601. Marathon

Marathon

Endlich war es so weit. Auf diesen Tag hatte sich Papa ein ganzes Jahr vorbereitet. Mehrmals in der Woche hatte er hart trainiert, war immer wieder die Geh- und Waldwege entlang gelaufen. Das alles nur für ein einziges Ziel: Den Weihnachtsmarathon im Dorf zu gewinnen.
Schon ein paar Mal hatte er es versucht. Im ersten Jahr war er gar nicht bis ins Ziel gekommen. Die Strecke über zweiundvierzig Kilometer war bei den kalten Temperaturen einfach zu viel gewesen. Doch danach hatte er sich Jahr für Jahr nach vorn gekämpft. Das einzige, was Papa noch fehlte, war der Sieg. Dieses Mal wollte er ihn sich endlich holen.
An diesem Tag war die ganze Familie auf den Beinen. Papas Sohn Max stand mit seiner dicken Winterjacke am Start und feuerte Papa an. Hinter ihm standen noch Oma, Opa, Mama und seine kleine Schwester Sara. Sie alle drückten Papa die behandschuhten Daumen.
Und da ertönte der Startschuss. Die einhunderfünfzig Läufer, denen der Dezember nicht zu kalt zum Laufen war, setzten sich in Bewegung. Schon wenige Meter hinter der Startlinie begann Papa sein erstes Überholmanöver. Nach und nach ließ der einen Läufer nach dem anderen hinter sich. Es sah gut aus für den Sieg. Aber noch lagen die zweiundvierzig Kilometer vor ihm.
Nachdem alle Teilnehmer hinter der ersten Kurve verschwunden waren, wurde es langweilig und kalt. Max und der Rest der Familie zogen sich in das nahe Gemeindehaus der Dorfkirche zurück. Dort war es warm. Es gab heißen Tee, Kuchen und eine ordentliche Gulaschsuppe. Die Erwachsenen unterhielten sich miteinander, während sich die Kinder schminken oder von einem Zauberer verzaubern lassen konnten. Ein paar Spielstationen gab es auch noch.
„Wie lange wird Papa denn unterwegs sein?“, fragte Max irgendwann.
„Wenn alles gut geht, dann kommen die ersten Läufer nach etwa vier Stunden ins Ziel.“, erklärte Opa
Max übte sich also weiter in Geduld und wartete.
Nach fast vier Stunden hielt es ihn nicht mehr im Gemeindehaus. Er wollte Papas Sieg nicht verpasst. Also ging er gemeinsam mit seiner Familie nach draußen. Sie stellten sich in der Nähe der Ziellinie auf, hielten mehrere Kameras und Handys bereit, um ein möglichst gutes Foto von Papa machen zu können.
Über der Ziellinie hing eine große Uhr, auf der die aktuelle Zeit der Läufer angezeigt wurde. Ein Mann mit Mikrofon kommentierte alles, was er sah und was ihm sonst noch einfiel.
Die Uhr zeigte 3:59:00. In einer Minute würden die vier Stunden rum sein. Papa hatte sich gewünscht, das erste Mal in seinem Leben unter diesen vier Stunden bleiben zu können.
„Das wird bestimmt richtig schwer, weil es viel kälter ist.“, hatte er gesagt. Trotzdem wollte er sein Bestes geben.
„Und da sehe ich auch schon den ersten Läufer auf die Zielgerade biegen. Wenn er so weiter macht, wird er unter vier Stunden bleiben.“, sagte der Sprecher von seinem erhöhten Stehplatz.
„Nur noch wenige Meter trennen ihn vom Ziel. Ach, und da kommt auch schon der Zweite. Sie sind ganz nah beeinander. Das wird ein Kopf an Kopf rennen. Wer wird wohl unseren diesjährigen Weihnachtsmarathon gewinnen?“
Max streckte sich. Er machte seinen Hals so lang wie möglich, um etwas sehen zu können.
Tatsächlich war das Papa, der ganz vorn lief.
Max jubelte. Er feuerte Papa an. Doch da war plötzlich der zweite Läufer. Dieser gab nochmal richtig Gas. Er holte Papa ein. Dann erkämpfte sich Papa wieder einen kleinen Vorsprung, der er aber sofort wieder verlor. Bis zum Ziel waren die Beiden auf gleicher Höhe. Aber auf dem letzten Meter fiel Papa zurück und der Andere gewann den Marathon.
Max staunte. Denn es war nicht irgendwer, der da gewonnen hatte. Der Sieger trug einen langen Mantel und eine dicke Mütze in roter und weißer Farbe. Seine Füße steckten nicht in Laufschuhen, sondern in dicken Stiefeln. Im Gesicht hatte er einen langen, weißen Bart. Und seinen Sieg bejubelte er mit einem lauten ‚Ho ho ho‘.
Der Gewinner war der Weihnachtsmann.
„Ich habe gegen den Weihnachtsmann verloren?“, war Papa verzweifelt. „Das darf doch nicht wahr sein. Was machst du denn hier? Ich wusste gar nicht, dass du Marathon läufst.“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Glaubst du etwa, ich würde es schaffen, in einer Nacht alle Geschenke zu verteilen, wenn ich nicht vorher trainieren würde?“
Papa seufzte. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Zum Trost fiel ihm Max um den Hals.
„Papa, das hast du ganz, ganz toll gemacht. Für mich bist du die Nummer Eins. Gegen so einen Profi hat halt niemand eine Chance.“

