542. Paul und der Mond

Paul und der Mond

An einem frühen Herbstabend machten Papa und Paul noch einen Spaziergang an den abgemähten Feldern in der Nähe ihres Hauses vorbei. Die Sonne war bereits unter gegangen und erste Sterne tauchten wie Nadelstiche in einem Zelt am Himmel auf. Kurz darauf kroch das lächelnde Gesicht des Vollmonds hinter dem Horizont empor.
Paul blieb erstmal stehen und bat Papa schließlich auf einer nahen Bank sitzen und den Mond eine Weile beobachten zu dürfen.
Und da saßen sie nun gemeinsam und sahen in den Abendhimmel hinauf.
»Warum geht der Mond eigentlich jeden Abend auf und spät In der Nacht wieder unter?«, fragte Paul irgendwann in die Stille hinein. »Wird ihm das nicht langweilig, wenn er immer das Gleiche macht?«
Papa grinste. »Der Mond ist nicht lebendig. Deswegen hat er auch nie Langeweile.«
Er überlegte kurz, wie er seinem Sohn den Mond erklären konnte.
»Weißt du, der Mond ist ein riesig großer Felsbrocken, der sich einmal im Monat um die Erde dreht.«
»Immer im Kreis?«, wollte Paul ungläubig wissen.
»Ja, immer im Kreis.«, nickte Papa
»Und der Mond fliegt nicht einfach so weg?«
»Nein.«, lachte Papa.
»Stelle dir vor, du bindest einen Stein an ein Band und drehst dich damit immer wieder schnell im Kreis.«, erklärte er. »Dann wird sich auch der Stein um dich herum im Kreis bewegen, ohne wegzufliegen. Er bleibt immer bei dir.«
Paul dachte nach. »Die Erde hat aber keine Hände, um den Mond an einem Band festzuhalten. Wie soll das den gehen? Du erzählst mir bestimmt einen riesigen Blödsinn, weil du mich auf den Arm nehmen willst.«
Papa zuckte mit den Schultern. »Das ist wirklich so. In der Schule hab ich mal gelesen, dass die Erde den festhalten kann, weil sie so schwer ist. Wie das jetzt genau funktioniert, weiß ich aber auch nicht. Vielleicht gibt es doch irgendwo ein Seiler oder eine Leine, an der der Mond befestigt ist. Gesehen habe ich das aber auch nicht nicht.«
Jetzt war es Paul, der lachen musste. »Du meinst, da geht jemand mit dem Mond an einer Leine spazieren wie mit einem Hund? Das glaubt dir aber kein einziger Mensch.«
In diesem Moment hörten sie jemanden den Feldweg entlang laufen. Wegen der Dunkelheit war aber noch nichts zu sehen.
»Aus der Bahn!«, rief eine Männer Stimme. »Macht Platz! Ich muss da durch!«
Und dann sahen Papa und Paul einen großen Mann mit muskelbepackten Armen auf sich zu kommen. In seinen Händen hielt er ein dickes Seil, das kerzengerade nach oben in den Himmel verlief. An diesem Seil entlang, konnte man direkt zum Mond schauen.
»Passt auf, dass ich euch nicht umrempel!«, rief der Mann erneut. »Ich muss den Mond festhalten, damit er nicht davon fliegt.«
Paul fielen fast die Augen aus dem Kopf. Der Mond hing tatsächlich an einer langen Leine? Das war echt unglaublich.
Na hast wenigen Sekunden war der Mann an ihnen vorbei gelaufen. Der Mond folgte ihm auf seinem Weg durch die Dunkelheit.
»Ist ja irre.«, war das einzige, das Paul sagen konnte. Dann machte er sich mit Papa auf den Heimweg.

