610. Warten auf den Weihnachtsmann

Warten auf den Weihnachtsmann

Noch nie hatte ihn jemand zu Geischt bekommen. Naja, zumindest hatte ihn noch kein Kind gesehen, denn die Erwachsenen behaupteten immer wieder, dass sie mit ihm in engem Kontakt stehen würden. Der Weihnachtsmann war das letzte, große Geheimnis dieser Welt, das es noch aufzudecken gab. Einer, der sich daran beteiligte, war Paul.
Paul hatte sich mit seinem besten Freund Finn abgesprochen. Gemeinsam wollten sie in der Weihnachtsnacht wach bleiben, um den Weihnachtsmann auf frischer Tag zu ertappen. Sie wollten beide sehen, wie er mit dem Geschenkesack den Kamin herunter kam.
Nachdem Mama und Papa ins Bett gegangen waren, stand Paul wieder auf und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer zurück. Dort machte er es sich mit einer Packung Keksen, einer Flasche Milch und einer dicken Wolldecke gemütlich. Um nicht doch noch einzuschlafen, hatte er sich sein Lieblingsbuch mitgenommen.
Stunde um Stunde verging, aber bisher war der Weihnachtsmann noch nicht aufgetaucht. Auch bei Finn, mit dem er sich per Handys Nachrichten schrieb, hatte sich bisher nichts getan.
Also steckte Paul seine Nase weiter in sein Buch und las weiter. Aber mit jeder Seite wurde er müder. Irgendwann begannen die einzelnen Buchstaben scheinbar vor seinen Augen zu tanzen. Sie hüpften von oben nach unten und von links nach rechts. Sie tauschten ihre Plätze und verwirrten ihren kleinen Leser, wie sie nur konnten.
Irgendwann verdrehte Paul die Augen und rieb sie sich kräftig. Dann gähnte er laut.
„Puh, ist das anstrengend. Ich hätte nicht gedacht, dass Warten so müde machen kann.“
Er aß ein paar Kekse, trank einen großen Schluck Milch und versuchte es weiter mit seinem Buch. Immer wieder sah er verstohlen zum Kamin. Aber dort war niemand zu sehen.
Ein paar Minuten später begannen Pauls Augenlider zu flattern. Er konnte sie kaum noch offen halten und gähnte nun immer öfter. Kurz darauf war er eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wurde er von der Sonne geweckt. Er sah sich schnell um. Unter dem Christbaum lagen Geschenke. Die Kekse, die noch vor ein paar Stunden neben ihm lagen, waren komplett aufgegessen, die Milchflasche war leer.
„Verdammt. Ich hab ihn verpasst.“
Er schrieb eine Nachricht an Finn. Auch sein Freund war irgendwann eingeschlafen und hatte niemanden im Wohnzimmer gesehen.
Verärgert stand Paul auf und wollte in sein Zimmer gehen. Da fiel sein Blick auf einen Brief, der am Abend noch nicht da gewesen war. Er öffnete den Umschlag, holte einen Zettel hervor und las, was darauf geschrieben stand.

Lieber Paul.
Vielen Dank, dass du versucht hast, auf mich zu warten. Es ist nicht schlimm, dass du dabei eingeschlafen bist. Ich bin nachts auch immer müde. Aber vielleicht sehen wir uns ja im nächsten Jahr.
Dein Weihnachtsmann

Paul staunte. Es gab den Weihnachtsmann tatsächlich. Dieser Brief war der Beweis. Oder vielleicht doch nicht? Er wusste es einfach nicht. Deswegen nahm er sich jetzt schon vor, im nächsten Jahr einen neuen Versuch zu starten.

Zur gleichen Zeit landete der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten am Nordpol. Bevor er ausstieg, bedankte er sich noch bei seinem guten Freund, dem Sandmännchen.
„Vielen Dank, mein Freund.“, sagte er schmunzeld. Wenn du nicht helfen würdest, hätte mich schon längst ein Kind entdeckt. Aber mit deinem Sand bekommst du sie alle zum Schlafen.“

(c) 2017, Marco Wittler

609. Weihnachtspullis von Oma

Weihnachtspullis von Oma

Es klingelte an der Tür. Draußen stand der Paketbote und hielt einen großen Pappkarton in Händen. Mama öffnete und nahm es verwirrt entgegen. Sie hatte nichts bestellt und wusste auch nicht, dass jemand etwas schicken wollte.
Sie brachte das Paket ins Wohnzimmer und stellte es auf den großen Esstisch, während der Rest der Familie neugierig herbei kam.
„Was ist denn da drin?“, wollte Mia wissen.
„Nun warte doch erstmal ab, bis sie es geöffnet hat. Außerdem wollte ich das auch grad fragen.“, mischte sich sofort ihre ältere Schwester Lina ein, die nicht weniger neugierig war.
Nur Papa war die Ruhe selbst. Er setzte sich mit einer großen Tasse Kaffee an den Tisch und trank einen Schluck.
„Ganz ruhig, Mädels. Ihr erfahrt schon noch früh genug, was da drin steckt. Was steht eigentlich auf dem Absender?“
Mama drehte und wendete das Paket, konnte aber nicht feststellen, wer es geschickt hatte. Dann nahm sie ein Messer und zerschnitt vorsichtig das Klebeband.
„Ich schaue einfach rein. Mal schauen, ob wir dann schlauer sind.“
Ganz oben auf dem Inhalt lag ein Brief. Es musste ein Weihnachtsbrief sein, denn auf dem Umschlag waren Christbäume, Engel und Schneeflocken abgebildet. Auf seiner Vorderseite stand etwas in schnörkeliger Schönschrift geschrieben.

Für meine geliebte Familie
von Oma

„Ein Weihnachtspaket von Oma? Aber wir fahren doch an Weihnachten immer zu ihr und bekommen unsere Geschenke dort.“, wunderte sich Mia.
Mama öffnete den Umschlag und holte den Brief heraus. Sie las den anderen vor, was darin geschrieben stand.

