615. Der kleine Christbaum

Der kleine Christbaum

In einer großen Baumschonung am Waldrand standen Tannenbäume dicht an dicht. Eine war schöner als die andere. Selbst in ihrer Größe vesuchten sie sich gegenseitig zu überbieten. Sie würden wahrlich prächtige Christbäume in der nahen Weihnachtszeit abgeben und in jedem Wohnzimmer zum Mittelpunkt werden. Nur mitten drin stand eine kleine Tanne, die über die Jahre hinweg einfach nicht gewachsen war. Während die anderen Meter um Meter gen Himmel gestrebt waren, hatte sie es gerade mal auf schlappe dreißig Zentimeter gebracht.
Anfang Dezember war es dann irgendwann so weit. Der Waldbauer kam in die Schonung und sah sich zufrieden um. In diesem Jahr würde er mit seinen Tannen ein gutes Geschäft machen können. Nach und nach markierte er jeden einzelnen Baum mit einem bunten Bändchen. Jeder von ihnen bekam eines ab. Nur die kleine Tanne ging leer aus. Das wunderte sie, denn es war ihr allergrößter Wunsch, eines Tages in einem warmen Wohnzimmer zu stehen, mit einer Fülle Geschenke unter ihren Ästen und geschmückt mit bunten Kugeln und Lametta. Das war das Ziel einer jeden Tanne in der Baumschonung.
„Vielleicht hat er mich vergessen oder einfach nur übersehen, weil ihm eine andere Tanne im Weg stand.“, machte sich die kleine Tanne Mut.
„Wenn die anderen erstmal weg sind, dann wird er mich entdecken und zum Christbaum machen.“

Einen Tag später stand der Waldbauer wieder zwischen den Bäumen. Dieses Mal war er allerdings nicht allein gekommen. Ihm folgten mehrere starke Männer, die Sägen und Äxte in Händen hielten. Jetzt war es also soweit. Nun würden die Tannen gefällt und in den nächsten Tagen als Christbäume verkauft werden. Die Aufregung unter dem Bäumen stieg spürbar an.
Eine tanne nach der anderen wurde umgelegt und zum Hof des Bauern abtransportiert. Die Schonung wurde immer leerer. Irgendwann fiel dann auch der vorletzte Baum. Einzig die kleine Tanne stand noch in der Mitte und wartete gespannt darauf, nun selbst an der Reihe zu sein.
„Das war es dann für dieses Jahr.“, rief der Waldbauer plötzlich. „Ihr könnt einpacken, Männer.“
Die Arbeiter schafften ihr Werkzeug in mehrere Wagen und fuhren davon. Die kleine Tanne blieb allein zurück.
„Und was ist mit mir? Warum nehmt ihr mich denn nicht mit? Ich will doch auch ein Christbaum werden.“
Traurig verdrückte sie sich ein paar Tränchen und schniefte laut.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte da plötzlich ein leises Stimmchen.
Die kleine Tanne sah sich verwirrt um. Schließlich stand sie nun ganz allein in der Baumschonung. Von den Anderen waren nur ein paar Baumstümpfe und Wurzeln übrig geblieben. Dann entdeckte sie eine kleine Raupe, die auf einem ihrer Äste saß. Das kleine Insekt hatte sich mit einem langen Schal ordentlich eingewickelt und eine warme Pudelmütze aufgesetzt, um in der Winterkälte nicht zu erfrieren.
„Meinst du mich?“, fragte die kleine Tanne verwirrt.
„Ja. Natürlich meine ich dich. Wen denn sonst? Es ist ja kein anderer Baum mehr hier. Also: was ist mir dir los? Warum bist du so traurig?“
Die kleine Tanne schniefte ein weiteres Mal.
„Ach, weißt du, ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal eine stattliche Tanne zu werden und eines Tages als geschmückter Christbaum im Mittelpunkt eines warmen Wohnzimmers zu stehen und die Menschen zu erfreuen. Aber nun stehe ich hier ganz allein am kalten Waldrand und wurde einfach übersehen und vergessen.“
„Sei doch froh, dass du hier noch stehen darfst. Denk mal darüber nach, was jetzt mit den anderen Tannen geschieht. Sie wurden gefällt, ihrer Wurzeln beraubt. Sie stehen für ein paar Tage in einem viel zu warmen Wohnzimmer, verlieren nach und nach ihre Nadeln und landen nach dem Weihnachtsfest auf dem Müll. Du hingegen darfst hier am Waldrand bleiben. Ist das nicht viel schöner?“
Die kleine Tanne hätte nur zu gern ihren Kopf geschüttelt. Aber für einen Baum war das einfach zu schwer.
„Nein. Du verstehst das nicht, kleine Raupe. Ich bin eine Tanne. Es ist meine Aufgabe, ein Christbaum zu werden. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Ich lande gerne irgendwann auf dem Müll, wenn ich dafür den Menschen für ein paar Tage Glanz und Freude in die Häuser bringen darf. Außerdem ist es kein wirklich schönes Leben, wenn man ganz allein in der Baumschonung lebt und einsam ist.“
Die kleine Raupe seufzte. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wünschte der kleinen Tanne alles Gute und krabbelte davon.

