mache das dieses Jahr nicht noch einmal mit. Ich lasse mich nicht von dir zum Gespött der ganzen Schule machen. Wenn du also schon wieder etwas ausgeheckt hast, dann solltest du es auf der Stelle entfernen, sonst werde ich dich von der Schule verweisen lassen und ein ernstes Gespräch mit deinen Eltern führen.«
Wie war das? Ein Schulverweis? Für einen harmlosen Aprilscherz? Nils fehlten die Worte. Das durfte einfach nicht wahr sein. Er fühlte sich, als würde er in ein ganz tiefes Loch stürzen. Der schönste, coolste, beste, tollste Tag des Jahres war zerstört. Niemand wollte, dass er heute Spaß hatte. Das war unfair, fies, gemein, böse, … Ihm fehlten einfach die richtigen Worte, seine Enttäuschung richtig auszudrücken.

Am Abend war Nils völlig niedergeschlagen. Seine Laune war im tiefsten Keller angekommen. Es gab nichts mehr, worauf er sich nun in den nächsten dreihundertfünfundsechzig Tagen freuen konnte. 1. April? Den konnte er nun aus seinem Kalender streichen. Ach, wenn der Tag doch bloß schon vorbei wäre.
Er zog sich seinen Schlafanzug über und krabbelte ins Bett, als es noch einmal an seiner Tür klopfte.
Da standen sie alle plötzlich in der Tür. Mama, Papa und Anna. Sie alle grinsten.
»April, April. Wir haben dich reingelegt. Die Aprilscherze waren gar nicht verboten. Wir wollten dich damit nur mal von deinen Scherzen abhalten.«
Sie lachten und hielten sich dabei die wackelten Bäuche.
»Ach, und da will dich noch jemand sprechen.« Mama hielt ihm ihr Handy hin. Nils nahm es verwirrt entgegen.
»April, April.« rief seine Lehrerin.
»Ich hab dich voll dran gekriegt. Aprilscherze kann man doch gar nicht verbieten. Und alle Kinder aus deiner Klasse haben mitgemacht. Wer ist jetzt der Aprilscherzmeister?«
Nils musste ich lange nachdenken. »Das bin immer noch ich. Schauen mal in ihr Federmäppchen.«
Er legte auf und grinste seine Familie an. »Und ihr schaut mal unter eure Bettdecken. Da werdet ihr alle das Gleiche finden, wie meine Klassenlehrerin.«
Damit legte er sich grinsend unter seine Bettdecke und wünschte eine gute Nacht. Er konnte sich bereits sehr gut vorstellen, wie die anderen reagieren würden, wenn sie seinen kurzen Brief lasen. In dicken, fetten Buchstaben stand dort geschrieben:

Ich bin und bleibe der Aprilscherzmeister. Mich nimmt niemand auf den Arm. Ich euch aber schon. Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass ihr mich veräppelt. Deswegen habe ich auch mitgespielt, damit ihr denkt, es kränkt mich. Aber darauf seit ihr prima reingefallen.

(c) 2014, Marco Wittler

478. Schlechte Noten

Schlechte Noten

Lena kam von der Schule nach Hause. Normalerweise strahlte sie jeden Tag über das ganze Gesicht, denn lernen machte ihr viel Spaß. Heute war ihre Laune allerdings alles andere als gut.
»Was ist denn mit dir los?« fragte Mama beim Mittagessen.
»Hat dich jemand in er Schule geärgert oder ist irgendwas passiert?«
Lena schüttelte nur den Kopf und seufzte laut.
»Nein das ist es nicht.«
»Was ist denn dann los?«
Lena seufzte wieder und wurde rot im Gesicht.
»Ich habe in Deutsch eine schlechte Note bekommen.« flüsterte sie leise.
»Wir haben einen Aufsatz geschrieben. Meiner war nicht so gut. Die Lehrerin hat mir dafür nur eine Vier gegeben.«
Sie wartete auf ein Donnerwetter, aber zum Glück waren ihre Eltern nicht sauer.
»Da müssen wir unbedingt dran arbeiten.« sagte Papa.
»Schlechte Noten sind nicht in Ordnung. Jetzt musst du mehr lernen und üben. Ich werde dir dabei helfen. Dann klappt es bei der nächsten Arbeit bestimmt besser. Ich habe früher nie so schlechte Noten bekommen, weil ich immer viel gelernt habe. Wenn ich dir helfe, wirst du auch so gut.«
Lena war froh. Etwas mehr lernen war besser, als Hausarrest oder irgendwelche Verbote.