(c) 2016, Marco Wittler

495. Dem Verbrechen auf der Spur

Dem Verbrechen auf der Spur

Lena sah auf die an der Wand. So gerade eben konnte sie die Zeiger in der abendlichen Dämmerung erkennen.
»Viertel nach acht.« murmelte sie leise vor sich hin. »Jetzt fängt Mamas Film an.«
Sie legte die Decke zur Seite, die sie beim Gutenachtkuss von Mama bis zur Nasenspitze gezogen hatte. Das war auch gut gewesen, denn sonst hätte Mama bemerkt, dass Lena sich gar nicht umgezogen hatte.
Lena schlich zum Fenster, öffnete es und ahmte den Ruf einer Eule nach. Aus drei Richtungen bekam sofort ähnliche Antworten.
»Dann sind ja alle bereit.« Sie grinste und kletterte nach draußen.
»Schon praktisch, wenn man sein Zimmer im Erdgeschoss hat.« Dabei ging ein kurzer Gedanke zu ihrem Bruder, der ein Stockwerk höher schlief und nicht so einfach spät am Abend etwas unternehmen konnte.
Lena lief quer über die große Wiese, kletterte über einen Zaun und traf sich schließlich mit drei anderen Kindern auf einem Spielplatz in der Nähe.
»Hat ihn schon jemand entdeckt?« fragte sie in die Gesichter der anderen, aber Toni, Anna und Jonas schüttelten den Kopf.
»Dann haben wir es ja rechtzeitig geschafft.«
Die vier Kinder suchten sich einen großen Busch, unter dem sie sich gut verstecken konnten.
»Hoffentlich kommt er heute auch.« grummelte Toni leise. »Ich will nicht umsonst Ärger bekommen, wenn meine Mama sieht, dass ich nicht im Bett liege und schlafe.
Zum Glück dauerte es nur wenige Minuten, bis er kam, der Mann, auf den sie gewartet hatten. Der Mann, den seit einer ganzen Woche schon von ihren Fenstern aus beobachtet hatten.
»Und er läuft sogar in den gleichen Klamotten rum. Hat der nichts anderes in seinem Schrank?« Für Anna war das ein Ding der Unmöglichkeit. Sie zog sich aus Spaß gern drei Mal am Tag um.
»Grüne Gummistiefel, eine schmutzige Jeans und eine alte, dicke Jacke. Der Hut auf seinem Kopf ist auch nicht gerade modern.«
In diesem Moment nahm der Mann einen Rucksack vom Rücken. Er stellte ihn auf dem Boden ab, öffnete einen Reißverschluss und holte einen Klappspaten hervor. Damit hob er ein Loch aus und untersuchte gründlich das Stück Erde vor sich. Er stopfte etwas Kleines in ein Eimerchen und ging ein paar Meter weiter. Dort begann er erneut zu graben.
»Ich sag es euch, der Typ ist verrückt. Wer weiß, was der da sucht. Er ist bestimmt ein Mörder und sucht nach der Besten Stelle für sein Opfer.« war Jonas überzeugt.
Die Kinder gruselte es, wenn sie nur daran dachten.
»Wir müssen ihn irgendwie aufhalten. Nur wie?«
Lena holte ihr Handy aus der Hosentasche. »Ich rufe jetzt meinen Papa an. Der wird uns bestimmt helfen.«
Sie tippte die Telefonnummer ein, wartete, bis sich ihr Vater meldete und erklärte aufgeregt, worum es ging. Dann hörte sie ihm eine Weile zu, bis sie ganz rot im Gesicht wurde und auflegte.
»Was ist denn jetzt?« fragte Anna aufgeregt, weil Lena nichts sagte.
»Mein Papa hat kurz aus dem Fenster geschaut und dann gelacht. Das ist der alte Karl, ein Mann aus der Nachbarschaft. Den kennt hier wohl fast jeder. Jedenfalls sucht er jeden Abend nach Regenwürmern, die er dann zum Angeln benutzt. Das macht er schon seit über zwanzig Jahren.«
Die Kinder seufzten enttäuscht. Sie hatten doch kein Verbrechen aufgedeckt.
»Und er hat mir noch etwas gesagt. Wir sollen alle in unsere Betten verschwinden, sonst gibt es richtig viel Ärger.«
Jetzt gaben sie einen noch lauteren und größeren Seufzer von sich. Dann verabschiedeten sie sich voneinander und kletterten wieder in ihre Zimmer zurück.

(c) 2014, Marco Wittler

479. Sternenhimmel

Sternenhimmel

Am späten Abend gingen Papa und Max zu Fuß durch die Straßen der Stadt. Sie waren gerade von Omas Geburtstagsfeier gekommen und waren auf dem Weg nach Hause. Papa blieb immer wieder stehen und sah zum dunklen Himmel hinauf, während sich Max mehre für die hell erleuchteten Schaufenster interessierte.
»Schau mal, da oben ist ein Stern.« rief Papa irgendwann.
»Ein Stern?« Max sah sich um und entdeckte nach längerem Suchen den unscheinbaren Punkt am Himmel.
»Sterne sind super langweilig. Die paar Leuchtpunkte da oben. Da gibt es doch viel coolere Sachen.«
Er drehte sich wieder einem Schaufenster zu und bestaunte die neuesten Handys in der Auslage.
»Nur ein paar Sterne? Pah. Du hast ja gar keine Ahnung.«
Papa stemmte die Fäuste in die Seiten.
»Du bist ja auch hier in der Großstadt aufgewachsen und weißt gar nicht, wie schön der Nachthimmel sein kann. Ich komme aber eigentlich vom Land. Da sieht der Himmel viel schöner aus.«
Max schüttelte den Kopf.
»Schöner? Das glaube ich dir nicht. Das musst du schon beweisen.«
»In Ordnung.« sagte Papa.
»Sobald wie zu Hause sind, setzen wir uns ins Auto und fahren los.«

Es dauerte nur ein paar Minuten. Sie bogen um zwei Ecken und stiegen dann in Papas Auto ein. Bevor er den Wagen startete, suchte er noch etwas.
»Irgendwo habe ich auch die passende Musik für heute Abend. Damit macht die Fahrt noch mehr Spaß.«
Er legte eine CD ein und drehte die Lautstärke auf die höchste Stufe.
›Einen Stern, der deinen Namen trägt.‹ sang er mit, so laut er nur konnte.
»Das ist vom DJ Ötzi.« erklärte er seinem Sohn begeistert, der sich aber verzweifelt die Finger die Ohren gesteckt hatte.

Nach einer halben Stunde waren sie am Ziel angekommen. Sie hielten auf einer schmalen Straße mitten zwischen riesigen Feldern. Weit und breit war kein einziges Haus zu sehen.
»Und wo sind jetzt deine tollen Sterne?« beschwerte sich Max.
»Ich sehe genau so viele wie vorher.«
Papa seufzte.
»Kurbel das Fenster runter und wirf einen Blick nach draußen.«
Max verdrehte die Augen, tat ihm aber trotzdem den Gefallen.
In diesem Moment schaltete Papa die Scheinwerfer seiner Autos ab. Sofort wurde es um sie herum stockdunkel. Von den Feldern oder der schmalen Straße war nichts mehr zu sehen.
»Schau nach oben, mein Sohn.«
Max sah hoch und wollte seinen Augen nicht trauen. Der Himmel war tatsächlich mit Milliarden Sternen übersät. So viele hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
»Wow. Wo kommen die denn her?« staunte er.
»Ist über dem Land ein anderer Himmel, als über der Stadt?«
Papa lachte und schüttelte unbemerkt in der Dunkelheit den Kopf.
»In der Stadt ist zu viel Licht. Es ist einfach zu hell. Das Licht der Sterne ist so schwach, dann man es zu Hause nicht sehen kann. Hier aber stört keine einzige Lampe. Deshalb sieht man am Himmel auch so viel.«
»Was ist denn das?«
Max hob den Zeigefinger zum Himmel und verfolgte mit ihm einen dünnen Leuchtstreifen, der nach wenigen Sekunden wieder verschwand.
»Das war eine Sternschnuppe.«
»Eine Sternschnuppe? Krass. Ich habe die immer für ein Märchen gehalten, weil ich noch nie eine gesehen habe.«
»Die sieht man auch nur dort, wo es dunkel genug ist.«
Max grinste vor sich hin. Die Fahrt hatte sich wirklich gelohnt.
»Schade, dass wir nicht auf dem Land leben. Die Sterne hier draußen sind doch richtig cool.«

