625. Weihnachten ohne Baum

Weihnachten ohne Baum?

Draußen vor der Haustür waren die Schritte schwerer Stiefel zu hören. War es der Weihnachtsmann? Vielleicht ein Einbrecher? Nein. Der Weihnachtsmann war noch nie durch die Tür gekommen. Der benutzte immer den Kamin. Und der Einbrecher würde keinen Schlüssel benutzen, denn ein solcher wurde gerade in diesem Moment in Schloss gesteckt und die Haustür geöffnet.
Ein dick vermummter Mann kam aus dem dichten Schneetreiben herein und zog sich gleich die Winterjacke aus.
»Papa!«, jubelte Finn begeistert. »Da bist du ja endlich. Dann kann Weihnachten beginnen.«
Papa klopfte sich den Schnee ab und zog sich Stück für Stück aus, bis er nur noch in seiner normalen Hose und seinem Lieblingspullover vor seinem Sohn stand.
»Ich habe euch auch vermisst.«, sagte er mit einem Lächeln. »Ich habe mich schon die ganze Woche drauf gefreut, endlich wieder nach Hause zu kommen. Ist nicht schön, so weit weg von seiner Familie arbeiten zu müssen.«
Er nahm Finn an die Hand und ging mit ihm ins Wohnzimmer. Dort blieb er wie angewurzelt stehen.
»Moment mal. Wo ist denn der Weihnachtsbaum? Wir können ohne Baum kein Weihnachten feiern.«
Jetzt kam auch Mama herein.
»Wie? Baum? Du hast mir doch heute Morgen auf mein Handy geschrieben, dass du unterwegs einen Baum kaufen und mitbringen wirst. Wo ist der denn jetzt?«
Papa kratzte sich verwirrt am Kopf und holte sein Handy aus der Hosentasche.
»Ich hab dir doch später noch geschrieben, dass ich keinen mehr bekommen habe und du dich kümmern musst, damit ich nicht erst in der Nacht hier ankomme.«
Er sah auf das Display und erschrak.
»Oh! Nein! Ich hab die Nachricht geschrieben aber nicht abgeschickt. Was machen wir denn jetzt?«
Mama seufzte.
»Jetzt ist es zu spät. Um diese Zeit bekommen wir nirgendwo mehr einen Baum.«
»Nix da.«
Papa stürmte zurück in den Flur und zog sich wieder seine Winterausrüstung an.
»Wir feiern jedes Jahr mit einem Weihnachtsbaum. Das werden wir auch dieses Jahr machen. Versprochen ist versprochen.«
Dann lief er in den Keller und kam mit Axt und Schlitten wieder nach oben.
»Komm Finn. Zieh dir was an. Wir holen einen Baum.«
Gemeinsam machten sich die Zwei auf den Weg in den Wald. Dazu mussten sie eine halbe Stunde lang durch den mehr als kräftigen Schneefall einen Berg hinauf stapften. Mehrmals blieben sie im tiefen Schnee stecken und kamen kaum noch vorwärts. Aber irgendwann hatten sie dann doch geschafft.
Papa suchte einen schönen Baum aus und setzte die Axt an. Mit ein paar kräftigen Hieben fällte er die Tanne und legte sie vorsichtig auf dem Schlitten.
»Wie gut, dass von Opa noch ein paar Bäume hier oben stehen, die wir fällen dürfen. Jetzt müssen wir nur zusehen, wie wir wieder nach Hause kommen. Ich kann unser Haus nicht mehr sehen.«
Tatsächlich waren so viele Schneeflocken in der Luft, dass man kaum mehr als zwei bis drei Meter weit sehen konnte.
Sie machten sich auf den Rückweg und stapften nun zurück ins Tal.
»Geh bitte vorsichtig.«, warnte Papa seinen Sohn. »Wir wollen in einem Stück ankommen.«
Doch da war es schon geschehen. Papa rutschte aus und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Dabei zog er sich ungewollt den Schlitten unter den Hintern und Finn gleich mit sich.
In wilder Fahrt ging es den Berg hinab. Sie wurden immer schneller. Papa bekam große Angst, dass sie gegen einen Busch, einen Baum oder einen Weidezaun knallen würden. Wie wild versuchte er den Schlitten zu lenken und zu bremsen. Glück hatte er aber keines. Nach wenigen Minuten krachten sie in einen großen Schneehaufen und kamen zum Stehen.
»Juhuu! Das war echt irre!«, freute sich Finn. »Können wir das irgendwann nochmal machen?«
Papa buddelte sich mühsam aus dem Schnee und sah sich um. Sie standen direkt vor ihrem Haus. Sie hatten es geschafft.
»Lass uns den Baum rein bringen.«, nuschelte Papa und wankte auf die Tür zu. »Die Mama wird ihn bestimmt schmücken wollen.«