Eine Woche später saß Lena an ihrem Schreibtisch und hatte tiefe Falten auf der Stirn. Sie dachte angestrengt nach, kam mit ihren Hausaufgaben aber nicht weiter.
»Brauchst du Hilfe?« fragte Papa, der gerade den Kopf durch die Tür schob.
Lena nickte und winkte ihn heran.
»Wir sollen ein Gedicht über den Frühling schreiben. Mir fällt aber nichts Gutes ein. Die Regeln für Gedichte sind richtig kompliziert. Man kann da so viel falsch machen.«
Papa lächelte, nahm sich Papier und Stift und setzte sich mit an den Schreibtisch.
»Ich werde dir helfen.«
Schon begann er zu schreiben. Ein Vers nach dem anderen entstand auf seinem Blatt. Nach nur fünf Minuten war er fertig.
»Hier. Schreib das ab. Das ist perfekt. Und beim nächsten Mal kannst du dir daran ein Beispiel nehmen und machst es allein.«
Lena freute sich. Sie hatte nicht gehofft, so schnell mit den Hausaufgaben fertig zu werden.

Am nächsten Mittag kam sie grinsend aus der Schule zurück.
»Wie hat deiner Lehrerin dein Gedicht gefallen?« wollte Papa wissen, noch bevor sie durch die Wohnungstür gekommen war.
»Sie war begeistert.« erzählte Lena sauer, holte gleich ihr Heft aus dem Tornister und hielt es Papa vor die Nase.
»Waaas?« war Papa entsetzt.
»Mein Gedicht hat eine Fünf bekommen? Das kann doch gar nicht sein.«
»Meine Lehrerin hat gesagt, dass du dich an keine einzige Regel für Gedichte gehalten hast. Du sollst in Zukunft einen Blick in mein Deutschbuch werfen, bevor du mir hilfst.«
Papa wurde ganz rot im Gesicht und wusste nicht mehr, was er darauf antworten sollte.
»Dann bist du früher wohl doch kein so guter Schüler gewesen, wie du immer erzählt hast.« rief Mama aus der Küche.
»Ich glaube, ich muss da wohl auch noch viel lernen.« flüsterte Papa kleinlaut.

(c) 2014, Marco Wittler

466. Die Häkelmütze

Die Häkelmütze

Lena freute sich an diesem Morgen schon sehr auf den Weg zur Schule. Mama hatte ihr am Abend zuvor eine neue, sehr schicke Sommermütze gehäkelt, die Lena jetzt unbedingt tragen wollte.
Die Uhr an der Wand zeigte hab acht. Lena packte sich den großen Rucksack auf den Rücken, setzte die Mütze auf den Kopf und verabschiedete sich. Dann verließ sie das Haus und lief schnell zur Ampel, wo jeden Morgen ihre Freundinnen auf sie warteten.
Die drei Mädchen bekamen große Augen.
»Was hast du denn da auf dem Kopf?«, fragten sie erstaunt.
»Das ist meine neue Mütze. Die hat meine Mama selbst gehäkelt. Ist die nicht super schick?«
Die drei Freundinnen sahen sich an und begannen dann zu lachen.
»Schick? Nein, bestimmt nicht. Die steht dir überhaupt nicht.«
Lena war enttäuscht. Das hatte sie nicht erwartet. Trotzdem behielt sie ihre Mütze stolz auf dem Kopf, sprach aber kein einziges Wort mehr mit den anderen.
In der Schule lief es dann nicht besser. Kein einziges Mädchen wollte die Mütze gefallen. Sie verdrehten die Augen, lachten oder beleidigten Lena, die immer wieder erklärte, dass sich ihre Mutter viel Mühe mit der Mütze gegeben hätte. Doch das half alles nichts.
Am nächsten Tag überlegte Lena sehr lange, ob sie ihre neue Mütze noch einmal tragen sollte. Sie wollte nicht noch einmal ausgelacht werden. Auf der anderen Seite fand sie die Mütze aber trotzdem schön. Und deshalb schluckte sie ihre Angst herunter und setzte die Mütze auf.
Nur sehr langsam schlich sie zur Ampel. Doch als sie ihre Freundinnen entdeckte, wollte sie ihren Augen nicht trauen. Sie alle trugen selbst gehäkelte Mützen auf ihren Köpfen.
»Was ist denn mit euch los? Warum tragt ihr denn selbst gemachte Mützen?«
Die Freundinnen sahen etwas verschämt auf den Boden, bevor sie leise antworteten.
»Naja, eigentlich sind die Mützen voll cool. Wir wollten es nur nicht sagen, weil wir auch welche haben wollten.«
Lenas Freundinnen waren so neidisch gewesen, dass sie sofort nach der Schule ihre Mütter angebettelt hatten, ihnen ebenfalls Mützen zu häkeln. Und sie waren nicht die einzigen. In der Schule sah man nun sehr viele Mädchen mit Häkelmützen, hin und wieder sogar ein paar Jungs.

