579. Nik und Nele auf Ufo-Jagd

Nik und Nele auf Ufo-Jagd

»Warum muss es denn jetzt schon so spät sein?« Nik sah auf die große Uhr an der Wand und seufzte laut. »Ich mag noch gar nicht schlafen.«
»Irgendwann muss der Tag mal vorbei sein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich. Genau in diesem Augenblick blitzte ein Lichtschein am dunklen Herbsthimmel auf und verschwand gleich wieder. Sekunden später leuchtete wieder etwas auf und wieder und wieder.
»Was ist das?« Nik kletterte neugierig aus seiner oberen Hälfte des Etagenbetts.
Seine Zwillingsschwester Nele folgte ihm zum Fenster. Gemeinsam sahen sie nach draußen. »Siehst du das? Die Lichter kommen von unten und fliegen ins Weltall hinaus. Das Es können also keine Sternschnuppen sein.«
Nik grübelte. »Aber sehen wir denn dann?«
»Das müssen Ufos sein.«
»Eine Invasion? Greifen uns Außerirdische an, wie ich es gestern in einem Film gesehen habe? Aber dann würden sie doch landen und nicht heimlich in der Dunkelheit verschwinden.«
Nele dachte nach. »Das ist keine Invasion. Wir werden nicht angegriffen. Sie flüchten. Sie haben vor irgendetwas Angst. Große Angst.«
So schien es wirklich zu sein, denn immer mehr Lichtpunkte starteten zu den Sternen hinauf.
»Wir sollten ihnen folgen und heraus finden, was da los ist.«
Sie liefen zurück zum Bett und setzten sich darauf. Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu. Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

»Wo sind sie?« fragte sich Nele.
Nik fand die Raumschiffe. Sie waren überall. Egal, in welche Richtung er sah, entdeckte er die Flüchtlinge.
»Hoffentlich können wir sie auch verfolgen. Die scheinen es ganz schön eilig zu haben. Ich bin gespannt, wo es hin geht.«
Die kleinen, rasenden Lichtpunkte hatten alle das gleiche Ziel: Die dunkle Seite des Mondes.
»Ob sie sich dort verstecken wollen, weil ihre Invasion nicht geklappt hat?« wagte Nele eine Vermutung. »Dort kann man sie jedenfalls von der Erde aus nicht entdecken.«
Die Zwillinge folgten den Raumschiffen und landeten schließlich in der Mondnacht.
»Wahnsinn.« war Nik begeistert. »Das sind so viele Raumschiffe, dass ich sie gar nicht zählen kann.«
Die Kinder stiegen aus, näherten sich langsam einem der Raumschiffe und warteten. Als sich nichts tat, öffneten sie die Eingangstür.
Im Innern fanden sie fünf Astronauten, die ihre Raumanzüge angelegt hatten. Die fünf erschreckten sich, als sie die Kinder entdeckten.
»Hilfe! Menschenkinder!« riefen sie entsetzt. »Tut uns bitte nichts.«
Nele lächelte freundlich. »Wir sind nicht gekommen, um euch etwas anzutun. Wir sind nur neugierig, warum ihr in so großer Zahl die Erde verlassen habt. Was ist los?«
Die Astronauten setzten ihre Helme ab. Zur Überraschung der Zwillinge kamen darunter keine normalen Köpfe zum Vorschein. Es waren orange Kürbisköpfe.
»Ihr seid Kürbisse?«
Die Kürbisse nickten.
»Warum seid ihr zum Mond geflogen? Hier oben gibt es nichts als Steine und Felsen.«
»Hier oben sind wir aber in Sicherheit.«
Nik grinste, als er verstand, worum es ging. Er knuffte seine Schwester in die Seite.
»Nächste Woche ist Halloween. Sie wollen nicht gegessen und auch nicht mit Messern zu gruseligen Fratzen verschnitzt werden.«
Wieder nickten die Kürbisse. »Wir wollen diese grausame Fest einfach nur überleben. Außerdem erschrecken wir uns immer vor den vielen Gespenstern, Monstern und Geistern, die in der Nacht unterwegs sind und um Süßigkeiten betteln.«
Dafür hatten die Kinder Verständnis. Sie wünschten den Flüchtlingen alles Gute und verabschiedeten sich wieder. »Wir werden niemandem euer Versteck verraten.«
Dann setzten sie sich wieder in ihr fliegendes Bett und machten sich auf den Heimweg.
»Ich glaube, ich muss Morgen früh mit Papa reden.« dachte Nele nach. »Er wollte mir einen Kürbis zum Schnitzen kaufen. Den möchte ich jetzt doch nicht mehr haben.«