(c) 2017, Marco Wittler

600. Der Adventskalender

Der Adventskalender

Tim lag aufgeregt in seinem Bett. Er war schon sehr früh wach geworden, weil er es nicht mehr aushalten konnte. Gleich würde Mama in sein Zimmer kommen, das Licht einschalten und ihn wecken. Dann würde Tim gleich aus den Federn springen, zu seinem Adventskalender laufen und das erste Türchen öffnen. Schokolade noch vor dem Frühstück, das gab es nur im Dezember. Aber dann gleich vierundzwanzig Mal hintereinander. Was für eine tolle Jahreszeit.
Es konnte sich nur noch um wenige Minuten handeln. Oder sollte Tim schon heimlich aufstehen und schon jetzt die Schokolade naschen? Nein. Dann wäre die ganze Aufregung und Vorfreude dahin. Also wartete er geduldig.
Fünf Minuten später öffnete sich die Tür. Tim schloss schnell die Augen und stellte sich schlafend. Mama schaltete das Licht ein, schüttelte sanft an Tims Schulter, bis er gähnend die Augen öffnete.
»Es wird Zeit aufzustehen. Gleich geht es in die Schule.«
Tim stand sofort hellwach auf und zog sich geschwind an.
»Darf ich, Mama?«
Mama seufzte und lächelte. »Na los. Mach dein Türchen auf und lass dir die Schokolade schmecken.«
Tim flitzte zu seinem Schreibtisch und öffnete Türchen Nummer Eins … und war verwirrt.
»Was soll denn das? Wo ist meine Schokolade? Hier ist nichts drin. Da stimmt doch was nicht.«
Er sah sich den Kalender genauer an und stellte fest, dass jedes Türchen schon geöffnet und wieder verschlossen worden war. Also öffnete auch er die Türen nacheinander.
»Leer … leer … leer … nichts … gar nichts … noch mehr nichts …«
Tränen standen ihm in den Augen.
»Mama, der Kalender ist komplett leer. Es hat ihn jemand leer gefuttert, bevor ich das machen konnte. Wer macht denn sowas?«
Er warf sich in Mamas Arme und begann zu weinen. In diesem Moment kam Papa keuchend ins Kinderzimmer.
»Oh, verdammt. Ich bin zu spät dran.«
Papa wurde rot im Gesicht.
»Zu spät wofür?«, fragte Mama. Sie bekam plötzlich einen strengen Ton in ihrer Stimme.
»Hast du etwa …?«
Papas Gesicht wurde nun dunkelrot wie eine reife Kirsche.
»Ähm … ich … also.«
Er seufzte.
»Tut mir wirklich leid. Aber ich hatte gestern Abend einen unglaublichen Hunger auf etwas Süßes. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Passiert aber bestimmt nicht wieder.«
Dann holte er aus einer Einkaufstasche einen neuen Adventskalender hervor.
»Ich dachte, ich schaffe es noch, bevor du aufstehst, aber dann war die Schlange an der Kasse so lang. Da standen ganz viele Väter mit roten Gesichtern und Adventskalendern in den Händen.«
Jetzt konnte Tim wieder grinsen.
»Dann bist du ja nicht der einzige Papa, der seinen Kindern die Schokolade weg gefuttert hat.«
»Ja genau. Und stell dir vor, drei von ihnen haben keine Kalender mehr bekommen. Das Regal war nämlich irgendwann leer.«
Da war Tim froh, dass sein Papa rechtzeitig zum Einkaufen gefahren war.

(c) 2017, Marco Wittler

572. Einen Freund zu Weihnachten

Einen Freund zu Weihnachten

Niklas stand am Fenster und sah nach draußen. Vom Himmel fielen unzählige Schneeflocken herab und tanzten wie wild durch die Luft. Endlich war der Winter gekommen. Endlich wurde die Erde weiß. Schon in wenigen Stunden würde man mit dem Schlitten die Hügel herab fahren können. Und trotzdem freute sich Niklas nicht über das Wetter.
Er ging zurück an seinen Schreibtisch und sah betrübt auf seinen Wunschzettel hinab, den er noch immer nicht geschrieben hatte. Er wusste einfach nicht, was er sich wünschen sollte.
Spielzeuge besaß er in großer Zahl. Alle Regale und Schränke waren damit vollgestopft. Bücher stapelten sich in jeder Ecke. Eigentlich hätte Niklas wunschlos glücklich sein sollen. Und doch fehlte ihm etwas ganz Wichtiges. Er hatte keine Freunde, nicht einen einzigen. Stattdessen wurde er in der Schule jeden Tag von den anderen Kindern geärgert. Einfach nur, weil er anders war, weil er von Geburt an ein krummes Bein besaß, mit dem er nicht richtig laufen konnte.
Niklas setzte sich auf seinen Stuhl und nahm seinen Stift zur Hand. Dann begann er zu schreiben.
‚Lieber Weihnachtsmann. In diesem Jahr habe ich nur einen einzigen Wunsch, der aber der größte meines Lebens ist. Ich wünsche mir einen Freund. Dein Niklas.‘
Dann faltete er den Brief zusammen, steckte ihn in einen Umschlag, brachte ihn kurz darauf nach draußen und warf ihn in den Postkasten.

