468. Es geht wieder nach Hause

Es geht wieder nach Hause

Jonas war sauer. Heute sollte es nach Hause gehen. Aber er wollte nicht. Stattdessen wollte er lieber noch weiter am Meer Urlaub machen.
»Ich bleibe hier, egal, was ihr macht.«
Jonas stemmte die Hände in die Hüften und begann zu schmollen.
»Fahrt ruhig allein nach Hause. Solange es dort kein Meer, keinen Sand, keine Fische und Seesterne gibt, bleibe ich hier.«
Jonas setzte sich auf den Boden und wollte sich keinen Zentimeter mehr bewegen.
»Aber wir müssen doch jetzt nach Hause fahren, Schatz.«, sagte Mama.
»Der Papa muss doch Morgen wieder arbeiten und das Hotelzimmer ist dann schon für jemand anderen reserviert.«
»Das ist mir aber egal. Wenn ich kein Meer bekomme, dann bleibe ich hier.«
Jonas wusste ganz genau, was er wollte und das war auf keinen Fall eine Fahrt nach Hause.
»Ich habe da eine Idee.«, sagte Mama plötzlich und verließ das Zimmer.
»Ich komme gleich zurück. Wartet bitte auf mich.«
Es dauerte fast eine ganze Stunde, bis sie wieder ins Zimmer kam. Jonas war mittlerweile so neugierig geworden, dass er es auf dem Fußboden nicht mehr aushielt. Ohne Pause lief er ständig im Kreis, blickte immer wieder auf seine Armbanduhr und fragte sich, was Mama wohl planen würde. Nun war sie endlich wieder da.
»Was hast du dir ausgedacht?«, überfiel Jonas sie.
»Das wirst du gleich sehen. Wir fahren jetzt nach Hause und du wirst bestimmt auch zufrieden sein.«
Sie winkte die Familie hinter sich her und nahm Jonas an die Hand. Gemeinsam verließen sie das Hotel und fuhren mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Dort wären Jonas beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen, als er die Tür zu seinem Sitzplatz geöffnet hatte.
»Was ist denn das?«, fragte er überrascht und bekam riesige Augen.
Unter Wagendecke hing ein Fischernetz in dem ganz viele Muscheln, Fische und Seesterne hingen. Es sah aus, wie in dem kleinen Restaurant, in dem sie vor ein paar Tagen gegessen hatten. Aus den Lautsprechern des Radios rauschte das Meer. Sogar Möwen waren zu hören.
»Das ist ja super.«, jubelte Jonas begeistert. Sofort setzte er sich in seinen Kindersitz und schnallte sich an.
»Wann fahren wir denn endlich los?«, drängelte er.
»Warum seit ihr denn noch nicht eingestiegen? Ich will doch nach Hause.«

(c) 2013, Marco Wittler

467. Nach dem Urlaub

Nach dem Urlaub

Es waren nur noch ein paar Tage bis zum Ende der Ferien. Lukas war schon aus dem Urlaub zurück und saß nun in seinem Zimmer und sah sich noch einmal die Andenken an, die er sich mitgebracht hatte. In einem kleinen Pappkarton lagen nun ein kleiner Leuchtturm, ein paar Muscheln, zwei schöne Postkarten, eine Rolle Seemannsgarn und ein Seestern. Lukas war nämlich mit seiner Familie am Meer gewesen.
»Ach, war das ein toller Urlaub. Ich wäre so gern dort geblieben. Das war sooo schön.«
Lukas erinnerte sich, wie er am Strand mit Papa eine große Sandburg gebaut hatte. Er war, so schnell er konnte, in das Wasser gerannt und hatte sich von den Wellen umwerfen lassen. Die Sonne hatte seine Haut schön braun werden lassen und das Essen im Restaurant war richtig lecker gewesen. Das Hotel hatte sogar fünf Fahrstühle gehabt, mit denen Lukas immer wieder gefahren war. Das hatte eine Menge anderer Urlauber geärgert.
»Da will ich unbedingt wieder hin.«
Und dann erinnerte er sich alles andere. Lukas hatte in der ganzen Zeit nicht einmal Oma besuchen können. Dafür war der Weg zu weit. Die Matratze im Hotelbett war zu hart und die Decke zu dünn. Er hatte nicht mit seinen vielen Kuscheltieren schmusen können. Es war nur für seinen kleinen Teddybären Platz im Koffer gewesen. Und die große Kiste mit den Spielzeugautos hatte auch zu Hause bleiben müssen.
»Urlaub ist schon toll. Aber zu Hause ist es doch am schönsten.«
Dann hüpfte Lukas in sein Bett und legte sich zwischen seine Kuscheltiere.