(c) 2013, Marco Wittler

388. Der schlaue Kater

Der schlaue Kater

Fabio saß am Frühstückstisch und aß ein großes Butterbrot mit leckerer Salami.
»Mh, ist das lecker.«, schwärmte er immer wieder und warf dabei seinen Blick zum Boden.
Dort saß ein Kater in grau und weiß, der gierig darauf wartete, dass ein Stück Wurst herab fiel. Und genau das passierte auch immer wieder.
»Hihihi.«, lachte Fabio dann und ließ ein weiteres Stück Wurst fallen.
»Jetzt wird es aber Zeit, in die Schule zu fahren.«, sagte Mama und räumte den Frühstückstisch auf.
Sie zog Fabio Jacke und Mütze über, achtete darauf, dass er seine Füße in die richtigen Schuhe steckte und brachte ihn dann zum Taxi.
»Viel Spaß beim lernen.«, rief ihm Mama nach.
»Und mach nicht so viel Blödsinn.«
Kater Diego entdeckte zur gleichen Zeit, dass die Haustür offen stand. Heimlich schlich er sich nach draußen und sah sich neugierig um. Er beobachtete, wie Fabio in das Taxi stieg.
»Was der Junge jetzt wohl macht?«, fragte sich der Kater neugierig.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und lief Fabio nach. Mit einem kräftigen Sprung verschwand er im Wagen und versteckte sich sofort unter einem der Sitze.
Das Taxi setzte sich in Bewegung und fuhr quer durch die Stadt. Nach einer ganzen Weile blieb es wieder stehen und die Kinder stiegen aus. Diego folgte Fabio heimlich mit etwas Abstand. Sie gingen in ein großes Gebäude. In einem der unzähligen Räume setzten sie sich alle an kleine Tische und hörten einer Frau zu, die ganz viel erzählte.
Diego hörte ganz genau zu. Das war alles sehr interessant. So viele schlaue Dinge hatte er noch nie auf einmal gelernt. Erst als es Nachmittag wurde schlich er sich wieder unter Fabios Tisch hervor und ließ sich vom Taxi nach Hause bringen.
»Die Schule ist richtig toll. Da fahre ich Morgen ganz bestimmt wieder hin.«, sagte er zu sich selbst, als er sich müde in seiner Katzenhöhle versteckte.

