599. Der sprechende Kürbis

Der sprechende Kürbis

Tim hatte sich dieses Jahr einen ganz besonderen Streich für Halloween ausgedacht. Bisher war er jedes Mal auf Mama herein gefallen. Jetzt wollte er ihr endlich zeigen, dass er was von ihr gelernt hatte.
Am Mittag nach der Schule hatte sie gemeinsam beim Bauern um die Ecke zwei große Kürbisse gekauft. Und nun saßen Tim und Mama schon seit ein paar Stunden in der Kühe, höhlten diese aus und schnitzen ihnen gruselige Gesichter. Am Abend sollten sie dann, durch eine Kerze beleuchtet, vor der Haustür stehen und die Leute erschrecken, die die Straße entlang gingen.
„Das wird wie immer ein großer Spaß.“, freute sich Tim. Insgeheim freute er sich aber noch mehr darauf, Mama zu erschrecken.
Seit einem halben Jahr hatte er alles genau geplant. Es konnte gar nichts mehr schief gehen.
Als es dunkel wurde, stellten sie ihre Kürbisse nach draußen. Sie platzierten sie auf zwei Hockern, stellten die Kerzen hinein und entzündeten die kleinen Feuer. Schon konnte man die schrecklichen Gesichter die ganze Straße hinunter leuchten sehen.
Während Mama schon wieder im Haus verschwand, wartete Tim noch einen Moment auf der Eingangstreppe. Als er sich sicher war, dass ihn niemand sah, legte er sein Handy hinter seinen Kürbis. Dann ging er ebenfalls rein.
Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür. Ein paar Kinder waren gekommen, um Süßigkeiten zu sammeln. Mama öffnete und schon bekam sie den bekannten Satz zu hören: „Süßes, sonst gibt’s Saures!“
„Oh je. Was habe ich mich erschreckt.“, lachte Mama. „Eure Kostüme sehen wirklich gruselig aus.“
Dann verteilte sie ein paar Bonbons und verabschiedete die Gruppe kleiner Geister.
Sie wollte schon die Tür schließen, als sie eine Stimme hörte. Sie sah sich um, konnte aber niemanden entdecken.
„Hallo? Wer bist du? Und vor allem, wo?“
„Ich liege direkt vor dir. Ich bin der schaurige Kürbiskopf.“
Mama sah sich die zwei Kürbisse an.
„Buh!“, machte einer von ihnen. „Hast du Angst vor mir?“
Mama grinste.
„Nein. Ich habe keine Angst vor dir. Du bist nur ein Kürbis.“
Der Kürbis blieb ein paar Sekunden still, bevor er weiter sprach.
„Aber du hast dich bestimmt kurz erschreckt, richtig?“
Mama lachte.
„Nein, erschreckt habe ich mich auch nicht.“
Dann drehte sie sich zur Tür ging ins Haus und rief:
„Tim, du kannst dir dein Handy abholen. Dein Plan hat nicht funktioniert.“
Mit einem enttäuschten Gesicht kam Tim aus dem Wohnzimmer.
„Aber nächstes Jahr zeige ich es dir. Dann lege ich dich rein.“
Als Tim sein Handy einsteckte, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich.
„Und ich werde dir dabei helfen. Deiner Mutter werden wir es beim nächsten Halloween schon zeigen.“
Verwirrt sah Tim auf Mamas Kürbis. Hatte er tatsächlich zu ihm gesprochen?
„Du hast schon richtig gehört.“, bestätigte ihm der Kürbis.
„Ich kann sprechen.“
Tims Augen wurden riesig groß. Ein sprechender Kürbis? So etwas konnte es doch nicht geben. Ängstlich lief er ins Haus, schlug die Tür hinter sich zu und versteckte sich in seinem Zimmer.
Kurz darauf ging Mama noch einmal zur Außentreppe. Mit einem breiten Grinsen holte sie ebenfalls ihr Handy rein. Ihr Halloweenscherz hatte mal wieder funktioniert.
Und dann hörte auch sie eine unbekannte Stimme.
„Deinem Sohn haben wir es aber wieder gezeigt, was?“
Es war eindeutig der Kürbis, der zu ihr sprach. Mama begann zu suchen. Nirgendwo fand sie ein Handy, einen Lautsprecher oder etwas anderes, woraus die Stimme hätte kommen können.
„Da kannst du lange suchen.“, sagte der Kürbis. „Ich spreche wirklich mit dir.“
dann grinste er über sein ganzes, oranges Gesicht und zwinkerte Mama zu.