Ein paar Tage später war der Christbaum reichlich geschmückt, überall im Haus duftete es lecker und ein Berg an Geschenken lag im Wohnzimmer. Das Weihnachtsfest hatte begonnen.
Freuen konnte sich Niklas aber nicht. Einen Freund konnte man nicht einpacken und sonst war auch keiner weit und breit zu sehen.
Der Tag zog sich hin. Niklas Geschenke blieben unausgepackt. Ihm fehlte einfach die Lust.
»Magst du wenigstens einen Spaziergang an der frischen Luft machen? Vielleicht kommst du dann auf bessere Gedanken.«, schlug Mama vor.
»Ist in Ordnung.«, willigte Niklas ein. »Helfen wird das aber auch nicht. Denn der Weihnachtsmann hat mich vergessen. Er hat mir meinen Wunsch nicht erfüllt.«
Sie zogen sich ihre dicken Winterjacken und Stiefel an. Dann ging die ganze Familie nach draußen in den Schnee.
Sie waren noch nicht lange gegangen, da kam ihnen eine zweite Familie entgegen. Auch sie machten einen Spaziergang. Und – Niklas musste mehrmals hinschauen – eines der Kinder, ein Mädchen, humpelte durch den tiefen Schnee. Es fiel ihr nicht leicht, vorwärts zu kommen, aber trotzdem wehrte sie immer wieder die helfende Hand ihrer Mutter ab.
»Du musst mir nicht helfen. Ich bin schon groß und schaffe das alleine.«
Dann begann sie zu grinsen, formte sich einen dicken Schneeball und bewarf damit ihren großen Bruder.
Als sie Niklas erblickte, blieb sie stehen und staunte. Es gab hier in der Stadt, in ihrer Straße tatsächlich einen Jungen, dem es so ging wie ihr. Ein Junge, der humpelte. Sie lächelte und Niklas lächelte zurück.
Langsam gingen sie aufeinander zu.
»Hi, ich bin Sofie.«, sagte das Mädchen und hielt Niklas die Hand hin.
»Ich bin Niklas.«, antwortete er, ergriff die Hand und schüttelte sie. Seine Freunde war riesig. Der Weihnachtsmann hatte seinen Brief wohl doch gelesen und seinen Wunsch auf eine ganz besondere Art und Weise erfüllt.
Niklas und Sofie wurden dicke Freunde. Von nun an konnte sie nichts mehr trennen. Und da sie schon bald auf die gleiche Schule gingen, traute sich niemand mehr, die beiden zu ärgern, denn gemeinsam waren sie stark und konnten sich wehren.

(c) 2016, Marco Wittler

570. Weihnachten im Leuchtturm

Weihnachten im Leuchtturm

Mitten im Meer stand ein uralter Leuchtturm. Seine Aufgabe war es, alle Schiffe in der Umgebung vor einem Felsen zu warnen, auf dem er einst zu diesem Zweck gebaut worden war.
Und nun, zur Weihnachtszeit, hatte man das Gefühl, dass sein weisendes Licht noch wärmer, noch festlicher leuchtete.
Trotzdem wollte im Innern des Leuchtturms keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Das lag zum Einen daran, dass auf dem Meerwasser keine einzige Schneeflocke liegen bleiben wollte. Sie schmolzen sofort und verschwanden in den Fluten. Zum Anderen lag es aber auch daran, dass der Leuchtturmwärter ganz allein in seiner kleinen Wohnküche saß. Niemand leistete ihm Gesellschaft, niemand kam mal kurz auf einen Kaffee vorbei und hielt ein Schwätzchen mit ihm.
Der Leuchtturmwärter war nicht etwa unbeliebt. Im Gegenteil. Er besaß sehr viele Freunde und Verwandte. Aber eine Fahrt vom Festland bis zum Leuchtturm dauerte einen halben Tag. Viel zu lang für einen kurzen Besuch. Deswegen kam auch nie jemand vorbei. Erst in einem Monat, lange nach Weihnachten, würde das nächste Schiff einen anderen Leuchtturmwärter zur Ablösung vorbei bringen und den Jetzigen nach Hause fahren. Bis dahin würde aber noch sehr viel Langeweile im Leuchtturm herrschen.
Am Weihnachtsabend jedoch, war die Einsamkeit am Größten, denn dann saßen die Familien mit Großeltern, Eltern, Onkeln, Tanten und vielen Kindern um den Weihnachtsbaum herum und sangen besinnliche Lieder. Später würden sie alle im Bett liegen und gespannt darauf warten, dass der Weihnachtsmann durch den Kamin klettern würde, um Geschenke unter den Baum zu legen. Das alles vermisste der einsame Leuchturmwärter und wünschte sich, am heutigen Abend irgendwo, in irgendeinem Wohnzimmer, bei irgendeiner freundlichen Familie sitzen und Weihnachten feiern zu können.
Stattdessen saß er allein an seinem Esstisch, hatte eine einzelne, brennende Kerze vor sich stehen und starrte hinaus in die dunkle Nacht, in der sich hohe Sturmwellen am Felsen brachen.
»Ist das trostlos.«, seufzte der Leuchtturmwärter. »Die ganze Welt feiert heute Abend Weihnachten. Nur ich sitze hier einsam und allein und muss darauf aufpassen, dass das Leuchtfeuer nicht erlischt. Wenn mir wenigstens jemand Gesellschaft leisten würde. Aber bei diesem Schietwetter wird sich niemand auf die lange Fahrt hierher machen. Wahrscheinlich denkt heute nicht einmal jemand an mich.«
Er seufzte noch einmal laut, nahm einen großen Schluck heißen Kakao aus seiner noch größeren Tasse und blickte wieder hinaus auf das Meer und die Wellen.
Sehr spät in der Nacht, die Kerze auf dem Tisch war mittlerweile abgebrannt, schreckte der Leuchtturmwärter aus einem unruhigen Schlaf hoch. Müde rieb er sich seine Augen und gähnte herzhaft. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass es bereits drei Uhr war.
«Oh je.«, stöhnte er auf. »Jetzt bin ich wieder einmal am Tisch eingeschlafen.«
Er rieb sich mit beiden Händen den Nacken und die Schultern, die ihm mittlerweile wegen des ungemütlichen Schlafplatzes schmerzten, als er ganz hinten am Horizont ein kleines Leuchten sah, das sich langsam auf seinen Leuchtturm zu bewegte.
»Nanu? Was ist denn das? Kommt mich doch noch jemand besuchen? Um diese Uhrzeit? Mitten in der Nacht? Das kann doch gar nicht sein.«
Ein weiteres Mal rieb er sich die Augen und blickte dann wieder nach draußen. Das Licht war nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es war ein ganzes Stück näher gekommen.
»Es kann kein Schiff sein.«, murmelte der Leuchtturmwärter. »So schnell kann kein einziges Schiff fahren. Schon gar nicht bei diesem Sturm.«
Gespannt beobachtete er weiter und stellte bald fest, dass das Leuchten nicht über das Wasser zu ihm kam. Es flog in der Luft.
»Nein. Das kann nicht sein. Es ist zu windig. Da kann kein Flugzeug fliegen. Für einen Hubschrauber ist es auch zu gefährlich. Was kann das nur sein?«
Kurz bevor das Licht sein Ziel erreicht hatte, flog es eine Kurve und verschwand auf der anderen Seite des Leuchtturms. Der Leuchtturmwärter sah in alle Richtungen. Das Leuchten tauchte aber nicht wieder auf.
Ein paar Sekunden später klopfte es an der Tür. Verwirrt und überrascht stand der Wärter von seinem Tisch auf, lief die Treppe hinunter und öffnete seinem unbekannten Gast.
»Ho, ho, ho!«, schallte ihm eine tiefe Stimme entgegen. »Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir. Darf ich vielleicht herein kommen und mich ein wenig bei dir aufwärmen? Da draußen ist es kalt und ungemütlich.«
Dem Leuchtturmwärter fielen fast die Augen aus dem Kopf.
»Du … du … bist der Weihnachtsmann.« Hinter seinem Besucher sah er in der Dunkelheit den von acht Rentieren gezogenen Schlitten, der dicht über dem Meer schwebte.
»Äh, ja. Komm bitte herein.«
Sie betraten gemeinsam den Leuchtturm, gingen zurück in die kleine Küche und setzten sich an den Tisch.
Der Weihnachtsmann sah auf das verbliebene Stück Wachs, das sich über die Tischplatte verteilt und dort hart geworden war.
»Deine Kerze sieht aber mitgenommen aus. Wie wäre es mit einem neuen Adventskranz?«
Mit einem Grinsen griff er in die Tasche seines roten Mantels, holte einen Adventskranz hervor und zündete die vier Kerzen mit einem Streichholz an.
Der Leuchtturmwärter sah begeistert auf die kleinen Flammen und dann auf seinen Gast. Freudentränen standen ihm in den Augenwinkeln.
»Was machst du denn hier? Warum besuchst du mich in dieser stürmischen Nacht? Musst du nicht Geschenke an die vielen Kinder auf der ganzen Welt verteilen?«
»Ich bin schon fertig.«, kam die Antwort. »Alle Geschenke sind verteilt. Ich habe kein einziges Kind vergessen. Und weil ich heute Nacht nichts anderes zu tun habe und Weihnachten auch nicht gern allein bin, dachte ich mir, dass ich einfach bei dir vorbei schaue. Feiern wir doch gemeinsam Weihnachten.«
Ein weiteres Mal öffnete er seinen Mantel, holte zuerst einen leckeren Weihnachtsbraten hervor und dann ein kleines, verpacktes Geschenk, dass er dem Leuchtturmwärter entgegen hielt.
Und schon kullerten beim Wärter die Tränen. »Ich habe aber kein Geschenk für dich. Ich wusste gar nicht, dass du kommen wirst.«
Der Weihnachtsmann winkte ab. »Macht nichts. Du hast mir bereits ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Du hast mich in deinen Turm und an deinen Tisch eingeladen. Das ist mir schon Geschenk genug.«
Er stand auf, ging um den Tisch herum und drückte den Leuchtturmwärter fest an sich.
Gemeinsam verbrachten sie den Rest der Nacht und feierten bis zum Morgengrauen. Für beide war es das schönste Weihnachtsfest von allen. Von nun an besuchte der Weihnachtsmann den Leuchtturmwärter jedes Jahr, wenn er alle seine Geschenke ausgeliefert hatte.

