407. Katze des Grauens

Katze des Grauens

Es war bereits Abend geworden. Die Geschäfte hatten ihre Türen geschlossen und die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden.
Jonas stand mit seinem großen Bruder Tom auf dem Gehweg der Hauptstraße. Autos waren kaum noch unterwegs. Es war den Leuten einfach viel zu kalt.
»Los, beeil dich.«, rief Tom seinem Bruder nach.
»Mama wartet schon auf das Brot.«
Jonas Blick war an einem der Schaufenster hängen geblieben. Darin standen viele beleuchtete Kürbisse, hingen kleine Geister an Fäden von der Decke herab und kleine Monster bevölkerten den restlichen Platz dazwischen.
»Heute ist Halloween.«, murmelte er vor sich hin.
»Was?«, fragte Tom.
»Halloween? Das ist doch alles nur Blödsinn. Den Kindern werden Gruselgeschichten erzählt, obwohl es ein Tag, wie jeder andere ist. Es gibt keine Gespenster, Geister oder Monster. Und nun komm endlich.«
»Bist du dir da sicher?«, wollte Jonas wissen.
»Nur weil du noch keine Monster gesehen hast, bedeutet das doch nicht, dass es sie nicht gibt.«
Aber Tom schüttelte nur lachend den Kopf.
»Alles Märchen. Monster gibt es nicht. Schluss, aus, fertig.«
Sie gingen die Straße weiter entlang, bis sie plötzlich einen riesig großen Schatten vor sich sahen, der aus einer Seitenstraße kam.
»Was ist denn das?«
Die Antwort kam sofort. Sie hörten ein lautes Fauchen.
»Das ist nur eine Katze. Mehr nicht. Die kann uns nichts tun.«, erklärte Tom mit zittriger Stimme.
»Eine Katze? So groß? Bist du dir da wirklich sicher?«
Aber Tom war sich gar nicht mehr sicher. So groß konnte eine Katze doch gar nicht sein. Vorsichtig gingen die Jungs ein paar Schritte weiter, bis sie wieder das Fauchen hörten.
»Kommt das näher? Greift sie uns an?«
Tom bekam es mit der Angst zu tun.
»Ich dachte, es gibt keine Monster. Gilt das auch für Monsterkatzen?«, fragte Jonas.
Aber Tom gab keine Antwort. Er wollte umdrehen und einen anderen Heimweg wählen, als das Fauchen ein weiteres Mal zu hören war.
»Sie will uns nicht gehen lassen. Wenn wir jetzt nicht stehen bleiben, fällt sie bestimmt über uns her und frisst uns auf.«
»Was machen wir denn jetzt?«
Jonas blickte sich um und suchte verzweifelt nach einem Versteck. Doch so schnell ließ sich keines finden.
Das Fauchen kam immer näher. Die Monsterkatze war ganz nah. Es konnte nur noch wenige Sekunden dauern, bis sie um die Straßenecke biegen würde.
Die Jungs zitterten am ganzen Leib, bis das schreckliche Tier zum Vorschein kam.
»Oh, ist die süß.«, freute sich Jonas plötzlich und verlor seine Angst.
Vor ihnen saß ein kleines Katzenbaby, das am ganzen Körper zitterte.
»Schau, Tom. Sie hat selbst große Angst. Sie hat ihre Mama verloren.«
Die Jungs atmeten tief durch. Vorsichtig näherten sie sich der kleinen Katze. Jonas nahm sie auf den Arm, streichelte sie und nahm sie mit nach Hause. Auf dem Heimweg mussten sie noch ein paar Mal über ihr verrücktes Erlebnis lachen. Die kleine Katze fauchte nun nicht mehr. Sie lang glücklich in Jonas Arm und schnurrte zufrieden.