(c) 2017, Marco Wittler

597. Partydurst

Partydurst

Halloween. Endlich. Darauf hatte sich Fred schon das ganze Jahr gefreut. Endlich wieder mal eine Party mit schaurig, gruseligen Kostümen feiern. Wie in jedem Jahr hatte er Stunden vor dem Spiegel verbracht und sich von oben bis unten geschminkt und verkleidet. Am Ende hatte ihm ein Untoter, ein halb verwester Zombie angegrinst.
Kurz darauf war Fred angekommen. Die Party im Haus seines Kumpels Paul war schon in vollem Gange. Überall standen oder saßen Vampire, Mumien, Skelette, Monster, Menschen ohne Köpfe und mehr.
»Da bist du ja endlich.«, wurde er von Paul begrüßt. »Wir warten schon alle auf dich.«
Er schob Fred ins vor sich her ins Wohnzimmer.
»Leute schaut mal, Fred ist endlich da. Hat sich wieder mal mit seinem Kostüm extrem viel Mühe gegeben. Er sieht wie ein waschechter Zombie aus. Jetzt wartete ich nur noch darauf, dass ihm Arme oder Beine abfallen.«
Alle Gäste lachten. Fred stöhnte nur. Zombies sprachen schließlich nicht.
»Willst du was trinken?«, fragte ihn Paul.
Fred nickte und stöhnte erneut. Tatsächlich hatte er während der letzten Stunden keinen einzigen Tropfen getrunken. Er bekam einen großen Becher, den er sich sofort an die Lippen setzte. Er trank ihn in einem Zug aus. Der Durst wollte aber nicht verschwinden.
Fred füllte sich den Becher wieder auf und trank und trank und trank. Aber es geschah nichts. Der Durst blieb. So etwas hatte er noch nie erlebt. Irgendwas stimmte nicht mit ihm.
Während er Liter um Liter in sich hinein schüttete, wurden immer der anderen Gäste auf ihn aufmerksam. Langsam wurde es still im Wohnzimmer. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Jeder starrte ihn an.
»Stimmt was nicht?«, wunderte sich Fred.
Er folgte den Blicken seiner Freunde, die auf seine Füße sahen.
Fred erschrak. Er stand in einer großen Pfütze. Liter um Liter floss aus unzähligen Löchern seines verwesenden Körpers.
Paul fand als erster seine Worte wieder.
»Puh, man. Das ist echt abgefahren. Deine Kostüme waren jedes Jahr extrem krass. Aber dieses Mal hast du dich wirklich selbst übertroffen.«
Fred wurde rot im Gesicht und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Er wusste nicht einmal, wie das Ganze überhaupt funktionierte. Er hoffte jetzt nur noch, dass der Abend schnell vorüber gehen würde und er zu Hause aus dem Kostüm schlüpfen und wieder richtig trinken konnte.

(c) 2017, Marco Wittler

522. Süßes oder Saures

Süßes oder Saures

Jonas sah in seinen Beutel. Gute gefüllt war. Fast bis zum Rand. Halloween war einfach eine richtig tolle Sache. Von Haus zu Haus gehen, Leute erschrecken und dafür auch noch Süßigkeiten bekommen. Herrlich.
Seine Freunde Max, Paul und Daniel hatten ebenfalls volle Taschen. Alle Vier freuten sich schon riesig auf zu Hause. Dann würden sie sich ihre Bäuche voll schlagen.
»Machen wir Schluss für heute?« fragte Max in die Runde. »Ich habe so viele Bonbons und Schokolade bekommen. Es passt nichts mehr in meine Tasche.«
So sah es auch bei den anderen Jungs aus. Ihre Beutel waren so schwer, dass sie sie kaum noch tragen konnten.
»Lasst uns noch bei einem letzten Haus anklingeln. Es ist ja eh nur eins hier bis zur nächsten Kreuzung.« schlug Jonas vor.
Seine Freunde willigten ein. Sie gingen weiter bis zum letzten Haus, klingelten und rief laut: »Süßes oder Saures!«
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie ein schlurfendes Geräusch. Ein Stöhnen mischte sich hinzu.
»Sie müssen nicht zur Tür kommen, wenn es ihnen zu anstrengend ist.« sagte Paul unsicher.
Doch dann öffnete sich bereits die Tür. Zu sehen bekamen die Jungs allerdings nur einen Schatten, der einem sehr großen Menschen ähnlich sah. Dieser hielt einen mächtigen Gegenstand in der Hand. Ein rasselndes Stöhnen drang noch immer aus seiner Kehle.
Er schaltete das Licht im Hausflur an. Den Jungs gefror augenblicklich das Blut in den Adern. Vor sich sahen sie einen riesigen Mann mit breiten Schultern und sehr muskulösen Armen. In seinen Händen, die Bärenpranken glichen, hielt er eine große, schwere Axt, deren Schneide mit Blut verschmiert war.
»Uaarrrrgh!« brüllte er den Kindern und begann seine bedrohliche Waffe zu schwingen.
»Schnell!« rief Jonas panisch. »Der bringt uns alle um! Weg hier!«
Die Jungs ließen ihre Taschen fallen, nahmen ihre Füße in die Hände und rannten um ihr Leben. Allerdings liefen nur drei Jungs die Straße entlang. Einer von ihnen war stehen geblieben und hielt sich vor Lachen den Bauch. Es war Jonas, der sich nun zu dem bedrohlichen Mann umdrehte und ihm auf die Schulter klopfte.
»Hat prima geklappt, Onkel Peter.« war er begeistert.
»Jetzt haben wir vier Taschen voller Süßigkeiten für uns allein.«
Sie nahmen die Taschen, brachten sie ins Haus und ließen sich schmecken, was sie erbeutet hatten.

