454. Das seltsame Pinguinbaby

Das seltsame Pinguinbaby

Die Pinguindame Paula saß in der Nähe des Strandes auf ihrem kleinen Nest und beschützte ihre beiden Eier vor der Kälte und vor jedem, der sie fressen wollte. Und hungrige Tiere gab es mehr als genug. In der Luft warteten unzählige Möwen auf einen Leckerbissen. Im Wasser schwammen Robben, Seehunde und Wale hin und her und hofften darauf, einen Pinguin zwischen die Zähne zu bekommen.
»Ich muss mir langsam etwas Futter besorgen. Aber wenn ich die Eier zu lange allein lasse, klaut sie mir bestimmt jemand.«
Es war jedes Mal eine richtige Überwindung, im Wasser nach kleinen Fischen zu jagen. Paula blieb aber nichts anderes übrig. Irgendwann machte sie sich doch auf den Weg ins Meer. In der Zwischenzeit übernahm ihre Freundin Pia die Aufsicht.
»Das ist unsere Chance.«, rief sofort eine Möwe zur nächsten.
»Da ist ein Nest nicht richtig bewacht. Los! Holen wir uns ein leckeres Ei!«
Die Möwen hatten sich schon lange abgesprochen. Eine von ihnen sollte den Nachbarpinguin ablenken, während sich die andere an einem der Nester zu schaffen machte. Sie warteten keinen weiteren Augenblick ab. Die erste von ihnen raste im Sturzflug auf Pia zu, kreiste immer wieder um ihren Kopf und kreischte so laut sie nur konnte. Die zweite Möwe landete währenddessen neben Paulas Nest, schnappte sich eines der beiden Eier und flog jubelnd davon.
In diesem Moment kam Paula schon wieder zurück. Sie hatte sich vier dicke Fische gefangen und war nun richtig satt. Da fiel ihr Blick auf das geplünderte Nest.
»Wo ist mein Ei?«, fragte sie entsetzt, während dich Pia bereits traurig entschuldigte.
»Wo ist mein Ei?«, fragte Paula wieder.
Verzweifelt sah sie sich um.
»Irgendwo muss es doch sein. Das wird bestimmt niemand gefressen haben.«
Paula watschelte mit ihren kurzen Beinen so schnell sie nur konnte hin und her. Sie sah unter jeden Stein. Aber zu finden war nichts.
»Vielleicht in dieser Felsspalte.«
Sie war den Tränen nahe. Aber die Hoffnung wollte sie trotzdem nicht aufgeben.
»Lass es sein. Die Möwen haben es sich geholt.«, sagte Pia leise.
»Nein, das kann nicht sein. Es ist hier. Ich habe es gefunden.«, rief Paula und strahlte über das ganze Gesicht.
Tatsächlich holte sie ein Ein hervor. Die Möwen hatten es wohl fallen gelassen.
»Jetzt habe ich wieder alle meine beiden Babys bei mir.«
Paula legte das Ei zurück ins Nest und wunderte sich, dass es größer als das andere war.
»Ist wohl vor Aufregung ein ganzes Stück gewachsen.«
Aber das war Paula egal. Wichtig war nur, dass die beiden Eier in Sicherheit waren. Also setzte sie sich schnell wieder darauf und brütete sie weiter aus.

Vier Wochen später war es dann so weit. Unter Paulas Popo klopfte etwas an die Eierschalen. Sofort stand sie auf und sah nach. Tatsächlich waren ihre Babys gerade dabei, die Schalen zu knacken. Das erste Ei brach und ein kleiner Kopf kam zu Vorschein. Ein neuer Pinguin war geboren.
»Hallo, Mama, da bin ich.«, sagte das kleine Mädchen und kuschelte sich sofort an Paula.
»Dann bist du wohl die kleine Lena. Herzlich Willkommen auf der Welt.«, freute sich Paula.
Und dann knackte auch die Schale des zweiten Eis auf. Doch da kam kein Pinguinkopf hervor. Was es war, konnte Paula auch nicht sagen, aber es hatte grüne Schuppen und ein paar scharfe Zähne im Maul.
»Hallo, Mama. Jetzt bin ich auch da.«, rief das seltsame Tier vor Freude.
Paula wusste gar nicht, was sie sagen oder denken sollte. Doch dann zuckte sie mit den Schultern und drückte das Wesen an sich. Es war aus einem ihrer Eier geschlüpft. Also musste es auch ihr Baby sein.
»Herzlich Willkommen, kleiner Max.«
Paula wusste nicht, dass das Ei aus der Felsspalte schon einige Millionen Jahre dort eingefroren war. Es war das Ei einer Dinosauriermama gewesen. Und Paula hatte es nun ausgebrütet.
Paula drückte die beiden fest an sich und war froh, dass sie die zwei Monate im Ei heil überstanden hatten.
»Liebe Freunde, kommt schnell her. Meine Babys sind endlich da.«, rief sie den anderen Pinguinmüttern zu.
Diese kamen dann auch schnell herbei und staunten nicht schlecht, als sie das grüne Etwas sahen.
»Das soll ein echter Pinguin sein? Sieht aus, als wäre eines deiner Eier in den letzten Wochen schlecht geworden.«, lachten sie und drehten sich amüsiert weg.