(c) 2014, Marco Wittler

541. Halloween im Weltall

Halloween im Weltall

Die kleine Leonie stand vor dem großen Kalender im Flur und sah sich an, was in den nächsten Tagen alles eingetragen war. Am letzten Tag im Oktober stand ein Wort, dass sie noch nie zuvor gesehen oder gehört hatte: Halloween.
»Was ist denn Halloween?«, fragte sie sich laut.
Ihr großer Bruder Tim hörte sie und kam aus dem Wohnzimmer in den Flur.
»Was? Du kennst Halloween nicht? Das kann ich gar nicht glauben. Halloween kennt doch eigentlich jeder.«
Leonie zuckte mit den Schultern. »Ist nicht meine Schuld. Mir hat halt noch niemand davon erzählt.«
Tim grinste.
»Dann komm mal mit. Wir gehen in mein Zimmer, setzen uns auf mein Sofa und ich erzähle dir, was Halloween ist.«
Die beiden Geschwister gingen die Treppe nach oben und setzten sich in Tims Zimmer. Dort begann dann der große Bruder zu erzählen.
»Schau mal nach draußen. Was siehst du da?«
Leonie sah durch das Fenster.
»Es ist dunkel draußen. Ich sehe gar nichts. Irgendwo da unten steht unser Apfelbaum, aber sehen kann ich ihn nicht.«
»Dann schau doch mal nach oben.«
Leonie legte ihren Kopf in den Nacken und sah nach oben.
»Nein. Du sollst nicht zur Zimmerdecke sehen. Schau nach draußen in den Himmel.«
Leonie lachte und sah dann nach draußen.
»Da sind ein paar Sterne. Die funkeln. Aber das ist ja nichts Besonderes. Das machen sie jede Nacht. Das hat doch nichts mit Halloween zu tun.«
»Das nicht.«, erklärte Tim. »Aber da oben am Himmel gibt es einen ganz besonderen Stern. Er heißt Lich und um ihn herum bewegen sich drei Planeten. Einer von ihnen heißt Poltergeist. Er ist der berühmte Halloweenplanet. Dort wurde das Fest erfunden. Die Außerirdischen feiern es dort das ganze Jahr. Wir nur an einem einzigen Tag.«
»Und was macht man an Halloween?«
»Das ist ganz einfach. Man verkleidet sich als Geist, Gespenst, Vampir, Monster oder etwas anderem, wovor man sonst Angst hat.«
Leonie verdrehte die Augen. »Du willst mich nur auf den Arm nehmen. Das glaube ich dir nicht. Woher willst du das denn wissen? Du bist doch noch nie auf einem anderen Planeten gewesen.«
Tim lachte. »Da stimmt. Ich bin noch nie dort gewesen. Aber ich hab es gesehen.«
Er öffnete seinen Kleiderschrank und holte ein großes Teleskop daraus hervor.
»Damit kann man sich Sterne und Planeten anschauen. Damit habe ich die Außerirdischen von Poltergeist mit ihren Verkleidungen gesehen.
Leonie bekam große Augen. »Du veräppelst mich wirklich nicht? Das ist die Wahrheit?«
Tim nickte.
»Dann will ich das jetzt auch sehen.«
»Na gut.« Tim stellte das Teleskop ans Fenster, richtete es aus und drehte eine Weile an ein paar kleinen Rädchen.
»Jetzt ist es richtig eingestellt. Wenn du jetzt durch schaust, kannst du sie sehen.«
Das ließ sich Leonie kein zweites Mal sagen. Sie drückte ihr Auge auf das kleine Guckloch und sah sich alles ganz genau an. Doch dann war sie ganz enttäuscht.
»Aber wo sind denn die Außerirdischen? Ich sehe nur ganz normale Menschen.«
Tim nickte. »Ist alles richtig.«
»Aber ich denke, die würden sich alle verkleiden.«
»Du hast mir nicht richtig zugehört. An Halloween verkleidet man sich als etwas Schreckliches, als etwas, vor dem man riesig große Angst hat.«
Leonie war noch immer enttäuscht. »Ja, ich weiß. Hast du mir gesagt. Aber ich sehe da keine Verkleidungen. Die sehen alle wie ganz normale Menschen aus.«
Tim lachte ein weiteres Mal. »Ja was dachtest du denn? Auf diesem Planeten leben Außerirdische. Die sehen in Wirklichkeit ganz anders aus als wir und fürchten sich am meisten vor uns Menschen. Deswegen haben sie sich auch so verkleidet.«
Leonie verdrehte die Augen und sah sich das Teleskop noch einmal genauer an. Dabei fiel ihr auf, dass es nicht zu Himmel hinauf zeigte, sondern zur Stadt.
»Du hast mich doch auf den Arm genommen. Und ich hätte es dir fast geglaubt.«
Beleidigt verließ sie das Zimmer. Als sie durch die Tür trat, drehte sie sich noch einmal um.
»Dann muss ich halt irgendwann mit einem Raumschiff zum Poltergeist fliegen. Dann schaue ich selbst nach, wie die Außerirdischen dort aussehen.«