(c) 2016, Marco Wittler

569. Ein schönes, heißes Bad

Ein schönes, heißes Bad

»Ist euch auch so kalt?«, fragte der Weihnachtsmann seine Wichtel und rieb sich mit den dicken Handschuhen über die Arme.
Seine Weihnachtswichtel schüttelten die Köpfe und zeigten auf das große Thermometer an der Wand der Weihnachtswerkstatt. es war über zwanzig Grad warm. Die Heizungen liefen auf vollen Touren.
»Verstehe ich nicht.«, wunderte sich der Weihnachtsmann. »Ich friere schon seit Stunden. Hoffentlich werde ich nicht krank. Eine Erkältung kann ich mir gerade jetzt nicht leisten. Ich muss doch in ein paar Stunden mit dem Schlitten los. Wenn ich keine Geschenke verteilen kann, werden die Kinder ganz schön enttäuscht sein.«
»Leg dich doch in die Badewanne und wärm dich auf.«, machte eine seiner Elfen einen Vorschlag.
»Das ist eine prima Idee. Genau das werde ich machen. Ihr bereitet meinen Schlitten vor und ich lass mir ein schönes, heißes Bad ein. Wir sehen uns in ein paar Stunden, wenn die Tour los geht.«
Mit diesen Worten verschwand der Weihnachtsmann in sein Haus und freute sich schon riesig auf das wärmende Badewasser und einem großen, duftenden Schaumberg.