(c) 2012, Marco Wittler

390. Zwerg Frostbeule

Zwerg Frostbeule

Es war Winter geworden. Überall lag hoher Schnee und man konnte nur noch in dicken Winterschuhen über die Wege und Wiesen laufen. Ganz besonders schwierig war es für Kinder und kleine Leute vorwärts zu kommen. Ein paar von ihnen war eine Gruppe Zwerge.
»Wir müssen zur Arbeit in die Mine.«, sagte der Älteste von ihnen nach dem Frühstück.
»Die Arbeit ruft und duldet keinen Aufschub. Also zieht euch warm an, damit wir uns auf den Weg machen können.«
Sie schlüpften in ihre schweren Stiefel und in die dicken Wintermäntel und stapften nach draußen in die herrliche Winterlandschaft. Nur einer von ihnen saß in einem Sessel und versteckte sich unter einer dicken Decke.
»Brrr, mir ist so kalt. Geht ihr nur allein in die Mine. Wenn ich nach draußen gehe, werde ich bestimmt sofort zu einem Eiszapfen gefrieren.«
Seine Freunde wurden natürlich sofort sauer. Dieser eine wollte im warmen Haus sitzen bleiben und sie sollten arbeiten gehen? So gehörte sich das einfach nicht.
»Nichts da. Frostbeulen sind keine Ausrede. Du kommst mit zur Arbeit.«
Der frierende Zwerg wehrte sich mit Händen und Worten, aber er durfte nicht zu Hause bleiben.
»Wenn es dir wirklich so kalt ist, dann lass dir halt etwas einfallen. Zieh dir dicke Socken an, ein zweites Unterhemd und dann kommst du mit uns mit.«
Der Zwerg seufzte und ging mit gesenktem Kopf in das große Schlafzimmer. Er kramte in den Schränken und suchte nach warmen Sachen. Ein paar Minuten später kam er grinsend aus dem Haus und schloss sich den anderen Zwergen an.
»Alles in Ordnung. Wir können jetzt gehen. Ich friere jetzt nicht mehr.«
Seine Freunde wunderten sich.
»Warum ist dir denn jetzt so schnell warm geworden?«
Der Zwerg grinste und öffnete kurz seine Jacke, aus dem der kleine Hauskater heraus schaute.
»Ich nehm einfach die Katze mit. Die ist immer schön warm.

(c) 2012, Marco Wittler

239. Der Luftgitarrenwettbewerb

Der Luftgitarrenwettbewerb

Lukas schreckte hoch. Mit einem Mal donnerte Lärm durch das sonst so ruhige Haus. Verwirrt legte er sein Spielzeugauto zur Seite und öffnete vorsichtig die Tür seines Kinderzimmers.
Laute Musik dröhnte ihm entgegen. »Wo kommt das denn her?« Er machte sich auf die Suche und blieb schließlich vor dem Zimmer seines Großen Bruders Tim stehen.
»Was macht der denn da drin? So laut macht er die Musik doch nie an.«
Lukas drückte die Klinke, schob die Tür langsam auf und steckte den Kopf durch den Schlitz. Mitten im Raum stand Tim und bewegte die Arm ganz wild rauf und runter.
»Was machst du denn da? Bist du krank geworden? Muss ich den Notarzt rufen?«
Tim erschrak. Er ließ die Arme fallen, stellte die Musik ab und drehte sich um. Sein hochroter Kopf zeigte, dass ihm, was auch immer er gerate getan hatte, ziemlich peinlich war.
»Das verstehst du noch nicht. Dafür bist du noch zu klein.« wollte er den kleinen Bruder auf den Flur hinaus schieben.
»Wollen wir wetten?« wehrte sich Lukas. »Sag mir einfach, was du da machst. Ich kann das bestimmt besser.«
Tim seufzte, denn er wusste nur zu gut, dass er nicht eher Ruhe bekam, bis Lukas seinen Willen bekam.
»Also gut, Kleiner. Setz dich aufs Bett und sei still. Dann erklär ich es dir.«
Er klickte mit einem Finger auf seine Computermaus. Die Musik ertönte wieder. Dieses Mal aber leiser.
»Das ist Rockmusik. Richtig gute Rockmusik. Da wird ganz viel Gitarre gespielt.«
»Kenn ich doch schon.« winkte Lukas grinsend ab. »Papa hat doch ganz viele von diesen großen, schwarzen CDs im Schrank stehen, die er sich so gern anhört.«
Tim verdrehte die Augen. »Das sind keine CDs. Das sind Schallplatten. Die funktionieren ganz anders. Ist jetzt aber auch egal. Zu dieser Musik gibt es einen Wettbewerb, an dem ich teilnehmen werde. Die Musik kommt von einer CD oder aus dem Computer. Meine Gegner und ich werden dann dazu Gitarre spielen. Also eigentlich tun wir nur so. Wir haben nichts in der Hand. Gitarren sind dabei verboten. Deswegen nennt man das Ganze auch Luftgitarre. Anfänger dürfen sich eine aufblasbare Gitarre mitnehmen. Die haben aber keine Chance gegen uns Profis.«
»Luftgitarre?« Lukas fing an zu lachen. »Und du willst mir ehrlich erzählen, dass das außer dir noch andere machen? Du nimmst mich doch auf den Arm. Das ist doch bestimmt nur wieder so ein Blödsinn, den du dir ausgedacht hast.«
Aber da täuschte er sich, denn Tim zog ihn zum Computer und zeigte seinem kleinen Bruder ein paar Filme von den besten Luftgitarrenspielern der Welt.
»Ist ja irre. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch mehr Verrückte gibt.«
»Und deswegen muss ich noch üben, bevor es heute Abend los geht. Ich will den Hauptpreis haben. Für den Gewinner gibt es nämlich eine echte Gitarre.«
Lukas grinste. »Wetten, dass ich das auch kann? Ich bin bestimmt besser als du.«
Nun musste auch Tim lachen. »Besser als ich? Nie im Leben. Einen Zwerg, wie dich, sieht man ja nicht mal auf der Bühne.«
»Wart nur ab. Ich werde euch alle überraschen.«