(c) 2013, Marco Wittler

305. Brieffreunde

Brieffreunde

Anna saß am Ufer des Meeres und spielte mit ihrer Sandburg. Mit einer kleinen Schaufel baute sie einen Schutzwall, der die nahende Flut aufhalten sollte. Doch schon jetzt schwappten immer wieder einzelne Wellen in ihr Bauwerk hinein.
»Dann bau halt nicht so nah am Wasser.«, schlug Mama vor.
Doch Anna wollte sich nicht belehren lassen.
Das ist mir egal. Gerade das Kämpfen mit dem Meer macht doch richtig Spaß.«
Und schon wieder rollte das Wasser heran. Dieses Mal war die Welle etwas kräftiger und ergoss sich über die ganze Sandburg.
»Oh je.«, seufzte Anna und besah sich die Katastrophe.
»Jetzt muss ich wieder von vorn anfangen.«, jubelte sie.
Während sie das Wasser aus ihrer Burg schaufelte, sah sie ein seltsames Glitzern.
»Nanu, was ist denn das?«
Das Meer schien etwas an den Strand gespült zu haben.
Anna griff zu und zog eine Glasflasche aus dem Matsch.
»Wer wirft denn einfach seinen Müll ins Meer? Das macht man doch nicht.«
Sie wollte schon aufstehen und die Flasche zum Mülleimer bringen, als sie ein gerolltes Blatt Papier im Innern entdeckte. Es schien noch unversehrt zu sein.
»Schau mal Mama. Was ist denn das?«
Mama kam heran und besah sich das Fundstück.
»Das ist eine Flaschenpost, Spätzchen. Da drin steckt ein Brief. Willst du ihn lesen?«
Anna wurde sofort neugierig. Also nickte sie begeistert mit dem Kopf.
Mama zog den Korken aus der Flasche, schüttelte den Brief heraus und gab ihn ihrer Tochter.
Anna las sofort laut vor, was darauf stand:

Hallo unbekannter Leser.

Mein Name ist Luisa, ich bin acht Jahre alt und lebe in einem kleinen Dorf in Süddeutschland.
Heute ist mein erster Urlaubstag am Meer. Ich habe noch nie so viel Wasser auf einem Haufen gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt so viel davon auf der Welt gibt. Das ist einfach unglaublich.
Damit ich immer eine Erinnerung an meinen Urlaub habe, hat mir meine Mama vorgeschlagen, meine Erlebnisse in Briefen aufzuschreiben und diese dann mit einer Flaschenpost ins Meer zu werfen.
Ich hoffe natürlich, dass sie irgendwann gefunden wird und mir dann jemand antwortet. Also schreib mir einfach deine Erlebnisse und dann ab die Post.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

Dann stand da noch eine Postanschrift.
»Darf ich der Luisa antworten?«, fragte Anna?
Mama nickte.
»Prima. Dann lass uns sofort ins Hotel gehen. Ich will Briefe schreiben.«
Mama seufzte. Sie hatte sich so sehr auf eine schöne braune Haut gefreut.

Zurück im Hotel holte Anna sofort etwas zu Schreiben aus ihrem Köfferchen und setzte ihren Füller an.
In einem langen  Brief berichtete sie Luisa von ihren Ferien, von der langen Fahrt zum Urlaubsort, von ihren verzweifelten Kämpfen gegen die Wellen und natürlich auch vom Fund der Flaschenpost.
Zum Schluss schrieb sie noch ihren Namen und ihre Adresse darunter und packte den Brief in einen Umschlag.
»Fertig.«
Mama nahm den Brief und brachte ihn gleich zur Hotelrezeption. Dort gab sie ihn ab.
Als sie wieder im Zimmer war, hielt ihr Anna noch etwas unter die Nase.
»Schau. Das ist jetzt meine Flaschenpost. Ich habe sogar einen Brief rein gesteckt. Vielleicht finden den ja bald ein anderes Kind.