(c) 2014, Marco Wittler

442. Die Nachtwanderung (Hallo Oma Fanny 15)

Die Nachtwanderung

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich habe gestern Abend etwas ganz Aufregendes erlebt. Davon musst du unbedingt erfahren.
Ich lag in meinem Bett, habe tief und fest geschlafen und richtig schön geträumt, als Mama plötzlich an meinem Arm gerüttelt und geschüttelt hat. Davon bin ich natürlich wach geworden. Dabei hatte ich im Traum gerade angefangen einen großen Goldschatz auszugraben.
Mama hat mich dann unter der Decke hervor geholt und darauf bestanden, dass ich mich anziehe, obwohl es mitten in der Nacht war. Sie schlug einen Spaziergang im Wald vor, Verrückte Idee, meinst du nicht auch?
Ich musste mir erstmal den Schlaf aus den Augen reiben. Aber dann bin ich schnell in meine Klamotten und Schuhe geschlüpft. Zehn Minuten später stand sie mit mir und meiner Schwester auf der Straße.
Zum Glück ist es bis zum Wald nicht sehr weit. Dort war es richtig aufregend. Überall knackte und raschelte es. Immer wieder waren die Laute von wilden Tieren zu hören.
Eigentlich bin ich ja nicht so ängstlich, aber manchmal war mir nicht wohl. Mit Papa zusammen wäre es bestimmt einfacher gewesen, aber der war noch arbeiten.
Plötzlich gab es einen lauten Krach. Blätter und Äste flogen durch die Gegend. Hinter einem Busch kam ein schauriges Gespenst hervor gesprungen und rasselte mit seiner Kette.
Meine Schwester bekam Panik und lief sofort weg. Ich musste allerdings lachen, denn unter dem weißen Lacken erkannte ich ein Paar Schuhe. Ich lief auf das Gespenst zu, zog ihm den Stoff vom Leib und drückte dann Papa fest an mich. Der hat aber auch immer lustige Ideen im Kopf.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

325. Was flattert denn da?

Was flattert denn da?

Nick war schon auf dem Weg vom Bad in sein Zimmer. Vom Flur aus rief er noch einmal ein ›Gute Nacht‹ nach unten.
Mama war es dann auch, die ihm antwortete.
»Schlaf gut. Aber vergiss nicht wieder, dein Fenster zu schließen. Irgendwann kommt jemand ins Haus rein.«
Nick verdrehte die Augen. Diesen Spruch musste er sich jeden Abend anhören. Das Fenster blieb trotzdem offen. So konnte wenigstens frische Luft herein strömen.
Er schaltete das Licht aus, krabbelte unter seine Decke und schloss die Augen.
Nach einer Weile, Nick war fast eingeschlafen, hörte er ein leises Flattern, das immer näher kam, einmal um seinen Kopf kreiste und dann wieder verstummte.
›Seltsam‹, dachte sich Nick.
Aber dann dachte er nicht weiter darüber nach und schlief endgültig ein.

Am nächsten Morgen gähnte Nick laut, bevor er langsam die Augen öffnete.
»Komisch.«, murmelte er vor sich hin.
»Irgendwas war da doch. Ich könnte schwören, die ganze Nacht etwas Flatterndes gehört zu haben.«
Aber dann schob er den Gedanken zur Seite. Vielleicht war es ja doch nur ein Traum gewesen.
Er sammelte Hose und Hemd zusammen, zog sich an und setzte als Letztes die Brille auf die Nase. Als er zufällig einen Blick zur Decke warf, traute er seinen Augen nicht. Da hing etwas an der Lampe. Es war nicht größer als eine geballte Faust und rabenschwarz. Er sah aus, als wäre es mit Leder umzogen.
»Mama, komm schnell her.«
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Mama in der Tür stand.
»Was ist das da?«, fragte Nick neugierig.
Mama sah nach oben und erschrak.
»Du hast doch heute Nacht das Fenster aufgelassen.«
Dann ging sie langsam und vorsichtig näher, um sich das schwarze Etwas genauer ansehen zu können.
»Das ist eine Fledermaus. Sie hängt dort und schläft.«
Nick bekam große Augen.
»Eine richtig echte Fledermaus. Das ist ja cool.«
Sofort kamen ihm unzählige Ideen in den Kopf.
»Darf ich heute alle meine Freunde einladen und ihnen die Fledermaus zeigen?«
Aber Mama schüttelte den Kopf.
»Wir müssen das Tier irgendwie nach draußen befördern.«
Also holte sie schnell einen Besen und fuchtelte damit in der Luft herum. Davon ließ sich die Fledermaus allerdings nicht beeindrucken. Sie schlief einfach weiter.
»Ich weiß auch nicht, was ich jetzt noch machen soll. Ich traue mich nicht, sie anzufassen.«
Also verließen sie gemeinsam das Zimmer. Mama hoffte darauf, dass der ungebetene Gast aufwachen und allein den Weg nach draußen finden würde.