Ein paar Stunden später stand Tim vor dem Publikum. Er war ziemlich nervös. Das lag aber auch daran, dass er der letzte Teilnehmer von allen war und vor ihm schon ein paar ziemlich gute Luftgitarrenspieler aufgetreten waren. Trotzdem gab er sein Bestes und wurde vor allem von den Mädels bejubelt.
»Wie ich gerade höre,« war am Ende über die großen Lautsprecher zu hören, » hat sich spontan noch ein weiterer Teilnehmer gemeldet, der nun sein Können unter Beweis stellen möchte. Er hat mir gesagt, dass er etwas ganz Besonderes vorhat. Also bitte ich jetzt um einen großen Applaus für Lukas.«
Das Publikum klatsche, verstummte aber schnell, als ein kleiner Junge auf die Bühne kam. Auf seinen Armen brachte er einen grauen Kater herein.
»Hallo Leute.« sagte er leise in ein Mikrofon. »Ich hab keine passende Musik gefunden, deswegen habe ich meinen Freund Manni mitgebracht, der mir helfen wird.«
Er hielt den Kater hoch und holte dann eine kleine Spielzeugmaus aus der Hosentasche.
Lukas stellte sich breitbeinig hin. Dann hielt er den Kater wie eine Gitarre mit dem rechten Arm. Mit der linken Hand zeigte er ihm die Maus. Nun wurde es still im Publikum. Es wurde so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Langsam zog Lukas die Maus von seinem Kater weg. Das gefiel Manni gar nicht. Also maunzte er leise. Lukas zog die Maus noch etwas weiter weg und Manni maunzte lauter. Es hörte sich fast wie eine echte elektrische Gitarre an.
Nun wurde Lukas immer mutiger. Die Spielzeugmaus bewegte er immer schneller hin und her, während Manni langsam an diesem Spiel gefallen fand. Er maunzte immer lauter, immer schriller und öfter, bis er sie schließlich nach zwei Minuten endlich mit den Zähnen zu fassen bekam. Friedlich verstummte der Kater und begann, genüsslich zu schnurren.
Lukas verbeugte sich, währen das Publikum zu jubeln begann.
Nun kam auch der Preisrichter auf die Bühne. »Ist das nicht unglaublich, Leute? Wär hätte gedacht, dass wir so etwas Verrücktes am heutigen Abend zu sehen bekommen.«
Er holte hinter seinem Rücken eine große, echte Gitarre hervor und wandte sich noch einmal an die vielen Menschen vor der Bühne.
»Ich glaube, dass ihr alle meiner Meinung seid: Die Gewinner des heutigen Luftgitarrenwettbewerbs heißen Lukas und Manni.«
Es wurde laut geklatscht und gegröhlt. Lukas verbeugte sich und nahm seinen Preis entgegen. Dabei grinste er seinem enttäuschten Bruder zu.

(c) 2014, Marco Wittler

Gitarre

071. Wo sind alle Katzen hin?

Wo sind alle Katzen hin?