(c) 2015, Marco Wittler

521. Ich hasse Halloween

Ich hasse Halloween

Felix saß gelangweilt auf seinem Sofa und klickte sich durch die vielen Fernsehsender. Aber er konnte nichts finden, das ihn interessierte. Schlimmer noch. Überall wurde nur über Halloween berichtet, erzählt und Filme gezeigt.
»Ich kann es nicht mehr sehen.« fluchte Felix und schaltete den Fernseher ab. »Ich will auch nichts mehr darüber hören. Ich kann Halloween nicht ausstehen. Immer nur Verkleiden, Erschrecken und Süßigkeiten sammeln. So ein Blödsinn.«
Felix hatte Halloween noch nie leiden können. Er wollte nicht verstehen, was andere Menschen daran so lustig fanden. Sogar seine ganzen Freunde waren begeistert von diesem Fest und liefen in diesem Moment verkleidet von Haus zu Haus.
Es klingelte an der Tür. Felix stöhnte leise vor sich hin. Nachschauen musste er schon, obwohl er genau wusste, dass es sich nur um Halloween Verrückte handeln konnte. Trotzdem. Auch Oma und Opa wollten noch zu Besuch kommen.
Er öffnete und sah sich einer Truppe Kinder gegenüber. Es waren zwei Geister, ein Vampir und eine Toilettenpapiermumie.
»Süßes sonst gibt’s Saures!« riefen sie im Chor und hielten ein paar offene Tragetaschen vor sich.
»Verschwindet hier!« fluchte Felix. »Hier gibt es nichts zu holen. Halloween ist mir egal.«
Dann schlug er die Tür hinter sich zu und verschwand wieder auf seinem Sofa.
Er drehte das Radio auf. Doch auch dort wurde zwischen den einzelnen Liedern immer wieder Halloween erwähnt.
»Warum kann man das nicht endlich abschaffen? Dann haben wir endlich Ruhe.«
In der nächsten Stunde kamen immer wieder Kinder vorbei, die Süßigkeiten sammeln wollten. Immer wieder verscheuchte Felix sie und wurde dabei wütender und wütender. Wenn Mama und Papa nur endlich vom Einkaufen zurück wären. Dann könnten sie sich um diese Plagegeister kümmern. Aber das würde wohl noch eine Zeit dauern.
Und schon wieder klingelte es.
»Jetzt reicht es mir!« brüllte Felix.
Er rannte in das Zimmer seines großen Bruders und wühlte sich durch dessen Kleiderschrank. Schon nach ein paar Sekunden fand er, was er suchte. Eine schaurige Monstermaske. Er setzte sie sich auf und öffnete damit die Wohnungstür.
»Uaaarrrgh!« schrie er die Kinder vor sich an, die vor Schreck gar nicht wussten, was sie machen sollten. Doch nachdem sie sich wieder gefasst hatten, fingen sie an zu lachen.
»Tolle Maske!« waren sie begeistert und lobten Felix.
Zu seiner eigenen Verblüffung griff er in die Bonbonschale, die seine Mutter bereit gestellt hatte und verteilte Süßes an die Kinder.
Als Felix die Tür wieder geschlossen hatte, musste auch er lachen.
»Ich hätte gar nicht gedacht, dass Halloween doch Spaß machen. Verkleidet sein und andere erschrecken ist richtig cool.«
Sofort suchte er sich zur Maske das passende Kostüm und erschrak noch mehr Kinder. Für das nächste Jahr nahm er sich vor, den Tag mit seinen Freunden verkleidet zu verbringen.

(c) 2015, Marco Wittler

520. Panik

Panik

Pastor Meier lief es kalt den Rücken hinunter. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet er, ein Mann der Kirche, vor der Dunkelheit der Nacht Angst bekommen würde. Doch nun war es doch so weit gekommen.
Mit jeden Schritt, den er tat, mit jedem Atemzug, der seine Lungen mit Luft füllte, kroch die Panik tiefer in ihn hinein.
Ständig hörte er Schritte. Ständig drangen seltsame Geräusche an sein Ohr, die nicht von dieser Welt zu kommen schienen. Doch sobald er sich umsah wurde es wieder mucksmäuschenstill und nichts und niemand war meilenweit zu sehen.
»Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« murmelte er mit zittriger Stimme zu sich selbst. Dann fasste er sich durch den Stoff seiner Jacke an das große Kreuz, dass um seinen Hals baumelte und schickte ein schnelles Stoßgebet zum Himmel. Nur wenige Augenblicke später ging er noch einen Schritt schneller die Straße entlang.
Und dann sah er etwas. Irgendwo neben ihm. Im Augenwinkel. Irgendwer – irgendwas. Und doch – da war wieder nichts.
»Ich muss nach Hause. So schnell es geht.« Pastor Meier begann zu rennen. Erste dicke Schweißtropfen liefen ihm zu beiden Seiten des Gesichts herab und verschwanden hinter seinem Hemdskragen.
»Ich bin Pastor.« rief er verstört in die Nacht. »Ich bin ein Mann der Kirche. Ich stehe unter dem Schutz des Kreuzes. Jesus Christus ist mein Herr und wird mich beschützen. Nichts und niemand kann mir ein Leid zufügen. Keine Monster, keine Dämonen oder andere schaurige Kreaturen der Unterwelt können mir schaden.«
Er wusste nicht, ob ihm das jemand glauben würde. Er wusste auch nicht, ob es wirklich stimmte. Aber es war die einzige Möglichkeit, sich irgendwie Mut zu machen.
Nur noch eine Kreuzung und dann ein paar hundert Meter. Die musste er einfach schaffen.
Schon spürte der Pastor einen starken Schmerz in der Brust und verfluchte sich dafür, nie Sport zu treiben. Nun würde sich diese Sünde an seinem Körper vielleicht bitter rächen.
»Durchhalten! Ich muss nur noch ein paar Minuten durchhalten.« keuchte er.
Pastor Meier holte das Letzte aus seinen schmerzenden Beinen heraus. Er rannte um sein Leben. Er klammerte sich an den letzten Strohhalm, den er noch für sich sah. Er zog den Haustürschlüssel aus seiner Jackentasche. Mit einem gewagten Sprung, der aus den wenigen verbliebenen Kraftreserven geboren wurde, nahm er die fünf Stufen seines Hauses, steckte den Schlüssel ins Schloss stürmte einen Augenblick später in den rettenden Flur und ließ sich erschöpft zu Boden fallen. Fast hätte er noch vergessen, die Tür hinter sich wieder zu schließen. Mit einem müden Fußtritt erledigte er auch dies.
Und dann waren sie da. Pastor Meier konnte sie hören. Die Monster der Nacht hatten ihn eingeholt und standen nun auf der Treppe. Er konnte sie atmen und leise murmeln hören. Sie würden ihn nicht entkommen lassen. Sie würden warten.
»Was hab ich euch getan? Ich bin nur ein kleiner Dorfpastor. Sucht euch doch ein anderes Opfer.«
Doch die Monster lachten nur, bevor sie die magischen Worte sprachen, die jede Tür in dieser Nacht öffnen konnten.
»Süßes oder Saures!« riefen sie gleichzeitig aus unzähligen Kehlen.
Der Pastor seufzte und stand auf. »Ist ja schon gut. Ich komme schon.«
Er griff nach der mit Süßigkeiten gefüllten Schale, die auf einem Tischchen stand und öffnete. Er grinste die Kinder an, die schon sehnsüchtig warteten.
»Tolle Kostüme habt ihr dieses Jahr an.« lobte er.
Die Kinder bedankten sich jedes mit einem breiten Grinsen.
»Und denkt dran:«, sprach der Pastor weiter.
»Wissen wir!« antworteten die Kinder. »Heute ist auch Reformationstag. Der Tag an dem Martin Luther die Kirche verändert hat.«
Meier nickte zufrieden.
»Dann wünsch ich euch noch viel Spaß und ganz viel Süßes.«
Er schloss die Tür hinter sich und lächelte.