(c) 2016, Marco Wittler

407. Katze des Grauens

Katze des Grauens

Es war bereits Abend geworden. Die Geschäfte hatten ihre Türen geschlossen und die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden.
Jonas stand mit seinem großen Bruder Tom auf dem Gehweg der Hauptstraße. Autos waren kaum noch unterwegs. Es war den Leuten einfach viel zu kalt.
»Los, beeil dich.«, rief Tom seinem Bruder nach.
»Mama wartet schon auf das Brot.«
Jonas Blick war an einem der Schaufenster hängen geblieben. Darin standen viele beleuchtete Kürbisse, hingen kleine Geister an Fäden von der Decke herab und kleine Monster bevölkerten den restlichen Platz dazwischen.
»Heute ist Halloween.«, murmelte er vor sich hin.
»Was?«, fragte Tom.
»Halloween? Das ist doch alles nur Blödsinn. Den Kindern werden Gruselgeschichten erzählt, obwohl es ein Tag, wie jeder andere ist. Es gibt keine Gespenster, Geister oder Monster. Und nun komm endlich.«
»Bist du dir da sicher?«, wollte Jonas wissen.
»Nur weil du noch keine Monster gesehen hast, bedeutet das doch nicht, dass es sie nicht gibt.«
Aber Tom schüttelte nur lachend den Kopf.
»Alles Märchen. Monster gibt es nicht. Schluss, aus, fertig.«
Sie gingen die Straße weiter entlang, bis sie plötzlich einen riesig großen Schatten vor sich sahen, der aus einer Seitenstraße kam.
»Was ist denn das?«
Die Antwort kam sofort. Sie hörten ein lautes Fauchen.
»Das ist nur eine Katze. Mehr nicht. Die kann uns nichts tun.«, erklärte Tom mit zittriger Stimme.
»Eine Katze? So groß? Bist du dir da wirklich sicher?«
Aber Tom war sich gar nicht mehr sicher. So groß konnte eine Katze doch gar nicht sein. Vorsichtig gingen die Jungs ein paar Schritte weiter, bis sie wieder das Fauchen hörten.
»Kommt das näher? Greift sie uns an?«
Tom bekam es mit der Angst zu tun.
»Ich dachte, es gibt keine Monster. Gilt das auch für Monsterkatzen?«, fragte Jonas.
Aber Tom gab keine Antwort. Er wollte umdrehen und einen anderen Heimweg wählen, als das Fauchen ein weiteres Mal zu hören war.
»Sie will uns nicht gehen lassen. Wenn wir jetzt nicht stehen bleiben, fällt sie bestimmt über uns her und frisst uns auf.«
»Was machen wir denn jetzt?«
Jonas blickte sich um und suchte verzweifelt nach einem Versteck. Doch so schnell ließ sich keines finden.
Das Fauchen kam immer näher. Die Monsterkatze war ganz nah. Es konnte nur noch wenige Sekunden dauern, bis sie um die Straßenecke biegen würde.
Die Jungs zitterten am ganzen Leib, bis das schreckliche Tier zum Vorschein kam.
»Oh, ist die süß.«, freute sich Jonas plötzlich und verlor seine Angst.
Vor ihnen saß ein kleines Katzenbaby, das am ganzen Körper zitterte.
»Schau, Tom. Sie hat selbst große Angst. Sie hat ihre Mama verloren.«
Die Jungs atmeten tief durch. Vorsichtig näherten sie sich der kleinen Katze. Jonas nahm sie auf den Arm, streichelte sie und nahm sie mit nach Hause. Auf dem Heimweg mussten sie noch ein paar Mal über ihr verrücktes Erlebnis lachen. Die kleine Katze fauchte nun nicht mehr. Sie lang glücklich in Jonas Arm und schnurrte zufrieden.

(c) 2012, Marco Wittler

349. Die Nacht der Nächte

Die Nacht der Nächte

Es war dunkel in dieser Nacht. Die fernen Lichter der Sterne und des Mondes waren nicht zu sehen. Die Wolkendecke unter dem Himmel war viel zu dicht. Wenn nicht hier oder da Licht hinter einigen Fenstern gewesen wäre, hätte man gar nichts mehr auf den Straßen sehen können. Eine erdrückende Stille lag über der Stadt. Alle Menschen, denen ihr Leben lieb war, verbargen sich in diesen Stunden in ihren Häusern und Wohnungen.
»Geh nicht zu dicht an das Fenster heran.«, ermahnte eine verängstigte Frau ihren Mann.
»Wenn sie dich sehen, bist du vielleicht für immer verloren.«
In einer anderen Familie hatte man sich bereits mit dem Nötigsten bewaffnet. Alles, was man zur Verteidigung seiner Seele brauchte, lag auf kleinen Tischen in der Nähe der Eingangstüren.
Überall wurde gezittert und gebibbert. Doch der Schrecken, der schon bald durch die verwinkelten Straßen und Gassen ziehen würde, wollte darauf keine Rücksicht nehmen. Doch noch war es still. Es war die Ruhe vor dem Sturm.
Und plötzlich waren sie da. Von überall kamen sie heran. Es war, als wären sie aus tiefen Gräbern und dunklen Grüften entstiegen. Unter ihnen waren Geister, Gespenster, haarige Monster, düstere Schurken, wandelnde Skelette und Vampire. Sogar der Tod wurde immer wieder mit seine großen Sense gesehen.
»Es ist so weit. Jetzt sind wir alle verloren.«, zitterte eine ältere Dame, die sich bereits hinter einem großen Sessel versteckte.
Und dann klingelte es schon an den Türen der Stadt. Mit Fäusten wurde lautstark angeklopft. Überall schlugen die finsteren Wesen zur gleichen Zeit zu. Die Bewohner hatten keine andere Wahl. Es war wie ein magischer Zauber, der sie nun zu den Türen zog. Sie legten ihre Hände auf die Klinken und öffneten den schrecklichen Gestalten.
»Süßes oder Saures.«, riefen die verkleideten Kinder begeistert und hielten bereits ihre Sammelbeutel auf, die sie in den nächsten Stunden mit allerlei Leckereien füllen lassen wollten.
Die grinsenden Erwachsenen, die von diesen kleinen Monstern überfallen wurden, griffen in vorbereitete Schalen und verteilten allerlei Zuckerwerk.
»Aber lasst mich bitte weiter leben.«, bettelte ein Mann zum Scherz.
»Sicher doch.«, riefen die Kinder als Antwort.
»Wir kommen dann nächstes Jahr wieder vorbei.«