(c) 2017, Marco Wittler

613. Weiße Weihnachten

Weiße Weihnachten

„Ob es dieses Jahr schneien wird?“
Hannah sah zuerst auf auf den Kalender, dann durch das Fenster nach draußen. Es war definitiv kalt genug für Schnee. Es würde am heutigen Heligabend nicht regnen, wie es in den Jahren zuvor geschehen war. Aber eines fehlte zum weißen Glück. Die Wolken. Der Himmel war sternenklar.
„Nein. Ich habe wohl auch dieses Jahr wieder Pech. Ist das doof.“
In diesem Moment kam Papa in den Hausflur.
“ Nicht gleich traurig sein. Es wird schon irgendwann ein Weihnachtsfest geben, das weiß sein wird.“
„Aber wie lange soll das denn nich dauern? Ich bin jetzt zehn Jahre alt und habe noch nie weiße Weihnachten erlebt. Soll ich erst eine Oma werden? So lange halte ich das nicht mehr durch.“
Papa dachte kurz nach. Dann grinste er über das ganze Gesicht.
„Ich glaube, ich habe da eine Idee.“
Er ging in den Keller und kam wenige Minuten später mit mehreren Sprühflaschen und einem Ventilator zurück, den er mit einer Handkurbel ausgestattet hatte.
„Was hast du denn damit vor?“
„Wir machen unseren eigenen Schnee. Alles was wir dafür brauchen ist eine Schneemaschine.“
Er öffnete ein Fenster, stellte den Ventilator auf das Fensterbrett und begann zu an der Kurbel zu drehen.
„Die Kurbel ist wichtig. Wir dürfen keinen Strom benutzen, weil das mit Wasser zu gefährlich ist.“
Dann nahm er eine der Flaschen und versprühte ganz feine Wassertropfen, die durch den Ventilator verwirbelt und nach draußen gepustet wurden. Danach dauerte es nur wenige Augenblicke, bis sich die feinen Tropfen in kleine Schneeflocken verwandelten. Es schneite.
„Juhuu! Papa, du bist der Größte.“
Hannah schnappte sich auch eine Sprühflasche und half mit, die erste weiße Weihnacht ihres Lebens zu erschaffen.

(c) 2017, Marco Wittler

588. Es soll wieder schneien

Es soll wieder schneien

Nick sah durch das Fenster nach draußen. Vor ein paar Minuten hatte es zu scheien begonnen. Dicke, fette Flocken fielen vom Himmel. Es würde bestimmt nicht lange dauern, bis die Erde unter einer weißen Schneedecke verschwunden war.
Nick jubelte. Dann lief er in den Hausflur, zog sich seine Winterschuhe, die dicke Jacke, Schal, Mütze und Handschuhe an.
»Ich gehe raus in den Schnee!«, rief er laut durchs Haus, damit Mama und Papa ihn hören konnten. Nur Sekunden später stand er draußen auf dem Gehweg.
»Nanu.«, wunderte sich Nick und sah enttäuscht zum Himmel hinauf. »Wo ist denn der Schnee geblieben?«
Tatsächlich hatte es bereits wieder aufgehört zu schneien. Bis auf ein paar Flocken am Boden sah nichts nach einem ordentlichen Winter aus.
Nick ging wieder zurück ins Haus und warf seine Mütze quer durch den Flur.
»Das Wetter ist doof und blöd.«
Mama lachte. »Warum ist das Wetter doof und blöd?«
Nick verdrehte die Augen. »Weil das Wetter mich nicht leiden kann. Kaum bin ich draußen, schneit es schon nicht mehr. Das ist voll unfair.«
Er wollte sich gerade seine Winterklamotten ausziehen, als Papa aus dem Keller kam.
»Was hab ich da gehört? Der Winter kann dich nicht leiden? Das geht ja mal gar nicht. Ich glaube, ich muss mir da was einfallen lassen.«
Papa zog sich ebenfalls seine Wintersachen an und ging dann grinsend nach draußen in sein Gartenhäuschen. Er kramte ein paar Minuten lang in seinen vielen Geräten herum, bis er das Richtige fand. Zum Vorschein kam er dann mit einem großen Irgendwas.
»Was ist  denn das?«, wollte Nick wissen.
»Das ist mein Laubbläser. Damit puste ich normalerweise das Herbstlaub zu einem Haufen zusammen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man damit auch dem Winter auf die Sprünge helfen kann.«
Gemeinsam gingen sie wieder nach vorn auf den Gehweg. Papa schaltete den Laubbläser ein. Mit einem Ohren betäubenden Lärm pustete er ganz viel Luft aus dem großen Rohr und blies damit die gefallenen Schneeflocken wieder zurück in den Himmel, um erneut herab schneien zu können.
»Juhuu, es schneit wieder!«
Nick war begeistert und sprang immer wieder in den Schneeflocken herum.