Zwei Wochen später waren Mama und Anna wieder zu Hause angekommen. Sie machten sich sofort über den Briefkasten her. Darin steckten unzählige Postkarten von Mamas Freunden. Und ganz hinten lag noch ein Brief von Luisa.

Hallo liebe Anna.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich über deine Antwort gefreut habe. Ich habe schon lange nicht mehr an meine Flaschenpost gedacht. Da nie ein Brief zu mir kam, hatte ich schon befürchtet, dass die Flasche im Meer untergegangen sei.
Du darfst dich auch nicht wundern, dass ich mittlerweile schon achtzig Jahre alt bin.
Aber gerade deswegen freut es mich umso mehr, an meinem Lebensabend noch einmal an meinen ersten Urlaub am Meer erinnert worden zu sein.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

In den nächsten Jahren schrieben sich die beiden noch viele unzählige Briefe, berichteten sich von Urlaubsfahrten und mehr.
Eines Tages, Anna war schon erwachsen geworden, klingelte es an ihrer Haustür. Nach unzähligen Jahren brachte ihr der Postbote einen Brief.
»Was ist denn das?«, fragte sich Anna, denn der Absender war ihr nicht bekannt.
Also öffnete sie den Brief und las die gekritzelten Worte eines kleines Mädchens. Sofort musste Anna freudig lächeln.

Hallo Anna.

Mein Name ist Emily und ich habe gerade deine Flaschenpost im Meer gefunden …

(c) 2010, Marco Wittler

235. Urlaub vom Tierheim (Tierheimgeschichten 2)

Urlaub vom Tierheim

Karl schnaufte erschöpft, als er den großen Stapel Papier vor sich entdeckte. So viel Arbeit. Wie sollte das ein kleiner Hamster allein nur schaffen? Mit jedem Tag wuchsen seine Aufgaben. Hätte er sich vor zwei Jahren bloß nicht nicht zum Verwaltungschef der Tierheimbewohner wählen lassen.
Eigentlich waren ja die Menschen für die Leitung des Tierheims zuständig. Sie gingen mit den Hunden spazieren, reinigten Ställe, Gehege und Käfige, teilten das Futter aus, streichelten jedes einzelne Tier ausgiebig und kümmerten sich rührend um die Alten und Kranken. Aber trotzdem gab es noch viel mehr zu erledigen, wovon sie gar keine Ahnung hatten.
Deswegen gab es Karl. Der kleine Hamster organisierte die abendlichen Veranstaltungen, wenn die Menschen Feierabend hatten und die Tiere allein waren. Die Hunde brauchten viel Bewegung. Also gab es Sportkurse. Die Katzen wollten rund um die Uhr irgendwas jagen. Die Schlange vor dem Hamsterrad war riesig lang. Immer wieder drängelte sich jemand vor. Da musste für Ordnung gesorgt werden. Papageien bekamen Sprachunterricht und die Esel im Stall lernten, wie man richtig störrisch ist.
Es gab so unendlich viel zu tun. Niemand hatte sich das alles zugetraut. Karl war also der Verwaltungschef und kümmerte sich. Er hatte nie ein Dankeschön von den anderen Tieren bekommen. Im Gegenteil. Jeden Tag hagelte es Beschwerden, weil jeder nur das Beste für sich wollte. Hätte Karl vor einem Jahr gewusst, was er alles machen musste, hätte er die Wahl niemals angenommen. Freizeit hatte er keine mehr. Rund um die Uhr traf er Entscheidungen, schlichtete Streitigkeiten und war darauf bedacht, dass jedes Tier seinen Hobbys nachgehen konnte. Nur er blieb dabei auf der Strecke.
»Manchmal wünsche ich mir, einfach nur ein ganz normaler Hamster zu sein, ohne Aufgaben, ohne Verpflichtungen. Einfach mal was anderes sehen und entspannen.« seufzte er vor sich hin.
»Aber wo soll ich denn hin? Es gibt doch nur das Tierheim.«