(c) 2010, Marco Wittler

266. Falsche Geister

Falsche Geister

Langsam kroch die Dunkelheit von draußen in die große Burg hinein. Die Nacht brach herein.
»Heute ist eine ganz besondere Nacht.«, murmelte König Herbert vor sich hin.
»An Halloween kommen die Geister aus ihren Gräbern und treiben auf der ganzen Welt ihr Unwesen. Darum haltet eure Türen geschlossen und lasst die Kerzen brennen. Dann werden sie euch nicht belästigen.«
Die Söhne des Königs hörten sich diese Warnung gut an. Doch der Jüngste unter ihnen, Adalbert, hatte plötzlich einen Schabernack im Kopf. Er wollte seinen Brüdern einen Streich spielen.
Nachdem sich alle eine gute Nacht gewünscht hatten, schlich er sich in die Waschküche und stibitzte sich ein großes Bettlaken. Mit einer großen Schere schnitt er zwei Löcher für seine Augen hinein. Von dort aus ging es hinab in das Verließ.
Es waren gerade keine Gefangenen oder Soldaten dort zu sehen. Also würde es wahrscheinlich auch niemandem auffallen, wenn eine schwere Metallkugel mit rostiger Kette fehlen würde.
So ausgestattet schlich sich der Prinz in den Flur der Schlafgemächer. Die Kette legte er sich an sein Bein und das Bettlaken warf er sich über den Kopf. Sekunden später sah er wie ein richtiges Gespenst aus.
»Dann will ich doch mal schauen, ob meine großen Brüder wirklich an diese Geistergeschichten glauben.«
Vorsichtig öffnete er die erste Tür und schlich sich in den Raum dahinter. Es brannten tatsächlich alle Kerzen. Hatte Prinz Achim so viel Angst?
Gerade wollte Adalbert zu spucken beginnen, doch da hörte er plötzlich ein lautes und Angst einflößendes ›Huh‹.
Irgendwo rasselte eine Kette und eine schwere Eisenkugel wurde über den steinigen Boden geschleift.
Adalbert bekam Angst. Wer oder was konnte das sein? Vorsichtig schlich er auf den Gang zurück und sah sich um. Doch was er da erblickte gefiel ihm gar nicht. Es jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
Nur zu gern wäre der Prinz schreiend in sein Zimmer gelaufen, doch seine Angst nagelte ihn fest.
»Es gibt keine Geister, das weiß ich genau.«
Und doch sah er eine weiße Gestalt vor sich, an deren Bein eine lange Kette mit einer schweren Kugel hing. Es war ein Gespenst.
»Huh.«, machte es wieder.
»Zu Hilfe, helft mir.«
In diesem Moment stürmten die anderen Prinzen lachend auf den Flur und der Geist entledigte sich seines Bettlakens. Darunter kam ein grinsender Prinz Achim zum Vorschein.
»Na, kleiner Bruder, hast du dich auch schön gegruselt?«
Da wurde es Adalbert klar, dass er in seine eigene Falle getappt war. Er wurde rot im Gesicht und legte verschämt seine Verkleidung ab.
»Verdammt, immer seit ihr mir einen Schritt voraus.«, sagte er entschuldigend.
»Aber nächstes Jahr fällt mir etwas Besseres ein.«
Plötzlich hörten sie alle eine rasselnde Kette.
»Huh.«
Ein richtiges Gespenst kam um die Ecke gebogen.
»Ab in die Betten oder es wird euch schlecht ergehen.«
Die Prinzen erschraken und verschwanden sofort in ihre Betten. Bei so viel Schabernack hätten sie daran gedacht, dass es doch noch irgendwo einen echten Geist geben könnte.
Das Rasseln verstummte und unter dem Bettlaken kam König Herbert zum Vorschein.
»Wenigstens bekomme ich diese Bengel als Geist ins Bett geschickt.«
Zufrieden ging er in sein Schlafgemach.