(c) 2017, Marco Wittler

587. Schnee im Sauerland

Schnee im Sauerland

»… wird es auch in den nächsten Tagen zu kräftigen Schneefällen bei uns im Sauerland kommen.«, ertönte es aus dem Radio.
»Juhuu!«, jubelte Max. Dann kann ich endlich mit meinem neuen Schlitten fahren, das erste Mal in meinem Leben.«
Sofort flitzte er in den Keller und mühte sich ein paar Minuten später mit dem schweren Schlitten die Treppenstufen hinauf. Dann zog er sich seine dicken Stiefel, die warme Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe an und zog den Schlitten hinter sich her nach draußen in den Garten.
Max setzte sich auf den Schlitten und gab Gas. Schon wollte er laut jubeln, aber er kam nur wenige Zentimeter weit.
»Nanu? Warum funktioniert das denn nicht? Im Fernsehen sieht das immer so einfach aus.«
Er schlug frustriert mit der Faust auf den Schlitten. Dann versuchte er es ein zweites Mal. Noch immer kam er nicht vom Fleck.
»Endlich ist mal genug Schnee gefallen und dann ist der Schlitten kaputt. Menno!«
Inzwischen war auch Papa nach draußen gekommen. Er grinste, als er sah, was dort vor sich ging.
»So wird das nicht gehen. Für deinen Schlitten brauchst du noch einen Hügel, den du hinunter fahren kannst.«
Max klopfte sich leicht mit der Hand vor die Stirn.
»Oh man, ich bin ja blöd. Daran hätte ich auch sofort denken können.«
Er sah sich um und musste feststellen, dass hier in der Stadt kein einziger Hügel zu sehen war. Die Berge waren alle ein paar Kilometer weit entfernt.
»Papa?«, fragte er mit einem bettelndem Blick. »Kannst du mir vielleicht helfen?«
Ein paar Minuten später fuhr Max dann doch mit dem Schlitten über den Schnee. Papa war so nett und zog ihn kreuz und quer durch den Garten.

(c) 2017, Marco Wittler

576. Ich will ein Schneemann sein

Ich will ein Schneemann sein

Timo stapfte mit seinem Schlitten durch den tiefen Schnee und mühte sich den Berg hinauf. Er wusste schon gar nicht mehr, wie oft er heute schon gerodelt war. Den ganzen Nachmittag hatte er hier verbracht. Doch nun ging langsam die Sonne unter. Es wurde dunkel, kalt und Mama sah immer häufiger auf ihre Armbanduhr.
»Es wird langsam Zeit, dass wir nach Hause fahren. Ich muss das Abendessen kochen.«, sagte sie schließlich.
Timo blieb vor ihr stehen, sah zu Mama hinauf und ließ die Mundwinkel sinken.
»Wirklich? Jetzt schon? Es ist doch noch gar nicht so spät. Ich will hier bleiben und weiter Schlitten fahren.«
Mama schüttelte den Kopf. »Die anderen Familien fahren auch schon nach Hause.«
»Stimmt gar nicht.«, beschwerte sich Timo. »Wir sind bestimmt die ersten, die jetzt gehen.«
Er sah sich um. Der Schlittenhang war leer. Es waren weder Kinder noch Eltern zu sehen.
»Na gut. Wir sind die Letzten. Aber trotzdem möchte ich noch rodeln.«
»An einem anderen Tag. Jetzt wird es Zeit für’s Abendessen.«
Timo ließ die Schultern hängen und folgte Mama schleichend zum Auto. Kurz vor dem Parkplatz fiel sein Blick auf einen Schneemann, der unter einer großen Tanne gebaut worden war.
»Wenn ich ein Schneemann wäre, könnte ich rund um die Uhr hier bleiben. Dann müsste ich nicht nach Hause. Das wäre echt cool.«