In den folgenden Wochen musste sich Paula immer wieder anhören, dass sie ein hässliches Baby ausgebrütet hatte. Lena und Max wurden sogar jeden Tag in der Pinguinschule von den anderen Kindern geärgert und gehänselt.
»Mach dir nichts daraus.«, sagte Lena dann.
»Du bist mein Bruder und mir ist egal, wie du aussiehst. Ich habe dich lieb und das bleibt auch so.«
Dann drückte sie Max immer an sich.

Die Zeit verging. Die Monate zogen ins Land. Die Pinguine und auch der kleine Dinosaurier wuchsen stetig heran. Der einzige Unterschied war, dass Max viel schneller wuchs als die Pinguine und bereits mehr als drei Mal so groß war, wie alle anderen. Das war auch der Grund, warum er noch mehr von den Pinguinkindern geärgert wurde. Mittlerweile durfte er kaum noch in die Pinguinkolonie kommen, da jeder Angst hatte, von seinen großen Füßen zertreten zu werden. Also saß Max meistens auf einem etwas abgelegenen Felsen und starrte auf das schöne blaue Meer hinaus.
Zu dieser Zeit lag bereits eine neue Generation Eier in den Nestern. Die Pinguinmütter saßen wieder fleißig darauf und brüteten fleißig ihre Babys aus. Aus diesem Grund hatte sich auch ein großer Möwenschwarm am Strand versammelt. In diesem Jahr wollten die Vögel etwas Neues ausprobieren. Es galt nur noch, sich abzusprechen.
»Es bringt nichts mehr, wenn wir versuchen, einzelne Eier zu stehlen.«, erklärte ihr Anführer.
»Das dauert zu lange und bringt nicht viel ein. Wir müssen alle gemeinsam zuschlagen.«
Sie waren sich einig und starteten ein paar Minuten später in die Lüfte. Von dort aus stürzten sie sich gemeinsam auf die Pinguinkolonie. Durch ihre Große Anzahl und ihr lautes Geschrei vertrieben sie schnell die verwirrten Mütter von ihren Nestern. Es war nun ein Leichtes, die verlassenen Eier zu stehlen.
»Das ist der beste Raubzug aller Zeiten.«, triumphierte der Anführer der Möwen und nahm sich gleich vier Eier in seine Krallen.
Doch dann hörten die Raubvögel ein lautes Rumpeln, ein erschreckendes Grollen und ein lautes Gebrüll, wie es nur von einem übernatürlichen Monster stammen konnte.
»Verschwindet von hier.«, brüllte eine tiefe Stimme.
»Und wenn auch nur ein einziges Ei fehlt, dann werde ich euch alle fressen.«
Max kam herbei gelaufen. Seine großen Zähne sahen zum Fürchten aus. Um seine Drohungen noch gefährlicher aussehen zu lassen, schnappte er sich eine Möwe aus der Luft und schleuderte sie so hoch er nur konnte.
»Und wenn ich euch noch ein einziges Mal hier sehe, dann werde ich meinen knurrenden Magen mit euch füllen.«
Das ließen sich die Möwen natürlich kein zweites Mal sagen. Sofort legten sie alle erbeuteten Eier zurück in ihre Nester und flogen davon. Max lachte erfreut, während er die erleichterten Pinguinmütter zurück auf ihre Nester schickte, damit es den Eiern nicht zu kalt wurde.
Von da an sprach nie wieder ein einziger Pinguin ein böses Wort gegen Paulas Kinder Lena und Max, die nun gemeinsam über die ganze Kolonie wachten.

(c) 2013, Marco Wittler

433. Das neue Bilderbuch (Hallo Oma Fanny 6)

Ds neue Bilderbuch

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Heute muss ich dir unbedingt von einer ganz witzigen Sache berichten. Am Nachmittag war Tante Anna bei uns. Sie hat ihren kleinen Sohn Marvin dabei, um den ich mich kümmern sollte. Ich mag das eigentlich nicht, denn er nimmt einfach jedes Spielzeug in die Hand und macht es schnell kaputt.
Heute hatte ich aber Glück, denn Marvin hatte ein neues Bilderbuch bekommen, in dem er den ganzen Tag blättern wollte. Er mag die vielen bunten Fotos und freut sich unglaublich darüber.
Wir haben uns also in meinem Zimmer auf den Teppich gesetzt und ein Bild nach dem anderen angeschaut. Meistens wusste Marvin schon, was er da alles sah. Fast jedem Tier und jedem Gegenstand gab er den richtigen Namen. Da waren Affen, Löwen, Hunde, Katzen, Elefanten, aber auch Autos, Häuser Schiffe und vieles mehr.
Nur bei einem einzigen Bild musste er länger überlegen. Er besah sich das Tier ganz genau von allen Seiten und dachte scharf nach, bis er irgendwann lachte.
»Das ist ein Petra«, rief er voller Freude und jubelte, dass er auf die Lösung gekommen war.
Ein Petra? Nein, das stimmte dann aber nicht, denn eine Petra sieht ganz anders aus. Das Tier auf dem Bild hat einen anderen Namen.
Aber Marvin wollte seine Meinung einfach nicht ändern. Er schnappte sich das Buch, lief durch das ganze Haus und rief immer wieder, dass er das Petra richtig gelöst hatte.
Erst Tante Anna konnte ihn aufhalten. Verwundert sah sie in das Buch und musste laut lachen. Dann erklärte sie Marvin, dass es das Bild eines Zebras war.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.

Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

407. Katze des Grauens

Katze des Grauens

Es war bereits Abend geworden. Die Geschäfte hatten ihre Türen geschlossen und die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden.
Jonas stand mit seinem großen Bruder Tom auf dem Gehweg der Hauptstraße. Autos waren kaum noch unterwegs. Es war den Leuten einfach viel zu kalt.
»Los, beeil dich.«, rief Tom seinem Bruder nach.
»Mama wartet schon auf das Brot.«
Jonas Blick war an einem der Schaufenster hängen geblieben. Darin standen viele beleuchtete Kürbisse, hingen kleine Geister an Fäden von der Decke herab und kleine Monster bevölkerten den restlichen Platz dazwischen.
»Heute ist Halloween.«, murmelte er vor sich hin.
»Was?«, fragte Tom.
»Halloween? Das ist doch alles nur Blödsinn. Den Kindern werden Gruselgeschichten erzählt, obwohl es ein Tag, wie jeder andere ist. Es gibt keine Gespenster, Geister oder Monster. Und nun komm endlich.«
»Bist du dir da sicher?«, wollte Jonas wissen.
»Nur weil du noch keine Monster gesehen hast, bedeutet das doch nicht, dass es sie nicht gibt.«
Aber Tom schüttelte nur lachend den Kopf.
»Alles Märchen. Monster gibt es nicht. Schluss, aus, fertig.«
Sie gingen die Straße weiter entlang, bis sie plötzlich einen riesig großen Schatten vor sich sahen, der aus einer Seitenstraße kam.
»Was ist denn das?«
Die Antwort kam sofort. Sie hörten ein lautes Fauchen.
»Das ist nur eine Katze. Mehr nicht. Die kann uns nichts tun.«, erklärte Tom mit zittriger Stimme.
»Eine Katze? So groß? Bist du dir da wirklich sicher?«
Aber Tom war sich gar nicht mehr sicher. So groß konnte eine Katze doch gar nicht sein. Vorsichtig gingen die Jungs ein paar Schritte weiter, bis sie wieder das Fauchen hörten.
»Kommt das näher? Greift sie uns an?«
Tom bekam es mit der Angst zu tun.
»Ich dachte, es gibt keine Monster. Gilt das auch für Monsterkatzen?«, fragte Jonas.
Aber Tom gab keine Antwort. Er wollte umdrehen und einen anderen Heimweg wählen, als das Fauchen ein weiteres Mal zu hören war.
»Sie will uns nicht gehen lassen. Wenn wir jetzt nicht stehen bleiben, fällt sie bestimmt über uns her und frisst uns auf.«
»Was machen wir denn jetzt?«
Jonas blickte sich um und suchte verzweifelt nach einem Versteck. Doch so schnell ließ sich keines finden.
Das Fauchen kam immer näher. Die Monsterkatze war ganz nah. Es konnte nur noch wenige Sekunden dauern, bis sie um die Straßenecke biegen würde.
Die Jungs zitterten am ganzen Leib, bis das schreckliche Tier zum Vorschein kam.
»Oh, ist die süß.«, freute sich Jonas plötzlich und verlor seine Angst.
Vor ihnen saß ein kleines Katzenbaby, das am ganzen Körper zitterte.
»Schau, Tom. Sie hat selbst große Angst. Sie hat ihre Mama verloren.«
Die Jungs atmeten tief durch. Vorsichtig näherten sie sich der kleinen Katze. Jonas nahm sie auf den Arm, streichelte sie und nahm sie mit nach Hause. Auf dem Heimweg mussten sie noch ein paar Mal über ihr verrücktes Erlebnis lachen. Die kleine Katze fauchte nun nicht mehr. Sie lang glücklich in Jonas Arm und schnurrte zufrieden.