Am nächsten Tag tat sich wieder etwas am Waldrand. Es war eine kleine Mäusefamilie, die von Baumstumpf zu Baumstumpf lief. Überall schnupperten sie und suchten nach etwas, das sie aber nicht finden konnten.
„Haben wir dieses Jahr wirklich Pech?“, war der Mäusevater enttäuscht. „Jedes Jahr hinterlassen die Menschen beim Fällen der Bäume ein paar grüne Tannenzweige, die wir als Christbaum benutzen können, aber dieses Mal gehen wir wohl leider leer aus. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest für unsere kleinen Mäusekinder. Wir werden die Geschenke in diesem Jahr wohl unter den Küchentisch legen müssen.“
Er wollte schon umkehren und seine Familie zurück in ihre Höhle scheuchen, als sein Blick auf die kleine Tanne fiel.
„Was ist denn das? Träume ich etwas oder wollen mir meine alten Augen einen Streich spielen? Das kann doch gar nicht wahr sein?“
Langsam näherte er sich der kleinen Tanne und schnupperte an ihr.
„Es ist ein Tannenbaum, ein richtig echter Tannenbaum, nicht nur ein paar gefallene Zweige. Das habe ich noch nie erlebt.“
Er wischte sich ein paar Freudentränen aus dem Gesicht. Dann machte er sich vorsichtig an die Arbeit und buddelte die kleine Tanne vorsichtig aus der Erde. Dann brachte die Mäusefamilie ihren Fund gemeinsam nach Hause und pflanzte ihn vor der Höhle wieder in den Waldboden.
Während der Mäusevater in Windeseile alle Verwandten aus der Umgebung zum bevor stehenden Weihnachtsfest einlud, schmückte die Mäusemutter die kleine Tanne und verwandelte sie in einen echten Christbaum. Ein paar Stunden später versammelten sich die Mäuse des Waldes um sie herum, sangen Weihnachtslieder und bedachten sich gegenseitig mit kleinen Geschenken.
Der kleinen Tanne war es warm ums Herz geworden. Ihr großer Traum war endlich wahr geworden. Sie war nun ein echter Christbaum. Sie stand zwar nicht in einem warmen Wohnzimmer, dafür war sie aber auch nicht gefällt worden.

Jahr für Jahr trafen sich nicht nur die Mäuse, sondern immer mehr Tiere des Waldes am kleinen Christbaum und feierten gemeinsam Weihnachten. Jahr für Jahr wurde sie größer und größer und entwickelte sich zu einer stattlichen Tanne, deren Glanz den ganzen Wald erleuchtete.
„Ich bin nicht nur ein Christbaum geworden.“, dachte sich die Tanne an jedem Weihnachtsfest. „Ich bin auch ein großer Baum geworden und darf Jahr für Jahr Christbaum sein. Das haben die anderen Tannen aus der alten Baumschonung nicht geschafft.“

(c) 2017, Marco Wittler

614. Das neue Kinderzimmer

Das neue Kinderzimmer

Tim saß in seinem Schrank und las in seinem Lieblingsbuch.
Moment mal. Er saß im Schrank? Ja, tatsächlich. Und das hatte auch einen guten Grund. Denn Tim und seine Familie waren erst vor ein paar Wochen in ein neues Haus gezogen. Im Kinderzimmer fehlte es bisher noch an ordentlichen Möbeln.
In der einen Ecke stand das Bett, in der anderen der Schreibtisch und gegenüber der große, alte Kleiderschrank, der schon seit über einhundert Jahren im Besitz der Familie war. Und weil Tim noch keinen gemütlichen Sessel besaß und kein Sofa, hatte er es sich mit ein paar dicken Kissen unter dem Po im Schrank gemütlich gemacht. Um ordentlich lesen zu können, trug er seine Stirnlampe auf dem Kopf, die er sonst beim abendlichen Laufen mit Papa benutzte.
In diesem Moment steckte Mama den Kopf durch die Tür und suchte ihren Sohn.
„Tim? Wo bist du?“
Sie suchte kurz in jeder Richtung, bis es ihr wieder einfiel.
„Sitzt du schon wieder im Schrank? Warum setzt du dich denn zum Lesen an den Schreibtisch oder auf dein Bett? Der Schrank ist doch viel zu ungemütlich. Außerdem macht man sowas einfach nicht.“
Tim öffnete eine der beiden Türen und sah nach draußen.
„Wieso macht man das nicht? Steht das irgendwo geschrieben? Gibt es da ein Gesetz oder eine Regel?“
Dann hielt er Mama sein Buch unter die Nase.
„Du glaubst ja nicht, wozu Schränke so alles benutzt werden. In diesem Roman gehen sogar durch den Schrank in das Land Narnia und erleben unglaubliche Abenteuer.“
Mama seufzte.
„Aber Narnia ist nur eine Geschichte.“
Tim grinste.
„Wer weiß. Vielleicht leben wir ja auch nur in einer Geschichte, die gerade jemand liest.“
Jetzt musste Mama lachen. Dass sie nur Teil einer Gute Nacht Geschichte sein sollte, konnte sie sich so gar nicht vorstellen.
An meinem Schreibtisch ist es viel zu ungemütlich.“, erklärte Tim. „Und das Bett ist zum Schlafen gedacht. Ich finde es halt einfach cool, einen ganz besonderen Platz zum Lesen zu haben.“
Mama gab es auf. Gegen so viele Argumente kam sie im Moment einfach nicht an – noch nicht. Aber bis Weihnachten sollte sich das geändert haben.

Eine Woche später war es dann so weit. Heiligabend. Tim hatte seit Gestern seine zeit bei Oma verbracht und würde erst zur Bescherung wieder zu Hause sein. Währenddessen war Papa im Kinderzimmer besonders fleißig gewesen. Die alten Möbel hatte er abgebaut und durch ganz neue ersetzt.
In der einen Ecke stand nun ein Hochbett, darunter ein gemütliches Sofa mit einem schicken Bücherregal, das darauf wartete, mit spannenden Geschichten gefüllt zu werden. Zumindest ein großer MP3 Player stand schon drin. Daneben, unter dem Fenster stand auch ein neuer Schreibtisch mit passendem Drehstuhl. Der alte Familienschrank stand nun im Wohnzimmer und war einem anderen gewichen, der zum restlichen Zimmer passte. Das einzige, was noch fehlte, waren Bilder und Poster. Aber die sollte sich Tim später selbst aussuchen.
„Jetzt kann Tim es sich auf dem Sofa so richtig gemütlich machen.“, war Mama stolz auf die Auswahl der Möbel, die sie getroffen hatte.

