610. Warten auf den Weihnachtsmann

Warten auf den Weihnachtsmann

Noch nie hatte ihn jemand zu Geischt bekommen. Naja, zumindest hatte ihn noch kein Kind gesehen, denn die Erwachsenen behaupteten immer wieder, dass sie mit ihm in engem Kontakt stehen würden. Der Weihnachtsmann war das letzte, große Geheimnis dieser Welt, das es noch aufzudecken gab. Einer, der sich daran beteiligte, war Paul.
Paul hatte sich mit seinem besten Freund Finn abgesprochen. Gemeinsam wollten sie in der Weihnachtsnacht wach bleiben, um den Weihnachtsmann auf frischer Tag zu ertappen. Sie wollten beide sehen, wie er mit dem Geschenkesack den Kamin herunter kam.
Nachdem Mama und Papa ins Bett gegangen waren, stand Paul wieder auf und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer zurück. Dort machte er es sich mit einer Packung Keksen, einer Flasche Milch und einer dicken Wolldecke gemütlich. Um nicht doch noch einzuschlafen, hatte er sich sein Lieblingsbuch mitgenommen.
Stunde um Stunde verging, aber bisher war der Weihnachtsmann noch nicht aufgetaucht. Auch bei Finn, mit dem er sich per Handys Nachrichten schrieb, hatte sich bisher nichts getan.
Also steckte Paul seine Nase weiter in sein Buch und las weiter. Aber mit jeder Seite wurde er müder. Irgendwann begannen die einzelnen Buchstaben scheinbar vor seinen Augen zu tanzen. Sie hüpften von oben nach unten und von links nach rechts. Sie tauschten ihre Plätze und verwirrten ihren kleinen Leser, wie sie nur konnten.
Irgendwann verdrehte Paul die Augen und rieb sie sich kräftig. Dann gähnte er laut.
„Puh, ist das anstrengend. Ich hätte nicht gedacht, dass Warten so müde machen kann.“
Er aß ein paar Kekse, trank einen großen Schluck Milch und versuchte es weiter mit seinem Buch. Immer wieder sah er verstohlen zum Kamin. Aber dort war niemand zu sehen.
Ein paar Minuten später begannen Pauls Augenlider zu flattern. Er konnte sie kaum noch offen halten und gähnte nun immer öfter. Kurz darauf war er eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wurde er von der Sonne geweckt. Er sah sich schnell um. Unter dem Christbaum lagen Geschenke. Die Kekse, die noch vor ein paar Stunden neben ihm lagen, waren komplett aufgegessen, die Milchflasche war leer.
„Verdammt. Ich hab ihn verpasst.“
Er schrieb eine Nachricht an Finn. Auch sein Freund war irgendwann eingeschlafen und hatte niemanden im Wohnzimmer gesehen.
Verärgert stand Paul auf und wollte in sein Zimmer gehen. Da fiel sein Blick auf einen Brief, der am Abend noch nicht da gewesen war. Er öffnete den Umschlag, holte einen Zettel hervor und las, was darauf geschrieben stand.

Lieber Paul.
Vielen Dank, dass du versucht hast, auf mich zu warten. Es ist nicht schlimm, dass du dabei eingeschlafen bist. Ich bin nachts auch immer müde. Aber vielleicht sehen wir uns ja im nächsten Jahr.
Dein Weihnachtsmann

Paul staunte. Es gab den Weihnachtsmann tatsächlich. Dieser Brief war der Beweis. Oder vielleicht doch nicht? Er wusste es einfach nicht. Deswegen nahm er sich jetzt schon vor, im nächsten Jahr einen neuen Versuch zu starten.

Zur gleichen Zeit landete der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten am Nordpol. Bevor er ausstieg, bedankte er sich noch bei seinem guten Freund, dem Sandmännchen.
„Vielen Dank, mein Freund.“, sagte er schmunzeld. Wenn du nicht helfen würdest, hätte mich schon längst ein Kind entdeckt. Aber mit deinem Sand bekommst du sie alle zum Schlafen.“

(c) 2017, Marco Wittler

608. Einsame Weihnachten

Einsame Weihnachten

Felix konnte es kaum noch aushalten. Die Anspannung in ihm war riesig groß und würde bestimmt bald aus ihm raus platzen.
„Wann fahren wir denn endlich?“, drängelte er immer wieder.
„Gleich.“, beruhigte ihn Mama. „Papa packt nur noch die letzten Taschen ins Auto. Du kannst dir ja schon deine Jacke anziehen und die Mütze aufsetzen.“
„Juhuu!“, jubelte Felix. „Endlich geht es los. Endlich kann ich Oma wiedersehen.“
Und insgeheim dachte er auch schon an die Bescherung am Abend. Er freute sich riesig auf seine Weihnachtsgeschenke. Was er wohl dieses Jahr alles bekommen würde?
Zehn Minuten später saß die ganze Familie im Auto und fuhr los. Es ging durch die kleine Wohnsiedlung, bis sie an einem kleinen Café auf die Hauptstraße einbogen.
„Da ist ja noch Licht an. Ich dachte, an Weihnachten haben alle Geschäfte geschlossen und die Besitzer feiern auch mit ihren Familien.“
„Im Normalfall ist das auch so. Aber der alte Gerd sitzt jedes Jahr allein in seinem Café. Er deckt die Tische ein, kocht Kaffee, backt Kuchen und wartet auf Gäste. Das war schon immer so.“
Ganz alleine Weihnachten feiern? Das gefiel Felix überhaupt nicht.
„Kann man denn da gar nichts machen? Können wir den Gerd nicht mal zu Weihnachten einladen? Der ist immer so nett zu uns, wenn wir bei ihm Kuchen essen.“
Papa seufzte.
„Diese Idee hatte ich auch schon ein paar Mal. Ich habe den alten Gerd schön öfter eingeladen. Aber bis jetzt hat er immer abgelehnt. Er sagte, dass er nicht allein wäre und sich in seinem Café wohl fühlen würde.“
Sie fuhren weiter. Oma wartete bestimmt schon. Aber irgendwie war die Weihnachtsfreude nicht mehr ganz so groß, wie vorher.
„Können wir es nicht noch einmal versuchen? Vielleicht mag der Gerd dieses Jahr doch mal mit uns feiern.“
Papa nickte. „Na gut. Einmal versuchen wir es noch.“
Er drehte am nächsten Kreisverkehr und fuhr zurück zum Café. Dann parkte er sein Auto davor und alle stiegen aus. Gemeinsam betraten sie die warme Stube, in der es bereits lecker nach Kaffee und Kuchen duftete.
„Guten Abend, Gerd. Wir wünschen dir frohe Weihnachten.“, sagte Papa.
Der alte Gerd lächelte.
„Frohe Weihnachten. Was kann ich für euch tun?“
„Ähm … ja … also …“
Papa stotterte etwas herum, bevor er mit der Sprache raus kam.
„Du kennst das ja. Weihnachten ist das Fest der Liebe, Freundschaft, des Beisammenseins. Und an Tagen wie diesen sollte niemand allein sein. Deswegen wollte ich wieder mal fragen, ob du Weihnachten nicht mit uns zusammen verbringen möchtest.“
Gerd lächelte noch immer.
„Vielen Dank für euer Angebot. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber mir geht es eigentlich ganz gut. Und ich werde auch nicht so ganz allein sein. Ich bekomme bestimmt bald Gäste. Sie sind schon auf dem Weg zu mir. Ich Kuchen gebacken, Kaffee gekocht und die Tische sind auch fertig eingedeckt. Es wird bestimmt ein schöner, besinnlicher und fröhlicher Abend. Nehmt es mir also bitte nicht übel, wenn ich auch dieses Jahr euer Angebot ablehne.“
Papa wollte es noch ein zweites Mal versuchen, Gerd zu überreden, aber dieser winkte sofort ab.
„Ihr müsst euch wirklich keine Sorgen um mich machen. Es ist alles in bester Ordnung. Und nun macht euch wieder auf den Weg. Ihr wollt doch nicht zu spät kommen. Außerdem werden meine eigenen Gäste bald da sein.“
In diesem Moment waren bereits laute Geräusche von draußen zu hören. Was er genau hörte, konnte Felix gar nicht sagen. Es klang wie das Geklapper von Hufen auf Asphalt, wie das Klingen von kleinen Glöckchen, Gelächter und anderen Dingen.
Nun war es der alte Gerd, der seufzte. „Ach je. Sie sind zu früh dran. Der Chef ist wohl eher fertig geworden. Er wird bestimmt nicht begeistert sein, wenn hier noch andere Gäste im Café sind. Sobald er seine Arbeit erledigt hat, ist er froh, Ruhe zu haben.“
Die Tür öffnete sich und eine große Schar Leute stürmte herein. Es waren aber keine üblichen Gäste. Keiner von ihnen schien ein Mensch zu sein. Sie waren nicht größer als Felix, trugen Anzüge in rot und grün und hatten spitze Ohren.
„Weihnachtselfen!“, entfuhr es Felix überrascht. „Es gibt sie wirklich.“
Er dachte hitzig nach. „Aber das bedeutet dann auch, dass es auch ihn gibt, den …“
Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht. Denn dann stand er auch bereits in voller Größe und Breite in der Tür.
„… Weihnachtsmann.“, beendete der alte Gerd den Gedanken und begrüßte damit seinen berühmten Gast.
„Ich freue mich, dass du es geschafft hast. Setz dich doch. Dein Kaffee kommt gleich.“
Er versuchte, den Blick des Weihnachtsmanns auf die unerwarteten Gäste zu verdecken. Doch das gelang ihm nicht.
„Wen haben wir denn da?“, rief der Weihnachtsmann erfreut. Er baute sich vor Felix auf, hängte seine Daumen in seinem breiten Gürtel ein und betrachtete den Jungen von oben bis unten.
„Felix Schmidt. Kenn ich doch. Bist ein braver Junge dieses Jahr gewesen. Schön, dich und deine Familie mal persönlich zu treffen.“
Er schüttelte jedem die Hand.
„Hey Gerd. Warum hast du nicht gesagt, dass du noch mehr Gäste eingeladen hast? Dann hätte ich die Geschenke gleich mitgebracht. Und wo ist die Oma von Felix? Die fehlt doch noch in unserer Runde. Sie backt immer so leckere Kekse für mich. Holt sie her!“
Papa nickte sofort, holte seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und stürmte dann nach draußen zu seinem Wagen. Dann gab er Gas und fuhr schnell los, um Oma zu holen.
Den restlichen Abend verbrachten sie alle gemeinsam in Gerds Café und hatten so viel Spaß wie nie zuvor an Weihnachten.