(c) 2015, Marco Wittler

Special: Alle Halloween Geschichten im Überblick

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Mit diesem Beitrag beteilige ich mich an einer „Halloween“ Blogparade, bei der jeden Tag ein anderer Blogger einen Beitrag zum Thema schreibt. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, mal bei den anderen reinzuschnuppern.

Am Montag hat Natascha schon begonnen und ganz viele Bastelideen für eure Halloween Party entworfen.

Mo – 26.10. – Natascha – http://nataschas-kreativwelt.blogspot.de/
Di – 27.10. – Marco- http://366geschichten.de/
Mi – 28.10. – Jenny – http://jennybeautyandmore.blogspot.de/
Do – 29.10. – Michelle – http://everylittlethinggonnabebeautiful.blogspot.de/
Fr – 30.10. – Geri Amazon – http://geri-diaries.blogspot.de/
Sa – 31.10. – Michelle – http://www.beautifulfairy.de/

275. Da klappern doch die Zähne

Da klappern doch die Zähne

Jimmy lag unter dem Bett und zitterte. Er bibberte am ganzen Körper und seine Zähne klapperten ohne Pause. Mit seinen großen Händen hielt er sich die Augen zu.
»Warum ist die Welt nur so grausam? Warum besteht sie nur aus so vielen schrecklichen Wesen?«
In diesem Moment kam sein Stubenkamerad Bob herein.
»Oh nein.«, stöhnte er.
»Ist es schon wieder so weit?«
Jimmy sah nur kurz zu ihm hoch, schloss dann aber gleich wieder seine Augen.
»Ich komme nicht raus, egal was du sagst. Ich habe viel zu viel Angst, dass mich irgendetwas da draußen anfällt und frisst. Wahrscheinlich denken diese Ungeheuer jetzt schon darüber nach, wie sie hier eindringen können und mich anschließend lecker zubereiten können. Ich mache da einfach nicht mit.«
Bob verzweifelte. Tagein und tagaus das selbe Problem. Und bisher hatte er es noch nie geschafft, seinen Freund unter dem Bett hervor zu bekommen.
»Du musst endlich mal erwachsen werden und dich deiner Angst stellen.«, entschied Bob.
»Du hast noch kein einziges Mal in deinem Leben dieses Haus verlassen. Du weißt doch gar nicht, was dich da draußen erwartet.«
Jimmy rutschte noch etwas weiter unter sein Bett.
»Doch, das weiß ich ganz genau. Im Fernsehen haben sie davon berichtet. Sie sehen grässlich aus und fressen jedes normale Wesen wie mich.«
Was sollte man nur dagegen unternehmen? So eine Panik würde doch jeden davon abhalten, ins Freie zu gehen.
Bob dachte angestrengt nach. Irgendwie musste es ihm doch gelingen, seinen Freund auf die Straße zu befördern.
»Die frische Luft wird dir gut tun.«
Doch dieser Vorschlag reichte noch nicht aus.
»Ich habe bisher auch ganz gut ohne sowas gelebt.«, antwortete Jimmy.
Bob wollte verzweifeln. Er warf einen Blick aus dem Fenster und staunte. Er konnte gar nicht glauben, was er da sah.
Sofort lief er durch die ganze Wohnung und durchsuchte Schubladen und Schränke, bis er fand, wonach er suchte.
»Unglaublich. Das wirst du nicht glauben.«, rief er laut.
Jimmy wurde neugierig und sah durch seine Finger hindurch.
»Was willst du denn mit dem Staubwedel anstellen?«
Bob schüttelte kräftig den Kopf.
»Du hast doch überhaupt keine Ahnung. Das ist kein Staubwedel, sondern der super mega geheime Zauberstab meines Großvaters. Damit konnte er böse, gemeine Ungeheuer in ganz normale Wesen verwandeln.«
Er lief zum Fenster, schwang den Staubwedel hin und her, während er unverständliche Zaubersprüche nuschelte.
»So. Schon erledigt. Jetzt können wir ganz gefahrlos nach draußen gehen. Es wird uns nichts und niemand anfallen. Dir wird nichts geschehen.«
Jimmy wollte es eigentlich nicht glauben, aber die Hoffnung war stärker. Also krabbelte er vorsichtig unter dem Bett hervor und warf einen nervösen Blick aus dem Fenster.
»He, du hast ja Recht. Das glaub ich einfach nicht. Da sind wirklich nur ganz normale Leute auf der Straße und es geht richtig friedlich vor sich.«
Er machte vor Freude einen Luftsprung und umarmte seinen Freund Bob.
»Los, lass uns nach draußen gehen. Es ist ein so herrlicher Tag.«
Gemeinsam öffneten sie nur Sekunden später die Tür und gingen an die frische Luft. Jimmy sah sich freudig um und begrüßte jeden, der ihm entgegen kam.
»Hallo, Herr Vampir und hallo, Frau Zombie.«, rief er.
»Seien sie gegrüßt, Fräulein Geist.«
Er konnte sich sogar nicht davon abhalten lassen, Herrn und Frau Mumie die in Stoffen eingewickelten Hände zu schütteln. Nicht ein einziger Mensch war zu sehen. Gab es denn nun überhaupt welche?
Die größte Freude überkam Jimmy, als er eine Horde Monster über einen Zebrastreifen flitzen sah.
»Schau mal. Die sehen so aus wie ich.«
Bob atmete erleichtert auf. Doch ein wenig war er noch verwundert. Warum hatten sich die Menschen als Monster verkleidet?
Plötzlich wehte der Wind durch die Straße und blies eine Zeitung vor sich her. Bob hob sie auf und sah auf die Titelseite. Dort stand:
›Menschen in Kostümen. Heute ist Halloween.‹