Am nächsten Morgen war irgendwas anders. Als Timo wach wurde, wehte ihm ein leichtes Lüftchen um die Nase. Auf der einen Seite war es kühl, auf der anderen Seite machte es ihm aber auch nichts aus. Ihm war nicht kalt.
Er wollte sich recken, strecken und laut gähnen, aber das fiel ihm alles andere als leicht. Timo öffnete die Augen und sah sich um. Sofort bekam er große Augen.
»Wahnsinn!«, staunte er. »Das ist ja unglaublich!«
Er stand ganz oben auf dem Rodelhang. Von hier aus brauchte er nur auf seinen Schlitten steigen und den Berg hinab fahren.
»Und ich bin hier der Einzige. Niemand stört mich. Niemand steht mir im Weg. Ich kann fahren wo ich will!«
Timo grinste über das ganze Gesicht. Er wollte aufstehen, den neben sich stehenden Schlitten schnappen und den ganzen Tag Spaß haben. Es gab nur ein Problem. Er konnte nicht aufstehen. Und das war noch nicht das Schlimmste. Nicht nur das Aufstehen funktionierte nicht. Er konnte weder Arme noch Beine bewegen.
Timo sah an sich herab. Er hatte sich in einen Schneemann verwandelt. Und wie das bei Schneemännern nun mal so ist, sie können sich nicht bewegen.
»Oh, nein. Wenn ich nur daran gedacht hätte. Dann hätte ich mir bestimmt nicht gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Die Zeit verging nur langsam. Timo langweilte sich fast zu Tode. Er konnte nicht spazieren gehen, er konnte keine Bücher lesen oder sich vor den Fernseher setzen. Er konnte sich nicht einmal an seiner Mohrrübennase kratzen, wenn es juckte.
Am Nachmittag kamen die Kinder der ganzen Nachbarschaft zum Rodelhang. Für die nächsten Stunden vergnügten sie sich auf ihren Schlitten und hatten ganz viel Spaß. Jeder Junge und jedes Mädchen – bis auf Timo. Als Schneemann stand er auf der Stelle und musste den anderen zusehen.
»Oh man, ist das langweilig. Ich wünschte, ich hätte mir nie gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Traurig wartete er darauf, dass der Tag vorüber ging. Irgendwann gingen die anderen Kinder nach Hause. Timo musste draußen in der Dunkelheit bleiben. Irgendwann schlief er ein und träumte davon, wieder ein ganz normaler Junge zu sein.

Am nächsten Morgen wachte Timo auf. Er reckte und streckte sich. Als er die Augen aufschlug, sah er sich schnell um. Er hatte zwei normale Arme, zwei normale Beine und eine kleine Nase im Gesicht. Er lag in seinem Bett unter der Decke und konnte sich wieder bewegen.
»Juhuu! Endlich bin ich wieder ein normaler Junge.«
Glücklich sprang Timo aus dem Bett und tanzte wie wild in seinem Zimmer herum.
»Ich werde mir nie wieder wünschen, ein Schneemann zu sein. Das ist mir viel zu langweilig.«

(c) 2017, Marco Wittler

572. Einen Freund zu Weihnachten

Einen Freund zu Weihnachten

Niklas stand am Fenster und sah nach draußen. Vom Himmel fielen unzählige Schneeflocken herab und tanzten wie wild durch die Luft. Endlich war der Winter gekommen. Endlich wurde die Erde weiß. Schon in wenigen Stunden würde man mit dem Schlitten die Hügel herab fahren können. Und trotzdem freute sich Niklas nicht über das Wetter.
Er ging zurück an seinen Schreibtisch und sah betrübt auf seinen Wunschzettel hinab, den er noch immer nicht geschrieben hatte. Er wusste einfach nicht, was er sich wünschen sollte.
Spielzeuge besaß er in großer Zahl. Alle Regale und Schränke waren damit vollgestopft. Bücher stapelten sich in jeder Ecke. Eigentlich hätte Niklas wunschlos glücklich sein sollen. Und doch fehlte ihm etwas ganz Wichtiges. Er hatte keine Freunde, nicht einen einzigen. Stattdessen wurde er in der Schule jeden Tag von den anderen Kindern geärgert. Einfach nur, weil er anders war, weil er von Geburt an ein krummes Bein besaß, mit dem er nicht richtig laufen konnte.
Niklas setzte sich auf seinen Stuhl und nahm seinen Stift zur Hand. Dann begann er zu schreiben.
‚Lieber Weihnachtsmann. In diesem Jahr habe ich nur einen einzigen Wunsch, der aber der größte meines Lebens ist. Ich wünsche mir einen Freund. Dein Niklas.‘
Dann faltete er den Brief zusammen, steckte ihn in einen Umschlag, brachte ihn kurz darauf nach draußen und warf ihn in den Postkasten.