(c) 2012, Marco Wittler

318. Mamas Schule

Mamas Schule

Mama kam Mittags von der Arbeit nach Hause. Sie war geschafft, müde und kaputt. Also schlurfte sie ins Wohnzimmer und ließ sich erst einmal in den Sessel plumpsen.
Auf diesen Moment hatte Sophie nur gewartet. Sie stürmte aus ihrem Zimmer und sprang auf Mamas Schoß.
»Du bist endlich zu Hause.«, freute sie sich.
»Wollen wir was spielen?«
Aber Mama winkte ab.
»Lass mich erstmal ausruhen. Es war heute sehr anstrengend.«
Sophie verzog enttäuscht das Gesicht und zog sich in die Küche zurück.
Ein paar Minuten später war sie wieder da. In ihren Händen hielt sie einen Becher mit kühler Milch.
»Das macht dich bestimmt wieder munter.«
Mama sah in den Becher.
»Danke, Spätzchen. Das ist aber lieb von dir.«
Sophie sah ihr beim Trinken zu. Und dann fiel ihr etwas ein.
»Eigentlich wollte ich dir ja einen Tee machen, weil du den so gerne trinkst. Aber ich darf ja nicht den Wasserkocher benutzen.«
Mama nickte und lobte ihre Tochter.
»Willst du denn jetzt etwas mit mir spielen?«
Sophie grinste von einem Ohr zum andern, während Mama seufzend aufstand.
»Na gut, dann lass uns mal in dein Zimmer gehen.«
Sophie freute sich, nahm Mama an die Hand und zog sie hinter sich her.
»Wir spielen heute Schule. Der Schreibtisch ist das Pult und der kleine Tisch ist der Schülerplatz.«
Sofort kramte sie ein paar Bilderbücher, Papier und Stifte aus ihrem Schrank.
»Magst du vielleicht auch was anderes spielen?«
Mama gefiel der Vorschlag ihrer kleinen Tochter gar nicht. Immerhin arbeitete sie bereits jeden Vormittag als Lehrerin und war froh, wenn sie am Nachmittag etwas Abwechslung bekam.
»Nein, wie spielen heute Schule.«, entschied Sophie.
Also setzte sich Mama hinter das Pult und sah streng durch die Klasse.
»Was machst du denn da?«, fragte Sophie und verwies Mama mit ihrem Zeigefinger zum anderen Tisch.
»Ich bin doch die Lehrerin und du musst bei mir lernen.«
Nun verstand Mama, worum es eigentlich ging und begann zu lachen. Sie stand auf, wechselte den Platz und überlegte sich auf dem Weg schon die ersten Streiche, die sie anstellen konnte. Heute waren die Rollen mal vertauscht und sie konnte sich als Schülerin so richtig austoben.
»Dann wollen wir mal etwas lernen.«, sagte die kleine Lehrerin und schlug eines ihrer Bücher auf.
Genau in diesem Moment flog ein Papierkügelchen durch die Luft und prallte gegen die Wand.
»Wer war das?«, fragte Sophie streng und grinste Mama an.
»Das kann ja noch ein spaßiger Unterricht werden.«
Mama warf jubelnd ihre Arme in die Luft.

(c) 2010, Marco Wittler

310. Das ist mein kleiner Bruder

»Das ist mein kleiner Bruder«

Chiara gähnte laut, während sie aus dem Bett heraus kam.
»Ich hab keine Lust auf Schule.«, beschwerte sie sich.
Mama warf kurz einen Blick in das Kinderzimmer.
»Maul nicht so rum, kleines Fräulein. Die Ferien sind doch grad erst vorbei. Außerdem ist das doch heute ein ganz besonderer Tag, wenn dein Bruder Fabio eingeschult wird.«
Mama hatte natürlich Recht. Also machte sich Chiara für die Schule fertig.

Sie konnte es nur von weitem sehen, da der Unterricht bereits begonnen hatte. Trotzdem warf Chiara immer wieder einen heimlichen Blick aus dem Fenster und sah ihrem Bruder zu, wie er das erste Mal den Schulhof betrat.
Alle neuen Erstklässler schienen richtig aufgeregt zu sein.
»Da kann ich mich auch noch gut dran erinnern.«, schwärmte Chiara.