Stille lag über dem Bauernhof. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und der Hahn hatte noch nicht gekräht. Und doch war schon jemand wach.
Nico war vor ein paar Minuten gähnend aus seinem Bett gekrochen und machte sich an die Arbeit. Seine Aufgabe war es, jeden Tag ein paar der vielen Mäuse zu fangen, die sich auf dem Bauernhof herum trieben, damit sie nicht so viel vom Tierfutter anknabbern konnten.
Besonders die Kühe waren ihm und den anderen Katzen dafür sehr dankbar, denn sie hatten immer Angst mit ihrem eine Maus zu zerquetschen, wenn sie sich hinlegten.
Nico machte seinen üblichen Rundgang. Er lief einmal um die Scheune herum, anschließend um das Haus des Bauern und zum Schluss warf er einen prüfenden Blick auf den Misthaufen.
Und, trotz dass es noch so früh am Morgen war, fing er gleich fünf Mäuse. Die letzte von ihnen kam gerade völlig verschlafen aus dem Misthaufen gekrochen, da war es auch schon um sie geschehen. Nico packte zu und sperrte sie in einen kleinen Käfig.
Die kleine Maus quiekte vor Empörung und verlangte auf der Stelle eine richtige Verfolgungsjagd, wie sie üblich sein sollte, doch lies sich der Kater nicht darauf ein.
Von diesem Krach wurde allerdings Henning, der Hahn, wach. Er hatte seinen Kopf zwischen den Federn versteckt gehabt und schnarchte munter vor sich hin, bis die Maus ihn weckte.
»Huch? Wie denn? Was denn? Ist es denn schon so weit?«
Er schreckte hoch und krähte aus Leibeskräften, bis alle Tiere des Hofes und die Bauernfamilie wach waren.
»Oh nein.«, fluchte Nico.
»Du bist doch viel zu früh dran. Du hättest noch eine halbe Stunde warten sollen. Jetzt kommt doch der ganze Zeitplan durcheinander. Jedes Mal das Gleiche. Warum erschreckst du dich auch jedes Mal, wenn eine Maus anfängt zu quieken?«
Henning entschuldigte sich und überlegte bereits an einer Ausrede, die er den anderen Tieren erzählen konnte. Ein Hahn der sich von einer kleinen Maus erschrecken lies, durfte es doch nicht geben.
Nico packte sich derweil seine Beute und brachte sie in das Hauptquartier der Mäusejäger. Wie an jedem Morgen trafen sich alle sieben Katzen des Bauernhofes in einem alten Hühnerstall und präsentierten dort ihren Fang. Doch diesmal stimmte etwas nicht.
Nico sah sich um und fühlte sich plötzlich mutterseelenallein. Er sah sich ein zweites Mal um und fing schließlich an, laut zu miauen. Eine Antwort bekam er allerdings nicht. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Er war allein.
Er überlegte schnell, was geschehen sein konnte. Hatten die anderen vielleicht verschlafen, oder hielten sie sich an den eigentlichen Zeitplan und jagten noch weitere Mäuse?
Also packte er erst einmal seine Beute in einen größeren Käfig und wartete die Zeit ab. Aber trotzdem blieb er allein. Es kam niemand mehr.
»Da ist doch irgendwas faul. Da stimmt etwas nicht.«
Hinter ihm kicherten die fünf Mäuse vor sich hin. Schließlich lachten sie ganz laut und hielten sich die Bäuche.
»Sechs böse Katzen sind verschwunden und du wirst die nächste sein.«
Nico erschrak. Konnte es wirklich so sein? Waren seine Freunde verschwunden?
Er kontrollierte noch einmal den Käfig, dann machte er sich auf den Weg, die anderen Katzen zu suchen.
Er lief über den ganzen Hof, durch alle Gebäude. Sogar auf den Feldern suchte er, aber er fand nichts. Keine einzige Spur war zu finden. Er war tatsächlich der letzte Mausefänger.
»Was kann das bloß passiert sein? Das verstehe ich nicht.«
Auch in den nächsten Tagen änderte sich an der Situation nichts. Nico musste also die Arbeit ganz allein erledigen, was er natürlich nicht schaffte.
Die Anzahl der Mäuse stieg von Tag zu Tag. Und sie wurden immer frecher und mutiger, denn sie wussten, dass eine einzelne Katze nicht gegen sie ankam.