266. Falsche Geister

Falsche Geister

Langsam kroch die Dunkelheit von draußen in die große Burg hinein. Die Nacht brach herein.
»Heute ist eine ganz besondere Nacht.«, murmelte König Herbert vor sich hin.
»An Halloween kommen die Geister aus ihren Gräbern und treiben auf der ganzen Welt ihr Unwesen. Darum haltet eure Türen geschlossen und lasst die Kerzen brennen. Dann werden sie euch nicht belästigen.«
Die Söhne des Königs hörten sich diese Warnung gut an. Doch der Jüngste unter ihnen, Adalbert, hatte plötzlich einen Schabernack im Kopf. Er wollte seinen Brüdern einen Streich spielen.
Nachdem sich alle eine gute Nacht gewünscht hatten, schlich er sich in die Waschküche und stibitzte sich ein großes Bettlaken. Mit einer großen Schere schnitt er zwei Löcher für seine Augen hinein. Von dort aus ging es hinab in das Verließ.
Es waren gerade keine Gefangenen oder Soldaten dort zu sehen. Also würde es wahrscheinlich auch niemandem auffallen, wenn eine schwere Metallkugel mit rostiger Kette fehlen würde.
So ausgestattet schlich sich der Prinz in den Flur der Schlafgemächer. Die Kette legte er sich an sein Bein und das Bettlaken warf er sich über den Kopf. Sekunden später sah er wie ein richtiges Gespenst aus.
»Dann will ich doch mal schauen, ob meine großen Brüder wirklich an diese Geistergeschichten glauben.«
Vorsichtig öffnete er die erste Tür und schlich sich in den Raum dahinter. Es brannten tatsächlich alle Kerzen. Hatte Prinz Achim so viel Angst?
Gerade wollte Adalbert zu spucken beginnen, doch da hörte er plötzlich ein lautes und Angst einflößendes ›Huh‹.
Irgendwo rasselte eine Kette und eine schwere Eisenkugel wurde über den steinigen Boden geschleift.
Adalbert bekam Angst. Wer oder was konnte das sein? Vorsichtig schlich er auf den Gang zurück und sah sich um. Doch was er da erblickte gefiel ihm gar nicht. Es jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
Nur zu gern wäre der Prinz schreiend in sein Zimmer gelaufen, doch seine Angst nagelte ihn fest.
»Es gibt keine Geister, das weiß ich genau.«
Und doch sah er eine weiße Gestalt vor sich, an deren Bein eine lange Kette mit einer schweren Kugel hing. Es war ein Gespenst.
»Huh.«, machte es wieder.
»Zu Hilfe, helft mir.«
In diesem Moment stürmten die anderen Prinzen lachend auf den Flur und der Geist entledigte sich seines Bettlakens. Darunter kam ein grinsender Prinz Achim zum Vorschein.
»Na, kleiner Bruder, hast du dich auch schön gegruselt?«
Da wurde es Adalbert klar, dass er in seine eigene Falle getappt war. Er wurde rot im Gesicht und legte verschämt seine Verkleidung ab.
»Verdammt, immer seit ihr mir einen Schritt voraus.«, sagte er entschuldigend.
»Aber nächstes Jahr fällt mir etwas Besseres ein.«
Plötzlich hörten sie alle eine rasselnde Kette.
»Huh.«
Ein richtiges Gespenst kam um die Ecke gebogen.
»Ab in die Betten oder es wird euch schlecht ergehen.«
Die Prinzen erschraken und verschwanden sofort in ihre Betten. Bei so viel Schabernack hätten sie daran gedacht, dass es doch noch irgendwo einen echten Geist geben könnte.
Das Rasseln verstummte und unter dem Bettlaken kam König Herbert zum Vorschein.
»Wenigstens bekomme ich diese Bengel als Geist ins Bett geschickt.«
Zufrieden ging er in sein Schlafgemach.