Am nächsten Morgen kam die Tierheimchefin mit einem großen Koffer ins Büro. Wie an jedem Tag gab sie Karl, dessen Käfig auf einer Kommode stand, frisches Wasser und Futter.
»Na, mein Kleiner, wie war deine Nacht? Hast du gut geschlafen?«
›Schlaf?‹ dachte sich Karl. ›Wovon redet sie da? Ich habe seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr in der Nacht geschlafen. Dafür habe ich einfach keine Zeit mehr.‹
Die Tierheimchefin hob den Koffer auf den Schreibtisch, öffnete ihn und legte noch ein paar T-Shirts hinein.
»Ich kann doch nicht ohne etwas aus meinem Tierheim verreisen. Dann vermisse ich euch alle viel zu sehr.«
Sie drehte sich zu Karls Käfig um, bückte sich und sprach leise durch das Gitter zu ihrem Hamster.
»Ich fahre nämlich in den Urlaub. Das ist das erste Mal seit fünf Jahren. Vorher hatte ich nie genug Zeit dafür. Aber jetzt ist es endlich so weit. Ich setze mit in ein Flugzeug, düse so schnell wie der Wind nach Spanien und werde dort drei ganze Wochen am Strand unter Palmen faulenzen.«
›Urlaub?‹ dachte Karl. ›Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Das will ich auch.‹
»Ich muss nur noch den anderen sagen, was sie in der Zeit auf keinen Fall vergessen dürfen. Sie müssen dich auf jeden Fall jeden Tag füttern.«
Die Chefin stand wieder auf und ging in das Büro nebenan.
»Ich will auch Urlaub.« grummelte Karl.
Leise öffnete er die Tür seines Käfigs kletterte raus und lief zum Schreibtisch. Mit seinen spitzen Krallen kletterte er mühsam am Schreibtischbein nach oben und verschwand im Koffer.
»so eine Chance werde ich nie wieder bekommen.« seufzte er zufrieden. »Drei Wochen Urlaub am Strand. Das habe ich mir wirklich mehr als verdient. Die anderen müssen halt mal ohne mich auskommen.«
Dann wurde der Deckel über ihm geschlossen und es ging zum Flughafen.

Drei Wochen später kam die Tierheimchefin wieder in ihrem Büro an. Überglücklich begrüßte sie ihre Mitarbeiter und erzählte von den vielen Dingen, die sie in Spanien erlebt hatte. Diesen Moment nutzte Karl aus. Er kletterte gemütlich aus dem Koffer und machte sich auf den Weg in seinen Käfig.
In der folgenden Nacht waren die anderen Tiere unglaublich dankbar, dass er wieder zurück war.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie es hier drunter und drüber gegangen ist. Es gab viel Streit und niemand war zufrieden.«
Karl lachte. »Zufrieden war vorher auch niemand. Dann war in der Zeit doch alles wie sonst auch.«
Die Tiere schwiegen. Doch dann fanden sie die richtigen Worte.
»Zufrieden waren wir doch. Wir haben wohl nur vergessen, es dir zu zeigen.«
Sie entschuldigten sich bei Hamster Karl und versprachen, ihn mehr zu achten, mehr auf ihn zu hören und das ein oder andere Mal auch Danke zu sagen.

(c) 2014, Marco Wittler

188. Der Urlaubsbericht

Der Urlaubsbericht

R:    Reporter
P:    Papa
M:    Mama
T:    Tochter

R:    Wo kann man heute noch mit Kindern seinen Urlaub verbringen? Gibt es vor Ort Kindermenüs, spezielle Animateure und Angebote für unsere Kleinen oder trifft man eher auf Senioren, die froh sind, wenn sie ihre Ruhe haben können? Deswegen sind wir heute in der Stadt unterwegs und befragen Familien, wo sie ihren nächsten Urlaub verbringen werden. Guten Tag, der Herr. Darf ich sie fragen, wie sie mit Familie ihren letzten Urlaub verbracht haben und was sie für diesen Sommer planen?