Irgendwann kam der Abend. Draußen ging langsam die Sonne unter und es wurde nach und nach immer dunkler.
Das Kinderzimmer war noch nicht wieder betreten worden. Mama hatte Angst und Nick war nach der Schule zum Fußballtraining gefahren.
Nun kam er aber endlich nach Hause. Das allerdings nicht allein. Bei ihm waren noch fünf seiner Freunde.
»Ich sag euch, die Fledermaus ist richtig cool. Und sie hängt die ganze Zeit an meiner Lampe.«
Die fünf Jungs staunten nicht schlecht und bekamen vor Neugier ganz große Augen.
Nick brachte sie nach oben. Vorsichtig öffnete er seine Zimmertür. Doch genau in diesem Moment erwachte die Fledermaus. Sie gähnte einmal, streckte ihre langen, schwarzen Flügel aus und flatterte durch das geöffnete Fenster wieder nach draußen.
»Wo ist denn nun deine Fledermaus?«, fragte einer der Jungs.
Doch nun konnte Nick nur noch die verlassene Lampe vorzeigen.
Seine Freunde waren enttäuscht. Mama war allerdings froh. Sie lief sofort in das Zimmer und schloss das Fenster.
»Morgen holen wir direkt ein Fliegengitter. Dann kann auch nichts mehr herein flattern.«, hatte sie nun beschlossen.

(c) 2010, Marco Wittler

243. Die Sternschnuppe

Die Sternschnuppe

Miriam saß am Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus. Jetzt, so kurz vor dem Winter, ging die Sonne sehr früh unter und die Sterne kamen zum Vorschein, bevor es Zeit zum Schlafen wurde.
In diesem Moment kam Mama herein und setzte sich mit auf das kleine rote Sofa.
»Was schaust du dir da draußen an, mein Schatz?«, fragte sie.
Miriam zeigte mit dem Finger in den Himmel.
»Ich sehe mit die Sterne an und denke mir Geschichten dazu aus.«
Mama lächelte.
»Da hast du dir aber viel vorgenommen.«
Auf einmal bekam Miriam ganz große Augen. Sie hielt den Atem an, bevor sie ein paar Sekunden später ihre Sprache wiederfand.
»Schau mal. Einer der Sterne fällt gerade herunter. Ist der denn nicht richtig fest gewesen?«
Da musste Mama leise lachen.
»Aber nein. Das war gar kein Stern, sondern eine Sternschnuppe.«
»Eine Sternschnuppe? Davon habe ich ja noch nie gehört. Was soll das denn sein?«
Mama seufzte.
»Das ist gar nicht so einfach zu erklären.«
Doch Miriam ließ jetzt nicht mehr locker.
»Oh, bitte, bitte. Das muss ich unbedingt wissen.«
Mama nahm sich ihre Tochter auf den Schoß und begann zu erzählen.
»Da oben im Weltall fliegen immer mal wieder kleinere und größere Steine zwischen den Sternen und Planeten hin und her. Ab und zu verirren sie sich dann zur Erde und fallen dann herab. Dabei werden sie dann so heiß, dass sie anfangen zu glühen. Bevor sie dann auf dem Boden landen, sind sie bereits komplett verbrannt.«
Nun bekam sie einen geheimnisvollen Blick.
»Aber das Wichtigste ist, dass man bei einer Sternschnuppe die Augen schließt und sich anschließend etwas wünscht. Das geht dann auch irgendwann in Erfüllung.«
Sofort klappte Miriam ihre Lider herunter, legte die Stirn in falten und wünschte so kräftig sie konnte.
Als sie die Augen wieder öffnete, warf sie sofort einen Blick in die Dunkelheit.
»Juhuu, mein Wunsch ist gerade in Erfüllung gegangen.«
Da war Mama verwundert.
»Wie? So schnell? Was hast du dir denn gewünscht?«
Miriam zeigte mit dem Finger in den Himmel.
»Schau. Da fällt gerade eine neue Sternschnuppe vom Himmel. Die hab ich mir gewünscht.«
Da mussten sie beide lachen.

(c) 2009, Marco Wittler

224. Wer streut dem Sandmännchen Sand in die Augen?

Wer streut dem Sandmännchen Sand in die Augen?