Sie stahlen sehr viel Futter und nahmen es mit in ihre Verstecke. Sie knabberten Vorratssäcke an und ärgerten die Kühe. Nicht einmal Henning blieb von ihnen verschont. Der arme Hahn konnte nachts kein Auge mehr zu machen. Ständig lief eine Maus an ihm vorbei und zwickte ihn in die dünnen Beinchen. Dafür war er dann morgens so müde, dass er ständig verschlief und den Sonnenaufgang verpasste. Dadurch kam der Bauer nicht mehr pünktlich aus dem Bett und es entstand ein riesiges Chaos.
Nach einer Woche sagte Henning zu Nico: »Ich halte das einfach nicht mehr aus. Es muss endlich was geschehen. Die Mäuse übernehmen langsam das Kommando über den Bauernhof. Ich kann nicht mehr richtig schlafen und deswegen ist der Bauer ziemlich sauer. Ich glaube, dass er gestern zu seiner Frau sagte, dass er mich bald in den Kochtopf wirft, wenn ich nicht bald wieder pünktlich krähe.«
Nico wusste sich auch keinen Rat mehr. Er war den vielen Mäusen einfach nicht mehr gewachsen.
Er streifte eine Zeit lang durch die Felder, bis er schließlich zum benachbarten Bauernhof kam. Er war so in Gedanken, dass er es erst bemerkte, als er vor einem knurrenden Hofhund stand. Zum Glück war dieser angekettet.
Normalerweise hielt sich Nico von diesem Hof fern, da dieser Hund Katzen nicht leiden konnte.
»Was willst du hier? Das ist nicht dein Hof. Also verschwinde, sonst fresse ich dich auf.«
Nico bekam zwar Angst, wusste aber auch, dass der Hund seine Kette nicht zerreissen konnte. Also bestand keine Gefahr, so lange er ihm nicht zu nahe kam.
Plötzlich kam Nico eine Idee. Er flitzte weg und lief ein paar Mal um die Scheune des fremden Hofes. Und er musste feststellen, dass hier nicht eine einzige Maus zu finden war. Es schien, als würde hier keine einzige von ihnen leben.
»Das ist doch mehr als seltsam. Sonst findet man doch auf jedem Bauernhof Mäuse.«
Und dann kam er auf die Lösung dieses Rätsels. Offenbar waren alle Mäuse umgezogen. Sie mussten gehört haben, dass Nico allein kaum noch einen Nager fangen konnte. Doch woran lag das?
Er legte sich auf die Lauer und beobachtete den Hofhund. Dieser stand in der Mitte des Hofes und fraß gemütlich aus seinem großen Napf. Nur selten sah er sich um. Er musste sich ziemlich sicher sein, dass keine ungebetenen Gäste kommen würden. Schließlich lies er sich nieder und machte ein Nickerchen.
»Das ist meine Chance. Jetzt werde ich das Rätsel lösen.«
Nico schlich über den Hof, vorbei am Hund und ging vorsichtig auf dessen Hütte zu. Als er hinein sah, erschrak er und hätte fast geschrien.
Im Inneren fand er, wonach er schon lange gesucht hatte. Dort waren sechs Katzen. Sie waren gefangen und gefesselt worden. Sie alle zitterten vor Angst. Doch als sie Nico erblickten freuten sie sich.
»Seit leise, damit der Hund nichts hört. Ich werde euch befreien.«
Er zerbiss die Seile und geleitete seine Freunde hinaus bis auf die Straße.
Der Hund bekam davon nichts mit. Er lag weiterhin vor seinem Fressnapf und schnarchte.
Als die sieben Katzen auf ihrem Hof ankamen hing sofort ein lautes Geschrei in der Luft. Die Mäuse waren erschreckt, da sie nicht damit gerechnet hatten. Sofort ergriffen sie die Flucht und liefen zum Hof des Hundes, der ihnen geholfen hatte.
Nico hingegen suchte das Hauptquartier auf und packte sich die fünf Nager, die er eine Woche zuvor eingesperrt hatte.
Sie erzählten ihm, dass der Hund des Nachbarhofes alle Katzen einfangen wollte. Als Belohnung verließen alle Mäuse seinen Hof, damit er und seine Tiere ihre Ruhe haben konnten.
»Da hat er aber nicht mit mir gerechnet.«, antwortete Nico.
Er lies die fünf Mäuse frei. Dafür befahl er ihnen, dass sie sofort den Hof verlassen mussten, was sie nur zu gern taten.
Seit diesen Tagen haben die sieben Katzen fast keinen einzigen Nager mehr gesehen. Doch vom Hof des Hundes hörte man ständiges Gebell. Offenbar sah es dort drüben ganz anders aus.