(c) 2017, Marco Wittler

605. Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten (Ninos Schneckengeschichten 12)

Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten

Nino sah auf den Kalender und lächelte. „Schau mal, Wuschel. Morgen ist endlich Weihnachten.“
Er sah aus dem Fenster, sah eine Weile den tanzenden Schneeflockenin der Dunkelheit des Abends zu und kam schließlich zu einer Idee.
„Ich glaube, ich werde dieses Jahr beide Häuser schmücken.“
Beide Häuser, fragst du dich jetzt vielleicht. Ja, du hast richtig gelesen. Nino besaß zwei Häuser. Eines, in dem er lebte und eines, in das er sich bei Gefahr zurückziehen konnte.
Auch wenn das seltsam klingt, für Nino war das völlig normal. Denn Nino war eine Schnecke.
„Ich hänge eine lange Lichterkette ans Haus und mein Schneckenhaus bekommt ein paar Glöckchen und bunte Kugeln. Das sieht bestimmt richtig schön und weihnachtlich aus.“
Er sah zu Wuschel, der aufgeregt neben ihm stand und mit seinem Schwanz wedelte.
„Ist schon gut.“, sagte Nino. „Du warst dieses Jahr ein ganz besonders artiger Hund. Ich werde auch deine Hütte schmücken.“
Wuschel wuffte in freudiger Erwartung.
„Deine Weihnachtssocke hänge ich natürlich auch auf. Vielleicht steckt dir der Weihnachtsmann etwas hinein.“
Die beiden verbrachten den ganzen Abend damit, den Weihnachtsschmuck aus dem Keller zu holen und überall aufzuhängen. Kurz bevor sie fertig waren, hörten sie ein lautes Poltern auf dem Dach.
„Oh je!“, rief Nino entsetzt.
„Das ist bestimmt der Weihnachtsmann. Wenn wir nicht artig in unseren Betten liegen, wird er uns unsere Geschenke nicht herein bringen. Dann gehen wir dieses Jahr leer aus.“
So schnell wie es einer Schnecke möglich war, packte Nino seinen Wuschel und verzog sich mit ihm in sein Schneckenhaus. Dort stellten sie sich schlafen und gaben keinen Mucks von sich.
Es polterte weiter auf dem Dach, aber niemand kam durch den Kamin ins Wohnzimmer geklettert.
„Da stimmt etwas nicht.“, wunderte sich Nino. Hoffentlich ist der Weihnachtsmann nicht im Kamin stedken geblieben. Wir sollten lieber mal nach dem Rechten sehen.“
Er kam aus seinem Schneckenhaus hervor, setzte Wuschel auf dem Teppich ab und warf vorsichtig einen Blick in den Kamin.
„Nein, da ist niemand. Vielleicht steht er nich auf dem Dach und findet in seinem riesigen Sack unsere Geschenke nicht.“
Nino überlegte, ob er nach draußen gehen und nachschauen sollte, als es vor der Tür laut krachte.
„Du meine Güte. Was war denn das?“
Sofort lieben Schnecke und Hund zur Haustür, öffneten sich und sahen nach Draußen. Im Garten lag ein großer, roter Schlitten – der Schlitten des Weihnachtsmanns. Zumindest lag dort, was von ihm übrig geblieben war.
„Verflixt und zugenäht. Wie konnte das nur passieren? Was soll ich denn jetzt machen?“, war eine Stimme auf dem Dach zu hören.
Nino blickte auf und entdeckte dort oben den Weihnachtsmann.
„Weihnachtsmann, was ist passiert? Brauchst du Hilfe?“
Der Weihnachtsmann seufzte verzweifelt.
„Da kann mir wohl niemand mehr helfen. Mein Schlitten ist kaputt und ich muss noch eine Menge Geschenke verteilen. Das restliche Weihnachten muss wohl ausfallen. Hätte ich doch bloß den letzten TÜV Termin nicht vergessen. Und meine Rentiere haben sich so sehr bei dem Krach erschrocken, dass sie auf und davon sind.“
Ninos Gedanken rasten. Ein Weihnachtsfest ohne Geschenke war kein Weihnachtsfest. Er musste etwas unternehmen.
„Ich werde dir helfen. In meinem Schneckenhaus ist genug Platz für alle Geschenke. Ich diene dir als Ersatzschlitten.“
Der Weihnachtsmann lächelte verlegen.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten, mein hilfreicher Freund, aber du bist nur eine Schnecke. Ich glaube nicht, dass du schnell genug bist, damit ich alle Geschenke rechtzeitig verteilen kann.“
Nino grinste.
„Los Wuschel. Hol es!“
Wuschel kläffte kurz. Dann lief er ins Haus zurück und kam nur wenige Sekunden später mit seiner Leine und einem Skateboard zurück.
„Wegen meines Schneckentempos bin ich vor ein paar Jahren am Weihnachtsabend im Schnee stecken geblieben. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt, der mit schnell wie der Wind durch die Straßen der Stadt ziehen kann.“
Der Weihnachtsmann kratzte sich durch seinen dichten Bart am Kinn und dachte dabei nach.
„In Ordnung. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“
Er wuchtete den großen Sack aus den Überresten seines Schlittens und verstaute ihn in Ninos Schneckenhaus. Dann setzte er sich darauf und gab seinem neuen Helfer das Startkommando. Dieses leitete Ninos sofort an seinen felligen Freund weiter.
„Los Wuschel. Gib Gas! Wir haben eine große Menge Geschenke zu verteilen. Lauf wie der Wind!“
Wuschel setzte sich in Bewegung und zog das Skateboard mit der Schnecke hinter sich her. Freudig kläffend flitzte er so von Haus zu Haus.
Die ganze Nacht ging durch die Straßen. Der Geschenkesack wurde immer leerer. Erst mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, waren sie fertig und standen wieder vor Ninos Haus. Allerdings befanden sich im Sack noch immer zwei Geschenke.
„Für wen sind denn diese beiden Pakete?“, wollte Nino wissen. „Wir haben alle Häuser hinter uns. Wir sind fertig.
Der Weihnachtsmann grinste.
„Diese beiden Geschenke sind für meine neuen Helfer Nino und Wuschel.“
Während sie ins Haus gingen, um noch gemütlich einen heißen Tee zu trinken, übergab der Weihnachtsmann seinen kleinen Freunden ihre Pakete.