P:    Ach ja, wenn ich mich an letztes Jahr zurück erinnere, dann war ich sehr zufrieden. Jeden Tag schien die Sonne, der Strand war sauber und unsere kleine Tochter wollte gar nicht wieder zurück nach Hause. Man hat sich wirklich sehr rührend um sie gekümmert. Aber auch für mich selbst hat es auf jeden Fall gelohnt.

T:    Das war auch richtig lustig, dass du…

M:    (redet einfach dazwischen)
Das war mir klar, dass du dich dort wohl gefühlt hast. Von morgens bis abends am Pool liegen, bedient werden und auf dem Zimmer ein Fernseher mit Sportkanal. Für euch Männer gibt es doch nichts Schöneres.

R:    Das alte Problem der Geschlechter. Aber wie haben sie selbst den Urlaub empfunden?

M:    Mein Interesse lag da viel mehr im kulturellen Bereich. Wenn ich in ein anderes Land fahre, möchte ich auch etwas sehen. Es gibt so viele Museen, Sehenswürdigkeiten und alte Städte. Man möchte doch auch im Urlaub etwas lernen.

T:    Mama hat mich auch jedes Mal mitgenommen. Wir waren jeden Tag auf dem Basar neben dem Museum. Die Menschen reden da in einer ganz komischen Sprache und verkaufen an jedem Stand Handtaschen und Ohrringe. Da hat die Mama ihr ganzes Taschengeld ausgegeben.

R:    (amüsiert) Das klingt doch schon eher nach der Wahrheit, kleines Fräulein.

M:    (nervös) Ach Schatz, das möchte der Onkel bestimmt gar nicht wissen.

P:    (niedergeschlagen) Und nach einer Woche war dann schon die Urlaubskasse leer.

R:    Jetzt würde ich aber gern noch erfahren, wie das kleine Fräulein ihren Urlaub erlebt hat.

T:    (begeistert) Das war der beste Urlaub meines ganzen Lebens. Jeden Tag gab es unheimlich viel zu Lachen. Der Papa hat so viele lustige Sachen gemacht.

P:    (nervös) Spätzchen, wolltest du nicht vorhin noch ein Eis haben? Ich glaube, den Mann interessiert das gar nicht so.

R:    (neugierig) Doch, ich denke, der eine oder andere Hörer unserer Sendung würde schon gern hören was ihre Tochter zu sagen hat.

T:    Also gleich am ersten Tag wollte der Papa mit meinem Ball spielen. Das war nicht so schön. Er übertreibt immer und hat ihn ganz weit weg geschlagen. Gelandet ist der Ball dann auf dem Rücken einer Frau, die vor Schreck gestolpert und dann in den Pool gefallen ist. Dabei hatte sie nicht einmal einen Badeanzug an.

R:    (versucht, ein Lachen zu unterdrücken)
Das klingt doch nach einem richtig lustigen Erlebnis. Dann darf ich mich bedanken für…

T:    (unterbricht)
Am zweiten Tag hat der Papa noch was viel Lustigeres gemacht. Da ist ihm eine hübsche Frau entgegen gekommen. Also hat er schnell seinen Bauch eingezogen und sie die ganze Zeit angelächelt. Aber er hatte nicht mehr nach vorn geschaut und fiel über einen Liegestuhl. Festgehalten hat er sich dann am Rock einer alten Frau, der dann abriss. Die hat ganz schön laut geschimpft und hat Papa mit ihrem Sonnenschirm gehauen.

M:    (liebevoll) Du bist aber auch manchmal ein tollpatschiger Kerl.
(amüsiert) Sie hätten ihn mal am Abendbuffet erleben sollen. Er hat den ganzen Saal unterhalten. Er kommt direkt vom Pool herein, natürlich noch mit den Badelatschen an den Füßen. Da reißt ihm plötzlich der Halteriemen. Er stolpert, stürzt und landet direkt mit seiner ganzen Länge auf den Töpfen und Schüsseln. Die Hotelgäste haben gelacht, aber die Köche waren ziemlich sauer.