Liebe Petra, lieber Manfred, meine lieben Enkelinnen Lina und Mia.
Jedes Jahr freue ich mich darauf, dass ihr die lange Fahrt durch das ganze Land auf euch nehmt und mich zum Weihnachtsfest besuchen kommt. Das hätte mir auch dieses Jahr gefallen. Aber daraus wird leider nichts.
Meine liebe Freundin Annegret hat bei einem Preisauschreiben eine Kreuzfahrt mit einem großen Schiff gewonnen. Und mich nimmt sie mit. Zwei Tage vor Weihnachten geht es los und erst Anfang des neuen Jahres sind wir wieder zurück. Zwei Wochen Meer, Swimming Pools, leckeres Essen und ganz viele Städte zu bestaunen. Ihr versteht bestimmt, dass ich dieses Angebot nicht ablehnen konnte.
Aber weil ich euch eure Weihnachtsgeschenke nicht vorenthalten möchte, habe ich sie euch jetzt schon geschickt. Ratet mal, was ihr bekommt? Es hat etwas mit meinem neuen Hobby zu tun. Ich stricke nämlich seit ein paar Monaten leidenschaftlich gern.

Liebe Grüße von Oma

„Oma strickt?“, wunderte sich Mia. „Ich dachte immer, das könnte sie nicht leiden.“
„War auch so.“, erinnerte sich Mama.
„Ach, und hier steht noch, dass sie sich ein paar Fotos mit den Geschenken wünscht. Die sollen wir ihr dann mit dem Handy schicken.“
Lina, die schon etwas Unangenehmes befürchtete, griff in das Paket und holte etwas Wolliges daraus hervor.
„Ein Strickpullover? Weiß Oma denn nicht, dass ich sowas gar nicht anziehe? Ist doch voll uncool.“
Es waren vier Pullover an der Zahl. Jeder Einzelne hatte ein Namensschild aus Papier am Kragen. Papa bekam einen schlichten Pulli in schwarz, Mama einen in weiß. Mia faltete ihren auseinander und entdeckte darauf einen Weihnachtsschlitten mit Rentieren.
„Der ist ja super.“, freute sie sich. „Ein richtiger Weihnachtspullover. Darf ich den gleich anziehen?“
Lina verdrehte die Augen. Weihnachtspullis waren in ihren Augen noch viel uncooler als die Normalen. Sie nahm ihren in die Hände, faltete ihn auseinander und besah ihn sich äußerst kritisch von allen Seiten.
„Ein Weihnachtsbaum?“, fragte sie angeekelt. „Ist das ihr Ernst? Wer soll denn sowas anziehen? Da wäre mir der Schwarze von Papa sogar lieber.“
„Und die müssen wir dann auch noch für Fotos anziehen.“, seufzte Mama.
„Das könnt ihr vergessen.“, beschwerte sich Lina. „Da mache ich nicht mit. Wenn das meine Freunde sehen, dann kann ich gleich einpacken. Dann bin ich unten durch.“
Mia grinste. Sie hatte plötzlich eine Idee, die sie Papa ins Ohr flüsterte. Er nickte kurz und verschwand ohne ein Wort in der nahen Abstellkammer. Er kramte ein wenig durch die Regale, dann kam er mit einem Pappkarton zurück.
Dann zog er sein Hemd aus, schlüpfte in Linas Weihnachtsbaumpullover und grinste nun ebenfalls.
„Passt als wäre er für mich gemacht.“
Er öffnete den kleinen Karton und holte ein paar bunte Weihnachtskugeln daraus hervor. Diese hängte er einzeln an die Maschen den Pullovers und verzierte ihn so noch zusätzlich.
„Jetzt sieht es auch wie ein echter Weihnachtsbaum aus.“, erklärte er. „Das Foto wird Oma bestimmt gefallen.“
„Weihnachtsbaum? Das ist eher ein Weihnachtsbauch.“, lachte Mama und piekte Papa mit dem Zeigefinger in seinen dicken Bauch.
Mit dieser Lösung konnte nun auch Lina leben. Sie zog den schwarzen Pullover an und ließ sich dann mit der ganzen Familie für Oma fotografieren.

(c) 2017, Marco Wittler

607. Das peinliche Wichtelgeschenk

Das peinliche Wichtelgeschenk

Nick betrat andächtig die Schule. Heute war ein besonderer Tag. Es war der letzte Unterricht vor den Weihnachtsferien. Heute würden sie nichts mehr lernen müssen. Stattdessen durfte jeder Kekse mitbringen und kurz Schulschluss wurde unter den Kindern in seiner Klasse gewichtelt.
Für das Wichteln hatte jedes Kind ein Geschenk mitgebracht. Im Gegensatz zum letzten Jahr, hatte Nick die Regeln etwas verändert. In seiner Aufgabe als Klassensprecher hatte er einen entsprechenden Vorschlag gemacht, der auch angenommen wurde.
Vorbei war nun die Zeit, in der die meisten Kinder unzufrieden mit ihren Geschenken waren. Niemand sollte mehr ein Geschenk bekommen, das er nicht mochte. Jeder sollte sich etwas aussuchen dürfen. Und darauf freute er sich schon sehr. Aber bis dahin war noch etwas Zeit.
Statt nun in den Klassenraum zu gehen, blieb Nick an der Eingangstür der Schule stehen. Er wartete auf seine Mitschüler und begrüßte an diesem Tag jeden einzelnen persönlich. Nach und nach trudelten sie ein. Wenn einer von ihnen mit dem Auto gebracht wurde, versuchte Nick zu erraten, wer sich darin befand.
In den ersten Wagen, der vorfuhr, konnte Nick nicht hinein sehen. Die Fenster der Rückbank waren mit Einhornbildern verziert.
„Das muss eins von unseren Mädchen sein.“, war er sich sicher. „Ich tippe auf Sofie.“
Der Wagen blieb stehen. Die Tür öffnete sich. Statt Sofie stieg aber ein Junge aus. Es war Max, der mit hochrotem Kopf auf schnellstem Weg in die Schule lief. Als er an Nick vorbei kam, flüsterte er ihm schnell etwas zu.
„Du hast nichts gesehen. Vor allem keine Einhörner.“
Dann lief er weiter in die Klasse.