Am nächsten Tag kam Mama nicht mehr mit zur Schule. Chiara ging in ihre eigene Klasse und auch für Fabio begann nun auch der Ernst des Lebens.
Die erste Stunde verging wie im Fluge.
»Die kleine Pause machen wir heute durch.«, schlug die Lehrerin vor.
»Sonst schaffen wir nicht alles, was ich mir vorgenommen habe.«
Chiara seufzte, als sie Fabio auf dem Schulhof entdeckte.
»Der hat es gut.«
Doch plötzlich stolperte ihr kleiner Bruder und fiel auf die Nase. Sofort scharrte sich eine große Gruppe Kinder um ihn herum. Sie alle lachten.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein.«, rief Chiara entsetzt und sprang auf.
»Was ist denn hier los?«, fragte der Lehrer irritiert.
Chiara zeigte mit dem Finger nach draußen.
»Das ist mein kleiner Bruder.«, erklärte sie und lief nach draußen.
Es dauerte nur Sekunden, bis sie auf dem Schulhof war und alle lachenden Kinder vertrieben hatte.
»Und wenn noch einmal jemand über meinen Bruder lacht, dann kriegt er es mit mir zu tun.«
In diesem Moment war lauter Jubel aus Chiaras Klasse zu hören.
Chiara lachte und klopfte Fabio auf die Schulter.
»Ich lass doch nicht zu, dass jemand meinen Bruder ärgert.«
Sie nahm ihn an die Hand und brachte ihn zurück in seine Klasse.

(c) 2010, Marco Wittler

274. Die Legende

Die Legende

Michi Lehmann stand aufgeregt vor dem großen Eingangstor. Es war sein erster Tag in der neuen Schule.
Wie viele andere Kinder auch musste er erst einmal seinen Klassenraum finden. Doch zu Beginn der ersten Stunde saß er rechtzeitig an seinem Platz.
»Herzlich Willkommen in unserem Gymnasium.«, begrüßte der Lehrer seine neuen Schüler.
»Bevor wir mit dem neuen Stundenplan und dem Unterricht beginnen, sollten wir uns gegenseitig vorstellen.«
Und schon begannen die Kinder der Reihe nach ihre Namen zu sagen.
»Ich bin Michi Lehmann, der Dritte. Ich hab hinten eine Zahl dran, weil ich den selben Namen wie mein Opa und Papa habe.«
In der Klasse wurde es still. Doch dann begannen die Schüler wild miteinander zu tuscheln. Immer wieder sahen sie zu Michi herüber. Der beachtete das nicht weiter und konzentrierte sich darauf, was der Lehrer zu sagen hatte.
Irgendwann begann die Pause und alle Kinder stürmten auf den Schulhof. Und da fiel es Michi auf. Nicht nur seine Mitschüler, sondern auch die älteren Jungen und Mädchen beobachteten ihn und redeten dabei aufgeregt miteinander. Schließlich kam ein recht großer Schüler mit breiten Schultern und muskulösen Armen auf ihn zu.
»Du bist also ein Lehmann?«, fragte er misstrauisch.
Michi bekam Angst und wusste nicht, ob er die Wahrheit sagen sollte. Aber dann kam ihm die Antwort einfach ungewollt über die Lippen.
»Ja, ich bin Michi Lehmann, der Dritte.«
Der Blick des großen Jungen wurde auf einmal freundlicher.
»Das ist ja cool.«, sagte er.
»Respekt, Mann.«
Und schon lief er ohne eine weitere Erklärung zu seinen Freunden zurück.
Nun wunderte sich Michi noch mehr. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.

In den nächsten Tagen wurde es immer schlimmer. Michi wurde von jedem Schüler gegrüßt. Einige wollten ständig in seiner Nähe sein und manche boten ihm sogar täglich ihr Pausenbrot an. Aber ein paar wenige von ihnen übertrieben ganz besonders. Sie behaupteten immer und überall, dass sie Michis dickste Freunde waren, obwohl sie bisher noch nicht ein einziges Wort mit ihm geredet hatten.
Michi hatte die Nase voll. Er wollte, dass endlich Schluss mit der ganzen Sache wurde. Außerdem wollte er unbedingt heraus finden, was eigentlich los war.

Am Wochenende holte er sein Fahrrad aus der Garage und fuhr zu Opa. Dort erhoffte er sich ein paar Antworten auf seine vielen Fragen.
»Unser Name ist an deiner Schule zu einer großen Legende geworden.«
Michi bejahte diese Feststellung und hörte Opa gespannt zu.
»Die Anderen achten und und respektieren dich, ohne Grund.«
Michi nickte heftig mit dem Kopf. Er hatte endlich das Gefühl, der Lösung seines Rätsels ganz nah zu sein.
Opa musste lachen.
»Das Ganze ist ein großes Missverständnis. Als ich in deinem Alter war wurde ich jeden Tag von einem großen Jungen  geärgert. Er aß mir sogar meine Pausenbrote weg.
Eines Tages weigerte ich mich, ihm mein Essen zu geben. Daraufhin wollte er mich verhauen, stolperte allerdings über seine eigenen Füße und fiel der Länge nach hin. Von diesem Tag an dachte nun jeder in der Schule, dass ich diesen Grobian besiegt hätte. Jahre später ist deinem Vater etwas Ähnliches passiert.«
Nun wurde es Michi klar. Diese Geschichte schien noch immer in der Schule herum zu geistern.
»Ich werde etwas dagegen unternehmen. Das muss endlich aufhören.«
Michi nahm sich vor, eine Rauferei am Montag zu verlieren.