(c) 2012, Marco Wittler

400. Die hungrige Raupe

Die hungrige Raupe

Die kleine Raupe Lilli lief auf der Wiese hin und her. Sie war auf der Suche nach frischen, leckeren Blütenblättern. Aber nirgendwo waren welche zu finden. Ein Bauer hatte am Tag zuvor das Gras gemäht.
»Wie soll ich denn nun etwas zu Fressen finden? Ich werde verhungern und nie zu einem wunderschönen Schmetterling werden.«
Eine dicke Krokodilsträne lief an ihrer Wange herunter und sie begann laut zu schluchzen.
In diesem Moment kam eine Biene vorbei geflogen. Sie hörte die weinende Raupe und landete.
»Hallo, kleine Raupe, was ist denn mit dir los?«
Die Raupe schniefte, wischte sich die Nase mit ihrem Ärmel sauber und antwortete.
»Ich habe großen Hunger, aber es gibt auf unserer Wiese keine einzige Blume mehr. Ich muss verhungern und sterben.«
Die Biene hörte sich die Sorgen an und nickte immer wieder.
»Nicht weit von hier ist noch eine Wiese. Sie liegt auf der anderen Seite des Bachs. Du musst nur zur anderen Seite, dann kannst du so viel fressen, wie du willst.«, schlug sie vor.
»Aber wie soll ich denn auf die andere Seite kommen?«, wollte die Raupen wissen.
»Ich habe keine Flügel und kann nicht fliegen. Schwimmen kann ich auch nicht.«
Sie seufzte einmal ganz laut und dann noch ein weiteres Mal. Daran konnte die Biene leider auch nichts ändern. Sie verabschiedete sich und wünschte der Raupe viel Glück, dass sie doch noch etwas zu Fressen finden würde.
Lilli trottete langsam zum Bach, in der Hoffnung, einen Weg hinüber zu finden. Bei ihrem langen Marsch hing ihr Magen immer tiefer und knurrte immer lauter, bis schließlich das Plätschern des Wasser alles übertönte.
»Ach je, was soll ich bloß machen? Ich werde es nie über das Wasser schaffen.«
Die kleine Raupe sah sich um. Auch hier gab es keine Blütenblätter zum Fressen. Nur ein paar Pusteblumen, die nicht gemäht worden waren.
»Die schmecken auch nicht.«
Plötzlich waren Schritte zu hören. Ein Mensch näherte sich. Lilli suchte sofort Schutz hinter einem Stein. Sie wollte nicht von einem Schuh zertreten werden. Ein paar Augenblicke sah sie dann ein Kind. Es lief auf die Pusteblumen zu, riss eine davon ab und blies die Samen in die Luft. Wie eine Gruppe Fallschirmspringer flogen sie weit weg, auf die andere Seite des Flusses.
Lilli beobachtete diesen wunderschönen Flug ganz genau und träumte sofort davon, sich eines Tages als Schmetterling ebenfalls in die Lüfte zu erheben.
»Moment mal.«, sagte sie dann zu sich selbst.
»Ich hab da eine ganz verrückte Idee.«
Schnell krabbelte sie zur nächsten Pusteblume, kletterte am Stiel hinauf und hielt sich an den Blumensamen fest. Im gleichen Augenblick packte das Kind die Blume, riss sie ab und blies kräftig darauf.
Die Samen lösten sich von der Blume und segelten langsam und gemütlich durch die Luft.
»Juhuu!«, jubelte Lilli laut. Nun schwebte sie doch noch auf die andere Seite des Bachs. Doch bevor sie mit ihrem Fallschirm landete, bewunderte sie die Schönheit der anderen Wiese. Überall standen Blumen in allen Farben des Regenbogens.
»Jetzt muss ich nie wieder hungern.«, freute sich die kleine Raupe.
»Jetzt werde ich doch noch ein wunderschöner Schmetterling.«

(c) 2012, Marco Wittler

388. Der schlaue Kater

Der schlaue Kater

Fabio saß am Frühstückstisch und aß ein großes Butterbrot mit leckerer Salami.
»Mh, ist das lecker.«, schwärmte er immer wieder und warf dabei seinen Blick zum Boden.
Dort saß ein Kater in grau und weiß, der gierig darauf wartete, dass ein Stück Wurst herab fiel. Und genau das passierte auch immer wieder.
»Hihihi.«, lachte Fabio dann und ließ ein weiteres Stück Wurst fallen.
»Jetzt wird es aber Zeit, in die Schule zu fahren.«, sagte Mama und räumte den Frühstückstisch auf.
Sie zog Fabio Jacke und Mütze über, achtete darauf, dass er seine Füße in die richtigen Schuhe steckte und brachte ihn dann zum Taxi.
»Viel Spaß beim lernen.«, rief ihm Mama nach.
»Und mach nicht so viel Blödsinn.«
Kater Diego entdeckte zur gleichen Zeit, dass die Haustür offen stand. Heimlich schlich er sich nach draußen und sah sich neugierig um. Er beobachtete, wie Fabio in das Taxi stieg.
»Was der Junge jetzt wohl macht?«, fragte sich der Kater neugierig.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und lief Fabio nach. Mit einem kräftigen Sprung verschwand er im Wagen und versteckte sich sofort unter einem der Sitze.
Das Taxi setzte sich in Bewegung und fuhr quer durch die Stadt. Nach einer ganzen Weile blieb es wieder stehen und die Kinder stiegen aus. Diego folgte Fabio heimlich mit etwas Abstand. Sie gingen in ein großes Gebäude. In einem der unzähligen Räume setzten sie sich alle an kleine Tische und hörten einer Frau zu, die ganz viel erzählte.
Diego hörte ganz genau zu. Das war alles sehr interessant. So viele schlaue Dinge hatte er noch nie auf einmal gelernt. Erst als es Nachmittag wurde schlich er sich wieder unter Fabios Tisch hervor und ließ sich vom Taxi nach Hause bringen.
»Die Schule ist richtig toll. Da fahre ich Morgen ganz bestimmt wieder hin.«, sagte er zu sich selbst, als er sich müde in seiner Katzenhöhle versteckte.