Die Bescherung war ein voller Erfolg gewesen. Tim war von seinem neuen Zimmer begeistert. Endlich ein cooles Hochbett. Endlich beim Einschlafen Höhenluft schnuppern. Und für das Bücherregal hatte es auch schon eine ordentliche Füllung gegeben. Oma hatte ein paar spannende Bücher gefunden und ihrem Enkel geschenkt. Was für ein tolles Weihnachtsfest.
Irgendwann nach dem Essen saßen Mama, Papa und Oma allein Im Esszimmer und tranken gemeinsam Kaffee. Tim war mittlerweile verschwunden.
„Wo ist der Junge eigentlich?“, fragte Oma neugierig.
„Der hat seine Nase bestimmt schon in die neuen Bücher gesteckt.“, lachte Mama. „Du weißt doch, wie gern er liest.“
Sie standen auf und machten sich auf den Weg ins Kinderzimmer. Aber dort war Tim nicht zu finden. Das Bett war leer, das Sofa mit Kuscheltieren überfüllt. Ein Kind hätte darauf keinen Platz mehr gefunden.
Mama dachte kurz nach, dann öffnete sie den Kleiderschrank. Doch auch da war Tim nicht zu finden.
„Tim? Wo bist du?“, rief sie durch das Haus.
Tim meldete sich und seine Stimme schien aus dem Wohnzimmer zu kommen.
„Ich bin hier!“
Die Familie ging neugierig ins Wohnzimmer. Doch auch dort war das Sofa leer.
„Tim?“
Die Tür des alten Schranks öffnete sich. Tim saß grinsend darin. Unter seinem Po lagen dicke Kissen. Er hatte ein Buch in der Hand und seine Stirnlampe auf dem Kopf.
„Ja?“
„Was machst du denn da?“, wollte Mama wissen.
„Danke für das neue Kinderzimmer und das tolle Sofa.“, erklärte Tim. „Aber das hier ist halt einfach der coolste Leseplatz im ganzen Haus.“

(c) 2017, Marco Wittler

613. Weiße Weihnachten

Weiße Weihnachten

„Ob es dieses Jahr schneien wird?“
Hannah sah zuerst auf auf den Kalender, dann durch das Fenster nach draußen. Es war definitiv kalt genug für Schnee. Es würde am heutigen Heligabend nicht regnen, wie es in den Jahren zuvor geschehen war. Aber eines fehlte zum weißen Glück. Die Wolken. Der Himmel war sternenklar.
„Nein. Ich habe wohl auch dieses Jahr wieder Pech. Ist das doof.“
In diesem Moment kam Papa in den Hausflur.
“ Nicht gleich traurig sein. Es wird schon irgendwann ein Weihnachtsfest geben, das weiß sein wird.“
„Aber wie lange soll das denn nich dauern? Ich bin jetzt zehn Jahre alt und habe noch nie weiße Weihnachten erlebt. Soll ich erst eine Oma werden? So lange halte ich das nicht mehr durch.“
Papa dachte kurz nach. Dann grinste er über das ganze Gesicht.
„Ich glaube, ich habe da eine Idee.“
Er ging in den Keller und kam wenige Minuten später mit mehreren Sprühflaschen und einem Ventilator zurück, den er mit einer Handkurbel ausgestattet hatte.
„Was hast du denn damit vor?“
„Wir machen unseren eigenen Schnee. Alles was wir dafür brauchen ist eine Schneemaschine.“
Er öffnete ein Fenster, stellte den Ventilator auf das Fensterbrett und begann zu an der Kurbel zu drehen.
„Die Kurbel ist wichtig. Wir dürfen keinen Strom benutzen, weil das mit Wasser zu gefährlich ist.“
Dann nahm er eine der Flaschen und versprühte ganz feine Wassertropfen, die durch den Ventilator verwirbelt und nach draußen gepustet wurden. Danach dauerte es nur wenige Augenblicke, bis sich die feinen Tropfen in kleine Schneeflocken verwandelten. Es schneite.
„Juhuu! Papa, du bist der Größte.“
Hannah schnappte sich auch eine Sprühflasche und half mit, die erste weiße Weihnacht ihres Lebens zu erschaffen.

(c) 2017, Marco Wittler

612. Es gibt ihn nicht

Es gibt ihn nicht

Am Weihnachtsabend saß Finn gespannt in einem großen, gemütlichen Ohrensessel und wartete gespannt. Die Zeit verrann. Sekunde für Sekunde, Minute für Minute und Stunde für Stunde.
„Wo bleibt er denn?“, wurde er langsam ungeduldig. „Ich bin jedes Jahr zu früh eingeschlafen und habe mich nie bei ihm für meine Geschenke bedanken können. Dieses Mal werde ich es aber schaffen.“
Papa, der gegenüber auf dem Sofa saß, kratzte sich verwirrt am Kinn und bekam einen neugierigen Gesichtsausdruck.
„Ihn? Wen meinst du denn?“
Finn seufzte theatralisch.
„Mensch, Papa. Stell dich nicht dümmer, als du bist. Du weißt genau, wen ich meine: natürlich den Weihnachtsmann.“
Nun seufzte auch Papa.
„Pass mal auf.“, Begann er ganz ruhig in einem Tonfall, in dem er gern schwierige Dinge erklärte.
„Weißt du, das mit sem Weihnachtsmann ist so eine komische Sache.“
Finn bekam große Augen, während Papa nervös aufstand und durch das Wohnzimmer ging. Irgendwann blieb er vor dem großen Kamin stehen.
„Es gibt ihn gar nicht. Er ist nur ein Märchen für kleine Kinder. Aber da du jetzt schon etwas älter bist, wird es Zeit für sie Wahrheit.“
Finn schluckte.
„Wen meinst du? Wen gibt es nicht?“
„Den Weihnachtsmann.“
Finn schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
„Ach Papa. Warum erzählst du mir denn so eine Lügengeschichte. Du willst mich mal wieder auf den Arm nehmen. Ich weiß doch ganz genau, dass es ihn doch gibt.“
„Aha.“, machte Papa. „Und woher willst du das so genau wissen?“
Finn zeigte mit dem Finger hinter Papa und grinste.
„Weil er gerade durch den Kamin herunter geklettert ist und hinter dir steht.“
Papa drehte sich um und erschrak. Da stand tatsächlich der Weihnachtsmann hinter ihm.
„Ja … ääh … also … öhm …“
Er wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Also verzog er sich schnell mit einem roten Gesicht aus dem Wohnzimmer.
„Und mich gibt es doch.“, grinste der Weihnachtsmann und drückte Finn ein Geschenk in die Hand.
„Vielen Dank für die vielen, tollen Geschenke, die du mir immer gebracht hast.“
„Immer wieder gern. Du bist ja auch immer ein artiger Junge.“
Dann verabschiedete er sich und kletterte durch den Kamin zurück aufs Dach.