Ein paar Schulstunden und etliche Kekse später war es dann so weit. Das Wichteln begann. Nick stand vorne am Pult und griff nach und nach in einen großen Sack. Er holte jedes Päckchen einzeln hervor und öffnete das Geschenkpapier. Zu jedem fand sich ein Kind, dass sich über die Geschenke freute.
Fast zum Schluss, es waren nur noch zwei Päckchen übrig, hielt Nick ein buntes Einhorn mit langer Regenbogenmähne in den Händen. Er sah durch die Klasse, stellte aber fest, dass alle Mädchen bereits ein Geschenk in Händen hielten. Und dann fiel sein Blick auf Max. Kurz sah er in dessen Augen riesige Begeisterung. Doch dann schüttelte dieser kaum merklich den Kopf. Es schien ihm zu peinlich zu sein, ein Geschenk anzunehmen, über das sich sonst nur Mädchen freuen würden. Er musste große Angst haben, dass die anderen Jungs ihn auslachen würden.
Wie zur Bestätigung kam aus der letzten Reihe sofort ein dummer Spruch.
„Na los, Nick, gib Max das Einhorn. Der kann das bestimmt gebrauchen. Der hat auch noch kein Geschenk.“
Sofort begannen die anderen Jungs zu lachen, während MAx ganz rot im Gesicht wurde.
„Nix da!“, sagte Nick mit fester Stimme. „Das Einhorn bleibt bei mir. Sowas hab ich mir schon immer gewünscht.“
Die Jungs in der Klasse verstummten. Der coole Nick stand auf Einhörner? Damit hatte keiner von ihnen gerechnet. Waren Einhörner vielleicht doch ein tolles Spielzeug?
Niemand traute sich, Nick zu beleidigen oder ihn auszulachen. Er war immerhin der Klassensprecher und sehr beliebt. Mit ihm wollte niemand Streit haben.
Das letzte Geschenk, ein Spielzeugauto landete schließlich in den Händen von Max.

Kurz nach Schulschluss verabschiedete Nick seine Klassenkameraden an der Tür des Klassenraums. Der letzte, der noch blieb, war Max, der schließlich ganz verlegen auf ihn zukam.
„Hey, danke. Das hätte ich echt nicht von dir gedacht. Ich bin echt froh, dass du mir geholfen hast. Die anderen hätten mich bestimmt voll fertig gemacht, wenn sie wüssten, dass ich Einhörner mag.“
Nick grinste und tauschte sein Einhorn gegen das Auto.
„Ist doch nur ein Einhorn. Nichts, wofür man fertig gemacht werden sollte. Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.“
Gemeinsam verließen sie die Schule. Kurz bevor sich ihre Wege trennten, verriet auch Nick noch ein großes Geheimnis, das niemand sonst wissen sollte.
„Wenn bei uns eine Feier ansteht, dann tragen mein Papa und ich immer rosa Hemden, weil man da irgendwie echt cool drin aussieht.“
Dann grinste er und zwinkerte noch einmal zum Abschied.
„Ich wünsch dir frohe Weihnachten und viel Spaß mit deinem Einhorn.“

(c) 2017, Marco Wittler

605. Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten (Ninos Schneckengeschichten 12)

Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten

Nino sah auf den Kalender und lächelte. „Schau mal, Wuschel. Morgen ist endlich Weihnachten.“
Er sah aus dem Fenster, sah eine Weile den tanzenden Schneeflockenin der Dunkelheit des Abends zu und kam schließlich zu einer Idee.
„Ich glaube, ich werde dieses Jahr beide Häuser schmücken.“
Beide Häuser, fragst du dich jetzt vielleicht. Ja, du hast richtig gelesen. Nino besaß zwei Häuser. Eines, in dem er lebte und eines, in das er sich bei Gefahr zurückziehen konnte.
Auch wenn das seltsam klingt, für Nino war das völlig normal. Denn Nino war eine Schnecke.
„Ich hänge eine lange Lichterkette ans Haus und mein Schneckenhaus bekommt ein paar Glöckchen und bunte Kugeln. Das sieht bestimmt richtig schön und weihnachtlich aus.“
Er sah zu Wuschel, der aufgeregt neben ihm stand und mit seinem Schwanz wedelte.
„Ist schon gut.“, sagte Nino. „Du warst dieses Jahr ein ganz besonders artiger Hund. Ich werde auch deine Hütte schmücken.“
Wuschel wuffte in freudiger Erwartung.
„Deine Weihnachtssocke hänge ich natürlich auch auf. Vielleicht steckt dir der Weihnachtsmann etwas hinein.“
Die beiden verbrachten den ganzen Abend damit, den Weihnachtsschmuck aus dem Keller zu holen und überall aufzuhängen. Kurz bevor sie fertig waren, hörten sie ein lautes Poltern auf dem Dach.
„Oh je!“, rief Nino entsetzt.
„Das ist bestimmt der Weihnachtsmann. Wenn wir nicht artig in unseren Betten liegen, wird er uns unsere Geschenke nicht herein bringen. Dann gehen wir dieses Jahr leer aus.“
So schnell wie es einer Schnecke möglich war, packte Nino seinen Wuschel und verzog sich mit ihm in sein Schneckenhaus. Dort stellten sie sich schlafen und gaben keinen Mucks von sich.
Es polterte weiter auf dem Dach, aber niemand kam durch den Kamin ins Wohnzimmer geklettert.
„Da stimmt etwas nicht.“, wunderte sich Nino. Hoffentlich ist der Weihnachtsmann nicht im Kamin stedken geblieben. Wir sollten lieber mal nach dem Rechten sehen.“
Er kam aus seinem Schneckenhaus hervor, setzte Wuschel auf dem Teppich ab und warf vorsichtig einen Blick in den Kamin.
„Nein, da ist niemand. Vielleicht steht er nich auf dem Dach und findet in seinem riesigen Sack unsere Geschenke nicht.“
Nino überlegte, ob er nach draußen gehen und nachschauen sollte, als es vor der Tür laut krachte.
„Du meine Güte. Was war denn das?“
Sofort lieben Schnecke und Hund zur Haustür, öffneten sich und sahen nach Draußen. Im Garten lag ein großer, roter Schlitten – der Schlitten des Weihnachtsmanns. Zumindest lag dort, was von ihm übrig geblieben war.
„Verflixt und zugenäht. Wie konnte das nur passieren? Was soll ich denn jetzt machen?“, war eine Stimme auf dem Dach zu hören.
Nino blickte auf und entdeckte dort oben den Weihnachtsmann.
„Weihnachtsmann, was ist passiert? Brauchst du Hilfe?“
Der Weihnachtsmann seufzte verzweifelt.
„Da kann mir wohl niemand mehr helfen. Mein Schlitten ist kaputt und ich muss noch eine Menge Geschenke verteilen. Das restliche Weihnachten muss wohl ausfallen. Hätte ich doch bloß den letzten TÜV Termin nicht vergessen. Und meine Rentiere haben sich so sehr bei dem Krach erschrocken, dass sie auf und davon sind.“
Ninos Gedanken rasten. Ein Weihnachtsfest ohne Geschenke war kein Weihnachtsfest. Er musste etwas unternehmen.
„Ich werde dir helfen. In meinem Schneckenhaus ist genug Platz für alle Geschenke. Ich diene dir als Ersatzschlitten.“
Der Weihnachtsmann lächelte verlegen.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten, mein hilfreicher Freund, aber du bist nur eine Schnecke. Ich glaube nicht, dass du schnell genug bist, damit ich alle Geschenke rechtzeitig verteilen kann.“
Nino grinste.
„Los Wuschel. Hol es!“
Wuschel kläffte kurz. Dann lief er ins Haus zurück und kam nur wenige Sekunden später mit seiner Leine und einem Skateboard zurück.
„Wegen meines Schneckentempos bin ich vor ein paar Jahren am Weihnachtsabend im Schnee stecken geblieben. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt, der mit schnell wie der Wind durch die Straßen der Stadt ziehen kann.“
Der Weihnachtsmann kratzte sich durch seinen dichten Bart am Kinn und dachte dabei nach.
„In Ordnung. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“
Er wuchtete den großen Sack aus den Überresten seines Schlittens und verstaute ihn in Ninos Schneckenhaus. Dann setzte er sich darauf und gab seinem neuen Helfer das Startkommando. Dieses leitete Ninos sofort an seinen felligen Freund weiter.
„Los Wuschel. Gib Gas! Wir haben eine große Menge Geschenke zu verteilen. Lauf wie der Wind!“
Wuschel setzte sich in Bewegung und zog das Skateboard mit der Schnecke hinter sich her. Freudig kläffend flitzte er so von Haus zu Haus.
Die ganze Nacht ging durch die Straßen. Der Geschenkesack wurde immer leerer. Erst mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, waren sie fertig und standen wieder vor Ninos Haus. Allerdings befanden sich im Sack noch immer zwei Geschenke.
„Für wen sind denn diese beiden Pakete?“, wollte Nino wissen. „Wir haben alle Häuser hinter uns. Wir sind fertig.
Der Weihnachtsmann grinste.
„Diese beiden Geschenke sind für meine neuen Helfer Nino und Wuschel.“
Während sie ins Haus gingen, um noch gemütlich einen heißen Tee zu trinken, übergab der Weihnachtsmann seinen kleinen Freunden ihre Pakete.

(c) 2017, Marco Wittler

604. Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier stand auf dem großen Weihnachtsplatz am Nordpol zwischen vielen anderen großen und kleinen Rentieren und Weihnachtswichteln. Gemeinsam warteten sie darauf, dass der berühmte Rudolf mit seiner Rentiergruppe den Schlitten anzog und dem Weihnachtsmann half, die vielen Geschenke an die artigen Kinder der Welt zu verteilen.
Und da kam er auch schon aus seinem Haus: Der Weihnachtsmann war bereit. Überall auf dem großen Platz wurde gejubelt und applaudiert.
Der Weihnachtsmann winkte noch einmal in die Runde. Dann stieg er ein, nahm die Zügel des Schlittens in die Hände und gab das Startsignal. Schon ging es los. Rudolf zog als erster. Dann taten es ihm die anderen Rentiere gleich.
Das kleine Rentier sah begeistert zu, wie der große Schlitten kleiner und kleiner wurde, bis er schließlich in der Dunkelheit der Weihnachtsnacht verschwand.
Während sich die meisten Wichtel und Rentiere auf den Weg nach Hause machten, blieb es selbst noch eine ganze Weile stehen und blickte in den Himmel hinauf.
»Wie gerne würde ich auch mal eines Tages den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Lüfte ziehen. Am Liebsten würde ich dann ganz vor sein und wie Rudolf die Richtung bestimmen.«
Ein paar größere Rentiere blieben stehen und blickten das kleine Rentier an. Nach ein paar Sekunden begannen sie zu lachen und hielten sich die Bäuche.
»Du willst den Schlitten ziehen? Du willst den Platz von Rudolf einnehmen? Ein kleiner Zwerg, wie du einer bist, taugt dafür nicht. Träum lieber von Dingen, die dir mehr liegen. Du kannst Rudolf die Hufe putzen. Mehr aber auch nicht.«
Dann gingen sie weiter und lachten immer wieder so laut sie konnten.
Das kleine Rentier wurde traurig. Trotzdem wollte es seinen Traum nicht aufgeben. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als den Schlitten zu ziehen?

Am nächsten Tag waren der Weihnachtsmann, Rudolf und die anderen Rentiere wieder zurück am Nordpol. Der Schlitten wurde in einer Garage untergebracht, die Rentiere machten es sich in ihren Ställen gemütlich und der Weihnachtsmann begann bereits mit den Planungen für das nächste Jahr. Die Wichtel gingen in ihre Werkstatt und fertigten bereits die neuen Geschenke an. So würde es nun die nächsten zwölf Monate weiter gehen.
Das kleine Rentier träumte in dieser Zeit weiter davon, eines Tages den Schlitten zu ziehen. Also sammelte es ein paar seiner Freunde, um für das Weihnachtsfest zu trainieren. Sie holten den alten, viel zu kleinen Schlitten hervor, der seit Jahrhunderten nicht mehr vom Weihnachtsmann benutzt worden war und trainierten damit immer wieder.