»Jetzt wird es aber langsam Zeit, dass du ins Bett verschwindest.«, rief Mama in der Küche.
Lina überhörte diese Aufforderung natürlich. Das tat sie jeden Abend. Denn es gab nichts langweiligeres, als abends ins Bett zu gehen.
Nach ein paar Minuten kam Mama ins Kinderzimmer.
»Was ist denn hier los? Ich dachte, du liegst schon lange in deinem Bett und wartest darauf, dass ich dir noch eine Geschichte erzähle.«
Lina zuckte verlegen mit den Schultern, bevor sie sich dann doch umzog und unter die Decke schlüpfte.
Mama zog inzwischen ein Buch aus dem Regal. Daraus las sie eine kurze Geschichte vor und wünschte ihrer Tochter anschließend eine gute Nacht.
»Morgen kannst du ja dann wieder weiter hier herum tollen. Aber gleich kommt das Sandmännchen und dann bist du ganz schnell eingeschlafen.«
Sie wollte gerade das Licht abschalten und das Zimmer verlassen, als Lina noch eine Frage stellte.
»Du Mama, jeden Abend kommt das Sandmännchen zu mir und streut mir seinen Sand in die Augen, damit ich einschlafe. Aber wer besucht nachts das Sandmännchen? Oder schläft es vielleicht nie?«
Mama schüttelte den Kopf und lachte.
»Du kannst vielleicht Fragen stellen. Aber darauf weiß ich leider keine Antwort. Aber es könnte sein, dass dir das Sandmännchen etwas darüber berichten wird, wenn es kommt. Natürlich nur, wenn du dann nicht schon längst schläfst.«
Mama zwinkerte mit einem Auge und verließ das Zimmer.
Linas Neugierde war geweckt. Würde sie tatsächlich in dieser Nacht das Sandmännchen sehen und ihm Fragen stellen dürfen?
Sie setzte sich im Bett hin und wartete. Die Zeit verging, aber es geschah einfach nichts.
»Wahrscheinlich kann es mich sehen und wird warten, bis ich wieder liege. Doch dann werde ich bestimmt einschlafen. Ich muss mir etwas einfallen lassen.«
Lina stand auf und holte ein paar Pullover aus ihrem Schrank. Diese stopfte sie dann unter die Decke, bis es so aussah, als würde jemand im Bett schlafen.
»Das klappt bestimmt. Jetzt muss ich mich nur noch verstecken.«
Schnell kroch sie unter ihren Schreibtisch und wartete.
Es mochten vielleicht zehn Minuten vergangen sein, als sich das Fenster ganz allein öffnete. Nur wenige Augenblicke später schwebte eine kleine Kutsche herein, auf deren Bock jemand saß.
»Das muss das Sandmännchen sein.«, flüsterte Lina aufgeregt.
Und tatsächlich war es so, wie sie vermutete. Das Sandmännchen landete und holte etwas Sand aus einem Beutel hervor.
»Schlaf gut, kleines Menschenkind.«, sagte es und warf den feinen, glitzernden Sand über das Bett.
»Morgen früh beginnt wieder ein goßartiger Tag. Das verspreche ich dir.«
Der nächtliche Besucher drehte sich um und wollte gerade wieder auf seine Kutsche steigen, als ein kleines Mädchen unter dem Schreibtisch hervor kam.
»Warte bitte kurz.«, sagte Lina.
Das Sandmännchen erschrak. Es blickte verwirrt zwischen dem Bett und dem wachen Mädchen hin und her.
»Solltest du nicht eigentlich dort unter der Decke liegen und selig schlafen?«
Lina nickte und grinste über das ganze Gesicht.
»Ich hab dich hereingelegt. Ich wollte dich unbedingt etwas fragen.«
Das Sandmännchen nahm sich einen Stuhl und bot Lina einen zweiten an. Sie setzten sich.
»Was könnte denn ein kleines Mädchen dem Sandmann für eine Frage stellen wollen?«
Lina konnte ihre Neugierde nicht mehr bremsen.
»Kommst du wirklich jede Nacht zu allen Kindern und streust ihnen Sand in die Augen, damit sie schlafen?«
Das Sandmännchen nickte.
»Ja, das ist meine Aufgabe, seit es Kinder gibt.«
»Aber wer kümmert sich um dich, wenn du ins Bett gehst? Du kannst dir noch nicht selbst etwas in die Augen streuen.«
Das Sandmännchen nahm seinen Sandbeutel vom Gürtel und hielt ihn dem kleinen Mädchen hin.
»Schau hinein. Das ist mein Schlafsand. Jeden Abend, wenn ich fertig bin, lasse auch ich mir etwas in die Augen streuen. Das letzte Kind, das ich besuche, bekommt diese ehrenvolle Aufgabe. Zufällig bist du das heute Abend. Ich hatte schon befürchtet, dass du bereits eingeschlafen bist. Deswegen wollte ich dich nicht wecken. Aber da du mir nun gegenüber sitzt, kommt mir das sehr gelegen.«
Das Sandmännchen forderte Lina auf, sich ins Bett zu legen. Es gab ihr ein wenig Sand in die Hand und setzte sich dann auf die schwebende Kutsche.
»Ich zähle gleich bis drei. Dann werfen wir gemeinsam den Schlafsand auf den anderen. Du wirst dann in deinem Bett einschlafen und ich auf meinem Bock. Die Kutsche bringt mich dann automatisch nach Hause und legt mich in meinem eigenen Bettchen ab. So geschieht das jeden Abend.
Nun war die spannende Frage beantwortet. Das Sandmännchen zählte bis drei. Ein Glitzern erfüllte den Raum und legte sich dann auf vier müde Augen.
Einen Moment, bevor Lina einschlief, fiel noch etwas anderes ein.
»Werde ich das Morgen auch wieder machen dürfen?«
Das Sandmännchen gähnte laut.
»Nein, denn Morgen ist ein anderes Kind dran.«
Es kuschelte sich zusammen, bevor es seinen gewohnten Nachtgruß sprach.
»Schlaf gut, kleines Menschenkind. Morgen früh beginnt wieder ein goßartiger Tag. Das verspreche ich dir.«
Aber Lina war bereits eingeschlafen.
Ohne ein weiteres Geräusch zu machen, schwebte die Kutsche davon.