(c) 2008, Marco Wittler

014. Frederick, die kleine Maus

Frederick, die kleine Maus

 In einer großen Scheune auf einem Bauernhof lebte eine große Mäusefamilie. Dort gab es eine Mama Maus und jede Menge Mäusekinder. Eine von ihnen, die älteste der Kinder, hieß Frederick. Schon ganz früh war Frederick ein Abenteurer gewesen und ärgerte nur zu gern die Katze durch ein Fenster hindurch. Das machte immer sehr viel Spaß und die Katze sehr wütend. Am Abend gab es dann von seiner Mutter immer Ärger, weil eine Katze sehr gefährlich für eine kleine Maus werden kann.
Wie in jedem Leben eines Mäuserichs kommt irgendwann einmal die Zeit, sich ein eigenes Mauseloch zu suchen oder zu bauen. Und auch für Frederick war es dann soweit. Er packte seine Sachen zusammen und stopfte sie in einen Beutel. Den band er an einen langen Stock, den er über der Schulter tragen konnte. Und schon konnte es los gehen.
Seine Mutter stand am Eingang und hatte eine kleine Träne im Auge, die jeden Moment ihre Wange herunter kullern konnte. Sie hatte es nicht so schnell erwartet, dass ihr kleiner Frederick ausziehen würde. Sie drückte ihn noch einmal fest an sich und gab ihm ein dickes Stück Käse, damit er bei seiner Suche auch genug zu Essen dabei hatte.
Doch seine Reise dauerte nicht sehr lange. Schon ein paar Meter entfernt fand er einen großen Stützbalken in dem es sich bestimmt gemütlich leben lies. Er konnte es sich schon richtig gut vorstellen. Unten kam der Eingang hin und weiter oben ein Zimmer mit großem Fenster, damit er alles in der Scheune sehen und beobachten konnte. Dazwischen eine schicke Treppe, um hinauf und wieder herunter zu kommen.
Frederick holte sein Werkzeug aus seinem Beutel und begann zu arbeiten. Bis zum Abend hatte er den ersten Raum und die Eingangstür fertig. So konnte er schon in der ersten Nacht sicher schlafen, ohne Angst zu haben von der Katze gefunden und gefressen zu werden. Die Holzspäne, die er aus dem Balken geschlagen hatte versteckte er sorgfältig unter einem Heuhaufen, damit die Katze keinen Verdacht schöpfen konnte, dass hier eine neue Maus eingezogen war.
Auch in den nächsten Tagen war die kleine Maus sehr fleißig. In den ersten dreien entstand die Treppe. Weitere fünf Tage brauchte sie für die beiden Zimmer darüber. Das eine wurde das Wohnzimmer mit einem großen Fenster. Das zweite wurde ein Bad.
In der Zeit danach flogen immer noch viele Holzspäne aus dem Mauseloch. Denn Frederick baute eine zweite Treppe, die noch höher führte. Dort musste unbedingt ein Schlafzimmer entstehen mit einem herrlichen Ausblick auf die ganze Scheune. Und in der anderen Richtung entstand ein großer Vorratskeller.
Nach so viel Arbeit wollte er sich erst einmal entspannen. Doch vorher verbrachte er den ganzen Vormittag damit zwischen seinem neuen Heim, dem Kornspeicher und der Küche des Bauern hin und her zu laufen. Denn er musste noch den Keller mit Essen anfüllen. Nach und nach stapelten sich riesige Mengen Getreide, duftender Limburger Käse, geräucherter Speck und Schinken und einige Kannen Kuhmilch. So konnte er es einige Zeit hier aushalten und es sich gut gehen lassen. Zum Schluss überprüfte er noch einmal die Eingangstür und die Fensterläden. Denn er wollte unbedingt vermeiden, dass die Katze etwas von ihm sehen oder ihn hier drinnen angreifen konnte.
Dann verkroch er sich in sein Wohnzimmer, legte sich auf sein Sofa und lies sich die Sonne auf den Bauch scheinen, die gerade durch einen Spalt im Scheunendach schien.
Doch die Ruhe währte nicht sehr lange, denn von draußen hörte er seine kleinen Geschwister in der Scheune lauthals spielen. Von irgendwo her hatten sie sich eine Erbse besorgt und spielten damit Fußball. Da an Ausruhen nun nicht mehr zu denken war setzte sich Frederick an das Fenster und sah ihnen zu. Zwischendurch feuerte er sie sogar kräftig an.