(c) 2017, Marco Wittler

611. Weihnachten in der Telefonzelle

Weihnachten in der Telefonzelle

Max saß gelangweilt in seinem Zimmer. Nur zu gern wäre er nach draußen gegangen, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Aber das ging heute nicht, denn es war Weihnachten. Da blieb man natürlich bei der Familie.
Heiligabend war schon vorbei, der erste Feiertag auch. Nun war der zweite Weihnachtstag dran. Das war der langweiligste Tag von allen. Da passierte gar nichts mehr. Die Verwandtschaft war schon wieder auf dem Weg nach Hause. Heute würde es nur noch Brettspiele mit Mama, Papa und Max Schwester Emmi geben. Laaangweilig!
Max sah aus dem Fenster. Sein Blick fiel auf die alte Telefonzelle, die auf dem Dorfplatz stand. Seit einer Ewigkeit hatte niemand mehr einen Anruf in ihr getätigt. Es besaß schließlich jeder ein Handy. So war die Zelle mittlerweile zum Treffpunkt der Dorfjungs geworden. Aber selbst die waren im Moment nicht zu sehen. Sie alle waren zu Hause bei ihren Familien und langweilten sich.
Max ging seufzend ins Wohnzimmer und setzte sich zu den anderen an den großen Esstisch, auf dem Papa gerade ein Spiel aufbaute.
„Kann ich nicht nach draußen gehen? Meine Freunde kommen auch gleich. Wir wollen ein bisschen labern und so.“
Nun seufzte auch Papa.
„Es ist Weihnachten. Die anderen sitzen bestimmt auch nicht in der Telefonzelle. Außerdem ist es ganz schön kalt geworden. Ihr holt euch nur eine Lungenentzündung, wenn ihr stundenlang da draußen nur so rumsteht.“
„Ich kann mir meine Winterjacke anziehen. Damit friere ich auch nicht. Hab ich eh noch nie.“
Papa schüttelte den Kopf.
„du bleibst schön hier im Warmen. Außerdem kommt gleich noch Besuch. Dann solltest du hier sein?“
„Besuch? Heute? Weihnachten ist doch schon fast vorbei. Och nee.“
Schon wollte sich Max in sein Zimmer verkriechen, als es an der Tür klingelte.
„Zu spät. Sie sind schon da.“, sagte Papa und ging in den Flur zur Tür.
Er öffnete und mehrere Familien aus der Nachbarschaft kamen herein. Seltsamerweise waren das alle Eltern von Max Freunden. Seine Freunde waren ebenfalls dabei. Sie alle sahen nicht grad glücklich aus. Statt bei den Eltern zu sitzen, wollten sie doch in die Telefonzelle, dem kultigsten Treffpunkt aller Zeiten. Da konnte man auch mal die Zähne zusammen beißen und ein paar Stunden frieren.
„Wir haben uns da mal was überlegt.“, begann Papa den Jungs zu erklären.
Da es nun wirklich zu kalt ist, um draußen in einer Telefonzelle zu stehen und es ganz schön früh dunkel wird, haben wir eine Überraschung für euch alle geplant.“
Err öffnete die Tür zum Keller und ging die Treppe hinab. Er gab den Besuchern und auch Max zu verstehen, dass sie ihm folgen sollten. Zielstrebig steuerte er den Partyraum an, in dem sich eine Theke und ein paar Sitzgelegenheiten befanden.
„Aber Papa. Das ist nicht das selbe. Wir lieben unsere Telefonzelle.“
Papa grinste und ging in den Partyraum. Allerdings ließ er das Licht abgeschaltet. Es blieb so dunkel, dass niemand etwas sehen konnte.
„Seid ihr alle drin?“, fragte er. „Gut, dann wird es Zeit für unsere Überraschung.“
Er drückte auf den Lichtschalter, es wurde hell. Die Jungs rieben sich erst die Augen, dann sahen sie sich um, nur um sich dann ungläubig wieder die Augen zu reiben.
„Eine Telefonzelle?“, fragte Max. „Eine echte Telefonzelle in unserem Keller? Ist das dein Ernst? Das ist da irre.“
Er drückte Papa an sich und bestaunte dann den neuen Treffpunkt der Jungs.
„Weihnachten ist doch irgendwie ganz cool.“, waren sie sich einig. Nun mussten sie über die Wintermonate nicht mehr frieren.

(c) 2017, Marco Wittler

610. Warten auf den Weihnachtsmann

Warten auf den Weihnachtsmann

Noch nie hatte ihn jemand zu Geischt bekommen. Naja, zumindest hatte ihn noch kein Kind gesehen, denn die Erwachsenen behaupteten immer wieder, dass sie mit ihm in engem Kontakt stehen würden. Der Weihnachtsmann war das letzte, große Geheimnis dieser Welt, das es noch aufzudecken gab. Einer, der sich daran beteiligte, war Paul.
Paul hatte sich mit seinem besten Freund Finn abgesprochen. Gemeinsam wollten sie in der Weihnachtsnacht wach bleiben, um den Weihnachtsmann auf frischer Tag zu ertappen. Sie wollten beide sehen, wie er mit dem Geschenkesack den Kamin herunter kam.
Nachdem Mama und Papa ins Bett gegangen waren, stand Paul wieder auf und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer zurück. Dort machte er es sich mit einer Packung Keksen, einer Flasche Milch und einer dicken Wolldecke gemütlich. Um nicht doch noch einzuschlafen, hatte er sich sein Lieblingsbuch mitgenommen.
Stunde um Stunde verging, aber bisher war der Weihnachtsmann noch nicht aufgetaucht. Auch bei Finn, mit dem er sich per Handys Nachrichten schrieb, hatte sich bisher nichts getan.
Also steckte Paul seine Nase weiter in sein Buch und las weiter. Aber mit jeder Seite wurde er müder. Irgendwann begannen die einzelnen Buchstaben scheinbar vor seinen Augen zu tanzen. Sie hüpften von oben nach unten und von links nach rechts. Sie tauschten ihre Plätze und verwirrten ihren kleinen Leser, wie sie nur konnten.
Irgendwann verdrehte Paul die Augen und rieb sie sich kräftig. Dann gähnte er laut.
„Puh, ist das anstrengend. Ich hätte nicht gedacht, dass Warten so müde machen kann.“
Er aß ein paar Kekse, trank einen großen Schluck Milch und versuchte es weiter mit seinem Buch. Immer wieder sah er verstohlen zum Kamin. Aber dort war niemand zu sehen.
Ein paar Minuten später begannen Pauls Augenlider zu flattern. Er konnte sie kaum noch offen halten und gähnte nun immer öfter. Kurz darauf war er eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wurde er von der Sonne geweckt. Er sah sich schnell um. Unter dem Christbaum lagen Geschenke. Die Kekse, die noch vor ein paar Stunden neben ihm lagen, waren komplett aufgegessen, die Milchflasche war leer.
„Verdammt. Ich hab ihn verpasst.“
Er schrieb eine Nachricht an Finn. Auch sein Freund war irgendwann eingeschlafen und hatte niemanden im Wohnzimmer gesehen.
Verärgert stand Paul auf und wollte in sein Zimmer gehen. Da fiel sein Blick auf einen Brief, der am Abend noch nicht da gewesen war. Er öffnete den Umschlag, holte einen Zettel hervor und las, was darauf geschrieben stand.