(c) 2009, Marco Wittler

203. Geist sucht Schloss

Geist sucht Schloss

Herr Simon saß in seinem Wohnzimmer und las die Zeitung. Das war seine Lieblingsbeschäftigung. Er kam am Nachmittag von der Arbeit, kochte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich dann zum Lesen in seinen Sessel.
»Wie herrlich das duftet.«
Er nahm einen großen Schluck und las weiter. Doch weit kam er nicht, denn er hörte ein verdächtiges Geräusch. Irgendwer schien sich im Haus zu befinden.
»Hallo?«, rief Herr Simon.
»Ist da jemand?«
Die Schritte verstummten. Es war wieder still.
War alles nur eine Sinnestäuschung gewesen? Herr Simon war sich nicht sicher. Aber dann war er sich sicher, dass nur er selbst einen Haustürschlüssel besaß. Er blätterte eine Seite weiter und überflog die Todesanzeigen.
Doch was war das? Schon wieder ein Geräusch? War doch jemand im Haus?
Herr Simon legte die Zeitung leise zur Seite, stellte den Kaffee auf den Tisch und stand auf. Er hielt die Hand ans Ohr und schlich von Raum zu Raum.
In der Küche war nichts zu hören. Auch im Badezimmer war alles still. Im Schlafzimmer war es ganz friedlich und im Büro war niemand zu entdecken.
»Das scheint vom Dochboden zu kommen.«, sagte sich Herr Simon.
Er blickte im Flur zur Decke. Dort war die Einstiegsluke. Er öffnete einen Schrank, holte eine Stange heraus und zog die Bodentreppe herunter. Auf ihr stieg er Stufe für Stufe nach oben.
Vorsichtig steckte er den Kopf durch die Luke und sah sich um.
»Wer ist da?«
Es kam keine Antwort.
»Ich bin bewaffnet und kann mich wehren.«
Doch so sehr er auch in seiner Hosentasche suchte, es war nichts zu findet, womit er einen Einbrecher bedrohen konnte.
Die Geräusche waren nun wieder verstummt. Deswegen stieg Herr Simon den Rest der Treppe hinauf und schaltete das Licht an.
In diesem Moment verschwand etwas hinter einer Kiste und versteckte sich.
»Wer ist da?«
Doch der Fremde antwortete nicht.
Herr Simon sah sich um und fand einen alten Regenschirm, den er sich nun schnappte. Einen Schlag damit würde den Einbrecher zwar nicht verletzen, aber wenigstens etwas verwirren.
Langsam schlich Herr Simon auf die Kiste zu. Als er direkt davor stand, sprang er hoch und wollte dem Fremden einen Hieb versetzen. Doch dann erlebte er eine Überraschung.
»Bitte schlagen sie mich nicht.«, war eine unheimliche Stimme zu hören.
»Du meine Güte.«, rief Herr Simon entsetzt.
»Ich habe einen Geist auf meinem Dachboden.«
Er ließ den Regenschirm fallen und wollte sofort weg laufen, doch dann flog der Geist um ihn herum.
»Haben sie bitte keine Angst. Ich werde ihnen nichts tun.«
Herr Simon beruhigte sich. Nun konnte er eh nicht mehr fort laufen.
»Mein Name ist Theodor von Geisterfels. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Heim.«
Sofort schüttelte Herr Simon verzweifelt den Kopf.
»Du kannst auf keinen Fall in meinem Haus bleiben. Was sollen denn die Leute denken. Die werden mich bestimmt für verrückt erklären. Außerdem gehört ein Geist in eine Burg.«
Theodor blickte traurig zum Boden.
»Meine Burg gibt es nicht mehr. Sie ist mit den Jahrhunderten baufällig geworden und wurde vor einer Woche abgerissen. An ihrer Stelle soll ein modernes Hotel gebaut werden. Dort ist man dann als Gespenst völlig unerwünscht.«
Der Geist schniefte leise, nachdem er in sein Bettlaken geschnäuzt hatte.
»Dann werde ich mir wohl eine andere Bleibe suchen müssen.«
Theodor schwebte fort und verschwand durch die Wand. Doch da gab es ein Problem. Seine Geisterkette knallte dabei gegen das Gemäuer und ließ den Putz herab bröseln.
»Was ist denn das?«, fragte sich Herr Simon.
Er sah sich die Beschädigung genauer an. Unter dem Putz tauchten ein altes Wappen und eine Jahreszahl auf.
»1654, Schloss Felsenburg.«
Er kratzte sich am Kinn. Doch dann fiel ihm etwas ein.
»Mein Haus ist Teil des alten Stadtschlosses. Das wusste ich gar nicht. Das ist ja eine Überraschung.«
In diesem Moment tauchte der Geist wieder auf.
»Du lebst in einem alten Schloss? Dann kann ich ja doch auf deinem Dachboden bleiben.«
Herr Simon lachte.
»Es sieht wohl ganz so aus.«
Von diesem Tag an war Herr Simon nicht mehr allein in seinem Haus. Nun saß er jeden Tag nach der Arbeit mit seinem Freund Theodor im Wohnzimmer. Gemeinsam tranken sie Kaffee, lasen zusammen in der Zeitung und rasselten hin und wieder nacheinander an der Geisterkette.