Die Monate vergingen. Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Dann kam der Herbst und schließlich der nächste Winter. Für den Nordpol machte das allerdings keinen Unterschied, da dort das ganze Jahr über Schnee lag.
Schließlich wurde es Weihnachten. Der große Schlitten stand wieder auf dem Weihnachtsplatz bereit, die Rentiere, ganz vorne der berühmte Rudolf mit der roten Nase, hatten das Zaumzeug angelegt. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann. Auf ihn warteten, wie in jedem Jahr, die Rentiere und die Wichtel, um ihm bei seinem Abflug zuzujubeln.
Und dann war es auch schon so weit. Die Tür zum Haus des Weihnachtsmanns öffnete sich. Der Weihnachtsmann höchstpersönlich kam heraus und winkte in die Runde. Langsam ging er auf seinen Schlitten zu.
Er wollte gerade einsteigen, als er eine Stimme hörte, die ihn rief. Er sah sich um, denn es war noch nie geschehen, dass ein Einzelner in diesem Moment auf sich aufmerksam machte.
»Wer ruft nach mir?«, wollte der Weihnachtsmann wissen. Er legte seine Hand an die Stirn und sah über den gesamten Platz hinweg.
Ganz weit hinten, ganz am Rand entdeckte er seinen alten Schlitten. Davor stand eine Gruppe kleiner Rentiere, die Zaumzeug angelegt hatte und ebenfalls darauf wartete, dass der Weihnachtsmann zu ihnen kam.
»Guck mal einer an. Was ist denn das?«
Der Weihnachtsmann war amüsiert. »Da stehen meine lieben, kleinen Rentiere und wollen mir helfen. Das ist ja mal eine tolle Überraschung.«
Nun drehten sich auch die anderen Rentiere und Wichtel um. Sie waren allerdings weniger amüsiert. Die meisten von ihnen sahen ganz schön grimmig aus. Ein paar von ihnen sagten sogar ganz schlimme Dinge.
»Verzieht euch in euren Kindergarten. Ihr habt hier nichts zu suchen mit eurem mickrigen Schlitten. Damit könnt ihr niemals den Weihnachtsmann und seinen Schlitten um die Welt ziehen. Ihr seid unglaublich lächerlich. Und ein echter Rudolf fehlt euch auch. Keiner von euch hat eine rote Nase.«
Das kleine Rentier ließ sich davon nicht entmutigen. Stattdessen grinste es. Dann zog es eine rote Clownsnase hervor und steckte diese auf seine eigene.
Der Weihnachtsmann hielt sich den Bauch und lachte vor Vergnügen.
»Schau dir das an, Rudolf. Du bekommst tatsächlich Konkurrenz.«
Auch Rudolf konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Idee der kleinen Rentiere war nicht nur lustig, sondern auch genial.
»Hey Boss.«, rief Rudolf. »Was hältst du davon wenn meine Jungs und ich in diesem Jahr einfach mal Urlaub machen? Wir hatten noch nie an Weihnachten frei. Ich bin mir sicher, dass unsere Kleinen den Job hervorragend erledigen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, der kleine Schlitten hat früher auch gereicht, um deinen Geschenkesack zu transportieren.«
Der Weihnachtsmann kratzte sich an seinem haarigen Kinn und dachte nach. Er schmunzelte und nickte schließlich.
»Du hast Recht. Lassen wir es einfach auf einen Versuch ankommen.«
Er ging auf den kleinen Schlitten zu und amüsierte sich über die erstaunten Gesichter der anderen Rentiere und Wichtel. Damit hatten sie alle nicht gerechnet.
»Ladet den Sack um und spannt meine Rentiere ab. Beeilt euch, Weihnachtswichtel. Ich habe einen engen Terminplan.«
Dann stieg er auf seinen alten Schlitten und zwinkerte dem kleinen Rentier grinsend zu.
»Dann zeig mir mal, kleiner Rudolf, was du und deine Freunde drauf haben.«
Das kleine Rentier war unglaublich stolz und freute sich sehr auf die kommende Weihnachtsnacht. Schon wenige Minuten später ging es los. Die kleinen Rentiere zogen den Schlitten in die Dunkelheit und waren nur Augenblicke später nicht mehr zu sehen.

(c) 2017, Marco Wittler

603. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Frederick, die kleine Maus, kam aus seinem Mauseloch gekrochen. Der tägliche Hunger führte ihn auf direktem Weg zum Kühlschrank, den er mittlerweile schon sehr gut ohne Hilfe öffnen konnte. Den Menschen, die im Haus lebten, bemerkten nicht einmal, dass noch jemand bei ihnen lebte und sich hier und da etwas stibitzte.
Auf seinem Weg in die Küche musste er das große Wohnzimmer durchqueren. Glücklicherweise lagen die Menschen und auch der große Hund mit den scharfen Zähnen in ihren Betten und schliefen tief und fest.
Schon direkt hinter der Tür blieb Frederick stehen und sah sich verwirrt um. Es hatte sich etwas verändert. Der ganze Raum war mit bunten Lichtern geschmückt. In einer Ecke des stand eine riesige Tanne, die mit farbigen Kugeln, silbernen Fäden und elektrischen Kerzen geschmückt war.
»Was ist denn hier los?«, fragte sich Frederick. »So etwas habe ich hier noch nie gesehen.«
Er sah sich vorsichtig um und entdeckte schließlich auf einem Paket die Aufschrift ‚Frohe Weihnachten‘.
»Weihnachten? Kenne ich nicht. Was mag das wohl sein?«
Die kleine Maus versuchte, so viel wie möglich über dieses Weihnachten heraus zu bekommen. Fündig wurde sie irgendwann in einem Kinderbuch, das auf dem Sofa lag.
In dem Buch war von einem dicken Mann in einem roten Mantel die Rede. Es war der Weihnachtsmann, der jedes Jahr die artigen Kinder mit Geschenken belohnte und die bösen Kinder bestrafte.
»Das ist ja toll. Ich frage mich nur, warum der Weihnachtsmann nicht auch die kleinen Mäuse beschenkt. Ich kenne nämlich keine einzige Maus, die nicht artig ist.«
Frederick setzte sich auf das Sofa, knabberte einen Keks und blätterte immer wieder die Seiten des Buches durch, bis ihm eine Idee in den Sinn kam.
»Vielleicht ist der Weihnachtsmann zu sehr mit den Menschenkindern beschäftigt, weil es so viele von ihnen gibt. Er braucht Hilfe von einer Weihnachtsmaus.«
Frederick grinste über das ganze Gesicht. Dann sprang er vom Sofa und lief zurück in sein Mauseloch. Sofort machte er sich an die Arbeit, Geschenke für alle Mäusekinder zu basteln, die er kannte. Jeden einzelnen Tag bis zum Weihnachtsfest arbeitete er daran, sie alle am Weihnachtsabend glücklich zu machen.