Ein paar Tage später war der Christbaum reichlich geschmückt, überall im Haus duftete es lecker und ein Berg an Geschenken lag im Wohnzimmer. Das Weihnachtsfest hatte begonnen.
Freuen konnte sich Niklas aber nicht. Einen Freund konnte man nicht einpacken und sonst war auch keiner weit und breit zu sehen.
Der Tag zog sich hin. Niklas Geschenke blieben unausgepackt. Ihm fehlte einfach die Lust.
»Magst du wenigstens einen Spaziergang an der frischen Luft machen? Vielleicht kommst du dann auf bessere Gedanken.«, schlug Mama vor.
»Ist in Ordnung.«, willigte Niklas ein. »Helfen wird das aber auch nicht. Denn der Weihnachtsmann hat mich vergessen. Er hat mir meinen Wunsch nicht erfüllt.«
Sie zogen sich ihre dicken Winterjacken und Stiefel an. Dann ging die ganze Familie nach draußen in den Schnee.
Sie waren noch nicht lange gegangen, da kam ihnen eine zweite Familie entgegen. Auch sie machten einen Spaziergang. Und – Niklas musste mehrmals hinschauen – eines der Kinder, ein Mädchen, humpelte durch den tiefen Schnee. Es fiel ihr nicht leicht, vorwärts zu kommen, aber trotzdem wehrte sie immer wieder die helfende Hand ihrer Mutter ab.
»Du musst mir nicht helfen. Ich bin schon groß und schaffe das alleine.«
Dann begann sie zu grinsen, formte sich einen dicken Schneeball und bewarf damit ihren großen Bruder.
Als sie Niklas erblickte, blieb sie stehen und staunte. Es gab hier in der Stadt, in ihrer Straße tatsächlich einen Jungen, dem es so ging wie ihr. Ein Junge, der humpelte. Sie lächelte und Niklas lächelte zurück.
Langsam gingen sie aufeinander zu.
»Hi, ich bin Sofie.«, sagte das Mädchen und hielt Niklas die Hand hin.
»Ich bin Niklas.«, antwortete er, ergriff die Hand und schüttelte sie. Seine Freunde war riesig. Der Weihnachtsmann hatte seinen Brief wohl doch gelesen und seinen Wunsch auf eine ganz besondere Art und Weise erfüllt.
Niklas und Sofie wurden dicke Freunde. Von nun an konnte sie nichts mehr trennen. Und da sie schon bald auf die gleiche Schule gingen, traute sich niemand mehr, die beiden zu ärgern, denn gemeinsam waren sie stark und konnten sich wehren.

(c) 2016, Marco Wittler

561. Das schönste Geschenk aller Zeiten

Das schönste Geschenk aller Zeiten

Malte war aufgeregt, sehr aufgeregt sogar. Endlich war Heiligabend, endlich Weihnachten. Er saß vor dem Weihnachtsbaum und sah so viele verpackte Geschenke vor sich. Er konnte es kaum erwarten, eines von ihnen zu öffnen.
»Nun macht es doch nicht so spannend.«, bettelte er schließlich. »Welches Geschenk davon ist für mich?«
Er drehte sich immer wieder zu Mama und Papa um. Irgendwann ließen sich die beiden dann erweichen.
»Es ist das ganz große auf der linken Seite.«, sagte Mama lächelnd.
»Was?«, war Malte überrascht. »Das Größte ist wirklich für mich? Da muss ich aber ein besonders artiges Kind in diesem Jahr gewesen sein.«
Er stand auf und holte sich das Geschenk heran. Stück für Stück riss er das bunte Geschenkpapier auseinander. Zum Vorschein kam ein brauner Pappkarton, dem man nicht ansehen konnte, was in ihm steckte. Auf ihm klebte kein Bild und Wörter waren auch nicht aufgedruckt.
»Was da wohl drin steckt?«
Malte klopfte einmal gegen die Pappe. Zu hören war aber nichts. Dann zog er den Klebestreifen vom Deckel und klappte diesen zur Seite.
»Wahnsinn!«, staunte er. »Das ist ja ein irres Geschenk.«
Malte bekam große Augen. Mit beiden Händen griff er in den Karton, holte Styroporkugeln hervor warf sie jubelnd in die Luft.
»Das ist Schnee! Juhuu! Es schneit!«
Immer wieder flogen die weißen Kügelchen durch die Luft und verteilten sich überall im Wohnzimmer auf dem Boden. Dass sich unter dem Styropor das eigentliche Geschenk befand, war ihm in diese Augenblick völlig egal. Den ferngesteuerten Roboter sah er gar nicht, so viel Spaß hatte er an seinem Schneegestöber.
»Endlich Schnee zu Weihnachten!, jubelte Malte weiter. »Das habe ich noch nie in meinem ganzen Leben erlebt. Das ist das schönste Geschenk aller Zeiten.«