(c) 2009, Marco Wittler

176. Forscher

Forscher

Es war ein Stern, der mitten in der Nacht vom Himmel stürzte. Lukas hatte ihn genau gesehen, als er von dem hellen Licht geweckt wurde.
»Ich dachte, dass Sterne fest am Himmel hängen und nicht herunter fallen können.«, sagte er sich.
»Wie mag ein Stern wohl aussehen?«
Lukas war bei diesem Gedanken sofort hellwach. Er stand auf und zog sich an.
»Ich muss mich beeilen, bevor mir jemand zuvor kommt und den Stern einfach mit nach Hause nimmt.«
Die Absturzstelle war nicht weit entfernt. Es musste am Ende des Gehweges sein, vielleicht lag der Stern im Sand des Spielplatzes.
Lukas betrat das Zimmer seines großen Bruders. Der war schon achtzehn Jahre alt und saß noch wach am Computer. Er lernte für die Schule.
»Was willst du denn hier? Du solltest schon längst schlafen.«, schimpfte Michael.
Aber davon ließ sich Lukas nicht einschüchtern.
»Du musst mir helfen. Ein Stern ist vom Himmel gefallen. Ich darf ja allein nicht so spät draußen herum laufen. Also musst du auf mich aufpassen.«
Michael sah seinen kleinen Bruder abschätzend an.
»Ein Stern ist abgestürzt? Das klingt ja seltsam. Aber irgendwie macht mich das auch neugierig. Wir sollten uns das einmal aus der Nähe anschauen.«
Er nahm seine Jacke vom Haken und gemeinsam gingen die beiden Jungen los.
Keine fünf Minuten später standen sie vor dem Eingangstor des Spielplatzes. Es war absolut still. Nichts war zu hören. Die Grillen zirpten nicht. Selbst der Wind schien den Atem anzuhalten.
»Hier ist nichts.«, sagte Michael.
Doch Lukas wollte sich damit nicht zufrieden geben. Er sah sich genauer um.
»Schau mal. Die Büsche da drüben sind zerdrückt. Dort muss der Stern hinein gerast sein.«
Er lief über den Spielplatz hinweg, kletterte über einen niedrigen Jägerzaun und verschwand im Dickicht.
»Hier leuchtet etwas.«, hörte man nur noch seine Stimme.
Michael lief hinterher und sah es ebenfalls. In einem kleinen Krater lag etwas. Es leuchtete rot, weil es heiß war. Doch langsam schien es abzukühlen.
»Als der Stern vom Himmel fiel, war er so blendend hell. Vielleicht können wir ihn bald anfassen und mit nach Hause nehmen. Dann kann ich ihn morgen meinen Freunden zeigen.«, träumte Lukas bereits vor sich hin.
In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Das leuchtende Gebilde erhob sich langsam in die Höhe und schwebte dann vor den beiden Jungen. Der Dreck des Kraters fiel davon herab und zum Vorschein kam ein kleiner Roboter.
»Identifiziert euch.«, befahl dieser.
»Wir sind Lukas und Michael.«
Der Roboter flog um die beidem herum und betrachtete sie.
»Was seid ihr?«
Lukas trat einen Schritt vor.
»Wir sind Menschen vom Planeten Erde.«
Im Innern des Roboters ratterte es.
»Erde, ein von Menschen bewohnter Planet. Technisch uns weit unterlegen. Kontakt ist unbedingt zu vermeiden.«, sprach schließlich die elektronische Stimme.
»Was meint er damit?«, fragte Lukas neugierig.
»Das bedeutet, dass seine Erfinder uns technisch weit voraus sind und sie uns mit einem Kontakt nicht beeinflussen wollen. Wir sollen uns auf unsere eigene Weise entwickeln.«, antwortete Michael.
»Offensichtlich ist dem Blechkameraden hier etwas im Weltraum passiert und es blieb ihm nichts anderes übrig, als hier bei uns eine Notlandung zu machen.«
Es ratterte wieder.
»Das ist korrekt. Aus diesem Grund muss ich mich nun auch selbst zerstören.«
Lukas war entsetzt. Das durfte auf keinen Fall geschehen. Dieses kleine Wunderwerk der Technik war doch bestimmt viel zu teuer, um einfach zu explodieren.
Er schnappte sich den Roboter, drehte ihn in alle Richtungen und drückte dann auf den einzigen sichtbaren Knopf, den er finden konnte. Sofort gingen alle Lichter aus. Er hatte ihn abgeschaltet.
»Wir müssen ihn reparieren, damit er seine Reise fortsetzen kann.«
Die Brüder liefen sofort nach Hause. Im Keller ihres Hauses hatte ihr Vater eine kleine Werkstatt eingerichtet. Dort befand sich genug Werkzeug, um den Roboter zu reparieren.
»Und was machen wir jetzt?«
Michael zuckte mit den Schultern. Er setzte sich eine Schutzbrille auf und besah sich den kleinen Besucher von allen Seiten. Dann fand er, wonach er suchte.
»Schau mal. Das hier ist sein Antrieb. Mit diesen Düsen kann er sich lenken und fliegen.«
Er nahm eine Pinzette von der Wand und holte etwas aus dem Roboter heraus.
»Seine Düsen waren verstopft. Er muss mit einem Kometen zusammen gestoßen sein. Davon ist dieser Dreck hier. Ist doch klar, dass er deswegen abgestürzt ist.«
Lukas grinste über das ganze Gesicht, so sehr freute er sich, dass sie helfen konnten. Er schaltete den Roboter wieder ein.
»Wo bin ich?«, fragte die elektronische Stimme.
»Wir haben dich in unsere Werkstatt gebracht und repariert. Du kannst jetzt bestimmt wieder fliegen.«
Der Roboter hob langsam ab und drehte ein paar Runden durch den kleinen Raum. Es war tatsächlich alles wieder in Ordnung.
»Nun kann ich meine Reise fortsetzen. Ich werde mich nicht zerstören.«
Zum Dank blinkte er in allen Farben des Regenbogens.
»Warum habt ihr das getan?«
Lukas dachte nicht lange nach, bevor er antwortete.
»Wir Menschen helfen uns sehr oft gegenseitig, wenn ein anderer nicht mehr weiter weiß.«
Es dauerte, bis der Roboter wieder sprach.
»Das ist sehr interessant. Ich werde darüber nachdenken, wenn ich euch wieder verlassen habe. Ich werde meine Erbauer darüber informieren. Die Menschen sind viel interessanter, als bisher angenommen. Vielleicht werden wir euch doch eines Tages besuchen.«
Mit diesen Worten schwebte er aus dem Kellerfenster und raste anschließend wieder zu den Sternen hinauf.
»Weg ist er.«, sagte Lukas traurig.
»Ich hätte so gern mehr von ihm erfahren.«
Michael hielt ihm einen kleinen Stein unter die Nase.
»Nicht traurig sein, kleiner Bruder. Dafür hast du als Andenken ein echtes Stück eines Kometen.«
Lukas Augen wurden ganz groß. Die Trauer war vergessen. Dafür freute er sich umso mehr über den kleinen Stein.