Irgendwann war es dann so weit. Auf dem Kalender im Flur der Menschen stand es in großen Buchstaben geschrieben: Weihnachten.
Heute Nacht würde der Weihnachtsmann in dieses Haus kommen – wenn alles aus dem Buch der Wahrheit entsprach.
Frederick packte die vielen Geschenke in einen großen Sack und kleidete sich in einen weiten, roten Mantel und zog sich eine passende Mütze auf den Kopf. Dann wartete er am Eingang seines Mauselochs – und wartete und wartete. Irgendwann wurde er müde, so müde, dass ihm die Augen schwer wurden und er einschlief.
Tief in der Nacht schreckte Frederick dann hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es war aus dem Wohnzimmer gekommen. Schnell lief er hinüber und spähte in den Raum. Dort tat sich etwas. Irgendwer kam gerade in diesem Moment aus dem Kamin geklettert. Ein Mann richtete sich auf und sah sich um. Da er niemanden sehen konnte, zog er einen großen Sack aus dem Kamin.
»Das ist er.«, flüsterte Frederick begeistert zu sich selbst. »Es gibt ihn wirklich. Das ist der Weihnachtsmann.«
Sofort eilte er in das Wohnzimmer. Vor Freude klatschte er in seine kleinen Pfoten und tanzte wie wild um sich selbst.
»Juhuu! Ich habe dich gefunden, Weihnachtsmann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue.«
Der Weihnachtsmann erschrak. Sofort sah er sich in alle Richtungen um, konnte aber niemanden entdecken.
»Hm? Spielt mir da jemand einen üblen Streich?«
Er sah sich ein zweites Mal um.
»Los, komm aus deinem Versteck, wo auch immer du bist.«
Frederick kicherte.
»Weihnachtsmann, ich bin hier unten, direkt vor deinen großen Stiefeln.«
Der Weihnachtsmann rückte seine Brille zurecht und blickte nach unten.
»Huch, was ist denn das? Eine kleine Maus in einem Weihnachtsmantel. Bist du eine Weihnachtsmaus?«
Frederick nickte stolz.
»Ich bin so begeistert von deiner Aufgabe, dass ich mir gedacht habe, die vielen artigen Mäusekinder müssten auch beschenkt werden. Und wenn das jemand übernehmen kann, dann die Weihnachtsmaus.«
Frederick machte eine kleine Pause und wurde rot im Gesicht.
»Ich schaffe das allerdings nicht allein. Ich brauche dazu deine Hilfe. Mit meinen kleinen Beinchen komme ich in einer Nacht nicht sehr weit.«
Der Weihnachtsmann grinste. »Kein Problem ist unlösbar. Ich werde dir gerne helfen. Auf meinem Schlitten finden wir bestimmt noch einen Platz für dich und deinen Geschenkesack.«
Dann griff er vorsichtig nach Frederick und seinem Sack und stopfte beide in eine seiner Manteltaschen. Gemeinsam kletterten sich dann den Kamin hinauf und machten sich auf den Weg, die artigen Menschenkinder und die artigen Mäusekinder zu beschenken.

(c) 2017, Marco Wittler

567. Eine schlaflose Nacht

Eine schlaflose Nacht

Timo lag im Bett und konnte vor Aufregung nicht schlafen. Beim letzten Blick auf die Uhr war es 22 Uhr gewesen. Der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen. Das Land der Träume war so weit entfernt, wie nie zuvor. Und die Zeit bis zum Aufstehen wollte ebenfalls nicht vergehen. Jedes Mal, wenn Timo auf die Uhr sah, war es nur ein paar wenige Minuten später geworden.
»Kann nicht endlich mal die Sonne aufgehen? Ich will, dass es endlich Weihnachten wird. Ich will endlich meine Geschenke auspacken. Wenn ich bloß schon wüsste, was ich alles bekomme.«
Timo tippelte ununterbrochen mit seinen Finger auf die Matratze. Das half aber auch nicht gegen die riesige Aufregung. An Schlaf war wirklich nicht zu denken.
Irgendwann wurde es dann draußen hell. Die Nacht war fast vorbei. Timo hatte das Gefühl, dass die dunklen Stunden mehrere Tage gedauert hatten.
»Endlich! Jetzt muss ich nur noch warten, bis mich Mama wecken will.«
Mama kam auch ein paar Minuten später und war überrascht, dass Timo schon wach war. Laut gähnend stand Timo auf, machte sich im Bad fertig und zog sich seine Klamotten an. Dann lief er die Treppe hinunter.
»Juhuu, es ist Weihnachten. Endlich ist es so weit. Endlich bekomme ich meine Geschenke.«
»Erstmal wird gefrühstückt.«, wurde er von Mama gebremst. »So lange wirst du noch warten müssen.«
Timo verzog den Mund, setzte sich dann aber ohne zu maulen an den Küchentisch. Noch während er sich Butter auf sein Brot schmierte, musste er laut gähnen. Einen Moment später fielen ihm die Augen zu und sein Kopf  sackte nach unten.
Timo war nach der langen Nacht so müde, dass er eingeschlafen war. Mama grinste, hob ihnvorsichtig vom Stuhl hoch und brachte ihn zurück in sein Kinderzimmer.
»Jedes Jahr das Gleiche. Bekommt er halt seine Geschenke heute Nachmittag.«
Sie legte Timo ins Bett, deckte ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Frohe Weihnachten, mein kleiner Schatz.«