(c) 2017, Marco Wittler

604. Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier stand auf dem großen Weihnachtsplatz am Nordpol zwischen vielen anderen großen und kleinen Rentieren und Weihnachtswichteln. Gemeinsam warteten sie darauf, dass der berühmte Rudolf mit seiner Rentiergruppe den Schlitten anzog und dem Weihnachtsmann half, die vielen Geschenke an die artigen Kinder der Welt zu verteilen.
Und da kam er auch schon aus seinem Haus: Der Weihnachtsmann war bereit. Überall auf dem großen Platz wurde gejubelt und applaudiert.
Der Weihnachtsmann winkte noch einmal in die Runde. Dann stieg er ein, nahm die Zügel des Schlittens in die Hände und gab das Startsignal. Schon ging es los. Rudolf zog als erster. Dann taten es ihm die anderen Rentiere gleich.
Das kleine Rentier sah begeistert zu, wie der große Schlitten kleiner und kleiner wurde, bis er schließlich in der Dunkelheit der Weihnachtsnacht verschwand.
Während sich die meisten Wichtel und Rentiere auf den Weg nach Hause machten, blieb es selbst noch eine ganze Weile stehen und blickte in den Himmel hinauf.
»Wie gerne würde ich auch mal eines Tages den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Lüfte ziehen. Am Liebsten würde ich dann ganz vor sein und wie Rudolf die Richtung bestimmen.«
Ein paar größere Rentiere blieben stehen und blickten das kleine Rentier an. Nach ein paar Sekunden begannen sie zu lachen und hielten sich die Bäuche.
»Du willst den Schlitten ziehen? Du willst den Platz von Rudolf einnehmen? Ein kleiner Zwerg, wie du einer bist, taugt dafür nicht. Träum lieber von Dingen, die dir mehr liegen. Du kannst Rudolf die Hufe putzen. Mehr aber auch nicht.«
Dann gingen sie weiter und lachten immer wieder so laut sie konnten.
Das kleine Rentier wurde traurig. Trotzdem wollte es seinen Traum nicht aufgeben. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als den Schlitten zu ziehen?

Am nächsten Tag waren der Weihnachtsmann, Rudolf und die anderen Rentiere wieder zurück am Nordpol. Der Schlitten wurde in einer Garage untergebracht, die Rentiere machten es sich in ihren Ställen gemütlich und der Weihnachtsmann begann bereits mit den Planungen für das nächste Jahr. Die Wichtel gingen in ihre Werkstatt und fertigten bereits die neuen Geschenke an. So würde es nun die nächsten zwölf Monate weiter gehen.
Das kleine Rentier träumte in dieser Zeit weiter davon, eines Tages den Schlitten zu ziehen. Also sammelte es ein paar seiner Freunde, um für das Weihnachtsfest zu trainieren. Sie holten den alten, viel zu kleinen Schlitten hervor, der seit Jahrhunderten nicht mehr vom Weihnachtsmann benutzt worden war und trainierten damit immer wieder.

Die Monate vergingen. Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Dann kam der Herbst und schließlich der nächste Winter. Für den Nordpol machte das allerdings keinen Unterschied, da dort das ganze Jahr über Schnee lag.
Schließlich wurde es Weihnachten. Der große Schlitten stand wieder auf dem Weihnachtsplatz bereit, die Rentiere, ganz vorne der berühmte Rudolf mit der roten Nase, hatten das Zaumzeug angelegt. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann. Auf ihn warteten, wie in jedem Jahr, die Rentiere und die Wichtel, um ihm bei seinem Abflug zuzujubeln.
Und dann war es auch schon so weit. Die Tür zum Haus des Weihnachtsmanns öffnete sich. Der Weihnachtsmann höchstpersönlich kam heraus und winkte in die Runde. Langsam ging er auf seinen Schlitten zu.
Er wollte gerade einsteigen, als er eine Stimme hörte, die ihn rief. Er sah sich um, denn es war noch nie geschehen, dass ein Einzelner in diesem Moment auf sich aufmerksam machte.
»Wer ruft nach mir?«, wollte der Weihnachtsmann wissen. Er legte seine Hand an die Stirn und sah über den gesamten Platz hinweg.
Ganz weit hinten, ganz am Rand entdeckte er seinen alten Schlitten. Davor stand eine Gruppe kleiner Rentiere, die Zaumzeug angelegt hatte und ebenfalls darauf wartete, dass der Weihnachtsmann zu ihnen kam.
»Guck mal einer an. Was ist denn das?«
Der Weihnachtsmann war amüsiert. »Da stehen meine lieben, kleinen Rentiere und wollen mir helfen. Das ist ja mal eine tolle Überraschung.«
Nun drehten sich auch die anderen Rentiere und Wichtel um. Sie waren allerdings weniger amüsiert. Die meisten von ihnen sahen ganz schön grimmig aus. Ein paar von ihnen sagten sogar ganz schlimme Dinge.
»Verzieht euch in euren Kindergarten. Ihr habt hier nichts zu suchen mit eurem mickrigen Schlitten. Damit könnt ihr niemals den Weihnachtsmann und seinen Schlitten um die Welt ziehen. Ihr seid unglaublich lächerlich. Und ein echter Rudolf fehlt euch auch. Keiner von euch hat eine rote Nase.«
Das kleine Rentier ließ sich davon nicht entmutigen. Stattdessen grinste es. Dann zog es eine rote Clownsnase hervor und steckte diese auf seine eigene.
Der Weihnachtsmann hielt sich den Bauch und lachte vor Vergnügen.
»Schau dir das an, Rudolf. Du bekommst tatsächlich Konkurrenz.«
Auch Rudolf konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Idee der kleinen Rentiere war nicht nur lustig, sondern auch genial.
»Hey Boss.«, rief Rudolf. »Was hältst du davon wenn meine Jungs und ich in diesem Jahr einfach mal Urlaub machen? Wir hatten noch nie an Weihnachten frei. Ich bin mir sicher, dass unsere Kleinen den Job hervorragend erledigen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, der kleine Schlitten hat früher auch gereicht, um deinen Geschenkesack zu transportieren.«
Der Weihnachtsmann kratzte sich an seinem haarigen Kinn und dachte nach. Er schmunzelte und nickte schließlich.
»Du hast Recht. Lassen wir es einfach auf einen Versuch ankommen.«
Er ging auf den kleinen Schlitten zu und amüsierte sich über die erstaunten Gesichter der anderen Rentiere und Wichtel. Damit hatten sie alle nicht gerechnet.
»Ladet den Sack um und spannt meine Rentiere ab. Beeilt euch, Weihnachtswichtel. Ich habe einen engen Terminplan.«
Dann stieg er auf seinen alten Schlitten und zwinkerte dem kleinen Rentier grinsend zu.
»Dann zeig mir mal, kleiner Rudolf, was du und deine Freunde drauf haben.«
Das kleine Rentier war unglaublich stolz und freute sich sehr auf die kommende Weihnachtsnacht. Schon wenige Minuten später ging es los. Die kleinen Rentiere zogen den Schlitten in die Dunkelheit und waren nur Augenblicke später nicht mehr zu sehen.