(c) 2012, Marco Wittler

378. Die Zähne des Krokodils

Die Zähne des Krokodils

Oma war mit Max unterwegs. Sie hatten sich den Zoo als Ziel ausgesucht und standen nun vor dem Gehege mit den Krokodilen. Die gefährlich aussehenden Tiere lagen in einem kleinen Tümpel und ließen sich die Sonne auf den schuppigen Körper scheinen.
»Da passiert ja gar nichts. Die liegen ja nur faul rum.«, beschwerte sich Max und wollte schon zu den Elefanten weiter gehen.
»Nun warte doch erstmal ab. Gleich werden sie gefüttert. Da vorne kommt schon der Tierpfleger mit frischem Fleisch.«, erklärte Oma.
Tatsächlich war da ein Mann, der die Gittertür zum Gehege aufschloss. Zwei schwere Eimer brachte er hinein und suchte sich einen Platz, von dem aus er das Futter zu den Tieren werfen konnte. Einen kurzen Augenblick später flog das Fleisch im hohen Bogen zum Tümpel.
Die Krokodile hatten nur auf diesen Moment gewartet. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit stürzten sie sich auf ihre Mahlzeit. Sie rissen an den Fleischbrocken, sie tauchten damit unter und drehten sich beim Fressen um sich selbst.
»Du meine Güte.«
Max atmete tief ein und war völlig überrascht.
»Das sieht ja richtig gefährlich aus. Ich will auf keinen Fall so einem gefräßigen Monster zu nahe kommen.«
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis es wieder ruhig im Gehege wurde und das letzte Stück Fleisch verschlungen war.
»Und wer putzt ihnen nun die Zähne? Traut sich das überhaupt jemand? Das ist doch lebensgefährlich.«
Max wartete darauf, dass der Tierpfleger mit einer großen Zahnbürste zurück kam, aber an der Gittertür tat sich nichts.
»Müssen die Krokodile gar nicht ihre Zähne putzen?«
Er dachte kurz nach.
»Moment mal. Wenn die so scharfe Zähne haben und sie ihnen nicht ausfallen, auch wenn sie keine Zahnbürste benutzen, dann können meine Zähne vom Essen auch nicht krank werden.«
Max grinste über das ganze Gesicht und jubelte.
»Ab jetzt darf Mama nie wieder mit mir schimpfen, wenn ich meine Zähne nicht putzen will, denn dann erzähle ich ihr von den Krokodilen.«
Oma musste lachen, als sie das hörte.
»Ich glaube, du solltest noch einmal in das Gehege schauen, bevor du dich zu früh freust.«
Max drehte sich um, sah durch das Gitter und entdeckte ein paar kleine Vögel, die zwischen den Krokodilen hin und her flitzten.
»Sind die denn verrückt? Wollen die etwa gefressen werden?«
Doch dann geschah etwas ganz erstaunliches. Die Krokodile öffneten langsam ihre Mäuler und ließen die Vögel herein und hinaus gehen, ohne sie zu fressen.
»Die Vögel holen jetzt die Reste des Fressens zwischen den Zähnen heraus und putzen dabei alles blitzeblank sauber.«, erklärte Oma.
»Die Krokodile haben vielleicht keine Zahnbürste, aber dafür etwas, das genau so gut funktioniert. Denn schmutzige Krokodilzähne können ebenfalls krank und löchrig werden.«
Das verstand Max nun auch.
»In Ordnung. Dann werde ich ab jetzt auch immer daran denken, mir nach dem Essen meine Zähne zu putzen.«, versprach er.

(c) 2011, Marco Wittler

363. Das Adoptivkind

Das Adoptivkind

Mehrere Wochen am Stück hatte es geschneit und die Temperaturen waren weit im Keller gelegen. Doch nach dieser langen Zeit der Kälte hatte Tauwetter eingesetzt. Die Sonne kümmerte sich um die Schneemassen und legte nach und nach die Welt wieder frei. Aber was dort zum Vorschein kam, war nicht immer schön gewesen.
Rumms!!!
»Verdammt noch mal.«, brüllte ein Mann hinter dem Steuer eines Lastwagens.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Warum entstehen bloß immer so viele Schlaglöcher, wenn es lange friert. Und jetzt muss ich ständig da durch.«
Er hörte gar nicht mehr auf zu fluchen, denn dieses Mal knallte er mit seinem Reifen in eine besonders tiefes Loch. Es ging ein richtiger Ruck durch das ganze Fahrzeug.
Ein paar Meter weiter hinten hielt die Tür des LKW diesen Belastungen nicht mehr stand. Mit einem lauten Knirschen schwang sie auf. Wenige Sekunden später rutschte eine kleine Holzkiste heraus und fiel auf die Straße. Doch davon bemerkte der Fahrer nichts. Er setzte seinen Weg weiter fort und verschwand hinter der nächsten Kurve, wo er durch weitere Schlaglöcher steuerte.
Da stand die kleine Kiste nun am Straßenrand. Breite Risse hatten sich im Holz gebildet. Lange würde sie nicht mehr in einem Stück bestehen bleiben. Aus diesem Grund kam das Innere in Bewegung. Es rüttelte, es schüttelte. Es versuchte, sich aus seinem engen Gefängnis zu befreien.
»Da schau mal.«, sagte Max zu seiner kleinen Schwester Anna, die gerade von der Schule nach Hause gingen.
»Hat sich die Kiste bewegt?«
Vorsichig gingen sie näher, als es auch schon geschah. Die Kiste zerbrach in mehrere Teile und zum Vorschein kam ein kleines Etwas mit schwarzen und weißen Farben. Vor lauter Angst zitterte es am ganzen Leib.
»Ist das ein Tier?«, fragte Anna neugierig.
Sie legte ihren Schulranzen ab, sah nach links und rechts, um sich davon zu überzeugen, dass kein Auto kam und trat auf die Straße. Behutsam hob sie das Tier hoch und besah es sich von allen Seiten.
»Das ist ein Pinguin.«, rief sie erstaunt.
»Wie kommt der denn hierher? Der gehört doch zum Südpol.«
Max sah sich die Reste der Holzkiste an.
»Den hat bestimmt jemand verschickt und die Post hat ihn dann verloren. Leider ist die Adresse verschwommen. Der Aufkleber hat in der Pfütze hier gelegen. Ich kann nicht mehr lesen, wo der Pinguin eigentlich ankommen sollte. Was machen wir denn jetzt?«
Anna begann zu strahlen.
»Ist doch klar. Wir behalten ihn. Ich hab auch schon einen Namen für den kleinen Kerl. Ich werde ihn Paul nennen.«
Max verdrehte die Augen.
»Wir können ihn doch nicht einfach so mitnehmen.«
Aber Anna war anderer Meinung. Sie schnallte sich ihren Ranzen um, setzte den Pinguin vorsichtig in ihre große Jackentasche und ging grinsend nach Hause.