(c) 2009, Marco Wittler

166. Der Fluch der Pharaonen

Der Fluch der Pharaonen

»Das Museum schließt in zehn Minuten. Bitte achten sie darauf, dass sie rechtzeitig die Ausstellungen und das Museum verlassen. Wir bedanken uns für ihren Besuch.«
Noch zwei weitere Male schepperte die monotone Tonbandstimme durch die Lautsprecher.
Lena und Erik standen zwischen großen ägyptischen Steintafeln, auf denen lustige Bildchen gemalt waren.
»Wo bleibt denn Papa?«, fragte Lena.
»Die Stimme hat doch gesagt, dass wir gehen müssen.«
Erik hielt seine Schwester zurück.
»Bleib hier. Papa ist doch nur zur Toilette gegangen. Er kommt doch sofort wieder. Schau dir doch bis dahin noch ein paar Sachen hier an.«
Die beiden Kinder gingen nach und nach von einem Schaukasten zum anderen. Darin lagen goldene Käfer, Papyrusrollen und Modelle der großen Pyramiden.
»Ich habe mal gehört, dass die Mumien in der Nacht wieder lebendig werden und dann im Museum hin und her laufen.«
Lena fuhr es eiskalt den Rücken runter, als sie zum Fenster sah. Die Sonne war bereits unter gegangen und es war stockfinster draußen.
»Ich will ganz schnell hier raus. Die sperren uns bestimmt sonst ein und die Mumie wird uns auffressen.«
Erik lachte leise. Er hatte nicht gedacht, dass seine kleine Schwester so schnell zu verängstigen war.
»Aber Papa ist noch nicht wieder da. Wir dürfen uns nicht vom Fleck bewegen.«
Doch Lena hatte nun viel zu viel Angst und lief Richtung Ausgang.
»Ich warte an der Tür auf euch.«, rief sie ihrem Bruder noch zu.
Nun stand Erik allein in der ägyptischen Ausstellung. Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass Lena so schnell verschwinden würde. Sollte er nun auf Papa warten und sie vor seinen eigenen Geschichten fürchten?
Nein, auf keinen Fall. Mumien waren bereits tot und würden ganz bestimmt nicht in der Nacht aufstehen.
In diesem Augenblick kam eine Person in den Raum. Sie hatte am ganzen Körper weiße Tuchbahnen hängen und heulte fürchterlich.
»Hilfe, die Mumie lebt.«, schrie Erik und lief schnell seiner Schwester nach.
Er sah sich nicht mehr um, bis er ebenfalls die Ausgangstür erreicht hatte. Nur eine Minute später kam Papa zu den beiden.
»Mensch Erik. Du bist aber schreckhaft. Ich bin doch keine Mumie. Ich bin nur im Toilettenraum hingefallen.«
Das fiel nun auch den Kindern auf, denn Papa hatte noch überall Toilettenpapier an seinen Sachen hängen. Gemeinsam lachten die drei und gingen nach Hause.

(c) 2008, Marco Wittler

165. In der Geisterbahn

In der Geisterbahn

Paul und Tim standen in einer großen Menschengruppe. Sie befanden sich auf einer großen Kirmes, die sich seit gestern in der Stadt befand. Vor ihnen ragte ein großes Fahrgeschäft auf. An den Seiten hingen große schaurige Wesen und über dem Eingang saß ein Monster mit langen Zähnen. Es war eine Geisterbahn.
»Willst du da wirklich rein gehen?«, fragte Tim.
»Aber natürlich. Das wird richtig cool. Oder hast du etwa Angst?«
Sofort schüttelte Tim den Kopf.
»Ich und Angst? Auf keinen Fall. Ich wollte nur sicher gehen, dass du es dir nicht im letzten Moment anders überlegst.«
Gemeinsam gingen sie zur Kasse und kauften sich die Eintrittkarten.
Nun dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Schlange vor ihnen kürzer wurden und sie an der Reihe waren. Doch nach zehn Minuten durften sie sich in ihren Wagen setzen. Ein paar Sekunden später setzte sich ihr Gefährt in Bewegung.
Mit einem Ruck knallten sie gegen eiserne Tore, die durch die Wucht auf schwangen. Die beiden Jungs wurden augenblicklich von der Dunkelheit verschluckt.
Hin und her ging die Fahrt, hinauf und herunter. Zu sehen war allerdings nichts. Doch plötzlich blitzte es von allen Seiten hell auf. Die Jungs mussten sich die Augen zuhalten. Als es vorbei war, fuhren sie durch die nächste Tür und fanden sich zwischen Furcht erregenden Figuren wieder, die hin und wieder nach dem Wagen griffen.
Von der Decke fielen Spinnen herab und kleine Monster schwangen sich über die Strecke hinweg.
Tim erschrak sich immer wieder, traute sich aber nicht, zu laut zu quietschen. Er hatte Angst, dass sich Paul über ihn lustig machen würde.
Hätte er einen Blick zur Seite gemacht, wäre ihm aufgefallen, dass Paul sich vor Angst nur noch die Augen zu hielt. Ihm war es viel zu gruselig.
Plötzlich hab es lautes Geräusch, als wäre etwas auf den Wagen gefallen. Die beiden Jungs drehten sich schnell um und sahen zwischen den Kopfstützen ihrer Sitze hindurch nach hinten. Dort hatte es sich ein Monster bequem gemacht und bereitete sich gerade darauf vor, die beiden zu erschrecken.
»Du meine Güte.«, flüsterte Paul.
»Das Monster wird uns fressen, wenn wir nichts unternehmen.«
Tim sah sich um und entdeckte zwei Geisterpuppen. Er griff nach ihnen und entriss ihnen die Bettlaken.
Das Monster stemmte sich gerade hoch und wollte die Insassen des Wagens an den Schultern packen. Doch als es über die Kopfstützen sah, blickten ihm zwei Geister in die Augen.
»Buh!«, machten sie und griffen nach dem Monster. Doch dieses war so erschrocken, dass es sofort fort sprang und um Hilfe schreiend in der Dunkelheit verschwand.
Tim und Paul waren froh, dass sie diese Fahrt überlebt hatten und fuhren nur Sekunden später wieder aus der Geisterbahn heraus.
Nun mussten sie sich allerdings wundern, denn draußen lief ein Mann in einem felligen Kostüm herum, der verzweifelt versuchte, die Menschen am Besuch der Geisterbahn zu hindern.
»Gehen sie nicht hinein. Dort drin sind Geister. Sie haben mich angefallen und hätten mich fast um den Verstand gebracht. Bleiben sie draußen und retten sie sich.«
Paul und Tim sahen sich, erinnerten sich noch einmal an ihr Erlebnis und mussten laut lachen.