(c) 2009, Marco Wittler

164. Die Bestie

Die Bestie

Die Nacht brach herein. Wolken waren keine am Himmel zu sehen, dafür unzählige kleine weiße Pünktchen, die Sterne. Schon bald würde auch der Mond seine Bahn zum Firmament beschreiten. Ein paar wenige Grillen zirpten und ein Uhu ließ hin und wieder seine Stimme hören.
Der Boden des Waldes war mit leichten Nebelschwaden bedenkt, durch die immer wieder das eine oder andere Hütchen eines giftigen Pilzes hervor sah.
Es war eine perfekte Nacht, um Hexen und Zauberer zu beobachten, wie sie Zutaten für ihre geheimen Tränke suchten. Allerdings gab es auch noch ganz andere Gestalten, die zwischen Büschen und Bäumen umher schlichen. Unter ihnen waren zwielichtige Gestalten, Diebe und Mörder. Es wurde sogar gemunkelt, dass sogar schon Monster, Vampire und Kobolde gesichtet wurden. Doch das waren nur Gerüchte. Die Existenz des einen oder anderen Waldgeistes war dafür hinreichend belegt und bewiesen worden.
Eine Gruppe von drei Männern war in diesen Stunden auf einem dunklen Pfad unterwegs. Sie hatten die Zeit vergessen und waren nun auf dem Weg in ihr Heimatdorf. Auf den Rücken ihrer Maultiere lagen schwere Säcke mit kostbaren Stoffen und Gewürzen, die sie auf dem Markt der Stadt gekauft hatten.
»Wir sollten nicht hier sein.«, sagte einer von ihnen.
»Es wimmelt hier bestimmt nur so von Geistern und Gespenstern, die uns zu Tode erschrecken werden. Wir kommen hier bestimmt nicht mehr lebend heraus.«, fürchtete ein anderer.
Der Dritte war der einzige, dem man keine Angst ansehen konnte.
»Haltet endlich die Klappe. Das einzige, was es hier im Wald gibt, ist unrechtes Gesindel. Und wenn ihr weiter so viel redet, wie die Waschweiber, dann werdet ihr die Verbrecher noch viel schneller zu uns locken.«
Die drei Männer verstummten wieder und setzten ihren Marsch fort, während der Mond seine ersten Lichtstrahlen durch die Bäume sandte.
»Wer ist das dort? Das sitzt doch jemand?«
Und tatsächlich. Unter einer dicken Eiche hockte eine gebrechlich wirkende Person. Auf ihrem Kopf thronte ein spitzer Hut, während auf ihrer Schulter ein schwarzer fauchender Kater saß.
»Es ist eine Hexe, die Eicheln sammelt. Sprecht sie nicht an und schaut ihr nicht in die Augen. Dann wird sie uns nicht beachten und passieren lassen.«
Nur wenige Schritte waren sie von der alten Frau entfernt. Es schien, als würde sie gar nicht wissen, dass hinter ihr jemand durch den Wald gehen würde. Sie nahm eine Eichel nach der anderen auf und steckte sie in ein kleines Säckchen.
Nur ein paar Minuten später sprang ein großes haariges Wesen von einem Baum herab und knurrte die Gruppe an. Ein Werwolf, ein verfluchter Mensch, der sich im Licht des Vollmondes in eine gefräßige Bestie verwandelte, kam den drei Männern langsam näher. Von seinen kräftigen Kiefern tropfte frisches Blut und dennoch war sein Hunger noch lange nicht gestillt.
Er sprang ein weiteres Mal und riss bei seiner Landung einen der Männer zu Boden. Gerade als er ihm die Kehle durchbeißen wollte, riss es ihn von den Pfoten und ein weiterer Mann setzte sich auf seine Brust. Nun war von dem Untier nur noch ein leises Winseln zu hören.
Der Mann öffnete langsam seinen Mund. Das Mondlicht spiegelte sich an seinen langen Eckzähnen.
»Musst du uns denn jeden Monat wieder anfallen? Kannst du dir nicht einfach merken, dass wir Vampire sind und nicht auf deiner Speisekarte stehen?«
Er zog den Werwolf hoch, gab ihm einen Tritt und jagte ihn zurück in den Wald.
»Beim nächsten Mal werde ich dich zu einem von uns machen. Dann wirst du mit zwei schlimmen Flüchen leben müssen. Also überleg es dir gut.«, rief er der Bestie hinterher.
Die drei Männer setzten ihren Marsch fort.
»Ich hab es gewusst. Hab ich es euch nicht gewarnt?«, sagte nun der Ängstlichste von ihnen.
»Ich wusste, dass uns der Werwolf wieder auflauern wird. Aber  ihr wolltet ja nicht auf mich hören. Ich wünschte, er würde endlich damit aufhören. Ich bin doch so schreckhaft und werde eines Tages an einem Herzinfarkt sterben, wenn er sich nicht zurück hält. Ach wäre ich doch heute Nacht zu Hause in meinem Sarg geblieben. Aber ihr musstet ja unbedingt einkaufen gehen. Aber das nächste Mal könnt ihr ohne mich los ziehen. Darauf könnt ihr euch verlassen.«