(c) 2009, Marco Wittler

163. Die Zähne des Vampirs

Die Zähne des Vampirs

Graf Richard Zahn von Dentavanien lief ruhelos durch sein düsteres Schloss. Es stand auf dem Gipfel eines hohen Berges inmitten einer flachen Ebene. Die Mauer waren grau bis schwarz und in der näheren Umgebung wuchsen weder Sträuche noch Bäume. Es schien, als sei das Land in der der Nähe des Schlosses gestorben.
Und nun lief der Graf hin und her und dachte über ein paar Probleme nach. Es war tief in der Nacht. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und der Mond bahnte sich verzweifelt einen Weg durch dichten Nebel.
»Ich habe so großen Hunger. Ich brauche Nahrung. Aber woher soll ich die nehmen?«
Das Schloss war mittlerweile völlig unbewohnt, bis auf den Grafen. Die umliegenden Dörfer waren schon vor längerer Zeit verlassen worden, denn es hielt sich das hartnäckige Gerücht, dass in dieser Gegend ein gefährliches Monster sein Unwesen treiben würde. Manche Leute schworen darauf, in Vollmondnächten einen Werwolf gesehen zu haben. Andere wussten nur zu gut, dass es sich um eine Gruppe Hexen handeln musste. Doch keiner von ihnen hatte Recht. Denn es handelte sich in Wahrheit um einen blutsaugenden Vampir.
Graf Richard sah in einen Wandspiegel hinein, doch niemand blickte daraus zurück.
»Ach, wenn ich doch nur ein einziges Mal noch mein Antlitz erblicken könnte. Aber als Vampir ist mir dieses Glück leider nicht vergönnt. Hätte ich geahnt, welche Probleme auf mich zukommen, hätte ich mich niemals in eine Kreatur der Nacht verwandeln lassen.«
Das mag verwirrend klingen, aber der Graf war tatsächlich als Mensch geboren worden. Erst durch das Trinken von Vampirblut wurde er ebenfalls eine untote Seele.
»Ich brauche frisches Menschenblut, sonst werde ich vertrocknen und verdursten.«
Doch dazu waren die Menschen viel zu weit fort gezogen und die Vorräte im Keller seit ein paar Tagen verbraucht.
Graf Richard beschloss, dass er nicht mehr länger warten durfte. Er holte seinen Mantel aus dem Schrank, spannte ein paar Pferde vor seine Kutsche und ritt in die Nacht hinaus. Doch egal, durch welchen Ort er auch fuhr, nirgendwo war auch nur ein einziger Mensch zu finden.
»Soll ich mich etwa von Ratten- und Mäuseblut ernähren, wie ein Vampir niederster Art? Bin ich denn ein einfacher Bauernlümmel oder ein blaublütiger Herrscher mit eingenem Land?«
Er schnappte sich während der Fahrt eine Ratte und saugte ihr verzweifelt das Blut aus den Adern.
»Ich hoffe, dass es nicht zur Gewohnheit werden wird.«
Und weiter ging die Reise quer durch das Land. Während der Nacht hielt der Graf Ausschau nach Siedlungen und Städten. Tagsüber verbarg er seinen Körper vor den Strahlen der Sonne in einem kleinen Reisesarg.
Erst nach einer Woche traf er in einem bewohnten Dorf ein. Die Bewohner besahen sich die Kutsche mit großem Misstrauen, denn sie waren den Besuch adliger Leute nicht gewohnt.
Der Graf hingegen war mittlerweile so ausgehungert, dass es ihm egal war, ob ihn jemand bei einem seiner Überfälle sehen konnte oder nicht. Schnell wie ein Pfeil sprang er aus seinem Sarg heraus und stürzte sich auf den Hals einer jungen Frau.
Die Menschen waren entsetzt. Geschichten von Vampiren hatten sie oft gehört, aber noch nie einen von ihnen zu Gesicht bekommen.
In diesem Moment erschallte ein Schmerzensschrei über den Marktplatz. Er stammte allerdings nicht von der Frau, sondern von Graf Richard, der zurück zur Kutsche taumelte und sich beide Hände vor den Mund hielt.
»Meine Zähne, wo sind meine Zähne?«
Zuerst waren alle Leute verwundert. Doch dann zeigte die junge Frau die Halskette vor, die unter ihren langen Haaren versteckt war. Daran hatte sich der Graf seine Zähne ausgebissen.
Alle begannen zu lachen und jagten den Vampir wieder aus dem Dorf