(c) Marco Wittler

550. Der Schneesturm

Der Schneesturm

Es war einmal an einem sehr kalten Weihnachtsabend.
Zuhause hatte Mama bereits alle ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Der Baum war festlich geschmückt. An jedem Ast glitzerten und glänzten bunte Glaskugeln, Sterne und Lametta, zwischen denen immer wieder Strohsterne hingen und kleine Weihnachtsfiguren. Rundherum war eine Lichterkette gespannt, die das Wohnzimmer in ein warmes Licht tauchte.
Auf dem Herd dampften die Töpfe und der Ofen wachte über einen leckeren Braten.
Die Kinder saßen aufgeregt in ihren Zimmern. Sie lasen sich noch einmal die Gedichte durch, die sie vor der Bescherung aufsagen wollten.
Der einzige, der jetzt noch fehlte, war Papa.
Papa hatte, nicht wie in den letzten Jahren, frei bekommen. Bis zum Mittag hatte er gearbeitet und war nun mit dem Auto unterwegs nach Hause. Die lange Fahrt quer durchs Land sollte er bald geschafft haben.
Doch dann klingelte im Flur das Telefon.
Max hörte es in seinem Kinderzimmer. Er öffnete die Tür, stürmte die Treppe hinunter und nahm das Gespräch entgegen.
»Hallo, hier spricht Max. Wer ist dort am anderen Ende der Leitung?«
Inzwischen waren auch seine kleine Schwester Lea und Mama hinzu gekommen.
»Wie?«, fragte Max nach.
»Was? … Hm! … Achso! … Ehrlich? … Na gut. … Wann? … In Ordnung.«
Er legte auf und atmete einmal tief durch, bevor er den anderen erzählte, was er gerade gehört hatte.
»Das war Papa. Auf der Autobahn liegt viel Schnee und es geht nur langsam voran. Überall sind lange Staus. Er kommt etwas später nach Hause. Er versucht aber, einen anderen Weg zu finden, damit er rechtzeitig zum Essen da ist.«
Mama warf einen Blick auf die Wanduhr. »Das wird aber knapp. Ich bin mit dem Essen schon fast fertig. Hoffentlich fährt er vorsichtig und braucht nicht mehr zu lange.«

Die Zeit verging. Immer wieder sahen Mama und die Kinder auf die Uhr. Bei jedem Geräusch auf der Straße sahen sie zum Fenster heraus. Aber Papas Auto war nirgendwo zu sehen.
»Hoffentlich ist er nicht irgendwo im Stau stecken geblieben.«, machte sich Lea große Sorgen. »Im Fernsehen war mal ein Bericht über eine gesperrte Autobahn. Da mussten dann Helfer Decken und warmen Tee an die Autofahrer verteilen, damit sie nicht erfrieren. Die kamen erst drei Tage später zu Hause an. Könnt ihr euch das vorstellen?«
Vorstellen wollten sich Mama und Max so etwas ganz gewiss nicht. Sie wollten Papa zu Hause haben.