Ein laar Stunden später stand der große Schlitten abfahrbereit vor der Weihnachtswerkstatt. Die Rentiere waren angespannt, der Sack mit den unzähligen Geschenken aufgeladen.
»Wo bleibt der Weihnachtsmann?«, fragte der Oberwichtel immer wieder in die wartenden Gesichter um sich herum, während er seine Armbanduhr genau im Auge behielt.
»Er sollte dich schon längst hier sein. Wo bleibt er nur. Hoffentlich ist er nicht in der Badewanne eingeschlafen.«
Schnell eilte der Wichtel durch den tiefen Schnee und betrat das Haus des Weihnachtsmanns.
»Chef?«, rief er durch die Flure und Räume. »Bist du hier? Es wird Zeit. Du musst los.«
Es kam keine Antwort. Deswegen suchte er ein Zimmer nach dem anderen ab. Erst am Ende des Flurs wurde der Wichtel fündig. Im Badezimmer brandte Licht. Durch die geschlossene Tür war schiefer Gesang zu hören. Der Wichtel öffnete die Tür und trat ein. Der Weihnachtsmann saß noch immer in der Badewanne und sang vor sich hin.
»Weihnachtsmann! Es ist an der Zeit. Du musst los.«
Der Weihnachtsmann drehte sich zur Seite und grinste.
»Och, nö. Ich bleib hier. Ist grad so schön warm und gemütlich. Kann das nicht einer von euch dieses Jahr übernehmen. Ich steige bestimmt nicht aus der Badewanne.«
Der Wichtel bekam große, entsetzte Augen. Würde Weihnachten dieses Jahr ausfallen? Er musste sich dringend etwas einfallen lassen. Schnell rannte er zur Werkstatt zurück und besprach sich mit den anderen Wichteln und Elfen.

Eine halbe Stunde später flogen die Rentiere durch die Luft Richtung Süden. Der Weihnachtsmann war tatsächlich unterwegs, um die Geschenke zu verteilen. Die Wichtel hatten ihn dich noch überreden können. Den Schlitten hatten sie dazu wieder abspannen müssen. Der blieb in diesem Jahr in der Werkstatt zurück. Stattdessen hing hinter den Rentieren eine Badewanne mit warmem Wasser und einem großen Schaumberg. Darin saß der glückliche Weihnachtsmann und ließ vor Freude sein ›Ho, ho, ho‹ ertönen.

(c) 2016, Marco Wittler

568. Bald ist Weihnachten

Bald ist Weihnachten

Am Abend vor Weihnachten saß Hannah am Küchentisch und starrte verträumt in die vier Flammen des Adventskranzes. Darüber vergaß sie sogar ihr leckeres Butterbrot.
»Erde an Hannah!«, sprach Papa sie von der anderen Seite des Tisches an.
Hannah schreckte hoch.
»Hm? Was?«, fragte sie.
»Bist du schon müde?«, wollte Papa wissen. »Träumst du schon vor dich hin?«
Hannah grinste verlegen und wurde ein wenig rot im Gesicht.
»Nein. Ich träume doch nicht. Ich habe mir nur die vier Kerzen angesehen. Jetzt sind sie schon fast komplett abgebrannt. Daran sehe ich, dass Morgen endlich Weihnachten ist und ich nicht mehr lange darauf warten muss. Morgen sehe ich Oma und Opa wieder. Dann sitzen wir alle zusammen im Wohnzimmer, singen Weihnachtslieder und packen Geschenke aus. Darauf freue ich mich schon das ganze Jahr.«
Papa grinste zurück.
»Dann iss mal dein Brot, damit du nicht zu spät ins Bett kommst. Je eher du schläfst, desto eher ist Weihnachten.«
Hannah nickte, aß ihr Brot und starrte dabei weiter in die kleinen Flammen.
Morgen ist endlich Weihnachten.

Am nächsten Morgen kam Hannah schon sehr früh aus dem Bett. Die Vorfreude auf das Fest hatte sie schon kurz nach Sonnenaufgang geweckt.
»Endlich ist Weihnachten!«, jubelte sie und hüpfte aus den Federn.
Sie machte sich schnell fertig und stürmte dann in die Küche zum Frühstück. Als sie durch die Tür kam, blieb sie von einem Augenblick zum anderen stehen.
»Moment mal.«, wunderte sie sich. »Was ist denn hier los?«
Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Auf dem Küchentisch stand er Adventskranz. Die Kerzen waren aber nicht verbraucht, sondern brandneu. Die vier Dochte waren weiß, waren noch nie angezündet worden.
»Die Kerzen sind ja neu. Ist heute gar nicht Weihnachten? Muss ich nochmal vier Wochen warten, bis wir feiern können?«
Hannah war den Tränen nah. Hatte sie vielleicht nur geträumt, dass die Adventszeit vorüber gegangen war?
In diesem Moment kam Mama in die Küche und grinste.
»Mach dir mal keine Sorgen, mein kleiner Engel. Heute ist tatsächlich Weihnachten. Ich habe nur neue Kerzen auf den Adventskranz gesteckt, damit sie heute noch den ganzen Tag brennen können.«
»Puh!«
Hannah atmete tief durch und konnte dann endlich wieder lachen.