(c) 2008, Marco Wittler

154. Der Besuch

Der Besuch

Niklas stand mitten im Wohnzimmer und sah sich um. Die Girlanden hingen unter der Decke, im DVD-Abspieler lag ein Gruselfilm und auf dem Tisch standen Getränke und Knabberzeug. Der Halloweenfeier stand nichts mehr im Weg.
»Hoffentlich merken Mama und Papa nichts davon.«
Er stellte sich ein letztes Mal vor den Spiegel und zupfte seinen Vampiranzug zurecht. Das Blut am Mundwinkel sah fast echt aus. Nur die Plastikzähne drückten etwas gegen das Zahnfleisch.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Niklas ging in den Flur und öffnete. Vor ihm standen zwei Geister. Jedenfalls versuchten die beiden Kinder auf dem Fußabtreter solche darzustellen.
»Süßes oder Saures!«, flüsterten sie.
Niklas verdrehte die Augen und grinste.
»Ihr beiden seid echt unschlagbar. Fast wäre ich darauf herein gefallen.«
Er zog die beiden Gespenster an ihren Laken mit ins Haus.
»Aber wir dürfen nicht zu laut sein, sonst bekommen unsere Nachbarn etwas mit und verpetzen mich dann an meine Eltern.«
Die Gespenster nickten stumm und setzten sich auf das Sofa.
Niklas brachte einige Dinge ins Wohnzimmer. Er hatte ein paar Butterbrote gemacht, die er nun seinen Freunden Daniel und Steffen vorsetzte.
»Lasst es euch schmecken und nehmt auch noch etwas vom Kakao, den habe ich selber angerührt.«
Während des Essens dudelte etwas Musik aus dem Radio und Niklas erzählte seinen Gästen etwas über die Schule. Seltsamerweise bekam er kaum eine Antwort. Nur hin und wieder flüsterte einer der beiden etwas kaum Verständliches.
»Ihr habt eure Rollen aber wirklich gut einstudiert. Aber ihr müsst euch nicht die ganze Zeit wie Gespenster aufführen. Wir wollen doch noch eine Menge Spaß zusammen haben.«
Die beiden Bettlaken nickten und lehnten sich zurück.
»Wollen wir uns einen Film anschauen?«
Niklas sprang auf und schaltete den Fernseher ein. Er drückte ein paar Mal auf verschiedenen Fernbedienungen herum, bis schließlich der Film begann.
»Kinderland in Geisterhand ist mein absoluter Lieblingsfilm.«, erzählte er während des Vorspanns.
»Da verschwinden ständig Kinder in einem großen Möbelgeschäft und keiner weiß warum. Der ist unheimlich spannend und gruselig.«
Der Fernseher flackerte vor sich hin, die Getränke und Salzstangen verschwanden in den Mägen der Kinder und Niklas gruselte sich, obwohl er den Film schon mindestens fünfmal gesehen hatte. Erst eineinhalb Stunden später waren die Geister vertrieben und alle verschwundenen Kinder befreit.
In diesem Moment standen die beiden Bettlaken vom Sofa auf.
»Was ist denn los? Müsst ihr etwa schon gehen?«
Sie nickten und wollten sich gerade Richtung Tür begeben, als dort ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde.
Niklas erschrak.
»Das sind meine Eltern. Sie kommen viel zu früh nach Hause. Schnell! Versteckt euch im Garten.«
Er öffnete die Terassentür, schob seine Freunde nach draußen und sah ihnen verwundert nach, wie sie über den Rasen schwebten.
»Habt ihr etwa Rollschuhe an den Füßen?«
Er schloss die Tür und lief seinen Eltern entgegen.
»Hallo Niklas. Schau mal, wen wir draußen auf dem Gehweg getroffen haben.«
Hinter seiner Mutter standen zwei Jungs in schaurigen Piratenkostümen. Es waren Daniel und Steffen.
»Aber wir seid ihr so schnell …«, weiter kam Nikla nicht, denn es dämmerte ihm ein Verdacht.
Er lief schnell ins Wohnzimmer und sah sich um. Dort wo die beiden Bettlaken auf dem Sofa gesessen hatten, lagen die vielen Salzstangen und schwammen in einer Pfütze aus unzähligen Getränken.
Waren sie doch richtige Geister gewesen und alles, was sie gegessen und getrunken hatten war durch sie hindurch gefallen?
Niklas erschauerte bei dem Gedanken.

(c) 2008, Marco Wittler

153. Der große Kürbis

Der große Kürbis

»Halloween ist doof. Das ist doch etwas für kleine Kinder.«, beschwerte sich Max.
»Ich weiß gar nicht, was daran so lustig sein soll, wenn man sich so albern verkleidet. Es gibt keine Geister, Gespenster und den ganzen anderen Kram. Ich will damit nichts zu tun haben.«
Seine Mutter verzweifelte mittlerweile. Schon seit einer Stunde versuchte sie, das Kostüm für ihren Sohn zu schneidern. Max weigerte sich allerdings sehr erfolgreich.
»Aber an Karneval bist du doch im Piratenkostüm herum gelaufen und hattest sehr viel Spaß.«
Max wurde rot im Gesicht.
»Das war ja auch etwas ganz anderes. Das lässt sich doch gar nicht vergleichen. An Karneval vertreibt man mit seiner Verkleidung den Winter. Das ist eine ganz wichtige Sache.«, rechtfertigte er sich.
Seine Mutter gab auf. Es schien keinen Zweck zu haben.
»Na gut, wenn du meinst. Dann lassen wir das. Falls du es dir doch noch anders überlegst, kannst du ja immer noch das Piratenkostüm aus dem Schrank holen.«
In diesem Moment kam Thilo ins Wohnzimmer. Er war der Ältere der beiden Kinder in dieser Familie.
»Na du Zwerg, bist du schon wieder bockig?«
»Ich bin nicht bockig. Lass mich bloß in Ruhe.«
Thilo lachte. Er ließ sich die Halloweenlaune nicht mehr verderben. Zu sehr freute er sich bereits auf die anstehende Party, die er mit seinen Freunden geplant hatte. In diesem Jahr war er selber als Gastgeber dran.
»Aber glaub bloß nicht, dass du unverkleidet mit in den Partykeller kommen darfst. Da darf nur rein, wer Spaß an Halloween hat.«
Max rümpfte die Nase und drehte sich weg.
»Das ist mir doch völlig egal. Ich habe da keine Lust drauf. Mach doch deine Party alleine.«