(c) 2008, Marco Wittler

164. Die Bestie

Die Bestie

Die Nacht brach herein. Wolken waren keine am Himmel zu sehen, dafür unzählige kleine weiße Pünktchen, die Sterne. Schon bald würde auch der Mond seine Bahn zum Firmament beschreiten. Ein paar wenige Grillen zirpten und ein Uhu ließ hin und wieder seine Stimme hören.
Der Boden des Waldes war mit leichten Nebelschwaden bedenkt, durch die immer wieder das eine oder andere Hütchen eines giftigen Pilzes hervor sah.
Es war eine perfekte Nacht, um Hexen und Zauberer zu beobachten, wie sie Zutaten für ihre geheimen Tränke suchten. Allerdings gab es auch noch ganz andere Gestalten, die zwischen Büschen und Bäumen umher schlichen. Unter ihnen waren zwielichtige Gestalten, Diebe und Mörder. Es wurde sogar gemunkelt, dass sogar schon Monster, Vampire und Kobolde gesichtet wurden. Doch das waren nur Gerüchte. Die Existenz des einen oder anderen Waldgeistes war dafür hinreichend belegt und bewiesen worden.
Eine Gruppe von drei Männern war in diesen Stunden auf einem dunklen Pfad unterwegs. Sie hatten die Zeit vergessen und waren nun auf dem Weg in ihr Heimatdorf. Auf den Rücken ihrer Maultiere lagen schwere Säcke mit kostbaren Stoffen und Gewürzen, die sie auf dem Markt der Stadt gekauft hatten.
»Wir sollten nicht hier sein.«, sagte einer von ihnen.
»Es wimmelt hier bestimmt nur so von Geistern und Gespenstern, die uns zu Tode erschrecken werden. Wir kommen hier bestimmt nicht mehr lebend heraus.«, fürchtete ein anderer.
Der Dritte war der einzige, dem man keine Angst ansehen konnte.
»Haltet endlich die Klappe. Das einzige, was es hier im Wald gibt, ist unrechtes Gesindel. Und wenn ihr weiter so viel redet, wie die Waschweiber, dann werdet ihr die Verbrecher noch viel schneller zu uns locken.«
Die drei Männer verstummten wieder und setzten ihren Marsch fort, während der Mond seine ersten Lichtstrahlen durch die Bäume sandte.
»Wer ist das dort? Das sitzt doch jemand?«
Und tatsächlich. Unter einer dicken Eiche hockte eine gebrechlich wirkende Person. Auf ihrem Kopf thronte ein spitzer Hut, während auf ihrer Schulter ein schwarzer fauchender Kater saß.
»Es ist eine Hexe, die Eicheln sammelt. Sprecht sie nicht an und schaut ihr nicht in die Augen. Dann wird sie uns nicht beachten und passieren lassen.«
Nur wenige Schritte waren sie von der alten Frau entfernt. Es schien, als würde sie gar nicht wissen, dass hinter ihr jemand durch den Wald gehen würde. Sie nahm eine Eichel nach der anderen auf und steckte sie in ein kleines Säckchen.
Nur ein paar Minuten später sprang ein großes haariges Wesen von einem Baum herab und knurrte die Gruppe an. Ein Werwolf, ein verfluchter Mensch, der sich im Licht des Vollmondes in eine gefräßige Bestie verwandelte, kam den drei Männern langsam näher. Von seinen kräftigen Kiefern tropfte frisches Blut und dennoch war sein Hunger noch lange nicht gestillt.
Er sprang ein weiteres Mal und riss bei seiner Landung einen der Männer zu Boden. Gerade als er ihm die Kehle durchbeißen wollte, riss es ihn von den Pfoten und ein weiterer Mann setzte sich auf seine Brust. Nun war von dem Untier nur noch ein leises Winseln zu hören.
Der Mann öffnete langsam seinen Mund. Das Mondlicht spiegelte sich an seinen langen Eckzähnen.
»Musst du uns denn jeden Monat wieder anfallen? Kannst du dir nicht einfach merken, dass wir Vampire sind und nicht auf deiner Speisekarte stehen?«
Er zog den Werwolf hoch, gab ihm einen Tritt und jagte ihn zurück in den Wald.
»Beim nächsten Mal werde ich dich zu einem von uns machen. Dann wirst du mit zwei schlimmen Flüchen leben müssen. Also überleg es dir gut.«, rief er der Bestie hinterher.
Die drei Männer setzten ihren Marsch fort.
»Ich hab es gewusst. Hab ich es euch nicht gewarnt?«, sagte nun der Ängstlichste von ihnen.
»Ich wusste, dass uns der Werwolf wieder auflauern wird. Aber  ihr wolltet ja nicht auf mich hören. Ich wünschte, er würde endlich damit aufhören. Ich bin doch so schreckhaft und werde eines Tages an einem Herzinfarkt sterben, wenn er sich nicht zurück hält. Ach wäre ich doch heute Nacht zu Hause in meinem Sarg geblieben. Aber ihr musstet ja unbedingt einkaufen gehen. Aber das nächste Mal könnt ihr ohne mich los ziehen. Darauf könnt ihr euch verlassen.«