(c) 2016, Marco Wittler

567. Eine schlaflose Nacht

Eine schlaflose Nacht

Timo lag im Bett und konnte vor Aufregung nicht schlafen. Beim letzten Blick auf die Uhr war es 22 Uhr gewesen. Der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen. Das Land der Träume war so weit entfernt, wie nie zuvor. Und die Zeit bis zum Aufstehen wollte ebenfalls nicht vergehen. Jedes Mal, wenn Timo auf die Uhr sah, war es nur ein paar wenige Minuten später geworden.
»Kann nicht endlich mal die Sonne aufgehen? Ich will, dass es endlich Weihnachten wird. Ich will endlich meine Geschenke auspacken. Wenn ich bloß schon wüsste, was ich alles bekomme.«
Timo tippelte ununterbrochen mit seinen Finger auf die Matratze. Das half aber auch nicht gegen die riesige Aufregung. An Schlaf war wirklich nicht zu denken.
Irgendwann wurde es dann draußen hell. Die Nacht war fast vorbei. Timo hatte das Gefühl, dass die dunklen Stunden mehrere Tage gedauert hatten.
»Endlich! Jetzt muss ich nur noch warten, bis mich Mama wecken will.«
Mama kam auch ein paar Minuten später und war überrascht, dass Timo schon wach war. Laut gähnend stand Timo auf, machte sich im Bad fertig und zog sich seine Klamotten an. Dann lief er die Treppe hinunter.
»Juhuu, es ist Weihnachten. Endlich ist es so weit. Endlich bekomme ich meine Geschenke.«
»Erstmal wird gefrühstückt.«, wurde er von Mama gebremst. »So lange wirst du noch warten müssen.«
Timo verzog den Mund, setzte sich dann aber ohne zu maulen an den Küchentisch. Noch während er sich Butter auf sein Brot schmierte, musste er laut gähnen. Einen Moment später fielen ihm die Augen zu und sein Kopf  sackte nach unten.
Timo war nach der langen Nacht so müde, dass er eingeschlafen war. Mama grinste, hob ihnvorsichtig vom Stuhl hoch und brachte ihn zurück in sein Kinderzimmer.
»Jedes Jahr das Gleiche. Bekommt er halt seine Geschenke heute Nachmittag.«
Sie legte Timo ins Bett, deckte ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Frohe Weihnachten, mein kleiner Schatz.«

(c) 2016, Marco Wittler

566. Schneewittchen feiert Weihnachten

Schneewittchen feiert Weihnachten

Das Weihnachtsfest macht auch nicht vor dem Märchenland halt. In dieser ganz besonderen, sehr besinnlichen Zeit, dort vieles ganz anders, als wir es kennen.
Der Wolf macht Schneewittchen kleine Geschenke, die Ritter laden Feuer speiende Drachen zum Essen ein, Dornröschen feiert mit allen Feen, auch der Bösen, ein rauschendes Fest, die kleine Meerjungfrau schmückt ihren Weihnachtsbaum mit Seesternen und Rapunzel benutzt Teile ihres wirklich sehr langen Haars als Lametta.
Und auch Schneewittchen feiert Weihnachten. In diesem Jahr hat sie sich besonders viel Mühe gegeben. Jedem einzelnen ihrer sieben Zwerge hat sie ein paar wunderschöne Geschenke gemacht. Für den Kopf hat sie Mützen, Handschuhe für die Hände und Schals für die Hälse gestrickt, damit sie auf dem Weg zur Arbeit nicht frieren müssen.
Jedes Geschenk hat sie einzeln und liebevoll in buntes Geschenkpapier gewickelt und unter den Baum gelegt. Und dann ist es endlich so weit. Sie nimmt sich ein kleines Glückchen in die Hand, klingelt damit und lässt ihre sieben Zwerge herein.
Überglücklich stürmen sie herein. Sie bedanken sich bei Schneewittchen und drücken sie an sich. Dann schnappen sie sich ihre Geschenke, reißen das Papier auf und verteilen es überall im Raum.
Sieben Mützen werden ausgepackt, sieben Schals aus dem Geschenkpapier geholt und vierzehn Handschuhe überglücklich anprobiert.
Auch Schneewittchen hat Geschenke bekommen. Sieben Stück sind es an der Zahl. Von jedem ihrer Zwerge hat sie einen wunderschönen Edelstein geschenkt bekommen.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«, freut sie sich und will die Zwerge nur zu gern zum Dank an sich drücken, aber sie sind nicht mehr da.
»Nanu?«, wundert sich Schneewittchen. »Wo seid ihr denn?«
Sie sieht sich überall im Raum um, kann aber keinen einzigen der sieben Zwerge entdecken. Das einzige, was sie sieht, sind große Berge zerrissenes Geschenkpapier.
»Wir sind doch hier!«, hört sie plötzlich sieben Stimmen.
Schneewittchen kämpft sich durch das Papier und sucht. Es hat sich tatsächlich so viel Papier aufgetürmt, dass die Zwerge darunter verschwunden sind.
»Ihr seid mir ein paar Lümmel.«, sagt sie lachend, gräbt die sieben Zwerge einen nach dem anderen aus und drückt sie an sich.
»Frohe Weihnachten, Jungs.«