Nach dem Abendessen stand Thilo im Partykeller und brachte die letzten Verzierungen an. Auf den Tischen standen kleine Kürbisse in die er Gesichter geschnitten hatte. Unter der Decke hingen unzählige Girlanden mit Geistern, Monstern und allem, was zu Halloween einfach dazu gehört.
»Was ist das überhaupt alles für ein albernes Zeug?«, fragte Max von der Tür aus.
»Du bist doch dumm.«, entgegnete Thilo.
»An Halloween verkleidet man sich schaurig und gruselig. Je unheimlicher, desto besser. Dazu gehören Monster, Geister, Gespenster, Vampire, Zombies und auch der große Kürbis.«
»Der große Kürbis?«
Nun wurde Max neugierig und kam weiter in den Raum hinein. Indessen nahm Thilo einen Kürbis vom Tisch.
»Ja, der große Kürbis. Er kommt in der Halloweennacht in die Stadt und sucht nach neuen Opfern. Man sagt, dass es sich bei ihm um einen alten Kürbisbauern namens Jack handelt, der zu Lebzeiten schon Menschen getötet hat. Und nun kehrt er mit seinem Kürbiskopf jedes Jahr zurück um wieder zu töten.«
Thilo macht schaurige Geräusche und freute sich darüber, seinem kleinen Bruder Angst eingejagt zu haben.
»Das glaubst du doch selber nicht.«, beschwerte sich Max.
»Diesen Jack gibt es gar nicht, dass hast du dir nur ausgedacht.«
Ohne ein weiteres Wort verließ er den Keller.

Am nächsten Abend war es soweit. Es war Halloween. Thilo hatte sich ein falsches Gebiss mit langen Eckzähnen in den Mund gesteckt, und an den Mundwinkel falsches Blut gemalt. Jedes Mal, wenn es an der Tür klingelte, versuchte er seine Gäste in der Verkleidung des Vampirs zu erschrecken. Doch irgendwie wollte das nicht so richtig gelingen.
Im Keller spielte laute Musik und die Kinder machten sich nach und nach über die unzähligen Süßigkeiten her. Sie hatten alle unglaublich viel Spaß.
Zu etwas späterer Stunde wurde es dann leiser. Thilo hatte das Licht abgeschaltet und saß nun mit seinen Freunden um eine Kerze herum. Es war Zeit, sich gegenseitig Gruselgeschichten zu erzählen.
Stefan berichtete von einer Mumie, die am Vormittag angeblich in der Schule gesehen worden war. Michi war einem Geist im Wald über den Weg gelaufen und Erik war immer noch verängstigt, weil ein Zombie drei Stunden vor der Haustür gestanden hatte.
Nun war Thilo an der Reihe. Am Abend zuvor hatte er genug Gelegenheit, seine Geschichte über den großen Kürbis zu üben. Max hatte jedenfalls Angst dabei bekommen.
»Heute ist die Nacht des großen Kürbis.«, berichtete er mit einer ganz tiefen Stimme.
»Heute kommt er in die Stadt und sucht nach Opfern, die er mit seinem langen Messer aufschlitzen kann.«
Zwei Mädchen kuschelten sich eng aneinander. Die Jungs lachten.
»Auf seinen Schultern hat er keinen Kopf, sondern einen riesigen Kürbis.«
Die Jungs lachten weiter.
»Ach komm, das ist doch keine Gruselgeschichte. Da ist erzählt meine Oma sogar etwas Besseres.«, beschwerte sich Nils.
In diesem Moment krachte die Tür des Partyraums auf. Nebelschwaden drangen herein und ein düsteres Licht schuf eine schaurige Atmosphäre.
»Kann einer von euch die Tür schließen?«, bat Thilo unsicher.
»Wir wollen doch ungestört Gruselgeschichten erzählen.«
Keines der Kinder stand auf. Sie starrten alle gebannt auf den Nebel. Es war ihnen nicht mehr geheuer. Als dann auch noch ein völlig verrücktes Lachen zu hören war, begannen einige von ihnen zu kreischen und verkrochen sich unter dem Tisch.
Der Nebel im Kellerflur wurde immer dichter. Doch nun wurde langsam eine Person sichtbar, die langsam, Schritt für Schritt, herein kam.
Sie trug dicke Stiefel und einen langen Umhang. Auf den Schultern war kein Kopf, dafür aber ein riesiger Kürbis zu sehen, aus dem ein Gesicht geschnitzt worden war. Aus den Augen loderten kleine Flammen.
»Hilfe, es ist der große Kürbis.«
Thilo bekam Panik und wusste nicht mehr, was er machen sollte.
»Rettet mich doch. Einer von euch muss mit ihm kämpfen.«
Doch in diesem Moment öffnete der große seinen Umhang und holte eine Sense darunter hervor. Langsam kam er näher. Und schon wieder lachte er hämisch.
Er hob den Arm und zeigte nach und nach mit dem Finger auf die einzelnen Kinder, bis er bei Thilo stehen blieb.
»Du!«, flüsterte er gefährlich leise.
»Komm her und stirb.«
Nun begannen alle Kinder zu schreien. Bei diesem Lärm bemerkten sie gar nicht das Lachen, das unter dem Kürbis hervor kam.
Die Furcht einflößende Kreatur ließ seine Sense fallen,griff an ihren Kürbiskopf und hob diesen hoch. Alle Kinder im Raum hielten den Atem an.
Als sie dann aber sahen, wer sich unter dieser Verkleidung verbarg, atmeten sie alle auf.
»Na, wer ist nun der wahre Halloweenkönig?«
Thilo kam unter dem Tisch hervor und gesellte sich zu seinem kleinen Bruder.
»Da hast du mich aber ganz herein gelegt, du Zwerg. Mit dir hätte ich ja gar nicht gerechnet.«
Max war unheimlich stolz, dass er in diesem Jahr das gruseligste Kostüm bekommen hatte. Es war schließlich gar nicht so einfach gewesen, den anderen mit Mama zusammen etwas vorzuspielen.

(c) 2008, Marco Wittler