(c) 2008, Marco Wittler

150. Das Geisterschloss

Das Geisterschloss

Anna stapfte einer Gruppe Kindern hinterher. Sie war mit ihrer Schulklasse zu Besuch auf einem alten Schloss in der Nachbarstadt. Es war ein Tagesausflug.
»Wenn es doch bloß nicht so langweilig wäre. Überall stehen nur alte Möbel und rostige Ritterrüstungen herum. Da ist ja sogar die Schule noch interessanter.«
Sie maulte bei jeder Gelegenheit herum, egal, ob die anderen etwas davon hören wollten oder nicht.
Nico, der Musterschüler, schien von der Führung sehr begeistert zu sein. Er hörte der älteren Dame mit dem Zeigestock gebannt zu und saugte jedes Wort in sich auf. Außerdem nutzte er jede Möglichkeit, um zusätzlich Fragen zu stellen.
»Stimmt es, dass es hier im Schloss spukt?«
Die alte Dame schüttelte den Kopf. Und wollte mit ihrem Vortrag fortfahren, wurde aber erneut unterbrochen.
»Ich habe davon im Internet gelesen. Es soll hier richtige Geister geben.«
Die Dame drehte sich zu Nico um und sah ihn grimmig an.
»Hör mir mal zu, Junger Mann. Ich arbeite schon seit dreißig Jahren in diesem Schloss. In der ganzen Zeit habe ich nicht ein einziges Gespenst gesehen. Also hör mit dem Quatsch auf.«
Nico war enttäuscht. Nur zu gern hätte er einen echten Geist zu Gesicht bekommen. Aber da musste er wohl ein anderes Schloss besuchen.
»Aber jedes Schloss hat doch ein eigenes Gespenst.«, murrte er leise vor sich hin.
Anna verdrehte die Augen, als sie das hörte.
»Der benimmt sich ja wie ein nörgeliges Baby. Wenn der wirklich einem Geist begegnet, macht er sich garantiert in die Hose.«
Die Schulklasse ging weiter von Raum zu Raum. Ein etwas lauteres Gelächter konnten sich die Kinder nicht mehr verkneifen, als sie ein Schlafgemach betraten.
»Das muss ja ein Kinderzimmer gewesen sein.«, ertönte es aus der einen Ecke.
»Schliefen die etwa alle in Kinderbetten?«, sprach eine weitere Stimme.
Die ältere Dame wurde zornig.
»Das sind normale Betten aus dem Mittelalter. Die Menschen waren damals etwas kleiner als heute. Also macht euch nicht darüber lustig.«
Die Kinder verstummten wieder und folgten ihr in den nächsten Raum. Wieder neue Rüstungen und alte Kleider der Frauen aus einer anderen Zeit.

Während die Kinder weiter durch das Schloss gingen, wurde es draußen immer dunkler. Anna sah auf ihre Armbanduhr und wunderte sich.
»Es ist doch erst elf Uhr am Morgen. Wie kann denn da schon wieder die Sonne untergehen? Das gibt es doch gar nicht.«
Frau Stein, die Lehrerin, hatte Anna gehört und bat die Kinder durch eines der Fenster nach draußen zu schauen.
»In etwa einer halben Stunde ist es draußen stockdunkel. In der Zeitung stand, dass wir heute eine Sonnenfinsternis erleben dürfen.«
Schon öfters hatten die Kinder im Unterricht gehört, dass sich bei diesem Ereignis der Mond zwischen Sonne und Erde schiebt. Sein Schatten verdunkelt dabei einen Teil der Erde.

Eine halbe Stunde später war es dann so weit. Die Schulklasse sah am Himmel nur noch einen hellen Strahlenkranz, der um den Mond herum leuchtete. Dazu ein paar weiße Tupfer, die Sterne.
Keines der Kinder sagte etwas. Sie waren viel zu begeistert, um etwas sagen zu können.
In diesem Moment wurde es auch im Schloss finster. Die Lampen in allen Räumen schalteten sich ab. Von einem Augenblick zum anderen war die Hand vor Augen nicht mehr zu sehen.
»Es ist alles in Ordnung, Kinder. Da ist nur eine Sicherung ausgefallen. Bleibt bitte wo ihr seid, damit ihr euch nicht verletzt oder ihr etwas versehentlich kaputt macht.«, sagte Frau Stein.
Schon war ein erstes Wimmern von ein paar ängstlichen Mädchen zu hören, während zwei Jungs Geistergeräusche machten.
Die Lehrerin herrschte die Jungs an und bestand darauf, dass sie ihre Münder hielten.
»Schämt euch. Das ist alles andere als nett von euch.«
Doch dann lief es ihr ebenfalls kalt den Rücken hinunter, denn durch einen der Durchgänge zwischen den Räumen schimmerte plötzlich ein leichter Lichterschein, der immer näher kam. Es waren nicht einmal Schritte zu hören.
»Ein Geist, da ist ein Geist.«, schrie Nico vor lauter Panik und versteckte sich hinter einer Gruppe anderer Kinder.
Frau Stein war sich nicht sicher, was sie dort sah. Sie traute der ganzen Sache nicht.
»Schaut nach, ob euer Sitznachbar aus dem Bus bei euch ist.«, verlangte sie von ihrer Klasse.
Schon nach wenigen Sekunden stellte sich heraus, dass Anna nicht mehr da war. Frau Stein stand wütend auf und ging auf das falsche Gespenst zu, welches nun ganz deutlich als dunkelblau leuchtendes Bettlaken zu erkennen war.
Sie griff nach dem Laken und zog daran. Doch darunter war nichts. Der Stoff fiel auf dem Boden in sich zusammen.
Die Kinder fingen an zu kreischen und wollten so schnell wie möglich aus dem Schloss heraus. Die rannten wie wild durch die Dunkelheit und suchten verzweifelt nach einem Ausgang.
Und in diesem Moment begannen die Lampen wieder zu leuchten. Der Spuk war  vorbei.
An einer der Türen stand die ältere Dame. Ihre Hand lag auf einem der Lichtschalter, den sie gerade betätigt hatte. Neben ihr stand Anna. Beide grinsten über das ganze Gesicht.
»Danke, Tante Berta.«, sagte sich freudestrahlend.
»Der Trick mit dem schwebenden Bettlaken am Haken funktioniert immer wieder. Ich wusste doch gleich, dass auch meine Klasse darauf herein fällt.«

(c) 2008, Marco Wittler