(c) 2017, Marco Wittler

603. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Frederick, die kleine Maus, kam aus seinem Mauseloch gekrochen. Der tägliche Hunger führte ihn auf direktem Weg zum Kühlschrank, den er mittlerweile schon sehr gut ohne Hilfe öffnen konnte. Den Menschen, die im Haus lebten, bemerkten nicht einmal, dass noch jemand bei ihnen lebte und sich hier und da etwas stibitzte.
Auf seinem Weg in die Küche musste er das große Wohnzimmer durchqueren. Glücklicherweise lagen die Menschen und auch der große Hund mit den scharfen Zähnen in ihren Betten und schliefen tief und fest.
Schon direkt hinter der Tür blieb Frederick stehen und sah sich verwirrt um. Es hatte sich etwas verändert. Der ganze Raum war mit bunten Lichtern geschmückt. In einer Ecke des stand eine riesige Tanne, die mit farbigen Kugeln, silbernen Fäden und elektrischen Kerzen geschmückt war.
»Was ist denn hier los?«, fragte sich Frederick. »So etwas habe ich hier noch nie gesehen.«
Er sah sich vorsichtig um und entdeckte schließlich auf einem Paket die Aufschrift ‚Frohe Weihnachten‘.
»Weihnachten? Kenne ich nicht. Was mag das wohl sein?«
Die kleine Maus versuchte, so viel wie möglich über dieses Weihnachten heraus zu bekommen. Fündig wurde sie irgendwann in einem Kinderbuch, das auf dem Sofa lag.
In dem Buch war von einem dicken Mann in einem roten Mantel die Rede. Es war der Weihnachtsmann, der jedes Jahr die artigen Kinder mit Geschenken belohnte und die bösen Kinder bestrafte.
»Das ist ja toll. Ich frage mich nur, warum der Weihnachtsmann nicht auch die kleinen Mäuse beschenkt. Ich kenne nämlich keine einzige Maus, die nicht artig ist.«
Frederick setzte sich auf das Sofa, knabberte einen Keks und blätterte immer wieder die Seiten des Buches durch, bis ihm eine Idee in den Sinn kam.
»Vielleicht ist der Weihnachtsmann zu sehr mit den Menschenkindern beschäftigt, weil es so viele von ihnen gibt. Er braucht Hilfe von einer Weihnachtsmaus.«
Frederick grinste über das ganze Gesicht. Dann sprang er vom Sofa und lief zurück in sein Mauseloch. Sofort machte er sich an die Arbeit, Geschenke für alle Mäusekinder zu basteln, die er kannte. Jeden einzelnen Tag bis zum Weihnachtsfest arbeitete er daran, sie alle am Weihnachtsabend glücklich zu machen.

Irgendwann war es dann so weit. Auf dem Kalender im Flur der Menschen stand es in großen Buchstaben geschrieben: Weihnachten.
Heute Nacht würde der Weihnachtsmann in dieses Haus kommen – wenn alles aus dem Buch der Wahrheit entsprach.
Frederick packte die vielen Geschenke in einen großen Sack und kleidete sich in einen weiten, roten Mantel und zog sich eine passende Mütze auf den Kopf. Dann wartete er am Eingang seines Mauselochs – und wartete und wartete. Irgendwann wurde er müde, so müde, dass ihm die Augen schwer wurden und er einschlief.
Tief in der Nacht schreckte Frederick dann hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es war aus dem Wohnzimmer gekommen. Schnell lief er hinüber und spähte in den Raum. Dort tat sich etwas. Irgendwer kam gerade in diesem Moment aus dem Kamin geklettert. Ein Mann richtete sich auf und sah sich um. Da er niemanden sehen konnte, zog er einen großen Sack aus dem Kamin.
»Das ist er.«, flüsterte Frederick begeistert zu sich selbst. »Es gibt ihn wirklich. Das ist der Weihnachtsmann.«
Sofort eilte er in das Wohnzimmer. Vor Freude klatschte er in seine kleinen Pfoten und tanzte wie wild um sich selbst.
»Juhuu! Ich habe dich gefunden, Weihnachtsmann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue.«
Der Weihnachtsmann erschrak. Sofort sah er sich in alle Richtungen um, konnte aber niemanden entdecken.
»Hm? Spielt mir da jemand einen üblen Streich?«
Er sah sich ein zweites Mal um.
»Los, komm aus deinem Versteck, wo auch immer du bist.«
Frederick kicherte.
»Weihnachtsmann, ich bin hier unten, direkt vor deinen großen Stiefeln.«
Der Weihnachtsmann rückte seine Brille zurecht und blickte nach unten.
»Huch, was ist denn das? Eine kleine Maus in einem Weihnachtsmantel. Bist du eine Weihnachtsmaus?«
Frederick nickte stolz.
»Ich bin so begeistert von deiner Aufgabe, dass ich mir gedacht habe, die vielen artigen Mäusekinder müssten auch beschenkt werden. Und wenn das jemand übernehmen kann, dann die Weihnachtsmaus.«
Frederick machte eine kleine Pause und wurde rot im Gesicht.
»Ich schaffe das allerdings nicht allein. Ich brauche dazu deine Hilfe. Mit meinen kleinen Beinchen komme ich in einer Nacht nicht sehr weit.«
Der Weihnachtsmann grinste. »Kein Problem ist unlösbar. Ich werde dir gerne helfen. Auf meinem Schlitten finden wir bestimmt noch einen Platz für dich und deinen Geschenkesack.«
Dann griff er vorsichtig nach Frederick und seinem Sack und stopfte beide in eine seiner Manteltaschen. Gemeinsam kletterten sich dann den Kamin hinauf und machten sich auf den Weg, die artigen Menschenkinder und die artigen Mäusekinder zu beschenken.

(c) 2017, Marco Wittler

582. Nik und Nele jagen die Raumsonde (Nik und Nele 07)

Nik und Nele jagen die Raumsonde

Die Zwillinge Nik und Nele saßen nach dem Abendessen gemeinsam mit Papa vor dem Fernseher und sahen sich die Nachrichten an. Immer wieder wurde von Politikern berichtet, die mehr Macht haben wollten, von Ländern, in denen das Geld knapp wurde, von Kriegen und Streitigkeiten.
»Gibt es denn gar keine guten Nachrichten?« beschwerte sich schließlich Nele. »Müssen die jeden Tag über schlimme Sachen berichten?«
In diesem Moment erschien ein unscheinbarer, grauer Felsbrocken neben dem Nachrichtensprecher. Zuerst schenkten ihm die Kinder keine Aufmerksamkeit. Doch dann wurden sie hellhörig.
»… nähert sich nach über sieben Jahren Flug die Raumsonde Dawn dem Zwergplaneten Ceres, der sich im Asteroidengürtel hinter der Umlaufbahn des Mars befindet. Unter anderem soll sie die Oberfläche des Himmelskörpers fotografieren und kartografieren. Die Wissenschaftler erhoffen sich unter anderem, mehr über die Zusammensetzung von Ceres herauszufinden. Dabei sollen auch hochauflösende Bilder von einem besonders hellen Fleck gemacht werden, für dessen Existenz es bis heute keine Erklärungen gibt.«
Nik und Nele sahen sich an und bekamen große Augen. »Wir gehen jetzt ins Bett.« sagten sie gemeinsam wie aus einem Munde und flitzten hinauf ins Kinderzimmer.
»Nanu, was ist denn mit den Beiden los?« wunderte sich Papa. »Die gehen doch sonst nicht freiwillig schlafen.«
Er zuckte nur mit den Schultern und machte es sich in den Polstern des Sofas gemütlich.
Im Kinderzimmer waren die Zwillinge ganz aufgeregt und sprangen gemeinsam auf die untere Matratze des Etagenbettes.
»Was macht denn die NASA da oben? Die haben auf Ceres nichts zu suchen. Die machen noch alles kaputt.« regte sich Nele auf.
»Wir müssen ganz schnell etwas unternehmen.« entschied Nik und suchte im Bett nach einem Gegenstand. »Wo ist er denn?«
»Langsam solltest du wissen, wo er sich befindet.«
Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