Lieber Paul.
Vielen Dank, dass du versucht hast, auf mich zu warten. Es ist nicht schlimm, dass du dabei eingeschlafen bist. Ich bin nachts auch immer müde. Aber vielleicht sehen wir uns ja im nächsten Jahr.
Dein Weihnachtsmann

Paul staunte. Es gab den Weihnachtsmann tatsächlich. Dieser Brief war der Beweis. Oder vielleicht doch nicht? Er wusste es einfach nicht. Deswegen nahm er sich jetzt schon vor, im nächsten Jahr einen neuen Versuch zu starten.

Zur gleichen Zeit landete der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten am Nordpol. Bevor er ausstieg, bedankte er sich noch bei seinem guten Freund, dem Sandmännchen.
„Vielen Dank, mein Freund.“, sagte er schmunzeld. Wenn du nicht helfen würdest, hätte mich schon längst ein Kind entdeckt. Aber mit deinem Sand bekommst du sie alle zum Schlafen.“

(c) 2017, Marco Wittler

609. Weihnachtspullis von Oma

Weihnachtspullis von Oma

Es klingelte an der Tür. Draußen stand der Paketbote und hielt einen großen Pappkarton in Händen. Mama öffnete und nahm es verwirrt entgegen. Sie hatte nichts bestellt und wusste auch nicht, dass jemand etwas schicken wollte.
Sie brachte das Paket ins Wohnzimmer und stellte es auf den großen Esstisch, während der Rest der Familie neugierig herbei kam.
„Was ist denn da drin?“, wollte Mia wissen.
„Nun warte doch erstmal ab, bis sie es geöffnet hat. Außerdem wollte ich das auch grad fragen.“, mischte sich sofort ihre ältere Schwester Lina ein, die nicht weniger neugierig war.
Nur Papa war die Ruhe selbst. Er setzte sich mit einer großen Tasse Kaffee an den Tisch und trank einen Schluck.
„Ganz ruhig, Mädels. Ihr erfahrt schon noch früh genug, was da drin steckt. Was steht eigentlich auf dem Absender?“
Mama drehte und wendete das Paket, konnte aber nicht feststellen, wer es geschickt hatte. Dann nahm sie ein Messer und zerschnitt vorsichtig das Klebeband.
„Ich schaue einfach rein. Mal schauen, ob wir dann schlauer sind.“
Ganz oben auf dem Inhalt lag ein Brief. Es musste ein Weihnachtsbrief sein, denn auf dem Umschlag waren Christbäume, Engel und Schneeflocken abgebildet. Auf seiner Vorderseite stand etwas in schnörkeliger Schönschrift geschrieben.

Für meine geliebte Familie
von Oma

„Ein Weihnachtspaket von Oma? Aber wir fahren doch an Weihnachten immer zu ihr und bekommen unsere Geschenke dort.“, wunderte sich Mia.
Mama öffnete den Umschlag und holte den Brief heraus. Sie las den anderen vor, was darin geschrieben stand.

Liebe Petra, lieber Manfred, meine lieben Enkelinnen Lina und Mia.
Jedes Jahr freue ich mich darauf, dass ihr die lange Fahrt durch das ganze Land auf euch nehmt und mich zum Weihnachtsfest besuchen kommt. Das hätte mir auch dieses Jahr gefallen. Aber daraus wird leider nichts.
Meine liebe Freundin Annegret hat bei einem Preisauschreiben eine Kreuzfahrt mit einem großen Schiff gewonnen. Und mich nimmt sie mit. Zwei Tage vor Weihnachten geht es los und erst Anfang des neuen Jahres sind wir wieder zurück. Zwei Wochen Meer, Swimming Pools, leckeres Essen und ganz viele Städte zu bestaunen. Ihr versteht bestimmt, dass ich dieses Angebot nicht ablehnen konnte.
Aber weil ich euch eure Weihnachtsgeschenke nicht vorenthalten möchte, habe ich sie euch jetzt schon geschickt. Ratet mal, was ihr bekommt? Es hat etwas mit meinem neuen Hobby zu tun. Ich stricke nämlich seit ein paar Monaten leidenschaftlich gern.