P:    Danach sind wir dann auch frühzeitig wieder nach Hause gefahren.
(seufzt) Der Hotelmanager hatte mir direkt gedroht, allen Hotels weltweit von mir zu erzählen, damit uns niemand mehr aufnimmt. Ich glaube, den nächsten Urlaub verbringen wir wohl nur bei meinen Eltern in der Lüneburger Heide.

M&T:    (entsetzt) Oh, nein!

R:    Vielen Dank für das interessante Gespräch.

(c) 2009, Marco Wittler

059. Ein Tag am Meer

Ein Tag am Meer

Nico und Marie waren völlig aus dem Häuschen. Sie hatten gerade erfahren, dass sie das ganze Wochenende über bei Oma verbringen durften.
»Das ist super toll, Mama.«, sagte Marie.
»Dann kann ich endlich wieder ihre leckeren Kekse essen.«
Auch Nico freute sich auf etwas ganz Besonderes.
»Dann kann ich ja wieder stundenlang am Strand spielen.«

Oma wohnte am Meer, an der Nordsee, um genau zu sein. Sie lebte in einem kleinen Häuschen direkt hinter dem Deich, der das Land bei Sturm vor dem Wasser schützte.
Sie wartete schon vor der Tür, als Mama mit den beiden Kindern ankam.
»Hallo Kinder. Ich habe euch schon erwartet. Dann kommt mal schnell rein. Es gibt leckeren Kuchen, einen Kaffee für Mama und Oma und Kakao für euch zwei.«
Nico und Marie jubelten und flitzten sofort in das Esszimmer.
Auf den Tisch stand eine große Sahnetorte.
»Die sieht ja lecker aus.«
Nico sah sich schnell um, bemerkte, dass niemand ihn beobachtete. Er strich vorsichtig mit dem Finger am unteren Rand der Torte entlang und stopfte sich die Sahne in den Mund.
Einen Moment später kam Oma herein.
»Du hast nicht zufällig an der Torte genascht?«
Nico schüttelte den Kopf.
»Aber nein, Oma. Das würde ich doch niemals tun.«
Oma kramte ein Tuch aus ihrer Tasche hervor.
»Dann ist es ja gut. Aber wisch dir die restliche Sahne vom Mund, sonst wird deine Mama noch denken, dass du doch genascht hast.«
Sie zwinkerte kurz und verließ wieder den Raum, um Kaffee und Kakao zu holen.

Nach dem Kaffee fuhr Mama wieder nach Hause.
»Ich hole euch zwei dann Morgen Abend wieder ab. Benehmt euch, streitet euch nicht und ärgert Oma nicht.«
Zum Abschied winkte sie noch einmal und fuhr dann los.