Zur gleichen Zeit saß Papa hinter seinem Lenkrad und kam nur noch sehr langsam vorwärts. Wie wild flogen dicke Schneeflocken um sein Auto herum. Die weiße Decke auf der Straße wurde immer dicker. Die Reifen drehten immer wieder durch.
»Mist.«, fluchte Papa. »Wäre ich doch bloß im Stau auf der Autobahn geblieben. Vielleicht wäre ich dann schon zu Hause.«
Stattdessen hatte er eine Abfahrt genommen, um sich einen Heimweg über eine Landstraße zu suchen. Doch hier war das schlechte Wetter, dass mittlerweile ein echter Schneesturm geworden war, noch schlimmer.
Irgendwann war dann Schluss. Zwischen zwei Hügeln kam das Auto zum Stehen. Papa kam nicht mehr vor und nicht zurück. Für die Reifen war es zu glatt. Irgendwo im Nirgendwo war er nun gelandet und kam nicht mehr weiter.
»Oh, nein. Hier wird mich doch niemand finden. Was mache ich denn jetzt?«
Verzweifelt sah er sich um. Aber wegen des dichten Schneetreibens konnte man nur wenige Meter weit sehen.
»Wenn es hier nur ein Haus oder einen Bauernhof gäbe, in dem ich mich warm halten könnte, bis der Sturm sich gelegt hat. Aber bei dem Wetter kann ich auch nicht einfach drauf los marschieren. Dann verlaufe ich mich und werde erfrieren.«
Also wartete Papa. Eine Stunde. Zwei Stunden. Drei Stunden. Regelmäßig hatte er in dieser Zeit auf sein Handy geschaut. Aber hier draußen, weit weg von jeder Stadt hatte es keinen Empfang. Er konnte nicht einmal Bescheid geben, dass er stecken geblieben war.
Irgendwann wurde es Papa zu kalt. Seine dicke Jacke hatte er angezogen, Handschuhe und Mütze auch. Sogar eine Decke hatte er aus dem Kofferraum geholt. Aber das nützte schon lang nichts mehr. Er musste sich Bewegung verschaffen.
Widerwillig verließ er das Auto und hüpfte etwas im Schnee auf und ab, um sich aufzuwärmen.
»Nanu? Was ist denn das?«
Papa kniff die Augen zusammen. Irgendwas stand doch da auf der Straße. War da vielleicht noch ein Auto stecken geblieben?
»Hallo? Ist da wer? Können sie mich hören?«
Papa ging ein paar Meter, bis er überrascht stehen blieb. Mit allem hätte er gerechnet. Damit aber nun wirklich nicht.

Mama sah wieder auf die Uhr. Es wurde immer später. Noch immer konnte sie Papa nicht erreichen. ‚Kein Empfang‘ sagte ihr die Computerstimme im Telefon.
»Wo steckt der denn? Er sollte doch schon längst hier sein. Hoffentlich ist ihm nichts passiert.«
In diesem Moment hörte sie ein Rumpeln vor dem Haus. Sofort sprangen die Kinder von ihren Stühlen auf und liefen zum Fenster. Dort bekamen sie große Augen.
»Mama, komm schnell her!«, rief Max. »Das musst du dir anschauen, sonst wirst du es nie glauben.«
Nun kam auch Mama ans Fenster. Auch wenn sie sah, was dort draußen vor sich ging, wollte sie es nicht glauben.
»Das ist doch nicht möglich.«
Ein Schlüssel wurde in die Haustür gesteckt. Ein paar Sekunden später kam Papa herein. Er war allerdings nicht allein gekommen. Hinter ihm stand ein Überraschungsgast.
»Ich habs geschafft.«, schnaufte Papa glücklich. »Endlich bin ich wieder zu Hause. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schlimm dieser Schneesturm ist. Mein Auto wollte einfach keinen Meter mehr fahren. Zum Glück hat mich der Weihnachtsmann von oben gesehen. Er war so freundlich, mit abzuschleppen. Zum Dank hab ich ihn zum Essen eingeladen.«
Welch eine Überraschung. Der echte Weihnachtsmann. Und vor der Tür stand sein Schlitten und die Rentiere. Einfach unglaublich.
Ich konnte ihren Mann unmöglich da draußen im Schnee stehen lassen. Er irrte schutzlos auf der Straße umher. Wäre ich nicht zufällig vorbei gekommen, hätte er sein Auto niemals wieder gefunden und wäre erfroren.«
Der Weihnachtsmann trat ein, legte seine Mütze, Mantel, Handschuhe und Stiefel ab. Dann ließ er sich von den Kindern ins Wohnzimmer an den Esstisch führen, wo sie gemeinsam einen unvergesslichen Abend verbrachten.