Mama stand gerade in der Küche und kümmerte sich um das Mittagsessen, als die beiden Kinder nach Hause kamen. So konnte sich Anna unbemerkt in ihr Zimmer schleichen und den kleinen Pinguin verstecken. Erst dann setzte sie sich an den großen Esstisch zum Rest der Familie.
»Wir haben heute was Ungewöhnliches gesehen.«, begann plötzlich Max zu erzählen.
»Pscht.«, machte Anna und sah ihren Bruder böse an, der sofort verstummte.
»Was habt ihr denn gesehen?«, fragte Papa neugierig.
»Ach, nichts weiter. Ein Lastwagen hat auf der Straße eine alte Holzkiste verloren. Mehr war da nicht.«, berichtete Anna und ließ einfach den Rest ihres Erlebnisses weg.
Nach dem Essen ging sie wieder in ihr Zimmer und staunte nicht schlecht. Der Pinguin hatte sich inzwischen ein wenig ausgetobt und dabei zwei Blumenvasen umgeworfen. Nun saß er in der Pfützte und patschte darin mit seinen kleinen Flügeln herum.
»Ach, du brauchst ja Wasser.«, fiel es Anna ein.
Sie schnappte sich den Pinguin und brachte ihn ins Badezimmer. Sie ließ etwas Wasser in die Wanne und setzte ihr neues Haustier auf den Rand.
»Also das wird dir bestimmt gefallen.«
Und so war es auch. Der kleine Paul ließ sich das nicht zweimal sagen und glitt in das Wasser.
»Und ich gehe so lange wieder runter und mache meine Hausaufgaben.«
Als Anna den Flur betrat, hörte sie schon die Stimme ihres Bruders, der ganz verschwörerisch klang.
»… und dann hat sie ihn einfach in ihre Tasche gesteckt und mit sich genommen.«
Anna wurde rot im Gesicht. Wie konnte ihr Max bloß so in den Rücken fallen. Sofort stürmte sie die Treppe hinunter.
»Ich kann das gar nicht glauben.«, begann Mama, als sie ihre Tochter sah.
»Hast du wirklich …?«
»… einen Pinguin mit nach Hause genommen.«, beendete Anna den Satz kleinlaut und nickte.
Mama stockte der Atem. Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie wieder etwas sagen konnte.
»Das Tier muss sofort weg. Ich weiß ja nicht mal, wie man einen Pinguin hält.«
Sie lief aus dem Wohnzimmer heraus und blieb im Flur stehen.
»Wo ist er?«
Anna kam ihr hinterher und zeigte den Weg.
Mama öffnete vorsichtig die Badezimmertür und warf einen Blick hinein. Paul kletterte gerade aus dem Wasser und setzte sich auf den Rand der Wanne, wo er sich kräftig schüttelte.
»Ist der süüüß.« rief Mama.
Sie betrat das Bad und nahm den Pinguin in die Arme. Sie musste grinsen.
»Wisst ihr was? Den hätte ich auch mit nach Hause genommen. Jetzt müssen wir ihm nur noch eine eigene Badewanne besorgen.«
Anna lachte und freute sich darüber ihr neues Haustier doch noch behalten zu dürfen.