Liebe Grüße von Oma

„Oma strickt?“, wunderte sich Mia. „Ich dachte immer, das könnte sie nicht leiden.“
„War auch so.“, erinnerte sich Mama.
„Ach, und hier steht noch, dass sie sich ein paar Fotos mit den Geschenken wünscht. Die sollen wir ihr dann mit dem Handy schicken.“
Lina, die schon etwas Unangenehmes befürchtete, griff in das Paket und holte etwas Wolliges daraus hervor.
„Ein Strickpullover? Weiß Oma denn nicht, dass ich sowas gar nicht anziehe? Ist doch voll uncool.“
Es waren vier Pullover an der Zahl. Jeder Einzelne hatte ein Namensschild aus Papier am Kragen. Papa bekam einen schlichten Pulli in schwarz, Mama einen in weiß. Mia faltete ihren auseinander und entdeckte darauf einen Weihnachtsschlitten mit Rentieren.
„Der ist ja super.“, freute sie sich. „Ein richtiger Weihnachtspullover. Darf ich den gleich anziehen?“
Lina verdrehte die Augen. Weihnachtspullis waren in ihren Augen noch viel uncooler als die Normalen. Sie nahm ihren in die Hände, faltete ihn auseinander und besah ihn sich äußerst kritisch von allen Seiten.
„Ein Weihnachtsbaum?“, fragte sie angeekelt. „Ist das ihr Ernst? Wer soll denn sowas anziehen? Da wäre mir der Schwarze von Papa sogar lieber.“
„Und die müssen wir dann auch noch für Fotos anziehen.“, seufzte Mama.
„Das könnt ihr vergessen.“, beschwerte sich Lina. „Da mache ich nicht mit. Wenn das meine Freunde sehen, dann kann ich gleich einpacken. Dann bin ich unten durch.“
Mia grinste. Sie hatte plötzlich eine Idee, die sie Papa ins Ohr flüsterte. Er nickte kurz und verschwand ohne ein Wort in der nahen Abstellkammer. Er kramte ein wenig durch die Regale, dann kam er mit einem Pappkarton zurück.
Dann zog er sein Hemd aus, schlüpfte in Linas Weihnachtsbaumpullover und grinste nun ebenfalls.
„Passt als wäre er für mich gemacht.“
Er öffnete den kleinen Karton und holte ein paar bunte Weihnachtskugeln daraus hervor. Diese hängte er einzeln an die Maschen den Pullovers und verzierte ihn so noch zusätzlich.
„Jetzt sieht es auch wie ein echter Weihnachtsbaum aus.“, erklärte er. „Das Foto wird Oma bestimmt gefallen.“
„Weihnachtsbaum? Das ist eher ein Weihnachtsbauch.“, lachte Mama und piekte Papa mit dem Zeigefinger in seinen dicken Bauch.
Mit dieser Lösung konnte nun auch Lina leben. Sie zog den schwarzen Pullover an und ließ sich dann mit der ganzen Familie für Oma fotografieren.

(c) 2017, Marco Wittler

608. Einsame Weihnachten

Einsame Weihnachten

Felix konnte es kaum noch aushalten. Die Anspannung in ihm war riesig groß und würde bestimmt bald aus ihm raus platzen.
„Wann fahren wir denn endlich?“, drängelte er immer wieder.
„Gleich.“, beruhigte ihn Mama. „Papa packt nur noch die letzten Taschen ins Auto. Du kannst dir ja schon deine Jacke anziehen und die Mütze aufsetzen.“
„Juhuu!“, jubelte Felix. „Endlich geht es los. Endlich kann ich Oma wiedersehen.“
Und insgeheim dachte er auch schon an die Bescherung am Abend. Er freute sich riesig auf seine Weihnachtsgeschenke. Was er wohl dieses Jahr alles bekommen würde?
Zehn Minuten später saß die ganze Familie im Auto und fuhr los. Es ging durch die kleine Wohnsiedlung, bis sie an einem kleinen Café auf die Hauptstraße einbogen.
„Da ist ja noch Licht an. Ich dachte, an Weihnachten haben alle Geschäfte geschlossen und die Besitzer feiern auch mit ihren Familien.“
„Im Normalfall ist das auch so. Aber der alte Gerd sitzt jedes Jahr allein in seinem Café. Er deckt die Tische ein, kocht Kaffee, backt Kuchen und wartet auf Gäste. Das war schon immer so.“
Ganz alleine Weihnachten feiern? Das gefiel Felix überhaupt nicht.
„Kann man denn da gar nichts machen? Können wir den Gerd nicht mal zu Weihnachten einladen? Der ist immer so nett zu uns, wenn wir bei ihm Kuchen essen.“
Papa seufzte.
„Diese Idee hatte ich auch schon ein paar Mal. Ich habe den alten Gerd schön öfter eingeladen. Aber bis jetzt hat er immer abgelehnt. Er sagte, dass er nicht allein wäre und sich in seinem Café wohl fühlen würde.“
Sie fuhren weiter. Oma wartete bestimmt schon. Aber irgendwie war die Weihnachtsfreude nicht mehr ganz so groß, wie vorher.
„Können wir es nicht noch einmal versuchen? Vielleicht mag der Gerd dieses Jahr doch mal mit uns feiern.“
Papa nickte. „Na gut. Einmal versuchen wir es noch.“
Er drehte am nächsten Kreisverkehr und fuhr zurück zum Café. Dann parkte er sein Auto davor und alle stiegen aus. Gemeinsam betraten sie die warme Stube, in der es bereits lecker nach Kaffee und Kuchen duftete.
„Guten Abend, Gerd. Wir wünschen dir frohe Weihnachten.“, sagte Papa.
Der alte Gerd lächelte.
„Frohe Weihnachten. Was kann ich für euch tun?“
„Ähm … ja … also …“
Papa stotterte etwas herum, bevor er mit der Sprache raus kam.
„Du kennst das ja. Weihnachten ist das Fest der Liebe, Freundschaft, des Beisammenseins. Und an Tagen wie diesen sollte niemand allein sein. Deswegen wollte ich wieder mal fragen, ob du Weihnachten nicht mit uns zusammen verbringen möchtest.“
Gerd lächelte noch immer.
„Vielen Dank für euer Angebot. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber mir geht es eigentlich ganz gut. Und ich werde auch nicht so ganz allein sein. Ich bekomme bestimmt bald Gäste. Sie sind schon auf dem Weg zu mir. Ich Kuchen gebacken, Kaffee gekocht und die Tische sind auch fertig eingedeckt. Es wird bestimmt ein schöner, besinnlicher und fröhlicher Abend. Nehmt es mir also bitte nicht übel, wenn ich auch dieses Jahr euer Angebot ablehne.“
Papa wollte es noch ein zweites Mal versuchen, Gerd zu überreden, aber dieser winkte sofort ab.
„Ihr müsst euch wirklich keine Sorgen um mich machen. Es ist alles in bester Ordnung. Und nun macht euch wieder auf den Weg. Ihr wollt doch nicht zu spät kommen. Außerdem werden meine eigenen Gäste bald da sein.“
In diesem Moment waren bereits laute Geräusche von draußen zu hören. Was er genau hörte, konnte Felix gar nicht sagen. Es klang wie das Geklapper von Hufen auf Asphalt, wie das Klingen von kleinen Glöckchen, Gelächter und anderen Dingen.
Nun war es der alte Gerd, der seufzte. „Ach je. Sie sind zu früh dran. Der Chef ist wohl eher fertig geworden. Er wird bestimmt nicht begeistert sein, wenn hier noch andere Gäste im Café sind. Sobald er seine Arbeit erledigt hat, ist er froh, Ruhe zu haben.“
Die Tür öffnete sich und eine große Schar Leute stürmte herein. Es waren aber keine üblichen Gäste. Keiner von ihnen schien ein Mensch zu sein. Sie waren nicht größer als Felix, trugen Anzüge in rot und grün und hatten spitze Ohren.
„Weihnachtselfen!“, entfuhr es Felix überrascht. „Es gibt sie wirklich.“
Er dachte hitzig nach. „Aber das bedeutet dann auch, dass es auch ihn gibt, den …“
Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht. Denn dann stand er auch bereits in voller Größe und Breite in der Tür.
„… Weihnachtsmann.“, beendete der alte Gerd den Gedanken und begrüßte damit seinen berühmten Gast.
„Ich freue mich, dass du es geschafft hast. Setz dich doch. Dein Kaffee kommt gleich.“
Er versuchte, den Blick des Weihnachtsmanns auf die unerwarteten Gäste zu verdecken. Doch das gelang ihm nicht.
„Wen haben wir denn da?“, rief der Weihnachtsmann erfreut. Er baute sich vor Felix auf, hängte seine Daumen in seinem breiten Gürtel ein und betrachtete den Jungen von oben bis unten.
„Felix Schmidt. Kenn ich doch. Bist ein braver Junge dieses Jahr gewesen. Schön, dich und deine Familie mal persönlich zu treffen.“
Er schüttelte jedem die Hand.
„Hey Gerd. Warum hast du nicht gesagt, dass du noch mehr Gäste eingeladen hast? Dann hätte ich die Geschenke gleich mitgebracht. Und wo ist die Oma von Felix? Die fehlt doch noch in unserer Runde. Sie backt immer so leckere Kekse für mich. Holt sie her!“
Papa nickte sofort, holte seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und stürmte dann nach draußen zu seinem Wagen. Dann gab er Gas und fuhr schnell los, um Oma zu holen.
Den restlichen Abend verbrachten sie alle gemeinsam in Gerds Café und hatten so viel Spaß wie nie zuvor an Weihnachten.