Doch ein weiteres Geräusch unterbrach den Spaß. Das große Scheunentor knarrte kurz. Irgendwer musste herein gekommen sein. Es war nicht der Bauer, denn ihn hätte man wegen seiner Größe sofort gesehen. Alle starrten nun wie gebannt in die gleiche Richtung. Dann konnte Frederick von seinem hohen Platz als erster sehen, was sich dort durch das Heu anschlich. Es war die Katze.
Sofort warnte der Mäuserich seine Geschwister. Dann rannte er nach unten und verschloss schnell seine Tür. Hier drinnen war er sicher. Außerdem konnte er mit all dem Essen im Keller länger aushalten als die Katze.
Aber den anderen Mäusen erging es nicht so gut. In ihrer Angst liefen sie direkt nach Hause statt sich zu verstecken. Die Katze sah dies sofort und lief hinterher. Nun hatte sie endlich entdeckt, wo die Mäuse wohnten. Jetzt würde sie das Mauseloch nicht eher wieder aus den Augen lassen, bis sie alle Bewohner daraus eingefangen hatte. Irgendwann mussten sie ja heraus kommen. Der Hunger würde sie schon heraus treiben. Wie auf Patrouille ging sie nun auf und ab.
Frederick sah mit Entsetzen zu was dort passierte. Er wollte etwas unternehmen, doch wusste er nicht was er ausrichten konnte. Das erste was er ausprobierte war einfach und nicht sehr wirkungsvoll. Durch ein kleines Guckloch beschoss er die Katze mit einer kleinen Steinschleuder. Sie sah sich zwar kurz nach dem Schützen um, lies sich aber nicht weiter ablenken.
Die kleine Maus lief durch ihr ganzes Haus auf der Suche nach einer Idee. Und die fand sie schließlich im Keller.
Die Scheune stand etwas erhöht auf einem Bretterboden. Darunter waren noch einige Zentimeter Luft. Und Der Fußboden von Fredericks Keller war ein teil dieser Bretter.
Schnell holte er sein Werkzeug wieder hervor und sägte ein Loch in den Boden. Er hatte es genau richtig vermutet. Dort war jede Menge Platz, um unter der ganzen Scheune herum zu laufen.
Er ging noch einmal zu seiner Eingangstür und schätze Richtung und Entfernung zum Mauseloch seiner Familie ab und verschwand dann durch das neue Loch. Es war Zeit, sich auf den Weg zu machen.
Es dauerte nicht lange bis er unter der Katze her ging. Er konnte sie leise über sich schnurren hören.
Am Ziel angekommen begann er ein Loch ins Brett zu sägen über dem sich die anderen Mäuse befinden mussten. Von der anderen Seite waren bereits verwunderte Stimmen zu hören, die sich in erstaunte Augen verwandelten, als er fertig war und zu seiner Familie hinauf kletterte. Schnell gab er allen die Anweisung in seinen Keller zu laufen, weil sie dort viel sicherer waren. Dann überlegte er sich, wie er die Katze verscheuchen konnte.
Ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht. In einem der Zimmer bewahrte seine Mutter alle möglichen Dinge auf, die sie an so manches Ereignis erinnerten. Darunter gab es auch ein Mausefalle, in die sie beinahe getappt wäre.
Der Mäuserich holte sie hervor und schob sie langsam vor den Eingang. Er musste den Schnappbügel nicht einmal spannen, weil er das über all die Jahre noch war. Jetzt musste er nur noch die Verriegelung der Tür öffnen und ganz schnell durch sein Fluchtloch verschwinden.
Die Katze konnte hören, dass etwas im Innern des Mauselochs vor sich ging und stieß sofort die Tür auf und tastete mit ihrer Pfote hastig darin herum. Die kleine Maus war gerade rechtzeitig verschwunden und konnte von unten ein kurzes ‚Klack’ hören und dann ein schmerzverzerrtes Miauen.
Die Katze war in die Falle getappt. Erschrocken zog sie ihre Pfote zurück und humpelte unbeholfen aus der Scheune hinaus. Beim Nächsten Mal würde sie es sich zweimal überlegen, ob sie sich mit einer schlauen Maus anlegen würde.
Am Abend gab es dann ein großes Fest. Alle feierten ihren neuen Helden, Frederick, den Katzenschreck.

(c) 2004, Marco Wittler14 Frederick die kleine Maus