(c) 2016, Marco Wittler

525. Weiße Weihnacht

Weiße Weihnacht

Der Himmel war grau verhangen. Dicke Wolken, egal wohin das Auge sah. Es regnete wie aus Eimern. Und das an Weihnachten. Schon wieder. Jedes Jahr das Gleiche.
Jonas war sauer. Zu Weihnachten gehörte eine dicke Schneedecke. Aber wieder nichts. Es gab immer nur Regen. Was für eine Enttäuschung.
»Soll ich jetzt etwa Konfetti auf den Rasen schmeißen?«

Zur gleichen Zeit saß eine kleine Schneeflocke in ihrer Wolke und sah zur Erde hinab. Sie hörte die vielen Kinder, die traurig waren und sich sich immer wieder beschwerten, dass keine weiße Weihnacht geben würde.
»Oh nein.«, sagte sich die kleine Schneeflocke. »Das darf doch einfach nicht sein. Die Kinder sind alle traurig, nur weil wir Schneeflocken in unseren Wolken sitzen und den Regen an unserer Stelle zur Erde fallen lassen. Daran muss man doch was ändern.«
Sofort rief sie die anderen Schneeflocken zu sich und erzählte ihnen von den traurigen Kindern. Sie hätte aber nicht damit gerechnet, dass ihre Artgenossen sauer sein würden.
»Wir haben auch Weihnachten.«, beschwerten sich die anderen Schneeflocken. »Wir haben uns auch einen freien Tag verdient. Wir werden bestimmt nicht zur Erde schneien. Wir wollen lieber feiern.«
Das war das Einzige, was die kleine Schneeflocke von ihnen zu hören bekam.
Ihr taten trotzdem die vielen Kinder auf der Erde leid.
»Ist mir egal, was ihr sagt. Ich werde jetzt schneien, auch wenn ich das ganz allein mache. Irgendwem kann ich damit ganz bestimmt eine kleine Freude machen.«
Und schon machte sie sich auf den Weg und fiel sanft aus den Wolken.
Nun bekamen die anderen Schneeflocken ein richtig schlechtes Gewissen. Sie seufzten laut und ließen sich schließlich ebenfalls aus den Wolken fallen. In großer Zahl schneiten sie zu Boden.

Ein kräftiger Schneefall färbte ein paar Minuten später die Erde weiß ein und schufen eine dicke Schneedecke. Jonas saß mit großen Augen vor dem Fenster und konnte sich daran gar nicht satt sehen.
»Wahnsinn.«, sagte er immer wieder zu sich. »Es schneit an Weihnachten. Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.«

(c) 2015, Marco Wittler

512. Schlittenfahrt im Sonnenschein (Hallo Oma Fanny 24)

Schlittenfahrt im Sonnenschein

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich schreibe dir heute von einem ganz besonderen Erlebnis.
Gestern Abend saß ich mit Papa vor dem Fernseher. Da liefen die Nachrichten und berichteten aus ganz vielen Ländern. Am Ende kam dann das Wetter. Also eigentlich nicht, denn das geht ja nur draußen. Aber ein Mann stand vor einer Deutschlandkarte und hat uns gezeigt, wie das Wetter werden sollte.
Er kündigte an, dass es von Norden bis Süden, also im ganzen Land, kräftig schneien sollte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich vor Freude gejubelt habe. Ich wollte sofort meinen Schlitten aus dem Keller holen, aber ich durfte nicht. Mama schickte mich ins Bett.
Heute Vormittag, bin ich nach dem Aufstehen sofort an mein Fenster gelaufen. Es war aber keine einzige Schneeflocke zu sehen. Nicht einmal Wolken hatten sich zu uns verirrt. Der Himmel war überall blau und die Sonne schien. Da war ich richtig enttäuscht. Ich wollte doch unbedingt Schlitten fahren.
Ich war zwar traurig, bin dann aber trotzdem in den Keller gegangen, um meinen Schlitten zu holen. Ich habe mich dann in den Garten gesetzt und mit dem blauen Himmel gemeckert, dass er endlich verschwinden und den Schneewolken Platz machen sollte.
Stattdessen stach mir dann die Sonne mit einem Strahl direkt ins Auge.
Da hatte ich plötzlich eine großartige Idee. Ich hab mir meinen Schlitten genommen und bin auf dem Sonnenstrahl nach oben geklettert. Ganz weit oben habe ich mich dann umgedreht und bin mit dem Schlitten zurück in den Garten gefahren. Das war so lustig, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mehr gemacht habe.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2015, Marco Wittler