Die neue Woche begann. Alle Schüler stürmten in das große Gebäude und ließen den Unterricht über sich ergehen. Sie alle warteten allerdings auf die Pause, die zwei Stunden später begann.
Michi hatte sich mit seinem älteren Cousin Stefan verabredet. Dieser sollte ihn nach einem Streit besiegen.
»Du bist gar nicht so besonders wie hier alle denken.«, brüllte Stefan und stürmte auf Michi zu. Doch genau in diesem Moment stolperte er über ein leeres Trinkpäckchen und stürzte zu Boden.
»Oh nein. Warum musste das jetzt passieren?«, fluchte Michi. Jetzt dachte jeder an der Schule, dass er einen großen Jungen besiegt hatte. Nun war er, wie schon sein Opa und sein Papa, zu einer Legende geworden.

(c) 2009, Marco Wittler

206. Kinder im Bach

Kinder im Bach

Es klingelte laut. Also packte Herr Jansen seine Sachen zusammen, wünschte den Kindern einen schönen Nachmittag und verließ die Klasse. Eigentlich hätte er jetzt nach Hause fahren können, aber es wartete noch eine unangenehme Aufgabe auf ihn.
Er ging kurz im Lehrerzimmer vorbei, verabschiedete sich von seinen Kollegen und brachte seine Tasche in seinen Wagen.
Sein Weg führte ihn nun einen kleinen Waldweg entlang. Ein paar Minuten stand er vor einem Bach, dessen Ufer mit Betonwänden eingemauert waren.
Ein schneller Blick nach unten brachte ihm die traurige Gewissheit.
»Was machst du denn da unten?«
Ein kleiner Junge sah verzweifelt nach oben. Er saß in dem hüfthohen Wasser fest, denn an den steilen Wänden konnte er nicht hinauf klettern.
»Mich haben ein paar gemeine Jungs hier hinein geschubst. Ich wollte ihnen meinen Taschengeld nicht geben. Da haben sie es  sich einfach genommen und mich dann hier gelassen.«
Herr Jansen schüttelte verzweifelt den Kopf, kniete sich hin und zog den Jungen wieder hoch.
Schon zum fünften Mal in diesem Monat rettete er jemanden aus dieser Falle. Diese Überfälle kamen immer häufiger vor. Doch bisher waren die Übeltäter noch nicht dabei erwischt worden.
Er nahm den Jungen mit sich zurück zur Schule, gab ihm ein Handtuch aus seinem Kofferraum und benachrichtigte die Eltern per Handy, dass sie ihren nassen Sohn abholen konnten.