(c) 2016, Marco Wittler

565. Die Geschenke sind weg

Die Geschenke sind weg

Es war mitten in der Nacht, als das Handy klingelte. Es dauerte ein wenig, bis der Weihnachtsmann aus seinem tiefen Schlaf erwachte, auf das Display sah und den Anruf entgegen nahm.
»Hier Weihnachtsmann. Wer spricht?«, fragte er müde.
Er hörte ein paar Sekunden lang zu, nickte immer wieder und bekam dann große Augen.
»Das ist ja eine Katastrophe! Ich komme sofort!«
Er kletterte aus dem Bett, zog seine rote Hose, den Mantel und die schweren Stiefel an und verließ sein Haus. Sein Ziel war seine Spielzeugwerkstatt. Dort warteten bereits seine Wichtel und Weihnachtselfen.
»Ihr erlaubt euch auch keinen dummen Scherz mit mir?«, fragte der Weihnachtsmann, während er durch die große Eingangstür stürmte.
Aber die Frage konnte er sich selbst beantworten, als sein Blick auf den großen Geschenkesack fiel. Er war leer. Völlig leer. Kein einziges Geschenk steckte in ihm.
»Wir wissen auch nicht, wie das passieren konnte.«, entschuldigte sich der Oberwichtel. »Am Abend waren die Geschenke noch an Ort und Stelle. Dann fiel eine der Maschinen aus. Wir haben sie repariert. In dieser Zeit muss jemand alle Geschenke geklaut haben.«
Der Weihnachtsmann nahm seine Mütze vom Kopf und fuhr sich nervös mit einer Hand durch das weiße Haar.
»Aber Morgen ist Weihnachten. Dann warten die Kinder überall auf der Welt auf die Geschenke. Wir müssen schnell etwas unternehmen, sonst fällt das Fest ins Wasser. Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können.«
Er teilte seine Wichtel und Elfen in kleine Gruppen auf. Jeder sollte beim Suchen helfen. Der Weihnachtsmann aber blieb in der Werkstatt zurück und wartete auf gute Nachrichten.
Und während er immer wieder im Kreis lief, nervös auf die Wanduhr sah, hörte er plötzlich ein leises Kichern.
»Hm? Wer ist da? Wer lacht da über mich? Sofort raus kommen!«
Er sah sich um, blickte in jede Ecke und unter jede Maschine.
»Ha! Erwischt!«
Mit seinen großen Händen griff er zu und ließ nicht mehr los. Aus einem sonst leeren Holzfass der Weihnachtsmann zwei Engel heraus, denen es jetzt gar nicht mehr zum Kichern zu Mute war. Stattdessen bekamen sie knallrote Gesichter.
»Was macht ihr hier? Was habt ihr hier zu suchen?«
Die Engel sahen verschüchtert zu Boden und brachten kein einziges Wort heraus.
»Entweder ich bekomme sofort eine Antwort oder ich trage euch in mein goldenes Buch ein. Dann bekommt ihr dieses Jahr nämlich kein einziges Geschenk.«
Erschrocken sahen sie den Weihnachtsmann an. »Das kannst du doch nicht machen.«, beschwerten sie sich.
»Kann ich nicht?«
Der Weihnachtsmann ging zum Schreibtisch, schlug das Buch auf und griff zu seinem Füller.
»Halt! Moment!«
Sie flitzten zu ihm. »Ist ja schon gut. Wir haben die Geschenke versteckt. Es sollte nur ein dummer Streich sein. Wir geben sie dir ja zurück.«
Der Weihnachtsmann legte seinen Stift zurück.
»Wo sind sie?«
Die Engel liefen zu einem der großen Fenster und deuteten mit ihren Zeigefingern nach draußen.
»Wir haben sie dort in dem Schneehaufen versteckt.«
Und dann bekamen sie wieder rote Gesichter. »Vorhin war er jedenfalls noch da.«
Dort, wo der Haufen ein paar Stunden zuvor gestanden hatte, lag nun eine hohe, geschlossene Schneedecke. Es hatte kräftig geschneit.
Der Weihnachtsmann bekam einen wütenden Gesichtsausdruck.
»Wisst ihr eigentlich, was ihr da angestellt habt? In wenigen Stunden muss ich mich auf den Weg machen. Wenn wir die Geschenke bis dahin nicht gefunden haben, werden Millionen Kinder auf der ganzen Welt enttäuscht sein und fürchterlich weinen.«
Er überlegte, lief ein paar Mal im Kreis und überlegte weiter. Schließlich holte er sein Handy aus der Tasche.
»Jetzt kann uns nur noch ein absoluter Experte helfen, jemand der sich besser mit Verstecken auskennt, als irgendwer anderes. Ich hoffe für euch zwei, dass er gerade Zeit hat und nicht Urlaub macht.«
Er wählte eine Nummer und wartete.
»Ja, hier Weihnachtsmann. … Ja, ich weiß, dass es gerade eine ungünstige Zeit ist, um mit dir zu Telefonieren. … Ja, ich muss auch noch den Baum aufstellen und schmücken … Ich will mich auch gar nicht unterhalten, denn ich brauche ganz dringend deine Hilfe.«
Er erklärte möglichst schnell, was geschehen war. Dann beendete er das Gespräch und setzte sich auf einen Stuhl.
»Jetzt können wir nur noch warten. Ich hoffe, dass unser Helfer nicht zu lange braucht, um hierher zu kommen.«
Kaum hatte er das gesagt, öffnete sich die Tür und ein langohriges Tier kam herein gehoppelt.
»Osterhase. Gott sei Dank, bist du endlich da. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darüber freue.«
Der Osterhase grinste.
»Keine Ursache, mein Freund. Ich werde mich auch sofort an die Arbeit machen.«
Gemeinsam verließen sie die Werkstatt.
»Der Osterhase hat die beste Nase für schwer zu findende Verstecke.«, erklärte der Weihnachtsmann den Engeln. »Er wird nicht lange brauchen, dann sind die Geschenke wieder da. Er wird das Versteck riechen.«
Und genau so geschah es dann auch. Der Osterhase hob seine Nase in die Luft, schupperte und hoppelte kreuz und quer über den frischen Schnee. Irgendwann blieb er stehen.
»Hier ist es. Hier muss das Versteck sein. Ich kann es riechen.«
Der Weihnachtsmann schnappte sich eine Schaufel und machte sich an die Arbeit. Schon nach wenigen Minuten tauchten tatsächlich die Geschenke auf. Sie waren vollzählig.
Inzwischen waren auch die Elfen und Wichtel wieder aufgetaucht. Sie halfen, die Geschenke wieder ins Trockene zu bringen.
Die zwei Engel entschuldigten sich für ihren Streich und versprachen, nie wieder das Weihnachtsfest in Gefahr zu bringen.
Den Osterhasen packte der Weihnachtsmann ein paar Stunden später mit auf den großen Schlitten und brachte ihn persönlich nach Hause und übergab ihm die Geschenke für seine große Familie.