(c) 2011, Marco Wittler

342. Ein ungewöhnliches Tier

Ein ungewöhnliches Tier

Es war ein schöner, sonniger Tag, als Prinzessin Flora durch den Wald spazierte. Überall sangen die Vögel lustige Lieder zu denen die kleinen Grillen zirpten. Da konnte sich auch die Prinzessin nicht zurück halten. Sie hüpfte, sie sprang, sie sang. Doch plötzlich hörte sie ganz in der Nähe ein leises Wimmern.
»Huch, was ist denn das?«, fragte sie sich und spähte durch die Büsche hindurch.
»Wie kann man denn an einem solchen Tag nur weinen?«
Nach ein paar Minuten entdeckte sie ein kleines Pferd, das mitten auf einer Lichtung im Gras lag und bitterliche Tränen weinte.
»Hallo, kleines Pferd. Warum weinst du?«, fragte Flora besorgt.
Das Pferd blieb liegen und drehte sich nicht einmal herum. Dafür schluchzte es nur noch lauter.
»Komm nicht näher und sie mich nicht an. Ich bin so hässlich, dass mich niemand leiden kann und mich jeder auslacht.«, jammerte es.
So etwas konnte sich die Prinzessin nicht vorstellen, schließlich lebte in ihrem Schloss ein altes Weib mit Buckel und einer großen, hässlichen Warze auf der Nase. Aber trotzdem begegnete man ihr mit Respekt, weil sie nett, weise und klug war.
Flora kam langsam näher und ging ein paar Schritte um das Pferd herum und nur ein paar Augenblicke später entdeckte sie das Problem. Auf der Schnauze des Tieres saß ein großes Horn. Es war kein edler Schmuck, wie ihn ein Einhorn auf der Stirn trug, sondern ein klobiges Ding, ähnlich einem Nashorn.
»Jedes Tier im Wald lacht über mich. Sogar die wunderschönen Einhörner meiden mich. Ich bin das einsamste Tier der ganzen Welt.«
Das Pferd begann wieder laut zu weinen. Die Prinzessin bekam großes Mitleid, aber sie wusste keine Lösung für dieses Problem. Man konnte das Horn nicht einfach absägen oder weg zaubern.
In diesem Moment waren Schritte zu hören. Sie kamen schnell näher und werden mehr und mehr. Es schien, als wären alle Bewohner des Waldes auf den Beinen. Plötzlich raschelte es in den nahen Büschen und unzählige Tiere kamen zum Vorschein. Sie alle sahen unglaublich verschreckt und ängstlich aus.
»Verschwindet!«, riefen ein paar von ihnen.
»Sucht euch ein sicheres Versteck oder verlasst den Wald. Ein gefährlicher und hungriger Wolf ist hier eingetroffen.«
Die Tiere rannten so schnell sie konnten und verschwanden auf der anderen Seite der Lichtung im Dickicht.
»Du solltest besser auch verschwinden, bevor dir etwas geschieht.«, sagte das Pferd zur Prinzessin. Doch diese weigerte sich zu gehen.
»Du kannst doch nicht hier liegen bleiben und dich fressen lassen.«
Und da kam er auch schon. Kurz bevor er zu sehen war, hörte man bereits leises Knurren. Auf leisen Pfoten kam er langsam näher. Mit seinen wachsamen Augen ließ er das Pferd und die Prinzessin nicht mehr aus den Augen.
»So ist es brav.«, flüsterte er beschwörend.
»Bleibt einfach, wo ihr seid, dann ist es umso schneller für euch vorbei und es tut nur halb so weh.«
Er leckte sich über die scharfen Zähne und überlegte, wen der beiden er als erstes fressen sollte. Er entschied sich schließlich für die Prinzessin. Mit einem kräftigen Sprung raste er plötzlich auf Flora zu.
»So haben wir aber nicht gewettet.«, rief das Pferd und stand unerwartet auf.
Es stellte sich dem Wolf in den Weg und empfing ihn mit seinem spitzen Horn.
Schmerzverzerrt verzog er sein Maul, jaulte laut auf und verzog sich humpelnd zurück.
»Du hast mir das Leben gerettet.«, sprach die Prinzessin ehrfürchtig.
»Und wir haben es alle gesehen.«, riefen die Tiere des Waldes, die nun aus ihren Verstecken kamen.
Ehrfürchtig verneigten sie sich vor dem Pferd mit dem Horn und bedankten sich, dass es den bösen Wolf vertrieben hatte. Von diesem Moment an, war das Pferd nie wieder einsam.

(c) 2010, Marco Wittler

330. Ein Picknick im Wald

Ein Picknick im Wald

In den letzten Wochen hatte es ohne Pause geregnet. Dunkle Wolken hatte für lange Zeit die Sonne verdeckt. Doch nun war es endlich seit drei Tagen wieder schön. Das Grau am Himmel hatte sich verzogen und einem kräftigen Blau Platz gemacht. Mittlerweile war es auch wärmer geworden. Da lohnte es sich, etwas draußen zu unternehmen.
»Wir werden heute ein Picknick machen.«, hatte Mama schon beim Frühstück entschieden.
»Ein Picknick?«, hatte Anna-Lena neugierig gefragt.
»Was ist denn das?«
Mama lachte.
»Wir verlegen das Mittagessen und deine geplante Teeparty nach draußen. Wir nehmen einen Korb, packen da eine Decke hinein, etwas zu Essen, Teller, Besteck, Getränke und gehen zusammen in den Wald und machen es uns auf der großen Lichtung bequem.«
Anna-Lena bekam hoch erfreute Augen.
»Juhuu. Das ist eine prima Idee. Ich hole gleich alles her, was ich noch brauche.«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer.

Zwei Stunden später war es so weit. Mama hatte in der Küche noch einige Dinge vorbereitet. In einer Schlüssel hatte sie Kartoffelsalat gemacht, in einer großen Dose lagen Butterbrote. Obst durfte natürlich auch nicht fehlen. Der leckere Apfelsaft musste ebenfalls mit.
»Jetzt müssten wir eigentlich alles haben.«
In diesem Moment kam Ann-Lena die Treppe herunter gelaufen. Sie hatte sich einen Rucksack umgeschnallt.
»Da sind nur meine wichtigsten Puppen und Kuscheltiere drin.«, erklärte sie.
»Die freuen sich alles schon auf das Picknick. Ich konnte es ihnen nicht ausreden. Sie haben sogar geweint, als ich sagte, sie müssten zu Hause bleiben. Also nehm ich sie alle mit.«
Mama nahm ihre Tochter an die eine Hand, den Korb an die andere und gemeinsam gingen sie ein Liedchen singend in den Wald.
Überall roch es angenehm nach Natur. Hier und da waren bunte Blüten zu sehen Wenn man sich leise verhielt, hatte man sogar die Chance ein scheues Reh hinter einem Busch zu entdecken.
»Da vorn ist schon die Lichtung.«, sagte Mama.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. An Ort und Stelle breiteten sie gemeinsam die Decke aus und setzten sich darauf. Anna-Lena ließ es sich nicht nehmen, die einzelnen Schüsseln, Dosen, Teller und Becher um sich herum zu verteilen.
»Hm, womit fange ich denn an?«, fragte sie sich und griff sich kurz darauf ein Butterbrot mit Käse.
»Das ist richtig lecker. Hier draußen schmeckt es noch viel besser als zu Hause.«, erklärte sie begeistert mit vollem Mund.
Doch bevor sie den ersten Bissen schlucken konnte, stockte ihr der Atem, denn eine kleine Erdbeere bewegte sich plötzlich von ihrem Teller weg zum Rand der Decke.
»Was ist denn das?«
Nun wurde auch Mama neugierig, denn es war nicht bei der einen Erdbeere geblieben. Nach und nach bewegten sich nun auch kleine Tomaten, Gurkenscheiben und mehr.
»Da geht doch was nicht mit rechten Dingen zu.«, sagte Mama misstrauisch.
Sie schnappte sich eine laufende Erdbeere und sah darunter.
»Schau mal einer an.«
Sie hatte die Lösung des Rätsels gefunden. Winzig kleine Ameisen hatten sich das Obst und Gemüse geschnappt und wollten es nun in ihren Hügel schleppen.
»Na gut.«, sagte Mama.
»Die dürft ihr behalten. Aber der Rest ist für uns.«
Zusammen mit Anna-Lena brachte sie die Sachen zu einem nahen Tisch.
»Dann essen wir halt doch nicht auf dem Boden.«
Anna-Lena musste aber immer noch grinsen, denn sie beobachtete weiterhin das wandernde Diebesgut, wie es sich seinen Weg durch die Wiese bahnte.