»Wir müssen unbedingt vor der Raumsonde da sein. Wer weiß, was geschieht, wenn sie ihn dort oben entdecken. Das darf auf keinen Fall passieren.«
Das fliegende raste mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die weite Leere des Alls. Es dauerte nicht lange, bis sie am Mars vorbei flogen und in dann hinter sich ließen. Kurz darauf kam der Asteroidengürtel in Sicht.
»Wir müssen jetzt gut aufpassen.« erklärte Nele, die wieder einmal ihre Nase in das dicke Weltraumbuch gesteckt hatte.
»Hier fliegen über kleinere und größere Felsbrocken herum. Wir dürfen uns keinen Zusammenstoß erlauben.«
Der Flug wurde unruhiger. Das Bett raste mal zur einen, mal zur anderen Seite, nach oben, nach unten, vor und zurück. Ein paar Mal war es sehr knapp geworden, aber schließlich kam ein  Zwergplanet in Sicht, der schnell größer wurde.
»Da vorne ist Ceres. Wir sind gleich da und werden landen. Wir müssen nur auf die Raumsonde achten. Es sollte uns niemand sehen. Das gibt nur Probleme.«
Die Sonde hatten sie schnell gefunden. Sie hielt direkten Kurs auf den Zwergplaneten.
»Soll ich ausweichen? Aber irgendwo müssen wir auch landen. Ich weiß es einfach nicht.« Nele wusste sich keinen Rat.
»Flieg ganz knapp dran vorbei. Ich hab da eine Idee. Du musst nur die Luft anhalten.«
Sie kamen der Sonde näher. Es fehlten nur noch wenige Meter.
»Jetzt!« rief Nik und drückte auf den roten Knopf. Eines der Schutzfenster am Bett öffnete sich und die Luft verschwand ins All.
Unterdessen schnappte sich Nik die Decke und warf sie über die Sonde. Dann schloss er das Fenster wieder.
»Jetzt kann sie nichts mehr sehen.« jubelte er. »Jetzt können wir landen.«
Das Etagenbett landete nur kurz darauf nur wenige Meter neben dem hellen Punkt, der in Wirklichkeit gar nicht so hell war. Viel mehr spiegelte er das Sonnenlicht wieder.
»Da vorn ist es.«
Die Kinder liefen auf ein großes, aus Schnee und Eis gebautes Haus zu. Es hätte eigentlich ein Iglu sein können, aber dafür hatte es die falsche Form und war dafür auch viel zu groß.
Sie klopften und warteten darauf, dass ihnen die Tür geöffnet wurde.
»Nanu? Wer stört mich denn da im Urlaub?« war eine tiefe Männerstimme zu hören. Dann öffnete sich die Tür und ein weißbärtiges Gesicht zeigte sich.
»Das ist ja ein Ding.« freute sich der Mann. »Das sind ja Nik und Nele. Was macht ihr denn hier? Ihr habt mich ja schon lange nicht mehr besucht.«
»Wir kommen leider nicht ohne Grund, Weihnachtsmann. Es gibt da ein Problem.«
Die Kinder erklärten alles, was sie in den Nachrichten gehört und auf dem Weg hierher gesehen hatten.
»Wenn diese Sonde dich hier findet und von dir Fotos macht, dann werden die Wissenschaftler ganz schön überrascht sein. Sie werden dich dann bestimmt noch genauer unter die Lupe nehmen, bis sie wissen, wer hier lebt.«
Der Weihnachtsmann war entsetzt. »Das darf auf keinen Fall passieren. Das hier ist doch mein neuer, geheimer Urlaubsort. Wohin soll ich mich denn sonst zurück ziehen? Der Klimawandel hat mir schon das Wohnen am Nordpol schwer gemacht. Das Eis wird dort immer dünner. In ein paar Jahren taut dort im Sommer alles weg und mein Haus wird im Meer versinken. Ich brauche dieses Versteck hier. Was soll ich denn jetzt machen? Ich war so froh, dass ihr mir diesen Ort letztes Jahr gezeigt habt.«
Doch darauf wussten die drei keine Antwort. Deswegen zogen sie sich in das Wohnzimmer zurück und hielten Kriegsrat bei einer heißen Tasse Kakao.

Ein paar Stunden später standen sie wieder vor dem Schneehaus und hatten breite Grinsegesichter. Die Sonde war inzwischen noch ein ganzes Stück näher gekommen. Die Decke hing nur noch an einer Ecke vor der Kamera. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie herunter fallen würde.
»Gleich ist es so weit.« sagte Nik. »Seit ihr alle bereit?«
Die anderen nickten.
Da fiel die Decke auch schon ab und segelte langsam zu Boden.
»Jetzt alle freundlich lächeln und winken.«
Dann rollte Nik ein selbst gemaltes Plakat auseinander. Darauf stand in großen Buchstaben: ‚Der Weihnachtsmann wünscht frohe Weihnachten und ein frohes neues Jahr. Und immer schön brav sein, denn sonst gibt es keine Geschenke. Das gilt auf für die NASA.‘
»Ich hoffe, dass das funktionieren wird.« sagte der Weihnachtsmann und verabschiedete sich von den Zwilligen, die nun wieder in ihr Bett stiegen und nach Hause flogen.

Einen Abend später saßen Nik und Nele wieder mit Papa vor dem Fernseher und sahen sich die Nachrichten an.
»… erklärte nun die NASA die Mission der Sonde Dawn für gescheiert. Über das, was genau geschehen ist, sind sich die Wissenschaftler und Techniker noch uneinig. Aber offensichtlich hat sich jemand in das Steuerungssystem der Sonde gehackt. Statt echte Fotos der Planetenoberfläche zur Erde zu senden, empfing die amerikanische Raumfahrtbehörde Fotomontagen, die zwei Kinder und den Weihnachtsmann mit Grüßen an die NASA zeigen. Da nun auch dem zukünftigen Datenmaterial nicht mehr uneingeschränkt geglaubt werden kann, hat man sich nun dazu entschlossen, die Sonde abzuschalten. Sie wird in den nächsten Tagen auf den Zwergplaneten Ceres abstürzen.«
Nik und Nele grinsten sich an. Sie wussten ganz genau, was da oben im Weltall passiert war. Aber sie würden es niemals jemandem verraten.