(c) 2016, Marco Wittler

564. Der dicke Bauch des Weihnachtsmanns

Der dicke Bauch des Weihnachtsmanns

Arne saß mit seiner Freundin Amelie in seinem Zimmer. Gemeinsam sahen sie sich gerade ein Buch mit Weihnachtsbildern an. Auf einem davon war der Weihnachtsmann abgebildet.
Amelie kicherte. »Der hat aber einen dicken Bauch.«
Sie zeigte mit dem Finger auf den Bauch und lachte. »Der ist ja noch dicker als mein Opa.«
Arne lachte auch. »So einen dicken Mann habe ich noch nie gesehen.«
Er kam auf eine Idee. Arne stand auf, nahm das Buch unter den Arm und Amelie an die Hand. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer.
»Papa!«, stürmte er los und legte sein Buch auf den Tisch. »Warum ist der Weihnachtsmann so dick?«
Papa sah auf das Bild und blickte dann Mama fragend an, die sich gerade um die kleine Schwester Anna kümmerte.
»Das weiß ich leider nicht. Aber dem Papa fällt bestimmt die richtige Antwort noch ein.«
Sie grinste.
Papa bekam einen roten Kopf. Die richtige Antwort? Woher sollte er die nur nehmen?
Schnell griff er nach dem Buch, blätterte ein paar Seiten vor, ein paar zurück, bis er wieder den Weihnachtsmann vor sich sah.
»Also gut. Warum ist der Weihnachtsmann so dick? Schauen wir mal, was hier alles steht.«
Papa glitt mit dem Zeigefinger an ein paar Buchstaben entlang und las.
»Ah! Hier ist auch schon die Antwort.«
Arne und Amelie setzten sich mit an den Tisch, stützten ihre Köpfe mit den Händen auf hörten gespannt zu. Selbst Anna schien zu gefallen, was Papa zu erzählen hatte.

Der Weihnachtsmann war einmal ein großer, schlanker und sportlicher Mann. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit füllte er seinen großen Sack mit Geschenken, legte sich diesen über die Schulter und machte sich zu Fuß auf den Weg zu den Menschenkindern, um ihnen eine Freude zu machen.
Er kletterte an Dachrinnen hinauf auf die Dächer und rutschte durch die Kamine in die Wohnzimmer. Unter jeden Christbaum legte er Geschenke, die er in den Sommermonaten wohl überlegt ausgesucht hatte. Dann ging es weiter zum nächsten Haus.
Der Weihnachtsmann war wirklich sehr sportlich. Er schaffte den Weg zu allen Kindern in nur einer Nacht, so schnell war er zu Fuß.
Doch eines Tages, an einem schon lange zurück liegenden Weihnachtsfest, bekam er großen Hunger.
»Nanu, was ist denn jetzt los?«, wunderte er sich. »Ich habe noch nie Hunger verspürt, wenn ich Geschenke verteilt habe.«
Er dachte kurz nach. Dann fiel ihm ein, dass er sein Abendessen vergessen hatte. Nun war es dafür zu spät.
»Ich muss etwas zu Essen finden, sonst schaffe ich nicht den ganzen Weg.«
Der Weihnachtsmann sah sich um, wo er sich gerade befand, nämlich mitten in einem Wohnzimmer.
»Schau an, schau an. Was haben wir denn da?«
Auf einem Tisch stand eine Schale mit frisch gebackenen Keksen. Ihr Duft lockten den Weihnachtsmann magisch an.
»Wenn ich mich nicht täusche, sind das Weihnachtskekse. Vielleicht sollte ich sie einmal probieren.«
Der Weihnachtsmann hatte noch nie Kekse gegessen. Am Nordpol gab es keinen Laden, wo man sie kaufen konnte. Zum selber backen fehlte ihm die Zeit.
Er stopfte sich einen Keks in den Mund und kaute darauf herum.
»Mmh, ist das lecker«.
Er nahm einen zweiten Keks, dann noch einen, bis schließlich die Schale leer war.
»Wie?« Keine Kekse mehr da? Schade. Na gut, dann mache ich mich wieder auf meinen Weg.«
Der Weihnachtsmann lief zum nächsten Haus und kletterte dort ins Wohnzimmer. Auch hier fand er eine Schale mit Keksen.
»Glück gehabt. Ich kann weiter naschen.«
So ging es dann in jedem Haus. Der Weihnachtsmann brachte Geschenke und nahm sich dafür Kekse.
Als er einige Stunden später wieder auf dem Heimweg war, fiel ihm das Laufen schwer. Nur mit größter Mühe konnte er sich zum Nordpol schleppen.
»Was ist denn nur mit mir los?«, wunderte er sich.
»So schwer ist mir das Laufen noch nie gefallen. Ich bin doch ein guter Sportler.«
Er legte den leeren Geschenkesack zur Seite und sah zu seinen Füßen hinab. Er versuchte es jedenfalls. Denn die Füße waren nicht mehr zu sehen. Sie waren unter einem dicken Bauch versteckt.
»Oh nein. Was ist passiert? Ich bin plötzlich ganz dick geworden. Wie konnte das nur geschehen?«
Dem Weihnachtsmann fielen wieder die vielen Schalen voller Kekse ein, die ihm so gut geschmeckt hatten. Er seufzte laut und schlich sich nach Hause.
»Jetzt muss ich mir etwas Neues überlegen, wie ich im nächsten Jahr meine Geschenke an die Kinder auf der ganzen Welt verteilen kann. Ich glaube, ich sollte mir einen Rentierschlitten anschaffen.«

Arne, Amelie und Anna sahen Papa mit großen Augen an.
»Und das ist wirklich so passiert?«, fragte Arne zur Sicherheit.
»Ganz bestimmt.«, antwortete Papa. »Das steht sogar hier im Buch.«
Arne nahm ihm das Buch aus der Hand und sah sich die Buchstaben an.
»Schade, dass ich noch nicht lesen kann. Aber wenn du sagst, dass es hier steht, dann wird das auch richtig sein.«
Er nahm Amelie wieder an der Hand und ging mit ihr zurück in sein Kinderzimmer.

(c) 2016, Marco Wittler