(c) 2008, Marco Wittler

163. Die Zähne des Vampirs

Die Zähne des Vampirs

Graf Richard Zahn von Dentavanien lief ruhelos durch sein düsteres Schloss. Es stand auf dem Gipfel eines hohen Berges inmitten einer flachen Ebene. Die Mauer waren grau bis schwarz und in der näheren Umgebung wuchsen weder Sträuche noch Bäume. Es schien, als sei das Land in der der Nähe des Schlosses gestorben.
Und nun lief der Graf hin und her und dachte über ein paar Probleme nach. Es war tief in der Nacht. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und der Mond bahnte sich verzweifelt einen Weg durch dichten Nebel.
»Ich habe so großen Hunger. Ich brauche Nahrung. Aber woher soll ich die nehmen?«
Das Schloss war mittlerweile völlig unbewohnt, bis auf den Grafen. Die umliegenden Dörfer waren schon vor längerer Zeit verlassen worden, denn es hielt sich das hartnäckige Gerücht, dass in dieser Gegend ein gefährliches Monster sein Unwesen treiben würde. Manche Leute schworen darauf, in Vollmondnächten einen Werwolf gesehen zu haben. Andere wussten nur zu gut, dass es sich um eine Gruppe Hexen handeln musste. Doch keiner von ihnen hatte Recht. Denn es handelte sich in Wahrheit um einen blutsaugenden Vampir.
Graf Richard sah in einen Wandspiegel hinein, doch niemand blickte daraus zurück.
»Ach, wenn ich doch nur ein einziges Mal noch mein Antlitz erblicken könnte. Aber als Vampir ist mir dieses Glück leider nicht vergönnt. Hätte ich geahnt, welche Probleme auf mich zukommen, hätte ich mich niemals in eine Kreatur der Nacht verwandeln lassen.«
Das mag verwirrend klingen, aber der Graf war tatsächlich als Mensch geboren worden. Erst durch das Trinken von Vampirblut wurde er ebenfalls eine untote Seele.
»Ich brauche frisches Menschenblut, sonst werde ich vertrocknen und verdursten.«
Doch dazu waren die Menschen viel zu weit fort gezogen und die Vorräte im Keller seit ein paar Tagen verbraucht.
Graf Richard beschloss, dass er nicht mehr länger warten durfte. Er holte seinen Mantel aus dem Schrank, spannte ein paar Pferde vor seine Kutsche und ritt in die Nacht hinaus. Doch egal, durch welchen Ort er auch fuhr, nirgendwo war auch nur ein einziger Mensch zu finden.
»Soll ich mich etwa von Ratten- und Mäuseblut ernähren, wie ein Vampir niederster Art? Bin ich denn ein einfacher Bauernlümmel oder ein blaublütiger Herrscher mit eingenem Land?«
Er schnappte sich während der Fahrt eine Ratte und saugte ihr verzweifelt das Blut aus den Adern.
»Ich hoffe, dass es nicht zur Gewohnheit werden wird.«
Und weiter ging die Reise quer durch das Land. Während der Nacht hielt der Graf Ausschau nach Siedlungen und Städten. Tagsüber verbarg er seinen Körper vor den Strahlen der Sonne in einem kleinen Reisesarg.
Erst nach einer Woche traf er in einem bewohnten Dorf ein. Die Bewohner besahen sich die Kutsche mit großem Misstrauen, denn sie waren den Besuch adliger Leute nicht gewohnt.
Der Graf hingegen war mittlerweile so ausgehungert, dass es ihm egal war, ob ihn jemand bei einem seiner Überfälle sehen konnte oder nicht. Schnell wie ein Pfeil sprang er aus seinem Sarg heraus und stürzte sich auf den Hals einer jungen Frau.
Die Menschen waren entsetzt. Geschichten von Vampiren hatten sie oft gehört, aber noch nie einen von ihnen zu Gesicht bekommen.
In diesem Moment erschallte ein Schmerzensschrei über den Marktplatz. Er stammte allerdings nicht von der Frau, sondern von Graf Richard, der zurück zur Kutsche taumelte und sich beide Hände vor den Mund hielt.
»Meine Zähne, wo sind meine Zähne?«
Zuerst waren alle Leute verwundert. Doch dann zeigte die junge Frau die Halskette vor, die unter ihren langen Haaren versteckt war. Daran hatte sich der Graf seine Zähne ausgebissen.
Alle begannen zu lachen und jagten den Vampir wieder aus dem Dorf

(c) 2008, Marco Wittler