(c) 2015, Marco Wittler

570. Weihnachten im Leuchtturm

Weihnachten im Leuchtturm

Mitten im Meer stand ein uralter Leuchtturm. Seine Aufgabe war es, alle Schiffe in der Umgebung vor einem Felsen zu warnen, auf dem er einst zu diesem Zweck gebaut worden war.
Und nun, zur Weihnachtszeit, hatte man das Gefühl, dass sein weisendes Licht noch wärmer, noch festlicher leuchtete.
Trotzdem wollte im Innern des Leuchtturms keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Das lag zum Einen daran, dass auf dem Meerwasser keine einzige Schneeflocke liegen bleiben wollte. Sie schmolzen sofort und verschwanden in den Fluten. Zum Anderen lag es aber auch daran, dass der Leuchtturmwärter ganz allein in seiner kleinen Wohnküche saß. Niemand leistete ihm Gesellschaft, niemand kam mal kurz auf einen Kaffee vorbei und hielt ein Schwätzchen mit ihm.
Der Leuchtturmwärter war nicht etwa unbeliebt. Im Gegenteil. Er besaß sehr viele Freunde und Verwandte. Aber eine Fahrt vom Festland bis zum Leuchtturm dauerte einen halben Tag. Viel zu lang für einen kurzen Besuch. Deswegen kam auch nie jemand vorbei. Erst in einem Monat, lange nach Weihnachten, würde das nächste Schiff einen anderen Leuchtturmwärter zur Ablösung vorbei bringen und den Jetzigen nach Hause fahren. Bis dahin würde aber noch sehr viel Langeweile im Leuchtturm herrschen.
Am Weihnachtsabend jedoch, war die Einsamkeit am Größten, denn dann saßen die Familien mit Großeltern, Eltern, Onkeln, Tanten und vielen Kindern um den Weihnachtsbaum herum und sangen besinnliche Lieder. Später würden sie alle im Bett liegen und gespannt darauf warten, dass der Weihnachtsmann durch den Kamin klettern würde, um Geschenke unter den Baum zu legen. Das alles vermisste der einsame Leuchturmwärter und wünschte sich, am heutigen Abend irgendwo, in irgendeinem Wohnzimmer, bei irgendeiner freundlichen Familie sitzen und Weihnachten feiern zu können.
Stattdessen saß er allein an seinem Esstisch, hatte eine einzelne, brennende Kerze vor sich stehen und starrte hinaus in die dunkle Nacht, in der sich hohe Sturmwellen am Felsen brachen.
»Ist das trostlos.«, seufzte der Leuchtturmwärter. »Die ganze Welt feiert heute Abend Weihnachten. Nur ich sitze hier einsam und allein und muss darauf aufpassen, dass das Leuchtfeuer nicht erlischt. Wenn mir wenigstens jemand Gesellschaft leisten würde. Aber bei diesem Schietwetter wird sich niemand auf die lange Fahrt hierher machen. Wahrscheinlich denkt heute nicht einmal jemand an mich.«
Er seufzte noch einmal laut, nahm einen großen Schluck heißen Kakao aus seiner noch größeren Tasse und blickte wieder hinaus auf das Meer und die Wellen.
Sehr spät in der Nacht, die Kerze auf dem Tisch war mittlerweile abgebrannt, schreckte der Leuchtturmwärter aus einem unruhigen Schlaf hoch. Müde rieb er sich seine Augen und gähnte herzhaft. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass es bereits drei Uhr war.
«Oh je.«, stöhnte er auf. »Jetzt bin ich wieder einmal am Tisch eingeschlafen.«
Er rieb sich mit beiden Händen den Nacken und die Schultern, die ihm mittlerweile wegen des ungemütlichen Schlafplatzes schmerzten, als er ganz hinten am Horizont ein kleines Leuchten sah, das sich langsam auf seinen Leuchtturm zu bewegte.
»Nanu? Was ist denn das? Kommt mich doch noch jemand besuchen? Um diese Uhrzeit? Mitten in der Nacht? Das kann doch gar nicht sein.«
Ein weiteres Mal rieb er sich die Augen und blickte dann wieder nach draußen. Das Licht war nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es war ein ganzes Stück näher gekommen.
»Es kann kein Schiff sein.«, murmelte der Leuchtturmwärter. »So schnell kann kein einziges Schiff fahren. Schon gar nicht bei diesem Sturm.«
Gespannt beobachtete er weiter und stellte bald fest, dass das Leuchten nicht über das Wasser zu ihm kam. Es flog in der Luft.
»Nein. Das kann nicht sein. Es ist zu windig. Da kann kein Flugzeug fliegen. Für einen Hubschrauber ist es auch zu gefährlich. Was kann das nur sein?«
Kurz bevor das Licht sein Ziel erreicht hatte, flog es eine Kurve und verschwand auf der anderen Seite des Leuchtturms. Der Leuchtturmwärter sah in alle Richtungen. Das Leuchten tauchte aber nicht wieder auf.
Ein paar Sekunden später klopfte es an der Tür. Verwirrt und überrascht stand der Wärter von seinem Tisch auf, lief die Treppe hinunter und öffnete seinem unbekannten Gast.
»Ho, ho, ho!«, schallte ihm eine tiefe Stimme entgegen. »Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir. Darf ich vielleicht herein kommen und mich ein wenig bei dir aufwärmen? Da draußen ist es kalt und ungemütlich.«
Dem Leuchtturmwärter fielen fast die Augen aus dem Kopf.
»Du … du … bist der Weihnachtsmann.« Hinter seinem Besucher sah er in der Dunkelheit den von acht Rentieren gezogenen Schlitten, der dicht über dem Meer schwebte.
»Äh, ja. Komm bitte herein.«
Sie betraten gemeinsam den Leuchtturm, gingen zurück in die kleine Küche und setzten sich an den Tisch.
Der Weihnachtsmann sah auf das verbliebene Stück Wachs, das sich über die Tischplatte verteilt und dort hart geworden war.
»Deine Kerze sieht aber mitgenommen aus. Wie wäre es mit einem neuen Adventskranz?«
Mit einem Grinsen griff er in die Tasche seines roten Mantels, holte einen Adventskranz hervor und zündete die vier Kerzen mit einem Streichholz an.
Der Leuchtturmwärter sah begeistert auf die kleinen Flammen und dann auf seinen Gast. Freudentränen standen ihm in den Augenwinkeln.
»Was machst du denn hier? Warum besuchst du mich in dieser stürmischen Nacht? Musst du nicht Geschenke an die vielen Kinder auf der ganzen Welt verteilen?«
»Ich bin schon fertig.«, kam die Antwort. »Alle Geschenke sind verteilt. Ich habe kein einziges Kind vergessen. Und weil ich heute Nacht nichts anderes zu tun habe und Weihnachten auch nicht gern allein bin, dachte ich mir, dass ich einfach bei dir vorbei schaue. Feiern wir doch gemeinsam Weihnachten.«
Ein weiteres Mal öffnete er seinen Mantel, holte zuerst einen leckeren Weihnachtsbraten hervor und dann ein kleines, verpacktes Geschenk, dass er dem Leuchtturmwärter entgegen hielt.
Und schon kullerten beim Wärter die Tränen. »Ich habe aber kein Geschenk für dich. Ich wusste gar nicht, dass du kommen wirst.«
Der Weihnachtsmann winkte ab. »Macht nichts. Du hast mir bereits ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Du hast mich in deinen Turm und an deinen Tisch eingeladen. Das ist mir schon Geschenk genug.«
Er stand auf, ging um den Tisch herum und drückte den Leuchtturmwärter fest an sich.
Gemeinsam verbrachten sie den Rest der Nacht und feierten bis zum Morgengrauen. Für beide war es das schönste Weihnachtsfest von allen. Von nun an besuchte der Weihnachtsmann den Leuchtturmwärter jedes Jahr, wenn er alle seine Geschenke ausgeliefert hatte.

(c) 2016, Marco Wittler

569. Ein schönes, heißes Bad

Ein schönes, heißes Bad

»Ist euch auch so kalt?«, fragte der Weihnachtsmann seine Wichtel und rieb sich mit den dicken Handschuhen über die Arme.
Seine Weihnachtswichtel schüttelten die Köpfe und zeigten auf das große Thermometer an der Wand der Weihnachtswerkstatt. es war über zwanzig Grad warm. Die Heizungen liefen auf vollen Touren.
»Verstehe ich nicht.«, wunderte sich der Weihnachtsmann. »Ich friere schon seit Stunden. Hoffentlich werde ich nicht krank. Eine Erkältung kann ich mir gerade jetzt nicht leisten. Ich muss doch in ein paar Stunden mit dem Schlitten los. Wenn ich keine Geschenke verteilen kann, werden die Kinder ganz schön enttäuscht sein.«
»Leg dich doch in die Badewanne und wärm dich auf.«, machte eine seiner Elfen einen Vorschlag.
»Das ist eine prima Idee. Genau das werde ich machen. Ihr bereitet meinen Schlitten vor und ich lass mir ein schönes, heißes Bad ein. Wir sehen uns in ein paar Stunden, wenn die Tour los geht.«
Mit diesen Worten verschwand der Weihnachtsmann in sein Haus und freute sich schon riesig auf das wärmende Badewasser und einem großen, duftenden Schaumberg.