(c) 2017, Marco Wittler

607. Das peinliche Wichtelgeschenk

Das peinliche Wichtelgeschenk

Nick betrat andächtig die Schule. Heute war ein besonderer Tag. Es war der letzte Unterricht vor den Weihnachtsferien. Heute würden sie nichts mehr lernen müssen. Stattdessen durfte jeder Kekse mitbringen und kurz Schulschluss wurde unter den Kindern in seiner Klasse gewichtelt.
Für das Wichteln hatte jedes Kind ein Geschenk mitgebracht. Im Gegensatz zum letzten Jahr, hatte Nick die Regeln etwas verändert. In seiner Aufgabe als Klassensprecher hatte er einen entsprechenden Vorschlag gemacht, der auch angenommen wurde.
Vorbei war nun die Zeit, in der die meisten Kinder unzufrieden mit ihren Geschenken waren. Niemand sollte mehr ein Geschenk bekommen, das er nicht mochte. Jeder sollte sich etwas aussuchen dürfen. Und darauf freute er sich schon sehr. Aber bis dahin war noch etwas Zeit.
Statt nun in den Klassenraum zu gehen, blieb Nick an der Eingangstür der Schule stehen. Er wartete auf seine Mitschüler und begrüßte an diesem Tag jeden einzelnen persönlich. Nach und nach trudelten sie ein. Wenn einer von ihnen mit dem Auto gebracht wurde, versuchte Nick zu erraten, wer sich darin befand.
In den ersten Wagen, der vorfuhr, konnte Nick nicht hinein sehen. Die Fenster der Rückbank waren mit Einhornbildern verziert.
„Das muss eins von unseren Mädchen sein.“, war er sich sicher. „Ich tippe auf Sofie.“
Der Wagen blieb stehen. Die Tür öffnete sich. Statt Sofie stieg aber ein Junge aus. Es war Max, der mit hochrotem Kopf auf schnellstem Weg in die Schule lief. Als er an Nick vorbei kam, flüsterte er ihm schnell etwas zu.
„Du hast nichts gesehen. Vor allem keine Einhörner.“
Dann lief er weiter in die Klasse.

Ein paar Schulstunden und etliche Kekse später war es dann so weit. Das Wichteln begann. Nick stand vorne am Pult und griff nach und nach in einen großen Sack. Er holte jedes Päckchen einzeln hervor und öffnete das Geschenkpapier. Zu jedem fand sich ein Kind, dass sich über die Geschenke freute.
Fast zum Schluss, es waren nur noch zwei Päckchen übrig, hielt Nick ein buntes Einhorn mit langer Regenbogenmähne in den Händen. Er sah durch die Klasse, stellte aber fest, dass alle Mädchen bereits ein Geschenk in Händen hielten. Und dann fiel sein Blick auf Max. Kurz sah er in dessen Augen riesige Begeisterung. Doch dann schüttelte dieser kaum merklich den Kopf. Es schien ihm zu peinlich zu sein, ein Geschenk anzunehmen, über das sich sonst nur Mädchen freuen würden. Er musste große Angst haben, dass die anderen Jungs ihn auslachen würden.
Wie zur Bestätigung kam aus der letzten Reihe sofort ein dummer Spruch.
„Na los, Nick, gib Max das Einhorn. Der kann das bestimmt gebrauchen. Der hat auch noch kein Geschenk.“
Sofort begannen die anderen Jungs zu lachen, während MAx ganz rot im Gesicht wurde.
„Nix da!“, sagte Nick mit fester Stimme. „Das Einhorn bleibt bei mir. Sowas hab ich mir schon immer gewünscht.“
Die Jungs in der Klasse verstummten. Der coole Nick stand auf Einhörner? Damit hatte keiner von ihnen gerechnet. Waren Einhörner vielleicht doch ein tolles Spielzeug?
Niemand traute sich, Nick zu beleidigen oder ihn auszulachen. Er war immerhin der Klassensprecher und sehr beliebt. Mit ihm wollte niemand Streit haben.
Das letzte Geschenk, ein Spielzeugauto landete schließlich in den Händen von Max.