(c) 2016, Marco Wittler

566. Schneewittchen feiert Weihnachten

Schneewittchen feiert Weihnachten

Das Weihnachtsfest macht auch nicht vor dem Märchenland halt. In dieser ganz besonderen, sehr besinnlichen Zeit, dort vieles ganz anders, als wir es kennen.
Der Wolf macht Schneewittchen kleine Geschenke, die Ritter laden Feuer speiende Drachen zum Essen ein, Dornröschen feiert mit allen Feen, auch der Bösen, ein rauschendes Fest, die kleine Meerjungfrau schmückt ihren Weihnachtsbaum mit Seesternen und Rapunzel benutzt Teile ihres wirklich sehr langen Haars als Lametta.
Und auch Schneewittchen feiert Weihnachten. In diesem Jahr hat sie sich besonders viel Mühe gegeben. Jedem einzelnen ihrer sieben Zwerge hat sie ein paar wunderschöne Geschenke gemacht. Für den Kopf hat sie Mützen, Handschuhe für die Hände und Schals für die Hälse gestrickt, damit sie auf dem Weg zur Arbeit nicht frieren müssen.
Jedes Geschenk hat sie einzeln und liebevoll in buntes Geschenkpapier gewickelt und unter den Baum gelegt. Und dann ist es endlich so weit. Sie nimmt sich ein kleines Glückchen in die Hand, klingelt damit und lässt ihre sieben Zwerge herein.
Überglücklich stürmen sie herein. Sie bedanken sich bei Schneewittchen und drücken sie an sich. Dann schnappen sie sich ihre Geschenke, reißen das Papier auf und verteilen es überall im Raum.
Sieben Mützen werden ausgepackt, sieben Schals aus dem Geschenkpapier geholt und vierzehn Handschuhe überglücklich anprobiert.
Auch Schneewittchen hat Geschenke bekommen. Sieben Stück sind es an der Zahl. Von jedem ihrer Zwerge hat sie einen wunderschönen Edelstein geschenkt bekommen.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«, freut sie sich und will die Zwerge nur zu gern zum Dank an sich drücken, aber sie sind nicht mehr da.
»Nanu?«, wundert sich Schneewittchen. »Wo seid ihr denn?«
Sie sieht sich überall im Raum um, kann aber keinen einzigen der sieben Zwerge entdecken. Das einzige, was sie sieht, sind große Berge zerrissenes Geschenkpapier.
»Wir sind doch hier!«, hört sie plötzlich sieben Stimmen.
Schneewittchen kämpft sich durch das Papier und sucht. Es hat sich tatsächlich so viel Papier aufgetürmt, dass die Zwerge darunter verschwunden sind.
»Ihr seid mir ein paar Lümmel.«, sagt sie lachend, gräbt die sieben Zwerge einen nach dem anderen aus und drückt sie an sich.
»Frohe Weihnachten, Jungs.«