Ein laar Stunden später stand der große Schlitten abfahrbereit vor der Weihnachtswerkstatt. Die Rentiere waren angespannt, der Sack mit den unzähligen Geschenken aufgeladen.
»Wo bleibt der Weihnachtsmann?«, fragte der Oberwichtel immer wieder in die wartenden Gesichter um sich herum, während er seine Armbanduhr genau im Auge behielt.
»Er sollte dich schon längst hier sein. Wo bleibt er nur. Hoffentlich ist er nicht in der Badewanne eingeschlafen.«
Schnell eilte der Wichtel durch den tiefen Schnee und betrat das Haus des Weihnachtsmanns.
»Chef?«, rief er durch die Flure und Räume. »Bist du hier? Es wird Zeit. Du musst los.«
Es kam keine Antwort. Deswegen suchte er ein Zimmer nach dem anderen ab. Erst am Ende des Flurs wurde der Wichtel fündig. Im Badezimmer brandte Licht. Durch die geschlossene Tür war schiefer Gesang zu hören. Der Wichtel öffnete die Tür und trat ein. Der Weihnachtsmann saß noch immer in der Badewanne und sang vor sich hin.
»Weihnachtsmann! Es ist an der Zeit. Du musst los.«
Der Weihnachtsmann drehte sich zur Seite und grinste.
»Och, nö. Ich bleib hier. Ist grad so schön warm und gemütlich. Kann das nicht einer von euch dieses Jahr übernehmen. Ich steige bestimmt nicht aus der Badewanne.«
Der Wichtel bekam große, entsetzte Augen. Würde Weihnachten dieses Jahr ausfallen? Er musste sich dringend etwas einfallen lassen. Schnell rannte er zur Werkstatt zurück und besprach sich mit den anderen Wichteln und Elfen.

Eine halbe Stunde später flogen die Rentiere durch die Luft Richtung Süden. Der Weihnachtsmann war tatsächlich unterwegs, um die Geschenke zu verteilen. Die Wichtel hatten ihn dich noch überreden können. Den Schlitten hatten sie dazu wieder abspannen müssen. Der blieb in diesem Jahr in der Werkstatt zurück. Stattdessen hing hinter den Rentieren eine Badewanne mit warmem Wasser und einem großen Schaumberg. Darin saß der glückliche Weihnachtsmann und ließ vor Freude sein ›Ho, ho, ho‹ ertönen.

(c) 2016, Marco Wittler

565. Die Geschenke sind weg

Die Geschenke sind weg

Es war mitten in der Nacht, als das Handy klingelte. Es dauerte ein wenig, bis der Weihnachtsmann aus seinem tiefen Schlaf erwachte, auf das Display sah und den Anruf entgegen nahm.
»Hier Weihnachtsmann. Wer spricht?«, fragte er müde.
Er hörte ein paar Sekunden lang zu, nickte immer wieder und bekam dann große Augen.
»Das ist ja eine Katastrophe! Ich komme sofort!«
Er kletterte aus dem Bett, zog seine rote Hose, den Mantel und die schweren Stiefel an und verließ sein Haus. Sein Ziel war seine Spielzeugwerkstatt. Dort warteten bereits seine Wichtel und Weihnachtselfen.
»Ihr erlaubt euch auch keinen dummen Scherz mit mir?«, fragte der Weihnachtsmann, während er durch die große Eingangstür stürmte.
Aber die Frage konnte er sich selbst beantworten, als sein Blick auf den großen Geschenkesack fiel. Er war leer. Völlig leer. Kein einziges Geschenk steckte in ihm.
»Wir wissen auch nicht, wie das passieren konnte.«, entschuldigte sich der Oberwichtel. »Am Abend waren die Geschenke noch an Ort und Stelle. Dann fiel eine der Maschinen aus. Wir haben sie repariert. In dieser Zeit muss jemand alle Geschenke geklaut haben.«
Der Weihnachtsmann nahm seine Mütze vom Kopf und fuhr sich nervös mit einer Hand durch das weiße Haar.
»Aber Morgen ist Weihnachten. Dann warten die Kinder überall auf der Welt auf die Geschenke. Wir müssen schnell etwas unternehmen, sonst fällt das Fest ins Wasser. Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können.«
Er teilte seine Wichtel und Elfen in kleine Gruppen auf. Jeder sollte beim Suchen helfen. Der Weihnachtsmann aber blieb in der Werkstatt zurück und wartete auf gute Nachrichten.
Und während er immer wieder im Kreis lief, nervös auf die Wanduhr sah, hörte er plötzlich ein leises Kichern.
»Hm? Wer ist da? Wer lacht da über mich? Sofort raus kommen!«
Er sah sich um, blickte in jede Ecke und unter jede Maschine.
»Ha! Erwischt!«
Mit seinen großen Händen griff er zu und ließ nicht mehr los. Aus einem sonst leeren Holzfass der Weihnachtsmann zwei Engel heraus, denen es jetzt gar nicht mehr zum Kichern zu Mute war. Stattdessen bekamen sie knallrote Gesichter.
»Was macht ihr hier? Was habt ihr hier zu suchen?«
Die Engel sahen verschüchtert zu Boden und brachten kein einziges Wort heraus.
»Entweder ich bekomme sofort eine Antwort oder ich trage euch in mein goldenes Buch ein. Dann bekommt ihr dieses Jahr nämlich kein einziges Geschenk.«
Erschrocken sahen sie den Weihnachtsmann an. »Das kannst du doch nicht machen.«, beschwerten sie sich.
»Kann ich nicht?«
Der Weihnachtsmann ging zum Schreibtisch, schlug das Buch auf und griff zu seinem Füller.
»Halt! Moment!«
Sie flitzten zu ihm. »Ist ja schon gut. Wir haben die Geschenke versteckt. Es sollte nur ein dummer Streich sein. Wir geben sie dir ja zurück.«
Der Weihnachtsmann legte seinen Stift zurück.
»Wo sind sie?«
Die Engel liefen zu einem der großen Fenster und deuteten mit ihren Zeigefingern nach draußen.
»Wir haben sie dort in dem Schneehaufen versteckt.«
Und dann bekamen sie wieder rote Gesichter. »Vorhin war er jedenfalls noch da.«
Dort, wo der Haufen ein paar Stunden zuvor gestanden hatte, lag nun eine hohe, geschlossene Schneedecke. Es hatte kräftig geschneit.
Der Weihnachtsmann bekam einen wütenden Gesichtsausdruck.
»Wisst ihr eigentlich, was ihr da angestellt habt? In wenigen Stunden muss ich mich auf den Weg machen. Wenn wir die Geschenke bis dahin nicht gefunden haben, werden Millionen Kinder auf der ganzen Welt enttäuscht sein und fürchterlich weinen.«
Er überlegte, lief ein paar Mal im Kreis und überlegte weiter. Schließlich holte er sein Handy aus der Tasche.
»Jetzt kann uns nur noch ein absoluter Experte helfen, jemand der sich besser mit Verstecken auskennt, als irgendwer anderes. Ich hoffe für euch zwei, dass er gerade Zeit hat und nicht Urlaub macht.«
Er wählte eine Nummer und wartete.
»Ja, hier Weihnachtsmann. … Ja, ich weiß, dass es gerade eine ungünstige Zeit ist, um mit dir zu Telefonieren. … Ja, ich muss auch noch den Baum aufstellen und schmücken … Ich will mich auch gar nicht unterhalten, denn ich brauche ganz dringend deine Hilfe.«
Er erklärte möglichst schnell, was geschehen war. Dann beendete er das Gespräch und setzte sich auf einen Stuhl.
»Jetzt können wir nur noch warten. Ich hoffe, dass unser Helfer nicht zu lange braucht, um hierher zu kommen.«
Kaum hatte er das gesagt, öffnete sich die Tür und ein langohriges Tier kam herein gehoppelt.
»Osterhase. Gott sei Dank, bist du endlich da. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darüber freue.«
Der Osterhase grinste.
»Keine Ursache, mein Freund. Ich werde mich auch sofort an die Arbeit machen.«
Gemeinsam verließen sie die Werkstatt.
»Der Osterhase hat die beste Nase für schwer zu findende Verstecke.«, erklärte der Weihnachtsmann den Engeln. »Er wird nicht lange brauchen, dann sind die Geschenke wieder da. Er wird das Versteck riechen.«
Und genau so geschah es dann auch. Der Osterhase hob seine Nase in die Luft, schupperte und hoppelte kreuz und quer über den frischen Schnee. Irgendwann blieb er stehen.
»Hier ist es. Hier muss das Versteck sein. Ich kann es riechen.«
Der Weihnachtsmann schnappte sich eine Schaufel und machte sich an die Arbeit. Schon nach wenigen Minuten tauchten tatsächlich die Geschenke auf. Sie waren vollzählig.
Inzwischen waren auch die Elfen und Wichtel wieder aufgetaucht. Sie halfen, die Geschenke wieder ins Trockene zu bringen.
Die zwei Engel entschuldigten sich für ihren Streich und versprachen, nie wieder das Weihnachtsfest in Gefahr zu bringen.
Den Osterhasen packte der Weihnachtsmann ein paar Stunden später mit auf den großen Schlitten und brachte ihn persönlich nach Hause und übergab ihm die Geschenke für seine große Familie.