Kurz nach Schulschluss verabschiedete Nick seine Klassenkameraden an der Tür des Klassenraums. Der letzte, der noch blieb, war Max, der schließlich ganz verlegen auf ihn zukam.
„Hey, danke. Das hätte ich echt nicht von dir gedacht. Ich bin echt froh, dass du mir geholfen hast. Die anderen hätten mich bestimmt voll fertig gemacht, wenn sie wüssten, dass ich Einhörner mag.“
Nick grinste und tauschte sein Einhorn gegen das Auto.
„Ist doch nur ein Einhorn. Nichts, wofür man fertig gemacht werden sollte. Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.“
Gemeinsam verließen sie die Schule. Kurz bevor sich ihre Wege trennten, verriet auch Nick noch ein großes Geheimnis, das niemand sonst wissen sollte.
„Wenn bei uns eine Feier ansteht, dann tragen mein Papa und ich immer rosa Hemden, weil man da irgendwie echt cool drin aussieht.“
Dann grinste er und zwinkerte noch einmal zum Abschied.
„Ich wünsch dir frohe Weihnachten und viel Spaß mit deinem Einhorn.“

(c) 2017, Marco Wittler

606. Weihnachtsschrecken

Weihnachtsschrecken

Im Weihnachtsdorf am Nordpol ging es hektisch zu. Jedes Rentier und jeder Weihnachtself war damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Ein paar Geschenke mussten noch gebaut, die anderen eingepackt und mit bunten Schleifen verziert werden. Der Schlitten wurde geputzt und letzten Sicherheitschecks unterzogen, damit unterwegs nichts passieren konnte. Die Hufe der Rentiere wurden blitzblank gereinigt, die Felle gebürstet und die Geweihe hübsch geschmückt.
Hin und wieder sah auch der Weihnachtsmann durch das Fenster seines Büros nach draußen und überzeugte sich, dass alles nach Plan verlief. Danach richtete er seinen Blick wieder auf die vielen Wunschzettel auf seinem Schreibtisch und bearbeitete die Seiten in seinem goldenen Buch.
Nur wenige Tage vor der Weihnachtsmann kam plötzlich Unruhe in das Dorf. Rentiere und Wichtel rannten in großer Panik auseinander und suchten Schutz, wo sie nur konnten. Die einen liefen in die Ställe, andere schafften es bis hinter eine schützende Tür. Und wieder andere konnten sich nur hinter kleinen Kisten verstecken. Von überall waren ängstliche Schreie zu hören.
Der Weihnachtsmann bemerkte dies recht schnell und verließ augenblicklich sein Haus. Was er dann sah, hatte er noch nie zuvor erlebt. Bisher war der Nordpol immer ein friedlicher und freundlicher Ort gewesen.
Von allen Seiten näherten sich grässliche Gestalten. Sie waren Monster, Vampire, Geister, Zombies und mehr gruseliges Gesindel. Sie scheuchten die Bewohner des Weihnachtsdorfs zusammen und erschreckten sie, wo sie nur konnten.
„Was zum Geier ist hier los?“, dröhnte plötzlich die laute Stimme des Weihnachtsmanns über den großen Dorfplatz.
„Was hat das alles zu bedeuten und wer seid ihr, dass ihr so viel Angst über meine Freunde bringt?“
Ein besonders großes Monster, welches der Anführer sein musste, blieb stehen und sah dem Weihnachtsmann ernst ins Gesicht.
„Wir sind die Halloween Armee.“, erklärte es. „Es ist unsere Aufgabe, in der gruseligsten Nacht des Jahres Angst und Schrecken über die Welt zu bringen. Und du wirst uns auch nicht davon abhalten.“
Der Weihnachtsmann seufzte und kramte in seiner Manteltasche. Er holte sein Handy hervor und öffnete den Kalender.
„Meinst du nicht, dass ihr etwas spät dran seid? In drei Tagen ist Weihnachten. Halloween liegt schon fast zwei Monate hinter uns.“
Das Monster riss entsetzt seine Augen auf.
„Wie? Was? Wir sind zu spät?“
In diesem Moment blieben auch die anderen Halloweengeschöpfe stehen und stellten ihre Jagd ein.
„Aber … ääh … wie kann das denn sein? Das ist uns noch nie passiert.“
Ein verlegenes Lächeln schlich sich in das Gesicht des Monsters.
„Tut uns leid. Das war nicht unsere Absicht.“
Es griff sich an den Kopf und zog ihn hoch. Darunter kam ein anderer Kopf zum Vorschein. Das Monster war nur ein Kostüm gewesen. Darin steckte kein Geringerer als der Osterhase.
„Okay Leute. Halloween ist vorbei. Ihr könnt eure Kostüme ablegen.“
Nach und nach fielen die Masken und ganz andere Wesen kamen zum Vorschein. Mutter Natur, Väterchen Frost und viele andere.
„Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, mehrere Jobs gleichzeitig zu haben.“, erklärte der Osterhase. „Da kommt man ganz schön durcheinander.“
„Ist schon gut.“, nahm der Weihnachtsmann die Entschuldigung an. „Ist ja nichts Schlimmeres passiert.“
Dann lud er die unerwarteten Gäste auf einen entspannenden Kaffee in sein Haus ein.

(c) 2017, Marco Wittler