(c) 2016, Marco Wittler

565. Die Geschenke sind weg

Die Geschenke sind weg

Es war mitten in der Nacht, als das Handy klingelte. Es dauerte ein wenig, bis der Weihnachtsmann aus seinem tiefen Schlaf erwachte, auf das Display sah und den Anruf entgegen nahm.
»Hier Weihnachtsmann. Wer spricht?«, fragte er müde.
Er hörte ein paar Sekunden lang zu, nickte immer wieder und bekam dann große Augen.
»Das ist ja eine Katastrophe! Ich komme sofort!«
Er kletterte aus dem Bett, zog seine rote Hose, den Mantel und die schweren Stiefel an und verließ sein Haus. Sein Ziel war seine Spielzeugwerkstatt. Dort warteten bereits seine Wichtel und Weihnachtselfen.
»Ihr erlaubt euch auch keinen dummen Scherz mit mir?«, fragte der Weihnachtsmann, während er durch die große Eingangstür stürmte.
Aber die Frage konnte er sich selbst beantworten, als sein Blick auf den großen Geschenkesack fiel. Er war leer. Völlig leer. Kein einziges Geschenk steckte in ihm.
»Wir wissen auch nicht, wie das passieren konnte.«, entschuldigte sich der Oberwichtel. »Am Abend waren die Geschenke noch an Ort und Stelle. Dann fiel eine der Maschinen aus. Wir haben sie repariert. In dieser Zeit muss jemand alle Geschenke geklaut haben.«
Der Weihnachtsmann nahm seine Mütze vom Kopf und fuhr sich nervös mit einer Hand durch das weiße Haar.
»Aber Morgen ist Weihnachten. Dann warten die Kinder überall auf der Welt auf die Geschenke. Wir müssen schnell etwas unternehmen, sonst fällt das Fest ins Wasser. Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können.«
Er teilte seine Wichtel und Elfen in kleine Gruppen auf. Jeder sollte beim Suchen helfen. Der Weihnachtsmann aber blieb in der Werkstatt zurück und wartete auf gute Nachrichten.
Und während er immer wieder im Kreis lief, nervös auf die Wanduhr sah, hörte er plötzlich ein leises Kichern.
»Hm? Wer ist da? Wer lacht da über mich? Sofort raus kommen!«
Er sah sich um, blickte in jede Ecke und unter jede Maschine.
»Ha! Erwischt!«
Mit seinen großen Händen griff er zu und ließ nicht mehr los. Aus einem sonst leeren Holzfass der Weihnachtsmann zwei Engel heraus, denen es jetzt gar nicht mehr zum Kichern zu Mute war. Stattdessen bekamen sie knallrote Gesichter.
»Was macht ihr hier? Was habt ihr hier zu suchen?«
Die Engel sahen verschüchtert zu Boden und brachten kein einziges Wort heraus.
»Entweder ich bekomme sofort eine Antwort oder ich trage euch in mein goldenes Buch ein. Dann bekommt ihr dieses Jahr nämlich kein einziges Geschenk.«
Erschrocken sahen sie den Weihnachtsmann an. »Das kannst du doch nicht machen.«, beschwerten sie sich.
»Kann ich nicht?«
Der Weihnachtsmann ging zum Schreibtisch, schlug das Buch auf und griff zu seinem Füller.
»Halt! Moment!«
Sie flitzten zu ihm. »Ist ja schon gut. Wir haben die Geschenke versteckt. Es sollte nur ein dummer Streich sein. Wir geben sie dir ja zurück.«
Der Weihnachtsmann legte seinen Stift zurück.
»Wo sind sie?«
Die Engel liefen zu einem der großen Fenster und deuteten mit ihren Zeigefingern nach draußen.
»Wir haben sie dort in dem Schneehaufen versteckt.«
Und dann bekamen sie wieder rote Gesichter. »Vorhin war er jedenfalls noch da.«
Dort, wo der Haufen ein paar Stunden zuvor gestanden hatte, lag nun eine hohe, geschlossene Schneedecke. Es hatte kräftig geschneit.
Der Weihnachtsmann bekam einen wütenden Gesichtsausdruck.
»Wisst ihr eigentlich, was ihr da angestellt habt? In wenigen Stunden muss ich mich auf den Weg machen. Wenn wir die Geschenke bis dahin nicht gefunden haben, werden Millionen Kinder auf der ganzen Welt enttäuscht sein und fürchterlich weinen.«
Er überlegte, lief ein paar Mal im Kreis und überlegte weiter. Schließlich holte er sein Handy aus der Tasche.
»Jetzt kann uns nur noch ein absoluter Experte helfen, jemand der sich besser mit Verstecken auskennt, als irgendwer anderes. Ich hoffe für euch zwei, dass er gerade Zeit hat und nicht Urlaub macht.«
Er wählte eine Nummer und wartete.
»Ja, hier Weihnachtsmann. … Ja, ich weiß, dass es gerade eine ungünstige Zeit ist, um mit dir zu Telefonieren. … Ja, ich muss auch noch den Baum aufstellen und schmücken … Ich will mich auch gar nicht unterhalten, denn ich brauche ganz dringend deine Hilfe.«
Er erklärte möglichst schnell, was geschehen war. Dann beendete er das Gespräch und setzte sich auf einen Stuhl.
»Jetzt können wir nur noch warten. Ich hoffe, dass unser Helfer nicht zu lange braucht, um hierher zu kommen.«
Kaum hatte er das gesagt, öffnete sich die Tür und ein langohriges Tier kam herein gehoppelt.
»Osterhase. Gott sei Dank, bist du endlich da. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darüber freue.«
Der Osterhase grinste.
»Keine Ursache, mein Freund. Ich werde mich auch sofort an die Arbeit machen.«
Gemeinsam verließen sie die Werkstatt.
»Der Osterhase hat die beste Nase für schwer zu findende Verstecke.«, erklärte der Weihnachtsmann den Engeln. »Er wird nicht lange brauchen, dann sind die Geschenke wieder da. Er wird das Versteck riechen.«
Und genau so geschah es dann auch. Der Osterhase hob seine Nase in die Luft, schupperte und hoppelte kreuz und quer über den frischen Schnee. Irgendwann blieb er stehen.
»Hier ist es. Hier muss das Versteck sein. Ich kann es riechen.«
Der Weihnachtsmann schnappte sich eine Schaufel und machte sich an die Arbeit. Schon nach wenigen Minuten tauchten tatsächlich die Geschenke auf. Sie waren vollzählig.
Inzwischen waren auch die Elfen und Wichtel wieder aufgetaucht. Sie halfen, die Geschenke wieder ins Trockene zu bringen.
Die zwei Engel entschuldigten sich für ihren Streich und versprachen, nie wieder das Weihnachtsfest in Gefahr zu bringen.
Den Osterhasen packte der Weihnachtsmann ein paar Stunden später mit auf den großen Schlitten und brachte ihn persönlich nach Hause und übergab ihm die Geschenke für seine große Familie.

(c) 2016, Marco Wittler

561. Das schönste Geschenk aller Zeiten

Das schönste Geschenk aller Zeiten

Malte war aufgeregt, sehr aufgeregt sogar. Endlich war Heiligabend, endlich Weihnachten. Er saß vor dem Weihnachtsbaum und sah so viele verpackte Geschenke vor sich. Er konnte es kaum erwarten, eines von ihnen zu öffnen.
»Nun macht es doch nicht so spannend.«, bettelte er schließlich. »Welches Geschenk davon ist für mich?«
Er drehte sich immer wieder zu Mama und Papa um. Irgendwann ließen sich die beiden dann erweichen.
»Es ist das ganz große auf der linken Seite.«, sagte Mama lächelnd.
»Was?«, war Malte überrascht. »Das Größte ist wirklich für mich? Da muss ich aber ein besonders artiges Kind in diesem Jahr gewesen sein.«
Er stand auf und holte sich das Geschenk heran. Stück für Stück riss er das bunte Geschenkpapier auseinander. Zum Vorschein kam ein brauner Pappkarton, dem man nicht ansehen konnte, was in ihm steckte. Auf ihm klebte kein Bild und Wörter waren auch nicht aufgedruckt.
»Was da wohl drin steckt?«
Malte klopfte einmal gegen die Pappe. Zu hören war aber nichts. Dann zog er den Klebestreifen vom Deckel und klappte diesen zur Seite.
»Wahnsinn!«, staunte er. »Das ist ja ein irres Geschenk.«
Malte bekam große Augen. Mit beiden Händen griff er in den Karton, holte Styroporkugeln hervor warf sie jubelnd in die Luft.
»Das ist Schnee! Juhuu! Es schneit!«
Immer wieder flogen die weißen Kügelchen durch die Luft und verteilten sich überall im Wohnzimmer auf dem Boden. Dass sich unter dem Styropor das eigentliche Geschenk befand, war ihm in diese Augenblick völlig egal. Den ferngesteuerten Roboter sah er gar nicht, so viel Spaß hatte er an seinem Schneegestöber.
»Endlich Schnee zu Weihnachten!, jubelte Malte weiter. »Das habe ich noch nie in meinem ganzen Leben erlebt. Das ist das schönste Geschenk aller Zeiten.«

(c) Marco Wittler