(c) 2016, Marco Wittler

564. Der dicke Bauch des Weihnachtsmanns

Der dicke Bauch des Weihnachtsmanns

Arne saß mit seiner Freundin Amelie in seinem Zimmer. Gemeinsam sahen sie sich gerade ein Buch mit Weihnachtsbildern an. Auf einem davon war der Weihnachtsmann abgebildet.
Amelie kicherte. »Der hat aber einen dicken Bauch.«
Sie zeigte mit dem Finger auf den Bauch und lachte. »Der ist ja noch dicker als mein Opa.«
Arne lachte auch. »So einen dicken Mann habe ich noch nie gesehen.«
Er kam auf eine Idee. Arne stand auf, nahm das Buch unter den Arm und Amelie an die Hand. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer.
»Papa!«, stürmte er los und legte sein Buch auf den Tisch. »Warum ist der Weihnachtsmann so dick?«
Papa sah auf das Bild und blickte dann Mama fragend an, die sich gerade um die kleine Schwester Anna kümmerte.
»Das weiß ich leider nicht. Aber dem Papa fällt bestimmt die richtige Antwort noch ein.«
Sie grinste.
Papa bekam einen roten Kopf. Die richtige Antwort? Woher sollte er die nur nehmen?
Schnell griff er nach dem Buch, blätterte ein paar Seiten vor, ein paar zurück, bis er wieder den Weihnachtsmann vor sich sah.
»Also gut. Warum ist der Weihnachtsmann so dick? Schauen wir mal, was hier alles steht.«
Papa glitt mit dem Zeigefinger an ein paar Buchstaben entlang und las.
»Ah! Hier ist auch schon die Antwort.«
Arne und Amelie setzten sich mit an den Tisch, stützten ihre Köpfe mit den Händen auf hörten gespannt zu. Selbst Anna schien zu gefallen, was Papa zu erzählen hatte.

Der Weihnachtsmann war einmal ein großer, schlanker und sportlicher Mann. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit füllte er seinen großen Sack mit Geschenken, legte sich diesen über die Schulter und machte sich zu Fuß auf den Weg zu den Menschenkindern, um ihnen eine Freude zu machen.
Er kletterte an Dachrinnen hinauf auf die Dächer und rutschte durch die Kamine in die Wohnzimmer. Unter jeden Christbaum legte er Geschenke, die er in den Sommermonaten wohl überlegt ausgesucht hatte. Dann ging es weiter zum nächsten Haus.
Der Weihnachtsmann war wirklich sehr sportlich. Er schaffte den Weg zu allen Kindern in nur einer Nacht, so schnell war er zu Fuß.
Doch eines Tages, an einem schon lange zurück liegenden Weihnachtsfest, bekam er großen Hunger.
»Nanu, was ist denn jetzt los?«, wunderte er sich. »Ich habe noch nie Hunger verspürt, wenn ich Geschenke verteilt habe.«
Er dachte kurz nach. Dann fiel ihm ein, dass er sein Abendessen vergessen hatte. Nun war es dafür zu spät.
»Ich muss etwas zu Essen finden, sonst schaffe ich nicht den ganzen Weg.«
Der Weihnachtsmann sah sich um, wo er sich gerade befand, nämlich mitten in einem Wohnzimmer.
»Schau an, schau an. Was haben wir denn da?«
Auf einem Tisch stand eine Schale mit frisch gebackenen Keksen. Ihr Duft lockten den Weihnachtsmann magisch an.
»Wenn ich mich nicht täusche, sind das Weihnachtskekse. Vielleicht sollte ich sie einmal probieren.«
Der Weihnachtsmann hatte noch nie Kekse gegessen. Am Nordpol gab es keinen Laden, wo man sie kaufen konnte. Zum selber backen fehlte ihm die Zeit.
Er stopfte sich einen Keks in den Mund und kaute darauf herum.
»Mmh, ist das lecker«.
Er nahm einen zweiten Keks, dann noch einen, bis schließlich die Schale leer war.
»Wie?« Keine Kekse mehr da? Schade. Na gut, dann mache ich mich wieder auf meinen Weg.«
Der Weihnachtsmann lief zum nächsten Haus und kletterte dort ins Wohnzimmer. Auch hier fand er eine Schale mit Keksen.
»Glück gehabt. Ich kann weiter naschen.«
So ging es dann in jedem Haus. Der Weihnachtsmann brachte Geschenke und nahm sich dafür Kekse.
Als er einige Stunden später wieder auf dem Heimweg war, fiel ihm das Laufen schwer. Nur mit größter Mühe konnte er sich zum Nordpol schleppen.
»Was ist denn nur mit mir los?«, wunderte er sich.
»So schwer ist mir das Laufen noch nie gefallen. Ich bin doch ein guter Sportler.«
Er legte den leeren Geschenkesack zur Seite und sah zu seinen Füßen hinab. Er versuchte es jedenfalls. Denn die Füße waren nicht mehr zu sehen. Sie waren unter einem dicken Bauch versteckt.
»Oh nein. Was ist passiert? Ich bin plötzlich ganz dick geworden. Wie konnte das nur geschehen?«
Dem Weihnachtsmann fielen wieder die vielen Schalen voller Kekse ein, die ihm so gut geschmeckt hatten. Er seufzte laut und schlich sich nach Hause.
»Jetzt muss ich mir etwas Neues überlegen, wie ich im nächsten Jahr meine Geschenke an die Kinder auf der ganzen Welt verteilen kann. Ich glaube, ich sollte mir einen Rentierschlitten anschaffen.«

Arne, Amelie und Anna sahen Papa mit großen Augen an.
»Und das ist wirklich so passiert?«, fragte Arne zur Sicherheit.
»Ganz bestimmt.«, antwortete Papa. »Das steht sogar hier im Buch.«
Arne nahm ihm das Buch aus der Hand und sah sich die Buchstaben an.
»Schade, dass ich noch nicht lesen kann. Aber wenn du sagst, dass es hier steht, dann wird das auch richtig sein.«
Er nahm Amelie wieder an der Hand und ging mit ihr zurück in sein Kinderzimmer.

(c) 2016, Marco Wittler