Ein paar Tage später war es wieder so weit. Ein weiteres Kind saß im Bach und wartete auf Rettung. Und wieder war von den Tätern keine Spur. Auch wagte es niemand, zu verraten, wer so gemein war. Alle Jungen und Mädchen hatten Angst vor Rache. Bis eines Tages Kira den gefährlichen Weg entlang ging.
Sie sah sich ständig um, ihr Blick ging nach links, nach rechts und immer wieder auch über die Schulter nach hinten. Doch alles blieb still. Nach ein paar Minuten kam sie am Bach an. Das Wasser plätscherte zwischen den Betonwänden dahin. Mehr war nicht zu hören.
Doch plötzlich knackte ein Ast und drei große Jungen kamen aus dem Wald gestürmt. Es waren Alexander und seine fiesen Freunde.
»Los, rück dein Taschengeld raus, sonst landest du im Bach.«
Kira wurde unsicher. Sie spürte ein paar wenige Münzen in ihrer Hosentasche, wollte diese aber nicht abgeben.
»Ich habe kein Geld. Ich kann euch nichts geben.«, sagte sie ängstlich.
Alexander lief rot an. Sein Gesicht sah fast wie eine Tomate aus.
»Dann werfen wir dich ebenfalls in den Bach.«
In diesem Moment kam Kira eine Idee.
»Ich habe doch etwas Geld dabei. Lasst ihr mich wirklich in Ruhe, wenn ich es euch gebe?«
Alexander nickte, während seine Freunde lachten. Kira griff langsam mit einer Hand in die andere Hosentasche. Dort befand sich ihr alter Geldbeutel. Darin befanden sich nur ein paar bunte Steine, die sie auf dem Spielplatz gesammelt hatte.
Sie zog den Beutel hervor und wedelte den Jungen damit vor der Nase herum.
»Los, gib her.«, befahl Alexander und machte einen Sprung nach vorn.
Allerdings bekam er den Geldbeutel nicht zu fassen, denn Kira warf ihn im hohen Bogen in den Bach und verschwand mit schnellen Schritten zwischen den Bäumen.
»Verdammt. Das Geld ist weg.«
Die drei Jungen rannten zum betonierten Ufer. Unter sich sahen sie den Beutel langsam versinken.
»So dick wie der ist, muss eine ganze Menge Geld  drin sein. Das können wir uns auf keinen Fall entgehen lassen.«
Alexander schubste seine Freunde ins Wasser und sprang anschließend selbst hinein.
»Los, sucht schon.«
Immer wieder zwang er seine Freunde, bis auf den Grund zu tauchen. Sie fanden allerdings nichts. Der Beutel blieb verschwunden. Nach einer ganzen Weile bemerkten sie, dass sie nun selbst in der Falle saßen. Die Mauern waren viel zu hoch, um zum Weg hinauf zu klettern.
»Müssen wir jetzt den ganzen Bach entlang laufen, bis wie hier wieder raus kommen?«, fragte einer der Jungs.
Doch genau in diesem Moment erblickten sie über sich ein Gesicht. Es war Kira, die nun über das ganze Gesicht grinste. Kurz darauf tauchte neben ihr Herr Jansen auf.
»Schau mal einer an. Da haben wir ja unsere Übeltäter. Das wurde auch Zeit, dass ich euch erwische. Dann werde ich mir schon mal Gedanken machen, welche Strafe ich euch auferlege.«
Er half den drei Jungen aus dem Bach und geleitete sie zur Schule. Von nun an überfielen sie nie wieder jemanden.

(c) 2009, Marco Wittler

201. Ein gefährliches Spiel

Ein gefährliches Spiel

Benjamin wurde langsam wach. Es dauerte einen Augenblick, bis der die Augen öffnete, zu sehr brannte ihm ein künstliches Licht entgegen. Es war ein Gefühl, als hätte er mehrere Tage lang geschlafen. Er wollte sich recken und strecken, doch irgendwas hinderte ihn daran.
»Willkommen zurück.«, sprach eine leise Stimme. In ihrem Unterton war das schlechte Gewissen eines kleinen Jungen zu hören.
»Ich hatte schon Angst, dass du gar nicht mehr aufwachst.«
Benjamin öffnete seine Lider und sah sich um. An seiner Seite saß Stefan. Seinen roten Augen war anzusehen, dass er schon ein paar Mal geweint hatte.
»Was machst du denn hier?«, fragte Benjamin.
»Wie lange sitzt du denn schon hier in meinem Zimmer?«
Doch dann sah er sich verwundert um und stellte fest, dass er ganz woanders war.
»Du erinnerst die gar nicht mehr, was passiert ist?«
Benjamin schüttelte mit dem Kopf, hörte aber sofort mit dieser Bewegung wieder auf, als er einen starken Schmerz verspürte.
In diesem Moment begann Stefan zu erzählen.