»So, Kinder. Was wollen wir jetzt machen?«
Oma sah ihre beiden Enkel an. Noch bevor die beiden etwas sagen konnten, wusste sie bereits, was nun kommen würde.
»Wir wollen zum Strand.«
»Das hab ich mir doch gleich gedacht. Dann zieht mal eure Jacken an. Am Wasser weht ein kräftiger Wind. Ihr sollt euch ja nicht erkälten.«
Gerade einmal fünf Minuten später waren sie auch schon auf der anderen Deichseite.
»Aber Oma, wo ist denn das ganze Wasser geblieben? Ist das Meer jetzt woanders?«
Nico wunderte sich. Er konnte sich noch ganz genau daran erinnern, dass er beim letzten Besuch im Wasser gespielt hatte. Nun sah er aber nichts anderes als grauen Schlamm.
Marie musste lachen.
»Du bist vielleicht dumm. Das Meer verschwindet doch nicht einfach. Oma hat uns das doch schon beim letzten Mal erzählt. Das nennt man Ebbe und Flut. Bei Flut steigt das Wasser und es kommt bis zum Strand. Bei Ebbe sinkt es und verschwindet für einige Zeit hinter dem Horizont, weil es dann an einer anderen Küste steigt. Das ist doch ganz einfach.«
Nico kratzte sich am Kopf.
»Ach so. Das hab ich doch auch gewusst. Ich wollte nur mal schauen, ob du es nicht vergessen hast.«
Schnell sah er sich um und suchte etwas, womit er das Thema wechseln konnte.
»Seht mal, da vorne an der Mauer ist ein Mann. Was macht der da?«
Oma holte ihre Brille heraus und sah in die Richtung, die Nicos Finger anzeigte.
»Sieh mal einer an. Die Mauer ist eine Schiffsanlegestelle. Wenn die Flut kommt, ist sie fast komplett unter Wasser. Und der Mann ist mein Nachbar Hein. Er sucht am Wochenende immer nach Krabben, um sie zu kochen.«
»Was sind denn Krabben, Oma?«
Marie war nun neugierig geworden und wollte mehr wissen.
»Dürfen wir ihm mal zuschauen?«
Oma nahm die Kinder an der Hand und ging mit ihnen zu Hein.
»Hallo Hein. Schau mal, das sind meine beiden Enkelkinder Nico und Marie. Sie wollten dir beim Sammeln zuschauen und etwas über Krabben erfahren.«
Der Mann kam an den Strand. In seiner Hand hielt er einen Eimer, den er den Kindern vor die Füße stellte.
»Dann schaut mal da rein. Da sind ganz viele Krabben drin. Und auch ein paar Muscheln. Die koche ich mir heute zum Abendessen. Die sind richtig lecker.«
Die Kinder sahen in den Eimer. Darin tummelten sich einige Krebse.
»Die haben aber komische Beine. Die gehen ja immer auf und zu.«
Hein musste lachen.
»Das sind keine Beine. Das sind Scheren. Damit können sie ganz schön feste kneifen. Da muss man aufpassen, dass man sie so anfasst, dass sie die Finger nicht erwischen. Wollt ihr mal einen in die Hand nehmen?«
Die Kinder schüttelten mit den Köpfen. Sie wollten keine Krebse an den Fingern hängen haben.
»Lasst euch mal nicht so einen Blödsinn vom alten Hein erzählen, Kinder. So gefährlich sind die Krabben gar nicht. Eure Oma zeigt euch das mal.«
Sie nahm ein Tier aus dem Eimer und legte es sich auf die Hand.
Nico und Marie kamen näher und besahen sich den Krebs ganz genau von allen Seiten und tippten vorsichtig auf seine Schale.
»Der fühlt sich komisch an. Der hat gar keine weiche Haut, wie wir.«
Oma legte das Tier zurück in den Eimer.
»Im Meer ist es gefährlich. Daher müssen die Krebse gut geschützt sein.«
Marie sah Hein an.
»Und du willst sie wirklich essen? Hast du denn dann kein schlechtes Gewissen? Die isst ja auch niemand auf, oder?«
Oma musste sich ein Grinsen verkneifen.
»Schau mal einer an. Da hat Marie ja nicht ganz unrecht. Bis auf den Hund, der dich letzte Woche durch das Dorf gejagt hat, wollte dich wirklich noch niemand verspeisen.«
Hein überlegte. Aber es fiel ihm nichts ein, was er nun zu seiner Verteidigung vorbringen konnte.
»Was soll ich dazu noch sagen? Da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Tierchen wieder auszusetzen. Dann muss ich heute Abend wohl einen Salat essen.«
Er ging zurück zum Schiffsanleger und winkte die Kinder zu sich.
»Dann müsst ihr mir aber auch helfen, sie wieder auszusetzen.«
Nico und Marie stürmten ihm hinterher und griffen sofort in den Eimer. Jeder Krebs wurde einzeln vor die große Mauer gesetzt, damit sie sich wieder neue Verstecke suchen konnten.

Am Abend rief Mama an und fragte, ob alles in Ordnung sei. Marie antwortete ihr.
»Aber klar doch. Wir haben heute ganz vielen Tieren das Leben gerettet. Und Omas Nachbar Hein isst jetzt nur noch Gemüse. Toll, oder?«

(c) 2007, Marco Wittler