(c) 2010, Marco Wittler

328. Über den Bach

Über den Bach

Durch die große Wiese und am Spielplatz vorbei führte ein kleiner Bach. Die vielen Kinder, die sich hier den schönen Tag vertrieben, sprangen immer wieder von einem Ufer zum anderen. Dazu mussten sie nicht einmal großen Anlauf nehmen. Ein kleiner Hopser genügte.
Dieses bunte Treiben wurde unbemerkt von zwei kleinen Ameisen beobachtet.
»Schau dir nur die Menschenkinder an.«, sagte Pips.
»Ich möchte auch einmal auf die andere Seite des Wassers. Vielleicht ist die Welt dort ganz anders. Wolltest du das nicht auch schon immer mal wissen?«
Fips, die zweite Ameise kratzte sich am Kopf.
»Um ehrlich zu sein, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich war eigentlich schon immer glücklich auf unserer Seite. Aber jetzt, wo du es erwähnst, wäre es doch mal einen Versuch wert, sich das andere Ufer anzuschauen.«
Gemeinsam liefen sich vorbei an hohen Grashalmen und Blumen, bis sie das Wasser erreicht hatten. Sie sahen nach links und rechts und überlegten, was nun zu tun sei.
»Eine Brücke gibt es nicht. Und schwimmen können wir auch nicht. Wenn wir einfach so in den Bach steigen, wird uns die Strömung fort reißen. Wir würden jämmerlich ertrinken.«
Fips wusste sich keinen Rat und wäre gern sofort umgekehrt.
»Das war eine ganz dumme Idee.«
Aber Pips hatte schon einem Plan gearbeitet, den er nun in die Tat umsetzen wollte. Er kletterte auf eine Blume, hangelte sich an einem Stiel entlang und biss ein großes Blatt ab. Dann kam er wieder zurück auf den Boden.
»Wir werden das Blatt als Boot benutzen. Es ist leicht genug, um auf dem Wasser zu schwimmen. Wir müssen uns nur noch darauf setzen und zur anderen Seite paddeln.«
Und so setzten sie das Blatt auf den Bach, kletterten darauf und stießen sich vom Ufer ab.
Langsam setzten sie sich in Bewegung und kamen tatsächlich vorwärts. Fips war zunächst nicht wohl bei der Sache. Doch dann machte es ihm langsam richtig Spaß.
»Mein Freund, das war die beste Idee deines Lebens. Du bist ein Genie.«
Doch in diesem Moment wurde das Blatt von der Strömung ergriffen und raste den Bachlauf entlang.
»Du meine Güte.«, rief Fips entsetzt.
»Wie sollen wir denn jetzt überhaupt nur eines der beiden Ufer erreichen, wenn wir den ganzen Bach entlang schippern? Das war doch keine gute Idee.«
Doch selbst an diesem Problem schien Pips schon zu arbeiten. Er lief im Kreis, sah sich das Blatt ganz genau an und zog hin und wieder an den Rändern.
Schließlich grinste er breit.
»Du musst mir helfen.«, rief er seinem Freund zu.
Gemeinsam stellten sie sich auf die vorderste Spitze des Blattes.
»Sobald ein neuer Windstoß kommt, ziehen wir den Rand hoch.«
Fips nickte unsicher, ergriff mit seinen Händen aber sofort das Blatt. Sekunden später pfiff ein Wind über den Bach. Die zwei Ameisen zogen den Rand hoch und staunten, denn von einer Sekunde zur anderen wurden sich hoch in die Luft gehoben und segelten über die Wiese hinweg. Es ging hin und her, rauf und runter, bis sie schließlich sicher auf dem Boden zwischen den Gräsern landeten.
»Siehst du.«, sagte Pips und grinste.
»Wir haben es geschafft und sind sicher angekommen.«
Fips grinste nun auch.
»Ja, es hat richtig Spaß gemacht. Aber geschafft haben wir es trotzdem nicht, denn wir sind auf unserer Seite des Baches gelandet.«
Pips sah sich um, blickte zur anderen Seite des Baches und seufzte.
»Wir sind immer noch da, wo wir immer waren. Aber zumindest haben wir ein spannendes Abenteuer erlebt.«
Dem konnte auch Fips nicht widersprechen.

(c) 2010, Marco Wittler