Es war viertel nach sieben. Die Sonne war gerade aufgegangen und überall in der Siedlung öffneten sich die Haustüren. Aus ihnen strömte eine große Zahl Schulkinder heraus. Sie alle waren auf dem Weg zur Bushaltestelle.
»Los, geh einen Schritt schneller. Wir wollen doch noch eine Runde spielen, bevor wir fahren.«
Stefan drängelte wie an jedem Morgen. In seiner Hand hielt er einen alten Tennisball. Benjamin gähnte laut, doch dann lief auch er auf ihr Ziel zu.
Es waren nur wenige Kinder anwesend. Sie drängten sich in einem kleinen Wartehäuschen zusammen. Die anderen saßen auf einem Absperrzaun oder rissen Blätter einer Rankenpflanze  ab, die über einen hohen Zaun gewachsen war.
»Wir haben Glück. Es ist noch nicht viel los. Heute werde ich der Gewinner sein. Deine Glücksträhne ist jetzt vorbei.«
Stefan war sich sehr siegessicher. Doch sein Freund grinste nur vor sich hin.
Der Ball landete auf dem Bürgersteig und wurde nun ständig hin und her geschossen. Jedes Mal, wenn ihn einer der Jungs nicht stoppen konnte, war ein Tor gefallen.
Es stand  fünf zu vier für Benjamin, als eine größere Gruppe Kinder um die Ecke bog.
»Verdammt. Jetzt wird es wieder voll.«, stöhnte Stefan.
Eigentlich hätten sie nun ihr Spiel abbrechen müssen. Der Platz hinter der Absperrung reichte nicht mehr aus. Doch dieses Mal wollte er nicht aufgeben. Nur ein Tor trennte ihn vom Unentschieden. Ein weiteres und der hatte den Sieg in der Tasche.
»Lass uns woanders weiter spielen.«, drängelte Stefan.
»Heute ist mein Tag. Heute werde ich wieder gewinnen.«
Benjamin sah sich unsicher um. Wo sollten sie denn nun spielen? Die Bushaltestelle füllte sich weiter mit Kindern. Es waren so viele, dass sie nicht einmal hinter der Absperrung Platz fanden. Der ganze Gehweg war voll. Selbst eine Mutter mit Kinderwagen wäre hier nicht mehr durch gekommen.
»Es ist doch nichts los hier. Autos kommen ja gar nicht so viele. Wir können auf die Straße gehen.«
Schon machte Stefan zwei Schritte nach vorn und legte seinen Ball auf den Boden. Sein Freund blieb allerdings wo er war.
»Was soll denn das? Willst du mir das ganze Spiel verderben? Komm endlich her.«
Er stemmte die Arme in die Seiten und sah Benjamin finster an.
»Wenn ein Auto kommt, können wir immer noch zur Seite gehen.«
Er hob den Ball wieder auf und ging auf seinen Freund zu.
»Los, komm schon. Es passiert doch gar nichts.«
Er schob Benjamin vor sich her und schubste ihn auf die Straße.
»Und? War das jetzt so schlimm?«
In diesem Moment kam ein schnelles Auto um die Kurve gefahren. Der Fahrer sah die beiden Jungen auf der Fahrbahn, konnte aber nicht mehr rechtzeitig bremsen. Stefan hörte die quietschenden Reifen und sprang zurück. Doch Benjamin kam nicht mehr rechtzeitig weg.

»Und das ist alles heute Morgen passiert?«, fragte Benjamin.
Doch Stefan schüttelte den Kopf.
»Das war gestern. Der Krankenwagen hat dich gleich abgeholt. Du bist sofort operiert worden und hast bis jetzt geschlafen.«
Es klopfte. Ein Mann in einem weißen Kittel kam herein und stellte sich als Doktor Hoffmann vor. In seinen Händen hielt eine Kartei, die er schnell durchblätterte.
»Schau an, du bist wieder wach.«
Er klärte Benjamin auf, dass sein linker Arm gebrochen war und er eine Gehirnerschütterung erlitten hatte.
»Aber die Operation ist sehr gut verlaufen und es wird alles wieder gut.«
Benjamin atmete erleichtert auf, als er das hörte.
»Also dann kann ich dir auch verzeihen, dass du mich auf die Straße geschoben hast.«
Er hielt Stefan die rechte Hand hin, die dieser nur zu gern schüttelte. Echte Freunde konnte einfach nichts auseinander bringen.

(c) 2009, Marco Wittler

 09 - Ein gefährliches Spiel